Cristina Crespo – Portrait

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Fünf Musen: La Belle Ortero, Mata Hari, Sharon Kihari, Oriana Fallacci und ihre Erschafferin Cristina Crespo

 

Terpsichore und Gefolge

Nenne mir, oh Muse, die Taten …..

Palestrina ist ein kleines altes Städtchen im Süden von Rom und seit dem 18. Jahrhundert eine der Stationen der Bildungsreisenden auf deren „Grand Tour“ gen Süden. Schon in der Antike war dieser Ort zwischen den Bergen über die Via Prenestina und später über die Casilina direkt mit Rom verbunden. In päpstlichen Abschriften aus dem 8. Jahrhundert wurde Palestrina zum ersten Mal erwähnt. 1515 ist dort der Kirchenmusik-Komponist Giovanni Pierluigi Palestrina geboren.

Cristina Crespo ist in Rom aufgewachsen, in einem Stadtteil, in dem noch Ende der 50er Jahre  Skulpturen und imposante Pflanzen die privaten Gärten zierten. Heute stehen dort fast überall Bürogebäude. In den 60er Jahren hat sie ihre Ferien fast immer bei ihrer Großmutter in Palestrina verbracht und diese hatte einen großen Garten, der – vor allem im Sommer – ihr liebster Aufenthaltsort war. Die Bekanntschaft in diesem floralen Idyll mit all den exotischen und farbenfrohen Blumen und Gewächsen hat eine profunde Verbundenheit und eine Art Seelenverwandtschaft mit der Botanik und mit den Personen dieses Ortes ausgelöst. Die Alliierten-Bombardierungen im zweiten Weltkrieg haben dort ziemlichen Schaden  angerichtet und viele Pflanzen verkümmerten. In den Erzählungen der Großmutter sowie der Großtante tauchten aber immer wieder bestimmte Gewächse auf, darunter auch ein weißer Schneeballbaum (Viburno). Dieser außergewöhnliche Baum hat sich in Cristinas Gedächtnis eingeprägt und später, als Erwachsene, gelang es ihr, einen solchen Schneeballbaum wieder zum Blühen zu bringen. In diesem Garten schlummern außerdem immer noch die von Pflanzen überwucherten und umrankten Amphoren, die Cristina schon als Kind mit den Sagen von Ovid bemalen wollte. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um die Geschichten und Sagen die die Großtante erzählte aber auch über die, die verschwiegen wurden, wie eine ungewünschte Hochzeit ihrer Tochter mit einem Stummfilmproduzenten.

P1200094 Addolorata dei sete dolori (Foto: Christa Blenk)

Als 17-jährige Studentin entdeckte sie bei einem kleinen Händler in der Altstadt ein Reliquiar, eine Art Schaukasten „Addolorata dei sete dolori“ („Maria mit den sieben Schmerzen“). Sie hatte kein Geld, um diese Kostbarkeit zu erwerben, so tauschte sie vier Gemälde von ihr ein. Dieser Schaukasten war ausschlaggebend und bildet heute die Grundlage ihrer Theater-Altäre. Als sie später mit ihrer Familie in ein Haus auf der Cassia zog, verblieb diese „Marienverehrung“ in ihrem Atelier. Jetzt hängt diese Preziose genau über Cristinas Wunderkammer, in der sie Kostbarkeiten, Muscheln, Steine, getrocknete Pflanzen oder Schmetterlinge aufbewahrt und die,  nebenbei bemerkt, jeden Besitzer dieses Kuriositätenkabinetts mit Stolz erfüllen würde.

