Helena Aikin – Del Natural

Del Natural

Vom 7. bis 14. Juli 2015 hat Helena Aikin im ehemaligen mittelalterlichen Gefängnis in Barco de Ávila Gemälde, Aquarelle und Skulpturen ausgestellt.

klein-carcel Durch dieses Loch wurde im Mittelalter den Gefangenen das Essen gereicht. Aikin hat eine ihre Skulpturen  Cactus Lord dahinter platziert!
Foto: Helena Aikin

 

Farbenprächtig, vegetarisch und expressiv sind ihre letzten Arbeiten, die Aquarelle, die direkt oder im Zusammenhang mit einem längeren Aufenthalt in Indien entstanden sind, wo sich Aikin zu wissenschaftlichen Forschungen aufgehalten hat. Hier hat sie das Leben zwischen den Labyrinthen und um ihre Skulpturen festgehalten und mit einer bestechenden Chromatik eine Blumenwelt erstellt. Diese Arbeiten erinnern mich ein wenig an ihre ganz frühen Arbeiten aus den 80er Jahren, die nach einem Aufenthalt in Sao Paolo entstanden sind.

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Ausstellung in Barca de Ávila – Foto: Helena Aikin

Barco de Ávila ist ansonsten auch noch für seine ausgezeichneten dicken Bohnen bekannt. Es liegt nicht weit weg vom Cerro Gallinero, dort hat Helena Aikin vor 2 Jahren eines ihrer faszinierenden Labyrinthe gebaut.

Helena Aikin hat am Hackney Arts Centre in London und an der School of Visual Arts in New York studiert; später kamen noch Studienaufenthalte in Kalifornien und Sao Paolo hinzu. Sie lebt und arbeitet als Dozentin in Madrid und Ciudad Real/Spanien.

Helena Aikin 
Helena Aikin mit einem ihrer Labyrinthe

Christa Blenk

 

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Henze Collezionista

Henze Collezionista

Ausstelungsplakat

Bisher nie gezeigte Gemälde, Zeichnungen und Lithografien von Renzo Vespignani und Natascha Ungeheuer

 

Im Sommer 1974 reiste Hans Werner Henze in Begleitung des Philosophen Jens Brockmeier mit dem Auto von Marino/Rom zur Vernissage einer großen Vespignani-Ausstellung nach Bologna.  Auf dem Weg dorthin kann man mit einem winzigen Umweg mühelos einen Abstecher in das kleine Renaissance-Bergstädchen Montepulciano im Süden der Toskana machen. Das haben die beiden getan, denn dort wollte man Henze als Präsidenten für ein Festival gewinnen, dessen Konzept noch nicht ganz ausgegoren war.  Henze sagte zuerst Nein, änderte aber nach seinem Besuch dort und einem Auf- und Abrutschen«  in den steilen Gassen dieser Stadt und natürlich nach seinem ersten Glas Vino Nobile seine Meinung, kehrte Ende August nach Montepulciano zurück und führte die ersten Gespräche mit dem Bürgermeister und den kulturinteressierten Personen der Stadt. Die Bevölkerung sollte aktiv und kreativ in das Festival eingebunden werden. Anspruchsvoll, alternativ und einzigartig sollte es werden: Der Cantiere Internazionale d’Arte Montepulciano (Baustelle oder Werkstätte für die Künste) war geboren.  Im Jahr darauf, also 1975, war es dann soweit. Dies sollte dem Maestro (und der Stadt) viel Arbeit, viel Ärger aber auch viele glückliche Momente und eine große Zukunft wie sich herausstellte -  bereiten.

Henzes umfangreiche surrealistisch-neorealistische Vespignani-Sammlung und zwei große Gemälde von Natascha Ungeheuer sind nun 40 Jahre später   in der Fortezza in Montepulciano anlässlich und während der 40. Internationalen Werkstatt für  Kunst zu sehen.

Den Maler und Bühnenbildner Renzo Vespignani,  einer der ersten Künstler des Widerstandes des italienischen Antifaschimus, der das Leiden und die Zustände in den kruden Vorstätten von Rom malte, hatte Henze schon 1956 kennen gelernt, als dieser  das komplette Bühnenbild für eine Inszenierung von Viscontis neorealistischem Drama Maratona di Danza entwarf und realisierte. Die wilden und bunten Szenen dieses jungen römischen Malers beeindruckten ihn schon damals sehr. 1957 wurde der Tanzmarathon  in Berlin mit Jean Babilée uraufgeführt.  Dies war der Beginn einer langen, fruchtbaren und wunderbaren Freundschaft und andere Kooperationen sollten folgen, darunter 1968 eine Inszenierung für Henzes Bassariden in der Mailänder Scala.

Vespignani hat diesen privaten, fast intimen Bildern oft keinen Titel gegeben. Das Entstehungsjahr  sowie die Techniken konnte man allerdings gut nachvollziehen.  Der Theatermann und künstlerische Leiter der Hans-Werner Henze Stiftung, Michael Kerstan, der diese Austellung konzipierte, beschreibt im Katalog  die Mühen, die Kunstwerke mit Titeln zu versehen. Eine Mischtechnik (76 x 103 cm) aus 1991 hat Renzo Vespignano Henze gewidmet:  Per i Kindertotenlieder di Gustav Mahler.   Zum 60. Geburtstag von HWH sind  diverse Zeichnungen, in denen der Maestro verewigt ist, zu sehen, auf einem ist er sogar mit seinen Lieblingshunden, Windhunden, verewigt; dieses ist auch das  Ausstellungsplakat. Die Blumenbilder hat er entweder Fauto (Moroni) oder HWH mit dem Vermerk esemplare ad personam gewidmet. Alles persönliche Kunstwerke, deren Betrachten uns fast zum Voyeur macht, so als ob wir gar nicht das Recht hätten, diese Bilder zu sehen.

Von Natascha Ungeheuer hängen zwei große Gemälde in der Ausstellung. Sie war bei der Eröffnung am 11.7. auch persönlich anwesend.

1970 hat Henze sein  Podiumstheater Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer komponiert, ähnlich dem unkonventionellen El Cimarrón und auch nach Gastón Salvatore. Damals wusste er noch nichts von der Existenz der Künstlerin und der Titel ist eher zufällig entstanden. Salvatore hat wohl den Namen irgendwo gehört und ihn benutzt. Dass es sich hierbei um die in Kreuzberg lebende Künstlerin Natascha Ungeheuer handelte, haben die beiden erst später erfahren. Anschließend hat Henze diese hier ausgestellten Bilder von ihr gekauft. Sie haben mit denen von Vespignani nichts gemein. Natascha Ungeheuer hat einen ganz eigenen Stil; wie Henze auch seinen ganz eigenen Stil immer hatte. Sie malt mit kleinem Pinsel nach alter Manier. Ihre Bilder haben etwas Illustratorisches, etwas Naives. Wartesaal (1980 170 x 240 cm) hat  Henze  Ende der 80er Jahre gekauft, als Freunde ihn zu ihr nach Kreuzberg brachten. Auf diesem Bild sieht man traurige und besorgte, aber eigentlich nicht verzweifelte Menschen an Tischen sitzen, die in fatalistisch-philosophischer Stimmung mit einem Getränk vor sich auf dem Tisch warten, was da auf sie zukommen wird. Im Katalog ist ein Brief von Henze an Natascha Ungeheuer abgedruckt, in dem er in München auf Subventionen wartend  auf den Wartesaal«   Bezug nimmt und seine Begeisterung für das Bild zum Ausdruck bringt.

Das andere Bild trägt den vielversprechenden Titel  627 Tage bis zum Vulkanausbruch (1988 125 x 100 cm). Dieses hat etwas vom Zöllner Rousseau der durch die Schule von Otto Dix gegangen ist. Mit ironisch-farbig-tragischem Humor wird eine Art Arche Noah gezeigt oder der Aufbruch in die neue Welt.

Diese Ausstellung stellt den politisch-intellektuelle Musiker  als Kunstsammler ins Rampenlicht.

Vom 12.7. – 13.09.2015 werden diese bisher noch nie in der Öffentlichkeit gezeigten  Gemälde und Zeichnungen des italienischen Malers und Bühnenbildners Renzo Vespignani (1924-2001) und der deutschen Malerin und Buchillustratorin Natascha Ungeheuer (*1937) aus der Privatsammlung von Hans-Werner Henze in Montepulciano gezeigt.

40Cantiere

Der Cantiere geht bis 1. August und ist sehr vielseitig. Am  17. Juli  ist u.a.  im Teatro Poliziano in Montepulciano Stefano Tagliettis Oper Idroscalo Pasolini  als Welturaufführung zu sehen; das Libretto hat Carlo Pasquini geschrieben und Marco Angius wird das Royal Northern Collega of Musik Manchester dirigieren. Ein weiteres Highlight wird Henzes Recital per quattro musicisti (1970) El Cimarrón in einer Inszenierung von Michael Kerstan am 28. Juli sein.

Montepulciano ist aber sowieso immer sogar ohne dieses interessante und hochkarätige Festival eine Reise wert. Aber ab Mitte Juli eben noch viel mehr, denn aufgrund der diversen Meisterkurse, Workshops oder Konzerte wimmelt es nur so von Musikern und Künstlern in der Stadt und aus fast jedem  Renaissance-Gebäude im Zentrum erklingen Klänge und Tonleitern oder Musik. Wirklich ein Erlebnis!

Ausstellungsraum
Ausstellungsraum – Fortezza – Montepulciano (Foto: Christa Blenk)

Christa Blenk

 

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Pan, Pipigwan und Polychromie

 Donde lo tradicional se encuentra con el avant garde (Dort wo die Tradition auf die Avantgarde trifft)
 
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 Foto: Botschaft Mexiko

Anspruchsvolles Konzert-Happening in der mexikanischen Botschaft

 „Assiginaak“ ist indianisch und heißt „Amsel“ und ist der eigentliche Name von Barbara Croall (*1966 im kanadischen Odawa). Sie hat am 8. Juli 2015 zusammen mit der mexikanischen Violinistin, Sängerin und Komponistin Paulina Derbez ein spannendes Konzert gegeben. Künstlerisch begleitet und unterstützt wurden die beiden Interpreten dabei vom mexikanischen Künstler Jaime Luján.

Von Bach und Corelli über Schubert bis Arvo Pärt geht ihr Repertoire. Dazwischen eine kleine Romanzetta vom spätromantischen mexikanischen Komponisten Manuel M. Ponce (1882-1948) und einigen eigenen Kompositionen wie die Happening-Aufführung Shika von Paulina Derbez. Dazu lädt sie uns im Vorfeld ein, an einen fliegenden Adler zu denken.  Derbez hat hier vier Rollen auf einmal inne: Sie rezitiert, schauspielert, singt und spielt Geige. Das muss ihr erst mal einer nach machen. Sie ist wie ein Wirbelsturm und eine impulsive Improvisateurin, die sich gerade mal noch die Zeit nimmt, ihre Geige bei dieser feuchten Hitze zu stimmen!  Gegenpol ist Barbara Croall. In sich ruhend und gelöst-schön steht sie mit ihrer Flöte vor uns und erklärt  den Ursprung der Pipigwan (eine traditionelle Flöte in Anishianaabeg (Zedernart). Der Vogel auf der Flöte gehöre dazu, sagt sie, er hat vor langer Zeit einem jungen Mann das Flötenspielen beigebracht, das ihm dann – dank seiner verzaubernden Interpretation – letztendlich die Braut zuführte, der er schon lange heimlich den Hof machte (die Flöte wird deshalb auch „Courting Flute“ genannt). Und genauso spielt sie  auch ihre Eigenkompositionen wie Nibi Nagamowing-Water Song 2014 oder Bineshiins – Little Bird 2015. Da wundert es einen nicht, dass die to-be-bride schließlich weich und sein wurde.

Einen treffenderen Namen könnte Croall nicht haben!

 Dann wirbelt Derbez auf die Bühne. Wie gesagt, sie kann nicht einfach nur eine Sache machen, deshalb zitiert sie mit ihrer schönen vollen Stimme vor den klassischen Geigen-Soli Gedichte von San Juan de la Cruz, Cuenca, Vivaldi und Octavio Paz. Das ist sehr originell und sie hat ein gutes Gefühl für timing! Jaime Luján wirft dazu mit seinen Finger Farben auf den Bildschirm, die uns direkt an Kandinsky-Delaunay Kreationen denken lassen.

Reflections on Water haben Croall und Derbez 2012 gemeinsam kreiert. Eine strukturierte Improvisation für Klavier, Geige und Stimme. Sie haben es schon öfter aufgeführt, aber es hört sich immer anders an, nur eine gewisse Struktur, die das Piano vorgibt, bleibt. Jaime Luján hört hier vor allem „grün“ während der darauf folgende Pärt für ihn (und für Erika)  „blau“ sein muss.  Spiegel im Spiegel für Geige und Klavier ist ein ruhiges, dahinplätscherndes repetitives  Stück, das viel Zeit zur Meditation lässt und es war für Derbez sicher nicht leicht, dieses Mal nur zu spielen!

