Nestor Boscoscuro – Portrait

Portrait von Nestor Boscoscuro für KULTURA EXTRA 

 

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Von polynesischen Fischen, Mandalas und Gullydeckeln

Nestor Boscoscuro erzählt Geschichten: vom täglichen Leben, von früher, erfundene oder erlebte, idealisierte und realistische. Geschichten, die je nach dem Land oder Kontinent, in oder auf dem  er gerade lebt,  anders gehen, anders beginnen oder anders enden. Naturverbunden und beunruhigend, lebendig  und einfühlsam sind sie, aber immer mit einem Augenzwinkern erzählt.

Der gebürtige Argentinier mit italienischen Wurzeln hat mit 25 Jahren sein Land verlassen und ist über Umwege auf den Polynesischen Inseln (Tahiti, Bora Bora, Moorea und Raiatea) gelandet. Dort, zwischen Mythen, Legenden und Voudou lässt sich der gelernte Grafiker, Kunstmaler und Bildhauer nieder, taucht ein in die bunte und metaphernreiche Farbenwelt und verkauft in der ersten Zeit bedruckte T-Shirts und Pareos, die er selber entwirft und später Ölbilder in einigen individuellen Ausstellungen.  Anfang der 1980er Jahre setzt er sich in München intensiv mit Radierungstechniken auseinander. Seine Bilder nehmen nun expressionistischen Charakter an und verlieren die Leichtigkeit oder Sorglosigkeit der Südseeinsel. Arbeiten aus dieser Zeit erinnern an die Künstlergruppe Die Brücke.

 

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Arbeit aus der Münchner Zeit

 

In den 1990er Jahren zieht er nach Recife/Brasilien und ein paar Jahre später verschlägt es ihn nach Indien, wo er  die Welt der Mandalas entdeckt, die ihn nicht mehr loslassen soll.

Seine größte Arbeit entsteht allerdings in Brasilien:  0 + 0 (Acryl auf Leinwand) ist 390 x 205 cm groß und entstand 1993. Hier knallen Universum, Himmel, Erde und Unterwelt aufeinander und ertrinken im Meer. Eine Hommage an die Dämonenwelt von Hieronymus Bosch oder Max Ernst.

Später, schon in Bolivien, inszeniert er seine kleine,  ironische Welt in Holzkisten unterschiedlicher Größe. Er arrangiert darin gesammelte Objekte, Papierschnipsel , Aufkleber oder Gebrauchsgegenstände und erzählt anhand von diesen entsorgten Artefakten das Leben einer Gesellschaft. Ein  Fenster ohne Blick. Alles passiert innerhalb der Holzwände und Nestor Boscoscuro ist der Theater-Regisseur.

Bei Nestor Boscoscuro kann man sich nicht auf eine Beständigkeit seiner Arbeit verlassen, es gibt keinen Boscoscuro-Stil, sein Stil  ist, dass er eben keinen hat und aus jedem Ort das Versteckte und Hintergründige oder nicht gleich Offensichtliche sucht und hervorholt.  Er ist ein Seelenritter und damit sind wir auch schon bei seinen  Escudos Urbanos  (Urban shields).

2001 kommt er zum ersten Mal nach Berlin und legt den Grundstein für sein Lebenswerk. Dieses work in progress wächst sozusagen mit jeder Reise.  Der Grund sind Gullydeckel!

 

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Nestor – Urban shield Griechenland

Auf einem seiner Spaziergänge durch die Stadt steht er eines Tages auf einem besonders schönen Exemplar und beschließt, diese Abwasserdeckel, die man generell gedankenlos überquert ohne ihnen einen zweiten Blick zu widmen, zu seinem nächsten Kunstprojekt zu machen. Nestor Boscoscuro hat uns die Schönheit eines Gullydeckels erklärt. Der erste Abdruck entsteht auf dem Gendarmenmarkt. Boscoscuro reist nun, mit den Augen auf den Boden gerichtet, durch die Welt immer auf der Suche nach besonderen Exemplaren und sammelt sie alle ein, aber nicht so, wie das die Minimalisten oder Hyperrealisten in den 1970er Jahren gemacht haben, in dem sie das Objekt maßstabgetreu nachbilden. Auf den ersten Blick kokettieren diese Einfälle auch mit dem Minimalismus. Er verlässt den Weg aber gleich wieder,  trägt dick abwaschbare Farbe auf und nimmt  einen Abdruck. Diese Abzüge haben viel mitzuteilen: sie wissen in welcher Stadt, ja sogar in welchem Bezirk man sich befindet und wer alles darüber gegangen ist. Sie erzählen von der unbekannten Welt unterhalb des Gullydeckels und von der bekannten darüber.  Manche Gullydeckel sind nach der Fertigstellung nicht mehr als solche zu erkennen. Sie nehmen ein Eigenleben an, andere mutieren zu Labyrinthen oder Spiralen.  Wenn man die unterschiedlichen Abdrücke betrachtet, sieht man erst, wie ausgefallen und einmalig einige sind. Seine Escudos Urbanos (urban shields) mutieren zu Mandalas, sie werden geometrische Bilder mit symbolischer oder religiöser Bedeutung, die Himmel, Erde, Unterwelt und Universum verkörpern.  Die rote Farbe gibt ihnen etwas Primordiales, etwas Archaisches.

Aber die Gullydeckel sind beständig und geduldig, es gibt sie an jedem Ort  der Welt und sie warten auf ihn. In seiner bisherigen Sammlung ist z.B. einer aus der italienischen Höhlenstadt Matera, dann gibt es welche aus Meissen, Bamberg, Ingolstadt, Augsburg und Potsdam. Aber auch die Städte Peking, Sao Paulo  Pyräus, La Paz, Buenos Aires, Madrid , Asunción oder Rom gehören zur  Mandala-Gullydeckel-Sammlung. Eine ganz besonders schöne Arbeit kommt aus Athen. Hier vermutet man eher, dass der Abdruck von einer antiken griechischen Vase gemacht wurde und nicht von der Straße: ein  Kämpfer, vielleicht Hektor, der große Trojaner in einer Ruhephase thront darauf. Boscoscuro hat die Arbeit „Nestor“ genannt, nach dem weisen, griechischen Herrscher von Pylos.

Dieses öffentliche action painting wird immer von einem jungen Filmemacher aus dem jeweiligen Land festgehalten. Einmal hat sogar ein junger Musiker die Musik dazu komponiert. In seinen Ausstellungen läuft meistens diese Gullydeckel-Odyssee als Filmprojektion an einer Wand und es ist sehr interessant, wie die jeweiligen Passanten  damit umgehen. Einige bleiben fasziniert stehen, stellen Fragen, andere schütteln den Kopf und einmal hat sogar jemand die Polizei gerufen.

 

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im Atelier

 

Zwischen 2007 und 2011 lebt Boscoscuro in Rom und verliebt sich in die Welt der Römischen Mosaike. In workshops, geleitet von italienischen Künstlern, entstehen Werke und Arbeiten, die man auch im Archäologischen Museum in Neapel finden kann. Unglaublich die Energie, die er immer wieder aufbringt, sich total auf seine Umwelt einzulassen und in ihr einzutauchen.

Mittlerweile lebt der Künstler erneut in Berlin – bis auf die harten Wintermonate, die verbringt er lieber  in seiner Heimatstadt Buenos Aires. Das urban shield -Projekt geht weiter und Nestor hat noch viele Reisen vor sich, obwohl er zwischendurch immer wieder mit der Realisierung von  neuen Einfällen und Projekten beschäftigt ist. So arbeitet er zur Zeit mit Holz und fabriziert ironische Holzskulpturen-Landschaften.

Die Welt ist rund und groß – wie ein Mandala.

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Ansonsten ist der Künstler ein begeisterter Musiker/Trommler und hat sich Instrumente aus vielen Teilen der Welt mitgebracht. Aber am liebsten trommelt er auf einer Säule, die in seinem Atelier steht; dazu muss er aber vorher eine Büste herunternehmen. Und wenn er nicht mit Kunst oder Musik beschäftigt ist, dann kocht er und auch hier hat er Rezepte aus der ganzen Welt gesammelt.

Christa Blenk

Fotos: (c)

Christa Blenk

 

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Lucien Freud – Closer

 Lucian Freud: Closer  Radierungen aus der UBS Art Collection

Lucien Freuds (1922-2011) Radierungen, Zeichnungen oder Bilder könnte man auf die Neo-Neue Sachlichkeit-Schiene stellen. Sie erinnern an Arbeiten von Dix oder Beckmann, die unter dem Einfluss des Ersten Weltkrieges entstanden sind. In den 1980 Jahren sind viele seiner Radierungen entstanden – fast schon ein Alterswerk!

Man fühlt sich nicht wirklich wohl bei der Betrachtung dieser schonungslosen und kruden Darstellung von Körpern, Köpfen oder Gesichtern,  die irgendwie auf dem Blatt schweben, sie sind nicht verankert und hängen perspektivlos da herum. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Köper gerne das Blatt verlassen möchte. Es gibt keine Stühle oder Blumentöpfe und wenn jemand liegt, dann sieht man weder Bett noch Boden. Freud hat die Hässlichkeit gesucht, sie in den Mittelpunkt gestellt. Jede Art von Idealisierung lag ihm fern. Massige Körper wie primordiale Fruchtbarkeitssymbole mit Tattoo oder schwulstige Lippen, Ideale interessierten ihn nicht. 51 Exponate insgesamt werden in der Ausstellung gezeigt, darunter sein Hund Pluto und sein Lieblingsmodell Susanna. Sie wirkt sehr androgyn, männlich, eckig und herb. Gleich am Eingang ein sehr beeindruckendes Selbstportrait, ein Aquarell, feurig-blass, das einen Mann im besten Alter zeigt.

