Noseda dirigiert Ravel und Casella

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Noseda nach dem Konzert

Casella kehrt nach über 100 Jahren nach Rom zurück

1910 wurde die 2. Symphonie von Alfredo Casella in Paris uraufgeführt. Dort studierte der Turiner Komponist Anfang des 20. Jahrhunderts und dort traf er auch auf die anderen musikalischen Zeitgenossen und entdeckte die Musik von Mahler, Falla oder Debussy.

Während des ersten Weltkrieges ging Casella nach Italien zurück, um in Rom das Liceo Musicale di Santa Cecilia zu übernehmen. 1930 gründete er das Trio Italiano. Viele Kompositionen aus dieser Zeit entstanden für die erfolgreichen Auftritte mit seinem Trio. In Rom ist Casella 1947 auch verstorben.

Aber erst jetzt, im April 2015 -  105 Jahre nach der Uraufführung in Paris -  fand seine 2. Symphonie  den Eingang in die römische Musikwelt und wurde am 18.04.2015 im Auditorium Parco della Musica zum ersten Mal aufgeführt. Eine kleine Premiere mit großer Resonanz. Genial und enthusiastisch am Pult Gianandrea Noseda.

Diese zweite Symphonie ist geprägt von vorausahnendem Entsetzen, dunkler Angst und lichter Hoffnung – sie ist wie eine aktuelle Zeitungslektüre. Mit dem Grauen des Krieges hat sich Ravel während des Krieges nochmals beschäftigt.  Elegia eroica ist 1916 entstanden und er hat es dem verstorbenen unbekannten Soldaten gewidmet. Er selber hat es im Krieg – wegen Untergewicht – nur zum Fahrer gebracht.

Der erste Satz, lento, grave, solenne, beginnt  mit einer glockigen Mahlerreferenz, um dann in die Tiefen der ankündigenden Kriegsmaschinerie einzutauchen. Die Melodie wechselt von einer Instrumentengruppe zur anderen und zitiert Wagners Walküre aber auch Marinettis kriegsverherrlichendes futuristisches Manifest. Interessante Perkussionspassagen.

Der zweite Satz, Allegro molto vivace,  ist Bewegung pur.  Aufrüstung und schneller werdende Züge mit viel Horn definieren ihn, zwischendurch immer wieder die helle (spanische) Querflöte bis die Glocken wieder – allerdings dunkler – erklingen.

Adagio, quasi andante, der dritte Satz. Er beginnt mit den Trommeln, ist elegant und sehr melodisch, ein wenig romantisch und Casella zitiert die Musik seines Landes aber auch Strauß und pathetisch Wagner.

Finale und Epilog beginnen mit einem resoluten Marsch, ironisch und positiv, Streicher und Posaune begleiten die müden Geigen, die sich aber schnell wieder aufraffen, um mit lauten, mächtigen Panzern direkt in Dantes Hölle und in einem intensiven und genialen Trauermarsch zu fahren bis dann ein mystischer Epilog doch noch etwas expressionistische Hoffnung und positives Zukunftsdenken verspricht.

Noseda hat uns vor der Aufführung geholfen, das alles zu verstehen. In 50 Minuten Schwerstarbeit  hat er sich genial durch dieses kompakte Werk gekämpft. Noseda hat die vielen und unterschiedlichen, lautmalerischen Farben, Referenzen und Hommagen so wunderbar herausgeholt, dass immer wieder ein Mahler, Strauss, Wagner oder Strawinsky durchblitzte, aber die Musik seines Heimatlandes, Italien, auch ihren Platz darin fand.

Der Italiener Alfredo Casella (1883-1947), der auch ein bedeutender Musikwissenschaftler und Pädagoge war, gilt eher als neoklassizistischer Komponist. Abgesehen von drei Symphonien gibt es sehr viel Klavier- und Vokalwerke von ihm.

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Aber vor Casellas Donnergrollen ging es erstmals um andere Machtspiele, griechisches Drama, Intrigen und pastorale Bukolik.

Noseda dirigierte Casellas Zweite mit Ravels Daphnis und Chloe. Die Werke von Ravel und Casella sind mehr oder weniger im gleichen Zeitraum entstanden. Unterschiedlicher und farbiger kann man die Zeit zwischen 1909 und 1912 nicht beschreiben.

Was lange währt wird gut!

Die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte von Daphnis und Chloe ist kompliziert und mühselig!

Schon 1904 entdeckte der Solo-Startänzer Michail Fokine  in St. Petersburg  die Geschichte des griechischen Poeten  über den Schäfer Daphnis und seine Geliebte, die Nymphe Choe. Sie hat ihn so begeistert, dass er kurzerhand ein Ballettlibretto dazu schrieb. Für das kaiserliche klassische Theater allerdings war es zu fortschrittlich und es fehlten die klassischen Standards. So wurde es abgelehnt.

Maurice Ravel (1875-1937), der es trotz fünffacher Bewerbung nie geschafft hat, den Preis von Rom zu erhalten, wurde 1909 von Diagheliv beauftragt, eben diesen, Longus’ Hirtenroman für ein Ballet zu vertonen und obwohl Ravel sich vorher noch nie mit Ballettmusik befasste hatte, nahm er den Auftrag an. Fokine war zu diesem Zeitpunkt schon Chefchoreograf bei Diaghilevs Ballet Russe und sollte also mit Ravel zusammen arbeiten. Letzterer hatte große Probleme mit diesem Auftragswerk,  kam nur langsam voran und widmete sich zwischendurch immer wieder anderen Projekten. Erschwerend hinzu kam, dass Fokine kein Französisch sprach und die beiden nur über den Theatermaler Leo Bakst kommunizieren konnten.

