Im Atelier von Paco Barón

Paco Barón se proteje del fríoFrancisco Barón  

Spanischer Bildhauer und Maler (1931-2006)

In der Küche von Paco Barón

Ich komme gerade vom Mittagessen! Wir müssen mit dem Abendessen noch zwei Stunden warten?“. Das war der Begrüßungssatz von Paco Barón als er 1 Stunde zu spät endlich ruhig und unaufgeregt auftauchte. Na ja, sagte die Gastgeberin etwas verlegen und lächelte. Schließlich war es 22.00 Uhr und die anderen Gäste warteten bereits mit Tapas und Weißwein seit einer Stunde auf ihn. Der ist ja unmöglich, dachte ich bei mir, während die anderen Gäste, die ihn offensichtlich kannten, das ganz ok fanden. Ich war sowieso eher durch Zufall heute Abend dabei und hoffte nur, dass Margit kein Soufflé als Vorspeise geplant hatte. Außer Paco Barón waren da noch ein griechischer Maler, dessen Sohn Leo, ein Medizinstudent, seine extravagante Tochter Denise, eine zukünftige Tänzerin, sowie Emanuel Borja, ein spanischer Kunstkritiker, der wohl gerade ein Buch über ihn schrieb. Man einigte sich dann auf 23.30 Uhr und gegen Mitternacht kam dann der erste Gang (kein Soufflé!). Barón stellte sich als ausgesprochen spannend und faszinierend heraus was dazu führte, dass das köstliche Essen niemand richtig würdigte und wir nach 2 ½ Std. Tortilla, Käse, Chips und Fuet-Salami eh keinen Hunger mehr hatten.

PAC1 Con Emanuel Borja

Er sah damals schon, mit knapp Mitte 50, wie ein Eremit aus, weiße lange Haare, ein weiß-graumelierter Bart, eher ungepflegt und gekleidet, als ob er grade sein Atelier verlassen hätte – was sicher auch der Fall war. Stark wie ein Bär.

Dieses entscheidende Essen fand 1984 statt und war sozusagen mein Einstieg in die Madrider Kunstszene und der Beginn einer großen Kunstleidenschaft.

Als wir alle gegen drei Uhr morgens das Abendessen verließen, lud er uns – als Revanche – in sein Studio ein, das sich damals noch am nördlichen Stadtrand von Madrid befand. Ende der 80er Jahre hat er sich dann aus der Stadt zurückgezogen und ein riesiges altes – halb verfallenes – Haus ca. 60 km von Madrid (in Camarma, hinter Alcalá de Henares) – gekauft. Das ehemalige nur von Bäumen umringte Herrenhaus, das auf einem Hügel thronte und von dort aus die Untergebenen beaufsichtigte, die nun aus Bronze oder Holz bestanden, hatte sicherlich 15 Zimmer. Dazu kamen noch die verfallenen Dependancen und ein ca 20 m langer rechteckiger Hangar, den Paco für die « kleineren » Werke errichtete. Im Sommer war es dort so glutheiss wie es im Winter eiskalt war. Im Obergeschoss nisteten tausende von Tauben und seine einzige Panik war, dass die Decke eines Tages dem Taubendreck zum Opfer fallen würde.

PAC3 Paco Barón bei der Arbeit – Atelier

Bei unseren nächsten Besuchen, die so halbjährlich stattfanden, sollten wir Zeugen werden, wie jedes Mal ein Zimmer der Kunst zum Opfer fiel und sein « Atelier » immer größere Ausmaße annahm. Allerdings wurden die oberen Zimmer unnutzbar, weil die großzügige Treppe ebenfalls jedes Jahr baufälliger und gefährlicher wurde. 

Bei unserem ersten Besuch 1990 gab es noch so etwas wie ein Wohnzimmer und eine Küche und eine Art Schlafzimmer. Später konnte man nicht mal mehr in der Küche einen Platz finden, um Essen zu kochen, selbst der Kühlschrank war zweckentfremdet und voller Klebstoff, Nägel und vielleicht noch Hundefutter. Wir haben daraufhin immer unser Essen, unser Geschirr, unserer Gläser mitgenommen und vermieden, in der kalten Winterzeit zu ihm zu fahren. Wenn er in dieser faszinierenden Fast-Ruine im Winter die 10 Grad-Grenze überschritt, dann war das schon gut. Man kann das Gefühl gar nicht beschreiben, das einem beim Ankommen durchlief. Das riesige leicht erhöhte Haus vor uns, Hunde rannten herum, ein riesiger Kran zierte die Einfahrt, überall Baumaterialien und Steine, halbfertige Skulpturen, im Hintergrund eine riesige rote Skulptur.

