El Cimarrón

Artikel für KULTURA EXTRA

Im Rahmen der Konzertreihe „Musik erzählt von Freiheit“ wurde am vergangenen Sonntag im Kulturraum Die Flora in Gelsenkirchen Hans Werner Henzes Recital „El Cimarrón“ aufgeführt.

Cimarrón war ursprünglich die Bezeichnung für ein entlaufenes und verwildertes Haus- oder Nutztier in Lateinamerika, etwa ein Rind oder ein Schaf. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Begriff auf entlaufene Sklaven übertragen, die hierarchisch und rechtlich den Haustieren gleichgestellt waren.

„La libertad, Sancho, es uno de los más preciosos dones que a los hombres dieron los cielos“ (Die Freiheit, Sancho, ist eine der köstlichsten Gaben, die der Himmel dem Menschen verliehen hat) lässt Cervantes Don Quijote zu Sancho im zweiten Teil sagen.

Hans Werner Henzes El Cimarrón basiert auf einer wahren Begebenheit und beschreibt in 15 Bildern das Leben des im Jahre 1860 geborenen Sklaven Esteban Montejo. In knapp 80 Minuten ziehen Unterdrückung, Flucht, Befreiung, Hoffnung, Aufbegehren, Wut, Resignation, Liebe und die Sehnsucht nach Freiheit am Zuschauer vorbei. Vier Solisten, d.h. ein Gitarrist, ein Flötist, der auch die Maultrommel spielt, diverse Perkussionsinstrumente sowie ein Bariton bewältigen diese faszinierende Musiktheater-Komposition.

Der Bassbariton Robert Koller spricht, singt, zetert und tanzt. Tiefe Wörter werden zu hohen Tönen und mit Händen und Gesten erklärt er die unterschiedlichsten Zustände. Am Tisch sitzt er nur kurze Zeit, dann springt er auf ihn, erhebt seine Hände in Priestermanier, will er beten? Nein, er prangert die Kirche an. In der Zeit hin- und herspringend wirft er sich stolz eine rasselnde Eisenkette um den Hals und dann diese in eine Ecke, erschlägt einen Aufseher mit einem Stein, schimpft zu einer Habanera auf die Kolonialmacht, rennt durch die Musikinstrumenten-Stadt verfolgt von Christina Schorn und Ivan Mancinelli, während der Flötist auf der Maultrommel dazu spielt. Am Ende bleibt Montejo wieder nur das Plantagenfeld, weil die Freiheit eine falsche war und er trotz technischer Errungenschaften wieder bei großer Hitze Zuckerrohr schneiden muss, um überleben zu können. Koller leistet Großartiges zwischen anklagenden, groben und minimalen Gebärden und stolzer, expressiver Mimik.

Christina Schorn spielt, hämmert, schreit, knurrt und streicht. Henze hat zwar klare Vorgaben über die Höhe von Tönen und Klängen gemacht, aber die Interpretation, die Lautstärke oder den Rhythmus der Improvisation der Solisten überlassen. Dazu stehen die Musiker permanent mit Blicken und Gesten in Kontakt. Filigrane Passagen und zauberhafte Duette gehen über zu Flöten- oder Gitarrensoli, minimalistische Passagen werden zu kubanischen Rumba-Rhythmen oder zu einer Habanera. Jedes Bild bekommt ein Instrument zugeordnet. Ganz unglaublich, dass nur drei Musiker all dies bewerkstelligen können.

Auf der Suche nach seiner persönlichen musikalischer Freiheit und dem schönen Klang hat Hans-Werner Henze, die Doktrin der 12-Ton-Musik verlassen und viel faszinierende und neue Musik komponiert, die immer wieder überrascht und begeistert. Beim Cimarrón verweist er auf kubanische Volksmusik, zitiert afrikanische Perkussionspassagen, gibt sich romantischen, bekannten Klängen hin und zögert nicht, sich gleichzeitig bei der Musiksprache der Moderne zu bedienen. Der Einsatz der Instrumente geht auf die Sprechweise von Esteban Montejo ein.

Aber wie kam es zu diesem Stück? Hans Werner Henze nimmt 1969 in Havanna einen Lehrauftrag an, auch aus Protest nach dem Skandal und den Tumulten bei der nicht stattgefundenen Premiere von „Das Floß der Medusa“ in Hamburg. In Havanna entdeckt er die Geschichte des Sklaven Montejo (1860-1973), die der Schriftsteller und Ethnologe Miguel Barnet 1966 life auf Band aufzeichnete. Henze erkennt hier sofort einen großartigen Stoff für eine politische Komposition zu der Hans-Magnus Enzensberger auf der Basis von Barnets Buch „Biografia de un cimarrón“ das Libretto schreibt. Henze hatte 1969 Montejo auch persönlich getroffen und war beeindruckt, dass dieser mit 109 Jahren „immer noch aufrecht“ ging.

Fertiggestellt hat er El Cimarron erst ein Jahr später, 1970, schon wieder zurück in Italien/Marino. Auf Einladung von Benjamin Britten, konnte das Werk noch im selben Jahr beim Aldeburgh Festival uraufgeführt werden. Solisten waren der US-amerikanischen Sänger William Pearson, der kubanische Gitarrist Leo Brouwer, der Flötist Karlheinz Zöller und der Schlagzeuger Tsutomu Yamash’ta. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg und das Stück ging direkt im Anschluss auf Tournee nach Spoleto, München, Edinburgh, Avignon und kam schließlich auch nach Berlin.

El Cimarrón ist viel mehr als die Lebensgeschichte des entlaufenen Sklaven Montejo. Es ist die Geschichte von Kuba, von der Welt. Es ist zeitlos.

Das El Cimarrón Ensemble entstand 1999 mit dem Ziel, das Recital El Cimarron in Österreich aufzuführen. Michael Kerstan war zu dieser Zeit in Hallein und hat mit den Musikern Christina Schorn und Ivan Manchinelli das Ensemble gegründet. Michael Kerstan, der über 30 Jahre eng mit dem 2012 verstorbenen Maestro zusammen gearbeitet hatte, hat auch die Aufführung in Gelsenkirchen mit Robert Koller (Bassbariton), David Gruber (Flöte), Christina Schorn (Gitarre), Ivan Mancinelli (Schlagwerk) inszeniert. Zusammen mit einem anderen Henze-Experten, Michael Walter, der sich im Rahmen der Ruhr-Triennale 2010 viel mit Henze und seinem Werk beschäftigte und unzählige Werke von ihm dort an unterschiedlichen Spielstätten zur Aufführung brachte, hat er vor der Veranstaltung das Publikum auf die Aufführung vorbereitet.

ElCimarron
El Cimarron Ensemble mit Hans Werner Henze - Foto (c)  C. Ludovisi 

 

Die Konzertreihe im „Flora“ Musik erzählt … von Freiheit geht am 4.11. mit dem Ensemble Unterwegs  und Schuberts Winterreise weiter.

Christa Blenk

 

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Theater: Willkommen bei den Hartmanns

Angelika und Richard Hartmann leben in einem großen Haus in einer guten Gegend (Zehlendorf, Dahlem oder Grünewald) und sind so um die 60. Gut situiert, keine sichtbaren Sorgen, Wohlstandslangeweile bei Angelika und verspätete Midlife-crises Botox inklusive bei Richard. Die ehemalige Deutschlehrerin Angelika hält sich immer an einem Weinglas fest und sucht eine sinnvolle Aufgabe, nachdem ihre erwachsenen Kinder, Sophie, die ewige Studentin,  und der vom burn-out bedrohte Philipp, aus dem Haus sind. Ihr Mann Richard, erfolgreicher Chirurg seines Zeichens, lebt immer noch für die Arbeit und hat ein Problem mit den Wörtern alt und Rente. Schließlich beschließt Angelika über den Kopf der skeptischen Familie hinweg, einen Flüchtling aufzunehmen. Unterstützt dabei wird sie von ihrer früheren, durchgeknallten, sozial und grün eingestellten Freundin Heike auf dem Öko-Hilfe-Flüchtlings-Trip.

So kommt Diallo ins Haus und konfrontiert sie alle nacheinander mit ihrem Leben (Die Deutschen sind alle so verwirrt, zitiert Diallo des öfteren). Jedes einzelne Familienmitglied wird sich plötzlich der vorherrschenden Einsamkeit und Oberflächlichkeit bewusst. Diallo bringt sie wieder zusammen, findet einen Mann für Sophie und verhindert die Trennung von Richard und Angelika. Sogar Philipps aufsässiger, versetzungsgefährdeter und rappender Sohn Sebastian schreibt mit Diallos Hilfe endlich mal eine Eins.

Zum Schluss mögen sich  Alle und fahren gemeinsam in Diallos Heimat, um seinen kleinen Bruder zu holen, denn Richard kann endlich in Würde alt werden und in Rente gehen.

Amüsant-manipulierende Gemeinplätze in rasanter Folge mit dem Fazit: Kennen heißt verstehen bzw. tolerieren!

Die Komödie nach dem gleichnamigen Film von Simon Verhoeven basiert auf einem Text von John von Düffel. Regie Martin Woelffer, Bühne und Kostüme Stephan Fernau. Es spielen  Rufus Beck, Gesine Cukrowski, Marion Kracht, Mike Adler, Quatis Tarkington, Jonathan Beck und Pia-Micaela Barucki.

cmb

 

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Zarte Männer – Ausstellung im Kolbe Museum

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 Raumansicht

 

Aufmarsch der Anti-Helden

Die diesjährige Herbstausstellung im Kolbe Museum ist « zarten Männern » gewidmet: Skulpturen der Moderne aus drei Generationen.

80 Plastiken von weniger bekannten Bildhauern sind zu entdecken aber auch bedeutende Künstler wie Wilhelm Lehmbruck, Hermann Blumenthal, George Minne oder Georg Kolbe selber sind ausgestellt und sie haben Eines gemeinsam: Die Männer entsprechen allesamt nicht dem damals (und vielleicht noch heute) erwarteten Männerbild. Die Skulpturen zeigen zarte, empfindsame und schüchtern-vergeistigte Jünglinge. In einer von Unruhen und Kriegen geprägten Zeit schauen diese wehrlos wirkenden Anti-Helden gen Boden, wollen sich nicht mit Schwertern oder Waffen belasten oder kämpfen. Sie sehnen sich nach schönen Gedanken, wollen Poesie zitieren und den Duft einer Rose in Arkadien schnuppern.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Italien der Futurismus erfunden. Seine martialischen Parolen verherrlichten den Krieg. Die Welt musste laut und schnell und aggressiv werden. Diese dunkle, schwere Bewegung verlangte eine lichte Gegenbewegung, die wiederum eine Fortsetzung der Antikenverherrlichung bedeutete, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Das gebildete Bürgertum konnte sich die antiken Helden Merkur, Amor oder Ganymed in Kleinformat in die Vitrine stellen oder ihre Wunderkammer damit bereichern. Hier stehen Jünglinge oder Schönlinge, wie Thomas Mann sie in Tod in Venedig beschreibt. Was Letzterer oder Rainer Maria Rilke aufs Papier brachte, wurde von diesen Bildhauern in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen.

Der Ganymed von Artur Volkmann von 1890 hat mit der Knieenden (Spinne) von Blumenthal von 1930 nur die weltfremde Vulnerabilität gemein. 

Wilhelm Lehmbrucks  (1881-1919) Gestürzter entstand 1915 und wird als Markstein in der Körperempfindung moderner Skulptur gesehen. Überhaupt schuf Lehmbruck seine interessantesten Werke während des Krieges, den er in Zürich verbrachte. Wie fast all diese Künstler hat sich Lehmbruck hauptsächlich dem menschlichen Körper zwischen manieristischem Naturalismus und Expressionismus gewidmet. Anonymisiertes Elend, Leid und Armut drücken seine Arbeiten oft aus, dargestellt durch überlange, überdünne Körper. Einige seiner Werke wurden nach seinem Tod in München zuerst gezeigt und dann zerstört; die Knieende schaffte es 1955 auf die documenta 1. Lehmbruch, immer mehr gequält von Depressionen, wählte 1919 den Freitod. Er zählt neben Kollwitz, Kolbe und Barlach zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit.

