Guillermo Lledó -Minimalist

guillermo lledóGuillermo LledóG Lledó

Portrait auf KULTURA ExTRA

Kunst ist Weglassen; weniger ist mehr, in der Kürze liegt die Würze, weil einfach einfach einfach ist – Begriffe oder Werbesprüche wie diese zeigen, dass der Wunsch auf Wenig, auf Minimales in uns ist. Aber: Aufheben ist einfacher als Wegwerfen! (Mein alle vier Jahre wiederkehrendes Umzugsdrama wird relativiert, da die mit dem Umzug einhergehende Aufräumaktion vieles, wenn auch nicht genug, im Müll verschwinden lässt.)

Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche; Sokrates soll so oder ähnlich gesagt haben. Er hatte um 450 v.C. wohl nicht an Kunst gedacht, eher vielleicht an eine Art persönlicher Entschlackung oder Reduzierung auf das Wesentliche – als vorausschauende Definition des Minimalismus könnte es gleichwohl betrachtet sein.

Material/Farbe – Form – Raum; der Rest spielt sich im Kopf ab.

Der Begriff Minimalismus entstand in den 60er Jahren in den USA und bezieht sich auf Kunstgegenstände mit geringster künstlerischer Intervention. Bisweilen ist die Grenze zwischen Minimalismus und Konzeptkunst oder Landart verwischt wie z.B. bei Walter de Marias Vertical Earth Kilometer oder Sol Lewitts Konstruktionen; aber auch die überraschenden und schönen Lichtinstallationen von Dan Flavin zählen dazu.

Der spanische Minimal-Künstler Guillermo Lledó wurde 1946 in Madrid geboren, und dort hatte er auch Kunst studiert. Mit hyperrealistischen Visionen aus dem täglichen Leben in seiner Stadt Madrid begann Lledó seine Künstlerlaufbahn. Er malte maßstab- oder farbengerecht Briefkästen, Verkehrsschilder, Kanaldeckel oder Bauschuttcontainer. In den 80er Jahren fing er an, sich für der Dreidimensionalität zu interessieren und baute nun das, was er früher malte. Pseudo „ready mades“ nennt er seine Werke.

Während Marcel Duchamps Industrieprodukte und Gebrauchsgegenstände einfach aufstelle, baut Guillermo Lledó sie nach. Die perfekte Simulation eines industriellen Objektes. Leicht angeschmutzte Wände oder rote Pfeile auf weißen Hintergrund (wie das Straßenschild vor seiner Tür), Holzwände, Podiumskonstruktionen, Gangways oder Paletten.

In den 90er Jahren erweiterte er seine Holzgegenstände um Metall und Glas. Es entstanden die transluziden Lichtschächte (tragaluz), die Assoziationen zu Edelduschkabinen oder Treibhauskonstruktionen herstellen.

Thematisch und realitätsgetreu pendelt er zwischen Foto, Farbflächen-Bilder in den industriellen Grundfarben und Skulpturen-Konstruktionen hin und her. Mich erinnern seine kalten, farbigen Bilder an Noten für Kompositionen von Steve Reich (eine intensive Betrachtung holt die Musik heraus). Guillermo Lledó hat uns gezeigt, wie schön ein Containerbahnhof im Rotterdamer Hafen sein kann und wie poetisch ein Abwasserdeckel der Stadt Madrid ist. In seiner letzten Ausstellung Memorias del Lugar (Erinnerungen des Ortes) hat dieser „nordische“ Spanier, dieser Purist und Perfektionist zum ersten Mal Fotoarbeiten, Bilder, Zeichnungen und Skulpturen präsentiert.

„Warum ich das mache? Nun ja, erstmals weil es mir gefällt, aber es ist nicht leicht zu erklären, warum man etwas macht und etwas anderes bei Seite lässt“, erklärte Lledó in einem Interview im letzten Jahr anlässlich seiner Ausstellung in Granada.

