Zwei Dichter zu Gast bei Goethe

Jeden Tag ein Gedicht!
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Christine Koschel (*1936) und Harald Hartung (*1932)  trafen sich gestern Abend (zum ersten Mal) in der Casa di Goethe und lasen jeweils aus ihren letzten Gedichtsbänden vor.

Die Eine (Koschel)  ist in Breslau geboren, floh mit ihrer Mutter 1944 in den Westen, lebt und arbeitet allerdings seit 1965 in Rom, der Andere (Hartung) ist in Herne geboren und lebt in Berlin. Beide sind Vorkriegskinder von Vatergenerationen, haben viel gemein und schreiben ganz unterschiedlich!

Christine Koschel stellte ihr letztes Werk Bis das Gedächtnis grünet vor. D.h. Eigentlich hat dies Harald Hartung anhand seiner schönen und lehrreichen Besprechung ihres Bandes in der FAZ im letzten Jahr übernommen.

Hartung verbindet ihr Erstlingswerk Den Windschädel (1961) mit dem letzten Band Bis das Gedächtnis grünet und kommt zu dem Ergebnis, dass Christine Koschel ihren Schreibstil nicht geändert habe in all der Zeit. Sie bliebe sich und ihren Worten treu „zeitbedingte Wandlungen“ mit eingerechnet. Ob das auch daran liegt, dass sie in Rom lebt und sich hier einfach nichts ändern darf, bleibt dahin gestellt. Er zitiert Nelly Sachs prophetischen Satz über ihren Debütband 1961, das „viele Blitze aus den Nächtigkeiten der Worte geschlagen“ würden.

Bachmann, Celan und Hölderlin sind ihre Vorbilder. Bachmann kann man bei vielen ihrer Gedichte förmlich spüren.

Bevor sie also ans Vorlesen geht, stellt uns Hartung noch typische Koschel-Wörter vor wie: OhrenscheinSchattenzukunftMorschrichtungStummeldasein und das berührte Zackern.

In der Schwebe; Zwitteralter; Hungerung; Exilant (Wenn ihm Heimat unter die Füße gerät – Spontan sagt Koschel bei der zweiten Lektüre auf Wunsch einer Zuhörerin „er glaubt nicht daran, er glaubt nicht an die Heimat“ – „ich sage sonst nie etwas über meine Gedichte“ fügt sie hinzu). Fast hat man das Eindruck, dass sie selber auch gerade diese Erkenntnis gemacht hat; Römischer Fluß – das hat mich z.B. sehr stark an Bachmanns Römisches Nachtbild erinnert. Sogar der Rhythmus!

Später erzählt sie dann eine Geschichte, sie sich auf der Flucht 1945 in der heutigen Tschechei zugetragen hat. „Urerlebnis mit Kind“ nennt sie es. Im Hof einer alten Bierbrauerei, wo sie sich mit ihrer Mutter versteckt hielt, standen drei große Busse (darin befanden sich zurückgelassene Waisenkinder – hat sie später gelernt). Koschel spielt im Hof und betritt einen der Busse. Was sie dort sah hat sie nie vergessen. Tote Kinder, kranke Kinder, traurig-verhungerte Kinder und vor allem blickende Kinder – „dem Blick muss ich treu bleiben“ sagt sie. Dem Blick und vielen anderen.

Am Tiber

Harald Hartung bezeichnete sich selber als „poeta privato“ und warnte gleich zu Anfang, dass seine Gedichte sehr einfach zu verstehen wären, konventionell, er liebe den Reim. Das Parkett der Lyriker hat er – schüchtern – 1970 mit dem Band Hase und Hegel betreten.

Er ist ein direkter und unverblühmter Dichter, während sich Koschel als indirekte Dichterin sieht. Sie umschreibt oder erklärt was sie sagen will, sie sagt z.B. „zackern“, wenn sie eigentlich vom sich Abrackern der Dichter auf ihrem schweren Weg reden will.

In ihrem Gedicht „Zackern“ greift sie auf ein Wort zurück, das Hölderlin während der Arbeit an seiner Pindar-Übersetzung benutzte und Paul Celan in einem späten Gedicht aufgriff. „Ein Zittern zackert dir im Leibe“. Es ist die Poesie, die so lautmalerisch „zackert“. Von ihr heißt es zuletzt, gleichsam erlösend: „im Einklang bist du frei / von Grund auf.“ Das ist die Utopie der Christine Koschel. Und so ist das, wenn das Gedächtnis grünet. (Quelle Harald Hartung, FAZ)

Hartung ist beides: Kritiker und Dichter und in beidem ist er gleichgut. Seit vielen Jahren schreibt der die allerschönsten Lyrik-Besprechungen in der FAZ. Er stellte gestern abend seinen letzten Band Der Tag vor dem Abend vor. 2003 bekam er den Würth Preis für Europäische Literatur.