 

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Artur Volkmann (Ganymed, um 1890), Georg Kolbe (Stürzender Flieger, Iakrus, um 1917); Hermann Blumentahl (Sterngucker, 1936)
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Josef Enseling (Adam, 1914/ Karl Albiker (Knabe mit Hut, 1918), Wilhelm Wandschneider (Hermes, 1908), ) Hermann Blumenthal (Knieender, Spinne, 1930)

 

Georg Kolbe (1877-1947), beeinflusst von Max Klinger, kommt erst einmal vom Symbolismus. Als Autodidakt begann er 1900 mit ausdrucksvollen oder dramatischen Köpfen. Seine Arbeiten wurden über einen expressionistischen Impressionismus immer minimaler, reduzierter; er ist der untypischste in der Ausstellung. Sein Ikarus wirkt gar nicht so rachitisch und kommt mit intakten Flügeln auf dem Boden an. Die Skulptur entstand in Kolbes Istambuler Zeit, wo der Krieg ihn hingebracht hatte. Durch die Fürsprache seines Botschafter-Freundes wurde er allerdings vom aktiven Kriegsdienst verschont. Kolbe sollte indessen auf dem Friedhof von Tarabya ein Gefallenendenkmal errichten. Dies verschaffte ihm u.a. nach seiner Rückkehr nach Berlin 1919 die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste.

Hermann Blumenthal (1905-1942) gehört zur dritten Generation dieser Bildhauer. Er lernte die Antike Anfang der 1930er Jahre in Rom kennen und kam später von einem elegantem Kubismus zum Konstruktivismus. 1936 hatte er in Berlin seine erste Einzelausstellung, die aber – außer bei der liberalen Presse – nicht sehr gut ankam. Er selber zerstörte viele seiner Frühwerke, durfte aber 1936 als Stipendiat an die Villa Massimo  nach Rom und später nach Florenz. In Italien entstanden seine Hauptwerke. Blumenthal wurde 1940 eingezogen und viel 1942 in Russland.

Die Ausstellung im Kolbe-Museum, ist wieder einmal ein Schmankerl und  findet zum Gedenken an die Errungenschaften der ersten deutschen Republik vor 100 Jahren anlässlich des Themenwinters 2018 statt. Ein umfangreiches Begleitprogramm rundet diese Schau ab. 

Der Ausflug ins Westend lohnt auf jeden Fall und der anschließende Besuch im originellen Café K nebenan ohnehin.

Christa Blenk

 

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Beelitzer Heilstätten

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Um 1900 profitierten nur wenige Berliner Einwohner von den ersten Kraftdroschken, vom elektrischen Licht oder der Errungenschaft einer Kanalisation. Fortschritt bedeutete für viele Landflucht, Armut, stinkende Rinnsteine, Wohnungsknappheit, Krankheit und Misere oder mangelnde Hygiene (Haushalte vermieteten z.B. ihr Bett tagsüber an Schlafburschen, während sie bei der Arbeit waren, um die Miete leichter bezahlen zu können). In Berlin gab es  unzählige Lungenkranke, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Erst der Arzt Robert Koch (1843-1911) entdeckte 1892 den Erreger der Tuberkulose, wofür er 1905 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In Verbindung mit Medikamenten und gutem Essen konnte viel frische Luft  wahre Wunder wirken und zur Heilung beitragen.

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Ende des 19. Jahrhunderts entschied die Landesversicherungsanstalt Berlin, sich nachhaltig um die vielen schwindsüchtigen Arbeiter zu kümmern und ließ einen der größten und beeindruckendsten Krankenhauskomplex in Brandenburg und Deutschland – knapp 40 km von Berlin entfernt – bauen. 60 Gebäude wurden auf knapp 200 Hektar mitten im Wald errichtet, um die Kranken in gesunder und sauberer Waldluft genesen zu lassen.  Aber um einen Platz in dieser Einrichtung zu bekommen, durfte man nicht älter als 40 Jahre alt sein und als heilbar eingestuft werden. War die Krankheit schon zu weit fortgeschritten, hatte man keine Chance, auf einen der sonnigen und geschützten Liegeplätze im Grünen. Die LVA übernahm die teure Behandlung, wollte aber die Arbeiter später wieder ins Berufsleben zurückholen.

Auf der einen Seite der Bahnlinie waren die Frauen untergebracht, auf der anderen die Männer. Treffen waren strikt verboten. Am Sonntag durfte die Familie aus Berlin zu Besuch kommen.

1898 begannen also die Architekten Heiner Schmieden und Julius Boethke mit der ersten Bauphase, die 600 Betten vorsah. 1908 wurde erstmals weiter ausgebaut und um 1910 gab es dort 1200 Betten. Ein riesiger Hotelbetrieb, der sich fast als Selbstversorger tragen konnte. Der Architekt Fritz Schulz übernahm ab 1925 die dritte Bauphase. Der Berliner Paul Stanke baute ein sensationelles Heizkraftwerk, das mit Kraft-Wärme Kopplung betrieben wurde

Der Besuch in den Beelitzer Heilstätten kommt einer Reise in die Vergangenheit gleich.  Thomas Mann hat sein Lungensanatorium in die Schweizer Berger verlegt, aber diese Frischluftkur war auch hier im Flachland von Berlin möglich und erfolgreich. Gebaut wurde im Ziegellandhausstil in Grün und Braun, sympathische Erker oder Jugendstilelemente schafften Gemütlichkeit und positives Wohlfühlambiente. Das Essen war umfangreich und gut, sicher besser als es die Kranken von zuhause gewohnt waren. Eine Truppe von Gemüseputzfrauen schälte den ganzen Tag Kartoffel oder Steckrüben, die zu Fleisch und Wurst serviert wurden, damit die Kranken schnell an Gewicht zunahmen, denn Gewichtszunahme war die erste Voraussetzung, um bleiben zu können. Trotzdem versuchten vor allem die kranken Frauen immer wieder, etwas von dem Essen abzuzweigen, um es der Familie am Sonntag mit nach Hause zu geben. Damit dies nicht überhand nahm, gab es die Aufpasserinnen, die von Balkonen während der Mahlzeiten die Frauen überwachten.

Während der beiden Weltkriege dienten die Beelitzer-Heilstätten als Lazarett für verwundete Soldaten. 17500 Kranke wurden während des 1. Weltkrieges dort gesund gepflegt.

Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Heilstätten wurden 1945 von der Roten Armee übernommen und dienten bis in die 1990er Jahre als Militärhospital der sowjetisch-russischen Armee im Ausland. Aus dieser Zeit stammt die riesige Dunstabzugshaube in der Küche, einer der wenigen Gegenstände, die noch erhalten sind.

Aber die wirklich bedeutenden Schäden und Plünderungen fanden erst ab dem Jahre 2001 statt. Durch die Insolvenz der Eigentümergesellschaft blieb das Gelände verlassen und schutzlos zurück, dem Verfall und Vandalismus  frei gegeben.

Seit ein paar Jahren geht es aber aufwärts und das Gelände ist wieder für Besucher geöffnet. Besichtigungen sind allerdings nur mit Führung und Helm möglich.

In den letzten Jahren fanden komplexe Umbau- und Sanierungsarbeiten statt und es entstand eine neurologische Rehabilitationsklinik, ein Parkinson-Fachkrankenhaus sowie eine Rehabilitationsklinik für Kinder. Einige Gebäude in der Nähe des Bahnhofs wurden und werden zu Wohnraum umfunktioniert.

Dann und wann stößt man noch auf einen verrotteten Liegestuhl, kaputte Reagenzgläser, alte Stiefel oder verrostete Badewannen. Das ursprüngliche Waschhaus wurde in den 1920 Jahren in einen Hörsaal  mit Labor umfunktioniert. Auch dort sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, aber ein paar kaputte Hörsaalbänke katapultieren den Besucher zurück in eine andere Zeit, die von Staub und Schmutz überzogen ist. Graffitis an fast allen Wänden sprechen von Vandalismus und Zerstörungswut.

Die Geschichte ist sehr interessant und man wundert sich, wie durchdacht und modern das Konzept war. In den 1920er Jahren wurden die Essen-Transportbehälter sogar mit Elektroautos transportiert, um die Luft sauber zu halten.

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2015 wurde über dem Alpenhaus, der ehemaligen Frauen-Lungenheilstätte, ein Baumkronenpfad errichtet. Über 300 Meter geht man an den Gipfeln entlang und kann beobachten, wie die Natur wieder um sich greift und Bäume und Gestrüpp aus Häuserdächern wachsen.

Die interessante Architektur, die etwas spukhaft in diesem verwunschenen Wald steht und mit der Natur um die Vorherrschaft kämpft, ruft immer wieder großes Interesse bei Filmemachern hervor, so wurden z.B. Filme wie « Der Pianist » oder « Operation Walküre » dort gedreht.

Die Ausstellung « Berliner Realismus », die im Frühjahr im Bröhan Museum zu sehen war, beschrieb die Zustände im Berlin um das 1900 Jahrhundert anhand von Gemälden und Fotos  ausgezeichnet.

Christa Blenk

 

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Von Feen und Zauberern

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Die Bretagne ist die größte Halbinsel Frankreichs und der westlichste Ausläufer des europäischen Festlands, nördlich der Iberischen Halbinsel. Armorica haben die Gallier dieses Land genannt, was so viel wie Land am Meer bedeutet. Vor allem wegen ihrer faszinierenden und wunderschönen Küsten ist die Bretagne beliebt und bekannt, sei es die Côte de Granit Rose im Norden der Bretagne, seien es die Glenan Inseln oder die wilde Pointe du Raz im Südwesten oder sei es das milde, fast tropische Klima am Golf von Morbihan. Traumhafte Sandstrände die eher an die Karibik als an den Atlantik erinnern zwischen steilen Kliffen.

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Quelle von Barenton, Hotie de Viviane

 Nicht weit weg von Rennes, im Innern der Bretagne, im Wald von Brocéliande, hat angeblich  der Zauberer Merlin sein Unwesen getrieben. Sein Grab jedenfalls kann man dort besuchen und überall wo man hinkommt, trifft man auf ihn. Sein Konterfei ziert Kaffeetassen oder T-Shirts und manche Besucher verkleiden sich sogar als Merlin und spazieren mit Bart und Spitzhut durch den Wald. An der Quelle von Barenton, die man sehr gut zu Fuß erreichen kann, hat er sich in die schillernde Fee Viviane verliebt und ihr gleich ein Glasschloss am See von Comper errichtet. Nur geladene Besucher von Viviane sollen es sehen können. Die Quelle hat aber noch viele andere Qualitäten, sie heilt Krankheiten, kann sogar Regen hervorrufen und jungen Mädchen zu einem Ehemann verhelfen, man muss nur die richtige Formel kennen.

Der Wanderweg durch den Laubwald, vorbei an plätschernden Quellen und Rinnsalen, über Stock und Stein, begleitet vom singenden Wind, ist wirklich zauberhaft. Hier soll der sagenumwobene König Artus mit seinen Rittern zahlreiche Abenteuer geplant haben und natürlich wurde auch hier nach dem Heiligen Gral gesucht, der sich wohl immer noch in den Wäldern der Bretagne versteckt hält. Dieses Zaubergefäß soll die Form einer Schale oder eines Kelches, vielleicht aus Stein, haben und wird in einer unwirtlichen und unzugänglichen Burg von Gralsrittern bewacht. Ewige Jugend und Wohlstand soll er bringen, aber das haben wir ja alles schon bei Indiana Jones gelernt.

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Ein weiterer, nicht zu missender Ausflug, führt in das Tal ohne Wiederkehr (Val sans Retour). Hier wütete eine andere Fee, Morgane. Ihren untreuen Liebhaber entkamen dem Tal nicht, davor sorge ein Drache. Erst der Tafelritter Sir Lancelot besiegte den Drachen und verhalf so unzähligen eingeschlossenen Männern zur Freiheit. Über diesen berühmtesten Ritter der Tafelrunde, der als Kind schon von der Fee Viviane im Schloss am See behütet wurde, gibt es auch ganz unterschiedliche Geschichten. Vor allem bekannt ist uns seine Liebe zu Guinevere oder Gwenhwyfer, Königs Artus Gattin. Diese Liebe macht ihn dann aber unwürdig, weiter nach dem Gral zu suchen.

Auch Parzival, der reine Tor, der sein Zuhause verlässt um Ritter am Hof von König Artus zu werden, gehört zu den Gral-Suchern. Über ihn und sein Umfeld gibt es so viele Varianten wie es Kelche gibt und die Literatur und Musik greift immer wieder auf dieses Thema zurück. Am bekanntesten ist hier Wagners Bühnenweihfestspiel von 1882  oder die Rolle des Grals im Lohengrin.

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Der französische Dichter Chrétien de Troyes hat schon im 12. Jahrhundert darüber berichtet. Bei uns war es Wolfram von Eschenbach, der um 1200 Chrétens Roman übersetzte und mit anderen Quellen ausgeweitet hat.

Am besten schlägt man sein Quartier in Paimpol auf, dieser Ort liegt mitten im Wald, dort befindet sich auch die Pforte der Geheimnisse (La Porte des Secrets) in der man sich über alles bestens informieren  und den Wald schon mal virtuell erforschen kann. Es ist ein wenig kitschig, aber durchaus unterhaltsam. Später kann man dann mit organisierten Touren auf einer vierstündigen Wanderung alle bedeutenden Plätze besuchen. Wenn man einen guten Conteur (Erzähler) erwischt, erfährt man auch unzählige Bretagne-Mythen und Legenden.