Der spanische Kunstkritiker Emanuel Borja verwies 1987 in einem Artikel über Lledo auf ein informelles Gespräch, das 1907 zwischen Matisse und Apollinaire stattgefunden hatte. Matisse kommentierte die Signifikanz der Impronta (d.h. des ersten Eindrucks). Bei Durchsicht seiner frühen Arbeiten stieß er auf eine auf den ersten Blick monotone Konstante, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zog – seine persönliche künstlerische Note, seine minimale Prägung. Sie sollte später immer wieder in seinen Arbeiten auftauchen, und sie ist auch der Grund, warum wir, die geübten Betrachter und Museumsbesucher, meistens einen Künstler schon erkennen, bevor wir das Namensschild gelesen haben. Die personalisierte künstlerische Handschrift.

Lledos Bilder sind flach, untief und still und kreisen um die Dimension „0“. Emotionen werden nicht hervorgerufen, sie entstehen höchstens individuell je nach Einlassungsgrad des Betrachters auf das Werk. Licht spielt eine sehr wichtige Rolle, und obwohl seine neuesten Konstruktionen begehbar sind, ist es nicht das, was er sich wünscht. Lledo bevorzugt den physischen Abstand des Betrachters zum Objet; mit dem Kopf soll man die Konstruktion abgehen oder das Bild durchwandern – wie das beispielsweise beim Erdkilometer von Walter der Maria für die Documenta 1977 der Fall war (hier sah der Besucher nur die paar Zentimeter der oberen Fläche der Eisenstange, der Rest ging 1000 m unter die Erde, und man war gezwungen, sich das vorzustellen). Damit macht er es dem Besucher natürlich schwerer. Ob die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Raum zwei- oder dreidimensional ist, macht so gut wie keinen Unterschied – beides sind Kommunikationsformen, die Grenzen festlegen oder aufzeigen. Der Unterschied zwischen Bild und Skulptur ist weniger als wir denken. Dieses brwieß auch die Ausstellung – 3D / 0 D / + 3 D, die Emanuel Borja 1994 mit 14 spanischen Künstlern (darunter auch Lledó!) organisierte und kuratierte. Hier wurde der Maler zum Bildhauer, und jeder Künstler fertigte ein zwei- und ein dreidimensionales Werk, welche miteinander kommunizierten. Obwohl sich alle als Maler sahen, hatte sich jeder sehr frei in beiden Feldern bewegt, sagte Lledó. « Sobald der Pinsel das Papier berührt, wird aus 0 D ein + D », so Borja in seinem Text über die besagte Ausstellung.

Für die Renaissancehelden Alberti und Brunelleschi ist ein Bild einfach ein „offenes Fenster“ und wird damit zur Skulptur.

Kunst sei Magie, sagte Adorno, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.

Das Handwerkszeug der Minimalisten ist konsequenterweise minimal: industrielle Grundfarben, einfache geometrische Figuren, Quadrat, Rechteck, Kubus und Halbkreis. Die Formen werden arrangiert, und das Material selbst nicht immer bearbeitet. Die benutzten Gegenstände dürfen durchaus auch maschinell hergestellt werden (Richard Serra z.B. hat einen Großteil seiner gewaltigen Eisenskulpturen bei Krupp in Essen herstellen lassen).

Lledó gehört zur rationellen Künstlerfamilie – so wie Mondrian, Reinhard oder Kienholz, aber auch Vermeer. Sie sind wohl schwieriger « aufzunehmen » als so expressionistisch-emotionalen Maler wie Picasso, Goya oder Rubens. Mit dem Werk auseinandersetzen muss sich der Betrachter immer, wobei wir Goya oder Picasso leichter « verarbeiten » als die Linien von Mondrian oder die Konstruktionen von Lledó. Das wusste übrigens Goethe auch schon, als er in seinen Maximen und Betrachtungen Folgendes schrieb: « Es begegnete und geschieht mir noch, dass ein Werk bildender Kunst mir bei’m ersten Anblick mißfällt, weil ich ihm nicht gewachsen bin; ahnd’ ich aber ein Verdienst daran, so such’ ich ihm beizukommen, und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen: an den Dingen werd’ ich neue Eigenschaften und an mir neue Fähigkeiten gewahr. »

