Le Gois

 

 

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TEXT FUER KULTURA EXTRA

Mitten im Meer

Die Insel Noirmoutier liegt unterhalb der Bretagne, im Norden der Vendée und für ein paar Stunden am Tag kann man sie über den Meeresgrund erreichen. Die « Passage du Gois » ist eine befahrbare, fast 5 Kilometer lange Furt und führt vom Festland auf die Insel Noirmoutier. Bei Flut ist diese kleine Straße bis zu 3 m komplett vom Meer überflutet. Bei einer Springflut kann das Wasser sogar bis zu 4,5 m steigen. “La grande Marée” (eine Superflut) ist das Zauberwort und sie wird erwartet wie sonst nur noch Weihnachten. In diesem Sommer war der höchste Gezeitenkoeffizient für den 23. August angekündigt: nämlich 109! Wenn man bedenkt, dass der höchste Koeffizient bei 118 liegt, dann war das eines der highlights in diesem Jahr (normalerweise bewegt er sich zwischen 50 und 90). Eine Woche später, am 30.8., wird er auf 33 fallen.

Schon knapp 2 Stunden vor dem Tideniedrigwasser ist das Meer nur noch ein enormer nicht enden wollender Schlammfleck am Horizont und die Autos (und Muschelsammler) liegen in den Startlöchern bis jemand das « go » gibt. Einige mutige Abenteurer, die keine Angst vor Rost haben, sind sogar schon auf dem Gois, bevor das Wasser ganz weg ist und fahren in Zeitlupe weiter. Wir sehen vom Land aus, wie das Wasser an den Rädern ihrer Autos hoch spritzt. Leichtsinnig!

Meeresströmungen aus allen Richtungen waren voraussichtlich für die immensen Sandmengen, die sich schon im Quartär zwischen Insel und Festland festgesetzt haben, verantwortlich. Legenden und Geschichten gibt es viele über den Gois. Über die Jahrhunderte hindurch erzählte man sich, dass man bei großer Ebbe zu Fuß die Insel Noirmoutier erreichten könne. Versucht wurde es sicherlich schon früher, jemand erwähnte sogar, dass die Römer bis auf das kleine Eiland zu Fuß vorgedrungen seien und man sagt, dass der Hl. Philibertus aus Burgund schon im Mittelalter versucht hätte, Polder dort anzulegen. Im Jahre 1702 wollte es ein französischer Marschall genau wissen. Er setzte eine Belohnung aus und drei Inselbewohner waren bereit einen Versuch zu starten, bei großer Ebbe den Gois zu Fuß zu überqueren. Er selber hat wohl nicht sehr an diesen Mythos geglaubt und ist vorsichtshalber mit dem Boot gefahren. Nach 1,5 Std. kamen die tapferen Wanderer am Festland an, kassierten Glückwünsche und Belohnung, um sich auch gleich wieder auf den Rückweg zu machen.

In der Französischen Revolution, genauer gesagt im Vendée-Krieg, war die Insel Noirmoutier ein Zufluchtsort der katholischen Royalisten, viele ihrer Verfolger wurden beim Marsch auf die Insel von der Flut erfasst und kamen darin um. Meistens wurde die riskante Überquerung über Sandbänke zurückgelegt. Später hat man dann Fundamente angelegt und die Sandbänke miteinander verbunden. Sie bilden immer noch die Grundlage der jetzigen Fahrbahn. Von 1935 bis Kriegsbeginn wurde der Weg mit Platten belegt und später dann asphaltiert. Die Wehrmacht hat den Gois auch genutzt, sowohl bei der Besetzung 1940 als auch beim Rückzug 1944. Während dieser Zeit war die Insel nur per Passierschein zu erreichen.

Mittlerweile stehen auf beiden Seiten Warntafeln in drei Sprachen, diese kündigen elektronisch an, ab wann eine Passage gefahrlos möglich ist. Bei großer Ebbe ist der feuchte morastige weiche Schlamm voller Krabben und Muscheln und wird für Hunderte zum kostenlosen Fischmarkt. Man kann nicht widerstehen, sich unter die Muschelsucher zu mischen, die mit Eimern, kleinen Schaufeln und Gummistiefel bewaffnet, ihr Abendessen aus dem Schlick holen. Zwischen den Sammlern fahren dann – auf dem Meeresgrund – die Traktoren der Austernfarmer, die ihre Ernte nur bei Ebbe einbringen können.

Dann und wann kommt es aber trotzdem zu Unfällen, vor allem wenn ein eifriger Sammler die noch verbleibende Zeit vergisst. Für diese Gestrandeten sind alle paar Meer hohe Stangen mit Sprossen aufgestellt, auf die man flüchten kann, bis das Wasser wieder verschwindet. Im Volksmund sind das die Papageienmasten ( « mâts de perroquets »).  Das Auto, freilich, wird unbrauchbar und manchmal nachts von Tauchern”geleert”.

Mit der Zeit wollten aber immer mehr Menschen auf diese attraktive kleine Salzinsel bzw. deren Bewohner aufs Festland. 1970 zählte man ca. 900 000 Überquerungen und die Nutzung nur ein paar Stunden pro Tag reichte nicht mehr aus. So wurde 1971 eine Brücke gebaut. Seitdem ist die Insel Noirmoutier, die ausgezeichnetes « Fleur de Sel » produziert, ein noch beliebteres Ausflugsziel geworden und der Gois für alle Gourmets (und Gourmands) ein “must”. Lokale Wettrennen werden auch veranstaltet. Der Rekordhalter ist seit 1990 nicht übertroffen worden, sagt man. Er hat den  Übergang in 12 Minuten und 8 Sekunden geschafft.

Ein paar Kilometer weiter Richtung Süden am Ende der kleinen Ortschaft “Notre Dame de Monts” gibt es den Pont d’Yeu (er soll einer anderen Legende nach auf die Insel Yeu führen – das hat aber noch niemand getestet, da die Insel ca 40 Minuten Fahrtzeit mit der Fähre vom Festland entfernt ist). Bei einem Gezeitenkoeffizienten von über 100 kann man aber leicht auf die ca. 2 km entfernte vorgelagerte Insel gehen und sich dort seine Abendmahlzeit sichern. Nach ca. 300 m verwandelt sich der weiche zauberhafte Sandstrand allerdings in einen sehr steinigen und unwirtlichen Weg, den man nur mit Schuhen begehen kann. Wenn man schnell ist und keine Angst vorm Nass hat, kommt nach nach ca. 3500 Meter an das hintere Ende der Insel. Dort angelangt, empfiehlt es sich aber, nicht allzu lange nach Muscheln zu suchen, sonst muss man die letzten 500 Meter bis zur Taille im Wasser waten, immer mit der Angst, dass die Beute wieder ins Meer zurückkehrt.  (Und wer kein Glück hat, kann sich die Muscheln immer noch schnell auf dem Fischmarkt von Notre Dame de Monts kaufen).

Christa Blenk

 

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