Zum Schluss schenken sie uns noch einen Auszug aus einer Komposition für Geige und traditionelle Trommel-Rassel (ein Schildkrötenpanzer) von J.P. Moncayo (1912-1958) Huapango. Moncayo hat sich hier von drei verschiedenen Son Huastecas aus Veracruz inspirieren lassen und 1941 ist daraus sogar eine inoffizielle mexikanische Nationalhymne geworden. Huapango wird von großen Orchestern, Popmusikern oder wie hier von einem Duo aufgeführt. Seit 2011 gehört Huapango als Teil der mexikanischen Mariachi-Musik zum immateriellen Kulturgut der UNESCO.

Paulina Derbez hat in Lugano an der Vivaldi Akademie für Geige studiert (in Lugano ist übrigens auch ihre Komposition Shika entstanden). Zur Zeit lebt sie in Kanada und ist Mitglied der Ontario Philarmonie.

Die Pianistin, Komponistin und Flötistin Barbara Croall hat an der Hochschule für Musik in München (u.a. auch bei Lachenmann) und in Toronto studiert und ist auch schon mit dem Toronto Symphony Orchestra aufgetreten.

Der mexikanische Künstler Jaime Luján befasst sich seit 2012 mit der Fusion von Visuellem und neuen Technologien. Mit Paulina Derbez hat er in interaktives Buch über visuelle und musikalische Kunst „Depictions of a Concert“ geschaffen.

Eigentlich hatten wir uns auf ein eher traditionelles Konzert mit Geige und Klavier eingestellt  und verlassen sehr überrascht und bereichert die mexikanische Botschaft. Das Rezept der Guacamole, die nach dem Konzert angeboten wurde, hätten wir allerdings auch gerne mitgenommen!

Am Donnerstag fahren die Drei weiter nach Florenz. Dort wollen Paulina Derbez und Jaime Luján ihr Buch vorstellen und das Konzert – etwas reduziert – wiederholen!

Muchas gracias!

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(C) Jaime Luján
 

Christa Blenk

 

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Artescienza 2015 – Trittico del Ritmo

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Im Garten der Filarmonica Romana vor dem Konzert

Rhythmisches Triptychon in Klingsors Zaubergarten.

Die Idee zu Richard Wagners Zaubergarten (Parsifal) entstand in Ravello – aber wohl nur, weil er den Garten der Filarmonica Romana während des Artescienca Festivals nicht kannte.

Jeden Abend erwacht der Garten aufs Neue zum Leben und es tummeln sich nicht nur Klänge und Noten in ihm. Die stattlichen Holophone  auf beiden Seiten der Freilichtbühne sind einmal weißer Vollmond und dann wieder glühender Sonnenball, der die Bäume und Sträucher um die Bühne herum in allen Farben aufleuchten lässt. Die Stimmung, auch verursacht durch die feuchte Hitze, die ab und zu durch das Bellen eines Hundes oder den Schrei einer Möwe (oder Krähe?) unterbrochen wird, ist irreal. Das flüsternde Publikum ist bei den letzten Handgriffen des Arrangements der Perkussionsinstrumente schon anwesend und zeichnet sich durch eine fast sakrale Stille – sonst eher unüblich in Rom – aus. Der Zauber wirkt schon!

Im Garten verstreut stehen die ausgeleuchteten Skulpturen von Claudio Palmieri und am Eingang befindet sich eine elektronische Keramik-Installation « Voci di Terra » von Silvia Lanzalone und Debora Mondovi, aus der die umwerfende Stimme von Silvia Schiavoni zu uns spricht.

Es ist 21.30 Uhr, die Dämmerung ist schon weit fortgeschritten, als Gianluca Ruggeri die Bühne betrat und mit Voliera von Tommaso Cancellieri für Solist und live electronics das Konzert  einleitete. Ruggeri ist uns schon bekannt und ein großer Star in der Perkussionswelt in Rom. Beim gestrigen (6. Juli) Konzert hatte er auch die künstlerische Leitung und dirigierte das Ensemble Aere Silente.

Für das nächste Werk von Toshi Ichiyanagi (*1933) Wind trace (1983) kamen drei junge Musiker auf die Bühne. Diese Komposition ist für auf Xylophone und Klaviaturinstrumente.

Die Musiker wechselten den Standort und begaben sich nach oben – zu den Trommeln. Risveglio della Terra ist von Laura Bianchini. Sie hat es 1991 komponiert und man möchte fast meinen, dass sie dabei schon an die heutige Stimmung in diesem Garten gedacht hat. Die Erde erwacht und ihre Bewohner treten miteinander in Verbindung, sie kommunizieren auch mit fremden Ethnien oder Völkern  außerhalb ihres Stammes oder mit Tieren. Ein Babel, ein Kommunikationschaos, das aber durch den Magier als deus ex macchina in Form von Takten geordnet wird. Der Rhythmus stützt die Metamorphosen des originären Klanges und sorgt dafür, dass die ursprüngliche Besonderheit nicht verloren geht. Die Musiker müssen dazu auch dann und wann einen Kriegsschrei ausstoßen oder durch eine Muschel mit der Umwelt in Verbindung treten. Der elektronische Teil dieser Komposition wurde beim CRM mit dem Digitalsystem zur Tonsynthese Fly, an dessen Entwicklung Bianchini beteiligt war, durchgeführt.

Laura Bianchini ist außerdem der Direktorin des CRM (Centro Ricerche Musicale). Sie und Michelangelo Lupone haben das Festival Artescienza 2015 konzipierte und sorgen für die Durchführung. Es geht noch den ganzen Sommer hindurch.

Zum Schluss ein interessantes Stück von Toru Takemitsu (1930-1996).  Raintree (1982) für drei Klaviaturinstrumente ist eine Regen-Metapher, es geht um das Wasser, das den Kosmos durchfließt. Gianluca Ruggeri hat uns dazu kurz mitgeteilt, dass Takemitsu die Musiker immer aufgefordert hätte, an eine Metapher von Kenzaburo Oe zu denken. Die Blätter eines Baumes fangen die Regentropfen auf und sammeln sie. Wenn man die Blätter dann faltet, ertrinkt das Wasser. Dieser Gedanke ist den Musikern in diesem Umfeld sicher sehr leicht gefallen. Dementsprechend gut haben sie sich eingebracht. Takemitsu hat dieses minimal-poetische Werk im Gedenken an Olivier Messiaen komponiert.

Die Interpreten Tiziano Capponi, Edoardo Mariotti, Giulia Mazzili, Matteo Rossi und Martina Russo gehören zum Ensemble Aere Silente, das Gianluca Ruggeri gegründet hat und sind Studenten am Konservatorium Santa Cecilia in Rom.

Wie immer ein spannender und nicht missen wollender Abend in diesem Garten der Mirakel.

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Text und Fotos Christa Blenk

 

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Two Lands one voice

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Innenhof der brasilianischen Botschaft

Im Innenhof der brasilianischen Botschaft an der Piazza Navona  fand am 4. Juli 2015 abends ein Konzert mit Werken von zeitgenössischen italienischen und brasilianischen Komponisten statt. Organisiert von der Universität Tor Vergata und in Zusammenarbeit mit der University of  California (Irvine) und mit dem Konservatorium Santa Cecilia Rom.

Musik, elektronische Installationen, Tanz, mixed media und active space Video mit Werken von  den Kompositoren Gustavo Brinholi, Hubert Howe, Carlos Delgado, Giovanni Costantini, Susan Fischer, Alipio Carvalho Neto, Girogio Nottoli und dem großen Giancarlo Schiaffini, der auch als Solist an der Posaune mitwirkte.

Lisa Naugle hat die sehr ansprechende Choreografie entwickelt.

Federico Scalas und Anna Terzaroli waren für die Klangregie verantwortlich.

Sehr interessant die Stücke  10 a.m. von Giancarlo Schiaffini für Ensemble, Traces in my Memory von Giovanni Costantini (Welturaufführung)  und Ruota del tempo von Giorgio Nottoli mit fantastischen Choreografien. Die zweite Welturaufführung des Brasilianers Alipio Carvalho Neto (er hat persönlich das Saxofon gespielt) « Caatinga I « Sertao » und Caatinga III Ekstasis war auch sehr originell.

Marco Ariano an den Perskussionsinstrumenten  hat sich die Seele aus dem Leib getrommelt.

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Perkussionskünstler Marco Ariano

Christa Blenk

 

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Artescienza 2015 – Grame musique

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Perkussionskünstlerin Yi Ping Yang am 3.7.2015

Auch am 3. Juli – nach dem Konzert in der Sala Casella von Frauke Aulbert -  gab es noch ein anderes Konzert im Garten der Filarmonica Romana.

Der Regen am späten Nachmittag hat einer Feuchtigkeit Platz gemacht, dass die Musiker erstmals das Klavier und die Perkussionsinstrumente trocknen mussten (und wir die Stühle).

Grame Musique war ein Spektakel mit elektronischer Musik. Candida Felici, Klavier und Yi Ping Yang, Perkussion, interpretierten Musikstücke von Jonathan Harvey (Le tombeau  de Messiaen), James Giroudon / Jean Franvois Estager (Welturaufführung), Edgar Varèse, Bruno Mantovani und Javier Torres Maldonado (ebenfalls Welturaufführung).

Das GRAME ist das Musikwissenschaftszentrum Lyon und hat hier eine ausgezeichnete Performance zur Schau gestellt. Die Perkussionskünstlerin, klein und zierlich, hat hier auch physisch eine Meisterleistung hingelegt.

Es ist unglaublich, was das CRM auf die Beine stellt. In den folgenden Tagen geht es so weiter. Eine Welturaufführung jagt die andere!

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Pianistin Candida Felici im Garten der Filarmonica Romana

 

Christa Blenk

 

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Frauke Aulbert beim Artescienza Festival 2015

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Frauke Aulbert mit Geoffroy Drouin

 

Akrobatische Urlaute und Schuhe

Mit der deutschen Stimmkünstlerin Frauke Aulbert wurde am 3. Juli das Festival Artescienca 2015 eröffnet.

Diese akrobatische Stimmperformerin verfügt über vier Oktaven Stimmumfang und ist auf neue und zeitgenössische Musik spezialisiert.

Aulbert jonglierte sich durch die Musik von Aperghis, Kaul, Scelsi,  Cage und Drouin. Die von ihr ausgewählten Stücke unterstrichen die Vielseitigkeit ihrer Stimme von  lieblich-süß bis aggressiv-künstlich zur bisher unbekannten primordialen Urlauten!

Auf der Bühne nur ein Pult, eine Kiste und vier paar Schuhe. Aulbert tritt in Strass-Sandalen auf und beginnt mit Georges Aperghis (*1945) Nr. 11 from Recitations per voce sola.  Eine Hommage an Gertrude Stein surrealistische Poesie?

Schuhwechsel zu  grünen Pumps und Matthias Kauls (*1949) Komposition Silence is my voice. Die dicke Backe zeugt nicht von plötzlichen Zahnschmerzen sondern ist auf das Mikrofon im Mund zurückzuführen, welches sie im Verlauf des Stückes unter Knurren, Rumpeln, Schlucken, Rattern, Rauschen, Schnurren, Knacken, Klirren, Sprechen langsam zu einer roten Kaugummimasse im Mund verarbeitet, was sie aber nicht daran hindert, unbeschwert und unverständlich weiterzusprechen oder zu kauen. Ironisch schlägt sie den Diapason an die Schläfe, und hat ihn auch gleich wieder gefunden, den richtigen Knautschton!

Zu Saul I und II für zwei Frauenstimmen (eine davon eine Registrierung von Isabella Scelsi) von Giancinto Scelsi (1905-1988) schlüpft  sie in die roten Pumps. Das nun einsetzende Gurgeln und Quietschen, Brüllen, Zirpen oder Blätterrascheln war eine Fantasie-Reise durch das Dschungelbuch. Fantastisch!

Als nächsten kredenzte sie uns eine eigene Produktion. Für Krr improvvisazione tematica su sovratoni e suoni multifonici trägt sie grüne Schuhe mit gelben Schleifchen. Nun kommt auch endlich die geheimnisvolle Requisitenkiste zum Einsatz. Aulbert stülpt sich nach und nach Perücken, Brillen, Mützen, Kopfhörer, Taucherbrille auf den Kopf oder auf die Nase, oder einen Schnuller in den Mund, Gegenstände, die sie nach und nach elegant auf den Boden wirft. Von der Freiheitsstatue bis zu Micky Minni führt sie alle amerikanischen Symbole vor – vielleicht aber auch nicht.

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Frauke Aulbert am 3.7.2015 – Foto: Christa Blenk

John Cages (1912-1992) Sonnekus für eine Stimme evoziert eine Art Gebet, ein Lamento, theatralisch büßend und deshalb barfuß und minimalistisch vorgetragen.