Ich habe Guillermo Lledó 1984 kennengelernt. Der spanische Kunstkritiker Emanuel Borja hat mich zu ihm gebracht. Aber auch nach meinem Weggang aus Madrid 1988 habe ich seine Arbeiten all die Jahre hinweg mitverfolgt und an vielen Vernissagen teilgenommen. Aus diesem ersten Treffen gibt es eine nette Anekdote, die ich nie vergessen werde und jetzt – beim Durchforsten der Ausstellungskataloge – in einem Text von Emanuel Borja wieder entdeckte: Lledó präsentierte uns also beim ersten Treffen mit der für ihn so typischen Attitüde zwischen Eifer und Selbstkritik seine neue Themenreihe (weiße Wände, braune Wände, graue Wände – alles Acryl auf Holz), und ich hörte schweigend und so gut wie nichts verstehend dieser Unterhaltung (und das hatte nur z.T. mit der Sprache zu tun) den beiden zu. Immer unbequemer in meiner Ignoranz, versuchte ich verzweifelt auch etwas zur Unterhaltung beizusteuern oder wenigstens zu verstehen, warum Borja so begeistert war und Lledó immer wieder – jedenfalls schien es mir so – dasgleiche Bild, nur eben in anderen Farben malte. „Ein Kopf, ich sehe ganz oben einen Tierkopf“ warf ich plötzlich kleinlaut in den Ring – irgendwie froh darüber und doch gleichsam sofort ahnend, damit voll daneben zu liegen. Die beiden starrten mich an, und dann blickten wir alle Drei auf diesen tierkopfähnlichen Zufallsflecken in der Ecke rechts oben, den Lledó natürlich weder geplant noch gemalt hatte – halt bloß ein Ergebnis des Zusammentreffens des Pinsels mit der Farbe und des nachfolgenden Trocknungsprozesses. Zustimmend und freundlich nickend führte das dann zu einer weiteren Diskussion über alles Mögliche, was wir in der Kunst sehen und sehen wollen oder bereit sind zu sehen. Es war eines meiner spannendsten Kunst-Erlebnisse, und ich habe für mich den konzeptionellen Minimalismus entdeckt (das Bild hängt jetzt in meiner Wohnung).

Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten, sagte Picasso einmal – eigentlich beruhigend.

Im Laufe der Jahre hat Guillermo Lledó seine Kunst immer mehr reduziert und ist jetzt bei den „Ortserinnerungen“ angekommen. Wer weiß, vielleicht stellt er in der Zukunft nur noch den Raum an sich aus… Joseph Beuys hatte angeblich 1976 den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig gar nicht renovieren lassen, und Hans Haacke hatte 1993 einfach die Bodenplatten des Innenraumes aufbrechen lassen, sodass die Besucher durch ein Trümmerfeld klettern durften.

Alles braucht seine Zeit – das ist Guillermo Lledós Motto. Sei es Tisch decken, Schinken aufschneiden und arrangieren, einen Pulli anziehen, Material aussuchen, Bretter ausmessen oder die Luft in den Autoreifen prüfen. Wenn man den Handlungen die nötige Zeit zugesteht, kommt auch Perfektion dabei heraus, und das Besteck liegt im rechten Winkel zur Serviette, die Schinkenplatte stellt einen gefühlten „goldenen Schnitt“ dar und die Reifen haben exaktest den Druck, der bei vier Personen im Auto erforderlich ist.

Guillermo Lledó ist Professor für Kunst an der Complutense Universität von Madrid. Seine Doktorarbeit hat er über die Grenzen der Darstellung geschrieben. Er wohnt und wirkt seit über 35 Jahren in einem Madrider Vorort mit Blick auf die schöne Sierra, und die Geometrie in der Natur ist seine permanente und nie versagende Inspirationsquelle. Er beherrscht die Kunst des Entsorgens, und nach 35 Jahren in seinem Haus gibt es dort nicht ein unnötiges Stück Papier, und jeder Gegenstand hat seine Funktion. Genial-erstrebenswerter Zustand!

 

Guillermo LledóGuillermo Lledòglledo. egam 09 (4)

Christa Blenk

Fotos: Guillermo Lledó

 

un articulo sobre la expofiesta para inaugurar su última pieza (Plaza para una pesona sola)

 

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