Refuse the Hour – William Kentridge

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« Undo », « Unsay », « Unsave », « Unremember », « Unhappen »

Kann man der Zeit entkommen? Sie umdrehen? Sie zurücklaufen lassen?

William Kentridge stellt sich und uns diese Fragen und hat deshalb dieses großartige philosophische Opern-Werk zwischen Ballet, Theater, Wissenschaft und Vorlesung, durch das er selber führt, geschaffen.

Während die Zuschauer noch ihre Plätze suchen, kommen die Musiker entspannt und gemütlich auf die Bühne und nehmen ihre Plätze hinter den Instrumenten ein. Blech, Harmonium, Perkussion, Piano, Geige. William Kentridge kommt heraus, wie immer mit schwarzer Hose und weißem Hemd. Er geht zum Pult und wartet bis er dran kommt. Dann geht das Licht aus und es geht los. Über der Bühne hängt ein zerlegtes, mechanisch angetriebenes Schlagzeug. Klöppel, Klänge, Metronome, Es tönt, klackt und schlägt – jedes Gerät in einem anderen Rhythmus und doch zusammen.

Akrisios, der König von Argos, hatte keinen Sohn. Auf die Frage an das Orakel nach einem Erben sagte ihm dieses, dass er durch den Sohn seiner Tochter Danae den Tod finden würde. Daraufhin sperrt der König Danae ein. Nach einer « Begegnung » mit Zeus, der in Form von Goldregen (durch ein Loch im Dach oder durchs Schlüsselloch, so genau weiß man das heute nicht mehr) zur ihr ins Verließ kam, gebar diese einen Sohn, Perseos. Akrisions, der nicht an Wunder glaubte, verdächtigte sofort seinen Bruder Proitos. Der Streit endete blutig. Akrisios setzt beide, Mutter und Sohn, in einen Korb und lässt diesen aufs offene Meer treiben. Die beiden werden aber an die Küste der Insel Seriphos gespült und von Fischern aufgenommen. Perseos wird erwachsen und nach vielen Abenteuern – u.a. enthauptet er die schreckliche Medusa mit Hilfe von Athene, den Flügelschuhen und dem glänzenden Bronzeschild – kehrt er nach Hause zurück. Als er von dem Orakelspruch erfährt beschliesst er, nach Argos zu gehen um seinem Großvater zu versichern, dass dieser vor ihm sicher sei. Akrisios hört, dass Perseos auf dem Weg zu ihm ist und flüchtet – verkleidet als Bettler. Die beiden treffen zufällig in Larisa zusammen, ohne sich natürlich zu erkennen. Perseos nimmt dort an Wettspielen teil, genauer gesagt, am Diskuswerfen. Und weil der Mythos will dass er der Beste ist, trifft seine Scheibe den sehr weit weg stehenden Akrisios und tötet ihn.

Mit dieser Lektüre von Kentridge beginnt die Aufführung. Kentridge, der damals 8 Jahre alt war, saß mit seinem Vater im Zug und dieser erzählte ihm die Geschichte von Danae und Perseos. Er erinnert sich an seine Verzweiflung und seine Fragen « Warum ist Akrisios geflüchtet », « Warum musste er in Larisa anhalten? », « Wieso stand er genau zu diesem Zeitpunkt als Perseos die Diskusscheibe warf, dort wo er stand », « Warum hat er sich als Bettler verkleidet », warum, warum warum! 1000 Fragen. Die Unmöglichkeit, etwas rückgängig zu machen. Er will die Zeit zurückdrehen um Akrisios zu raten, in aller Ruhe zu hause auf seinen Enkel zu warten. Schicksal, unglückliche Zufälle, Vorhersehung!
Die Zeitungen sind voll mit solchen Geschichten!

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Auf der Bühne stehen nun drei Riesenmetronome, die von drei Tänzern/Sängern mit Megaphonen (manchmal umgedreht, d.h. es wird in die große Öffnung gesprochen und die Worte bleiben drin) zum funktionieren angetrieben werden, oder zum Anhalten?. Eine bizarre riesengroße konstruktivstische Holzskulptur erinnert an Charlie Chaplins « Modern Times » und die perpetuelle Bewegung. Im Hintergrund läuft eine Video, in dem eine El Lissizky Skulptur ebenfalls abgehackte und unkontrollierte Bewegungen unternimmt. Wir lesen Slogans wie « Anti-Entropy » und « Give us back our Sun ». Große Uhren stehen auf der Bühne und hängen an der Wand, einige ruhen, die anderen rennen, Filmrollen liegen rum. Zwischendurch Einblendungen von Kentridges ephimeren Kunstwerken. « Undo », « Unsay », « Unsave », « Unremember », « Unhappen. Er meditiert – unterstützt durch die fantastischen Sänger und die wunderbare Dada Masilo – über Takt, Zeit, Raum und Schicksal und stellt sechs verschiedene Entropie-Varianten vor. Jede Variante hat die gleichen Zutaten, die aber verschieden gemischt werden. Am Ende landet die Masse zerbrochen auf dem Boden und es kommt die Aufforderung « Read your Fortune ».