Aulbert verschwindet  nun von der Bühne, um kurz darauf in schwarzen Pumps zurückzukehren. Das Hauptstück des Abends L’éloge du manque  für Stimme und life electronics vom französischen Komponisten Geoffroy Drouin (*1970) hat begonnen.  Die beiden haben diese strukturierte Improvisation gemeinsam vor zwei Monaten für das Palais de Tokyo in Paris erarbeitet und dort uraufgeführt. Die Performerin hat sich hier selber übertroffen und ihre Angst und Panik, die nur eine große Leere oder künstlerische Ohnmacht hervorrufen kann, auf das Publikum übertragen.  Es geht ganz harmlos los: Eine Sängerin bereitet sich auf ihren großen Auftritt vor. Sie ist guter Dinge und zuversichtlich, aber die  Stimme will nicht kommen. Zu sehen war für uns erstmals nur die kapriziöse Mimik und manieristische Gestik einer großen Diva. Mit einem „es wird gleich klappen-Schmunzeln“ trinkt sie einen Schluck Wasser, aber es passiert nichts. In den nun ca 15 folgenden Minuten erleben wir die Entstehung der Panik vor der Leere, vor dem Vakuum oder vor dem Unkontrollierbaren. Sie gerät über immer größer werdenden Ärger, der sie fast die schwarze Wand am Bühnenende einschlagen lässt, in eine selbstzerstörerische, dramatische und hoffnungslose Verzweiflung, die von unbeschreiblichen Kaspar-Hauser-Urlauten begleitet wird und sie schließlich  in einer Art Geburtswehen bedauernswert und hilflos wie ein Häufchen Unglück auf den Boden wirft, Wörter und Erlösung suchend. Selbstquälerisch und hilflos kommen die ersehnten Vokabeln aus einem Lautsprecher bis irgendwann die Befreiung einsetzt und ihr Mund Töne heraus lässt. Auch das Publikum atmet auf und löst sich aus seiner Fast-Schock-Starre. Rasender Applaus.

Diese Künstlerin ist unerreichbar!

Die Königin der Avantgarde von Hamburg, hat man sie genannt. Frauke Aulbert ist ein aufkommender Star und bewegt sich auf allen auch internationalen zeitgenössischen Parketten. Sie nimmt an den Darmstädter Ferienkursen teil und hat in Kiel, Santa Cruz de Tenerife und Hamburg studiert. „Obertongesang in zeitgenössischer Musik“ lautet das Thema ihrer Diplomarbeit. Sie hat den 1. Preis der Stockhausen Stiftung für die Interpretation der « Indianerlieder » bekommen, war an der Cité International des Arts in Paris und am Goethe Institut Rom.  2016 ist sie als Stipendiatin  an die Akademie Schloss Solitude nach Stuttgart eingeladen.

Goeffroy Drouin lebt in Rom und in Paris und war persönlich anwesend! Er hat u.a. am IRCAM Paris studiert und war Stipendiat der Villa Medici in Rom. Über ihn gibt es schon mehr auf diesem blog zu lesen:

Organisiert und technisch betreut – in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Rom – hat das  CRM (Centro Ricerche Musicali) und der Filarmonica Romana.

 

Christa Blenk

 

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Geburtstagskonzert für Maestro Henze

Michael Kerstan hat in Ariccia – zusammen mit dem Bürgermeister -  ein außergewöhnliches Geburtstagskonzert für den großen Maestro Hans Werner Henze organisiert.

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Konzertplakat

 

Ariccia ist eine sehr alte Stadt 26 km südöstlich von Rom im Gebiet der Castelli Romani.  Ariccia liegt auch am Nemi-See und genau auf der anderen Seite, dort  wo die  Göttin Diana zu jagen pflegte und ihr Sanktuarium steht, befindet sich der Ort Marino ( hier spielt übrigens auch der zweite Teil von Henzes Oper Phädra). In Marino hat Henze über 50 Jahre gelebt und dort, in der Villa Leprara, ist  nach seinem Tod die Hans Werner Henze Stiftung entstanden.

Gestern Abend haben sich also das Daegu MBC Symphony Orchestra, Mitglieder des Phorminx  Ensembles Darmstadt, der Dirigent Kushtrim Gashi, Michael Kerstan, der Geschäftsführer und künstlerische Berater der Hans Werner Henze Stiftung (er hat das Konzert auch organisiert) und vier Komponisten dort getroffen, um dem 2012 verstorbenen Maestro ein grandioses, überraschendes und ganz besonders Geburtstagskonzert zu schenken. Hans Werner Henze wäre am 1. Juli 89 Jahre geworden!

Sieben neue Kompositionen von sieben Komponisten, von denen vier gestern Abend auch anwesend waren, wurden aufgeführt.

Volker Blumenthaler (*1951) war 1977 und 1982 Teilnehmer an den von Hans Werner Henze organisierten Cantiere Internazionale d’arte in Montepulciano. Seine kurze Komposition early colours in memorium Hans Werner Henzeist 2015 entstanden. Er schickt seine Musik vom nebeligen Morgengrauen ängstlich durch den Wald dem Licht und den Sonnenaufgangsfarben entgegen. Die nötige Chromatik kam von einer einfühlsamen Solo-Klarinette. Wir hören Geigen-Vögel, vielleicht sogar den Wiedehopf, Henzes Lieblingsvogel, dem er sogar eine Oper gewidmet hat!

Das zweite Stück In the Moment (before the tears flow) für Solo-Cello (Wolfgang Lessing) und Ensemble hat die junge Koreanerin Sungmi Parks , die beim Konzert anwesend war, ebenfalls 2015 für dieses Konzert komponiert.  Eine traurige, manchmal weinende Komposition, die durch Rhythmus und Dynamik immer mehr an Kraft gewinnt und die Trauer so überwindet. Harmonisches Flöten-Klarinetten-Finale.

Der Südkoreaner Kyu-Yung Chin hat das dritte Werk komponiert.   From the Orient für Altflöte und Streichorchester versetzte uns in die Mitte einer Schlangenbeschwörung. Die immer wieder eingebauten Gong-Töne lähmen die Schlange für ein paar Sekunden, bis sie sich wieder in Bewegung setzt.  Kyu-Yung Chin hat in Karlsruhe studiert.  Angelika Bender  ist eine wunderbare Flötistin, die schon seit fast 20 Jahren beim Phorminx Ensemble spielt.

Der Niederländer Cord Meijering, von dem das folgende Stück stammte,  ist Mitbegründer des Ensemble Phorminx und lebt heute in Darmstadt. Er hat auch die Verbindung zu dem koreanischen Orchester hergestellt. Von 1983 – 1986 hat er bei Hans Werner Henze an der Musikhochschule Köln studiert und dem Maestro schon zu dessen 80. Geburtstag 2006 das Werk « Neue Lieder aus Italien und Deutschland » dediziert.  Tombeau de Hans Werner Henzeper violoncello e 13 strumenti, ist ebenfalls 2015 entstanden. Nach dem Konzert erzählte Meijering, dass er dabei an eine Komposition des französischen Komponisten Gaultier dachte, der seinem Lehrer Mézangeau (Le tombeau de Mézangeau) gleichfalls eine Komposition widmete, inspiriert.  Eine Trauermusik, lyrisch und fast post-romantisch, die den Schmerz über den Tod seines Maestro beschreibt. Die Trompete beginnt mit einem Tusch bis eine Art Trauermarch, obwohl es kein Marsch ist, einsetzt. Man denkt ganz kurz an ein Staatsbegräbnis, oder jedenfalls an das Begräbnis eines großen Mannes, schubertianische Hommagen und symphonische Ansätze werden mit einem ausatmenden Seufzer beendet – die Musiker senken den Kopf und es folgt eine gefühlte Trauerminute. Sehr gelungene Komposition, ganz im Sinne von Henze, der sicher sehr stolz auf seinen Schüler gewesen wäre.

Auch Myung-Whun Chois Komposition entstand 2015 zu Ehren des Meisters. Mo-rahms II für Klarinette und Ensemble ist ein Augenzwinkern auf das abrupte Zusammentreffen zweier Kulturen, eine Suche nach dem Ich. Myung-Whun Choi hat in Deutschland studiert und die Klarinette in diesem köstlichen Werk zitiert permanent Mozart und Brahms. Thomas Löffler hat sich auch richtig amüsiert damit – wir auch!

Da es kein Programmheft gab, hat Michael Kerstan jedes Stück immer vorher angekündigt und ein wenig über den Komponisten erzählt. Das war sehr angenehm und hat die Luft für die folgende Stück gereinigt.

Als nächster kam der Maestro selber an die Reihe. Hans Werner Henzes Fantasia für Streicher ist 1966 entstanden; Schlöndorff bat Henze um die Musik zu seinem ersten Film nach Musils „Törless“.  Henze war 40 Jahre alt und befand sich in einer unheimlich produktiven Phase, nachdem er beschlossen hatte, sich nur noch aufs Komponieren zu beschränken. Sein junger Partner Fausto Moroni kümmerte sich um den seit 1963 immer wieder unterbrochenen Hausbau in Marino. Weihnachten desselben Jahres konnten sie aber dann schon zusammen mit Ingeborg Bachmann in – La Leprara feiern – mit einem nicht mehr rauchendem Kamin (wie Henze selber in den Reisebildern und Böhmischen Quinten schreibt) feiern.

Die Törless-Streichersuite war die perfekte Ergänzung und hob zugleich diesen großen Komponisten hervor. Henze hat hierfür  Renaissance-Instrumente vorgegeben,  um das komplizierte dekadent-morbide Innenleben des Studenten Törless zu beschreiben.  Elegisch-spätromantisch und energisch. Wunderbar präsentiert  von 9 Streichern des Daegu MBC Orchesters unter dem Dirigenten aus dem Kosovo, Kushtrum Gashi.

Den Abschluss machte Sung-Ho Hwang mit Cliché (2015) . Es ist ein Dialog zwischen Klarinette und Querflöte, ein ständiges hin und her und sich nicht entscheiden wollen. Die keifende Klarinette antwortet der eher kompromissbereiten Querflöte, schnell und lebhaft, beschwingt und mit vielen klassischen Referenzen versetzt. Sehr schwer zu spielen, sagte uns die Flötistin später.

 
Das Ensemble Phorminx wurde 1993 von Musikerinnen, Musikern und Komponisten in Darmstadt gegründet und die drei Solisten, Thomas Löffler (Klarinette), Angelika Bender (Flöte) und Wolfgang Lessing (Cello), sind schon so gut wie seit der Gründung dabei und haben gemeinsam studiert.

Alle Werke hatten eines gemeinsam, sie sind im Sinne von Henze entstanden und waren geprägt von einem nicht zu überhörenden Mut zur Lyrik! Uraufgeführt wurden diese Kompositionen vor ein paar Tagen in Darmstadt und in Daegue.

Ich möchte gerne, dass meine Musik in Zukunft (d.h. nach meinem Ableben) die gleiche Wirkung ausübt wie heute und dass sie weiterhin zu einer Hörerschaft sprechen kann, die mit den kulturellen und sozialen Belangen der Zeit vertraut ist …..“ (Hans Werner Henze)

Genau das ist gestern Abend in Ariccia der Fall gewesen.

Am Freitag reisen sie alle Richtung Deutschland, um in Nürnberg am Samstag dieses außergewöhnliche Konzert zu wiederholen.

Palazzo Chigi in Ariccia
Palazzo Chigi, Ariccia

auch auf KULTURA EXTRA

Christa Blenk

 

http://www.hans-werner-henze-stiftung.de/home/

 

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Musica Svelata – i giardini della Filarmonica

Espelhos (Spiegel)

P1240717
Baltar Cassola Guitar Duo (Foto: Christa Blenk)

Vom 27. Juni bis 12. Juli 2015 findet in den Gärten der Filarmonica Romana dieses Festival statt, bei dem sich einige Länder musikalisch vorstellen. Das Eröffnungskonzert organisierte die Botschaft von Portugal. Das Baltar Cassola Guitar Duo (Eduardo Baltar und Tiago Cassola). Die laue Sommernacht und das Prestige der Musiker haben so viele  Zuhörer angezogen, dass in dem recht großen Saal noch Stühle aufgestellt werden mussten.

Das Programm bestand aus portugiesischen (und brasilianischen) Kompositionen wie Carinhoso, Lisboa ao Entardecer oder Senhorinha von Guinga, bis auf einen klassischen Exkurs zu Domenico Scarlattis Due Sonate. Natürlich geht portugiesische Musik nicht ohne Saudade und deshalb spielten sie als letztes ein Stück von Casimiro Ramos, Balada da Saudade und als Zugabe dann nochmals Carinhoso von Pixinguinha. Melancholisch, atlantisch-traurig und mit viel Expertise haben sie uns vom Norden bis in den portugiesischen Süden geführt und dafür mit ausführlichen Erklärungen gesorgt, dass wir ihnen auch folgen konnten. Ohne Berührungsängste und mit verschiedenen Gitarrren wurden hier auf originelle Weise Fado, klassische und populäre portugiesische Musik  miteinander verbunden.

Organisiert wurde das Konzert in Zusammenarbeit der Filarmonica Romana mit der portugiesischen Botschaft (Danke Isabella!) und die nächsten Tage geht es dann weiter mit Präsentationen von Japan, Iran, Slowakai, Malta,  Norwegen und Spanien. Zwischendurch werden drei Konzerte im Rahmen des Artescienza Festival mit zeitgenössischer und elektronischer Musik in der Sala Casella stattfinden.