Feste Schuhe und eine Flasche Wasser sind unbedingte Voraussetzung.

PS die US-Schweizerische Künstlerin June Papineau würde sich hier in ihrem Element finden.

Christa Blenk

Fotos: (c) Christa Blenk

 

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Zwischen den Noten

Zwischen den Noten.

Die lettische Organistin Iveta Apkalna triumphierte im Konzerthaus Berlin mit der nicht sehr bekannten Symphonie Concertante für Orgel und Orchster C Dur von Joseph Jongens (1873-1953). Das Werk entstand im Jahre 1926 und wurde 1928 in Brüssel uraufgeführt, obwohl die aufwendige und komplexe Komposition ursprünglich als Kompositionsauftrag für die Einweihung einer Großorgel im Wanamaker Store von Philadelphia – damals  die größte Orgel der Welt – geplant war. Jongens schaffte es nach der Fertigstellung nicht zu seinem Gastspiel in die USA: einmal verstarb sein Vater 1927 und später  plötzlich  der Musikmäzen und Kaufhausinhaber Rodman Wanamaker. So fand die Uraufführung dieses Stückes kurzerhand 1928 in Brüssel statt. Am eigentlich geplanten Aufführungsort, dem Wanamaker Kaufhaus in Philadelphia, kam das Werk schließlich im Jahre 2008 zur Aufführung – 80 Jahre nach der Brüsseler Premiere mit dem Organisten Peter Richard Conte. Mit dieser Aufführung fand dieses spannende und aufwendige Orgelwerk erneut den Eingang in die Konzerthäuser.

An diesem Wochenende wurde die Komposition dreimal hintereinander durch das Konzerthausorchester Berlin unter Leitung des Ersten Gastdirigenten und derzeitigen Musikdirektor am Teatro San Carlo Neapel, Juraj Valčuha  und mit den Lettin Iveta Apkalna an der Orgel aufgeführt. Apkalna spielte sich vom ersten Takt an direkt in die Herzen des geneigten Publikums. Seit einem Jahr ist sie Titularorganistin an der neuen Klais-Orgel in Hamburg, dem Araberpferd unter den Orgeln, wie sie einmal sagte und die sie selber mit Wolfgang Rihms „Triptychon und Spruch“ 2017 einweihte. Apkalna zählt zurzeit zu den gefragtesten Organisten weltweit und wenn man sie hört und sieht, versteht man das. Ganz gerade und gespannt wie ein Bogen sitzt sie an der Orgel und man hat den Eindruck dass sie das Pedal gerade noch erreicht. Sie streckt sich und kriecht dann wieder in die Orgel hinein, aus der sie die unglaublichsten Töne und kräftigsten Farben herausholt. Ein großartiges und auch ästhetisches Spektakel. Mit einer fünf-minütigen, beeindruckenden und gewaltigen Zugabe hat sie – wenn das noch möglich war – auch die restlichen Konzertbesucher für sich eingenommen. Apkalna hat sich zur Aufgabe gemacht, die Orgel von der Kirche in die Konzertsäle zu holen und wenn sich das immer so anhört, dann wollen wir in Zukunft kein Konzert ohne Orgel mehr.

Jongens Sinfonia Concertante für Orgel und Orchester C-Dur op 81 ist nicht mit anderen Orgelwerken zu vergleichen. In vier Sätzen folgt sie dem traditionellen Sonatenverlauf. Es beginnt mit einem wuchtig-einmütigen Allegro, molto moderato, in dem man durchaus die Musik des  20. Jahrhundert heraushören kann und wird von einem fast lieblich-romantischen Scherzo im 7/4 Takt abgelöst. Der dritte Satz ist ein Molto Lento, bei dem sich die Orgel erst einmal zurückhält und die Orchestersolisten hervortreten lässt, aber nicht lange und beim Schlusssatz, einer Toccata,  spielt die Orgel wieder die erste Geige. Hier kann man getarnt und ein wenig versteckt, immer wieder US- amerikanische Jazzrhythmen heraushören; Schließlich hat Jongens das Werk ja für die USA komponiert.

Der französische Organist und Musikologe Marcel Dupré hat in seinen Memoiren die Wanamaker Orgel erwähnt, die ursprünglich für die Weltausstellung in St. Louis 1904 konstruiert werden sollte. Dies kam dann aber nicht zustande und Wanamaker kaufte die Orgel, und ließ sie kurzerhand in seinem Kaufhaus aufzustellen für after Business hour concerts. Er ließ die Orgel auf 234 Register erweitern. Später wurde Dupré mit einer weiteren Vergrößerung beauftragt bis das Instrument zum Schluss  451 Register auf sechs Manualen und Pedal vorweisen konnte. Außer Marcel Dupré, traten andere große Weltstars im Wanamaker Store bei diesen Vorabendkonzerten auf wie u.a. Nadia Boulanger, Alfred Hollins oder Gernando Germani.

Ergänzt wurde der Konzertabend mit der Ouvertüre zur Oper Die lustigen Weiber von Windsor von Otto Nicolai (1810-1849) und von Ludwig van Beethovens (1770-1827) Eroica.

Auch Nicolai gehört zu den weniger bekannten Romantikern. Der Königsberger kam nach Berlin, um bei Friedrich Zelter und Bernhard Klein zu lernen, ging dann nach Rom, wo er als Organist der preußischen Gesandtschaft tätig war und wurde später Kapellmeister am Kärtnertor-Theater in Wien. Nicolai war Begründer der Philharmonischen Konzerte. Ein Jahr vor seinem Tod 1949, wurde er als Direktor des Domchores nach Berlin gerufen.

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 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Christa Blenk

 

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Im Garten von William Christie

Bachkantaten in der Kirche von Thiré

Vom 25.8. bis 1.9.2018 fand dieses Jahr nun schon zum 7. Mal „Dans les Jardins de William Christie“ statt. Wie jedes Jahr finden kurze Konzerte in einer Art Nutz- und Plaisirgarten , zwischen Tomaten und Obstbäumen statt wo sich Italien und Frankreich die barocke Hand reichen. Von idyllischen Brücken im Garten, vor einem Springbrunnen, in einem steinigen Innenhof oder auf der großen Terrasse; dort spielt dann der Meister selber das Cembalo.  Ab und zu hört man eine Taube gurren oder ganz weit weg ein Auto.

1979 hat der Amerikaner Christie die Truppe Les Arts florissants gegründet und vor ein paar Jahren diese musikalischen Begegnungen in Arkadien aus der Wiege gehoben.

Abends findet dann entweder ein Konzert am See im Garten oder ein Konzert in der Kirche von Thiré statt. Eröffnet wurde mit Monteverdis zauberhafter Oper Orfeo.

Der schottische Tenor und Dirigent Paul Agnew, der wie William Christie ein großer Kenner der Alten Musik ist, übernimmt regelmäßig die Konzerte in der Kirche von Thiré. Seit 2007 ist er der Stellvertretende Musikdirektor von „Les Arts Florissants“.

williamchristie

cmb

 

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Wolfskinder

Wald Niederbayern

Hänsel und Gretel im « Kriegs »-Wald

Humperdincks Ouvertüre zu „Hänsel und Gretel“ knistert und rumpelt durch die transparente Stoffwand, genauso wie man sich Musik aus einem alten Grammophon vorstellt. Es ist dunkel und wie durch Nebel erkennt man die Konturen von alten Möbeln. Plötzlich wird die Musik durch Kriegsgeräusche, Fliegeralarm, Schreie oder Maschinengewehrlärm ergänzt bis sie diese fast verdrängt. Es wird langsam heller, der Lärm vergeht wieder, ein Mädchen singt zaghaft „Suse, liebe Suse“ und aus allen Ecken kriechen weitere sechs Mädchen. Jetzt erkennt man auch, dass dies einmal ein gutbürgerliches Wohnzimmer um 1900 war, mit schönen Möbeln, Teppichen, Bilder an den Wänden und Musikinstrumenten. Alles ist staubig und man will husten. Die Mädchen sind verunsichert und geben sich dem Hunger hin, streiten, ob es noch Katzen gibt oder diese schon alle aufgegessen worden sind. Sie vermissen ihre Eltern. Was dann kommt ist eine Mischung aus Rückblick, Angst, Einsamkeit, Hoffnung und Hänsel und Gretel im Kriegs-Wald. Ulrike Schwab, die Regisseurin, hat daraus eine Art crossover gemacht zwischen der Bombardierung Ostpreußens, bei der viele Kinder ihre Eltern verloren haben – im Verlauf der 90 Minuten erfährt man, dass das Elternhaus  dieser Kinder in Königsberg stand – und dem Märchen Hänsel und Gretel. Die Mädchen erzählen von früheren Weihnachtsgeschenken, glücklichen Tagen, kalten Nächten, Hunger, Überfluss, langen mühsamen Wegen und Arbeiten auf einem Bauernhof.  Zwischendurch erinnern sie sich an frühere Kinderspiele und machen Musik, denn alle haben sie früher ein Instrument spielen dürfen. Ein Schrank wird zum Knusperhäuschen im Wald umfunktioniert und angeknuspert bis sich die Hexe beschwert – „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“

Die sieben Darstellerinnen (Angela Braun, Isabelle Klemt, Maja Lange, Ildiko Ludwig, Marine Madelin, Laura Esterina Pezzoli und Amélie Saadia)  sind einfach nur großartig. Sie sind Schauspielerinnen, Musikerinnen, Tänzerinnen und Sängerinnen. Zaghaft und aggressiv. „Hunger ist der beste Koch“ wird von gewaltigem Fußstampfen begleitet.
Humperdinck hat das Stück als Kammermusik für die eigene Familie geschrieben und auf dieses Niveau haben es die Darstellinnen wohl wieder gebracht.

cmb

 

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Ti vedo ti sento mi perdo – in attesa di Stradella

Warten auf Stradella

Vor ein paar Wochen wurde in Berlin Rossinis « Viaggio à Reims » mit großem Erfolg aufgeführt. Dort geht es eigentlich nur um Warten (auf Pferde), um zur Krönung des Kaisers zu fahren. Man vertreibt sich die Zeit, die Pferde kommen nicht.

Bei Salvatore Sciarrinos neuer Oper Ti vedo ti sento mi perdo geht es auch um Warten und um eine Art Gefangenschaft. Hier findet dies allerdings während der Generalprobe einer Stradella-Oper im Palazzo Colonna (Sitz einer bedeutenden römischen Papstfamilie)  statt. Sängerin, Musiker und Chor warten auf den großen Maestro, denn der muss noch die Arie der Stardiva liefern. Aber auch Alessandro Stradella schafft es nicht zu diesem Probe, die irgendwie nie enden will, denn er wird zuerst entführt und dann ermordet. Die beiden Werke verbindet also ein Grundgedanke: Warten! Stradella war schon zu Lebenszeit eine Art skandalumwobene Legende und ist 1682 wirklich unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

Sciarrino hat diese Koproduktion der Staatsoper als Auftragswerk für die Scala in Mailand geschrieben, wo sie im letzten Herbst uraufgeführt wurde. Für Berlin war es schon seine 12. Produktion, was so etwas wie ein Rekord ist. Klar, rein, minimal seine Musik immer wieder von barocken Nuancen aus der Zeit von Stradella durchbrochen.

Mit üppigen Kostümen, Spitzen, Rüschen und viel Schminke wie zu Lullys Zeiten  hat Jürgen Flimm diese Oper inszeniert. Alle sind ständig in Bewegung, Laura Aikin, Charles Workman, Otto Katzameier, Sónia Grané,  Minchiello Emanuele Cordaro, Christian Oldenburg, David Oštrek und Thomas Lichtenecker singen, zappeln, stottern, reden, fuchteln was das Zeug hält. Der Chor hüpft pausbäckig singend über die Bühne. Am Pult überzeugt der junge Franzose Maxime Pascal.

Viel verdienter Applaus!

cmb

 

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Viaggio a Reims von Rossini

Wartesaal der Noblesse

Der Theaterregisseur Jan Bosse hat für die Deutsche Oper Berlin Rossinis « Il viaggio a Reims » inszeniert. Eine Punktlandung, bei der fast alles stimmte.

