Herzog Blaubarts Burg

Herzog Blaubarts Burg dans Musique Monument-Valley-150x150Artist: Anna Romanello

Béla Bartók (1881 – 1945) hat diese Oper – seine einzige – im Alter von 30 Jahren  geschrieben, also 1911. Er hat die Unruhen und die Tragödien, die im Anrollen waren,  vorausgeahnt. Hören wollte das Werk damals niemand. Die Zeit  war 1918  erst reif dafür – nach dem Großen Krieg! Herzog Blaubarts Burg wurde im Mai an der Budapester Oper uraufgeführt. Am Pult stand der Italiener Egisto Tango, der damals Chefdirigent an der Budapester Oper war. Jetzt passte sie plötzlich, zum grausamen Bild, das die Welt 1918 darbot. 1922 kam sie dann auch nach Frankfurt. Bartók hat – wie in all seinen Kompositionen – Elemente ungarischer Volksmusik eingebaut. Diese, zusammen mit den Einflüssen von Strauss (auch Wagner) und Debussy, unter denen er 1911 noch stand, ergeben die Zaubermischung zwischen romantischen  und impressionistischen Bildern. Fest im Repertoire der großen Opernhäuser ist sie allerdings erst seit 1945. Blaubarts Burg ist eigentlich ein langes Duo, eine Unterhaltung zwischen zwei Sänger (Bass und Mezzo – schon das lässt Grauen erahnen!) – Judith und der Herzog – und sieben Türen, den Rest macht die Musik.

Die Handlung ist eigentlich ganz einfach. Judith verlässt ihre Familie, um zu Herzog Blaubart auf seine Burg zu ziehen. Von der zentralen Halle führen sieben schwarze Türen irgendwo hin. Zuerst akzeptiert Judith, dass diese verschlossen sind, aber peu à peu überwiegt die Neugier und sie veranlasst ihren Herzog nach und nach eine Tür zu öffnen. Hinter der ersten Tür sieht sie eine Folterkammer, die Wände voller Blut. Komischerweise erschrickt sie aber gar nicht. So als ob sie nichts anderes erwartet hätte. Zwischendurch immer wieder die psychoanalytische Frage « Hast Du Angst »? Richtig antworten darauf tut sie nicht, aber Angst hat sie jedenfalls keine. Gleich nimmt sie die nächste Hürde und öffnet die zweite Tür, diese führt zur Waffenkammer. Auch kein Drama. Auf ein Schloss gehören Waffen. Hinter der dritten Tür findet Judith all die Reichtümer ihres Gatten, ist sichtlich entzückt und setzt sich auch gleich eine Krone auf, die sich sofort  rot färbt. Hinter der vierten Tür erscheinen schöne Blumen und Vegetation, Judith bewundert sie und reagiert mittlerweile mit weniger Schrecken auf das Blut. Genauso nach der fünften, die Blaubarts Ländereien zum Vorschein bringt. Ohne Angst geht Judith weiter – zurück kann sie nicht mehr  – und auf Blaubarts Bitten, die letzten beiden Türen verschlossen zu lassen, reagiert sie nur noch mit mehr Neugier.  Sie wird immer mutiger, selbstbewusster und herrschsüchtiger, er immer verzweifelter, fast verloren. Hinter der sechsten Tür erscheint ein großer See, es ist ein  « Tränensee », erklärt Blaubart. Das Licht verschwindet und aus der siebten Tür kommen Blaubarts frühere Frauen – die ihr zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie sind nicht tot aber auch nicht lebendig! Sie repräsentieren die drei  Tageszeiten – wie Blaubart ihr erzählt. Für Judith bleibt  nur noch die  finstere Nacht übrig. Sie nimmt den  Sternenumhang und  verschwindet hinter der Tür. Blaubart ist wieder alleine in der Finsternis.

gerardo5-150x150 dans Musique artist: Gerardo Aparicio « diccionario de un tirano »bb1-150x150

Psychologisch gesehen gibt das Thema sehr viel her. Bartok hat es in einer Zeit geschrieben, als Sigmund Freud schon sein Frühwerk « Traumdeutung » veröffentlicht hatte.  Traum oder Wirklichkeit? Die Türen waren – wenigstens physisch – leicht zu öffnen, obwohl Blaubart sich verbal dagegen wehrte. Judith hatte Gerüchte über Blaubart und seine Burg gehört, die Neugierde war aber stärker als die Angst. Sie konnte nur vermuten, was sich hinten den verschlossenen Türen befand. Alle Vermutungen und Gerüchte haben sich aber bewahrheitet. Was war ihr Preis? Wir wissen es nicht. Bartok lässt es offen!

