Frida Kahlo in Rom

 

Bericht über Frida Kahlo auf KULTURA EXTRA

 

Ich werde den Schmerz, die Liebe und die Zärtlichkeit malen“ (Frida Kahlo in ihrem Tagebuch)

Der mexikanischen Malerin und Ikone Frida Kahlo (1907-1954) widmen die Scuderien del Quirinale seit dem 20. März eine umfangreiche Retrospektive, die erste in Italien überhaupt. 40 Meisterwerke – die Hälfte davon aus Privatsammlungen – sind zu bewundern. Diese „Tochter der mexikanischen Revolution“ ist heute eine der wichtigsten und außergewöhnlichsten Malerinnen der mexikanischen und lateinamerikanischen Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kahlos Bilder sind eine Fusion aus post-Neuer Sachlichkeit und volkstümlichem Surrealismus, angereichert und beeinflusst vom Charme und Zauber des lateinamerikanischen, magischen Realismus. „Ich dachte, auch ich wäre eine Surrealistin, aber das war ich nie. Ich habe immer meine Wirklichkeit gemalt, nie meine Träume sagte sie 1953 dem Time Magazin. Ihre farbig-freudigen und oft von Hoffnungslosigkeit sprechenden Bilder sind genauso unverkenn- und unvergleichbar wie ihre kontroverse und widersprüchliche Person.

Gleich im ersten Raum wird unser Blick allerdings von einer Kakteen-Landschaft aus 1931 angezogen. Kakteen, die im Vordergrund wie schwankende Menschen aussehen, sich dann aber im Hintergrund in Teufelsgabeln verwandeln. Als nächstes das Autoritratto als Tehuana mit Riveras Kopf auf der Stirn. Daneben das schöne Foto, das Bernhard Silberstein 1940 gemacht hat; Frida sitzend und gerade an eben diesem Portrait arbeitend und Diego hinter ihr stehend. Ein Meisterwerk das Autoportrait mit Dornenkette und Kolibri: Hyperrealist-naiv ist dieses mit vielfältigen Symbolen ausgestattete Gemälde aus der Nickolas Muray Sammlung. Fridas Büste ist das Zentrum des Bildes (wie fast immer). Der kleine Affe auf ihrer rechten Schulter spielt mit der Dornenkette die sich in ihren Hals bohrt, dunkelrote gotische Christus-Blutstropfen bewegen sich auf ihr weißes Kleid zu, während die schwarze Katze auf ihrer linken Schulter bedrohlich auf den – wohl toten – Kolibri an der Dornenkette blickt. Im hochgesteckten Haar sind zwei Schmetterlinge, im Hintergrund grüne Urwaldblätter. Traurig schaut sie ins Nichts. Hier vereint sie die Sinnbilder der Eitelkeit (Affe), des Leidens (Dornen), des Glück- und Unglück (Katze), der Fruchtbarkeit (grüne Blätter), der menschlichen Psyche (Schmetterlinge) und der Freude (Kolibri) – sie lässt ihn allerdings als totes Anhängsel an der Dornenkette baumeln.

Wunderbar und schlicht und so gar nicht typisch das Autoportrait mit Samtkleid, das an Modigliani, Munch und Botticelli erinnert, hat Frida 1926, noch ans Bett gefesselt, gemalt. Es ist eines ihrer besten Bilder.

Ich male mich, weil ich so oft alleine bin und weil ich die Person bin, die ich am besten kenne – sagte sie einmal. Über 50% ihrer Arbeiten sind Eigenportraits. Sie malt sie sich immer wieder: schön, hässlich, leidend, liebend, (manchmal) lächelnd, verführend, eingepanzert in Vegetation, nach dem Tod sehnend, als Mutter (sie war keine), fallend, im Bett von Ärzten gemartert, mit Wunschprojektionen auf der Stirn. Auf einem Gipskorsett das auch zu sehen ist, malte sie Hammer, Sichel und einen Fötus. Einflüsse der bunten Azteken-Kunst und Folklore sowie die üppige Vegetation ihrer Heimat konnte und wollte sie nicht verbergen.