Ihr Atelier ist eine Fundgrube und Schatzkammer à la Ali Baba und dort reihen sich  die von ihr jahrelang zusammen getragenen Requisiten aneinander. Besonders beeindruckend ist das Stoff-Depot, das ausschließlich aus Recyclingware besteht. Hier ruhen neben den transparenten Schleiern, die früher vielleicht der Girlanden-geschmückten Terpsichore gehörten, wenn sie im Garten der Großmutter samtigen Morgentau über Bougainvillea, Orchideen, Pfauenauge und Oleander versprühte, kostbare Glasperlen und Schnüre, Stoffreste oder verschnittene und nicht mehr brauchbare Nähproben aus dem Atelier eines italienischer Designers, die ihr – auch wieder -  ihrer Großtante vererbte. All diese Utensilien warten darauf, Einlass in ihr persönliches Elysium, in den Garten der tanzenden Musen zu finden und dort eine Rolle zu ergattern. Manche Puppen harren schon seit Jahren geduldig in einer Ecke und warten auf ein Engagement. Manchmal fehlt die Haartracht, ein Hut oder sonst ein Accessoire oder einfach nur die Hintergrunddekoration aber Cristina weiß erst wonach sie suchte, wenn sie es endlich gefunden hat. Ihr Atelier ist eine große Bühne mit vielen Türen, Fenstern und Vorhängen, und viele kleine Theater-Altäre verbergen sich dort; sie müssen nur entdeckt und herausgeschält werden.

Muse Dannunziane

Isadora Duncan Isadora Duncan (Foto: Christa Blenk)

Die Ausstellung, die Cristina Crespo gerade in Vorbereitung hat, ist Pflanzen und Musen gewidmet.

Musen sind verträumte und verspielte Wesen, die sich manchmal in einen Gott oder in einen Sterblichen verlieben. Diesen Verbindungen entspringen dann begabte und außergewöhnliche Kinder wie der schöne Hyakinthos, der durch ein tragisches Versehen vom Musenführer Apoll getötet wurde. Zu Strawinskys „Apollon Musagète“ hat George Balanchine die Choreographie entwickelt und Apoll tanzt erwartungsvoll mit den Musen Terpsichore, Kalliope und Polyhymnia zum Berg Parnass. Aus Hyakinthos’ Blut entstand die Hyazinthe, die im Garten von Cristina auf einen Bewunderer wartet. Apuleius’ Luzius tummelt sich auch noch dort, um nach seiner unglücklichen Verwandlung in einen Esel hier vielleicht die erlösenden Rosen zu finden.

Cristina weiß es, ohne den Kuss der Muse gibt es keine Kreation, keine Kunst, keine Musik, keine Erlösung.

Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe (Elias Canetti).

Ursprünglich waren die Musen Gedächtnisstützen, um Kultur, Traditionen, Geschichten, Gebräuche und Erinnerungen zu bewahren und zu verbreiten. Mnemosyne (das Gedächtnis), Melete (die Konzentration) und Aoidi (der Gesang) bildeten das Musen-Trio, dem die Aufgabe oblag, für die Übermittlung und Weitergabe der alten und nur mündlich überlieferten Legenden zu sorgen. Kein einfaches Unterfangen, denn man kann davon ausgehen, dass die Geschichten über Götter, Halbgötter und deren Abkömmlinge, je nach dem wie die Muse gerade zu ihnen stand, positiv oder negativ und mit eigenen Interpretationen ausgeschmückt weitergegeben wurden. Erst später wurde die Zahl der Musen auf neun erhöht und die Helferinnen der Dichter spezialisierten sich u.a. auf die Bereiche Tragödie, Komödie, Poesie, Musik, Tanz, ja sogar Astrologie, die Musen wurden effizienter und populärer und feierten schließlich den Einzug in die Malerei und ins Theater.

Über den Trümmern einer kranken Zeit hatte sich zusammen gefunden die Bewegung und der Geist, ohne Zwischentritt“, das hat Gottfried Benn in einer Erzählung geschrieben.