Freud arbeitete im Stehen, langsam, damit kein Fehler passiert, der auf der Kupferplatte nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.  Autobiografisch und kompromisslos sollte sein Werk sein, das betonte er immer wieder. Irgendwie hat er sich immer selber gemalt, vor allem an den Lippen mag man das erkennen. Die Radierungen werden nicht als vorbereitende Arbeiten seiner Bilder oder Portraits gesehen.

Die Reichen und Schönen wollten und sind von ihm portraitiert worden – und das nicht nur in England. Seine Portraits haben ihn weltbekannt gemacht.

Closer heißt die Ausstellung und in dieser Zusammensetzung waren Freuds Werke in Berlin noch nie zu sehen.

1922 ist Lucien Freud in Berlin geboren. Als Enkel des Psychoanalytiker Sigmund Freud musste er 1933 mit der Familie – sein Vater war der Architekt Ernst Ludwig Freud -  Berlin verlassen und ging nach London.

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Oktober im Martin-Gropius-Bau zu sehen und entstand in Zusammenarbeit mit der UBS Art Collection, Zürich/Berlin.

Christa Blenk

 

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Phädra am Deutschen Theater

Sarcofago Ostia

 

Der Vorhang hebt sich zu der Affekt-Definition von Spinoza, die an die weiße Wand projiziert werden. Das war gut so, denn sonst hätten wir nicht verstanden, dass es hier um Affekte oder um Gefühle geht.

Phädra ist griechisches Theater, eine Tragödie um brennende Liebe, große Gefühle, Verleumdung, Rache, voreilige und nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidungen.

Phädra (Corinna Harfouch), die zweite Frau des Königs von Athen, Theseus, kommt als Gothic-Braut auf die Bühne geschlürft. Die schwarzen, zotteligen Haare bedecken wie ein Vorhang ihr bleiches Gesicht. Sie ist hemmungslos und rücksichtslos in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt und als die Nachricht von Theseus’ Tod am Hofe ankommt, gesteht sie ihm ihre Liebe. Das alles passiert unter nervösem Rumgerenne von einer weißen Wand zur anderen. Sie  springen auf Sockel, rutschen wieder runter und schreien rum.

Da ist der lässige Hippolyt (Alexander Khuon), er trägt einen blassblauen Wollpullover und wirkt eher wie ein Weichling. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass ihm Aricia (Linn Reusse), die Tochter des Feines, etwas bedeutet. Sie, die Fremde in Athen, schreit herum und spurtet noch mehr als die anderen, tritt zuweilen auch mit den Füßen und benimmt sich wie ein pubertierender Teenager, der für die Olympiade trainiert. Phädras Leidenschaft wird mit permanentem Perückenwechsel dargestellt und als Theseo (Bernd Stempel) schließlich doch noch nach Hause kommt, ist sie von seinem Aufzug (oder von seiner Rückkehr) so geschockt, dass ihre Umarmung, begleitet von einem blöden Dauergrinsen, an ihm vorbei geht und sie mit ausgebreiteten Armen die Bühne verlässt. So eine blöde Szene muss man sich erst einmal ausdenken! Später kommt der König, mutiert als blasierter Salondandy der 1920 Jahre mit beigem Anzug und Sonnenbrille, wieder zurück und verstößt ziemlich unglaubwürdig seinen Sohn, nachdem Phädras Zofe Oenone (Kathleen Morgenever), die sich auch nicht entscheiden kann ob sie für oder gegen Phädra ist, ihm erklärt, dass Hippolyth sich seiner Stiefmutter gegenüber daneben benommen hätte.  Während das Drama seinen Lauf nimmt, kommt die nun büßende Phädra –  diesmal im blutroten Reifenrock aus der Zeit von Schillers Übersetzung – auf die Bühne und verkündet, dass das tödliche Gift schon durch ihre Adern laufe. Dann führt sie einen sehr lauten und lächerlichen Slapstick-Totentanz auf (der ihr sicher viele blaue Flecken bereitet hat) bis endlich der Tod sie erlöst (und uns).  

Die Darstellung der Protagonisten passt zur uninteressanten und teilweise ironischen Regie von Stephan Kimmich. Entsetzliches Geschrei löste unverständliches Geflüster ab (man war dann und wann geneigt, auf die englischen Untertitel zu schielen, aber die waren, da weiß auf grau, auch nicht zu lesen).  Und das ewige Gerenne an die undurchdringlichen Mauern, stumpfte mit der Zeit deutlich ab.

Schiller hat diesen großartigen Text von Jean Racines Phèdre in weniger als einem Monat übersetzt – auf dem Totenbett sozusagen!

Schade!

 

Christa Blenk

 

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Jakob Lenz

Jakob lenz

 

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang, der als Dichter seiner Zeit voraus war und ein schwieriges bzw. schräges Leben führte. Georg Büchner hat einen Teil von Lenz’ Leben – den Besuch bei dem evangelischen Pfarrer Oberlin  in den Vogesen -  zu einem Drama verarbeitet, welches wiederum Quelle für Wolfgang Rihms Jugendwerk Jakob Lenz war. Wolfgang Rihm (*1952) hat die Oper Jakob Lenz 1978, 26-jährig, komponiert. Sie wurde 1979 uraufgeführt und zählt mittlerweile fast schon zu den Klassikern der zeitgenössischen Oper.

Andrea Breth hat das Werk 2014 bildgewaltig und expressiv  für Stuttgart inszeniert – als Koproduktion mit der Staatsoper Berlin und mit La Monnaie/De Munt (Brüssel).

Drei Protagonisten und ein sechsstimmiges Vokalensemble kommen zum Einsatz sowie ein Kammerorchester. Rihms Oper füllt sich mit vielen unterschiedlichen Musikstilen und läuft in 13 Bildern ins Verderben. Die Übergänge von einem Bild zum anderen werden durch einen Gauschleier vor der Bühne vollzogen, der wieder entschwindet, um die nächste Szene aus dem tristen Daseins von Lenz zu erzählen. Anfangs keimt immer wieder Hoffnung auf, die aber dann gleich wieder von der psychotischen Hölle verschlungen wird.

Jakob Lenz flüchtet vor unheimlichen Stimmen in eine unwirtliche Felsenlandschaft. Der brave Seelsorger und Psychologe Pfarrer Oberlin (Henry Waddington) nimmt den suizidgefährdeten Lenz bei sich auf – auf Anraten von Kaufmann. Lenz wird von Alpträumen verfolgt und immer wieder kommt die Erinnerung an Friederike auf, eine Frau, um die er gemeinsam mit Goethe warb. Lenz verliert sich immer mehr und es taucht Kaufmann auf. Er ist streng und kalt, und will ihn mit Disziplin auf den rechten, gesunden Weg zurückbringen. Er verwickelt ihn in ein ernstes Gespräch über Kunst und überbringt ihm die Botschaft seines Vaters, doch nach Hause zurückzukehren. Lenz kann nicht, will nicht, will lieber getröstet werden und flüchtet erneut ins Gebirge. Oberlin und Kaufmann dringen nicht mehr zu ihm durch und als er vergeblich versucht, ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken, stürzt er endgültig in die geistige Umnachtung.  Er hört Stimmen, die Friederikes Tod ankündigen. Neonlampen verstärken die Trostlosigkeit.

Hoffnungslos verlassen ihn Beide und Lenz bleibt allein, in Zwangsjacke, verdreckt und verlassen auf einem Krankenbett zurück mit dem Wort konsequent auf den Lippen..

Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme der Stille, die um den ganzen Horizont schreibt, und die man gewöhnlich die Stille heißt“ (Büchner, Lenz, 1839)

Unterstrichen  und gestützt wird die Handlung von einer grandiosen Inszenierung, die Musik und Handlung hervorhebt. Es gibt keine Farben, nur grau, schwarz, weiß und manieristische Lichteinfälle. Überhaupt durchziehen viele Gemälde der letzten Jahrhunderte das Geschehen. Einmal liegt Lenz da zu Füßen von Oberlin wie eine flämische Grababnahme. In einer andereren Szene muss man an einen Passionsweg denken, den Caravaggio hätte malen können.

Michael Fröhling hat das Libretto nach Büchners Erzählung geschrieben.  Der hervorragende Bariton Georg Nigl (Lenz) gibt alle Töne von sich, die ein Mensch hervorbringen kann. Sprechen, Schreien, Flüstern, Quietschen, Lyrik in allen Lagen. Die Zuschauer werden permanent zwischen  Panik, Schrecken, Hoffnung, Mitleid, Milde, Wahnwitz und Widerwille hin – und hergerissen.  Übertreibung wird von Pathos und Gleichgültigkeit abgelöst.  Die Landschaft ist wildromantisch, felsig, schwierig zu bewältigen. Es ist dunkel oder Halbdunkel, Spiegel auf der Bühne betonen dieses Unwohlsein, und man stellt sich die Frage, wer wo ist und wo die Zerstörung gerade wütet. 

