Giorgio Morandi

Giorgio Morandi

 

Die Unmöglichkeit der Veränderung im Genuss der Langsamkeit

Giorgio Morandi steht für Stillleben, Ruhe und Stetigkeit. Wieder und immer wieder malte er  die gleichen Flaschen, Gefäße und Kannen, die er oft selber herstellte und hielt es nicht für nötig, deren Inhalt zu verraten. Die Gegenstände auf seinen Bildern  vermitteln den Eindruck aus Gips zu sein, es sind massive Fast-Skulpturen, nicht dafür gedacht, Flüssigkeit oder etwas anderes aufzunehmen.  Der Inhalt interessiert den Betrachter auch gar nicht. Form und Farbe ziehen ihn derart in Bann, dass für so etwas Triviales wie Substanzen gar kein Platz bleibt.

Seit Ende Februar 2015 findet im Complesso del Vittoriano in Rom die große Restrospektive Giorgio Morandi statt. Er hat damit seinen Zeitgenossen Mario Sironi abgelöst.

Am Eingang hängen kleine Radierungen, die fast ausschließlich aus Privatsammlungen stammen und deshalb so gut wie nie zu sehen sind, ergänzt und bereichert durch die dazu gehörenden Kupferplatten. Die thematisch- chronologisch organisierte Ausstellung unterstreicht die Treue Morandis seinen Formen gegenüber. Nach einem kurzen Exkurs zur Landschaftsmalerei, wie er sie bei Cezanne entdeckt hatte und einen Abstecher zu den italienischen Futuristen, kehrte er ganz schnell wieder bis ans Ende seiner Tage zu seinen beschaulichen, anspruchslosen und harmonischen Flaschen zurück. Die größten Veränderungen seines Lebens reduzieren sich auf Farbnuancen, Pinselstriche und die Höhe der Flaschenhälse.

Giorgio Morandi, der 1890 in Bologna geboren wurde, arbeitete zunächst im Kaufmannsbüro seines Vaters und irgendwie hat sich wohl das Büro-Stillleben vor ihm auf dem Schreibtisch in seinem Kopf festgesetzt. Erst mit 18 Jahren durfte er Mal- und Zeichenunterricht nehmen. Morandis Faszination für Cezanne taucht in seinen Bildern, vor allem in den Landschaften, immer wieder auf. Seine Werke sind selten groß, aber zurückhaltend und von stiller Poesie,  so als ob die Sonne die Gegenstände leicht zum Flimmern brächte. Minimal und beige-grau-blau oder hell-rostig sind seine unverkennbaren Lieblingsfarben. Um die Perspektive hat er sich genau so wenig gekümmert wie um Tendenzen oder Politik. 1918 wurde er mit dem Kubismus, Futurismus und der metaphysischen Malerei von De Chirico konfrontiert, die ihn auch eine Zeitlang beschäftigte. Sein Leben bestand aus Küchengebrauchsgegenständen in stumpf-flachen und statisch-vibrierenden cremigen Farben. Er hasste Veränderungen oder Unstetigkeit und damit auch die gerade aufkommende  Philosophie der schnellen und kriegsbejahenden Futuristen. 1938 hat er aber dann doch mit diesen Künstlern, die damals so etwas wie ein Aushängeschild des italienischen Faschismus waren, auf der Biennale in Venedig ausgestellt, was ihm kurzfristig den Ruf eines stillen Mussolini-Mitläufers einbrachte. Dabei hatte er mit Politik nichts am Hut, sie war ihm zu anstrengend, zu laut und zu wuselig-rastlos. Als er 1915 eingezogen wurde erkrankte er so schwer, dass er nach kurzer Zeit wieder entlassen werden musste.

