Chagall – Love and Life

P1220599 Ausstellungsplakat

Alles was (keine) Flügel hat fliegt: Architekt der Gaukler-Träume

 

Marc Chagalls  (1887-1985) Faszination für den Zirkus, die nostalgische Verliebtheit zu seinem Geburtsort und eine Begeisterung  für die Bibel sowie die außergewöhnlich romantische Verehrung und Liebe zu seiner Frau Bella, die er 1915 heiratete und die 1944 verstarb,  waren seine Motoren und der Ansatzpunkt für diese Ausstellung: Chagall – Love and Life.

Diese kuriose Fusion ließ Chagall seine singenden magisch-surrealen und persönlichen Bilder malen, die aus einem Roman  von Gabriel Garcia Márquez entsprungen sein könnten.  Chagalls fliegende Bauern heißen zwar nicht  Aureliano Buendía und sind keine schillernden Diktatoren oder Politiker in Macondo, aber so stellen wir uns sie vor, wenn sie musizierend an der Seite von Kühen und mysteriösen, dunkelhaarigen Frauen durch die Lüfte gleiten.  Gogols Tote Seelen oder die Fabeln von La Fontaine, wichtig die Illustration der Bibel und die Aufträge des Pariser Galeristen Vollard rundeten den jahrzehntelang anhaltenden Erfolg von Chagall ab. Ein malender, naiver,  harmoniesüchtiger Maler-Poet, ein mythisch-religiöser  Eigenbrödler, der mehrmals in seinem Leben alles verloren hat, das war er.

140 Exponate, darunter  Gemälde, Zeichnungen und Drucke aus dem Israel Museum Jerusalem, die noch nie in Rom waren, werden gezeigt und im Mittelpunkt steht fast ständig seine Frau und ewige Muse,  Bella Rosenfeld. Entweder weil sie in seinen Autoportraits an seiner Seite steht oder fliegt wie „Im Spaziergang“ oder weil er ihre drei Bücher illustriert. Sie ist immer um ihn und verwöhnt und versorgt ihn.

Ein Großteil der Schau sind grafische Werke, die seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse seiner Jugend in Witebsk, seine Reisen und Traumata, seine Auseinandersetzung mit ihm als Künstler und dem Holocaust und immer wieder mit der  (jüdischen) Religion beleuchten. Die zentralen Themen in seinem Leben laufen hier vorbei. Biblische, hebräische, orthodoxe, religiöse, pagane,  biblische und allegorische Geschichten, Hoffnung, Glaube, Flucht und Feste, wie im Gemälde Liebende oder Die Liebenden (1949) zu sehen ist. Letzteres ist auch das Ausstellungsplakat.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nimmt natürlich auch eine wichtige Rolle in seinen Bildern ein. Er hat dies hier auf den Gekreuzigten übertragen. Die Gouache auf Papier, die 1944 in New York entstand „The Crucified“ spricht davon. Hier malte er sicher wieder ein russisches Dorf. Nicht identifizierte Tote liegen auf der Straße, ein Mann sitzt auf dem Dach und beobachtet die  mit Schnee bedeckte Straße, die  – wie Wegweiser fast – von  Gekreuzigten eingesäumt ist.

Stilprägend für ihn waren einmal seine Heimat und der Zirkus, bei dem ja auch alles möglich ist, Männer verschlucken Schwerte oder können durchs Feuer gehen während sie einer bunt-scheckigen fliegenden Kuh die Hand halten.

Fast 100 Jahre hat er gelebt und  den Beginn der Industrialisierung sowie den Verlust der Illusion in der Romantik miterlebt, hatte Kontakt mit en Futuristen und Kubisten Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris , den ersten Weltkrieg, die neue Sachlichkeit, den Aufstieg der Nazis und den zweiten Weltkrieg und den Neubeginn ab den 50er Jahren. Hier ist die weißrussische Zirkus-Folklore genau so wichtig wie der Einfluss in Paris. Chagall übersetzte selber Texte der griechischen Antike,  Orakelhaftes und mythologisch-paganes. Außer ein wenig Zeichenunterricht in seinem Geburtsort hat er nicht viel  Mal- oder Z eichenunterricht bekommen. Und obwohl Chagall sich eigentlich über die Tendenzen der Avantgarde hinweggesetzt hat, fanden die Stile doch alle irgendwann mal für kurze Zeit Eingang in seine Werke. Immer wieder denkt man an die Kubisten und vor allem an die Surrealisten, aber halt anders. Es gibt keine quadratischen Äpfel oder rechteckig-verzerrte Köpfe, dafür fliegende Bauern und Fiedler  sowie Kühe und Pferde, die zwar  auch eher eigen aussehen, aber eben keinem Stil zuzuordnen.

1911 kam er zum ersten Mal nach Paris, ging wieder zurück, weil Bella unglücklich war, traf 1914 in Russland auf den Suprematisten Malewitsch  und kam wieder zurück nach Paris, als er merkte, dass Paris und das Zusammentreffen mit den dort ansässigen Künstlern der Avantgarde und Klassischen Moderne wie Picasso, Matisse oder Modigliani  für ihn unvermeidlicher war ebenso wie die Entdeckung einer Malers wie der Romantiker Delacroix und sogar die Impressionisten .

Die Nationalsozialisten betrachteten ihn natürlich als entartet und als Maler jüdischer Herkunft musste er fliehen, dies gelang ihm 1941 – er ging nach New York. 1948 nahm er das Pariser Künstlerleben wieder auf und stellte internationale aus, nahm an Biennale von Venedig und an Documenta, I, II und III teil.  den 60er Jahren malte er die Kirchenglasfenster von Metz und später die von Reims. Gemeinsam mit Matisse arbeitete er an einem Kirchenfenster in New York 1954 und schon mit 91 Jahren malte er das einzige Kirchenfenster in  einer deutscher Kirche, St. Stephan in Mainz hat auch deswegen über 200 000 Besucher im Jahr.   97-jährig starb er 1985 in Saint-Paul-de-Vence.

Impressionismus, Fauvismus, Suprematismus, Kubismus, Orphismus, Realismus (magischer), Surrealismus sind durch den engen Kontakt von Chagall mit den Vertretern dieser Kunstrichtung unweigerlich kurzfristig in seine Bilder eingeflossen und dann wieder verschwunden. Ähnlich wie Joyce, brachte er alles was ihm grad durch den Kopf geht auf die Leinwand. Vergangenes,  Aktuelles oder Zukünftiges.

Und: wenn wir es nicht eh schon wussten, dann jetzt nochmal: Chagall machte Chagallismus!

Ansonsten erscheint die Ausstellung ein wenig mickrig. Der Großteil der Zeichnungen, Illustrationen oder Radierungen ist in sehr schlecht beleuchteten,  in eh schon dunklen Ausstellungsräumen,  Glaskästen so untergebracht, dass man sich nicht annähern kann um genauer hinzusehen ohne den eigenen Schatten zu sehen. Das ist sehr schade. Als Entschädigung dafür, darf man sich dann am Schluss der Ausstellung in das Gemälde « Der Spaziergang » hineinprojizieren.

Kuratiert ist die Ausstellung von Ronit Sorek und sie ist noch bis Ende Juli im Chiostro del Bramante zu sehen.

 

Christa Blenk

 

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