Großartige Aufführung und großartige Darbietung der Protagonisten. Am Pult vor nur einer Handvoll Musikern Franck Ollu. Das Bühnenbild hat Martin Zehetgruber gemacht.

Jakob Lenz ist ein Meisterwerk und dauert nur 80 Minuten sehr intensive Minuten die uns schon an die Grenzen kommen lassen.

 

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Christa Blenk

 

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Norway Today

Christa Linossi
Foto: Christa Linossi

 

Das Zwei-Personen-Drama Norway Today ist ein modernes Theaterstück des Schweizer Dramatiker und Regisseur Igor Bauersima (*1964). Er hat es als Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf geschrieben und bei der Uraufführung im November 2000  selber Regie geführt.  2001 bekam er  im Rahmen der Mülheimer Theatertage die Publikumsstimme und Bauersima wurde in der Kritikerumfrage von Theater heute zum deutschen Nachwuchsautor desselben Jahres gewählt.  2003 und 2004 war Norway Today das meistinszenierte Stück auf deutschen Bühnen und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.  2002 und 2004 bekam er den Nestroy Theaterpreis in der Kategorie Beste Ausstattung und Beste Regie.

Die zwanzigjährige Julie ist eine moderne Romantikerin und ist es leid zu leben. Sie will sich umbringen und sucht übers Internet Gleichgesinnte, damit sie nicht alleine in den Tod gehen muss. In einem Chatroom lernt sie den etwas jüngeren August kennen und steigt mit ihm auf einen schneeverwehten Berg in 600 Meter Höhe irgendwo in Norwegen um dort in den Tod zu springen.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit; Bauersima hat davon in der Zeitung gelesen. 

Die elf Schüler der Schauspielfabrik haben als Abschlussarbeit ihres drei-Montatskurses unterschiedliche Szenen aus dem Stück gespielt. Meist das Ankommen auf dem Gipfel. Jede Szene hat ihre eigene Dramatik bzw. ihren eigenen Humor. Da ist Augusta Nummer 1. Sie leidet am PMS und muss sich zwanghaft Schokoriegel und Salzgebäck in den Mund stecken, was sie aber nicht daran hindert, wasserfallartig über den geplanten Selbstmord zu reden, zu dem Julie sie animiert. August Nummer 3 hingegen versteht einfach nicht, wieso man 5 Stunden – mit Proviant – auf einen Berg klettert und dann – vor dem Essen – von diesem zu springen. Die vierte Szene mündet von anfänglichem Frieden in große Theatralik. Die beiden jungen Leute liegen – jeder in seinem – Schlafsack. August schnarcht und Julie kippt ihm eine Flasche Wasser über den Kopf um ihn zu wecken. Die Szene spitzt sich zu bis Julie mit verletztem Bein am Boden liegt, August abzieht und nicht nur Julie aufgewühlt zurücklässt.  Der letzte August steht mit sich selbst im Dialog. Er ist in Julie verliebt und will ihr näherkommen, glaubt aber nicht daran, weil sie zu schön für ihn ist.

Die einzigen Requisiten sind Rucksäcke und ein paar Decken, sowie Musik- und choreografische Einlagen. Manchmal wurde die Angespanntheit vielleicht mit zu viel Schreien demonstriert, aber ansonsten ein interessanter Theaterabend ohne déjà-vu mit dem Sophies, Sarahs oder Martins der nächsten Theatersaisons.

 

Szene 1: Aniella als Julie, Olivia als August(a)

Szene 2: Denise als August(a)

Szene 3: Luisa als Julie, Tom Garus als August

Szene 4: Carlotta Kettel als Julie, Maximilian Väth als August

Szene 5: Katherina als Julie, Maximilian Eller als August

Szene 6: Kim als Julie, Paul als August.

 

Christa Blenk

 

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Piedad y terror en Picasso

PICASSO-Guernica

 

Piedad y terror en Picasso – El camino a Guernica

Pablo Picassos größtes und wohl bedeutendstes Werk ist das Antikriegsbild Guernica. Ein verzweifelter Aufschrei auf knapp 30 Quadratmetern, ein Synonym für Kriegsgräuel und eine Parabel für Leid, Krieg, Zerstörung.

 1936 wird der in Paris lebende spanische Maler Picasso (1881-1973) von der republikanischen spanischen Regierung zum Direktor des Prado Museums ernannt und bekommt anschließend von ihr den Auftrag, ein repräsentatives Bild für den spanischen Pavillon anlässlich der Weltausstellung 1937 in Paris zu malen.

 Die baskische Kleinstadt Guernica (Gernika) wird im April 1937 von der Luftwaffeneinheit der deutschen Wehrmacht im spanischen Bürgerkrieg, der Legion Condor, bombardiert und komplett zerstört. Picasso erfährt durch die französisch-kommunistische Zeitung L‘Humanité von dieser brutalen Aktion, verwirft sein bereits konzipiertes, „unpolitisches“ Pavillon-Konzert Maler und Modell und macht sich an eine Arbeit, die einerseits Anklage und andererseits Aufarbeitung dieses Kriegsaktes sein wird. So entsteht eines der Schlüsselwerke der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts.

 Das Riesenformat des Gemäldes, es misst knapp 350 x 780 cm, wurde durch den katalanischen Architekten des Pavillons, Josep Luis Sert (1902-1983) vorgegeben. 27 Quadratmeter müssen erst einmal gefüllt werden. Ein schwieriges Unterfangen für Picasso, der am liebsten Portraits nach Modell (meist die Frau, mit der er gerade lebt) oder Stillleben malt, auf jeden Fall eher kleinformatige Innenraumszenen. Und dementsprechend passiert auch sein Guernica in einem geschlossenen Raum ohne Wälder, Wiesen, Berge und so gut wie ohne Farbe.

 Von rechts nach links geht die symbolträchtige Legende, konform des vorgegebenen Weges durch den Pavillon. Defragmentierte Figuren und Figurengruppen füllen das Bild fast komplett aus. Picasso hat hier einen Raum gemalt, dessen Wände nicht durchbrochen werden können und die Handlung nicht entkommen kann, so wie auch das Volk von Guernica nicht entkommen konnte. Frauen flüchten vor züngelnden Flammen, schreiende, weinende Gesichter, durcheinander liegende Gliedmaßen, Köpfe, Pferde schweben schwerelos dahin und stoßen permanent an eine Mauer. Auf der linken Seite eine Pietà. Ein Speer, der von oben in das Pferd eintritt, symbolisiert den Bombenfall. Das einzig hoffnungsvolle Detail in dem Bild ist ein Olivenzweig, der aus der Faust eines Kriegers wächst und baldigen Frieden vorhersagen möchte. Picassos Inspirationen sind die Triptychen von Dix oder Beckmann, aber auch Delacroix, Goya oder die Passionsikonografie der katalanischen Malerei sowie der Altar von Isenheim sind hier zitiert. Raserei, Aktion, Gewalt, Grausamkeit, Angst und Schmerz bestimmen das Bild, in dessen Zentrum nur noch ein unglücklicher Trümmerhaufen auszumachen ist. Fünf intensive Wochen arbeitet Picasso an dieser Schwarz-Graublau-Weiß-Sinfonie, dessen Figuren aufgrund fehlender Perspektive auf die Betrachter zu fallen scheinen. 46 Einzelstudien vorbereiten und begleiten das  Guernica-Epos. 

Der Kubismus ist allerdings in den 1930er Jahren längst obsolet und Picasso selber befindet sich nach der Begegnung mit André Breton in einer Surrealismusphase. Monströse Fratzen, Disharmonien oder Widrigkeiten, die die Begriffe Humanität und Zivilisation in Frage stellen sollten, sind durchaus schon in einigen Arbeiten der 1920er Jahre zu erkennen. Auch der Minotaurus erscheint schon lange vor Guernica. Picasso war ein begeisterter Stierkampfanhänger und hat 1935 – also zwei Jahre vor Guernica seine Minotauromachie frei nach Goya veröffentlicht. Auch hier geht es um Gewalt und Tod. Das Genie steht mitten in einer Krise, seine neue Freundin, die sehr junge Marie-Thérèse Walter bekommt ein Kind von ihm (Maya), er lernt Dora Maar kennen und seine Frau Olga verlangt die Scheidung (wozu Picasso – wohl  aus wirtschaftlichen Gründen – nie einwilligte und so war Olga bis zu ihrem Tod 1955 Mme Picasso).  

 1925 entsteht das Bild Drei Tänzerinnen – es gehört der Tate London. Picasso setzt sich darin schon mit der Figurenbildung und deren Zerstörung auseinander, wie er dies – mitten in seiner blauen und rosa Periode – vor allem bei seinem 1907 entstandenen Meisterwerk Les Demoiselles d’Avignon tut: In Guernica vereint er diese Technik mit einer kubistisch, surrealistischen Historienmalerei.

 Weitere bedeutende Exponate kommen aus dem Guggenheim Museum New York wie Mandoline und Gitarre (1924) oder die Sich kämmende Frau (1940) aus dem Pariser Picasso Museum, noch im Guernica Stil.  Das Stillleben mit Totenkopf, Lauch und Krug kommt aus San Francisco. Picasso hat es 1945 gemalt und es kündigt seine zukünftige Farbgebung an.

