Romaeuropa Festival Special – Die Wohlgesinnten

Romaeuropa Festival Special - Die Wohlgesinnten dans Theater sanlorenzo2-010-150x150Album  Street Art (fotos: © christa blenk)

Die Wohlgesinnten

Krieg ist Krieg und Schnaps ist Schnaps

Barockmusik und griechische Mythologie: Ein Stück für drei Schauspieler und einen Sänger.

Im Hintergrund läuft ein großflächiges Video. Wir sehen eine Wald-Wiesen-heile-Welt Landschaft, in der ab und zu ein Spaziergänger auftaucht. Das Vogelgezwitscher bilden wir uns – wie auch das Picknick – ein.

p1120667-150x150 dans Theater foto: cmb (Bühnenbild)

In der Mitte steht ein großer Scheinwerfer. Rechts ein umgekipptes Piano. Verschieden große Klavierhocker liegen rum, die dann im Laufe der dreieinhalb stündigen Aufführung ständig bewegt und umgedreht werden, oder als Möbelstück Verwendung finden. Links von uns ein Mikrofon, ein Tisch und ein Sessel.

Der italienische Countertenor Maurizio Rippa bewegt den blendenden Scheinwerfer – zum Verhör rufend und immer auf die Kabel achtend – auf uns zu und zwingt uns, erst einmal wegzusehen. Will Antonio Latella damit auf die Wegseher und Mitläufer anspielen? Die drei Protagonisten tragen übergroße Sackos. Una (Barbara Horvath) liegt verquer auf dem Pianodeckel. Thomas Hauser (Steffen Höld) sitzt, eine Zigarette rauchend, und verhört Maximilian Aue (Thiemo Strutzenberger) zu dem Zwischenfall auf der Brücke: einem wohlbekannten Homo-Treff in Berlin.

sanlorenzo2-008-150x150 Thomas und Max repräsentieren die zwei Seiten des Bösen. Kür wird zur Pflicht und umgekehrt. Ein Ober- oder Hauptbösewichti wird nicht definiert und beide sind  nur Handlanger. Ein Mythos der deutschen Disziplin „jemand muss es tun“. Thomas der Macher, Opportunist und Wendehals und Max der feige, pseudo-intellektuelle Mitläufer und Pflichttuer „der Zuschauer ist genauso schuldig wie der Täter“. Man versteht nicht genau, warum Latella auf das altbewährte Beeindruckungs-Mittel zurückgreift und ihn ständig schreien lässt. Im Buch ist Aue ein eiskalter, unbeteiligter und zynischer Existenzialist, alles nur kein Humanist, Mitglied der Sicherheitsdiensts und SS-Offizier, der über den deutschen Vernichtungsfeldzug in Osteuropa aus der Sicht des Täters referiert, der bei Massenexekutionen wegsieht, aber nicht aus Mitleid, sondern weil es sein Magen nicht gut verträgt. Obendrein geht durch das Geplärre viel Text verloren. Thomas hingegen verzeihen wir seinen Ausbruch, wenn er über die Wehrmacht herzieht, er ahnt hier schon, welche Vorwürfe ihm in ein paar Jahren gemacht werden würden. Vielleicht beschließt er hier schon, sich abzusetzen, sobald eine Niederlage abzusehen sein wird (ich habe mir die Kleidung eines französischen Arbeiters besorgt, wird er später sagen). Immer Fiktion und Realität mischend, oder auch nicht! Pylades schickt Orest in das Grauen, folgt ihm aber und taucht immer dann auf, wenn Orest am Boden liegt. Mit Schnaps und den richtigen Worten richten sie sich wieder auf und bekräftigen sich gegenseitig, dass es nur diese Lösung gibt. Dann marschieren sie weiter, in dem sie intensiv und gewaltig sitzend die Füße im Schritt bewegen. Barbara Horvath ist besonders gut darin. Sie macht Extremsport.

Nach der Pause geht es fast nur noch um die Inzestgeschichte mit seiner Zwillingsschwester Una (Elektra), die mit ihrem Mann in einem großen Haus in Pommern lebt und von all dem eh nichts mitkriegt « Uns geht es gut », sagt sie. Dieser Teil ist entschieden zu lang und das Publikum klinkt sich ein wenig aus. Sehr gelungen allerdings die Szene, in der Max mit einem feindlichen perfekt deutsch-sprechenden General zum intellektuellen Schlagabtausch in einem Zimmer eingeschlossen ist (er spielt genial zwei Personen, die sich nur durch Beine überschlagen unterscheiden) und Thomas für uns mitzählt, wie oft Max lächelt. Barbara Horvath sitzt im schicken hell-beigen Hosenanzug neben ihm und bewegt nur den Kopf, je nachdem wer von den beiden gerade redet oder lächelt.

Zwischendurch darf Maurzio Rippa schöne Barockarien singen (aus der Heros CD von Andreas Scholl). Dieses fügt sich gut in die Aufführung ein und wir erholen uns ein wenig vom Geschrei. Schließlich heissen Littells Kapitel: Toccata, Allemande, Courante, Sarabande, Menuett, Air, Gigue. Einmal sagt Thomas sogar „ich würde gerne mal wieder französische Musik hören, vielleicht Rameau: bei uns gibt es immer nur Wagner, ich hasse ihn.“

Jonathan Littell hat sich den Titel Die Wohlgesinnten aus der Orestie von Aischylos ausgeliehen. Die Rachegöttinnen, die Erinyen, bekommen darin den Namen der Eumeniden (Die Wohlgesinnten), und sollen beschwichtigen. Wen? Den Leser, die Opfer, die Nazis? Nachdem alles vorbei ist, nimmt Max Gebrauch von seiner französischen Staatsbürgerschaft, wird braver Bürger und leitet eine Spitzenfabrik, heiratet eine Frau aus guter Familie und bekommt Zwillinge. Immer ohne einen Hauch von Emotionen.

Auch wenn wir ein wenig genervt nach knapp vier Stunden das Theater verlassen, verdienen die drei Schauspieler auf jeden Fall unseren Respekt, sie haben – auch physisch – eine enorme Leistung erbracht. Die Reaktion des Publikums war aber eher lauwarm. Es hat erst richtig applaudiert, als Latella auf die Bühne kam, schießlich sind wir ja in Rom. Die Untertitel waren nicht immer text-konform und jemand, der das Buch nicht gelesen hatte, war sicher ein wenig verloren!

Der Italiener Antonio Latella hat im Oktober 2013 Die Wohlgesinnten für das Schauspielhaus Wien inszeniert und brachte das Stück zum Romaeuropa Festival 2013. Der italienische Text ist von Federico Bellini.

p1120665-150x150 Plakat der Wiener Aufführung

Christa Blenk

 

 

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