Abgesehen davon, dass der Garten der Accademia Filarmonica Romana einfach umwerfend schön ist, lohnt auf jeden Fall ein Besuch dieses Festivals, das ein sehr abwechslungsreiches und interessantes Programm bietet.

Am Sonntag fährt das Duo weiter nach Assisi, um dort im Rahmen des « Festival Internazionale di Musica per il dialogo interculturale tra i Popoli » aufzutreten.

Christa Blenk

P1240720 während des Festivals sind im Garten Arbeiten con Claudio Palmieri zu sehen.

 

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Audio-visuelle Installation – l’Ombra della Luce

nasantur-casinonobile
Casino Nobile – Villa Torlonia (Foto: Christa Blenk)

Eine Audio-visuelle Installation von Nasan Tur in der Villa Torlonia (auch für KULTURA EXTRA)

Im Jahre 2014 war der deutsche Künstler Nasan Tur Stipendiat der namhaften Villa Massimo in Rom. In unmittelbarer Nähe zu ihr liegt die Villa Torlonia, eine Parkanlage mit verschiedenen Bauten unterschiedlicher Stilepochen, die Anfang des 19. Jahrhunderts von der römischen Adelsfamilie Torlonia errichtet wurde. Das größte Gebäude und das eleganteste, das Casino Nobile, war in den Jahren 1925-1943 offizielle Residenz von Benito Mussolini. 1942 wurde auf seinen Wunsch der Keller als Bunker ausgebaut. Nach dem Krieg ging der komplette Torlonia-Komplex an die Stadt Rom, die später aus den Bauten Museen und Ausstellungsräum machte,  in denen auch Konzerte aufgeführt werden. Ansonsten ist die Villa Torlonia der Lieblingspark der Römer – nicht nur in heissen Sommertagen. Seit 2014 ist nach Voranmeldung auch der Bunker als Teil des Museums zu besichtigen.

Nasan Tur (*1974), der sich schon seit längerem mit der Macht auf und der Faszination von politischen Reden auf die Bevölkerung auseinandersetzt, ist vom italienischen Kurator und Kunstkritiker Pier Paolo Pancotto eingeladen worden, ein Projekt dort zu realisieren. Hierbei geht es um eine audio-visuelle Installation, die Nasan Tur zusammen mit einem Musiker konzipiert hat und die auf der Auseinadersetzutng mit der Selbstdarstellung des italienischen Diktators Mussolini und  seinen medienwirksamen Volksreden basiert, die die Grundlage für das Erlangen und den Erhalt seiner Macht darstellten.  Nasan Tur hat sich anhand von Filmaufzeichnungen mit dem Dramaturgieaufbau, der Artikulation, der Intonation und Lautstärke dieser Reden befasst und sie unter Zuhilfenahme einer speziellen Sound-Software in Musik umgesetzt.  Der Inhalt der Rede ist durch diese Bearbeitung  sekundär geworden, es geht hier nur noch um Noten und Töne. Verschiedene Musiker präsentieren also an unterschiedlichen Stellen im Gebäude und im Bunker diese Kompositionen, die dann während der Ausstellungszeit bis zum 2. August in vorher festgelegten Zeitabständen abgespielt werden und im kompletten Gebäude zu hören sind. Man folgt sozusagen den Tönen. Livemusik gab es nur bei der Eröffnung gestern Abend.

Am Anfang fühlt man sich ein wenig verloren und hat Mühe, das Konzept zu erfassen. Wenn man aber der Musik folgt, immer vorbei an römischen und Renaissance-Skulpturen oder Gemälden aus dem 19. Jahrhundert und die Videoinstallation auf sich wirken lässt, hört man nur noch sehr schöne Musik, diskret, leise und beruhigend. Es hat nichts mehr mit Propagandareden gemein und es wäre das Letzte an das man denken würde, wüsste man nicht, dass diese Musik-Performance eigentlich einen unschönen und manipulierenden Hintergrund hat. Man muss also die Gebrauchsanleitung gut lesen!

Musikalisch haben ihm Walter Cianciusi und Enzo Filippeti sowie  die Musikstudenen des  Konservatoriums Santa Cecilia assistiert. Realisiert und technisch umgesetzt wurde das Ganze vom CRM (Centro Ricerche Musicali). Spannender Nachmittag.

Nasan Turs Performance hat das Festival „Artescienza 2015“ eingeleitet, das bis zum 30. September noch viel Interessantes, Neues und Beschreibenswertes hervorbringen wird.

Nasan Tur ist 1974 in Offenbach geboren und es ist nicht das erste Mal, dass politische oder soziale  Ideologien sein Wirken prägen. Symbole der Macht, hier sind es Propagandareden, faszinieren und beschäftigen ihn in alle Richtungen. Nasan Tur hat u.a. in London, Mailand und Nürnberg unterrichtet. Heute lebt und arbeitet er in Berlin.

 Villa Torlonia 016
Villa Torlonia im Frühling (Foto: Christa Blenk)

hier geht es zu weiteren Konzerten und Projekten des CRM

Michelangelo Lupone

CRM

Feed Drum

Licht und Power Game

Christa Blenk

 

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Ritratto di Spagna – spanisches Portraitkonzert

Gerardo Aparicio 
Gerardo Aparicio – muerte española

Ritratto di Spagna

Französischer Impressionismus fusioniert mit spanischer Folklore

Das Sinfonieorchester und der Chor der Universität Roma Tre haben gestern Abend unter Leitung der italienischen Dirigentin Isabella Ambrosini ein “spanisches” Konzert im Teatro Palladium gegeben. Auf dem Programm standen Stücke von den großen iberischen Komponisten wie Falla oder Turina sowie vom spanisch-geprägten französischen Komponisten Maurice Ravel und Gabriel Fauré. Außer Fauré (1845-1924) sind die drei anderen zwischen 1874 und 1876 geboren.

Das Konzert begann – mit einer 30-minütigen Verspätung – mit zwei Werken von Gabriel Fauré (1845-1924): eine sehr langsame und bedächtige aber sehr schön und sauber, vor allem gesungene, Version von Cantique de Jean Racine (Fauré hat es als 19jähriger geschrieben) gefolgt von seiner  Pavane op 50 (entstanden 1887) für Orchester und Chor.  Im Anschluss wagte man sich an Manuel de Fallas El amor brujo.  Wie gesgt, man wagte sich. ,Diese Konzertsuite hört sich  anders an, was zum Teil aber auch an der Sängerin, Amalia Dustin, lag. Einfach unverständlich, warum man in Rom sie dafür ausgesucht hat.! Sie hat eine kleine Stimme (oder war das Orchester zu dominant!) und kein Temperament für diese Rolle, die sonst leidenschaftlich von Vollblut-Sängerinnen wie Rocio Jurado präsentiert und dargestellt wird. Uns blieb also nichts anderes übrig, als ihr wunderschönes, spanisch anheimelndes Kleid und ihre verzweifelten Versuche,  mit ihrem roten Schal Passion, Rituell oder Leidenschaft zu mimen, zu betrachten. Schade und peinlich! Sie hat dieses Konzert heruntergerissen.

Manuel de Falla komponierte El Amor Brujo (Der Liebeszauber) während des ersten Weltkrieges auch unter Einfluss der französischen Komponisten, die er während seines Paris-Aufenthaltes ab 1907 kennen gelernt hatte. 1915 wurde diese “Gitaneria” (Zigeunerei) schließlich in Madrid uraufgeführt. Erst später hat er das Werk zum Ballet umgearbeitet und ich verstehe gar nicht, warum es nicht viel öfter von großen Ballettgruppen aufgegriffen wird.

Manuel de Falla ist wahrscheinlich der bedeutendste spanische Komponist des 20. Jahrhunderts. Sein Liebeszauber ist feurig und spritzig und beinhaltet die Folklore seines Heimatlandes ohne die musikalischen Tendenzen Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris zu vergessen. Zarzuelamäßig lösen sich Gesang,Tanz und Musik ab. Finsterer Aberglaube, bebende Leidenschaft, Zigeunerritual und rasende Ekstase verbindet Falla in seiner Musik mit schüchterner Zärtlichkeit, asketischer Sehnsucht und wildem Lokalkororit.

Nach einer kleinen Umbaupause wurden wir aber belohnt mit dem wirklich sehr guten Pianisten Massimo Spada der Joaquin Turinas Rapsodia sinfonica op 66 und Ravels Concerto in Sol Major spielte. Auch Turina lebte zwischen 1905 und 1913 in Paris und lernte dort seine Landsmänner Falla und Albéniz kennen, aber auch er wurde geprägt von den Impressionisten wie Debussy oder Ravel und auch er kehrte – wie Falla – vor dem Krieg nach Madrid zurück. Die Werke von Turina werden sehr selten außerhalb von Spanien aufgeführt. Dafür gebührt Ambrosini Dank. Sie gräbt gerne verborgene Schätze aus. Im März 2015 hat sie das Publikum mit einer glänzenden Version „semi-circolo“ von „La Serva Padrona“ überrascht.

Spada spielte im Anschluss Ravels zweites wichtiges Klavierepos in G-Dur (und das Abschalten der vielen Handys um uns herum zeigte, dass die meisten wegen diesem Stück gekommen waren; bei mir war eher El Amor brujo das Zugpferd). Die Komposition entstand 1930 und besteht aus drei Sätzen, von denen jeder sein absolutes Eigenleben hat.

Allegramente beginnt mit einem  Knall und verfällt dann direkt in spanische oder baskische Folklore, die Ravel an der spanisch-französischen Grenze in seiner Jugend aufschnappte, dazu gesellen sich  die neu entdeckten Jazzklänge die irgendwann in Blues ausarten und plötzlich Gershwins 8 Jahre früher aufgeführte Rhapsody in Blue eine Hommage zollen. Der erste Satz endet mit einer schnellen Akkordfolge (die bekannteste Stelle wahrscheinlich).

Adagio assai beginnt ruhig, bedächtig und mozartig. Hört sich so leicht an aber Ravel sagte darüber, dass dieser Satz in beinahe ins Grab gebracht hätte. Zuerst nur das Klavier, später setzt dann das gesamte Orchester ein. Dissonantes harmonisches Ende.

Presto schließt an die schnelle Intensität und laute Stärke des ersten Satzes an und geht schnell melodisch zu Ende. Dieser Satz hat schon oft Anlass zur Kritik gegeben.

Spada hat sich sehr gut geschlagen und viel Applaus bekommen.

gerardo_aparicio
Gerardo Aparicio

Christa Blenk

 

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Arturo Noci

La belle époque – römische Jahre des eher unbekannten Malers Arturo Noci (1876 -1953)

Die Galleria d’Arte Moderna zeigt zur Zeit Portraits und Gemälde aus der Zeit zwischen 1897 und 1923, die römischen Jahren von Noci. Es  ist die erste Ausstellung in einem Museum dieses  italienischen Malers der Belle Epoque. Ein Großteil der Exponate stammt aus  privaten Sammlungen. Noci war um die Jahrhundertwende bis zu einer Ausreise in die USA ziemlich bekannt, ein allseits gefragter Portraitist  und hat viele Persönlichkeiten des Jet sets, darunter Kinostars wie Pina Menichelli gemalt. Hier posiert sie als femme fatale und zieht den Betrachter wie ein Magnet in ihren Bann.

ritratto di Pina Menichelli - 1920 - Privatsammlung
ritratto di Pina Menichelli – 1920 – Privatsammlung

Anfang des 20. Jahrhunderts schon  gab es in Trastevere das Restaurant « La Cisterna » (es wurde 2014 nach dem Tod des Sammlers und Besitzers Fausto Simmi geschlossen). Simmi, der im Alter von 92 Jahren letztes Jahr verstarb,  hatte das Restaurant, die Sammlung und den Geist von seinem Vater geerbt, der in Nocis römischen Jahren eine Art Salon für Intellektuelle und Künstler in seinem Restaurant betrieb.

Nocis Portraits sind auf den ersten Blick durchaus akademisch oder sind dem Divisionismus zuzuordnen (wie eines seiner bekanntesten Portrait « L’arancio » aus 1917). Konzentriert man sich allerdings auf die Gesichter oder auf die Art wie er den Pinsel ansetzt, hat er durchaus expressionistische Ansätze, wie z.B. das Portrait der Pina Menichelli oder das Ganzkörperportrait von Soava Gallone aus 1916. Ich musste an Nolde denken (der übrigens im gleichen Jahr, 1874, wie Noci geboren wurde).  Unzweideutig hat er die deutschen Expressionisten gekannt oder natürlich die Frühwerke der italienischen Futuristen, die ihn – allen voran Gino Severini  – der ihn allerdings eher verachtete und seine Gemälde  ranzig und anachronistisch schimpfte.

Geboren in die Belle Epoque hinein, beeinflusst vom Dandyismus, geprägt von der akademinischen Malerei des 19. Jahrhunderts, belächelt von den Futuristen war  Noci einer der Begründer der  Römischen Sezession. Viele der Exponate werden zum ersten Mal ausgestellt. Sie stellen eine  wunderbare Chronik der mondänen römischen Gesellschaft  im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts das, während in Frankreich der Kubismus Furore machte und die Italiener den Futurismus erfanden und bei uns die Expressionisten wüteten.