Bosse hat eine Gruppe von verrückten Adeligen, die auf dem Weg zur Krönung Karls X. und in einem Wirtshaus hängen bleiben, direkt in einen Kranken(Narren)haus-Spiegelsaal verlegt. Der Unterschied zwischen Pflegepersonal und Kranken ist nicht immer ganz klar und als fröhlicher Slapstick bringt diese Produktion das Publikum ständig zum Lachen. Gesungen wird zu allen möglichen physischen und psychischen Wehwehchen – von Hexenschuss bis Elektroschocktherapie. Den Sängern sieht man an, sie sie sich amüsieren. Neun Minuten dauert eine Arie der modebewussten Contesse de Folleville, davon beklagt sie sich fünf Minuten über den Verlust ihrer Kleidung, um sich dann vier Minuten  euphorisch über doch noch aufgetauchte Accessoires zu freuen.   

Trotz Spiegelwänden kann man die Eingeschlossenheit spüren; den „Gästen“ hingegen scheint sie nichts auszumachen.

Claudio Abbado holte die fast in Vergessenheit Oper von Rossini „Il viaggio a Reims“ 1984 aus der Schublade und seitdem ist sie an vielen großen Opernhäusern gezeigt worden. Das Libretto stammt von Giuseppe Luigi Ballocco.

Am Pult der junge Dirigenten Giacomo Sagripanti vor einem begeisternden Orchester

Keine großen Namen bei den Sängern, von denen ein Großteil  zum Ensemble der deutschen Oper gehört. Die Leistung hingegen bei Allen einwandfrei.

Elena Tsallagovas ist die tanzende Corinna. Sie kommt direkt aus Oskar Schlemmers Triadischem Ballett.  Mikheil Kiria als ein großartiger  Lord Sidney,  Siobhan Stagg als Contessa di Folleville, Hulkar Sabirova ist die strenge  Madama Cortese bzw. die Oberschwester, Vasilisa Berzhanskaya ist Marchesa Melibea, David Portillo singt den Conte di Libenskof, Davide Luciano ist Don Profondo, Gideon Poppe (Cavaliere Belfiore), Philipp Jekal (Barone di Trombonok), Dong-Hwan Lee (Don Alvaro), Meechot Marrero (Modestina). Ausgezeichnet auch der Chor!

Die Premiere fand im Juni 2018 statt.

cmb

 

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Brücke Museum Berlin

Bis zum 12. August ist im Brücke Museum noch die Ausstellung zu sehen, mit der das Museum 1967 im Grunewald eröffnet wurde, erbaut wurde es vom deutschen Nachkriegsarchitekten Werner Düttmann: streng, weiß, eckig. Schmidt-Rotluff (1884-1976) war zur Eröffnung erschienen. Zu diesem Zeitpunkt waren er und Heckel die einzig noch lebenden Brücke-Maler. Basis dafür sind Dokumente und Fotografien, die die erste Ausstellung wieder geben.

Ein Großaufgebot von Werken von Karl Schmidt-Rottluft, Erich Heckel, Max Pechstein, Otto Müller und weiteren Brücke Malern, darunter viele Spätwerke von Schmidt-Rottluff.

Die Sammlung besteht fast ausschließlich aus Schenkungen.

„Ein Künstlermuseum für Berlin: Karl Schmidt-Rottluff, Leopold Reidemeister und Werner Düttmann“ ist der Titel der Ausstellung, die erste, die die neue Direktorin Lisa Marei Schmidt kuratiert.

cmb

 

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Plötzlich flutet Licht in die Räume

Zusammen mit dem erfahrenen Museumsmann Leopold Reidemeister hatte Schmidt-Rottluff die Idee für ein eigenes Haus entwickelt und dazu nach langer Suche das Grundstück in Dahlem gefunden: vis-à-vis des Ateliers von Arno Breker, wo ursprünglich die Villa vom Lieblingsbildhauer des „Führers“ stehen sollte. Durch die minimalistische Architektur Düttmanns, darin die einst verfemte Brücke-Kunst, markierte das Triumvirat sichtbar die Gegenposition. Mit Schmidt-Rottluff, Düttmann, Reidemeister hatten sich Drei gefunden, die auf diese Weise auch das „Dritte Reich“ zu überwinden suchten, als ein Fanal der Moderne.

Von dieser Kampfansage an die Vergangenheit, einer späten Wiedergutmachung ist heute nicht mehr viel zu spüren, auch wenn sich das Breker-Atelier nach wie vor trutzig auf der anderen Grundstücksseite befindet. Doch die Frische des Neubeginns ist auf einmal zurückgekehrt. Mit Lisa Marei Schmidt erfährt das Museum eine phänomenale Verjüngung, geboren aus dem Respekt gegenüber der Leistung ihrer Vorgänger. Ihre Premiere rekonstruiert nicht nur die allererste Ausstellung des Hauses, sondern führt auch das Gebäude auf seine Stunde Null zurück.

Die zugunsten von Hängefläche für Bilder verstellten Fenster wurden wieder geöffnet, plötzlich flutet Licht herein, die Architektur beginnt wieder mit der Umgebung zu kommunizieren, wie ursprünglich von Düttmann gedacht. Klebefolien vor den Fenstern machen es heute möglich, dass die Kunst von diesem Lichtschwall unversehrt bleibt. Vielleicht werden in Zukunft sogar die Jalousien von der Decke entfernt. In der Gründerzeit des Museums war man mit den Luxzahlen noch nicht kleinlich.

Haarkleine Rekonstruktion der ersten Brücke-Ausstellung

Auch Details kehren zurück. Im Eingangsbereich ist der Schmutzteppich entfernt, stattdessen scheint der dunkelbraune Ziegelboden wieder auf. Auch das Bohnerwachs darauf ist abgeschrubbt. Zusammen mit dem Gelb des Kokosteppichs, dem Olivgrün der Fensterrahmen, dem Schwarz der Lüftungsgitter am Boden kommt ein dezentes Farbkonzept erneut zur Geltung, das der Kunst den bestmöglichen Auftritt zu gewähren sucht. Mit Hilfe des Düttmann-Sohnes Hans wurden die ursprünglichen Vitrinen nachgebaut, die nun exakt dort Aufstellung gefunden haben, wo sie zu Beginn einmal standen.

Die neue Direktorin geht mit ihrer Hommage an Schmidt-Rottluff, Düttmann, Reidemeister so weit, dass sie die erste Ausstellung des Brücke-Museums haarklein rekonstruiert. Mit Hilfe historischer Fotografien, Zeitzeugenberichten und anderer Dokumente hat sie eine Zeitreise angetreten, wie sie heute in vielen Museen passiert, die sich der Geschichte ihres Hauses zu nähern suchen. Für Lisa Marei Schmidt aber war es zugleich ein Kennenlernen des Gebäudes, so manche Frage klärte sich dabei. Zum Beispiel die, warum im Hause mit grauen Passepartouts gearbeitet wurde, während in allen anderen Sammlungen cremeweiße üblich sind. Die Antwort ergab sich schnell. Reidemeister präsentierte damals die Papierarbeiten in gläsernen Klemmrahmen, wie sie nun wieder am Nylonfaden von der Decke baumeln. Das Grau dient dazu, die Bilder von der hellen Wand dahinter abzuheben.

Bis ins Detail wurde die Hängung kopiert. Die Unterkante der Gemälde dient als Linie, fast bauchtief angesetzt, was den Betrachter beinahe intim vor den Bildern stehen lässt, als wäre er ihnen näher gerückt. Die Hauptwände sind den Brücke-Künstlern reserviert, vor allem Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, der die Gründung des Museums seinerseits mit einer Schenkung von 1500 Werken unterstützte. Neben Max Pechstein und Otto Mueller kommt Ernst Ludwig Kirchner hier zu kurz, das fiel auch den Zeitgenossen damals auf. Schmidts Vorgängerin Magdalena Moeller vermochte die Lücke durch so manchen geschickten Ankauf zu schließen. In den Nischen finden dafür Künstlerfreunde mit ihren Werken Platz: Max Kaus, Anton Kerschbaumer, Otto Herbig, Emy Roeder.

Kupka im Grand Palais

Kupka – Pionier der Abstraktion   für KULTURA EXTRA

Obwohl das erste, rein abstrakte Gemälde „Amorpha, Fuge in zwei Farben“, das 1912 beim Pariser Herbstsalon ausgestellt wurde, von Kupka ist, denkt  man zuerst an den russischen Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky, wenn es um die Erfindung der abstrakten Kunst geht. Auf Kupkas bedeutende Wegbereiter-Rolle hin zu dieser Stilrichtung, die das 20. Jahrhundert prägen sollte, wurde die Kunstwelt erst durch mehrere große Ausstellungen in den 60er Jahren aufmerksam.

Frantisek Kupka wird 1871 in Prag geboren, zehn Jahre vor Picasso, neun Jahre nach Klimt und fünf Jahre nach Kandinsky. 1891 geht er zum Studium nach Wien, wo er seiner impressionistischen Malerei die Jugendstilsymbolik hinzufügt, bis er als 25-jähriger in der brodelnden Kunstmetropole Paris ankommt, wo es von Tendenzen und neuen Kunstrichtungen nur so wimmelt. Zusammen mit seinem Landsmann Mucha darf er auch gleich an der Weltausstellung 1900 teilnehmen.

Größeren Erfolg als mit seinen Bildern hat er in den Anfangsjahren mit seinen Illustrationen. Freimütig und schonungslos prangert er zwischen 1901 und 1904 religiöse Praktiken oder Geld- und Goldgier vor allem in der Satire-Zeitung „L’assiette au beurre“ (Butterteller) an. Die erfolgreiche, politische und ironische Sondernummer „L’Argent“ (Geld) ist vollständig von ihm und in der Ausstellung zu sehen. Hier stellt er das Froschgesicht Monsieur Capital vor, der im Namen der Republik Zugang zu allen finanziell interessanten Zweigen und Geschäften findet und seinen dicken, durchsichtigen Bauch mit Gold füllt.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt, im Jahre 1905, teilt er brieflich einem Freund sein Bestreben mit,  nur noch Konzepte oder Synthesen malen zu wollen.

Ansonsten hält er sich mit Modezeichnungen, Illustrationen und Religionsunterricht über Wasser.   Kupka, der Eigenbrötler, zieht freiwillig in den Ersten Weltkrieg, wird später Fremdenlegionär und kehrt nach dem Krieg für zwei Jahre als Kunstprofessor nach Prag zurück. 1921 bekommt er in Paris seine erste Ausstellung, findet aber trotzdem den Anschluss an das Kunstleben nicht mehr und widmet sich intensiv seiner kunsttheoretischen Schrift „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“, die 1923 herauskommt aber erst 2001 in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. (Kandinsky‘s Werk „Über das Geistige in der Kunst“ erscheint bereits 1911/1912).

Erst im Jahre 1936 holt ihn Alfred Barr in seine Ausstellung „Kubismus und abstrakte Kunst“, die er  für das New Yorker MoMA organisiert, aber zu diesem Zeitpunkt ist die Kunstgeschichte schon in Stein gemeißelt und die Erfindung der abstrakten Malerei seinen Zeitgenossen  Kandinsky, Delaunay und Mondrian zugeschrieben.  Kupkas Name wird in vielen Artikeln nicht mal genannt. In der Ausstellung (Paris – New York),  die das Pariser Centre Pompidou 1977 organisiert, ist er allerdings mehrfach vertreten. In der Folgeausstellung Paris – Berlin 1978 wieder nicht mehr.

1911 tritt Kupka der Puteaux-Gruppe bei, einem Zusammenschluss von verschiedenen Künstlern aus Europa, die in Paris lebten und deren Hauptthema es war, die Arbeiten von Braques und Picasso zu diskutieren. Aber schon im Kriegsjahr 1914 löst sich die Gruppe wieder auf.

Kupkas permanenter Stilwechsel – vom Impressionismus zum Expressionismus über den Symbolismus zu den Fauvisten, Orphisten und Futuristen bis hin zu Konstruktivismus – ist sicherlich auch mit dafür verantwortlich, dass er sich weniger durchsetzen konnte oder weniger präsent war.

Dass sein wahres Interesse der Theorie, dem Zusammentreffen von Farben und Formen in Verbindung mit der Zeit gehört, wird in der Retrospektive sehr deutlich. Kupka will mobile Enigmen malen, die sich nicht wiederholen, und das Vergehen der Zeit in einem Gemälde zeigen. „L’Eau (La baigneuse)“. Eine Badende ist das  klassische Thema im Modernismus des 19. Jahrhunderts schlechthin. Kupka transformiert seine Badende durch einen Spiegeleffekt zur symbolistischen Skulptur, die von angedeuteter Natur  umgeben eine expressionistische Vorstufe der Abstraktion darstellt. Er malt das Bild um 1907, es ist 63 x 80 cm groß, gehört dem Centre Pompidou und hängt in Nancy.

Eines seiner bedeutenden größeren, figurativen Hauptwerke kommt aus dem Guggenheim Museum New York. „Grand nu. Plans par couleurs“ ( 1909 – 1910).