Von der englischen „ästhetischen Bewegung“ um Alma Tadema und Oscar Wilde beeinflusst, strebte auch Gabriele d’Annuzio dieses „Leisure“- Leben der Privilegierten an. Musen, Modelle, femmes fatales und Höhere Töchter egal wer, alle wollten aus dem grauen Nebelgefängnis der Industrialisierung ausbrechen und sich dekorativ, mysteriös und absolut politisch unkorrekt zeigen. Durch die schönen Künste, durch Licht, Farbe, Blumen und Tanz schüttelte man den ranzigen Akademismus ab und befreite sich von bourgeoisen Zwängen, die einen falschen Moralismus predigten, um auf eine sinnliche, schnelle und aufgeschlossene Moderne zuzusteuern. Im Wiener-Walzer-Rausch und im verspielten Jugendstil um 1900 ist die Bewegung in Form von Tanz zur Modeerscheinung geworden und es flutete eine wahre Tanzwelle durch Europa und Amerika, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte und durchaus auch das Musical mit einschloss. Bewegung war interessanterweise auch eines der Schlagwörter der Futuristen, nur dachten diese eher an Maschinen, Schnelligkeit und Verderben. Alle großen Tänzer/innen wie Isadora Duncan, Lois Fuller, Ida Rubinstein, George Balanchine, Vaclav Nijinsky oder Mary Wigman, die deutsche Tanzpädagogin und Wegbereiterin für den rhythmisch expressiven Ausdruckstanz, tummelten sich mehr oder weniger zeitgleich auf den Tanzparketten und auf den Bühnen des westlichen Kulturbetriebes. Orgastische Reigentänze wie sie Franz von Stuck malte oder der Hexentanz von Mary Wigman: Jugendstil, Expressionismus oder Futurismus flossen ineinander über und, unterbrochen von zwei Weltkriegen, tanzte man weiter bis in die 50er Jahre.

Auf der Weltausstellung in Chicago 1893 machte eine unbekannte Tänzerin, Little Egypt Furore vor internationalem Publikum als sie einen Orientalischen Tanz, oder Bauchtanz, aufführte. Ursprünglich aus Ägypten kommend, war er bis dorthin im Westen so gut wie unbekannt, obwohl erste Erwähnungen schon im 1700 nachzuvollziehen sind. Ein Skandal natürlich und man entrüstete sich, wie sich das gehörte in einer Zeit, in der man nicht mal einen entblößten Fuß zeigen durfte. Das Publikum war aber verrückt nach Little Egypt. Sicherlich hat das entschieden dazu beigetragen, die Tutu-Aufführungen zu verlassen und Neues, Anderes und Provokativeres zu probieren. Ida Rubinstein und später Josephine Baker ließen dann die Kleider  gleich ganz fallen; allerdings war das Publikum in den 20er und 30er Jahren in Paris ein anderes als das um die Jahrhundertwende. Sie hatten den Strawinsky-Skandal und Marcel Duchamp überstanden und waren bereit.

Das Wort Bauchtanz kommt wahrscheinlich aus dem französischen, Flaubert beschreibt ihn, den „danse du ventre“ in seinen Reiseberichten. Franz von Stuck hat 1906 seine bekannte Salome gemalt und angeblich soll Kleopatra den Römer Julius Cäsar mit einem Bauchtanz verführt haben und die Königin von Saba hat für den König Solomon getanzt, nachdem sie ihn reicht beschenkte. Und natürlich hat Cristina Crespo sich auch schon im orientalischen Tanz versucht und hat sogar eine Bauchstanz-Lehrerin.

Nicht zu vergessen das Musical und der Stepptanz. 1830 sprach man zum ersten Mal schon von diesem Tanz mit den Metallplatten an den Schuhen, richtig geboomt hat er allerdings erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts u.a. dank dem „dream team“ Fred Astaire und Ginger Rogers.

Mysterien sind weiblich, sie verhüllen sich gern, aber sie wollen doch gesehen und erraten sein, meinte der Romantiker Schlegel um 1800.