Arturo Noci kam aus einer Künstlerfamilie und durfte schon früh mit dem Kunststudium beginnen. Obwohl er sich ursprünglich sehr für die Landschaftsmalerei interessierte (1904 schloss er sich der Gruppe XXV della campagna romana an), entdeckte er um die Jahrhundertwende das Portrait. Er wurde so etwas wie der Starfotograf in Rom und in Europa – sogar der König von Siam ließ sich von ihm portraitieren, dazu reiste Noci extra nach Baden Baden. Eines seiner Hauptwerke, entstanden in der römischen Sezession, ist ein Portrait des Kinostars Lyda Borelli, sogar  Enrico Caruso hat sich ihm anvertraut. Dieses Portrait ist aber in der Ausstellung nicht zu sehen.

Bis zu seiner Ausreise in die USA 1923 hat Arturo Noci regelmäßig an der Biennale di Venezia teilgenommen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat er dann weiterhin „the rich and the beautiful“ portraitiert. 1953 kam er durch einen Unfall ums Leben.

Christa Blenk

 

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L’età dell’angoscia

 P1240243Portrait des Comodius als Herkules-Kapitolinische Museen RomReiterstatue Marc Aurel- Kapitolinische Museen Rom
Ausstellungsplakat; Commodus als Herkules, Marc Aurel, Reiterstatue,  Fotos: Christa Blenk

Zeitalter der Angst – Ausstellung in den Kapitolinischen Museen über die Epoche zwischen Commodus und Diokletian (180 – 205 n.C.)

Konstantin der Große wurde 306 von seinen Soldaten zum Kaiser ausgerufen;  nur 18 Jahre später wurde im Jahre 324 das Christentum durch die konstantinische Wende zur wichtigsten Religion im Römischen Reich.

In Rom gab es zu diesem Zeitpunkt  1352 Quellen, 19 Aquädukte, 39 Stadttore, 9 Brücken, 12 Basiliken, 45 Triumpfbögen aus Marmor, 28 Bibliotheken (für alle geöffnet), 2 Amphitheater, 5 Zirkusarenen, 200 Tempel, 22 Kasernen, 144 öffentliche Latrinen, 46 offizielle Lupanare, 3000 Statuen (ohne die Skulpturen zu erwähnen), davon 22 vergoldete, Reiterstandbilder (Quelle: Gilles Chaillet – Das Rom der Kaiserzeit). Die ewige Stadt erstreckte sich auf 2000 Hektar und hatte ca 1 Million Einwohner, die in 1790 Villen (domus) und 46602 Mietshäusern (insulae) lebten – ein mehrstöckiger, ziemlich gut erhaltener Wohnblock liegt übrigens genau am Aufgang zum Kapitol. Unzählige Beamte, darunter Freigelassene und Sklaven, waren mit der Verwaltung der Hauptstadt beschäftigt, die in 14 große Regionen unterteilt war.

We would rather be ruined than changed – We would rather die in our dread  – Than climb the cross of the moment – And let our illusions die.” (WH Auden, The Age of Anxiety)

1947 hat W.H. Auden sein genial-schönes Gedicht « The Age of Anxiety » veröffentlicht. Es passt so gut  auf die Zeit zwischen dem Paganismus und dem Christianismus und den damit verbundenen Untergang des Römischen Reichs übertragen; die Kuratoren der Ausstellung haben sich Audens Titel „Das Zeitalter der Angst“ für diese Ausstellung, die zur Zeit in den Kapitolinischen Museen gezeigt wird, geborgt.

Die römische Ausstellung hört da auf wo Konstantin anfängt und beschreibt das erste Kapitel des Untergangs, die Zeit der Gegen- und Soldatenkaiser. Das Jahr 180 nC war das Todesjahr des letzten (Adoptiv)-Kaisers Marc Aurelio. Mit seinem Tod vergingen ebenso Civitas, Stabilität und Wohlstand und schleichend und gemein installierten sich die ersten Symptome, die knapp 200 Jahre später den Untergang des römischen Reiches herbeiführen sollten.

Das Christentum stand unwiderruflich vor der Tür und ein Wandel war auf  lange Sicht nicht mehr abzuwenden. Die Kaiser waren längst keine Adeligen mehr sondern kamen irgendwo  aus der Provinz und die Führungsschicht hatte nur noch einen Gedanken: den erreichten Wohlstand zu beschützen und zu verteidigen. Die Armen wurden immer ärmer, die Soldaten waren  gekaufte Legionäre,  nicht mehr als Kanonenfutter,  der Limes,  die afrikanischen oder die gallischen Provinzen gingen nach und nach verloren, die (Theater)-Kultur verschwand gänzlich so auch das know how der römischen Baumeister und Künstler.  Leere und Pfusch nehmen den Platz von Schönheit und Perfektion der Antike ein. Epidemien, begleitet von materieller und sozialer Unsicherheit breiteten sich aus, Entbehrung und Knappheit regierte und die Menschen setzten sich allmählich in Bewegung, entweder auf der Flucht oder auf der Suche nach den neuen Religionen, die aus dem Boden  schossen. Der Verwesungsprozess hatte eingesetzt.

Wieso kommt uns das so bekannt vor?

Erst in der Renaissance sollte die Expertise und das künstlerische Geschick zurückkommen und Michelangelo würde Statuen schaffen, die es mit denen der Römer oder Griechen allemal  aufnehmen können.

Das Zepter übernahm also Marc Aurels legitimer Sohn Commodus und nannte sich in der Folge Imperator Caesar Marcus Aurelius Commodus Antoninus Augustus, dem er später noch den Siegesnamen Germanicus Maximus hinzufügte  (sein Vater Marc Aurel starb 180 an der Donau). Beliebt beim römischen Volk, verhasst beim Adel, führte er ganz populistisch panem et circenses wieder ein und suchte die belasteten Staatsfinanzen seines Vaters zu verbessern was sein Verhältnis zu den Senatoren belastete, vor allem auch weil er wichtige Aufgaben eher Männern aus dem Volk oder Freigelassenen und keinen Senatoren mehr übertrug. Aufwendige Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe, sollen sein Hobby gewesen sein und Herkules sein Idol. Seine 13 Jahre dauernde Herrschaft war geprägt von Aufruhr, Putsch,  Attentaten, Misstrauen und

Sein verspielter Größenwahn ging so weit, dass er alle Monate des Jahres nach seinen Ehrennahmen umbenennen ließ, seine carruca (Reisewagen) soll sogar mit einem Drehstuhl ausgestattet gewesen sein, damit er auf seinen Reisen die Landschaft besser betrachten konnte.  

Denn gereist wurde viel in dieser Zeit. Viele der Kaiser oder Soldatenkaiser kamen nicht aus Rom sondern aus den Provinzen.  So wurde z.B. das 1000-jährige Bestehen des Römischen Reiches im Jahre 247 von Philippus Arabs organisiert und gefeiert. Er kam aus Syrien und konnte sich immerhin 5 Jahre an der Macht halten. Maximinus Thrax kam aus Thrakien, Caracalla wurde in Frankreich geboren und ist in Mesopotamien verstorben. Probus kam vom Balkan und Diokletian aus Dalmatien.

192 wurde Commodus von dem Athleten Narcissus erwürgt.

Gegenkaiser – Mitkaiser – Soldatenkaiser

Commodus hatte keinen Nachfolger bestimmt, ein Zustand, der direkt zum sog. Vierkaiserjahr führte: Pertinax und Didius Julianus fielen nach kurzer Zeit an der Macht Mordanschlägen zum Opfer, Septimus Severus erstellte dafür einen neuen Rekord und konnte sich acht Jahre an der Spitze dieses wackelnden und von Krisen erschütterten  Imperiums halten. Das Durcheinander war unglaublich, kaum hatte man den Namen eines neuen Kaisers gelernt, wurde er auch schon wieder um die Ecke gebracht. Es kamen Caracalla, Macrinus, Elagabalus, Severus Alexander und 235 der erste Soldatenkaiser mit dem Namen Maximinus Thrak. Dieser machte seine Ignoranz (angeblich konnte er nicht mal lesen) mit Körperkraft wett und war laut der nicht unbedingt  zuverlässigen und mit Anekdoten gespickten Historia Augusta ein Riese, stark wie Herkules glich er eher einer Figur aus der griechischen Mythologie, ein wilder Kerl ohne Angst, ein unsterblicher Draufgänger, ein Rambo oder ein Terminator. Wenn der Werteverfall nicht mehr mit Intelligenz abzuwehren war, vielleicht tat es ja das Schmalz in den Armen. Maximinus Thrak überlebte immerhin 3 Jahre und leite 238 das Fünfkaiserjahr ein. Ob er wirklich Tuffstein zerbröckeln konnte, wollen wir mal dahingestellt lassen.  Zwischen Gordian III, der ihn ablöste und Diokletian, der ab 285 schließlich den Spieß wieder umdrehte und Rom erneut zu Frieden und Wohlstand führte, gab es immerhin 16 Kaiser, die im Durchschnitt  2-4 Jahre walteten.  (Ende des 16. Jahrhunderts gab es einen ähnlichen Zustand unter den permanent wechselnden Päpsten).

« Luxus ist ein süßes Gift, das man viel leichter anklagen als vermeiden kann » sagte Valerius Maximus.

Lifestyle, Kriegsmaschinerie, religiöse sowie pagane Kulte und Begräbnisriten sowie Kleidung und Mode oder Gebrauchsgegenstände, die diese nervöse und unruhige Epoche voller Angst und Unsicherheit begleiteten, werden anhand von zahlreichen Portraits von Herrschern, Frauen, Kindern, Göttern, Skulpturengruppen, Gefäßen, Gräbern dokumentiert.

Hier posieren sie, direkt vor den bezaubernden Fresken, die von der Rom-Gründung, vom Kampf der Horatier und Curatier oder vom Raub der Sabinerinnen erzählen. Marc Aurel, flankiert von seinem Sohn Commodus als Herkules (die Tatsache, dass Herkules permanent als deus ex macchina herhalten musste, spricht Bände). Die Reihe wird fortgesetzt mit Marmorbüsten von Caracalla als Kind, als Erwachsener, mit Militärumhang weiter dem Soldatenkaiser Elagabalo mit brutaler Lippe oder Abbilder von sensiblen Fast-Kindern im Kaiserkleid. An ihren Gesichtern kann man die Schwäche oder die Dummheit, aber auch die Aggressivität, Bestimmung oder die Haarmode ablesen.

Herausstechend eine nur 35 cm große Statue eines  dicklich-feisten Attis (eine Leihgabe aus Trier), mit aufgeschlitztem Gewand und erhobener Hand, in der man das Messer vermutet, das gerade für seine eigene Entmannung verantwortlich war. Skulpturen, die die Transition vom Paganismus oder vom Polytheismus zum Christianismus beleuchten oder mannigfaltig auftauchenden Religionskulte, die hier alle zum Konkurrenzkampf antraten wie Isis, Osiris, Cibele, Mithra oder Halbgötter wie Herkules und Dionisos. Eine umwerfende 255 cm große Bronzestatue des Treboniano Gallo aus dem MET New York, auffallend aufschlussreich der viel zu kleine Kopf auf dem enormen Körper. Außergewöhnlich auch die fast zwei Meter hohe Marmor-Skulpturengruppe „Artemis und Iphigenie“. Artemis, stark und groß, mit der Hirschkuh an ihrer Rechten und Iphigenie zu ihren Füßen – diese Gruppe ist in den Kapitolinischen Museen zuhause, wie ein Großteil der Exponate übrigens. Allerdings ist es doch sehr spannend, sie so thematisch  gebündelt zu sehen.

Der erste und einer der faszinierendsten Romane des römischen in Algerien geborenen Schriftstellers und Philosophen Apuleius „Der Goldene Esel“ ist um 170 entstanden. In der Ich-Form geschrieben, vermittelt er dem Lektor das unglaubliche religiöse und sonstige Chaos und den Überlebenskampf der Bewohner. Die Beschreibung einer paganen Prozession ist genial, greifbar und hörbar. Apuleius selber ist sehr viel gereist, hat einiges erlebt und  sehr intelligent  die Stimmungen und den Wandel im römischen Reich eingefangen.

Dank der energischen Maßnahmen von Diokletian herrschte im Jahre 285 wieder Frieden im Reich und die depressive Epoche, um die es in dieser Ausstellung geht, sah unter  eben diesem Kaiser wieder das Licht am Ende des Tunnels. Es entstand der letzte große beeindruckende Bau in Rom:  der Bogen des Konstantin! Das Blatt wendete sich endgültig, als die Regierung im vierten Jahrhundert an den Bosporus umsiedelte, wo Konstantin die Stadt Konstantinopel gründete. Die alte Hauptstadt und bis dahin caput mundi sollte in Zukunft den bald sich dort ansiedelnden Päpsten gehören und Rom fiel in das finstere und untalentierte Mittelalter, was konform mit dem Verlust des  know how ging, das die glänzenden und faszinierenden Gebäude und Aquädukte wie z.B.  das Pantheon entstehen ließ.