Ihre flachen und direkten Bilder sind nuancenlos, Rot ist Rot und Blau ist Blau – das Fehlen von Mischfarben oder Zwischenfarben hat sie von der Aztekenkultur übernommen. Die statischen Bilder strotzen nur so von Symbolen, Frustrationen, Wünschen und Träumen. Es gibt nur wenige Ganzkörperportraits und das hat sicher mit einer Ablehnung ihres geschundenen Körpers zu tun. Wohl deshalb hat Raíces 2006 einen Versteigerungserlös von 5,6 Millionen US-Dollar erreicht. Nie hat ein lateinamerikanischer Künstler so viel für ein Bild erzielt.

Abgesehen von den 40 Gemälden sind in der Ausstellung Zeichnungen von einer surrealistischen Frida zu sehen (sie hat einmal André Breton in Mexiko getroffen), aber auch Übungen oder Studien dieser Künstlerin, die eigentlich nie Malunterricht genommen hatte. Unzählige Fotos von ihr von Nickolas Muray, Leo Matiz, Lucienne Block, darunter grelle Farbfotos – fast wie ihre Bilder – von Nickolas Muray (Frida sitzend, trinkend, das Bild die Zwei Fridas malend) und Auszüge aus ihren Tagebüchern. Einige wichtige Arbeiten von Diego Rivera, darunter je eine Portrait von seinen Geliebten Cristina Kahlo und Natasha Gelman sowie ein nicht-fertiggestelltes Filmprojekt. In der Mitte der Ausstellung kann man auf bequemen Sesseln sich ausruhend einen Film den Muray über sie und Rivera gedreht hat sehen. Das ist auch der einzige Moment wo man sie lachend und glücklich sieht. Wenn sie neben Rivera steht, wird sie zur verletzlichen kleinen Frau und alles Femministische fällt von ihr ab – momentan! Berührend, wie sie sich für ihn und vor ihm Blumen ins Haar steckt.

Fridas Vater stammte aus Pforzheim und hatte ungarisch-jüdische Vorfahren. Weil er sich mit seiner Stiefmutter nicht verstand, wanderte er 1890 – mit knapp 20 Jahren – nach Mexiko aus. Dort verdiente er sich als Fotograf seinen Lebensunterhalt und ehelichte die mexikanische Malerin María Cárdena. Ab 1894 hieß er dann Guillermo Kahlo.

Frida (damals noch Frieda) war das dritte Kind von Guillermo und seiner zweiten Frau (einer Analphabetin). Mit 6 Jahren bekam Frida Kinderlähmung. Dieses Unglück und die Verletzungen, die sie bei einem schweren Busunglück mit knapp 18 Jahren erlitt, zwangen sie jahrelang in ein Stahlkorsett und ans Bett. „Der Schmerz ist nicht Teil des Lebens, er kann das Leben werden“ hat sie an den Arzt Leo Eloisser geschrieben. Viele ihre Bilder schreien den Schmerz sowie die Frustration, keine Kinder bekommen zu können, heraus, obwohl die Farben hell, fröhlich und bunt sind. Ihr erstes Selbstportrait malte sie mit 19 Jahren. 1929 heiratete sie den damals schon durch seine politischen Wandbilder (murales) ziemlich berühmten 43-jährigen Maler und Kommunisten Diego Rivera. Nach 10 Jahren Ehe wollte sie seine permanenten Liebschaften (Rivera hat auch eine mit Fridas Schwester Cristina) nicht mehr ertragen. Es folgte die Scheidung, die Flucht in den Alkohol und in unzählige Affairen, u.a. mit Leon Trotzki, der mittelamerikanischen Sängerin Chavela Vargas, mit Heinz Berggruen, der damals noch am Anfang seiner Kunstsammler-Karriere stand und mit dem Fotografen Nickolas Muray. Mit Letzterem war sie viele Jahre zusammen und er hat wunderbare und sensible Fotos von ihr gemacht – einige davon sind auch in der Ausstellung zu sehen. 1939 war zierte eines sogar das Titelblatt von Vogue.