P1200133 Jean Cocteau – « Parade » hommage (Fotos: Christa Blenk)

Im Jugendstil sind die Musen wieder auferstanden und Maler,  Komponisten oder Dichter konnten nicht mehr ohne sie existieren. In der Wiener Sezession hatte Gustav Klimt seine Muse Emilie Flöge und Sigmund Freund und Nietzsche waren von Lou Andreas Salomé mehr als angetan. Alma Mahler Werfel war nicht nur die Komponisten-Muse, Kokoschka konnte ohne ihre Anwesenheit nicht atmen, Werfel nicht schreiben und sie selber war Niemand ohne diese Drei. In Paris brachte Toulouse Lautrec keinen Strich auf das Papier ohne die Can Can tanzende Jane Avril um sich zu haben und Agustina Otero Iglesias, die Tänzerin und Kurtisane aus Spanien, die in den Folie Bergères tanzte, brachte Paris um den Verstand während in München dies Lola Montez mit Kaiser Ludwig II. tat.

Aus verschiedenen Weißtönen sind ihre Keramik-Büsten, die – inspiriert durch die Lieblingsblumen der Liberty-Zeit – allesamt über einen aufwendigen Kopfschmuck verfügen. Manche Figuren tragen ihr Tatoo-Erkennungszeichen aber auch auf dem Rücken, wie z.B Jean Cocteau, den  ein Auszug aus „Parade“ ziert.

Zum Stell-Dich-Ein im Garten der tanzenden Musen ist u.a. Olga Koklova, Picassos wichtigste Muse und erste Tänzerin im Ballet Russe sowie die Muse der radikalen Futuristen, die amerikanische Radium-Tänzerin Loïs Fuller, geladen. Die französisch-polnische Komponistin Elzbieta Sikora hat Fuller in ihrer letzten Oper „Madame Curie“ gewürdigt und ihr eine fatale Rolle zugeteilt. Man sagt, Fuller hätte sich bei den Curies mit Radium versorgt, um bei ihren aufwendigen und bahnbrechenden Performances hell zu erstrahlen. Unter Rosen verbirgt sich die andere Futurismus-Muse, die dramatische Isadora Duncan, sie erdrosselte sich praktisch selber, als sich beim Zu- schnell-Fahren im offenen Auto ihr Schal in den Autoreifen verhedderte. Mit dabei natürlich die bahnbrechende und exotische-erotische Tanz-Ikone der 30er Jahre Ida Rubinstein, Cristinas Lieblingstänzerin, die sie immer wieder in anderen Rollen darstellt, eine der schönsten ist eine schwarze, halbbekleidete Magdalena in der Wüste. Desweiteren finden sich dort die adelige Römerin Claudia Quinta, die mexikanische Kultikone Frida Kahlo, geschmückt mit Königsstrellizien, Manets Muse Lola aus Valencia und die Bauchtänzerin Sharon Kihara ein. Außerdem treffen wir auf die tanzende Stummfilmdarstellerin Brigitte Helm, die Muse von Fritz Lang in Metropolis und natürlich Mata Hari, die Abenteurerin sowie Cleo de Mérode, die schönste Ballerina überhaupt, wie man sagt. Die Liste der tanzenden Musen ist lang und ihr Garten sehr groß, aber irgendwann finden sie alle ihre Bestimmung.