Auf dem Weg durch die Ausstellung kommt man immer wieder an Gegenständen vorbei, die nicht zur Ausstellung gehören aber einfach dazu passen, wie das Reiterstandbild des Marc Aurel oder Konstantins verschiedene Körperteile im Mega-Format:  Kopf, Fuß und Hand sind voneinander  getrennt –  zerrissen, wie die Zeit zwischen Orient und Occident!

L’età dell’angoscia – da Commodo a Diocleziano 180 – 305 d.C. ist der vierte Teil einer Ausstellungsserie unter dem Oberbegriff „Die Tage Roms“. Der Katalog ist sehr ausführlich und kostet 39 Euro. Die Ausstellung wird noch bis zum 4. Oktober 2015 in den Kapitolinischen Museen in Rom gezeigt.

Christa Blenk

 

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Il laboratorio del genio: Bernini als Zeichner

P1240008 
Ausstellungsplakat im Palazzo Barberini

Vom 25. März bis 24. Mai 2015 waren in der Galeria Barberini an die 200 Zeichnungen vom wichtigsten und bekanntesten römischen Bildhauer, Maler und Architekten Gian Lorenzo Bernini zu sehen.

Entstanden ist diese interessante Schau in Zusammenarbeit von Jeannette Stoschek, Sebastian Schütz und Giovanni Morello: Vor Rom war sie im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen.

Das hat einen Grund: 1715 hat der Leipziger Stadtrat einen Großteil dieser hier ausgestellten Zeichnungen erworben, die der Bibliothekar Christian Götze vom römischen Kunsthändler Francesco Antonio Renzi kaufte; ein Großteil dieser Preziosen stammte aus der Sammlung der Königin Cristina von Schweden. Jahrelang lagen diese Schätze in der Ratsbibliothek von Leipzig bis sie schließlich 1931 von Heinrich Bauer und Rudolf Wittkower aus dem Keller ans Tageslicht geholt und komplett archiviert wurden.   Diese Leipziger Zeichnungen dokumentieren das künstlerische Leben Berninis, die Projekte – die realisierten und nicht realisierten – dieses barocken Genies.  Unter den Karikaturen befindet sich eine genial-spöttische über den Kardinalnepoten Scipione Borghese. Mit nur fünf Linien hat er ihn komplett portraitiert und sieht seiner Büste (natürlich auch von Bernini) in der Galleria Borghese ähnlich.  

Projekte des Vierströmebrunnens auf der Piazza Navona, vom Daniel,  vom  Laokoon, die Petersdom-Projekte und die Kolonnaden etc. Viele Eigenportraits als junger und auch als alter Mann, Portraits von Kindern (die alle ihm irgendwie ähnlich sehen), die fruchtbarsten Jahre unter seinem Mäzen Papst Urban VIII und später unter Alessandro VII, dem Chigi Papst sind dokumentiert. 

Zu der eh schon ausgezeichneten Leipziger Sammlung gesellten sich Werke aus anderen römischen Museen und den Vatikanischen Museen aber auch aus der Kollektion von Königin Elisabeth II. und aus der Wiener Albertina.

Immer wieder bestätigt sich, wie nachhaltig und definitiv Bernini das barocke Rom – zusammen mit seinem Erzfeind und Kollegen Borromini – prägte. Nach Rom passen die Zeichnungen am besten, denn nur hier kann man Bernini wirklich kennen lernen, angefangen von einem Besuch in der Galleria Borghese, bis hin zu den Kirchen, in denen seine Werke stehen, wie z.B. die Verzückung der Hl. Teresa in der Kirche Santa Maria della Vittoria. Noch nie hat man dem grafischen Werk soviel Bedeutung beigemessen. Zusammen mit der zurzeit im Palazzo Cipolla stattfindenden Ausstellung über das barocke Rom, verschafft man sich ein perfektes Bild dieses Barockkünstlers. Purer Luxus!

 

In diesem Zusammenhang auch interessant die Ausstellung Barocco a Roma im Palazzo Cipolla

 

Christa Blenk

 

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Genius Noci

Genius Noci im Orto Botanico – Trastevere

Auch auf KULTURA EXTRA

 

Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran)

 

Nussbaum mit Plastikinseln von Romoli Venturi und Betrachterstuhl von Stucky

 der große Nussbaum im Orto Botanico – Hauptprotagonist dieser Ausstellung und
Bestandteil des Beitrags von Silvia Stucky und PRVs Inselns –  Foto: Christa Blenk
 

2008 hat ein gewaltiges Unwetter in Rom im Orto Botanico in Trastevere (Botanischen Garten) einen  sehr alten, großen Nussbaum zum Stürzen gebracht. Ein Teil der Wurzeln blieb allerdings unter der Erde,  der Baum wuchs weiter und aus ihm sprossen weitere Bäume.

Die Kuratorin Anna D’Elia hat vor einem Jahr dieses Ausstellungskonzept konzipiert,  den gefallenen Baum zum Hauptprotagonisten und Mittelpunkt gemacht und sechs römische Künstlerinnen auf unterschiedliche Weise mit ihm eine Verbindung treten lassen.  Und das passierte gestern, am 16. Mai 2015.

Hermann Hesses Fabel  über den jungen Piktor, der ins Paradies kommt und durch einen Stein seinen Wunsch, ein Baum zu werden, erfüllt bekommt, der wächst, gedeiht und doch nicht vollständig glücklich ist, bis  das Erscheinen eines Mädchens, das durch den magischen  Zauber-Karbunkel ebenfalls zum  Baum beide im Glück vereint, hat dafür Pate gestanden.

Stella Gallas Installation Pura consepavolezza (reines Bewusstsein) besteht aus  53 unterschiedlich großen Vogelnestern aus weißer Keramik, die sie an den Baumspitzen des enormen Nussbaums installierte. In einem Nest sitzt eine Frau und meditiert, sie selber! Das Nest ist ein Symbol der Geborgenheit und der Besucher wird eingeladen, sein eigenes sicheres Zentrum oder Nest zu finden.

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Stella Gallas – Foto: Christa Blenk

Gleich daneben die Installation Totem 2015  von Claudia Chianese. Dort wo der Baum sich spaltet, oder wo Äste abgebrochen sind, entstanden Löcher, diese hat Claudia Chianese in Totems verwandelt und sie mit Querschnitten vom Baum verbunden. Die physische und metaphysische Beschaffenheit des großen Baumes bildet hier einen Kreis. Materiell und immateriell, Geist und Materie, Sonne und Schatten, schwarz und weiß, voll und leer stellt sie gegenüber. Von ihr angeordnete runde Strohflecken landen zur Meditation über diesen Mikro- und Makrokosmos ein.

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Claudia Chianese bei der Meditation ihrer Installation Foto: Christa Blenk

Auf der freien grünen Fläche vor dem schlafenden riesigen Baum hat Paola Romoli Venturi ihre Plastikinseln aufgestellt. Sie erinnert daran, dass 2008, das Jahr in dem der Baum fiel, vor der kalifornischen Küste ein Wal mit 250 kg Plastik im Magen, tot aufgefunden wurde. Ihre umweltpolitische Installation prangert wieder einmal den  PTV_Paficic Trash Vortex  an, diesen 8. Kontinent aus Plastik im Pazifik. 2012 hat Romoli Venturi angefangen, Plastik au dem eigenen Haushalt zu sammeln um daraus ihre Isole_Paola Trash Vortex zu fabrizieren.  Fünf von ihnen  standen schon als wir ankommen, die sechste und größte Insel hat sie vor dem Publikum gefüllt und mit dem italienischen Kinderreim „Molti, Molta, Molte“ (Viel) die zukünftigen Plasktikinselverursacher in ihr Happening mit einbezogen und vielleicht positiv beeinflusst. Aufmerksam waren die Kinder jedenfalls.

 
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Paola Romoli Venturi beim Füller einer ihrer Inselns

Silvia Stuckys konzeptionelle non-Installation heißt  opera senza io  (Kunstwerk ohne mich) und steht gleich neben den Inseln von Paola Romoli Venturi, also vor dem Baum. Stucky  hat vor einem Jahr angefangen, den Baum regelmäßig zu fotografieren. Sie hat vier weiße Plastikstühle aufgestellt und an den Lehnen einen kurzen Text angebracht,  in dem sie das Leben und Nicht-Sterben des Baumes erklärt. Nach der Lektüre lädt sie den Besucher ein, sich auf den Stuhl mit Blick auf den Baum zu setzen und das was man hört, sieht und riecht in sich aufzunehmen. Das Kunstwerk ist in diesem Fall der Ort zwischen Himmel und Erde oder das Betrachten der Besucher. Mit ihren wunderbaren Fotos durchwandert man alle Jahreszeiten und Momente des Baumes. Sie hat sie zusammen mit den Geschichten, die ihr ein alter Gärtner im Orto erzählt hat, in einem E-Buch veröffentlicht., in einem Buch veröffentlicht.

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Silvia Stucky « Opera senza io » – Foto: Silvia Stucky

In Jasmine Pignatellis Rebirth 2012 – Semirefrattario 1250°  wird die verbindende Lymphe zwischen den Zweigen zum Protagonisten.  Sie berichtet von der Kraft der Natur, vom  Willen zu Überleben, von der Selbstverständlichkeit der Wiedereroberung des Platzes. Für Pignatelli sind es die stummen Worte des Baumes, die an die alte Sprache der Mutter Erde erinnern. Zarte, farbige in den Himmel wachsende Stäbe, sollen die unsichtbaren Verbindungen zwischen der Lymphe und der Ursprache dokumentieren.

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Installation von Jasmine Pignatelli – Foto: Christa Blenk

Die Choreografin Alessandra Cristiani trat mit dem Baum mit einem primordial-rituellen Tanz in Verbindung. Mit ihrer Performance Esserenatura (Natur sein) feiert sie die Verwandlung ihres Körpers in eine Pflanze ähnlich Daphne, die aus Angst vor Apolls Verfolgung zum Lorbeerbaum wird. Sie zelebriert eine Vereinigung zwischen Natur und Mensch. Cristiani legt ihre Seele offen und ist mir hier schon öfter aufgefallen. Ihre individuellen Choreografien sind  beeindruckend, intensiv, beklemmend und außerordentlich und immer auf ein bestimmtes Projekt zugeschnitten. Vor ein paar Monaten hat sie uns mit einer Performance zu  elektronischer Musik von Michelangelo Lupone (Feed Drums)  tief beeindruckt.

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Alessandra Cristiani während ihrer Performance – Foto: Silvia Stucky

Zwischendurch hat es immer wieder ein wenig zu regnen angefangen, nicht inszeniert, was aber den Baum durch die schwüle, schwere Luft sicher wieder ein wenig wachsen ließ oder ihm wenigstens ein neues Blatt bescherte.

Bemerkenswerte Schau in einem beeindruckenden Umfeld.

 

Christa Blenk

 

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Der Klang der Ewigen Stadt anno 1511 – Luther in Rom

Juli2013 140
Fresken Villa Farnesina

 

Musik in Rom zu Zeiten Luthers

Während Raffael 1511 seine Stanzen nach über 3 jähriger Arbeit beendete, Michelangelo noch in der Sixtinischen Kapelle arbeitete, Erasmus von Rotterdam seine Lehrrede Lob der Torheit in Druck gab, der große Künstlerbiograf und Maler Giorgio Vasari geboren wird,  Papst Julius II  sich in der Heiligen Liga  mit Kaiser Maximilian I verbindet, die Spanier zuerst Las Indias entdecken und später zum ersten Mal das Landesinnere von Panama erforschten, Portugal sich die Straße von Malakka und damit den Gewürzhandel sicherte wurden in Rom und  Italien diese Motetten, Lauden und Frottolen komponiert, die das römische Ensemble Concerto Romano auf dieser CD verewigte. Trendsetter in dieser Zeit waren vor allem Musiker aus Flandern und Nordfrankreich die sich zuerst in Florenz tummelten und dann zum Teil nach Rom kamen und eigene, italienische, Akzente setzen. Italien war auf dem Wege, eines der wichtigsten musikalischen Zentren in Europa zu werden.

Musiker und Komponisten wie Josquin des Préz oder Desprez, Petrus Roselli oder Costanzo Festa arbeiteten und komponierten hier. Eine der beliebtesten Musikarten war die Frottola, so nannte man die italienische höfische Vokalmusik, sie war das Produkt der Zusammenarbeit von Dichtern und Komponisten, eine Art Liebesgespräch der königlichen Gesellschaft. Diese Musikgattung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Italien und in Europa. Zwischen 1504 und 1520 verlegte Petruci in Venedig umfangreiche Sammlungen von Frottolen. Dichter-Musiker wie Serafino dell’Aquila und Petrarca « Musica sopra le canzoni di Petrarca » waren die Hauptlieferanten für die Frottola. Nach 1530 sackte dieser Boom wieder ein und die Madrigale kam in Mode.  Bei der ursprünglich aus der Toscana kommenden Laude hingegen handelte es sich um eine Art einfacher Kirchenmusik, die vom betenden Volk oder einfachen Nonnen gesungen, aber auch als Begleitung bei Prozessionen gespielt wurde.