 In der Zeit der Guernica-Serie entstehen außerdem eine Reihe von Radierungen, die Picasso Traum und Lüge Francos nennt. Dem leidenschaftlichen Künstler, der zwar dann und wann von Paris aus mit den Kommunisten kokettiert aber dennoch eher unpolitisch vor sich hin malt und lebt, geht der Bürgerkrieg in seinem Heimatland dennoch sehr unter die Haut.

 Guernica ist ein Passionsweg, eine griechische Tragödie, die nach Ende der Weltausstellung eine lange Odyssee antreten sollte. Nach der Pariser Weltausstellung 1937 geht das Gemälde erstmals wieder in den Besitz von Picasso über. Im Rahmen einer Wanderausstellung kommt es 1938 nach Skandinavien und nach London bis es 1939 schließlich New York erreicht, wo es 47 Jahre auf seine Rückkehr nach Spanien warten sollte. Diese passierte erst 1981, denn Picasso hatte verfügt, dass Guernica erst in ein durch und durch demokratisches Spanien zurückkehren dürfe!

Picasso selber wendet sich nach dem zweiten Weltkrieg wieder seinen  Frauen-Portraits zu – eine Dramatik wie bei Guernica hat er hingegen nicht wiederholt.  

 Zum 80. Geburtstag der Entstehung von Guernica haben die Kuratoren Timothy James Clark und Anne M. Wagner für das Madrider Museo Reina Sofia die Ausstellung Erbarmen und Terror in Picassos Werk: Der Weg zu Guernica organisiert. 

 180 Exponate – wovon 150 permanent im Museum Reina Sofia zu sehen sind – werden miteinander in Verbindung gebracht und beschreiben Picassos Entwicklung und Stilveränderung ab den 1920er Jahren hin zu Guernica und die Zeit danach. Es ist eine Brücke von einer hoffnungsvollen Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit Guernica in der Mitte.

 Die Ausstellung ist noch bis zum 4. September 2017 im Madrider Museo Reina Sofia zu sehen.

 Christa Blenk

 

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Colombian Youth Philharmonic erfindet Strawinsky neu

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Mit der Colombian Youth Philharmonic unter Leitung von Andrés Orozco Estrada wurde gestern Abend im Konzerthaus das Festival Young Euro Classic 2017 eröffnet. Für das noch junge Orchester – es wurde vor sieben Jahren gegründet – eine Station auf ihrer ersten Europa-Tournee.

Der humorvolle, junge, charismatische und mit allen Weltbühnen vertraute kolumbianische Dirigent Andrés Orozco Estrada hat sich für diese Tournee etwas ganz Besonderes ausgedacht und mit einer spektakulären choreografischen  Aufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps das Publikum in Begeisterungsstürmen ausbrechen lassen. Musiker und Instrumente wurden zum Ballett.

Es war dunkel im Raum und still. Dann eine Cello-Note, die sich alle zwei oder drei Sekunden wiederholte. Die Musiker bewegten sich im Trauermarsch, einen Kontrabass tragend,  auf die Bühne zu und nahmen dort Platz. Hintereinander knipsten sie alle ihre Pultlichter an bis das Feuer auf die Leinwand hinter der Bühne übersprang und zu flackern anfing. Das Rascheln mit Gold-Metallpapier erzeugte knisternde und  knackende Feuergeräusche. Man fühlt sich fast wie in einer Ballettaufführung von Pina Bausch.

Großartiger Effekt, der sich während der kompletten Aufführung wiederholte. Abwechselnd fanden choreografische Bewegungen von Musikern und Instrumenten statt. Geigenbögen wurden zu Schwertern, Perkussionsinstrumente zu Donnerwerkzeugen und Blechinstrumente zu szenischen  Feuerspielen. Die Musiker spielten und schauspielerten auf das Finale zu und wurden von donnerndem Applaus abgelöst.

Vor der Pause sang die in Frankfurt lebenden kolumbianische Sopranistin Juanita Lascarro die Straußlieder „Morgen“ op. 27 Nr. 4 (1894); „Traum durch die Dämmerung“ op. 29 Nr. 1 (1895), „Liebeshymnus“ op. 32 Nr. 3 (1897), „Cäcilie“ op. 27 Nr. 2 (1897) und drei Lieder von Jaime León „la calle está desierta“, „Cuano lejos, muy lejos“, „Algún día in spanischer Sprache.

Begonnen hat das Konzert  mit einer interessanten Komposition des jungen peruanischen Komponisten Jimmy Lopez (*1978)  „América Salvaje“ (2006). Hier kamen drei traditionelle südamerikanische oder peruanische Instrumente, wie die Okarina-Flöte oder eine Wasserpfeife, zum Einsatz und das Publikum wurde in den tiefsten Amazonas  umschwärmt von Mücken und Dschungelgeräuschen transportiert. López zählt schon zu den bedeutendsten Nachwuchskomponisten und ist vielfacher Preisträger. Im Jahre 2000 hat er sich in Helsinki nieder gelassen, auch um dort seine Studien fortzusetzen.

Der in Wien lebende Andrés Orozco-Estrada wurde 1977 in Medellin/Kolumbien geboren. Er ist Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters.  Sein Schwerpunkt liegt auf der Wiener Klassik, obwohl sein Interesse an zeitgenössischer Musik sehr groß ist – genau das hat das Programm gestern Abend auch bestätigt.

Juanita Lascarro ist auch Kolumbianerin und seit 2002 festes Ensemblemitglied  der Frankfurter Oper. Nach einem Biologiestudium hat sie in Köln Gesang studiert.  Lascarro war als Liedsängerin Artist in Residence und Special Guest beim Bath Chamber Music Festival und hat ein sehr umfangreiches Repertoire.

Schon heute - während des Publikum immer noch nachschwärmt – machen sich  die 120 Musiker des Ensembles auf dem Weg nach Graz, wo der leidenschaftliche Dirigent Andres Orozco Estrada übrigens debütierte. In Graz wird das bestechende Programm gleich zwei Tage hintereinander aufgeführt. 

Mehr kann man von einem Konzertabend nicht erwarten.!

Christa Blenk

 

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San Antonio de la Florida

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Jedes Jahr im Juni feiert dieser Stadtteil am Manzanares im Zentrum von Madrid das Fest des Heiligen Antonius. Der Königshof von Karl IV hatte den Bau dieser kleinen Kapelle an einer Einsiedelei angeregt. Goyas Freund und Aufklärer, der Justizminister Gaspar Jovellanes, den Goya auch des Öfteren portraitierte, beauftragte den Maler mit den Fresken, die einerseits den Einfluss der Inquisition vermindern und andererseits vor Justizirrtümern warnen sollten. Das war 1798 und Goya brauchte sechs Monate um die Fresken zu vollenden.

Die Legende des Heiligen Antonius kam da gerade recht: Der Vater des Heiligen Antonius von Padua wurde in Lissabon des Mordes angeklagt. Antonius erfährt durch eine göttliche Botschaft davon und macht sich gleich auf den Weg dorthin. Im Gerichtssaal erweckte er den Ermordeten wieder zum Leben und sein Vater wurde freigesprochen.

Goyas Himmel ist voller realistischer Farben und Formen. Alle Beteiligten lehnen an einer Art Brüstung und betrachten die Welt von oben. Goya hat die gesamte Decke bemalt. Auf der einen Seite die Auferstehung des Ermordeten durch das Wirken von Antonius vor einer aufgewühlten Menschenmenge, die dem Wunder des Hl. Antonius zusieht. Weiter in der Mitte der neu zum Leben erwachte. Interessant ist, dass Goya seinen Personen das Schweben genommen hat. Man sieht, dass sie die Balustrade oder etwas anderes brauchen, um sich anzulehnen oder festzuhalten. Die Schwerkraft greift hier ein. Eine der vielen Revolutionen in Goyas Malerei. Groß ist der Unterschied von den Personen auf den Fresken und denen des Volksfestes am Manzanares nicht. Hier schweben keine himmelblau gekleideten engelhaften Menschen durch das Universum, Goyas Personen sind realistisch, sie schauen verdächtig, gleichgültig oder entsetzt auf uns herab. Hier ist das Heilige und das Irdische nicht mehr zu trennen, Goya malt verhärmte Alltagsgesichter.

Francisco de Goya malte diese Fresken in der zweiten Hälfte seines Lebens, mit 52 Jahren und bis zu seinem Tod 1828 sollte es noch viele Kunst-Eroberungen geben. Aber diese Fresken, die Sixtinische Kapelle von Madrid,  ist ein Meisterwerk.

Gebaut wurde die kleine Kapelle zwischen 1792 bis 1798 – noch im Barockstil – vom italienischen Architekten Filippo Fontana im Auftrag von Karl IV.  Der Grundriss ist ein griechisches Kreuz mit einer Kuppel im Zentrum.

Der große spanische Maler Goya zählt zu den Revolutionären der Malerei und schaffte es, auf der einen Seite Hofmaler oder Auftragsmaler zu sein und auf der anderen seine eigenen Bilder und Ideen zu verwirklichen.  Goya war ein Expressionist, ein Sozialkritiker, seiner Zeit weit voraus. Er dokumentiert auf sehr provokative Weise  Unruhe, Ungerechtigkeit und Unmut seiner Epoche wie sonst Keiner. Seine Zeit war die Romantik und der Klassizismus, seine Malerei hingegen ist vor allem ein sehr eigenwilliger Realismus.