Bis 1910 zitiert er Van Gogh, Leger oder Matisse und malt krude, expressionistische Gemälde (Le Mec, 1910 oder Le Rouge à lèvres n°II , 1907) mit grünen oder gelben Gesichtern, die an Münter, Kirchner oder Heckel erinnern oder solche, die Otto Dix nach dem Krieg malen sollte. Das Bild „Das Mädchen mit dem Ball“ entsteht 1908 und scheint ganz dem Impressionismus geschuldet zu sein. Hell und unschuldig in bewegter Hodler-Symbolik auf einer Blumenwiese täuscht es darüber hinweg, dass er hier durch den roten Ball schon mit der Bewegung spielt.

Der Paradigmenwechsel um die Jahrhundertwende, die Entdeckung der Teilung des Atoms und das Verlassen der Zentralperspektive machen die Kunst ab 1900 möglich, sei es Kubismus, Dadaismus, Futurismus, Konstruktivismus oder eben die Abstraktion.

1909 wird im „Le Figaro“ Marinettis provozierendes Futuristisches Manifest abgedruckt. Außer kriegsverherrlichenden Phrasen kam der Malerei eine bedeutende Stellung zu, die von den Künstlern Boccioni, Balla und Severini vorgestellt wird. Originell und mutig sollte man sein und sich gegen den „fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit“ auflehnen. Im selben Jahr malt Kupka das großartige Bild  „Pianotasten, See“ (Les Touches de piano. Le Lac). Es ist aus Prag nach Paris gekommen. Die schwarz-weißen Klaviertasten liegen auf dem Wasser und bewegen sich unregelmäßig, das Boot im Hintergrund wirft plastische Wellen. Kupka stellt sich hier die Frage wie man mit „Farben einer der Musik analogen Malerei schaffen kann“. Es wundert, dass er nicht aktiv die Zusammenarbeit mit einem Komponisten gesucht hat, um seine Arbeiten wirklich in Töne zu setzen.

Ein anderer, mit ihm „verwandter“ Künstler ist Delaunay. Wie dieser befasst sich auch Kupka jahrelang mit dem Konzept der Farbsimultaneität, einer Wechselwirkung von Farben und Formen, die der Chemiker Michel-Eugène Chevreul, Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Gobelin-Manufaktur entwickelt hatte. Farbverschiebungen bei der Betrachtung eines Gegenstandes durch ein Prisma, optische Verzerrungen, gebrochenes Licht brachten den  Orphismus hervor, eigentlich nur eine Weiterentwicklung des Kubismus. Delaunay nannte seine Kunst allerdings „inobjectif“. Für Apollinaire ist es « … eine Lichtkunst, die allein durch die Farbe entsteht ».

1912 entsteht es dann – das erste abstrakte Bild „Amorpha, fugue à deux couleurs“.

Rote und blaue ineinander verlaufende, organische Farbflächen ziehen in ornamentalen Kreisen vor einer runden, schwarz umrandeten Fläche durch das große, vollständig abstrakte Bild, das schon farblich die Natur außen vorlässt. Eine Vergrößerung dessen, was man durch ein Mikroskop sehen kann, vielleicht.  Kupka hat beim Malen dieses Werkes an Bach gedacht. Wie Kandinsky oder Delaunay, sucht auch er in der Gegenstandslosigkeit zu malen mit der Musik als Vorbild. Er war auf der Suche nach einem visuellen Äquivalent zu Tönen oder Kompositionsstilen, um Bilder nicht nur optisch zu erleben.

Aber auch Delaunays „Disque simultané, entsteht in dieser Zeit und natürlich Kandinskys Arbeiten, dessen erstes abstraktes Aquarell auch in dieser Zeit entstand: ob 1910 oder 1913 ist ein Streitpunkt der Kunsthistorie.

Immer wieder findet man in der Ausstellung Parallelen zum britischen Pionier-Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904). Dessen Fotokunst schon vor Kupka von Bewegung lebt.  Die „Blumen pflückende Frau“ oder „La Foire (Contredanse)“ sind beeindruckende Beispiele dafür und auch in der Ausstellung zu sehen.

Klimts Jugendstilornamente und ihre Umsetzung in freie Farbrhythmen – der Kritiker Valensi nannte Kupkas Malerei „Musikalismus“ -  sowie Innenansichten von Kirchen, bei denen er sich an Bleimalerei der Gotik hält, bestimmen zwischendurch immer wieder seine Kunst.  Madame Kupka dans les verticales (1910-1911) ist aus dem MoMA New York nach Paris gekommen. Auf den ersten Blick glaubt man einen Vorentwurf für Klimts Der Kuss“ zu sehen, das drei Jahre vorher entstand. Im oberen Drittel des Gemäldes erkennt man Frau Kupka, ihre Augen, ihren Blick, umgeben oder eingewickelt ist ihr Gesicht von vertikalen Farbstreifen, die ineinander laufend das Bild bestimmen. Wenn man die Augen leicht zusammenkneift, vermeint man eine Bewegung wahrzunehmen.

Der Großteil der Ausstellung besteht aus diesen Kreis- und Streifenbildern in unterschiedlichen Farben, wobei jede Bewegung eine andere Farbe bekommt. In den 1930er Jahren wird Kupka dann noch zum Konstruktivisten. Irgendwann bekommt man den Eindruck, dass er irgendwo stecken geblieben ist. Nach dem Krieg, den er in der französischen Provinz verbringt, entstehen Wiederholungen seiner Vorkriegswerke, allerdings ohne wieder zur Figuration zurückzukehren.

Das gelungene Ausstellungsplakat – ganz im Sinne von Kupkas Wunsch, die Figuration an zweite Stelle zu setzen – zeigt im Hintergrund das 1910 entstandene in Ockerfarben gehaltene Gemälde „Plans par couleurs (Femme dans les triangles)“. Eckig und kantig der Frauenkörper in Rückenansicht, der Arm wirft einen mobilen Schatten. Es drängen sich die mechanischen Bilder (und Farben) von Oskar Schlemmer auf, die allerdings erst später entstehen werden.

Die umfassende, sehr gut aufgebaute Werkschau im Pariser Grand Palais folgt dem Künstler chronologisch und erklärt seine theoretische Befassung mit Formen und Farben und Licht, ohne die Frühwerke und Anfänge zu vernachlässigen. Sie zeigt aber auch, dass er nach dem Krieg hoffnungslos war. Wirklich Interessantes ist nicht mehr entstanden. Kupka gerät wieder in Vergessenheit und stirbt 1957 einsam in Puteaux.

Die Retrospektive ist noch bis zum 30. Juli 2018 im Pariser Grand Palais zu sehen. 300 Exponate, darunter Leihgaben aus Privatsammlungen, aus französischen und  europäischen sowie amerikanischen Museen, erklären  uns den Maler Kupka und die spannende Zeit diverser Stilerfindungen vor ca. 100 Jahren.

Christa Blenk

 

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Hallo World – Revision einer Sammlung

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« Agora » – Hamburger Bahnhof

 

Wie sähe eine Kunstsammlung heute aus, hätte ein weltoffeneres Verständnis ihre Entstehung und ihren Kunstbegriff geprägt?“

Diese Frage wird in der Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ gestellt, die seit ein paar Wochen im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Fast auf der kompletten Ausstellungsfläche sind  an die zweihundert Werke aus den Beständen der Nationalgalerie sowie 150 Leihgaben aus weiteren Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sehen. Ergänzt wird diese Mammutschau durch 400 Kunstwerke, Zeitschriften und Dokumente aus nationalen und internationalen Sammlungen. Entstanden sind daraus dreizehn Geschichten, die versuchen, anhand von Kunst die Welt (vor allem die europäische) zu beschreiben.

Die Agora war in der Antike der Ort für Märkte, Feste, Versammlungen oder Gerichtsverhandlungen. Der weitläufige und so großzügige Eingangsbereich des Museums übernimmt hier diese Rolle. Rechts vor der Treppe lässt der Franzose Pierre Bismuth das Dschungelbuch neu aufleben. Auf dem Klein-blauen Teppich liegen die Besucher und versuchen das Sprachengewirr von Balu dem Bär oder von Ka der Schlagen zu enträtseln. In der Mitte der Halle hat der US Künstler Bruce Naumann ein antikes Theater nachgebaut; philosophische Zitate von Wittgenstein oder Benjamin an den Wänden unterstreichen diese Theaterlandschaft. Vor der Holz-Tribüne eine Installation von Goshka Macuga. Sie hat die Köpfe von Albert Einstein, Giordano Bruno oder Karl Marx in einen Betonrahmen platziert. Auf der anderen Seite die bunte Häuserwand « Growing Houses » von Antonio Ole. Im hinteren Teil  Nam June Paiks Installation « I Never Read Witthenstein » (1997) vor der lebensgroßen und bedrohlichen Mißhandlungsszene « Policement and Rioter » der US Künstlers Duane Hansen. Sie entstand schon 1967!

Die zweite Geschichte spielt im Paradies und erzählt von Sehnsuchtsorten. Paul Gauguins Gemälde „Tahitianische Fischerinnen“ von 1891 hängt hier neben der Standlandschaft  « Nidden » von Max Pechstein und einem Bild von Emil Nolde, das 1914 in Papua entstand. Beeindruckend und großartig gelungen der  Raum mit dem Film von Tita Salina „1001st Island“. Das plastikverseuchte Wasser und der Kampf der Fischer stehen im krassen Gegensatz zu zwei anderen Filmen aus den 1930er Jahren von Fritz Murnau „Tabu 1931“  und „Die Insel der Dämonen » (19133) von Friedrich Dalsheim. Hier scheinen Welt, Wasser und Mensch noch ganz unverbraucht und sauber zu sein und es wird höchstens mal eine leere Kokusnuss im sonst plastikfreien Wasser entsorgt.

 
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Anish Kapoor, I Made, Budi,, Duane Hanson, Nam June Paik, , Bruce Naumann Goshka Macuga, Antonio Olé

 

Ankunft, Einschnitt: Die indische Moderne als gewundener Pfad ist die nächste Geschichte. Werke aus dem Museum für Asiatische Kunst stehen  im Mittelpunkt. Umgeben von zeitgenössischer indischer Malerei und Verweise auf Rabindranath Tagore. Hier kann natürlich Anish Kapoor  nicht fehlen. Seine rote Installation heisst „1000 Names“.

1982 kamen viele bedeutende Werke aus der Sammlung von Erich Marx in die Neue Nationalgalerie, die zu einem Mittel- und Drehpunkt des Hamburger Bahnhofs wurden.  Joseph Beuys hat einen Dauerraum dort, so wie u.a.  Keith Haring, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol.

Hinter Colomental: Die Gewalt der miteinander verbundenen Geschichten verbergen sich die spärlichen Arbeiten von afrikanischen Künstlern.  Der deutsche und europäische Kolonialismus steht hier im Visier und wird mit Arbeiten von On Kawara, Joseph Kosuth, Guillermo Deisler, Wolf Vostell oder Marta Minujin dokumentiert.

Kommunikation als globales Happening, Aktionskunst, Konzeptkunst, Medienkunst. Ausgangspunkt ist bei dieser Story die Idee eines „Globalen Happenings“, das 1966 zeitgleich in Buenos Aires, New York und Berlin stattfand.

Was Magdalena Abakanowicz, Max Ernst, Alexander Achipenko, Alberto Giacometti, Hans Arp, Rudolf Belling, Henri Matisse, Jannis Kounellis, Asger Horn oder Renée Sintenis miteinander zu tun haben begreift man vielleicht im Kapitel „Woher kommen wir? Skulpturale Formen der Aneignung“. Figurative Plastiken aus der Sammlung der Nationalgalerie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart wurden hier zusammengebracht.

Verwobene Bestände: Arte Popular, Surrealismus und emotionelle Architektur befasst sich vor allem mit Mexiko und der Neuen Welt.  Josef Albers, Hans Arp, André Masson, Carlos Mérida, Meret Oppenheim, Diego Rivera und Dr. Atl vertreten dieses Kapitel. Ein wenig Fantasie braucht man schon, um die Fäden nicht zu verlieren oder sie überhaupt zu sehen.

Weiter mit Vorfahren und Nachfahren: Bildkulturen Nordamerikas. David Bradley, Barnett Newman, Ad Reinhardt, Mark Rothko werden analysiert. Werke von indigenen Künstlern, die das Ethnologische Museum Berlin in den letzten Jahren erwerben konnte stehen im Dialog mit der New Yorker Avantgarde.

Orte der Nachhaltigkeit: Pavillons, Manifeste und Krypten. Die Moderna galerija in Ljubljana tritt sehr prominent auf, zusammen mit anderen Werken aus osteuropäischen Sammlungen, die   als Leihgaben nach Berlin gekommen sind; darunter Kazimir Malevich oder Walter De Maria.