Der 28-jährige Augustinerbruder Martin Luther begleitete im Jahre 1511 den Prior Johann von Mecheln auf seiner Pilgerreise in die ewige Stadt und hat diese Musik während seines Aufenthaltes sicher gehört. Was er in Rom sah, hätte er sich wohl in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen wollen. Rom war ein unmoralischer Sumpf, ein Sodom und Gomorrha, die Hölle auf Erden. Was Rom zu bieten hatte, Kunst und die lichte Schönheit der Renaissance-Produkte, interessierten ihn nicht im geringsten! Er legte aber trotzdem die Generalbeichte ab und sammelte – wie alle anderen Pilger auch – Ablässe. Natürlich spielte dieser fundamentale und entsetzliche Aufenthalt in Rom für ihn eine wichtige Rolle für seine zukünftigen Entscheidungen und bahnbrechenden Reformationen.

palazzo borgia roma
Renaissance-Gebäude in Rom

Detailllierte Informationen über seine Reise gibt es leider nicht, aber in einigen Abschriften oder Briefen kommuniziert er sein Entsetzen über Privatmessen mit Kurtisanen. Diese begleiteten in der Renaissance Kunst, Musik und Wissenschaft und lebten und wirkten im Rom des 16. Jahrhunderts hauptsächlich mit und von weltlicher und religiöser Macht. Es ging so weit, dass der Begriff „Roma, caput mundi“ zu „Roma, cauda mundi“ wurde. Die Kurtisane nahm eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben ein, wie etwa die Hetäre im antiken Griechenland, und genoss hohes Ansehen. In Reiseberichten aus der Zeit kann man das nachlesen. Der Franzose  Villamont schrieb z.B. 1588: „Was ich am meisten bewundere ist, dass die vornehmen Herren von Rom,wenn sie an den Fenstern von Madame der Kurtisane vorbeikommen,sie mit solcher Unterwürfigkeit grüßen, ihr die Hände küssen und ihr die Aufwartung machen, als wären sie eine Prinzessin oder irgendeine große Dame“.

Pünktlich zum 500. Jahrestag von Luther in Rom hat das römische Ensemble Concerto Romano die CD “Luther in Rom – Der Klang der Ewigen Stadt  anno 1511” mit Motetten, Frottolen, Lauden und Kanzonen in der Zeit Luthers zusammen gestellt und herausgebracht und den Musikmarkt wieder mal um eine fantasievolle, wunderbar-bewegende, spielerische und abwechslungsreiche Preziose von religiöser aber auch paganer Tanz- und Spottmusik bereichert.  Ein musikalisches Stadtportrait von Rom, welches sich zu diesem Zeitpunkt in einem umgreifenden und wichtigen Veränderungsprozess – nicht nur musikalisch sondern auch architektonisch und künstlerisch – befand.

Petrus Rosellis Kyrie dalla messa Baysez moy eröffnet den Spaziergang. Ruhig, rein, besonnen und doch mit einem heiterem Ansatz wird es von einem tanzfähigen anonymen Instrumentalstück “Occelino” abgelöst. Luther hat auch den römischen Karneval erlebt und  Il canto delle Amazzoni von Filippo de Lurano, einer der Lieblingskomponisten der Papstfamilie Della Rovere, besingt die Freizügigkeit in den römischen Adelspalästen; eine weitere anonyme Kantate aus dem Medici-Florenz  Charitate amore Dei, verpönt sogar die Rom-Pilger, so wie Luther einer war. Abwechslungsreich geht es weiter mit Josquin Desprez’ (1450-1521) – Tu solus qui facis mirabilia oder mit dem  Ave Maria von Jean Mouton, erwähnenswert auch  eine festlich-ernste und zeremonielle Motette Hyrerusalem que occis von Costanzo Festa  (nach Matthäus 23.37)  im kontrapunktischen Stil nach flämischen Manier komponiert. Diese Kompositionstechnik hat eine wichtige Rolle in der Entwicklung der italienischen Polyphonie gespielt.  Mit einem fröhlichen und schon komplexen Lied für Chor, Solisten und Ensemble vom Veroneser Lautisten Michele Presenti Che faralla, che diralla endet die musikalische Reise. Wir schließen die Augen beim Zuhören und können sehen, wie sie fröhlich durch das Renaissance-Rom schwingen, tanzen, beten oder jemanden verspotten.

Für die polyphonen Werke hat Alessandro Quarta eine männliche Besetzung gewählt, Frottelen waren Frauenstimmen vorbehalten. Wobei natürlich die Interpretation eine persönliche Entscheidung der Musiker ist.

Im sehr informativen Begleitheft schreibt Alessandro Quarta dass er, um die Vokalität zu favorisieren, bewusst klassische Aspekte der Stimmbildung und Tongebung beiseite gelassen habe, um sich der Folkore Zentralitaliens anzunähern. Lirturgische Prozessionsgesänge, die  der Struktur der Laude ähneln, werden heute immer noch aufgeführt.

Die Vokal-Solisten Lucia Napoli (Mezzo-Soprano), Jacopo Facchini (Alt), Baltazar Zuniga (Tenor), Luca Cervoni (Tenor) und Giacomo Farioli (Bass) verzaubern  und das Ensemble Concerto Romano von Alessandro Quarta besticht mit Präzision und Einfühlsamkeit und bringt spielerisch diese so wenig bekannte Musik und seine Zeit dem Zuhörer so viel näher.

 Christa Blenk

PACOB2 Skulptur Paco Barón (Autoportrait)

 

und wie es 50 Jahre im römischen Sumpf weiter ging  – zu Beginn und des Barock- und Hochbarock  - können Sie hier lesen: Roma Barocca

 

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Rom und Barock – Ausstellung im Palazzo Cipolla

palazzo Cipolla-klein

Palazzo Cipolla
 

Barocco a Roma – la meraviglia degli Arti

Wenn man auf der Straße XX Settembre in Rom Richtung Quirinalpalast geht kommt man zuerst an der kleinen bescheiden-bezaubernden Kirche San Carlino alle Quattro Fontane vorbei, die Borromini 1646  baute und trifft 50 Meter weiter auf die protzig-geniale Bernini-Kirche Sant’Andrea al Quirinale (1670). Damit hat man die Pflicht erfüllt, Charakter, Einfluss und Machtanteil dieser beiden Künstler am römischen Bau- und Kunstgeschehen im Barock verstanden und ist bereit für die Kür im Palazzo Cipolla.

Aber zuerst muss man sich mit der  Ausgangssituation von Rom nach dem Mittelalter auseinandersetzen:

In der Spätantike lebten in Rom an die 1,5 Millionen Menschen.  Ein politischer Bedeutungsverlust, Plünderungen durch die Westgoten und Vandalen und die Abwanderung der Kaiser in andere Städte verursachten den Untergang des römischen Reiches. Im 9. Jahrhundert lebten gerade mal 20.000 Personen in Rom.  Durch einen einsetzenden Pilgerreisen-Tourismus erwachte Rom schön langsam wieder aus seinem Dornröschenschlaf und verdoppelte bis ins 15. Jahrhundert  seine Einwohnerzahl. Gebäude und Straßen  befanden sich allerdings in Rom in einem katastrophalen  Zustand und die komplett unzureichende Wasserversorgung war unwürdig für die Stadt der Aquädukte. Erschwerend hinzu kam die weiter anhaltende Zerstörung antiker Bauten die als Steinbruch dienten oder als Selbstbedienungsläden für Neubauten herhalten mussten. Bereits unter  Papst Sixtus IV setzte ein architektonisches Aufrüsten sowie eine umfangreiche Stadtsanierung ein. Papst Julius II  (1443- 1513) holte 1496Michelangelo nach Rom und legte somit den Grundstein, Rom wieder zum Ausgangspunkt verschiedener Kunstrichtungen zu erheben, was zusammen mit einer  von Jesuiten dominierten mächtigen Kirche  Rom zum zweiten Mal Caput und  Theatrum Mundi werden ließ mit Päpsten, Adel und Künstler als Hauptdarsteller. Der nächste Papst beauftragte den Architekten Domenico Fontana einen Plan erstellen, der die sieben Hauptkirchen in einer möglichst geraden Linie für die Pilger verbinden sollte, ließ die antiken Obelisken wieder aufstellen und versah sie mit einem Kreuz, gab ein neues Aquädukt in Auftrag, das 27 öffentliche Brunnen speisen sollte, die eines der Hauptmerkmale des barocken Roms werden sollten.  Der bauliche Wettlauf hatte begonnen und das neue glänzende Rom konnte entstehen. Für die Realisierung wurden die  Hauptprotagonisten und Erzrivalen Gian Lorenzo Bernini (1598-1680),intelligent, hochbegabt, opportunistisch, diplomatisch und aggressiv und Francesco Borromini (1599-1667) begabt und genial,  verschlossen, griesgrämig, kauzig und depressiv geboren.  Diesen beiden Barockschöpfer sind in der Ausstellung auch am prominentesten vertreten. Mächtig, imposant, gigantisch, übernatürlich und übermenschlich -  so sollte das neue Rom werden und so sollte es in der Welt verbreitet werden, wofür auch die wieder anreisenden Künstler sorgten.  Kirche und Staat konnten gleichermaßen damit protzen und nutzten außerdem diese neuen Architekturprojekte  für die katholische Gegenreformation. 

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Bernini Kolonaden, Barockkirche und Moses von Michelangelo

Einer der wichtigsten und einflussreichsten Vertreter war zum einen Papst Urban VIII und zum anderen der Papstneffe (Nepotismus kommt von ihm) Scipione Borghese.  Das Amt des höchsten Kirchenchefs war wie ein Hauptgewinn im Lotto und für ihn und den gesamten Clan ein Synonym für Reichtum, Macht, Mäzenatentum und Sammlerleidenschaft wovon die Künstler, allen voran, Gianlorenzo Bernini, ebenso aus dem Vollen schöpfte wie das jeweils sich an der Macht befindende Kirchenoberhaupt. Zu erreichen war das nur mit Intrigen, Gewalt  und Perversität.

Nach den Carafa, den Medici, Farnese – bereichert sich von nun an – das Haus Borghese“. So sprach die römische Bevölkerung und kommentierte resigniert die Machenschaften und die Geldverschwendung der Kirchenoberhäupter.

Die Architektur suchte neue Wege, die Harmonie der Renaissance zu durchdringen und die Malerei sollte realistisch sein aber gleichzeitig täuschen und vortäuschen. Mythologie und Religion waren die Lieblingsthemen der Künstler im Barock. Götter und Helden waren nackt, schön und erotisch und durften so dargestellt werden, wie Gott sie geschaffen hatte. Die  üppige Scheinheiligkeit und irre Chromatik kannte keine Grenzen.

200 Exponate hat die private Stiftung Fondazione Roma Museo – Palazzo Cipolla für diese Ausstellung aus vielen wichtigen Museen der Welt nach Rom geholt, darunter Gemälde, Zeichnungen, Radierungen, Architekturprojekte, Skulpturen, Musikinstrumente. Die Frühbarockgemälde der Caracci Brüder, allen voran Annibale Carraci, der mit seiner fast ungebildeten poetischen Naivität und viel Mut die knalligsten Farben auf die Leinwand brachte stehen den chiaro-scuro Bildern der Nachahmer des skandalumwitterten Caravaggio (1571-1610) gegenüber. Der Triumpf von Baccus von Pietro da Cortona oder Guido Renis geniales Gemälde aus Neapel Atalante und Hippomenes, eine Episode aus der griechischen Mythologie. Die berühmte Barockdiagonale verläuft hier gleich zweimal an den nackten und mit gehauchten Alibi-Schleiern bedeckten Körpern entlang.   Atalante, die jeden Freier besiegt und ihn deshalb tötet akzeptiert die Herausforderung von Hippomenes. Auf dem Bild bückt sich Atalante gerade nach einem der Äpfel, den Hippomenes auf Verlangen von Aphrodite fallen ließ und verliert den Kampf, aber gewinnt Hippomenes.

Der Franzose Simon Vouet, der vor seiner Ankunft in Rom in Venedig noch ein Chromatikseminar belegte,  glänzt mit seinem großartigen Gemälde Il Tempo vinto dall’amore e dalla Bellezza aus dem Prado. Verschwenderisch, farbenprächtig, dynamisch, ausschweifend und generös wird hier dargestellt, wie die Zeit  von der Hoffnung und Schönheit besiegt wird. Nicolas Poussins  Mose fanciullo calpesta la corona del faraone kam aus Paris. Dazwischen Werke von Van Dyck und Rubens, Giacinto Brandi, Baccicia und viele mehr.

Und natürlich trifft man immer wieder auf Bernini und Borromini. Man kann sich mit dem Gegenprojekt des Petersdoms auseinandersetzten oder Berninis Projekte für die Engelsbrücke bestaunen. Auch anwesend eine wunderbare Holz-Skizze der „Verzückung der heiligen Theresa“ aus der Hermitage. Das Original ist in der römischen Kirche  Santa Maria della Vittoria zu bestaunen.

