Blutige Aprikosen

Deutsch-Italienisches Theaterprojekt in Zusammenarbeit mit dem St. Pauli Theater

Bericht über die Premiere einer außergewöhnlichen und ganz speziellen Theateraufführung in der Toscana (San Gusmè) am 4. Juli 2014

 

Große Dinge brauchen Zeit zum Wachsen.

Und so war es auch mit diesem Theaterprojekt des deutschen Theater-Regisseurs Ulrich Waller, Leiter des St. Pauli Theaters in Hamburg, der zusammen mit Matteo Marsan und Dania Hohmann ein beeindruckendes Theater-Spektakel aus Anlass des 70. Jahrestages des Massakers von „Palazzaccio“, einem kleinen Gehöft in der Provinz Siena, auf die Beine gestellt hat.

Blutige Aprikosen“ – (Albicocche rosse“) ist ein deutsch-italienisches Dokumentar-Theater,  in San Gusmè, einem kleinen Borgo unweit vom Ort des Massakers, vor ca. 200 Zuschauern uraufgeführt wurde.

Hierbei geht es um die theatralische Aufarbeitung einer von Soldaten der Division „Hermann Goering“ am Tag ihres Abzugs verübten Vergeltungsmaßnahme, bei der nach einem Partisanenangriff gegen zwei deutsche Soldaten am Morgen des 4. Juli 1944 neun Zivilisten im Gehöft Palazzaccio erschossen wurden.

In Form einer Theater-Collage, basierend auf vielen Originaldokumenten und ausgestaltet durch gespielte Szenen, Musikeinlagen, Lieder eines Cantastorie (Bänkelsänger), Filmausschnitten und Textzügen stellt sich das Theaterstück der gemeinsamen Geschichtsaufarbeitung. In 16 Szenen, die in den Jahren zwischen Juni 1940 und 4. Juli 1944, dem Tag des Massakers, spielen, werden Vorgeschichte des Krieges, Faschismus, deutsch-italienische Kriegs-Kollaboration, Besetzung durch die Deutschen, Kriegsmüdigkeit, Antisemitismus, Partisanenkämpfe und schließlich das Massaker von Palazzaccio im Jahre 1944 dargestellt.

Theatralisches Stilmittel ist die Erinnerung von Osvaldo, einem Zeitzeugen, der als 10-Jähriger Junge Kriegserfahrungen macht und nach dem Massaker die Leichname von Palazzaccio entdeckt. Dies erfährt der Zuschauer auf bewegende Weise im Prolog.

Das Theater beginnt spektakulär inszeniert, im Geschützdonner der Artillerie und der Reaktion der verängstigten Dorfgemeinschaft über ihre Zukunft.

In der nächsten Szene, eine der gelungensten Szenen des Stücks, werden anhand des Geschichtsunterrichts in einer Elementarschule recht eindringlich der italienische Großmachttraum, die Macht des Faschismus und der Kriegseintritt Italiens an der Seite der Deutschen dargestellt.

Albicocche rosse 1  Foto: ©Lorenzo Vanni

Die ersten Dorfbewohner werden unter schmerzvollen sehr überzeugend gespielten Abschiedsszenen  in den Krieg  eingezogen.

 

Der Krieg an der Front ist in vollem Gange, die Beziehungen zwischen Deutschen und Italienern verschlechtern sich, eindrucksvoll dargestellt anhand des Briefes eines Vaters, der in Russland kämpft und dessen Bericht bei einigen Dorfkindern Zweifel am Duce aufkommen lässt und einen heftigen Streit auslöst, der schließlich durch die sanftmütige, faschistische Lehrerin geschlichtet wird.

In weiteren Szenen wird der Beginn einer Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Leutnant und einer jungen, italienischen Dorfbewohnerin thematisiert. Der deutsche Leutnant wirkt milde und liebenswert, das schöne italienische Mädchen hat den Leutnant in ihren Bann gezogen. Zu diesem Zeitpunkt sind Deutsche und Italiener noch Verbündete, aber dennoch missfällt der Mutter des jungen Mädchens die Flirterei und das Paar trifft sich fortan heimlich.

Kriegsalltag, geprägt von Unsicherheit über die Absetzung Mussolinis, den Fortgang des Krieges, Versorgungsproblemen, der Flucht des Königs aus Rom, Deportationen, flüchtigen Soldaten, der Gründung einer neuen faschistischen Republik und des Appells zur Verteidigung des Vaterlandes, zu der der faschistische Bürgermeister alle verpflichtet sieht, wird in den darauf folgenden Szenen thematisiert.