Francisco de Goya ist in Bordeaux verstorben; 1901 wurde sein Leichnam allerdings nach Spanien überführt und seit 1919 hat er seine letzte Ruhestätte dort.

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Goya-Denkmal

 

Direkt nebenan kann man sich anschließend in einer typischen spanischen Bar stärken – Casa Mingo gehört zu den ältesten Restaurants in Madrid. Die Spezialitäten dort sind Chorizo, Tortilla, Empanadas und natürlich das Brathähnchen. Am besten schmeckt es mit Sidra de Asturias.

 

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Christa Blenk

 

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Waldbühnenkonzert im Regen

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Das traditionelle Oper-Air-Konzert der Berliner Philhamoniker zum Abschluss der diesjährigen Spielzeit fand gestern abend – wie immer – in der Waldbühne Berlin statt. Der heftige Regen hat weder Musiker noch Publikum davon abhalten können, diesen musikalischen Höhepunkt gemeinsam zu begehen und so saß man da mit Regencape und Schirm und ließ sich in den Weinbecher regnen.

Auf dem Programm stand dieses Jahr Robert Schumann dritte Symphonie, die Rheinische. Nach der Pause ging es dann mit Orchesterstücken von Richard Wagners Ring des Nibelungen weiter, sehr passend zum Wetter, da der Regen pünktlich zu Rheingold wieder einsetzte.

Am Pult der Venezolaner Gustavo Dudamel – der schon zum dritten Mal die Philharmoniker auf der Waldbühne dirigiert.

Über 22.000 Zuhörer nimmt die Waldbühne, die 1933 – allerdings nicht für kulturelle Zwecke – entstand und heute zu den schönsten Oper-Air-Bühnen in Deutschland zählt.

cb

 

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König Ubu

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Gefräßig, feige, machtbesessen, skrupellos, hinterhältig, verlogen und rücksichtslos, dummdreist, spießig und egoman – warum kommt uns das so bekannt vor? – ist  Vater Ubu. Dumm ist er auch, aber er hat ja  die ehrgeizige Mutter Ubu, die ihn zum Königsmord anstiftet: denn mehr Geld und mehr Essen kann er nun mal nicht widerstehen.  Und nun geht es erst richtig los – Macht und Geld müssen vermehrt werden und da bleibt ihm nur ein Weg: Alle anderen Reichen, in diesem Fall die Adeligen, müssen weg. Also landen sie in der Enthirnungsmaschine und ihr Besitz bei Ubu. Von nun an nimmt er alles selber in die Hand: Gerechtigkeit, Finanz- und Steuerangelegenheit und das Wohlwollen seiner Untergebenen und reist höchstpersönlich als Steuereintreiber durch die Dörfer. Als es dem Volk dann irgendwann doch zu viel wird, stiftet der legitime Thronfolger einen Aufstand mit Hilfe des russischen Zars an und es bricht ein blutiger Krieg aus, der die Ubus zur Flucht zwingt. Aber die beiden - wie sich das so gehört - fallen natürlich wieder auf die Beine und so wie es aussieht, werden sie sich wohl in Germanien niederlassen – denn dort soll es sehr schön sein ….. 

Großartige Performance der drei Protagonisten, die sämtliche sonstigen Rollen übernehmen. Da wird Mutter Ubu (Linda Pöppel) u.a. zu König Wenzeslas und Zar Alexis und Hauptmann Bordure (Elias Arens) zu Bougrelas und Königin Rosamunde und zum  kriegerischen Volk überhaupt. Der Krieg zwischen den Polen und Russen ausgetragen von Božidar Kocevski (Vater Ubu und Boleslas und Ladislas) und Elias Arens ist eine großartige choreografische und schauspielerische Leistung, die besser nicht sein kann.

Deftig und derb-ordinär Sprache und Optik. Alfred Jarry wäre sehr glücklich mit dieser Aufführung gewesen, die außer ein paar Papierpuppen, einem Mikrofon und Schaumstoffklötzen gar nichts braucht.

Die Uraufführung in Paris 1896 löste einen großen Skandal aus. Das Publikum war entsetzt über die vulgäre Sprache und über die Absurdität des Erzählten. Es gab Prügeleien im Publikum und das Stück wurde nach der Premiere sofort wieder abgesetzt. Der einzige befürwortende Kritiker entlassen!

« Man wird zugeben, dass die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre Ubu eine unerhörte prophetische Bedeutung zusprechen » das schrieb André Breton 1950 und heute können wir es einfach nur genauso wiederholen!

Als Jarry das Stück über Mißgunst und andere niedere Instinkte – eine Parodie auf seinen Physiklehrer –  1888, fünfzehnjährig, mit ein paar Freunden als Marionettenspiel aufführte, hätte wohl niemand vermutet, dass es nur 10 Jahre später das komplette  Welt-Theater revolutionieren würde.

Der Ungar András Dömötör führte Regie. Er hat die Marionettenidee übernommen und alle Nebenpersonen als Papierpuppen tanzen lassen (darunter sogar einige uns sehr bekannte aktuelle Politiker!). Eine Gratwanderung zwischen leicht-lustig und derb-ordinär, die nicht ein einziges Mal abrutschte. Brillant interpretiert von dem großartigen Trio Elias Arens, Božidar Kocevski, Linda Pöppel.

Christa Blenk

 

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Pellworm

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Pellworm! – wo ist das denn?

Die Insel Pellworm gehört zu den Nordfriesischen Inseln und ist eigentlich nur ein Überbleibsel einer weiten Flur, die im achten Jahrhundert von Friesen besiedelt wurde. Erst um 1000 n.C. durchbrach die Nordsee diese Ebene und setzte das Land unter Wasser. Schon aus dieser Zeit stammen die ersten Deich- und Warftbauten und die Bewohner entwickelten Ideen und Pläne, um sich im Kampf gegen die Nordsee zu organisieren. Im Laufe der Jahrhunderte, wurden aber aus dieser Landfläche immer mehr Inseln und Hallige.

Die erste große bekannte Flut fand im 14. Jahrhundert statt und ab dem 17. Jahrhundert gab es immer wieder verheerende Fluten; die letzte, die Pellworm fast komplett überschwemmte, fand im Jahre 1825 statt.

Heute erreicht man diese grüne Insel in einer guten halben Stunde mit der Fähre von Nordstrand. Alles ist bestens organisiert, denn der Zug aus Husum wartet auf den Bus, der die Gäste nach Nordstrand bringt und dort wartet die Fähre. Bei Ebbe geht die Fahrt durch eine Furt, links und rechts sieht man den Grund der Nordsee.
Pellworm ist eingerahmt von sehr hohen Deichen auf denen sich die Schafe mit den Austernfischern tummeln. Hinter den Deichen ist auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Häuser, Höfe und Wiesen. Pellworm hat viel Natur, Zeit und Platz und alles tickt ein wenig ruhiger.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…«

Der deutsche Naturalist und Neuromantiker Detlev von Liliencron (1844-1909) hat ein Jahr dort verbracht und wurde Anfang 1882 sogar zum Hardesvogt ernannt, das ist eine Art Stellvertreteramt in der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt schon zu Preußen gehörte.  Auf Pellworm entstand seine sicher berühmteste Ballade „Trutz, blanke Hans“. Er verarbeitete hier die Rungholtsage und die  große Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, die die vor Husum gelegene Insel Nordstrand seinerzeit verwüstete. Der Blanke Hans ist eine friesische Bezeichnung für die Nordsee. Rungholt ging das erste Mal in der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 unter. Dieses sagenumwobene Atlantis der Nordsee lag vor Pellworm, auf der heutigen Hallig Südfall, genau dort wo der Verfasser Hardesvogt war. In seinem Tagebuch schreibt er, wie er auf der Fähre von Husum nach Pellworm von dieser Sage höre.

Und wie immer wenn es keine echten Zeitzeugen gibt, blühen Sagen und Legenden. Zwei Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert erwähnten diese untergegangene Stadt mit den verborgenen Schätzen. Erst in den 1920 Jahren spülte das Meer nördlich von Südfall Überreste einer früheren Zivilisation ans Land und es begann ein systematische Aufarbeitung der Funde.  Auf einer Karte von 1636 die wohl auf einer anderen von 1240 basiert wird zum ersten Mal der Name Rungholt erwähnt. Das Datum liegt ca acht Monate vor der Marcellusflut. Ein wichter Rungholt Forscher war Andreas Busch (über ihn und seine Theorien und Aufzeichnungen kann man viel im Museum in Husum lesen und sehen).

 

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Im Rahmen der Christianisierung entstand im Jahre 1095 die Alte Kirche St. Salvator. Sie liegt auf einer Linie mit anderen vier Mutterkirchen der Christianisierung. Ca 150 Jahre später entstand der Gotische Turm, von dem heute noch eine 25 Meter hohe Ruine übrig ist. Der damals übliche und benutzte Tuffstein kam aus dem Rheinland. Spätgotisch ist der Flügelaltar; er zeigt die Passion Christ in sieben Szenen.