Die tragbare Heimat : Vom Feld zur Fabrik. Fokus liegt hier auf Reisen von und nach Armenien. Der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler, der mehrere Reisen auch dorthin unternommen hat und darüber malte und berichtete. 1931 hat er sich permanent in Moskau nieder gelassen und 1942 ist er  in Kasachstan verstorben.

Die Kunst des Expressionismus wird bei der Geschichte über „Plattformen der Avantgarde: Der Sturm in Berlin und Mavo in Tokyo“ ins Visier geholt. Lyonel Feininger, Hannah Höch, Kandinsky, El Lissitzky oder Kurt Schwitters sind bei der Eröffnung der „Neuen Abteilung“ der Nationalgalerie im Berliner Kronprinzenpalais 1919 mit dabei gewesen.

„Rot, Geld und Blau gehen um die Welt“. 1982 erwarben die Freunde der Nationalgalerie unter großer Polemik der Öffentlichkeit das großformatige abstrakte Gemälde von Barnett Newman „Who is Afraid of Red, Yellow and Blue IV « (1969).  Monochrome Farbflächen in Primärfarben als Paradebeispiel des abstrakten Expressionismus. Noch im selben Jahr erfuhr das Bild schwere Beschädigungen (es wird auch in der Ausstellung besonders gut bewacht).  Vier Variationen gibt es davon und die Serie verweist auf Piet Mondrian, der hier in den Raum passen würde. Der Titel lehnt sich an « Who is afraid of Virginia Woolf » an.

Bei den Zwischenräumen handelt es sich um die Präsentation eines Werkes oder Werkkomplexes aus den Sammlungen der Nationalgalerie, die die 13 Themen flankieren. Joseph Beuys, Quin Yufen, Keichi Tanaami, Ilya Kabakov, On Kawara und Bruce Naumann füllen sie.

Entwickelt wurde die Ausstellung von Udo Kittelmann mit Sven Beckstette, Daniela Bystron, Jenny Dirksen, Anna-Catharina Gebbers, Gabriele Knapstein, Melanie Roumiguière und Nina Schallenberg für die Nationalgalerie, sowie den Gastkuratorinnen und -kuratoren Zdenka Badovinac, Eugen Blume, Clémentine Deliss, Natasha Ginwala und Azu Nwagbogu.

Nicht jedes Kapitel ist gelungen und manchmal muss man um viele Ecken denken, um den Zusammenhang zu erkennen oder eine Gemeinsamkeit nachzuvollziehen; dies macht den Besuch ein wenig schwerfällig. Viele große Namen und viel Unbekanntes oder wenig Bekanntes. Besuchenswert ist diese Schau, die noch bis zum 26. August zu sehen ist und von einem umfangreichen Programm begleitet wird, auf jeden Fall!

Christa Blenk

 

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3 Tage in Quiberon

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Der Film von Emily Atef ist in schwarz-weiß gedreht, einer der vielen Manipulationstricks. Marie Bäumer (ausgezeichnet) spielt Romy Schneider während eines Aufenthalts in der Bretagne/Quiberon. Sie will sich entgiften, fasten, zu sich kommen. Ihre Sandkasten-Freundin Hilde soll sie dabei unterstützen. Was aber dann passiert ist eine Orgie aus Wein, Champagner, Zigaretten und viel Manipulation und Respektverlust. Romys Fotografen-Freund Robert hat den Stern Journalisten Michael Jürgs mitgebracht, um ein Interview für die deutsche Presse aufzuzeichnen. Romy legt ihr gesamtes Innenleben frei und alle profitieren.

Es ist eher ein Vier-Personen-Theaterstück, das sehr gut besetzt ist. Aber zum Schluss will man nur noch weggehen und ist peinlich berührt von dieser schwachen, unsicheren, kindlichen und lebensuntüchtigen Person, die es nicht mal schafft mit ihrem Sohn zu telefonieren, dabei macht sie das alles ja nur, um den 14 jährigen David nicht zu verlieren. Der Journalist erniedrigt sie, alle sehen zu und werden in dem morbiden Strudel von frechen und anmaßenden Fragen mitgerissen. Irgendwann wird es der Freundin Hilde zu viel und sie will gehen, versucht Romy dazu zu bewegen, dieses schreckliche Interview zu beenden, aber sie gefällt sich in der Rolle, posiert permanent für den Fotografen. Die Szene in der Hafenkneipe ist gelungen, aber setzt die Manipulation fort. Der Robert fotografiert die geschlossene Gesellschaft, und immer wieder Romy, die ein Kopftuch trägt, die singt und Akkordeon spielt, mit einem Poeten tanzt, trinkt und mit den Gästen der geschlossenen Gesellschaft um die Wette raucht und  Autogramme gibt. „Sind Sie Mme Sissi?“.

Mit der Zeit berührt sogar den jungen und karrieresüchtigen Journalisten Romys pathetisches Verhalten. Aber macht ihn das besser? Er wird das Interview bringen, schickt es ihr aber zur vorherigen Durchsicht. Romy ändert nichts!

Nicht alles ist so wie es damals war – hoffentlich nicht! Atef hat ihre eigene Geschichte oder Interpretation daraus gemacht. Vielleicht noch dramatischer als es war oder vielleicht weniger? Marie Bäumer ist überzeugend in dieser Rolle, wie sie raucht, trinkt, sich kindlich am Boden wälzt vor Lachen oder über die Felsen hüpft, um sich endlich den Fuß zu verstauchen, damit sie sich mal ausruhen kann. Sie spricht sehr gut französisch und sogar ein wenig wienerisch, wenn sie sich mit Hilde unterhält  und fällt von einem Extrem ins andere, und das permanent. J’ai faim (ich habe Hunger) sagt sie zum behandelnden Arzt, der davon ausgeht, dass sie schon seit Tagen nüchtern ist, obwohl sie die ganze Nacht Champagner getrunken hat.

Kurz nach der Erscheinung des Interviews kam ihr Sohn bei einem Unfall ums Leben und sie selber ein Jahr später – mit 43 Jahren

cmb

Infos zum Film:  « 3 Tage in Quiberon »

Deutschland, Österreich, Frankreich 2018
Drehbuch und Regie: Emily Atef
Darsteller: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Yann Grouhel, Denis Lavant
Produktion: Rohfilm Factory, Dor Film, Sophie Dulac Productions et al.

 

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Louise Bourgeois – The Empty House

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 „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“  (Installation Louis Bourgeois im Schinkel Pavillon)

 

Nicht weit weg von der Museumsinsel – auf der anderen Seite von  « unter den Linden » – steht der Schinkel Pavillon. Dort zeigen seit einigen Jahren regelmäßig hochkarätige Künstler ihre Installationen. Damit wird die sonst eher von der Kunst der Vergangenheit geprägte Ecke um die zeitgenössische Kunst erweitert. Seit dem 21. April 2018 sind dort Zeichnungen und Installationen von Louise Bourgeois (1911-2010) zu sehen.

Zellen“ (cells) sind Fragmente einer Werkserie, an der Bourgeois seit Ende der 1980er Jahre arbeitet. Der Ostberliner Architekt Richard Paulick hat 1969 den oktogonalen Pavillon aus Glas gebaut, in dem jetzt Bourgeois‘ 2005 entstandene Installation „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“ gezeigt wird.  „Sack forms“ hängen  zum Teil an Ketten von der Decke des transparenten Stahlkäfigs nach unten. Leere, leblose, helle Hüllen sprechen von Fruchtbarkeit, Vergänglichkeit, Schmerz! Auf den ersten Blick denkt man an einen sterilen Schlachthof. Nur ein kleiner Turm aus weißen Steinen im inneren des Käfigs wächst vom Boden in die Höhe, aber auch er kommt nicht heraus, aus diesem durchsichtigen, voyeuristischen Gefängnis. Die halbgeöffnete Tür ist mit einer Eisenstange versperrt, so kann man den Käfig trotzdem weder betreten noch verlassen. Die Kunstgeschichte sagt uns, dass Bourgeois‘ unfröhliche, schwere und depressive Kunst mit ihrer Kindheit, vor allem mit dem schlechten Verhältnis zu ihrem tyrannischen Vater zu tun hat.

Für diese Ausstellung wurden dieses Mal auch die „unfertigen“ Kellerräume aktiviert. Dort wird der Schlachthofeindruck zum negativen déjà vu. Flackernde Funzeln, abgefallene, zum Teil schmutzige Fließen, niedrige Raumdecken vermittelt eher den Eindruck großer Vergessenheit. Die blutroten Papierarbeiten zieren schwangere Bäuche, saugende Babys oder schwere Brüste. Ansonsten bestehen die rosa Installationen oder Figuren aus groben und feinen Stoffen, aus blauen Fäden und weißen Steinen. Man denkt an die Venus von Willendorf, an Voodoo. Runde, unschöne Körperteile, die Leid transportieren müssen und Hoffnung suggerieren möchten. Mitten drin in diesem Kellergeschoss thront eine ihrer Spinnen in einer Vitrine. Für Bourgeois wat die Spinne ein Sinnbild mütterlicher Geborgenheit. Wird dieser Raum gerade hergerichtet oder ist er vom Abriss bedroht? Die Installationen und Zeichnungen im Kellerbereich beziehen das Umfeld direkt in ihre Kunst mit ein; sie wirkt so noch deprimierender. Ihr Vater war ein Textilhändler, unter dem ihre Mutter sehr gelitten hat. Hier rächt sie sich an Beiden!

Die französische-amerikanische Bilderhauerin und Künstlerin Louise Bourgeois zählt zu den Pionieren der Installationskunst. Die hat die „feministische“ Kunst erfunden, obwohl sie selber das so nie gesagt hat. Im kleinen Faltkatalog sind werksbegleitende Zitate aus ihren Tagebüchern abgeduckt. Louise Bourgeois wurde erst sehr spät von der Kunstwelt entdeckt. Angefangen hat die in Paris geborene US-Französin ihr Künstlerdasein nach dem sie sich mit Ehemann und Kindern Ende der 1930er Jahre in New York niedergelassen hatte. 

Bis zum 29. Juli 2018 ist diese Einzelausstellung noch im Schinkel Pavillon zu sehen. Die Leiterin dieses Kunstvereins, Nina Pohl, hat diese Einzelausstellung kuratiert. Die Eastern Foundation hat die Arbeiten zur Verfügung gestellt.

Christa Blenk

 

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Staatskapelle spielt Debussy

Zwischen  Präraffaelismus und Impressionismus

Claude Debussy (1862-1918) wird immer mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht und man will sich rote Mohnblumenwiesen oder gemalten zarten Wind vorstellen. Dabei war es vielmehr die Literatur der letzten 400 Jahre, die für den französischen Komponisten die Inspirationsquelle war. Debussy beschrieb die Naturereignisse in Tönen wie bei „Dialogue du vent et de la Mer“ . Seine Naturmusik kann man nicht nur hören, man kann sie auch riechen und sehen oder man geht mir ihr auf Reisen, obwohl Debussy selber eher wenig herumgekommen ist.

Daniel Barenboim befasst sich schon seit 1975 mit Debussy; in diesem Jahr wurde er Chefdirigent des Orchestre de Paris – mit 32 Jahren! Nun hat er zum 100. Todestag ein edles und anspruchsvolles Programm zu Debussys Ehren zusammengestellt und das Berliner Publikum Anfang Mai mit einem großartigen Fest seines Lebenswerkes verzaubert. Er hat dazu Kompositionen, die nicht so bekannt wie Pélleas et Melisande, Le Martyr de Saint Sébastien oder Prelude a l’apres midi d’un faune sind aus der französischen Musik-Schatzkiste geholt. Unterstützt dabei haben ihn die Staatskapelle und die zwei ausgezeichneten Solistinnen Anna Prohaska und Marianne Crebassa.
Immateriell, luftig und ätherisch französisch ist sie, diese Musik, bei der sogar der Bogen der Geige anders gehalten wird. Kräftig und fern-transparent-kommt sie daher. Durchaus gewöhnungsbedürftig, immer leicht unordentlich und voller lichter Farbenpracht.

Auf dem Programm stand die weltliche Cantate „La Damoiselle élue“ (Die Erwählte), die 1887 nach einem symbolischen Gedicht des Malers und Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti entstand. Geschrieben für zwei Solistinnen, Frauenschor und Orchester. Crebassa sang von hinten neben den Harfen ganz in Rot und Prohaska stand neben dem Maestro in Weiß.

„Trois Nocturnes“ ist das erste impressionistische Werk von Debussy. Die Staatskapelle hat es perfekt präsentiert, nicht ganz sauber im Einsatz der Damenchor der Staatsoper. Uraufgeführt 1900 mit großem Erfolg bei der Kritik. Hier springt die Romantik in die Moderne, Gemälde des Malers Whistler haben Debussy dazu inspiriert.