Gabriele D’Annunzio (1863-1938) wurde vor 150 Jahren geboren. Cristina Crespo widmet ihm – aber vor allem seinen Musen – dieses Projekt. Fasziniert darüber, wie viele interessante und intelligente Frauen dieser eher kleine und nicht besonders attraktive militante Nationalist für sich gewinnen konnte, entstand die Idee eines Gartens der tanzenden Musen. Dass der plüschige, kitschige und bombastischen Pomp liebende d’Annunzio zwischen den Frauen, Autos, Pferden, Luxus, Kunst, Politik, Einkäufen (vor allem Schuhe) überhaupt noch Zeit zum Schreiben hatte, ist eigentlich ein Wunder. 1883 entführte er eine junge Herzogin und heiratete sie gegen den Willen der Eltern. Nachdem er drei Kinder mit ihr hatte und Eleonora Duse in sein Leben trat, verließ er die Familie. Die Duse war sicher die wichtigste Frau in seinem Leben, die ihn inspirierte und ihm obendrein auch den nötigen Luxus der er brauchte, verschaffen konnte. Später flüchtete er vor seinen Schuldnern nach Paris und dort tanzte Ida Rubinstein für ihn.

Sehr leicht verlaufen kann man sich in diesem Garten der Erinnerung, er ist ein Labyrinth und nicht jeder findet den Weg hinaus. In der Ferne hört man das Tuscheln und flüsternde Schweigen des Orakels, wenn es den Weg beschreibt,  aber noch wichtiger sind die persönlichen Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen. Wenn man sich allerdings nicht genug Zeit für diese Geschichten nimmt, bleibt man nur Zaungast und schafft es nicht mal, hineinzukommen.

Dieses delikate Projekt ist die persönliche Grand Tour von Cristina Crespo. Jahrelang hat sie die Stätten bereist, in denen sich ihre Protagonistinnen tummelten und viele Male ist sie an den Gardasee gefahren, wo d’Annunzios Haus steht – vielleicht auch auf der Suche nach dem Geist der Musen darin?

Im April 2015 werden die geschmückten Musen in Rom in der Casina della Civetta ausgestellt werden. Dieser Jugendstil-Palast aus den 30er Jahren ist genau so verspielt wie ihr Garten und man könnte sich sogar vorstellen, dass die Protagonisten ihrer Ausstellung darin zum Leben erwachen und mit den Tanzenden Musen an den Wänden ihre Rollen tauschen.

GIARDINO DELLE MUSE DANZANTI „Le Dannunziane“ heißt ihr Buch, das demnächst anlässlich ihrer Ausstellung erscheinen wird. Musen, Mythen und Legenden haben Musiker und Künstler von je her inspiriert und fasziniert und die Kunst- und Musikgeschichte wäre sehr arm ohne die diversen Interpretationen der Mythologien. Dieses Projekt hingegen ist etwas besonders, niemand zuvor hat sich auf diese Art mit Musen und Ballerinas beschäftigt und ihnen botanische Attribute zugeordnet: Eine einzigartige Hommage an den Jugendstil.

P1200115Altarino di Iside (1993) (Foto: Christa Blenk)