Es folgen Schilderungen der ersten Partisaneninitiativen, dem Überlaufen eines deutschen Soldaten und eine sehr überzeugende Darbietung einer ehemals im KZ inhaftierten Jüdin, die von Paolo, einem italienischen Bewacher des KZ gerettet wird und nun von den Dorfbewohnern auf einem Dachboden versteckt werden soll, da sie in dem von Deutschen besetzten Dorf in Gefahr ist. (Bei dieser Szene handele es sich nach Aussage eines der deutschen Schauspieler um eine authentische Geschichte, die der Großmutter der jüdischen Schauspielerin widerfahren sei.)

Die Situation spitzt sich zu in der nächsten Szene, in der ein deutscher Hauptmann – stur, grob und ohne Mitleid mit den Dorfbewohnern – italienische Zwangsarbeiter selektiert. Dabei gerät er in einen Disput mit dem deutschen Leutnant, der dem Hauptmann offenbar zu verweichlicht und italienisiert ist.

Die kommenden Szenen verdeutlichen, dass im Sommer 1944 Partisanenkämpfe gegen die Deutschen in der Gegend in Gange sind. Eine Dorfbewohnerin berichtet von einem Blutbad an deutschen Soldaten und warnt die Dorfbewohner vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen.

Überzeugende Schauspielkunst erlebt der Zuschauer in der herzzerreißenden Abschiedsszene zwischen dem deutschen Leutnant, der das italienische Mädchen bittet, ihm zu folgen, und der italienischen Dorfschönheit, die ihn anfleht, zu bleiben. Beide sind jedoch zu diesen Schritten nicht bereit. Nun erreicht das Stück seinen tragischen Höhepunkt. Gut inszeniert durch das gewählte Stilmittel: Schauspieler und Bruscellanti-Sänger (traditioneller Volksgesang in Reimen) erzählen im Wechsel die Geschichte des Massakers von Palazzaccio während im Hintergrund Filmausschnitte gezeigt und Schriftzüge an die Steinhäuserwände des Dorfplatzes von San Gusmè projiziert werden. Der Text dieser Szene basiert auf Interviews, die mit den Zeitzeugen geführt wurden.

Dabei hat sich Folgendes zugetragen: zwei deutsche Soldaten werden, während sie in der Nähe des Gehöfts Palazzaccio Aprikosen pflücken, von Partisanen angeschossen, jedoch nicht getötet. Diese Tat wird kurz darauf von Deutschen Soldaten mit einem Massaker im Gehöft Palazzaccio, wo sich die umliegenden Bewohner vor dem deutschen Feind versteckt halten, gerächt. Neun Menschen kommen ums Leben, darunter überwiegend Frauen und Kinder: „Blutige Aprikosen“ / „Albicocche rosse“!

Die Darbietung lässt den Zuschauer mit einem Lied über eine Zukunft ohne Armee und Hass zurück: „Die Erde schenkt uns eine Blume, ohne auf die Frage, ohne auf die Fahne zu schauen. Nur der Krieg hat uns zu Feinden gemacht, obwohl wir eigentlich Freunde und Brüder waren. « Ciao bella ciao.“

Viel Beifall und Standing Ovation für die hervorragende künstlerische Leistung der Schauspieler, Musiker, Regie, Technik und das Dorf San Gusmè für diese durch und durch gelungene Premiere dieser interkulturellen, künstlerischen Zusammenarbeit des St. Pauli Theater Hamburg mit dem Teatro Comunale Alfieri in Castelnuovo Berardenga und dem Theaterverein „Lo Stanzone delle Apparizioni“, der das kommunale Theater betreibt.

Neben zahlreichen Laien-Darstellern (einschließlich Bewohnern des Dorfes und der Umgebung) haben die Regisseure auch Musiker und namhafte Schauspieler aus Deutschland und Italien für dieses historische Projekt engagiert: Adriana Altaras, Cristiano Burgio, Gualtiero Burzi, Mauro Chechi, Peter Jordan, Jörg Kleemann, George Meyer-Goll, Daniela Morozzi, Luk Pfaff, Massimo Poggio, David Riondino, Angelo Romagnoli, Hartmut Saam, Bebo Storti, Massimo Tarducci, Elisa Vitiello e il Cantiere del Bruscello di Castelnuovo Berardenga.