Anlässlich seines 80. Geburtstag hat Felicitas von Lovenberg – ebenfalls in der FAZ – über ihn gesagt: „Wer Neues bewertet, braucht Kriterien, wer Neues schafft, braucht Freiheit. Man könnte auch sagen: „Ein Kritiker braucht Wurzeln, ein Dichter Flügel. Harald Hartung verfügt über beides:“ Sie bezeichnet ihn als „Kritiko-Poet“ in der Nachfolge von Baudelaire bis Benn.

Hartung beginnt mit dem Gedicht Drunten horcht ein Kind – Koschel wollte dann gleich wissen was für ein Kind? Ein Kind, 1935, im Ruhrgebiet, unter einem Tisch – aber auch das jetzige Kind, sagte er darauf. Seine Gedichte heißen: Gedicht mit Kontrabass (der Kontrabass muss geschrieen haben); Sommertag, 30er Jahre (Kindheitserinnerungen, Krieg); Unser Freund Anatol (es ist egal an welchen Anatol Sie denken wollen – an den von Frisch oder Schnitzler – ich denke an meinen Anatol, sagt er); Aus Sant’Angelo und Via del Corso (Rom Referenzen).

Er bewundert den italienischen Dichter Eugenio Montale, sagt er uns zum Schluss und zitiert ihn „Meine früheren Verse schrieb ich im Frack, meine späteren im Schlafanzug“. Er, Hartung, würde im Schlafanzug schreiben.

Beide Dichter fühlen sich nicht gebunden an Adornos Verdikt, dass nach Auschwitz Gedichte zu schreiben barbarisch sei. Damit gehören sie zum Bund von Celan, Nelly Sachs und auch Ingeborg Bachmann.

Gedicht mit Kontrabaß

 Mit zwei Koffern Vater und Mutter / und einem Kontrabaß / an einem Maiabend / auf einem Schützenpanzer
 über die gepanzerte / Wand auf den Platz schauen / der vom Geräusch der Flammen hallt / die aus dem Rathaus schlagen
 Am nächsten Vormittag dann / ohne Koffer und Kontrabaß / mit Vater und Mutter / in einem Straßengraben
 Das gab eine Art Haiku /  Der Panzer ist ausgebrannt / Mutter hält sich an der / geretteten Handtasche fest
 Und der Kontrabaß? Er muß geschrieen haben unter  / der MG-Garbe o Gott / er muß geschrieen haben (Harald Hartung)

Man sollte jeden Tag ein Gedicht lesen, auf diesen Satz von Goethe machte uns dann auch noch ein anderer Zuhörer aufmerksam. Das dürfte uns eigentlich bei diesen schönen Gedichten nicht schwer fallen.

Da ich den Band von Christine Koschel noch nicht habe und mir auch die Gedichte – leider – nicht merken konnte: hier das Römische Nachtbild von Ingeborg Bachmann, die ja indirekt mit diesem angenehmen Abend auch etwa zu tun hatte: Zusammen mit Inge von Weidenbaum kümmert sich Christine Koschel um den Nachlass von Ingeborg Bachmann.

Römisches Nachtbild
Wenn das Schaukelbrett die sieben Hügel / nach oben entführt, gleitet es auch,/ von uns beschwert und umschlungen,
ins finstere Wasser, / taucht in den Flußschlamm, bis in unsrem Schoß / die Fische sich sammeln.
Ist die Reihe an uns, / stoßen wir ab.
Es sinken die Hügel, / wir steigen und teilen / jeden Fisch mit der Nacht.
Keiner springt ab. / So gewiß ist’s, daß nur die Liebe / und einer den andern erhöht.  (Ingeborg Bachmann)

Am TiberAm Tiber für MK

Christa Blenk

Fotos: Serie « Am Tiber » ©Christa Blenk

 

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1 commentaire à “Zwei Dichter zu Gast bei Goethe”


  1. 0 Irmi Feldman 20 fév 2014 à 16:30

    Vielen Dank an Christa Blenk, die uns mit ihrem ergreifenden Artikel an diesem interessanten Dichterabend im Casi di Goethe teilhaben hat lassen.

    Irmi Feldman

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