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Frauke Aulbert beim Artescienza Festival 2015

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Frauke Aulbert mit Geoffroy Drouin

 

Akrobatische Urlaute und Schuhe

Mit der deutschen Stimmkünstlerin Frauke Aulbert wurde am 3. Juli das Festival Artescienca 2015 eröffnet.

Diese akrobatische Stimmperformerin verfügt über vier Oktaven Stimmumfang und ist auf neue und zeitgenössische Musik spezialisiert.

Aulbert jonglierte sich durch die Musik von Aperghis, Kaul, Scelsi,  Cage und Drouin. Die von ihr ausgewählten Stücke unterstrichen die Vielseitigkeit ihrer Stimme von  lieblich-süß bis aggressiv-künstlich zur bisher unbekannten primordialen Urlauten!

Auf der Bühne nur ein Pult, eine Kiste und vier paar Schuhe. Aulbert tritt in Strass-Sandalen auf und beginnt mit Georges Aperghis (*1945) Nr. 11 from Recitations per voce sola.  Eine Hommage an Gertrude Stein surrealistische Poesie?

Schuhwechsel zu  grünen Pumps und Matthias Kauls (*1949) Komposition Silence is my voice. Die dicke Backe zeugt nicht von plötzlichen Zahnschmerzen sondern ist auf das Mikrofon im Mund zurückzuführen, welches sie im Verlauf des Stückes unter Knurren, Rumpeln, Schlucken, Rattern, Rauschen, Schnurren, Knacken, Klirren, Sprechen langsam zu einer roten Kaugummimasse im Mund verarbeitet, was sie aber nicht daran hindert, unbeschwert und unverständlich weiterzusprechen oder zu kauen. Ironisch schlägt sie den Diapason an die Schläfe, und hat ihn auch gleich wieder gefunden, den richtigen Knautschton!

Zu Saul I und II für zwei Frauenstimmen (eine davon eine Registrierung von Isabella Scelsi) von Giancinto Scelsi (1905-1988) schlüpft  sie in die roten Pumps. Das nun einsetzende Gurgeln und Quietschen, Brüllen, Zirpen oder Blätterrascheln war eine Fantasie-Reise durch das Dschungelbuch. Fantastisch!

Als nächsten kredenzte sie uns eine eigene Produktion. Für Krr improvvisazione tematica su sovratoni e suoni multifonici trägt sie grüne Schuhe mit gelben Schleifchen. Nun kommt auch endlich die geheimnisvolle Requisitenkiste zum Einsatz. Aulbert stülpt sich nach und nach Perücken, Brillen, Mützen, Kopfhörer, Taucherbrille auf den Kopf oder auf die Nase, oder einen Schnuller in den Mund, Gegenstände, die sie nach und nach elegant auf den Boden wirft. Von der Freiheitsstatue bis zu Micky Minni führt sie alle amerikanischen Symbole vor – vielleicht aber auch nicht.

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Frauke Aulbert am 3.7.2015 – Foto: Christa Blenk

John Cages (1912-1992) Sonnekus für eine Stimme evoziert eine Art Gebet, ein Lamento, theatralisch büßend und deshalb barfuß und minimalistisch vorgetragen.

Aulbert verschwindet  nun von der Bühne, um kurz darauf in schwarzen Pumps zurückzukehren. Das Hauptstück des Abends L’éloge du manque  für Stimme und life electronics vom französischen Komponisten Geoffroy Drouin (*1970) hat begonnen.  Die beiden haben diese strukturierte Improvisation gemeinsam vor zwei Monaten für das Palais de Tokyo in Paris erarbeitet und dort uraufgeführt. Die Performerin hat sich hier selber übertroffen und ihre Angst und Panik, die nur eine große Leere oder künstlerische Ohnmacht hervorrufen kann, auf das Publikum übertragen.  Es geht ganz harmlos los: Eine Sängerin bereitet sich auf ihren großen Auftritt vor. Sie ist guter Dinge und zuversichtlich, aber die  Stimme will nicht kommen. Zu sehen war für uns erstmals nur die kapriziöse Mimik und manieristische Gestik einer großen Diva. Mit einem „es wird gleich klappen-Schmunzeln“ trinkt sie einen Schluck Wasser, aber es passiert nichts. In den nun ca 15 folgenden Minuten erleben wir die Entstehung der Panik vor der Leere, vor dem Vakuum oder vor dem Unkontrollierbaren. Sie gerät über immer größer werdenden Ärger, der sie fast die schwarze Wand am Bühnenende einschlagen lässt, in eine selbstzerstörerische, dramatische und hoffnungslose Verzweiflung, die von unbeschreiblichen Kaspar-Hauser-Urlauten begleitet wird und sie schließlich  in einer Art Geburtswehen bedauernswert und hilflos wie ein Häufchen Unglück auf den Boden wirft, Wörter und Erlösung suchend. Selbstquälerisch und hilflos kommen die ersehnten Vokabeln aus einem Lautsprecher bis irgendwann die Befreiung einsetzt und ihr Mund Töne heraus lässt. Auch das Publikum atmet auf und löst sich aus seiner Fast-Schock-Starre. Rasender Applaus.

Diese Künstlerin ist unerreichbar!

Die Königin der Avantgarde von Hamburg, hat man sie genannt. Frauke Aulbert ist ein aufkommender Star und bewegt sich auf allen auch internationalen zeitgenössischen Parketten. Sie nimmt an den Darmstädter Ferienkursen teil und hat in Kiel, Santa Cruz de Tenerife und Hamburg studiert. „Obertongesang in zeitgenössischer Musik“ lautet das Thema ihrer Diplomarbeit. Sie hat den 1. Preis der Stockhausen Stiftung für die Interpretation der « Indianerlieder » bekommen, war an der Cité International des Arts in Paris und am Goethe Institut Rom.  2016 ist sie als Stipendiatin  an die Akademie Schloss Solitude nach Stuttgart eingeladen.

Goeffroy Drouin lebt in Rom und in Paris und war persönlich anwesend! Er hat u.a. am IRCAM Paris studiert und war Stipendiat der Villa Medici in Rom. Über ihn gibt es schon mehr auf diesem blog zu lesen:

Organisiert und technisch betreut – in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Rom – hat das  CRM (Centro Ricerche Musicali) und der Filarmonica Romana.

 

Christa Blenk

 

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