Das Theater-Projekt ist ein einzigartiges, interaktives, interkulturelles Experiment der deutsch-italienischen Geschichtsaufarbeitung, an welchem 4 Generationen bei der Umsetzung mitwirken. Ein gelebter Versuch, die Hintergründe und Vorgeschichte des Massakers von Palazzaccio zu analysieren, einzuordnen und nicht zu vergessen. Vor allem aber ein ganz ungewöhnlicher und sicherlich sehr wirksamer Beitrag der Versöhnungskultur.

Auch die „After-Party“ der Premiere war ein einzig gelebter Versöhnungsgedanke: bis spät in die Nacht aßen deutsche und italienische Akteure und Dorfbewohner zusammen Kuchen, tranken Wein, sangen und tanzten auf der Dorf-Piazza von San Gusmè – vergnügt, freundschaftlich, versöhnt.

Viel Beifall auch für den deutschen Regisseur Ulrich Waller, dem Initiator dieses außergewöhnlichen Projekts.

Große Dinge brauchen Zeit zum Wachsen. Bereits vor 10 Jahren sei die Idee von Waller entstanden, so erfährt man von einem deutschen Schauspieler auf der „After-Party“. Der Hamburger Regisseur selbst hat ein Haus in der Nähe von San Gusmè und es scheint, als fühle er sich diesem Ort auf besondere Weise verbunden. Seine in erster Ehe verstorbene Frau, die Schauspielerin und Regisseurin Elke Lang, liegt auf dem kleinen Friedhof in San Gusmè begraben.

Waller habe schließlich den 70. Jahrestag des Massakers von Palazzaccio zum Anlass genommen, seinen Theatertraum in San Gusmè zu realisieren. Voraus gingen historische Recherchen, viel Überzeugungsarbeit bei öffentlichen Entscheidungsträgern und nicht zuletzt das Eintreiben von Sponsorengeldern, ohne die so ein großes Projekt nicht hätte realisiert werden können.

San Gusmè mit seinen Denkmal-geschützten Steinhäusern lieferte eine eindrucksvolle Kulisse für dieses Schauspiel. Es ist ein kleiner Borgo mit einem bezaubernden Dorfplatz, auf dem die Theateraufführung inszeniert wurde. Der Borgo ist von einer mittelalterlichen Mauer eingeschlossen und liegt inmitten einer sanften, toskanischen Hügellandschaft. Umgeben von Olivenhainen und Weinbergen bietet dieser Ort einzigartige Ausblicke auf eine von Zypressenalleen und antiken Gehöften geprägte, toskanische Kulturlandschaft – mit Blick bis hin nach Siena.

Waller hat es geschafft, durch dieses Theater-Spektakel ein ganzes Dorf nicht nur zum Schauplatz der Geschichtsaufarbeitung zu machen, sondern zur Bühne selbst. Sein engagierter Beitrag ist eine ganz besondere Hommage an das toskanische Dorf San Gusmè, in dem er als Deutscher bereits verwurzelt zu sein scheint.

Es ist anzunehmen, dass durch dieses innovative Projekt noch weit über dieses Theater-Wochenende hinaus von San Gusmè geredet wird und es diesem faszinierenden Dorf auch künftig zugute kommen wird.

Erwähnenswert sind die Diskussionen über das Massaker, den Faschismus in beiden Ländern und den Zweiten Weltkrieg, die man unter einigen italienischen und deutschen Zuschauern und Dorfbewohnern im Anschluss an die Theateraufführung vernehmen konnte. Damit haben die Theaterregisseure ein Ziel erreicht: die Geschichte bleibt, solange man sich mit ihr auseinandersetzt, unvergessen. An diesem Theaterwochenende in San Gusmè wurde die Geschichte auf eindringliche Weise nähergebracht und auf theatralische Weise all derer gedacht, die dabei umgekommen sind, deren Angehörigen, Überlebenden und Osvaldo, dem 10-jährigen Jungen aus Palazzaccio, der diese Geschichte, wie die Zuschauer im Prolog erfahren mussten, sein ganzes Leben wie eine schwere Last auf seinen Schultern trägt.

Birgit Käppeler

image Kunstwerk von Lorenzo Vanni (Foto: ©Birgit Käppeler)

Der Künstler Lorenzo Vanni hat sich in San Gusmè einen Skulpturengarten errichtet. Das Fenster in die Toskana ist eines seiner Werke.

 

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