Der unverkennbare Morandi zählt heute zu den bedeutendsten Stillleben-Maler, wobei er weder Obst noch Essen malte, Blumen ab und zu. Man spürt die Konsistenz seiner Bilder schon von weitem. Niemand kann wie er eine einfache grau-weiße Flasche mit so viel majestätischer Gelassenheit und  Würde malen, aus ihr so viel Schönheit herausholen. Seine Bilder oder die Gegenstände auf ihnen haben etwas Langsames, etwas das die Zeit anhält, etwas Einsames und Traurig-melancholisches, etwas autoportraitistisches und renaissanceartiges. Ein Maler der Stille, ein Sonderling, ein Mönch, ein Außenseiter und Einzelgänger.

Nur vielleicht noch die Franzosen Paul Cezanne, Jean Siméon Chardin aber vor allem der aus Neapel kommende spanische Maler Luis Eugenio Meléndez brachten Stillleben so zum Reden wie er. Der von permanentem Hunger geplante  Meléndez besaß die Köstlichkeiten, die er sich nicht leisten konnte, wenigsten auf der Leinwand.

Der spanische Kritiker Julián Gallego hat einmal geschrieben, dass seine Stillleben wie kleine Dörfer wären, die uns einladen würden, sie doch zu besuchen. Das ist schön, und wenn man wie wir hier in der Ausstellung zuerst die kleinen Dörfer, die er eine Zeitlang gemalt hat betrachtet, ist der Übergang zu den Flaschendörfern ganz nahe.

Der fast 1,90 m große und kettenrauchende Morandi, der sein Leben lang unverheiratet mit seinen Schwestern lebte, arbeitete im Wohnzimmer, was vielleicht auch auf das eher reduzierte Format seiner Bilder einen Einfluss hatte. Trotz seiner Zurückgezogenheit erlangte der „Flaschenmaler“, wie man ihn manchmal nannte, schon in den 30er Jahren einen gewissen Bekanntheitsgrad und bekam bald als Meister der Radierung einen Lehrstuhl an der Universität von Bologna. Im Gegensatz zu den anderen Malern Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts verreiste er so gut wie nie. Viermal war Morandi auf der Documenta vertreten, darunter auf der ersten und auf der letzten und sechsmal nahm er an  der Biennale di Venezia teil. 1964 starb der starke Raucher an Lungenkrebs. Seine Bilder sind heute in allen wichtigen Museen der Welt zu finden.

Die Ausstellung umfasst an die 150 Exponate, darunter auch ein ausgiebiger Briefwechsel Morandis mit den beiden Kunsthistorikern Roberto Longhi und Cesare Brandi, die schon früh und als Erste seine Bedeutung für die Malerei erkannten. Diese Briefe in regelmäßiger und unauffällig-schöner Schrift geschrieben, legen in Verbindung mit den Druckplatten, Radierungen, Aquarellen, Ölbildern, Zeichnungen ein Zeugnis von Morandis  Leben ab, das als  langsamer, behäbiger  Strom ruhig und bedächtig  vor sich hin floss,  aufgerüttelt dann und wann von unbequemen durch zufließende, reißende Bäche aus den Bergen verursachte Stromschnellen, die kurzfristig Richtung, Form und Farbe des Wassers bestimmen wollten, bis endlich wieder Ruhe einkehrte und der Fluss in seine phlegmatische Gemächlichkeit zurückfallen konnte. Eine heilig-schweigende Stimmung herrscht hier, man traut sich gar nicht zu reden in der Ausstellung. Wenn man sich auf ihn einlässt, entdeckt man ein ganzes Universum von Sinnen, Feinheiten und Nuancen. Menschen hat er fast nie gemalt, in der Ausstellung hängt ein Selbstbildnis das ihn als knapp Dreißigjährigen, schüchtern und zerbrechlich-durchsichtig zeigt.

Etwas ganz besonders sind wie gesagt, die Kupferplatten die ausnahmsweise das ’Istituto Nazionale per la Grafica zur Verfügung gestellt hat. Die Exponate kommen aus vielen verschiedenen Museen und Privatsammlungen. Kuratiert hat die Ausstellung die Morandi-Spezialistin Maria Cristina Bandera und bis zum 21. Juni 2015 ist sie noch im Complesso del Vittoriani zu sehen.

Christa Blenk

 

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