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Italienische Kunst vor dem Ersten Weltkrieg

 gnam-foto
Eingang GNAM mit Ausstellungplakat von Boccioni

Zwischen Sezession und Avantgarde

Aufbruch in Rom: Ära Giolitti

Vor hundert Jahren ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Die Galleria Nazionale d’Arte Moderna (GNAM) in Rom hat im Gedenken daran eine Ausstellung über die mannigfaltigen Kunstbewegungen zwischen 1905 und 1915 organisiert. Ein sehr anspruchsvolles und ausschweifendes Unterfangen.

Das Ende des sogenannten Dekadentismus wurde mit brodelnden Umstürzen – nicht nur in der Kulturszene- eingeleitet. Kunsttendenzen gaben sich im Staffellauf die Hand, verliefen parallel oder lösten sich in Lichtgeschwindigkeit ab: Jugendstil, Symbolismus, Orientalismus, Konstruktivismus, Futurismus, Expressionismus, Fauvismus und Kubismus auf der einen Seite und ein ständiges Fortsetzen der ranzigen und verpöhnten Traditionen , der Landschafts- und Portraitmaler oder Impressionisten auf der anderen.

Der italienische Dichter Edoardo Sanguineti (1930-2010) sagte einmal über die Avantgarde: Sie wäre eine heroische und pathetische Aspiration eines unberührten künstlerischen Produktes …. eine Ware, die fähig wäre mit einer überraschenden und tollkühnen Geste die ausgemergelte und stagniernde Konkurrenz zu besiegen.

Die Industrialisierung und die daraus resultierende Armut oder Ausweglosigkeit setzten wahre Völkerwanderungen in Gang. Träger melancholischer Weltschmerz und Kulturpessimismus trieften hier und führten dort zu einer flitzenden Zukunftseuphorie. Faszination von Tod und Vergänglichkeit brachten Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz mit sich. Eine Epoche ging unweigerlich zu Ende.

Zwischen 1876 und 1915 wanderten schätzungsweise 14 Millionen Italiener nach Amerika oder Südamerika aus, um dort ihr neues Glück zu suchen. Allein 1913 verließen 870 000 Italiener ihre Heimat. Dandy, Snob, Bohemiens stellten sich gegen die Kleinbürger, Philister und Spießer. Ein rauschenes Durcheinander sondergleichen, das sich nach dem Krieg noch bis Ende der 20er Jahre fortsetzen sollte.

Mit dem Ende der Barockzeit, verfiel das Kunstland Italien in eine Schaffensdepression, daraus resultierend landeten die früheren Kunstmetropolen Venedig, Florenz, Rom und Neapel plötzlich am Rande des Geschehens und Bella Italia blieb nur deshalb in aller Munde, weil sich europäische Meister hier auf der Suche nach der Antike tummelten (wie z.B. die Nazarener oder die Pre-Raffaeliten). Der Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert brachte allerdings einen radikalen Wandel mit sich und Italien katapultierte sich wieder mit großem Selbstbewusstsein in die erste Liga.

struck - sündeFranz von Stuck (Die Sünde)

Vom mittel-europäischen Sezessions-Trend (München um 1892, in Berlin um 1898 und Wien um 1897) angesteckt aber auch um eine Gegenströmung zur Biennale di Venezia zu erwirken, schlossen sich in Rom und Venedig (Ca’Pesaro) die Künstler zu einer Sezession zusammen. Sie manifestierten ihre Bedürfnisse nach Reformation oder Erneuerung allerdings eher schüchtern und moderat im Gegensatz zu den radikaleren Futuristen. Die Biennale di Venezia hatte ebenso eine Vorreiterrolle und war extrem ausschlaggebend, damit Italien wieder aus dem Dornröschenschlaf erwachte. Schon 1893 beschloss der Stadtrat von Venedig im zweijährigen Rhythmus die italienische Kunst zu präsentieren. Im April 1895 wurde dann die erste internationale Kunstausstellung der Stadt Venedig eröffnet – in Anwesenheit des italienischen Königspaares Umberto I und Margherita di Savoia. Sie war sofort ein großer Publikumserfolg und erreichte eine Besucherzeit von knapp 230 000.

Umberto Boccioni und Giacomo Balla wandten sich vom bukolischen Landschaftsmalereien-Pfad schon 1905 ab und starteten eine Suche nach Neuem, stellten Müll im römischen Theater Costanzi, der heutigen Oper, aus und konziepierten eine neue Strömung, die sie Futurismus nannten. Mit der Schönheit der Geschwindigkeit brachten sie den Kubismus in Bewegung.