Aber der Hauptanziehungspunkt in der Kirche von  Pellworm ist ein Spätwerk des berühmten deutschen Orgelbauers Arp Schnitger. 1711 hat er sie aus unbehandeltem Eichenholz gebaut, sie hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Hälfte davon sind noch Originale. In Schleswig Holstein ist sie die einzig erhaltene Schnitger-Orgel und deshalb eine große Sehenswürdigkeit, auf die die Pellwormer sehr stolz sind, zumal im Sommer jeden Mittwoch regelmäßige Orgelkonzerte stattfinden – mit zum Teil recht bekannten Interpreten.

Einen Sandstrand wird man auf Pellworm hingegen nicht finden, da die Insel vor dem Meer mit hohen Dämmen geschützt werden muss. Dafür kann man wunderbare Wattwanderungen dort unternehmen. Ebbe und Flut wechseln sich alle sechs Stunden ab und geben dann für kurze Zeit den Meeresboden frei. Die ganz Mutigen können natürlich auch den Postboten auf seinem Fußmarsch durch das Watt begleiten – denn ein Ehepaar wohnt ganzjährig auf dieser Hallig. Allerdings muss man gut zu Fuß sein, denn  drei Stunden ist man mindestens unterwegs.

 

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der alte Turm

 Christa Blenk

 

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Wir sind Bettler – Luther-Oratorium

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Gestern Abend fand die Uraufführung von Daniel Pacittis Oratorium ‘Wir sind Bettler’ in der Berliner Philharmonie statt. Pacitti komponierte dieses Oratorium aus Anlass des 500. Jubiläums des Thesenanschlags von Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg als Auftragswerk des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU.

Das Libretto verfasste Christian Meißner, der sich an der Sprache von Martin Luther orientierte.

Es spielte das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Leitung des Komponisten selber. Martin Luther wurde großartig von Roman Trekel interpretiert. Die anderen Solisten boten ebenfalls einen soliden Auftritt. Yuriko Ozaki und  Cristiane Roncaglio (Sopran); Arttu Kataja ( Bassbariton) und Dominic Barberi (Bass). Außerdem sangen der Kinderchor der Staatsoper Berlin und der Berliner Oratorien-Chor.

Alle Konzertbesucher, die so etwas wie eine neue Misa Criolla erwartet haben, wurden enttäuscht. Protestantischer, asketischer und strenger hätte der katholische Argentinier mit italienischen Wurzeln, Pacitti, so ein Oratorium nicht komponieren können. Emotionen sind so gut wie nicht aufgetreten und sogar die harten Worte des Papstes oder Karl V wurden noch mit milder Strenge vorgetragen. Viele Längen hat das Mammutwerk und man vermisst eine Struktur darin. Das Publikum hat immer wieder zwischendurch und unkoordiniert applaudiert, als ob es sich hier um eine Belcanto Oper handeln würde, was den Maestro einmal sogar zum Abwinken brachte.

Pacitti hat sich viel mit Luther und seiner Zeit befasst, um ihm, dem Mönchlein, sowie der Zeit in der er lebte, so nahe wie möglich zu kommen und wollte aber auf der anderen Seite ein möglichst großes Publikum mit seiner Musik erreichen.

Somit entstand ein „zeitloses“ durchaus beachtenswerte Werk, das man nicht wirklich einer Epoche zuordnen kann!

Strauß-Trompeten, Bachkantaten und Verdi-Chöre werden von mächtiger Orff-Musik abgelöst und driften hin zu Madrigalen,  Kirchengesängen und Renaissancemusik, die wiederum von zarten Delibes-Klängen oder Jazzelementen durchbrochen werden. Pacitti hat sogar das von Luther komponierte Lied „ein feste Burg ist unser Gott“ in sein Werk integriert.

Mit knapp vier Stunden kamen Zuhörer und Interpreten an ihre Grenzen. Sogar die Solisten ließen zum Ende Ermüdungserscheinungen erkennen. Dass der aktuelle Papst aus Argentinien kommt, verursacht hier ein Augenzwinkern!

Daniel Pacitti wurde in Argentinien geboren wo er auch Klarinette und Klavier studierte. Nachdem er den ersten Preis des Wettbewerbes Mozarteum Solistas gewann ging er zu einem Klarinettenstudium nach Mailand und später nach Paris. Dort studierte er Dirigieren für Chor und Orchester.  In den 1990er Jahren ging er nach Italien zurück und leitete in Triest das Theater Giuseppe Verdi. In der Folge arbeitete er mit unterschiedlichen Orchestern weltweit.

Christa Blenk

 

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Schätze der Hispanic Society of America im Madrider Prado

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Zum ersten Mal werden im Madrider Prado Schätze aus der Hispanic Society Museum & Library (New York) gezeigt. Diese Gesellschaft verfügt – außerhalb Spaniens – über die bedeutendste Sammlung spanischer und lateinamerikanischer Kunst. Gegründet 1908 durch den Sammler und Kunstliebhaber Archer Milton Huntington (1870-1955). In knapp 50 Jahren hat er eine unglaubliche und komplette  Sammlung spanischer Kultur und Kunst aus fast 1000 Jahren zusammen getragen.

In der Ausstellung sind ca 220 Exponate zu sehen, darunter Gemälde, Skulpturen, Bücher, Keramik, Möbel, Textilien, Schmuck und kunsthandwerkliche Gegenstände sowie Zeichnungen. Ergänzt wird die Ausstellung durch Navigations- und Landkarten aus dem 15. Jahrhundert, die die „Neue Welt“ zeigen, wie man sie im 15. und 16. Jahrhundert gesehen hat

Allein schon um die Gemälde von Goya, Velazquez oder Zurbarán bis hin zu umwerfenden Werken von Sorolla oder Nonell zu sehen, lohnt sich ein Besucher dieser Ausstellung.

In der Schau läuft auch ein Film über die Entstehungsgeschichte dieser großartigen Sammlung, die noch bis zum 10. September 2017 zu sehen ist.

 

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Christa Blenk

 

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Guillermo Lledó – expofiesta en la Noche de San Juan

Noche deliciosa de dialogos y paseos en el jardin de esculturas en los alrededores de Madrid

 

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Guillermo Lledó explicando su obra

 

Para celebrar la Noche de San Juan, el 24 de junio, el escultor español Guillermo Lledó organizó una Expofiesta e invitó a sus amistades del mundo artístico a su casa cerca de Madrid. El motivo principal de la fiesta era la presentación de su nueva obra-escultura de grandes dimensiones «Plaza para un hombre sólo », que ahora domina su jardín, sin que eso suponga aplastar las otras esculturas. La aparente soledad de su título no pudo, sin embargo, frenar la magnética seducción que producía y los invitados declararon rápidamente este pabellón octagonal de hierro zona común de dialogo y bienestar y pasaron por sus diversas aberturas al interior.

Entre los algo más de 60 invitados se contaban artistas como Gerardo Aparicio, Alfredo Alcaín, Curro Ulzurrun o Cesar Borja y  personalidades del arte como María Corral, Fernando Huici y Javier Maderuelo junto a otros amigos y familiares. Hasta el tiempo se puso a favor del arte, porque las temperaturas demasiadas altas durante toda la semana bajaron lo justo para estar bien esta noche del sábado.

 

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alrededor de la « Plaza para un hombre sólo »

 

Las obras de Guillermo Lledó, de tipo minimalista, se parecen a objetos o formas con los que tropezamos en cada momento de la vida cotidiana sin darnos cuenta. El artista muestra ciertos aspectos de la ciudad y nos enseña la belleza de una cabina telefónica, una puerta de garaje o un muro gris. Recientemente jubilado como docente y con más tiempo para su trabajo artístico, ha podido restaurar otras esculturas suyas que tiene expuestas en su jardín.

 

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otras obras restauradas en el jardin de escultura de Lledó

 

Guillermo Lledó (Madrid, 1946) –reconocido artista del panorama artístico español – estudió Pintura en la Escuela Superior de Bellas Artes de San Fernando y es doctor en Bellas Artes por la Universidad Complutense de Madrid. Vive y trabaja en una casa tipo Bauhaus, concebida por él mismo, cerca de Madrid. Con una larga trayectoria, pasó en los años 80 de hacer una  pintura realista con tema urbano a realizar construcciones escultóricas basadas en el mismo tema. Y realiza una reinterpretando de los mismos para reflexionar sobre ciertos aspectos de la vida cotidiana, como podíamos ver en su reciente exposición en el Museo Salvador Victoria (Rubielos de Mora, Teruel) que se tituló Materia de silencio,’ y en la que el artista madrileño mostró 25 obras realizadas con diversos medios.

Guillermo Lledó trabaja el dibujo, la pintura y la escultura que realiza, principalmente, con materiales industriales como la madera preparada, el hierro o el vidrio, entre otros.

 

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Guillermo Lledó explicando su obra, invitados, artistas 

 

« El artista nos enseña siempre a mirar con calma: « Ocurríame, y sigue ocurriéndome – escribe Goethe – , que a la primera ojeada me desagrade una obra de arte plástica, por no estar yo a su altura; pero cuando adivino en ella algún mérito, hago por atinar con él, y entonces me encuentro infaliblemente con los más satisfactorios descubrimientos, advierto en las cosas nuevas cualidades, y en mí nuevas aptidudes ».