Das Libretto stammt von Béla Balás (1884.1949), ein ungarischer Dichter und Filmkritiker, ein Zeitgenosse von Béla Bartók. Er hat sich wohl von einer Legende von Charles Perrault inspirieren lassen, der im 17. Jahrhundert eine Geschichte über die « Neugierde und den Ungehorsam der Frauen » schrieb. Perrault wiederum griff auf ein Thema im 15. Jahrhundert zurück, nämlich auf den französischen Serienmörder Gilles de Rais, der ein Schloss in der Nähe von Nantes bewohnte und angeblich über 100 Jugendliche und Kinder, vor allem Mädchen, umgebracht haben soll. Er wurde Mitte des 15. Jahrhunderts gehängt. Da die Vendée aber immer schon der katholischste Flecken in Frankreich war, wurde ihm wohl verziehen, da er – schon am Galgen – seine Taten bereute und alle um Entschuldigung bat. In Perrault’s Geschichte, hinterlässt Blaubart Judith die Schlüssel weil er dringend weg muss. Den Hinweis, auf keinen Fall die Tür zu öffnen, vergisst sie schnell. Tut es und findet einen Raum voller Blut wieder, vor Schreck lässt sie den Schlüssel in den Blutsee fallen. Das Blut lässt sich nicht mehr abwischen und Blaubart erkennt ihr Fehlverhalten nach seiner Rückkehr. In Perrault  Stück  stirbt Judith nicht, sie schafft es – auch wieder mit Beten – die Ankunft ihrer Brüder abzuwarten, die den blutrünstigen Herzog dann töten. Judith’s Satz während sie betet und immer wieder aus dem Fenster schaut  « meine Schwester Anne, siehst Du schon was » kennt in Frankreich jedes Kind. Aber Geschichten um Blaubart und seine Frauen gibt es massenhaft. Heinrich VIII von England war auch einer – er hat immerhin sechs seiner Frauen ermorden lassen, darunter Anne Boleyn, die Mutter von Elisabeth I. Der Italiener Carlo Collodi, der Erfinder des Pinocchio, hat sich Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls  mit dem Thema befasst. Filme darüber gibt es auch – die meisten sind allerdings schlecht! Hervorzuheben vielleicht der von  Ernst Lubitsch « Blaubart’s achte Frau » aus 1938 mit Claudette Colbert und Gary Cooper.

Bild3-150x112 artist: Thomas Kern « Têmpete sur Venus » oder Blaubarts Burg

Balás ging nach dem Krieg zuerst nach Wien und später  nach Berlin, traft dort mit Bertold Brecht zusammen, mit dem er allerdings  größere Unstimmigkeiten hatte  wegen einer Dreigroschenoper-Verfilmung und schrieb u.a  für Leni Riefenstahl das Drehbuch zu ihrem Regiedebüt « Das blaue Licht. 1933 ging er – auf Einladung – nach Moskau, wo er bis 1945 bliebe (als Jude und Kommunist konnte er nicht mehr nach Berlin zurück). Nach dem Krieg zog er wieder nach Budapest,  wo 1947 einer seiner bekanntesten Filme « Irgendwo in Europa » entstand. 1947, kurz vor seinem Tod, erschien sein autobiografischer Roman « Die Jugend eines Träumern ». Balás hat sich viel mit Karl Jaspers beschäftigt.

Das ungarische Kulturinstitut zeigte  am Donnerstag Abend anlässlich des italienisch-ungarischen Kulturjahres  den Film von Miklós Szinetár. Georg Solti dirigierte und die Judith wurde  von der Mezzo Silvia Sass (wunderbar und intensiv) gesungen, die bei der Präsentation anwesend war und sehr charmant über ihre erste Begegnung mit Solti und das Blaubart-Projekt, die Kälte im Keller und das Feuer, das ihr Kleid fing,  erzählte. Der Film, der 1981 entstand, ist sehr expressionistisch (wir fühlen uns in die Stummfilmzeit von Murnau zurückversetzt) und gelungen. Wie sagte Zoltan Kódaly als es darum ging, ob man Blaubarts Burg Oper nennen durfte oder ob es eine Szenische Sinfonie sei. « Wie auch immer, am Ende bleibt nur der Wunsch, es gleich nochmal zu hören ». Er hat recht. Am Freitag Abend wird das Werk – auch wieder im Palazzo Falconieri, in dem wunderschönen Palast in der Via Giulia, konzertant aufgeführt. Ich bin schon ganz gespannt, wie das gehen wird, nur mit Piano!

Nachklapp nach dem Freitag: Am Piano die Japanerin Ryoko Tajika Drei, die ein ganzes Orchester ersetzt hat. Judith war Bernadett Fodor und Blaubart war Krisztián Cser. Die beiden Solisten haben sich gut geschlagen. Neben mir sass Silvia Sass (sie war Judith in Film von gestern), die das ganze organisiert und auch die Einführung gesprochen hat). Sie hat jede Note leise mitgesungen und mitgespielt! Am Schluss hat sie dann auch – repräsentativ, weil es ja konzertant war, Judith in die Dunkelheit geführt. Das war sehr theatralisch!

Christa Blenk

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