In München gründeten Kandinsky und Marc den Blauen Reiter und die Brücke-Künstler zogen sich zur Meditation zurück. In Paris malte Marcel Duchamps seine „nackte Frau die Treppe herabsteigend“ und Picasso, zum viertal Mal in Paris, lernte Gertrude Stein und Matisse kennen.

ballaneuGiacomo Balla – Manifesto per la mostra alla sala Arte Angeletti (Entwurf 1915)

Den Anfang der Ausstellung bildet das kürzlich extra für die Ausstellung restaurierte und noch nie ausgestellte Fries „Italien triumphiert mit Härte und Intelligenz“, das Edoardo Gioia für den italienischen Hauptpavillon der Weltausstellung 1911 in Turin fertigte. Titel und Inhalt des Kunstwerkes lassen bereits eine angestrebte italienische Hegemonie und den kommenden Faschismus erahnen. Im Laufe der Ausstellung werden dann immer wieder die Eckpfeiler der Ausstellung, nämlich die Futuristen Boccioni, Severini und Balla präsentiert u.a. mit Ballas Portrait von Tolstoj 1911 oder Boccionis Eigenportrait das irgendwo zwischen Pointillismus und pittura-metafisica hängt. Balla war Boccionis Lehrer und kam 1901, in Paris wo er sich mit divisionistischen Techniken befasste; Boccioni hingegen interessierte sich eher für die Impressionisten und Neo-Impressionisten. Er war 1902 in Paris. Balla hielt sich außerdem zwischen 1912 und 1914 öfter in Düsseldorf auf, um dort ein Auftrags-Wandbild zu fertigen. Nach dem Krieg würde er für Djagilew und das Ballet Russe arbeiten. Ausgestellt ist auch Ballas Entwurf von 1915 des  « Manifesto per la mostra alla sala Arte Angeletti » . Kreischend fordert es « Tod für Deutschland » und « Tod für Österreich » – hier dürften wohl auch noch Reminiszensen aus dem Risorgimento zu hören sein. Mit einem Augenzwinkern auf die Wiener beziehungsweise Münchner Sezession hängen da zwei Bilder von Klimt und Schiel und die Sünde von Franz von Stuck. Im Raum daneben dominiert ein großes Gemälde vom Symbolisten Hodler (Die Empfindung VI, 1911). Zwischendrin wird man wieder runter gerissen mit weniger interessanten Werken von den italienischen Nachahmern. Zwei wunderbare Werke von Kees van Dongen (darunter „Finger an der Wange“ aus Rotterdam) versöhnen uns dann wieder mit dieser Ausstellung. Ein dreidimensionales Werk aus der Tänzerinnen-Serie von Gino Severini, er hatte 1906 in Paris Modigliani und die Kubisten kennen gelernt. Alexandra Exter, Egon Schiele, Archipenko sogar ein Van Gogh. Die Liste der ausgestellten Künstler will gar nicht aufhören. Viele Exponate kommen aus dem eigenen Keller oder sind sonst sowieso dort ausgestellt. Eine Impressionistenecke mit einem echten Bonnard und seine italienischen Jünger. Hierbei handelt es sich aber eher um eine Weiterentwicklung als um etwas Bahnbrechendes. Bonnard und Matisse als die großen Vorbilder, ihre Werke wurden erst durch die Ausstellung von Ardengo Soffici in Florenz 1910 in Italien bekannt.  Durchaus auch Exponat aus europäischen Museen.  Ein halber Raum ist Ballas Kinderzimmer gewidmet, dann wieder Landschaften, Büsten von Medardo Rosso, ein De Chirico, Giorgio Morandi und eine Großzahl von Werken, nicht immer wertvollen, von Carlo Carrà, der sich ebenfalls dem Futurismus anschloss. Muranovasen von Hans Stoltenberg Lerche und Projekte für die Gestaltung von eleganten Salons, zum Teil kitschiger Schnick-Schnack aus Elfenbein und bemaltem Holz oder ein Fächer des Landschaftsmaler Giovanni Segantini.

 
2014-10-30 19.05.59Severini
Balla (linena di velocità + vortice, 1914), Severini (Tänzerin, 1915) – die Hauptprotagonisten des Futurismus

Die Hängung der Bilder erscheint etwas chaotisch, repräsentiert aber die Vielseitigkeit und das künstlerische und politische Durcheinander das herrschte, wobei konventionelle Kunst überwiegt. Zu fast jedem ausgestellten Werk findet sich ein Pendant in der deutschen oder französischen Malerei. Zeitgeist und Plagiat? Der San Sebastiano (1912) von Aroldo Bonzagni sieht wie ein Gemeinschaftswerk von Otto Müller und Otto Dix aus. Bonzagni war ein Freund von Boccioni und hat das erste Manifest der futuristischen Maler schon 1910 unterschrieben. Er ist schon 1918 an der spanischen Grippe verstorben. Viele Werke von Felice Casorati, die ähnlich wie Matisse von Orientalismus und Symbolismus fasziniert war.