Nicht zu vergessen die Büste von Berninis Geliebten Costanza Bonarelli, übrignes die einzige Büste die Bernini von einer Frau anfertige.

Die folgende  Anekdote zeigt, wie viel Macht der größenwahnsinnige und arbeitswütige Bernini schon 1638,  gerade mal 40 Jahre alt, besaß: Costanza  war die Frau eines Bildhauers der für ihn arbeitete und hatte wohl gleichzeitig eine Affaire mit ihm und mit seinem Bruder. Als Bernini davon erfuhr, brach er seinem Bruder Luigi zwei Rippen und  verfolgte ihn mit dem Dolch bis in die Kirche Santa Maria Maggioro wo er ihn und einen  Priester zu Boden schlug. Durch seinen Diener ließ Bernini  das Gesicht seiner großen Liebe Costanza mit einer Rasierklinge entstellen. Berninis Mutter schrieb daraufhin an den Kardinalnepoten Francesco Barberini er möge doch gegen die Gewalttätigkeit ihres Sohnes, der sich als Herr der Welt sähe weit weg von Herren oder Gesetzen, einschreiten. Bernini wurde daraufhin zwar zu einer  Strafe von 3000 scudi verurteilt, die ihm aber auf Veranlassung des Papstes erlassen wurde mit der Begründung er sei „ein seltener Mensch, von sublimer Begabung, durch göttliches Wirken geboren, um zum Ruhme Roms Licht in dieses Jahrhundert zu tragen“. Der Diener wurde aus Rom verbannt und Costanza verschwand im Hintergrund, der Gunst ihres zweimal gehörnten und verspotteten Ehemannes ausgesetzt.

Bernini wurde allerdings brutal von seinem Thron gestoßen, als nach dem Tod von Papst Urban VIII, der 21 Jahre sein Gönner war, der Kulturbanause, strenge und pro-spanische Jurist Kardinal Pamphilij als Innozenz X ans Ruder kam und sofort alle Kulturprojekte einstellte und sogar die von Bernini begonnenen Glockentürme am Petersdom abreißen ließ.  Allerdings hatte das auch technische Gründe. Die Beschreibungen aus dieser Zeit lesen sich wie in Krimi!

Die Ausstellung ist eine wunderbare Ergänzung zu dem was man in Rom tagaus tagein sieht, unzählige Barockkirchen, Bernini- und Borromini-Brunnen und Bauten, Skulpturen, Innenhöfe, Oratorien, Kreuzgänge, es hört gar nicht mehr auf.

Bis zum 26. Juli 2015 ist die Ausstellung noch zu sehen.  Unzählige Vorträge, Konferenzen und Führungen begleiten sie.

Christa Blenk

 

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Klavier- und Geigenkonzert in der Sala Palestrina

 

Gestern Abend fand im ehemaligen Palazzo Pamphilj in der Sala Palestrina ein spritziges Konzert mit Musik aus der neuen und der alten Welt statt.

In großer Abendrobe spielten sich die brasilianische Geigerin Tania Camargo Guarnieri und die Mailänder Pianistin Maria di Pasquale durch das 19. und 20. Jahrhundert mit Musik von Brahms, Bruch, De Falla, Villa-Lobos, Camargo Guarnieri und Paganini.

Ich war besonders auf Manual de Falla und seine Suite popular española gespannt, weil ich diese in Spanien sehr oft gehört habe und wirklich gut kenne – allerdings immer nur mit Klavier und Sopran (die wunderbare Victoria de los Angeles). Tania Camargo hat das gut hinbekommen, die temperamentvolle Pianistin hat sie aber zuweilen ein wenig überspielt. Die zarten und so schönen Zupftöne waren nicht immer oder nur teilweise zu hören. Ich bleibe deshalb bei der Stimmversion dieser schönen Suite.

Sehr schön die Bachianas Brasileiras von Heitor Villa-Lobos und entdeckt haben wir den brasilianischen Komponisten Mozart Camargo Guarnieri (1907-1993).

Als Kind italienischer Einwanderer 1907 in Sao Paulo geboren, ging er 1938 als Preisträger nach Paris und studierte u.a. bei Charles Koechlin und Nadia Boulanger Kontrapunkt, Komposition, Musikästhetik und Orchesterleitung. In den 40er Jahren reiste er in die USA, erhielt vielzählige Kompositionsaufträge und war als Dirigent sehr gefragt, ging aber später wieder nach Sao Paulo,  um Direktor des Konservatoriums zu werden. 1992 wurde er mit dem Titel « größter zeitgenössischer Komponist der drei Amerikas » ausgezeichnet.

Seine eher konventionelle, die Zwölftontechnik ablehnende Musik ist versetzt mit den klassischen Elementen der brasilianischen Volksmusik, aber auch sehr geprägt von der Spätromantik (ich habe bei dem Stück Sertaneja für Klavier und Geige eine klare Referenz auch an Wagner herausgehört). Mit dem vier-Minuten-Stück für Klavier  Dança Negra und Encantamento für Klavier und Geige hat er Jazz und Blues eine interessante Hommage gezollt.

Aber richtig begeistert waren die Italiener natürlich bei Niccolò Paganinis Sonata n. 6 in la Maggiore.

Sehr charmant und intensiv Tania Camargo Guarnieri, die alles ohne Noten gespielt hat;  sie ist übrigens die Tochter von Mozart Camargo Guarnieri und hat ein umfangreiches Repertoire der Musik im 19. und 20. Jahrhundert. Die temperamentvolle Italienerin Maria Di Pasquale hat sich auf südamerikanische Musik spezialisiert. Zusammen haben sie eine schöne Performance hingelegt. Das Publikum hat sie sehr gefeiert!

 

Christa Blenk

 

 

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Apulien und Basilikata über Ostern

 

matera-ganzKreisMateral-detail

100% Regen in Matera, 80% Regen in Bari.

Das waren die Wettervorhersagen bei unserer Abreise am Karsamstag nach Apulien. Sollen wir vielleicht doch lieber hier bleiben? Matera, das vor ein paar Wochen zur Kulturhauptstadt 2019 ernannt wurde, war der Hauptgrund unserer Reise. Nach kurzem Zögern siegte dann die Überlegung, dass ja die Wettervorhersagen hier eh meistens nicht zuträfen und so war es dann auch, Regen gab es wenig, aber dafür umso mehr Kälte….und viele neue Erkenntnisse

Fortsetzung des Reiseberichts über die Apulienreise auf Artmore

Christa Blenk

 

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Mozarts Requiem im Auditorium

P1230484
Vokalsolisten Rachel Harnisch (Soprano), Marianna Pizzolato (Alt); David Ferri Durà (Tenor)
und Luca Tittolo (Bass) mit dem jungen Kolumbianer Andrés Orozco Estrada am Pult.

 

Gewaltiges Requiem am Tag der Befreiung

Ein mysteriöser Besucher gab 1791 bei Mozart ein Requiem in Auftrag. Mozart war in keiner guten gesundheitlichen Verfassung und sollte nur noch ein paar Monate zu leben haben.  Er war außerdem überzeugt davon, vergiftet worden zu sein und ahnte seinen Tod voraus – jedenfalls steht es  so in einigen Büchern. Mozart wusste, dass er dieses Requiem für seine eigene Beerdigung schreiben würde. Im Film von Milos Forman liefen ihm deswegen während der Arbeit an seinem letzten Werk Tränen über das Gesicht. Dann gibt es auch noch die Legende vom Grafen Franz von Walsegg, der evtl. der Auftraggeber war, und für seine Frau eine Totenmesse bestellen wollte.

Aber aller Anstrengungen und Kampfgeist zum Trotz, hat Mozart es nicht geschafft, sein Requiem zu vollenden. Lediglich den Eröffnungssatz des Introitus (Requiem aeternam) inklusive aller Orchester- und Vokalstimmen waren fertig und aufgeschrieben. Vom Kyrie zum Dies-irae bis zu Confutatis existierten die Gesangspartien. Der bezifferte Bass sowie einige Orchesterpartien wie z.B. das Posaunensolo im Tuba mirum standen im Konzept, waren aber nicht ausgearbeitet. Vom Lacrimosa gab es acht Takte (1960 entdeckte man eine Skizze für eine Armen-Fuge, die offenbar die Sequenz nach dem Lacrimosa hätte beenden können (Quelle: Wikipedia). Vom Offertorium, Domine Jesu Christie,  Ostias und von einem Teil vom Coninuo waren die Gesangstimmen ausgearbeitet. Sanctus, Benedictus, Agnus Dei und Communio fehlten komplett.

Auf Wunsch von Constanze Mozart vervollständigen u.a. Mozarts Schüler Joseph Eybler und Franz Xaver Süßmayr dieses Auftragswerk. Nachträglich wurden immer wieder kontroverse und diskutierte Ergänzungen angebracht, die zu umfangreicher Legendenbildung beigetragen haben.

Die Aufführungspraxen sind genauso unterschiedlich und variabel wie die rätselhafte Entstehungsgeschichte. Ohne Zweifel gehört Mozarts Requiem zu den meisterhaftesten und komplexesten Chorwerken überhaupt. Es ist kein Requiem wie andere. Es sollte keine „Ruhe in Frieden“-Stimmung schaffen, sondern eine aggressive, kämpferische, laute und aufschreiende Seelenlage wieder geben. Sein Requiem ist ein Resümee seiner kompositorischen Arbeit, der Bach- und Händels Schreibweise,  der von ihm geliebten neapolitanischen Musik und ein Fingerzeit in die Romantik.  Mit d-Moll Akkorden geht es los. Keine Strenge, keine religiöse Zelebration, hier (in Rom) nur Kraft und Lebenswille.

Die Sänger waren für diese Aufführung gut aufgestellt. Die schweizerische Sopranistin Rachel Harnisch hat schon alle Mozartopern gesungen. Sie verstand ihre Rolle hier sehr zart und innig und schlang bei jedem Ansatz immer die eigenen Arme um sich selbst. Die Altistin Marianna Pizzolato hat am Konservatorium Bellini in Palermo studiert. Mit ihrer schönen warmen Belcanto-Stimme hat sie gut zu dieser Aufführung gepasst. Der spanische Tenor David Ferri Durá, verstand seine Rolle eher lyrisch, wollte aber immer wieder ausbrechen. Sein  Repertoire geht von der italienischen Oper bis zu Mozart.  Das Bassist Luca Tittoto ist ebenfalls ein Mozartsänger, er hat schon den Leporello und in München vor kurzem den Don Alsonfo in  Cosí fan tutte gesungen. Als Osmin wäre er auch unschlagbar. Feierlich und zelebrierend waren sie alle Vier nicht, aber das war ja auch nicht gefragt und hätte nicht zum Orozco-Estradas Sturm-Aufführung gepasst. Im Gegenteil, alle Vier zusammen verfielen sie komplex und facettenreich  in ein Da Ponte-Quartett.

Der Dirigent Andrés Orozco-Estrada hatte es eilig, sympathisch und temperamentvoll ließ er den Musikern für die Übergänge von einem Satz zum anderen nur wenig Zeit. Das merkte man schon gleich am Anfang. Das Publikum war noch nicht mit dem Begrüssungsapplaus fertig, da legte er schon los.

Ich habe das Requiem nicht oft genug gehört, um es vergleichen zu können, erinnere mich aber an eine Aufführung in Salzburg vor ein paar Jahren, die mir sehr viel weniger gefallen hat und die ich viel langweiliger in Erinnerung habe. Gestern war das ein grandioser und gewaltiger Sturm und man könnte sich gut vorstellen, dass es Mozart so gut gefallen hätte

Der Kolumbianer Andrés Orozco Estrada hat in Wien studiert und ist zurzeit einer der gefragtesten jungen Dirigenten. Zurzeit ist er Musikdirektor in Frankfurt und beim Houston Symphonie Orchester. In der nächsten Saison soll er als Gastdirigent nach London gehen. Orozco Estrada brachte die römischen Musiker zu Höchstleistungen und Orchester, Chor und Solisten vereinten fast sich zur Perfektion.

Der 25. April ist in Italien ein Feiertag: Tag der Befreiung (von der Nazibrut).

Dieses Konzert war dem 70. Jahrestag der Befreiung gewidmet. Ausgesucht hat man sich dafür zwei deutsch(sprachige) Komponisten. Schuberts 1. Sinfonie und Mozarts Requiem standen auf dem Programm. Der 2700 Personen fassende Saal war komplett ausgebucht und  Andrés Orozco-Estrada brachte das hiesige Orchester mit dem hiesigen Chor Santa Cecilia zu Höchstleistungen wie selten. Großes Orchester und 50 Choristen.

Christa Blenk

Auditorium 001
Eingang in die Sala Santa Cecilia – Auditorium

 

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Helena Aikin

Aktuell in Rom

Highlight: ARTESCIENZA 2015 “Nuova pratica ed ecosistema” (Roma, 26 giugno – 30 settembre), rassegna internazionale di musica, arte, scienza, organizzata dal Centro Ricerche Musicali (CRM
- Roma Barocca - Palazzo Cipolla
- „L’età del’Angoscia" -Kapitol
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