Ravel schwebte ein gewaltiges Musik-Freskos vor  – ein Gemälde, wie es Ende des 18. Jahrhunderts von den französischen Malern gemalt wurde. Fokine hingegen dachte eher an eine archaische antike Vase mit erotischen Motiven oder vielleicht an die Illustration, die den Einband seines Buches von 1904 zierte.

In den ersten beiden Szenen Nocturne, Interlude, danse guerrière werden Daphnis und seine Geliebte  vorgestellt und Chloe wird von den Piraten entführt und entkommt wieder.  Die dritte Szene, also Suite 2, Lever du jour, Pantomine, danse générale  findet in einem Gral beim Gott Pan statt und beginnt mit der schönsten Szene, einem genialen Sonnenaufgang.

Der Saisonbeginn 1910 stand vor der Tür und Ravels Werk war nicht fertig.   Diaghilev bestellte deshalb zwischendurch bei dem jungen Strawinsky den Feuervogel. Strawinsky war damals so gut wie unbekannt (das Frühlingsopfer entstand erst 1913 und sollte ebenfalls einen Riesenskandal auslösen) aber er war schnell. 1911 wiederholte sich das Drama, Ravel war immer noch nicht fertig und Diaghilev beauftragte dieses Mal des Musiker Tscherpnin  das Ballet „Narcisse“ zu komponieren.

Als Ravel den ersten Satz fertig gestellt hatte, ließ er ihn bereits vorab – zum Ärger von Diaghilev – aufführen. Die Resonanz des Publikums war gemischt. Fokin hingegen war von der Musik begeistert. Im April 1912 war Ravel schließlich fertig und die Proben – und Probleme – konnten beginnen. Fokin und Nijinksy verbreiteten Spannungen und schlechte Laune u.a. weil der bereits verpflichtete Startänzer, Ninjinsky,  sich mittlerweile ebenfalls in der Choreografie versuchte und sich zwischen Tanz und Cohoregraf aufteilen musste und kurzerhand Tänzer abzog, um sie für seine Aufführung von Debussys L’après-midi d’un Faune tanzen zu lassen. Man muss sich diesen Schlagabtausch von genialen Aufführungen im fast Wochentakt einmal vorstellen. Und wie wir alle wissen, wurde Nijinskys Aufführung im Mai 1912 das Skandalevent des Jahres während Daphnis und Chloe vier Wochen später, nur eine lauwarme Aufnahme durch das Publikum in Thèâtre Châtelet erfuhr.

Das ging so weit, dass der auch nicht gerade als harmoniesüchtig verschriene Ravel selber hinter die Bühne ging, um mit den Tänzern die schwierigen und permanenten Rhythmusänderungen einzustudieren und komplizierte Passagen durchzuarbeiten. Die Primaballeria Tamara Karsavina hatte nur positive Worte für ihn, da er nicht von den üblichen Starallüren von mimosigen Tänzern oder kapriziösen Choreografen befallen war.  Klangvoll, erhaben und transparent, einem kristallreinen Quell vergleichbar und doch  überreich an heimtückischen Fallen, nannte die Primaballeria und erste Chloe 1912 Ravels Musik. Eine wunderbare Beschreibung, der nichts hinzuzufügen ist.

Die Uraufführung fand nur knapp vier Wochen nach der kontroversen Aufführung von Prélude de l’après midi d’un faune statt und wurde nach nur einer weiteren  Vorstellung in die Schublage gesteckt. Zwei Jahre später war Nijinksy nicht mehr  bei der Truppe und Fokin, der kurzfristig nach dem Ärger bei der Premiere die Truppe verlassen hatte, tanzte den Daphnis.  1913 wurde auf Drängen des enttäuschten Ravel über den Nicht-Erfolg der Balletts, die Suite Nr. 2 aus Daphnis und Chloe in Druck gegeben.  Die lichte und reizende Farbpalette von Pantomime und Sonnenaufgang sorgten allerdings in den Konzertsälen für viel Erfolg.

Die wohlkalkulierte Monotonie des Bolero (1928), eigentlich nur ein kleiner Streich von Ravel, war zwar noch weit weg, aber dann und wann hörte man doch Bolero-Takte heraus.

Heute gehört diese Komposition zu den wichtigsten Balletwerken und Strawinsky nannte es sogar eines der schönsten Produkte der gesamten französischen Musik. Das ganz große Orchester ist hier gefragt. Allein  15 verschiedene Perkussionsinstrumente sind dabei und ein großer  nicht sprechenden Chor. Orchestral werden meistens die zwei Suiten wie oben beschrieben gespielt.

Ausgezeichnet Noseda, er ist zur Zeit am Theater Turin und ist dieses Jahr zum « Dirigenten des Jahres » ernannt worden, wunderbarer Instrumenteneinsatz und  gut wie immer auch der hiesige Chor! Viel und lange anhaltender Applaus vor dem leider nicht sehr vollen Haus!

auditorium Auditorium Parco della Musica

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

 

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