„Trois Ballades de Francois Villon“- ein Glanzstück für die charmante Mezzo Marianne Crebasse. Diese Liedkomposition entstand 1910, acht Jahre von seinem Tod. Der Dichter Villon hat im 15. Jahrhundert gelebt. Ursprünglich für Bariton geschrieben pendeln die Lieder zwischen profanen und paganen Betrachtungen eines Bürgers, der die Damenwelt kommentiert.

Und zum Schluss « La Mer“. Wohl  Debussys bekanntestes Werk. Düster-drohend, wallend und aufwühlend gewittrig. Die große Welle von Hokusai zierte das Titelbild der ersten Ausgabe. Aufgeführt wurde diese 23 Minuten dauernde sinfonische Dichtung 1905 in Paris. Sie gilt als Musterbeispiel des Impressionismus.

cmb

 

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Welcome to Hell in der Neuköllner Oper

Was bleibt ist Hilflosigkeit

Am 7. und 8. Juli 2017 fand der zwölfte G20-Gipfel statt. In Hamburg trafen  hierzu Vertreter der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer aus Politik und Wirtschaft zusammen. Um Störungen entgegenzutreten und die Anreisenden zu beschützen kamen  31.000 Polizisten zum Einsatz. Groß-Demonstrationen, Protestveranstaltungen, Massenkundgebungen, Blockaden und massive Unruhen  begleiteten den Gipfel; Sachbeschädigungen, Plünderungen, Angriffe auf beiden Seiten standen auf der Tagesordnung und sorgten für unzählige Verletzte.

Die tagelangen Straßenkämpfe haben  Peter Michael von der Nahmer und Peter Lund im Anschluss zu 100 Minuten Oper verarbeitet; diese kam  15. März 2018 in der Neuköllner Oper mit großem Erfolg zur Uraufführung.

Wut, Ärger, Verzweiflung und Frustration und zwölf Menschen sind die Protagonisten dieses Opern-Musicals. Überfordert wirken sie Alle: Der Polizist, die unterbezahlte Supermarktkassiererin, der französische Delegierte, der spanische Callboy, die taffe aber unsicherer Reporterin, eine Studentin mit Migrationshintergrund, der auf die schiefe Bahn geratene Sohn reicher Eltern, eine idealistische Pazifistin, eine Einzelgängerin, ein religiöser Homosexueller kurz vor dem coming out, ein Zuhälter und eine Studentin aus Husum.

Großartig Alexander Auler, Katia Scheherazade Bischoff, Didier Borel, Nikko Andres Forteza Rumpf, Tae-Eun Hyun, Mira Keller, Pabl, o Martinez, Lucille-Mareen Mayr, Mathias Mihai Reiser, Loïc Damien Schlentz, Anastasia Troska, Andrea Wesenberg als Sänger, Tänzer und Schauspieler!

cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Glasharfe und Gitarre

harpe de verre

 

Kristallenes Frühlingskonzert im Wohnzimmer

Eine zarte Brise trägt das  Piepsen der Turmfalken durch die offene Balkontür ins Wohnzimmer, dort ist im hinteren Teil des zum Konzertsaal umgebauten Raumes ein Plätschern zu hören. Die Glasharfe wird gerade für das Konzert vorbereitet und das braucht seine Zeit. Wasser ist ein wichtiger Faktor, es muss genau die richtige Temperatur haben, um die polierten, mundgeblasenen Stil-Gläser zum Singen zu bringen. Mit einem kleinen Schwamm stimmt Alexander Lemeshev seine beweglichen Hände, bevor er vorsichtig sein Gläser-Instrument aufstellt.  Ein Glas wird keine Töne von sich geben, es hat lediglich die Funktion eines Wasserspenders, denn dort taucht Lemeshev in kurzen Abständen und blitzschnell seine Finger  ins wohl temperierte Nass. Die Finger dürfen nicht trocken werden. Diese kristallklaren Töne entstehen durch kreisende Bewegungen mit den nassen Fingerspitzen oder durch Anschlagen an das Glas. Transparent, hell und glasklar erklingt eine umfangreiche Notenpalette. Unglaublich, mit welch meisterhafter Fingerfertigkeit er diese sauberen Engels-Töne (in England wird die Glasharfe übrigens auch Engelsorgel genannt) erzeugt.

Der in Berlin lebende Gitarrist Vitaliy Shal begleitet den Glasharfen-Solisten Alexander Lemeshev an diesem Musikabend auf einer musikalischen Reise durch die Jahrhunderte, denn schon vor 500 Jahren gab es « Glas »-Musik.

Das Konzert beginnt mit einem Fragment aus Franz Schuberts 1828 erschienenen « moments musicals » , ursprünglich für Klavier geschrieben. Gefolgt von zwei Glasharfen-Stücken von Mozart. Sechs Monate vor seinem Tod, 1791, schrieb dieser zwei bedeutende Kompositionen für die damals bekannteste und blinde Glasharmonika-Spielerin Marianne Kirchgessner. Einmal das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello sowie das Adagio für Glasharmonika solo. Angeblich hat  Mozart bei der Uraufführung zwar nicht die Glasharmonika aber doch die Bratsche persönlich gespielt. Der Gitarrist Vitaliy Shal übernimmt hier den Part eines kompletten Streichquartetts. Die letzten beiden bezaubernden Stücke vor der Pause sind aus Tschaikowskys Nussknacker. Alexander Lemeshevs sichere Finger tanzen mit der Zuckerfee um die Wette und die Glasharfe erzeugt hier einen Pirouetten drehenden Spieldoseneffet.

In der Pause dürfen sich die Fingerkuppen ein wenig erholen, aber auch das Wasser braucht eine Temperaturanpassung, denn diese hat sich in 30 Minuten verändert. Dann werden seine Hände nochmals getrimmt und gestreckt  und es kann weiter gehen.

Dass auch Werke von Johann Sebastian Bach auf der Glasharfe faszinieren können, beweist uns Lemeshev nach der Pause. Die beiden Musiker spielen zusammen ein Scherzo (Badinerie) aus einer Bach-Suite und Lemeshev Prelude in C Major aus dem wohltemperierten Klavier.

Der Teufelsgeiger Niccolò Paganini hat mit 38 Jahren einen kompletten Zyklus von Capricen für Geige komponiert, die so gut wie alle seine für ihn typischen musikalischen Anforderungen beinhalten. Die Nummer 24 ist die letzte und wird gerne als Zugabe gespielt. Technisch für jeden noch so brillanten Geiger eine Herausforderung. Alexander Lemeshevs Präsentation lässt ahnen, dass das Stück auch auf der Glasharfe so einiges vom Interpreten fordert. Er fliegt nur so über die Gläser. Das in kurzen Abständen flinke und durchgetaktete Eintauchen seiner Fingerkuppen ist Teil der Performance geworden und beeindruckt ungemein.

Mit dem dritten Satz aus Mozarts Sonate Nr. 11 A-Dur, besser bekannt als Türkischer Marsch, klingt das Konzert aus. Allerdings kann das begeisterte Publikum den beiden Musiker noch zwei Zugaben abringen. Der Bossa-Nova lässt die Glasharfen-Töne gleich in einem ganz anderen und sehr flotten Licht erscheinen und Brahms 5. Ungarischer Tanz beweist, dass man auch komplizierte Rhythmusänderungen auf ihr interpretieren kann.

Die Glasharfe oder Gläserspiel ist ein Idiophon. Das Instrument besteht aus mehreren Reihen sauber angeordneter, befestigter Trinkgläser. Jedes Glas hat einen eigenen Ton, eine eigene Note und eine Geschichte und wird speziell ausgesucht.  Der Tonumfang kann bis zu drei Oktaven umfassen, auch die Raumakustik spielt eine wichtige Rolle. Die großen Gläser geben dunklere Töne ab als die zierlicheren. Die Anordnung der Gläser bestimmt jeder Musiker selber.

Schon um das Jahr 1500 hat man mit Glas Musik gemacht. Im Barock und in der Romantik gab es nicht wenige Komponisten, die für Glasharfe oder Glasharmonika komponierten. Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Stuttgarter Musiker Bruno Hoffmann Kompositionen für Glasharmonika auf der Glasharfe wieder auf die Programmzettel der Konzertsäle gebracht und auch selber Stücke für Glasharfe komponiert. Carl Orff oder Richard Strauß befassten sich ebenfalls mit diesem chromatischen Instrument. Dass dieses zarte und doch sehr selbstbewusste Musikinstrument auch hypnotisieren kann, würde uns jetzt gar nicht wundern. Jedenfalls hat der österreichische Arzt Franz Anton Mesmer im 18. Jahrhundert Glasmusik für seine Hypnose benutzt.

Großartige und spannende Performance!

Christa Blenk

 

 

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Transit – Filmbesprechung

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„Ich darf nur bleiben, wenn ich nachweisen kann, dass ich nicht bleiben will.“

 Ist die Hauptaussage in diesem großartigen Film von Christian Petzold; es ist auch vollkommen gleichgültig, ob die Polizeisirenen, die Razzien, die Autos, die Überwachungskamera oder die Kleidung, Fußball und  aktuelles Umfeld modern sind oder vor über 70 Jahren existiert haben. Nach ein paar Minuten hat man sich schon daran gewöhnt, überspringt problemlos die Zeit und hat verstanden, dass der Inhalt der Handlung in die Vergangenheit gehört, die Aktualität aber bereits die Zukunft eingeholt hat. So viel hat sich auch gar nicht verändert!

 Vier Tage reist Georg, der einem Konzentrationslager entkommen konnte, versteckt in einem Zugwaggon mit einem Freund von Paris nach Marseille. Als sie endlich dort ankommen, ist sein verletzter Begleiter tot. Georg kann gerade noch den Spürhunden und der Polizei entkommen. Er hat es geschafft und Marseille erreicht. Für viele NS-Flüchtlinge war die südfranzösische Stadt die letzte Hoffnung, denn von Marseille aus fuhren die großen Schiffe in die Neue Welt. Dann dreht sich alles in akuter Aktualität und in einer existentiellen Ruhe  um Einsamkeit, Angst, Geld, Visa, Transitbestimmungen und Beamten-Willkür. Als Georg merkt, dass der Konsularbeamte ihn für Weidel hält, übernimmt er einfach diese Rolle, ohne groß darüber nachzudenken. Weidel hat in Paris Selbstmord begangen und Georg ist im Besitz seines letzten Manuskriptes, das er im Zug gelesen hat. Immer wieder treffen sich die Flüchtlinge in den unterschiedlichen Konsulaten und versuchen verzweifelt, alles zusammen zu bekommen, zeigen voller angsterfülltem Stolz Passfotos, Stempel, Pässe. Durch den Arzt Richard, der den kranken Sohn seines verstorbenen Freundes behandelt, lernt er Marie Weidel kennen, eigentlich nun ja auf dem Papier seine Frau. Sie hatte ihren Mann verlassen, um mit Richard nach Mexiko zu gehen, sucht aber seit dem verzweifelt nach ihm, denn er hat auch ihre Papiere. Über den Konsul erfahren beide, dass der andere ebenfalls auf dem nächsten Schiff nach Mexiko sein wird. Marie, die zuerst nicht weiß, dass Georg alle Papiere hat, kann Marseille nicht verlassen, vielleicht will sie es aber auch gar nicht. Die wartenden Protagonisten sind unsicher, zerrissen und treffen immer wieder in Restaurant Mont Ventoux aufeinander. Dort steht der Erzähler der Geschichte hinter der Bar und kommentiert die unterschiedlichen Schicksale.

Marie könnte auch eine Person aus einem Kieslowski-Film sein; während Georg direkt aus einer Camus-Erzählung kommt.

Zum Schluss bleiben Angst und Verzweiflung.

 Mit grandioser und sensibler Langsamkeit und unbeugsamem Phlegma beschreibt Christian Petzold ein paar Wochen in Marseille von Leuten in der Warteschlange während des Zweiten Weltkriegs. Der Film hält sich sehr eng an Anna Seghers Roman « Transit ».  Sie hat ihn in den Jahren 1941/1942, bereits im Exil in Mexiko, geschrieben und war selber kurz vorher in der Situation der großen Unsicherheit des Flüchtlings.

 Petzolds Film springt immer hin und her zwischen heute und den Kriegsjahren. Einen perfekteren « Georg » als Franz Rogowski hätte er nicht finden können. Er verliert trotz permanenten Rückschlägen nie die Ruhe,  entscheidet sich allerdings immer zu spät für etwas und nimmt alles einfach so hin. Paula Beer ist Marie Weidel und Godehard Giese spielt den Arzt Richard. Matthias Brandt ist der Erzähler im Mont Ventoux und Barbara Auer die Frau mit den Hunden.