Mythos und Theater

Laios und Iokaste waren die glücklichen Herrscher im geheimnisvollen Theben. Sie  hatten keine Kinder. Laios fragt deshalb das Orakel um Rat und erfährt, dass er von seinem eigenen Sohn getötet werden würde und dieser obendrein seine eigene Mutter, d.h. Iokaste, seine Frau, ehelichen werde. Als der Sohn dann zur Welt kam beschlossen die beiden, ihn töten zu lassen und schickten einen Hirten ins Gebirge, diese Aufgabe zu übernehmen. Zuvor durchbohrte er aber noch die Füße seinen Sohnes, daher der Name Ödipus was soviel wie Schwellfuß bedeutet. Der Hirte allerdings hatte Mitleid und gab das Kind einem anderen Hirten, der das Kind nach Korinth brachte zum Königspaar Polybos und Merope, die ebenfalls kinderlos waren und dringend einen Thronerben brauchten. Ödipus wurde erwachsen und eines Tages erfuhr er nebenbei, dass er nicht der leibliche Sohn von Polybos und Merope sei und eigentlich kein Anrecht auf den Thron von Korinth hätte. Diese Nachricht verunsicherte ihn total und glaubte den Versicherungen seiner Eltern nicht, ihr leiblichen Sohn zu sein. Wieder musste das Orakel in Delphi herhalten und wie sich das für das Orakel so gehörte, wurde die Frage natürlich nicht richtig beantwortet. Das Orakel wiederholte nur die alte Weissagung, die auch schon Laios zu hören bekam, nämlich „Ödipus werde seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen“. Ödipus kehrte daraufhin nicht nach Korinth zurück sondern zog in die Welt hinaus und wie es der Zufall will, war er plötzlich auf dem verhängnisvollen Weg nach Theben und begegnete – weil es ja das Orakel so wollte – Laios und erkannte ihn natürlich nicht.  Mehr noch, es kam zu einem Streit und Ödipus tötete Laios, seinen Vater. Somit hatte sich der erste Teil des Orakelspruches schon erfüllt. Einmal in Theben angekommen, fand Ödipus dort eine desolate Situation vor. Der Ort wurde von einer Sphinx bedroht, die den jungen Männern ein Rätsel aufgab und nach dem dieses keiner lösen konnte, wurden sie alle von der Sphinx verschlungen. Laios’ Schwager Kreon setzte also eine Prämie aus und derjenige, der die Sphinx besiegen würde, sollte Herr über Theben werden und Iokaste ehelichen. Ödipus stellte sich sogleich der Sphinx und hörte sich das Rätsel an:  „Was hat am Morgen vier Beine, mittags zwei und abends drei“ ?Ödipus musste nicht lange nachdenken um zu wissen, dass es sich um den Mensch handelt, der als Kleinkind auf allen Vieren krabbelt, als Erwachsener auf zwei Beinen geht und als Alter einen Stock brauch, um sich fort zu bewegen.  Der Bann war hiermit gebrochen und die Sphinx stürzte sich in den Abgrund. So wurde also Ödipus König von Theben und ehelichte – ohne es zu wissen – seine Mutter Iokaste, womit sich der zweite Teil des Orakelspruchs erfüllte. Glücklich und ruhig vergingen die Jahre und Ödipus zeugte vier  Kinder mit Iokaste: Polyneikes und Eteokles und die Töchter Antigone und Ismene. Erst als die Pest hereinbrach kam wieder Unheil über Theben und Ödipus schickte seinen Schwager Kreon nach Delphi, um das Orakel um Hilfe zu bitten. Die vernichtende Antwort lautete: Theben würde erst dann von der Pest befreit werden, wenn der Mörder des vorherigen Königs Laios gefunden sei. Der Täter lebe immer noch in Theben und müsse endlich bestraft werden. Ödipus hatte daraufhin nur noch ein Ziel, nämlich den Täter zu finden und zu bestrafen. Und hier  beginnt der erste und einer der spannendsten Krimis in der Literaturgeschichte, den Ödipus selber lösen sollte. Er konsultierte den  blinden Seher Teiresias und fand zu seinem Schrecken heraus, der er selbst der Mörder seines Vaters sei und der Mann seiner Mutter. Iokaste, erhängte sich  nach Kenntnisnahme dieser schrecklichen Begebenheit und Ödipus stach sich die Augen mit einer goldenen Spange von Iokaste die Augen aus. Seine Tochter Antigone führte ihn als blinden Bettler aus der Stadt.