La de Guillermo es una calma de mínimos, de la insinuación apenas perceptible. No necesita de muchos colores, de muchas formas par ir directamente al misterio de su impronta – que es el misterio del arte. (Emanuel Borja - la impronta mínima – April 1987) »

 

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Foto: (c) Ana Angoloti
 

más infos sobre Guillermo Lledó

Christa Blenk

 

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Franz Erhard Walther

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Der deutsche Konzept-  und Installationskünstler Franz Erhard Walther (*1939) befasst sich mit seit Jahren mit textilen Materialien, Stoffen oder Bändern. Das Centro de Arte Reina Sofia widmet ihm zurzeit eine umfangreiche Retrospektive im Palacio de Velazquez in Madrid, die seinen Werdegang sehr gut dokumentiert und beschreibt.

 

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Un lugar para el cuerpo (Ein Platz für den Körper) besteht aus Skulpturen, Zeichnungen, Bildern und fotografischem Archivmaterial, das großzügig in drei Räumen verteilt Walthers Arbeiten zeigt. Manchmal grenzen die gezeigten Arbeiten aus Zahlen und Buchstaben oder rigorosen Anordnungen an den Minimalismus um dann im nächsten Saal wieder ein horror vacui Gefühl  hervorzurufen. Manche Stoffkonstruktionen erinnern an Buchstaben oder an ungemütliche Sofas, die aber durch die Weichheit des Materials nicht unwirtlich wirken und den Eindruck vermitteln, durchaus den Körper aufnehmen zu können.

 

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Seit den 1960er Jahren arbeitet er an den Werksätzen. Hierbei handelt es sich um Objekte aus Baumwolle, Schaumstoff oder Holz, die den Betrachten einladen, die Objekte zu benutzen.

1971 ging Walther als Professor an die Hochschule für bildende Künste Hamburg wo er bis 2005 tätig war. Dort hat er auch eines seiner Hauptwerke „Sieben Orte für Hamburg“ (1989) hinterlassen. An sieben unterschiedlichen Standorten sind dort Platten in Beton eingelassen die mit den Begriffen ORT, RICHTUNG, KOERPER, INNEN AUSSEN, BEWEGUNG, RAUM und ZEIT gekennzeichnet sind.

 

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Walther Kunst kommt einer Gegenposition zum Minimalismus gleich.

Erst seit ein paar Jahren ist er auch international bekannt und so kommt es, dass der 77jährige Künstler dieses Jahr zum ersten Mal an der Biennale von Venedig teilnimmt. « Es war für mich äußerst ehrenvoll in meinem Alter, dass ich dazu gebeten worden bin und um mich rum nur junge Leute sind », sagte der Fuldaer Konzeptkünstler der Presse gegenüber.

Christa Blenk

 

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Rosa Barba

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Palacio de Cristal en el Retiro de Madrid

 

Die italienische Künstlerin Rosa Barba (*1972) zeigt zur Zeit im Madrider Palacio de Cristal eine ortsspezifische Ausstellung mit dem Titel Registros de tránsito solar (Aufzeichnung des Sonnenflusses).

 

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Ein Zusammenspiel von Architektur und Lichteinfall, das sich mit dem Wandern der Sonne verändert. Um das zu demonstrieren, hat sie an unterschiedlichen Stellen farbige Metallplatten angebracht, die das Licht je nach Tageszeit und Sonneneinfall verändern.  Der sowieso schon lichtdurchflutete Palacio de Cristal bekommt hier eine erweiterte Dimension und erstrahl je nach Tageszeit in unterschiedlichen Farben. Eine sehr poetische Installation, die – wenn es nicht gerade 50 Grad im Innenraum hat – den Besucher auf eine Reise durch das Universum schicken kann.

Rosa Barba lebt in Berlin und befasst sich ansonsten viel mit Filminstallationen oder konzeptuelle Bildprojektionen; sie lehnt sich dabei an den Avantgardefilm und die phantastische Literatur an. Barba ist außerdem regelmäßige Teilnehmerin an der Biennale di Venezia und bereits in vielen zeitgenössischen Museen vertreten.
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Christa Blenk

 

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Mateo Mate

 

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Canon – Beziehung zwischen Arbeiten – tituliert der spanische  Konzeptkünstler Mateo Maté (*1964) seine Ausstellung, die zur Zeit in der Sala Alcalá 31 in Madrid zu sehen ist.

Matés Arbeiten basieren auf klassischen römischen oder griechischen Skulpturen, die er leicht modifiziert nachgegossen hat. Der Besucher muss sich diese Arbeiten in einem Labyrinth ergehen. Diese  site specific Installation im Erdgeschoss der Sala Alcalá 31, mitten im Madrider Zentrum, ist eine Art ironische Reflexion über die Schönheit und deren Variationen bzw. Vergänglichkeit. Manchmal sind die Veränderungen nur zu erkennen, wenn man direkt davor steht, manchmal schreien sie uns schon von weitem an.

 

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Hipocéfalo (s. Abbildung) entstand 2016. Die nachgegossene Gipsskulptur misst 202 x 90 x 83,5 cm. Hier standen der Torso de Belvedere, de Apolonio de Atenas, s.I.a.C. aus den Vatikanischen Museen Pate und der Protomo de Caballo aus der antiken Stadt Lavinio (British Museum London) Pate.

Die Reproduktionen entstanden nach Original-Modellen der Real Academia de Bellas Artes.

Christa Blenk

 

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La damnation de Faust von Berlioz

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Faust im (deutschen) Wald

Die neue Produktion von Berlioz’ Faust an der Staatsoper ist eine Reise durch die deutsche Geschichte, die in der Romantik anfängt und im Zweiten Weltkrieg endet; dazwischen liegt alles was deutsche Geschichte und deutsche Gemeinplätze zu bieten haben.  Ob wir jetzt zum xsten Mal eine Aufführung mit Braunhemden, Lederhoren und deutschem Wald brauchen bleibt dahingestellt – Terry Gilliam hielt es jedenfalls für notwendig! Sein Faust ist ein jammernder Mitläufer-Nazi der indirekt dafür verantwortlich ist, dass Margarethe in ein Konzentrationslager abtransportiert wird. Die Bilder dafür hat er sich fast ausschließlich aus der Kunst geholt. Seine Produktion ist ganz klar, gibt keine Rätsel auf, man braucht nichts zu interpretieren oder erraten und keine intellektuellen Purzelbäume schlagen. Jede Szene ist nachvollziehbar und vorhersehbar. Es ist was es ist: eine braune, traurige (Kriegs)Suppe, bei der der Hauptprotagonist eben Faust heißt und das Urböse Mephisto.

Der amerikanisch-britische  Regisseur und Schauspieler Terry Gilliam war u.a. Mitbegründer der Monty Python Gruppe, deren größter Erfolg „Das Leben von Brian“ war und bleibt.  Skurril, witzig, zweideutig und urkomisch sind seine Projekte, gekennzeichnet von hintergründigem, makabrem Humor; meist köstlich die ersten 60 Minuten, dann bröckelt der Lack ab und das Fundament schmilzt im schrägen Humor dahin. Es wird langweilig und man ist es leid!  Nach Misserfolgen wie  Münchhausen und die Ablehnung der Warner Bros Rowlings ihn Harry Potter verfilmen zu lassen hat er sich als Künstler versucht und am Potsdamer Platz 2006 eine Konzept-Video-Installation aufgestellt.  Und daran – nämlich an die Kunst – hat er nun ideen- und bilderreich angeknüpft.

Mit einem wuchtigen Knall geht es los! Dann betritt Mephisto, verkleidet als  Conférencier und Zeremonienmeister der manipulierbaren Weltpolitik, die Bühne! Ungeschönt und anspruchslos beginnt der Film über die deutsche Geschichte ab der Romantik und dazu muss natürlich Caspar David Friedrich herhalten.

Faust, ein Mini-Humboldt, mit seinem ausklappbaren Studierzimmer auf dem Rücken, findet auch in der Natur keine Ruhe und muss vor den frechen und respektlosen Bauernkindern – die  ihm sogar seine Lupe wegnehmen wollen -  auf den Caspar David-Friedrich-Felsen fliehen (später gibt er seinen Platz dann dem Führer in Berchtesgaden ab). Das darauf  folgende Fest zu Ehren der Maikönigin könnte direkt aus einer Vorlage für einen Wandteppich von Francisco Goya stammen, die dann ein wenig später zu Goyas pintura negra  ( schwarzen Bildern) der alemannischen Fastnacht werden. Eine Tintoretto Kreuzabnahme  begleitet das Kriegswüten, nachdem sich die Pickelhauben in der Weimarer Republik den Europa-Kuchen aufgeteilt haben. Die Völkischen treten auf und singen das sehr an Rossini erinnernde Amen der kleinen Messe während Gilliam die Erschießung der Kommunisten choreografisch zelebrieren lässt. Großartig-geschmacklose Szene und genial vom Chor gesungen. Wollte er hier testen, wo beim Zuschauer die schmerzhafte Lachgrenze liegt?  Die rasende und sehr gelungene Sidecar-Reise durch den deutschen Wald ist Delacroixs Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ abgekupfert. Der manipulierte Softi-Mitläufer-Nazi Faust bekommt dann einen weißen Ärztekittel (der aber auch eine Zwangsjacke hätte sein können) und soll die Kriegsverletzten heilen, um endlich auch mal etwas sinnvollen zu tun.