Ungeachtet all ihrer Affären kam sie trotzdem nicht los von diesem egoistischen, bulligen und dann wieder liebevollen Rivera und heiratete ihn 1940 ein zweites Mal.  Das Leben an seiner Seite war für beide wie das Wandern auf einem Vulkan: aufregend und gefährlich. Es gibt Bilder aus der Zeit, die sie von ihm und er von ihr gemalt hat, die genau das ausdrücken. Er blieb aber bis zuletzt bei ihr. Ob sie 1957 wirklich an einer Lungenembolie gestorben ist oder ob es Selbstmord war, steht nicht fest. Sätze wie „Das Leben insistiert meine Freundin zu werden, das Schicksal hingegen meine Feindin“ oder „Wozu brauche ich Beine, wenn ich Flügel zum Fliegen habe“ zeugen von ihrem Hin- und Hergerissensein zwischen Tag und Nacht, Himmel und Hölle. „Ich bin nicht krank, ich bin kaputt. Aber ich bin glücklich, solange ich malen kann“ sagte sie 1953 noch dem Time Magazine. Kahlo lässt den Betrachter ungeniert in ihr Leben blicken. Sie breitet es vor ihm aus, das Publikum ist ihre Therapie geworden.

Frida Kahlo ist heute mexikanisches Kulturgut. Sie war so frei wie sie eingeschlossen war: in Korsette – psychologische und physische – und in ihrer Liebe zu Rivera, der sie ständig betrug, dann die konservative Mentalität im katholischen Mexiko. Wobei ihr unkonventionelles und leidenschaftliches Leben, ihre Krankheit, der Unfall, das Leben mit Diego Rivera, ihr extravagantes Auftreten, wie sie ihre Haare richtete oder wie sie sich kleidete, das Herausstellen ihrer Indio-Herkunft (obwohl das schon an Provokation grenzte – was damals überhaupt nicht erwünscht war) und ihr hingebungsvoller Nationalismus (sie hatte sogar über längere Zeit ihr Geburtsdatum auf 1910 – Jahr der Revolution – gelegt) und ihre politische Figur (ihr Verhältnis mit Leon Trotzki) spielen sicher auch eine nicht unbedeutende Rolle!

Echte Anerkennung fand sie allerdings lange nicht. Zu Lebzeiten war ihr Name immer an den ihres berühmten Mannes gebunden – erst nach ihrem Tod wurde sie für die einsetzende internationale Frauenbewegung entdeckt. Frida war vor allem eine exotische Blume am Knopfloch des großen Diego Rivera, schrieb Karen Genschow in der Biografie über Frida Kahlo. Jetzt hat sie ihn endlich abgeschüttelt.

Diego Rivera hat sie aber als Künstlerin trotzdem sehr respektiert und hat folgendes über sie gesagt:

Frida ist die erste Frau in der Kunstgeschichte, die mit absoluter und hemmungsloser Freimütigkeit und auf eine schonungslose und gleichzeitig gelassene Art die allgemeinen und besonderen Umstände, die ausschließlich Frauen betreffen, ausgefochten hat“.

Die letzten Jahre ihres kurzen Lebens hat sie sehr viele Stillleben gemalt. Einige sind hier auch ausgestellt, wie Die Braut die sich beim Anblick des offenen Lebens erschreckt (1943). Ihr wohl letztes Werk ist eine Zeichnung, Autoportrait mit einer Taube; sie ist s/w, die Mundpartie existiert nicht mehr und die großen Augen blicken in die Leere (sie hat es wohl gemalt nach einem Gedicht von Rafael Alberti).

Auf ihr Motto im Eingangszitat zurückkommend: Treu geblieben ist Frida Kahlo sich nur beim Schmerz, aus Liebe ist Angst geworden und aus Zärtlichkeit Frustration.

Christa Blenk

Info:

Obwohl nicht alle Exponate Meisterwerke sind und einige wie die Zwei Fridas nicht hier sind, ist es eine sehr sehenswerte Ausstellung – Frida Kahlo kennt man nach dem Besuch besser.

Rom und Genua haben dieses Ausstellungsprojekt gemeinsam erarbeitet. Kuratiert wird es von Helga Prignitz-Poda. In Rom wird sie bis Ende August zu sehen sein und ab 20. September zeigt Genua „Frida Kahlo und Diego Rivera“ im Palazzo Ducale. Das könnte für mich ein Grund werden, endlich mal in die Stadt an der Riviera mit dem guten Pesto zu fahren. Wenn man sich wirklich mit der Person von Frida Kahlo und ihrer Zeit auseinander setzen möchte, ist man eingeladen, an den unzähligen ausstellungsbegleitenden Vorträgen oder Filmvorführungen teilzunehmen.

 

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