Paco Barón rote Skulptur

Er bewegte mit seiner Leonardo Technik Tonnen von Stein und Marmor ohne Hilfe. Es war unglaublich und beeindruckend und niemand konnte verstehen, wie er so leben konnte. Alles war bei ihm Kunst und alles machte er zu Kunst. Einmal hat er auf der Straße einen toten Esel gefunden, kurzerhand warf er ihn auf seinen pick up und brachte ihn nach Hause. Dort wurde er dann „verbronzt“.

PAC2 Cesar und der Esel aus BronzePAC4

Er war der größte Individualist den ich je getroffen habe. Man könnte ihn auch als Egoisten bezeichnen, das wäre aber falsch, er konnte nicht anders als seinen eigenen Rhythmus und seine leidenschaftliche Langsamkeit auszuleben. Ich erinnere mich an einen Ausflug mit ihm und Emanuel Borja nach Cuenca. Dort hatte er eine Skulptur in einer Kirche untergebracht nach der er sehen wollte – vielleicht gab es aber auch einen anderen Grund. Allein die Abfahrt zögerte sich Stunden hinaus, da er bei unserer Ankunft noch nicht fertig war und die Gelegenheit, aus seiner Einöde auszubrechen nutzen wollte, um noch 100 Zivilisationsprobleme zu lösen. Während wir bei Paco in seinem Haus weilten, tickten die Uhren anders, Gegenstände und Menschen bekamen eine andere Bedeutung. Eingefangen in seiner Anhäufung von allen möglichen Werkzeugen, Materialien, Halbfertigem, Angefangenem, Verrostetem, Verdorbenem, Marmor, Stein, Eisen, Bronze, Holz, verkohlten Stämme, kleinen Multiples – horror vacui überall in dieser wahnsinnigen Einsamkeit, wurden  Besucher bis ins Innere erschüttert. Das  ganze Konglomerat von Ställen und Häusern war das eigentliche Kunstwerk. Sein Leben, manieristisch und surreal, seine Person, ein Kampf mit und gegen sich selber und die Elemente.

Er war überhaupt nicht eitel und wenn man seine Verachtung zu spüren bekam, dann war das hart. Gesellschaftliche Positionen von anderen interessierten ihn nicht (was sich nicht immer positiv auf seine Künstlerkarriere auswirkte). Einmal ließ er einen sehr hohen Funktionär vom Kultusministerium stehen mit den Worten:  „Sie sehen doch, dass ich gerade beschäftigt bin, kommen Sie später nochmals“. Er erklärte gerade zwei Kunststudentinnen in einer Galerie in Madrid seine Arbeit!

PACOB2Paco BaróndibujosPaco 003

Autoportrait; Multiple aus Bronze; Skizze

Als junger Mann hat er in England Henry Moore getroffen, das hat ihn und sein Werk geprägt, soweit bei ihm Einflüsse von außen überhaupt möglich waren. Seine zerlegbaren Bronze-Multiples sind wunderschön und man will sie besitzen. Manches war schrecklich, manches kommerziell, wofür er kritisiert wurde, aber davon lebte er, so wie früher Bernini den Papst in Marmor verewigte oder Vermeer Portraits von reichen Bürgern fertigte.

Emanuel Borja hat ihn sehr sehr gut gekannt und einige Ausstellungskataloge über ihn geschrieben.

Paco Barón in Pacos Garten (mit Irmi und Emanuel Borja)

Ein Auszug aus Borjas Tagebüchern vom Frühjahr 1992:

Wir nähern uns seinem Haus und wollen mit ihm zu Mittag essen (wir haben alles dabei, andererseits laufen wir Gefahr, vergiftet zu werden). Unglaublich Paco, wie immer. Eine Naturgewalt. Er erzählt mir während meines Besuches bei ihm in seines enormen Hauses, hinter dem ein Riesenkran aufgebaut ist, dass er bis zu 7 Tonnen damit alleine bewegen könne. Er will eingekerbte Eisenblöcke eingraben und sie dann in der Erde verankern, sie bis zum Glühen erhitzen und sie dann mit dem Kran „dehnen“ , um zu sehen, was dabei herauskommt. Ich setze mich ein wenig in die Sonne, um seine Worte festzuhalten. Das ist nicht das Haus eines Bildhauers, sondern das ganze Gebäude ist eine Skulptur. Paco ist in jeder Ecke. Sein Leben ist nicht das Leben eines produzierenden Bildhauers sondern ein unvollendetes Werk in Arbeit . Eine Müllhalde und eine Schöpfung. Die radikale Einsamkeit des Paco Barón macht einem fast Angst.“ Ende Zitat

Christa Blenk 

Fotos: ©Christa Blenk

 

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2 commentaires à “Im Atelier von Paco Barón”


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  1. 0 Jean-Noël 30 déc 2013 à 7:50

    Bel article sur un vrai artiste que je n’ai malheureusement pas connu.

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