 Christian Petzold schrieb auch das Drehbuch; in einem Interview erzählte er, dass Seghers Buch jahrelang eines seiner Lieblingsbücher gewesen sei.  Er widmete  Transit dem befreundeten Filmemacher Harun Farocki (1944-2014). Der Film wurde im Februar 2018 auf der 68.  Biennale uraufgeführt; einen verdienten Preis bekam er leider nicht.

cmb

 

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Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix

Schornsteine, Rinnsteine und Schlafburschen

Industrielle Revolution und Industrialisierung, Landflucht und ansteigende Geburtenraten, ein reichhaltiges Arbeitsangebot sowie vielfältige Freizeitmöglichkeiten machten Berlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem verlockenden Ort und  – nach London, Paris und Wien – zur viertgrößten Stadt  Europas. Schon 1816 wurde auf der Spree das erste Dampfschiff eingesetzt, das Eisenbahnnetz breitete sich aus, es gab die Ringbahn und Pferdeomnibusse. Schon in den 1820er Jahren sorgte die städtische Gasanstalt für mehr Licht „Unter den Linden“.

Nach der Reichsgründung,  Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Berlin Hauptstadt von Preußen und die Einwohnerzahl erreichte die Millionengrenze. Große Kaufhäuser, Luxushotels, schicke Bars und ein reges Straßenbild prägten ab 1900 das Stadtbild genauso wie in die Höhe schießende Schornsteine, Schmutz und Rauch. Im Wedding entstand die erste Chemiefabrik, in den Hackeschen Höfen wurde damals schon gewohnt und gearbeitet. Um die Jahrhundertwende führte Otto Lilienthal seine Versuchsflüge durch und der Teltowkanal wurde für den Schiffsverkehr freigegeben. Der Lunapark zählte zu den größten Vergnügungsparks in Europa. Berlin war « in ».

Dem Großteil der Zuwanderer gelang es allerdings nicht, sich in die privilegierte Schicht einzugliedern, sie glitt recht schnell in Armut ab. Die sozialen Probleme wuchsen auf der einen Seite genauso schnell wie der Wohlstand auf der anderen. Eine dramatische Wohnungsnot vertrieb die Arbeiter, Tagelöhner, Kutscher oder Knechte in Mietskasernen oder in Arbeitersiedlungen am Stadtrand. Der „Schlafbursche“ wurde erfunden. Die arbeitende Bevölkerung organisierte sich in Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften und Streiks und Proteste waren genauso an der Tagesordnung wie Hunger und Misere.

 

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Heinrich Zille – VOR DER SCHAUBUDE – 1904 Schwarze Kreide, Kohle auf Papier
Stiftung Stadtmuseum Berlin

 

Und hier setzt die Ausstellung im Bröhan-Museum „Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ ein. Sie baut eine Brücke vom Ende der Belle Epoque bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten. 1898 wurde die Berliner Secession gegründet, eine Künstlergruppe, die den vorherrschenden und dominierenden Akademismus ablösen bzw. ihm entgegensteuern wollte. Mitglieder in dieser Vereinigung waren unter vielen anderen auch die Künstler Heinrich Zille, Hans Baluschek oder Käthe Kollwitz. Während sich Liebermann oder Slevogt aber dem deutschen Impressionismus widmeten brachten Zille, Kollwitz oder Baluscheck einen kritischen Realismus aufs Papier und in die Welt. Sie brachten mit sozialkritischen Themen die, die im Dunkeln stehen, ans Licht. In der zweiten Generation setzen dies Otto Dix, George Grosz oder Otto Nagel fort, die ihre Werke mit Schreckenserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg anreicherten.

Baluscheck war der typische Rinnsteinkünstler. Geboren und aufgewachsen zwischen Fabrikschloten und dem Schöneberger Gasometer. Von ihm hat das Bröhan-Museum eine stattliche Sammlung, vieles ist zur Zeit in der Ausstellung zu sehen.  Auch der weniger bekannte Bruno Böttcher wohnte und wirkte in der Proletariatsatmosphäre auf der Roten Insel, wie das Viertel um den Schöneberger Gasometer hieß. Sie traten dem Expressionismus mit krudem Realismus entgegen. Von Bruno Böttcher ist eine Federzeichnung AUFRUHR zu sehen. Sie entstand 1924 und zeigt einen Mann, der in Ketten gefangen zwischen Schornsteinen und Rauch den kompletten Himmel einnimmt und die Mietskasernen zu beschützen scheint.

 

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Käthe Kollwitz  ARBEITER VOM BAHNHOF KOMMEND (PRENZLAUER ALLEE)
um 1899 Gouache auf Papier Käthe Kollwitz Museum Köln

 

Käthe Kollwitz hat nach einer Theateraufführung von Hauptmanns „Die Weber“ um 1896 mit einen sechsteiligen Grafikzyklus Ausbruch, Höhepunkt und Zusammenbruch des „Weberaufstandes“ angeprangert. Die Serie ist in der Ausstellung zu sehen und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Kollwitz präsentierte den Zyklus 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury wollte ihr dafür eine Goldmedaille überreichen, was der Kaiser allerdings ablehnte. Für sie war es aber trotzdem ein Durchbruch. Obwohl die Bilder von Armut und Misere erzählen, lassen die Künstler den „Modellen“ ihre Würde; kritisiert wird das Umfeld und die Verhältnisse, nicht die Personen.

Ein anderer bedeutender Maler dieser Zeit war der Grafiker, Maler und Fotograf Heinrich Zille.  Seine Arbeiten waren sozialkritisch aber auch sehr lokalpatriotisch. Er war ein echter Milieu-Maler, was ihm den Namen Pinselheinrich einbrachte. Sein « Milljöh » fand Heinrich Zille in zwielichten Bars oder in den schmutzigen Hinterhöfen der Mietskasernen in den Arbeitervierteln. Seine kritischen Bilder und Fotos waren der Grund, warum er 1907 aus der Photografischen Gesellschaft entlassen wurde. Zille arbeitete auch für den Simplicissimus und kam 1903 als ein Protegé von Liebermann zur Berliner Secession. Liebermann malte in den 1880er Jahren ebenfalls naturalistische Bilder wie « Flachsscheuer in Laren » (1887) oder « Schusterwerkstatt « (1881), bei ihm waren es aber eher Fallstudien nach einem Aufenthalt in Holland als eine solidarische oder sozialkritische ja politische Handlung. Er, der Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, spezialisierte sich vor und nach dem Krieg auf Biergartenszenen oder Politiker-Portraits. Ab den 1933er Jahren hat ihm dies allerdings auch nicht helfen können.

Für den Kaiser war die Kunst von Kollwitz, Baluschek oder Zille eher Kunst zum Wegsehen. Die Rinnsteinkünstler waren unbequem und Bilder, die nur Armut und Misere zeigten, passten nicht zu Pickelhauben-Parademärschen oder später zu Champagner trinkenden Amüsiersüchtigen in den Cabarets der Goldenen Zwanziger Jahre.

Dass Deutschland 1914 das weltweit höchste BIP pro Kopf hatte und nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt war, war vor allem dem Maschinenbau zu verdanken. Diese Tatsache sorgte aber nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern eher für das Gegenteil. Missernten um 1912-1913 führten zu Lebensmittelknappheit und Hungerkrisen, Frauen  bekamen Hungerlöhne für Heimarbeit und mussten oft den ganze Familie durchbringen.

Kurz nach Kriegsbeginn entstand der Zyklus Memento 1914/1915“  von Willy Jaeckel. Auf zehn Blättern kündigte er die Gräuel des ersten Weltkrieges an. Diese Preziose gehört dem Bröhan-Museum.

Die junge Weimarer Republik musste sich mit Straßenkämpfen aller Couleurs auseinandersetzen und  wurde von Links und Rechts angegriffen. Reparationszahlungen und Weltwirtschaftskrise verstärkten die Arbeitslosigkeit und saugten das Geldvermögen des Mittelstandes und der Rentner auf.

 

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Conrad Felixmüller ZEITUNGSJU NGE 1928 Lindenau-Museum Altenburg
Foto: Bernd Sinterhauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Auf der anderen Seite entwickelte sich Berlin in der Weimarer Republik zu einem kulturellen Zentrum, auf das die Welt blickte. Gropius baute, Einstein forschte, Grosz malte, Zweig, Brecht und Tucholsky schrieben. In der Film- und Theaterwelt tummelten sich Marlene Dietrich, Friedrich Murnau, Fritz Lang und Max Reinhardt.  Reinhardt war einer der Tonangeber im Regietheater. Er übernahm 1905 die Leitung des Deutschen Theaters in Berlin. Statist wurde ein neuer Beruf und technische Bühnenmaschinerie zum Zeitgeist. Erwin Piscator wirkte an der Volksbühne mit dem Motto « Die Kunst dem Volke » und macht politisches Theater. Bertholdt  Brecht brachte im August 1928 am Schifferbauerdamm seine Dreigroschenoper zur Uraufführung. Bauvorhaben brachten immer wieder kurzzeitig Arbeit für Einige. Um die Stadt entstand ein grüner Ring und die Armen wurden noch ärmer. Das Avantgarde-Theaterstück von Ernst Toller « Hoppla wir leben » wurde zum spektakulären Bühnenereignis. Tradition und Moderne knallten ständig aufeinander und  bevor der Aufschwung auch bei den Armen ankommen konnte war er auch schon wieder vorbei. Otto Dix und George Grosz dokumentierten mit Ironie und Hohn das Leben in den Cabarets und Cafés.

 

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George Grosz -IM CAFÉ -1922
Aquarell, Feder, Tusche/Papier
Galerie Brockstedt, Berlin - © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Otto Nagel war der Sohn eines sozialdemokratischen Tischlers und arbeitete selber als Transportarbeiter.  Nagel selbst kam aus einer Weddinger Arbeiterfamilie und wurde erst nach dem Krieg, der ihn als Verweigerer ins Gefängnis gebrachte hatte, als Autodidakt zum Künstler. Er gehörte zur zweiten Generation dieser Malergruppe,  spielte 1920 eine bedeutende Rolle und initiierte 1921 mit anderen Künstlern die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die von Willi Münzenberg geleitet wurde. Letzterer gab auch die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung heraus. Es entstanden Filme für die arbeitende, arme Bevölkerung wie « Kuhle Wampe » oder « Mutter Krausens Fahrt ins Glück », die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Nagel war eng mit Kollwitz und Zille befreundet und war Redaktionsleiter der Satirezeitschrift Eulenspiegel. Von ihm sind einige sehr gute Werke ausgestellt, darunter „Weddinger Jungen“ (1928). Es gehört den Staatlichen Museen zu Berlin. Nagels Licht- und Farbregie hier erinnert an die „Chiaroscuro“ Technik von Caravaggio. Die blau-schwarz gekleideten Kleider vor dem dunkelblauen Hintergrund bilden einen hoffnungslos- dramatischen Kontrast zu den blassen, rachitischen und hoffnungslos ins Leere blickenden Gesichtern der Jungen. Blickfang ist ein weinroter Schal, den ein Kind um den Hals geschlungen hat.

Alle Künstler hatten eines gemeinsam:  entartet – Malverbot – scheidet aus allen Ämtern aus  hieß es für sie im Jahre 1933 !   

 

Die Kuratoren Dr. Tobias Hoffmann und Dr. Anna Grosskopf haben für diese ausgezeichnete Schau  fast 200 Gemälde, Grafiken und Fotografien, zusammen gebracht, darunter zahlreiche nationale und internationale Leihgaben von bedeutenden Institutionen, Museen und aus privaten Sammlungen.

Diese sehenswerte Schau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Not und Leid in der Zeit um die Jahrhundertwende bis zur Machtübergreifung der Nazis zu zeigen, wird noch bis zum 17. Juni 2018 im Bröhan-Museum zu sehen sein. Anschießend soll sie im Käthe Kollwitz Museum in Köln gezeigt werden. Die Ausstellung ist sehr gut aufgebaut und stellt viele Künstler vor, die man sonst nicht zu sehen bekommt oder nicht einmal kennt. 

Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm, u.a. um den Milljöh-Maler Zille,  umrandet die Ausstellung. So gab es am 5. April ein wunderbares Konzert mit Fabia Mantwill (Stimme und Saxophon) und Thomas Kolarczyk (Bass). Sie spielten u.a. Jazz-Klassiker aus den 1930er Jahren, eigene Kompositionen und improvisierte Collagen, mit denen sie eine Verbindung zu den ebenfalls ausgestellten und großartigen Arbeiten des Berliner Grafik-Pioniers John Heartfield herstellten. 

Christa Blenk

 

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