Cristina Crespos aktuelles Projekt der Muse Dannunziane ruft eine Assoziation mit den Theater-Altären hervor, an denen sie seit den 90er Jahren arbeitet. Nicht nur ihre Reisen durch Südamerika, Nordafrika oder Asien haben sie zu diesen Theaterkompositionen motiviert und angeregt, einen entscheidenden Beitrag dazu haben auch ihre Studien über das italienische Mittelalter geleistet sowie, wie schon erwähnt, der Kauf eines religiösen Schaukastens als 17-jährige. Diese Erinnerungen und Eindrücke von fremden Gebräuchen und paganen Religionen fusioniert sie mit den Mythologien, familiären Legenden und der Commedia dell’Arte und so entstehen diese faszinierenden Theater-Mythologie-Arrangements. Die Geschichten, die hier erzählt werden, schicken den Betrachter vom Drama zur Komödie, in den Garten der Hesperiden, erinnern an die Genesis oder bringen Ovid ins Spiel. Manche Figuren wie „Uta nackt“ hat sie einfach in eine Holzbox gesteckt, in der früher vielleicht mal ein ganz edler Tropfen verpackt war. Nicht weit entfernt ruhen auch Danae oder ihre Lieblinge wie die Aphrodite Priesterin Hero und ihr Geliebter Leander. Sehr frei interpretiert ihr Ödipus und die Sphinx. Dieser steht auf der Mauer von Theben und hat die Hand auf dem goldenen Flügel der lockenden von Stuck-Sphinx ruhen. Stürzt sie ab oder will er sie festhalten und vielleicht Iokaste vor dem Tod retten. Eingerahmt ist die Szene in symbolistischen Farben, die an Maillais Ophelia denken lässt.

Bei diesen Theaterkompositionen kommt man nicht umhin, an die sizilianischen Pupi zu denken, aber auch die im Süden stark verbreiteten Straßenaltare oder den Krippenkult in Genua, wo ihre Familie ursprünglich herkommt. Meistens bestehen sie aus einer Maria mit Kind und sind vollgestopft mit Schätzen oder sonstigen Gegenständen einer  Wunderkammer, mit Erinnerungen und Vorsätzen des Auftraggebers oder Herstellers und hängen da, leicht angestaubt und ein wenig trist-dekadent erzählen sie von der Vergangenheit.

P1200139 Ida Rubinstein « Magdalena in der Wüste » (Foto:Christa Blenk)

Crespos aufwendige und neo-barocke Arbeiten sind eine Mischung aus Malerei, Bildhauerei und Poesie die in Verbindung mit Traditionen, Religionen und Ritualen zu  Kunstwerken werden. Organisierter Horror vacui der dazu verführt, viele kleine Nebengeschichten zu erfinden und ein Chaos zu ordnen, das sich eigentlich gar nicht ordnen lassen will. Ihr Atelier ist selber wie ein übergroßes Theater, in dem die Bühne, die Requisitenkammer, die Umkleidekabinen der Schauspieler und der Zuschauerraum nicht voneinander getrennt sind und nur Wände verschoben werden, hinten denen dann wieder kleine Bühnen zum Vorschein kommen. Diese Theater-Konstruktionen stammen aus den 90er Jahren und sind hauptsächlich aus Holz, Stuck, Stoff, Tüll, Metall, Acryl gefertigt. Im Film über den « nächtlichen Garten der Marchesa Casati » kann man den Entstehungsprozess sehr gut nachvollziehen.

Cristina Crespo hat früher gesungen, vor allem Barockmusik und man könnte manchmal auch meinen, dass sie bei ihren Inszenierungen an Händel Opern, oder an die Werke von Lully und Purcell denkt und sie und sich selber in diese Theaterboxen steckt. Dabei geht sie sehr frei – wie dies auch die Musen taten – mit den Geschichten um und sie gibt ihnen oft ein autoportraitistisches Eigenleben.

cristina crespoAltare di Eleonora Fonseca Pimentel (1997) (Foto: Giorgio Vasari)