img_1521-150x150 foto: cb       

Ein Rückgängigmachen der Unordnung oder der Zerstörung. Er referiert über die Lichtgeschwindigkeit und die Erfindung der Fotografie, die es erlaubt die Zeit einzufangen und zu konservieren. Hier macht er auch eine Verbeugung vor Eadwaerd Muybridge und seinen Serien. Filme, die rückwärts ablaufen können und die Zeit wieder herstellen bzw. das Geschehene ungeschehen machen und natürlich über die Wissenschaft. Fast am Ende der Oper läuft dann das an die Wand projizierte Orchester als Scherenschnitt, eine Referenez an die magische Laterne von links nach rechts bis es ohne Angst im Black Hole verschwindet. Diese Szene, begleitet von der originellen Musik von Philip Miller – die etwas von New Orleans Trauermusik hat – war wunderbar und mitreissend (sie ist auch in der Ausstellung im MAXXI zu sehen).

Beim roundtable nach der Aufführung erklärt Kentridge wie er – beeindruckt von einem Werk des Harvard-Professors für Wissenschaftsgeschichte und Physik, Peter Galison, die Idee zu dieser Installation entwickelt hat. Wie er die umwerfende Dada Masilo überreden konnte die « Wissenschaft » zu tanzen (sie hat auch die Choreographie entwickelt) und wie er den Komponisten Philip Miller ins Boot geholt hat, um gemeinsam diese einzigartige Musik-Theater-Installation zu schaffen.

Im Laufe des Abends unternimmt er mit uns eine Reise durch die Weltgeschichte: Mythologie, Götter, Leonardo, Tizian, Marcel Duchamps, Oskar Schlemmer und das Triadische Ballet, die russischen Konstruktivisten, Lois Fuller mit ihrem Schmetterlings-Tanz (Jean Noel spricht ihn beim roundtable darauf an und er und Dada Masilo haben im Frühjahr die fantastische Ausstellung im Centre Pompidou « Danser sa vie » gesehen und den Tanz von Lois Fuller – aber umgekehrt – in die Oper mit aufgenommen.) Er verbindet die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über « black hole » mit Zerberus und dem Hades. Wir folgen ihm atemlos, bleiben aber trotzdem auf unseren Stühlen sitzen. Es ist wie ein Science Fiction Film.

Ann Masina, Joanna Dudley (sie hat es geschafft, die Töne rückwärts zu singen!) und Bahm Ntabeni haben ihn musikalisch begleitet. Thato Motlhaolwa war der Magier, der Zeremonienmeister, der die Zeit und die Wissenschaft auf die Bühne geholt hat und sie auf Bedarf wieder verschwinden ließ.

Zwei unterschiedliche Welten stehen sich gegenüber: Die westliche Organisation der Zeit und das Bedürfnis sie zu dominieren und der viel komplexfreiere und weniger eingeengte Umgang mit Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Monaten und Jahren der südlichen Hemisphäre.

90 Minuten vor der Aufführung fand im MAXXI die Eröffnung seiner Ausstellung « The Refusal of Time » die in direktem Zusammenhang mit dem Stück « Refuse the Hour » steht. Wir haben es gerade noch geschafft nach der Vernissage und einem 30-minütigen Aufenthalt pünktlich zum Beginn im Theater zu sein

Jetzt ist es Vergangenheit – aber RAI hat es aufgezeichnet!

Im Sommer wurde « Refuse the Hour » in Avingnon ebenfalls mit großem Erfolg uraufgeführt. Das Publikum in Rom war hingerissen, das hat man schon daran gemerkt, dass 3/4 der Zuschauer bis um 24.00 Uhr geblieben sind, um ihm, Dada Masilo und Philip Miller zuzuhören.

Das Highlight im Romaeuropa Festival – Teatro Argentina – 16 November 2012.

Christa Blenk

 

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