Mit all diesen Stimmungen, Strömungen und Tendenzen konfrontiert uns diese Ausstellung und hinterlässt doch ein Chaos im Kopf.

Natürlich kann man nicht vom Futurismus sprechen, ohne den selbstverliebten und brillanten italienischen Schriftsteller und Politiker Tommaso Marinetti zu erwähnen. Marinetti, in Ägypten von italienischen Eltern geboren, genoss eine französische Erziehung und kam um die Jahrhundertwende nach Paris, wo es sich auf die Suche nach einer „Neuen Formel der Kunst-Aktion“ machte. 1909 fand er sie und konfrontierte – unmittelbar umjubelt – die Welt mit seinem Futuristischen Manifest. Futurismus steht für etwas, das in der Gegenwart noch nicht angekommen ist und auf das man im rasenden Zug sitzend zusteuerte. Mit flammenden Zitaten wie „Wir wollen den Krieg verherrlichen, diese einzige Hygiene der Welt“ schockierte er. Die Welt war definitif bereit für Gewalt. Die Natur war verpönt. Boccione, der wichtigste Vertreter der Futuristen, verunglückte übrigens während seines Militärdienstes 1916 und zeigte so die andere, hässliche, Seite des Krieges. Sein „Idolo Moderno „ entstand 1911 und ist dem Fauvismus zuzuordnen. Es ist auch das Titelbild der Ausstellung.

Ein rauschendes Gefährt, das wie eine Gewehrkugel daherkommt ist schöner als die Nike von Samothrake, sagte Marinetti. Der Schriftsteller und Politiker kokettierte zuerst mit den Anarchisten und wusste anfangs wohl selber nicht, wo er eigentlich stehen wollte – endete aber schließlich nach dem Ersten Weltkrieg bei den Faschisten und der kalten (Gebrauchs-)Kunst, wie De Chirico oder Sironi. Mit seinem Schlachtruf kam Marinetti 1909 auf die Titelseite des Pariser „Figaro“

-„Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken, … Leitet den Lauf der Kanäle um, um die Museen zu überschwemmen! … Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!“

Damit sprach Marinetti alle gewaltbereiten Gruppen auf der rechten und linken Schiene incl. die Anarchisten an und mit dieser Glorifizierung von Maschinen, Gewalt und Krieg, mit der Ablehnung von Kultur und Natur, musste diese Stimmung unweigerlich zum Kulturpessimismus, ja zum in den Faschismus führen. Fortschritt, Ausbeutung, Geschwindigkeit, Gefühllosigkeit bewegten ihn.

Ein Jahr später entstand das Manifest der futuristischen Malerei: Die Maler Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Gino Severini und Giacomo Balla sowie der Architekt Enrico Prampolini und der Musiker Luigi Russolo gehörten dazu. Alles fließt, nichts steht still, Bewegung überall.

Jetzt sind natürlich so große Mammutausstellungen, von denen man einige – vielleicht gut so – noch nie zu sehen bekam, immer sehr schwierig zu beherrschen und kann schnell ein Kraut- und Rübensalat, in dem der rote Faden verloren geht, werden. Viele zweitklassige Werke verschwinden unter den guten Bildern. Unbekannte Künstler lernt man durch ein ausgestellten Werk außerdem eh nicht kennen. Einige der wichtigen Werke hängen sonst auch in der GNAM – bis auf ein paar Ausnahmen wie Boccionis Ausstellungsplakat aus London. Nur werden sie jetzt mit europäischen Meisterwerken wie mit denen von van Dongen zusammengebracht. De Chirico, der in dieser Zeit seine pittura metafisica entwickelte, ist nur mit einem Werk vertreten, obwohl von ihm das Museum eine große Anzahl besitzt. Wie gesagt, weniger wäre mehr gewesen.

Trotzdem eine sehenswerte Ausstellung und durchaus eine Auseinandersetzung damit wert. Kombiniert mit dem Besuch der Sironi- Ausstellung versteht man diese ausufernde und dramatische Zeit ein wenig mehr.

1871 wurde Rom  die Hauptstadt von Italien. Die GNAM wurde 1883 erbaut mit dem Ziel, einen Ausstellungsort für die zeitgenössischen noch lebenden Künstler zu schaffen.

Kuratiert hat diese ausschweifende Ausstellung Stefanie Frezzotti, sie umfasst  an die 200 Exponate, die in insgesamt 15 Räumen hängen und von über 60 Künstlern sind, die man gar nicht alle hier erwähnen braucht und kann.

Christa Blenk

 

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