In mühsamer Kleinstarbeit entstehen diese Kleinodien. Die Materialien für ihre Fetische besorgt sie selber und sucht oft lange danach. So kommen zum Beispiel die schönsten „Haare“ aus dem Souk von Marrakesch. Holzkisten, Pappe, Papier, Farbe, Perlen, Schnüre werden wie durch eine Zauber-Formel von Dr. Faustus miteinander verbunden. Ihre Großmutter hat ihr ein Set mit Resten von vergilbten Spitzen, Borten und Besätzen vermacht, das man früher in Kurzwarenhandlungen kaufen konnte, mit denen sie Königinnen oder Prinzessinnen oder ihre Musen schmückt. Neben der gerade fertig gestellten Isadora Duncan steht halb versteckt ein kleiner Schaukasten. „Das ist Dalida“, sagt Cristina. Sie ist wunderschön in Gold gewandet und hält sich eine Pistole an den Kopf. Cristina nimmt die Puppe heraus und öffnet eine zweite Tür, sozusagen einen doppelten Boden, und es kommt eine Schallplatte (45 Umdrehungen) mit einem Dalida Song zum Vorschein. Ständig werden Türen aufgemacht und es kommt entweder ihre eigene oder die Vergangenheit einer anderen Künstlerin zum Vorschein. Manchmal vermischen sich die Schicksale auch.

Sie konzipiert, zeichnet, näht, klebt, verbindet, formt Drähte und Gipsköpfe und wenn die Bewohner fertig gestellt sind geht sie daran, ein  Haus oder eine Grotte zu bauen bis dann endlich die Zeit der Installation, der Inszenierung gekommen ist. Die Herstellung ist sehr langwierig, insgesamt sind es bis zu  13 Schritte die in mehreren Wochen zurückgelegt werden müssen. Von ihr vorgefertigte Figurinen dienen zur Anprobe. Mühsam, aufwendig und geduldig. Meistens haben die Puppen lange Haare und wallende Umhänge, viele Ketten, wie Cristina es liebt sich zu zeigen. Die Keramik-Büsten der Musen werden von ihr in einem Atelier in Ostia gebrannt.

Heute lebt Cristina Crespo mit ihrer Familie am Stadtrand von Rom, auf der Cassia am km 12: Hier haben die Kreuzritter im Mittelalter Halt gemacht, um sich nach einer langen Reise frisch zu machen, bevor sie den Papst in Rom aufsuchten. Diese wichtige Konsularstrasse hat auch deswegen große Bedeutung, weil sie auf den Ponte Milvio führt und über diese Brücke alle Bildungsreisenden aus dem Norden im 18. und 19. Jahrhundert Rom betraten. Sie führt direkt auf die Piazza Popolo, und hier hat Goethe seine Gäste empfangen. Er hatte seine gemeinsame Wohnung mit Tischbein auf dem Corso, nur 20 m vom Platz entfernt.

Und obwohl sie tief verwurzelt in den Geschichten der Vergangenheit lebt, interessiert und engagiert sie sich seit den 90er Jahren auch sehr für zeitgenössische Kunst und hat längere Zeit an einer Serie für das italienische Fernsehen, „Art News“ mitgearbeitet. In dieser Zeit entstanden Dokumentationen über Edward Hopper, den Futurismus, Francis Bacon etc. Zwischendurch fanden Aufenthalte bei der Stiftung Orestiade in Trapani/Sizilien statt, für sie immer sehr produktiv und wichtig. Für die Kunstzeitschrift „Cahiers d’art“ hat Cristina Crespo einige Berichte illustriert u.a. einen Zyklus über Friedrich Dürrenmatt (Pythias Tod) und einen zweiten über Novalis „Hymne an die Nacht“. Sie ist eine zeitlose Künstlerin und in jedem Jahrhundert oder in keinem zuhause.

Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen Ufern ihr sitzt und zuschaut, wie er fließt. Doch das Zeitlose in euch ist sich der Zeitlosigkeit des Lebens bewusst Und weiß, dass Gestern nichts anderes ist, als die Erinnerung von Heute und Morgen der Traum von Heute. (Khalil Gibran, Der Prophet)

Im April 2015 ist es dann endlich soweit, die Tür zum Garten der Erinnerung wird geöffnet und Apoll und Euterpe spielen auf zum Tanz der Musen.

P1200091 Wartende Musen (Foto: Christa Blenk)

Christa Blenk

 

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