Nach der Pause wird die Bühne zur Bauhaus Referenz und Leni Riefenstahls ästhetische Turner-Bilder kündigen die Olympiade 1936 an, während  Margarethe, die sich mit der blond-bayerischen Zopf-Perücke nicht lange verstecken kann, mit anderen Leidgenossen in schwarze Wagons geschoben und abtransportiert wird.

Und obwohl er manchmal wirklich zu sehr auf die braune Tube drückt und es faustdick herauskommt muss man der Inszenierung doch lassen, dass sie fast immer auf die Musik eingeht und das Orchester unter Simon Rattle ganz unglaublich perfekt den Bildern folgt. Sie scheinen sich alle in der Musik und in der Regie sehr wohl zu fühlen. Mehr kann man von Musikern, Sängern oder vom Chor nicht verlangen und mehr kann man auch nicht geben.

Magdalena Kozena ist Margerethe, Charles Castronovo ist Faust. Mephisto wird von Florian Boesch gesungen und der völkische Brander in Lederhosen ist Jan Martinik. Die Choreographie hat Leah Hausman, das Bühnenbild Hildegart Bechtler entwickelt und Martin Wright den wirklich großartigen Chor geleitet.

Die Premiere am 27. Mai wurde ziemlich kritisiert, was sich bei der Vorstellung am 9. Juni nur teilweise wiederholte. Im Großen und Ganzen bekamen – vor allem die Interpreten, die Musik und der ausgezeichnete Chor – sehr viel Beifall.

Christa Blenk

 

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Kammermusik mit und ohne Worte im Pierre Boulez Saal

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Tradition und Transformation

Kammermusik mit und ohne Worte gab es am 7. Juni im Pierre Boulez-Saal mit dem Streichquartett der Staatskapelle Berlin.

Auf dem Programm stand Aribert Reimanns 1995 entstandene Überarbeitung von  Franz Schuberts Goethe-Vertonung Mignon. Reimann „schwebte ein durchgehendes Stück vor, mit einem gedanklichen und kompositorischen  Faden“. Er entschied sich für die Lieder „Nur wer die Sehnsucht kennt“, „Heiß mich nicht reden“ und „So laßt mich scheinen“.  Großartige, warme und leidensfähige Interpretation der Sopranistin Christiane Karg. Hier war der Saal wirklich wie geschaffen für die Musik, die einen wieder nur umarmen wollte.

O, du lieber Augsutin

Mindestens genauso spannend ging es beim zweiten Stück vor der Pause weiter. 

Arnold Schönbergs Streichquartett Nr. 2 fis-moll op 10 mit Sopranstimme wurde 1908 im Wiener Bösendorfer-Saal uraufgeführt und sorgte seinerzeit für einen regelrechten Skandal. Das Rosé-Quartett und die Sopranistin Marie Gutheil-Schoder mussten erfolglos gegen Pfiffe und Zwischenrufe antreten, die den Schönberg-Anhängern keine Chance ließen. Schönberg zitiert im zweiten Satz das Wiener Volkslied ganz fröhlich « Oh, du lieber Augustin » und beginnt den dritten Satz, Litanei, dunkel und tragisch wie die Gedichte von Stefan George, die er dafür vertonte. Hier setzt auch die Sopranistin ein und bleibt bis zur finalen Entrückung. « Ich fühle Luft von anderem Planeten » passt in den Futurismus, in dessen Zeit das Stück entstand. Obendrein (sagt das Programmheft) war es die Zeit einer Affäre von Schönbergs Frau Mathilde mit dem jungen Maler Richard Gerstl, den Schönberg selber in die Familie eingebracht hat. Sie verlässt zuerst ihren Mann und dann Gerstl, um zu Schönberg zurückzukehren, woraufhin der Maler sich das Leben nahm.

Als  „Eine veritable Katzenmusik“ wurde Schönbergs Quartett am nächsten Tag im Neuen Wiener Tagblatt bezeichnet. Das war natürlich gestern Abend nicht so. Die Zuhörer lauschten gespannt auf jede Note und Christiane Kargs bestechenden Gesang.

Nach der Pause ging es weiter mit Ludwig van Beethovens Septett Es-Dur op. 20 für Violine, Viola, Klarinette, Horn, Fagott, Violoncello und Kontrabass. Beethoven hat das 40 Minuten-Stück  1799 komponiert und es verweist hier immer noch auf Mozart.

Sehr unabhängige und lebendige Interpretation bei der vor allem die Klarinettistin Shirley Brill hervorzuheben ist.

 

Christa Blenk

 

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Hanne Darboven – Korrespondenzen

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 Saal mit Arbeit von Richard Long

 

Korrespondenz für die Öffentlichkeit
… und die Zeit fließt

Die Hamburgerin Hanne Darboven (1941-2009) war eine barocke Konzeptkünstlerin, was so gesehen ja schon einmal eine Unmöglichkeit darstellt. Sie war eine extravagante Einzelgängerin, eine unermüdliche und kompromisslose Sammlerin und Jägerin von Buchstaben, Wörtern, Zahlen, Daten, Noten,  Gegenständen! Kurz: nicht einzuordnen.

Susanne und Michael Liebelt haben der Nationalgalerie Werke aus allen Schaffensphasen der Künstlerin überlassen. Diese Zeichnungen, Zahlenkonstruktionen oder seriellen Bildfolgen, die sich mit der Minimal und Konzeptkunst auseinandersetzen, werden seit Mitte Mai im Hamburger Bahnhof gezeigt; begleitet von ca 1100 Briefen und Postkarten von und an die Künstlerin zwischen den Jahren 1967 bis 1975, die ein dichtes Netzwerk von Künstlern, Kunstschaffenden, Freunden oder Galeristen preisgeben, die Hanne Darboven vor ihrem Tod der Öffentlichkeit vermachte. Diese Korrespondenz für die Öffentlichkeit bestärkt ihren obsessionellen und enormen Schreibzwang ein weiteres Mal. Postkarten, Briefe, Zettel, Botschaften an ihre Mutter etc. Zum Teil ganz banale, alltägliche Kommunikation. Die Postkarten bilden eine Art Reigen. Sie erhält I Got Up Postkarten und I am Still Alive-Nachrichten und kommuniziert selber ihre Ideen und Projekte oder ihren Alltag (also genau das, was man heute Freunden über Facebook mitteilt wie „Hanne am Flughafen“ mit dem dazugehörigen Selfie). Diese Karten wurden, sortiert nach Briefpartner und Eingangsdatum, eingerahmt und der Maxi-Wunderkammer, spricht ihrer Wohnung, einverleibt. Eine Art musikalische Komposition, die im Verlauf der Zeit rhythmischer und strukturierter wird, unterbrochen von Wiederholungen und Variationen bis zum unvermeidlichen da capo. Sie verschickt  ihre Postkarten von New York aus, alle anderen Orchestermitglieder, sprich Künstlerfreunde oder Kuratoren, versenden ihrerseits Botschaften nach Hamburg.

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Darboven hat Briefe abgeschrieben oder kopiert. Hauptzielt immer wieder, das Chaos (der Welt oder ihres) zu ordnen.  Dabei geht es nicht um Inhalte sondern um die Bewegung der Karten an sich, wie lange sie brauchen, bis sie ihren Bestimmungsort erreichen, wie der Empfänger sie aufnimmt, ob er sie aufhebt und was er sonst damit macht. Ein von ihr entwickeltes System der Quersummenberechnungen von Tagesdaten in den 1960er Jahren – nach einem Aufenthalt in New York – sollte von diesem Zeitpunkt an den Grundstock ihres Künstlerdaseins bilden.

Die Zeit einfangen, sie verändern, stoppen oder sie anders laufen lassen. Begriffe wie Arbeits- und Freizeit kamen in ihrem Vokabular eher nicht vor. Es zählte nur das Ganze (Leben heißt Schaffen) als Kunstwerk an sich.

Überraschend und informativ ist der in der Ausstellung gezeigte knapp 50 Minuten-Film vom Michael Liebelt und Elke Bippus. Er zeigt eine Hanne Darboven, der man den sauberen und rigorosen Minimalismus und den Kampf, Ordnung in das Weltchaos zu bringen, nicht glauben kann. Hier ist sie wieder, die Sammlerleidenschaft, aber es sind keine geschriebenen Worte oder Buchstaben sondern Gegenstände, Puppen, Stofftiere, Muscheln, Musikinstrumente etc. Ein Zimmer voller als das andere. Der Film ist fast tonlos, nur ab und zu gibt sie, kettenrauchend den Filmemacher durch ihr Horror vacui Kuriositätenkabinett begleitend, ein paar Anweisungen, was gefilmt werden soll oder erklärt kurz einen Gegenstand.

Das Korrespondenzen-Projekt kommt dem Zustand ihres Ateliers am nächsten. Hier werden Emotionen und Gefühle freigelegt wie sie jeder andere auch ausdrücken könnte. Der mechanisch und gefühllos schreibende Android-Roboter-Mensch entfernt sich irgendwo im Universum. Ihre Handschrift ist nicht immer gleichmäßig, der Name von Beuys ist sogar einmal falsch geschrieben,  Wörter oder Buchstaben einfach durchgestrichen. Aber dann kommt der Control Freak wieder hervor. Bei den Namen stehen Haken in grün oder rot, Striche, Hinweise für sie. So nach dem Motto „Herr B bekam eine Karte zu Weihnachten auf die aber noch keine Antwort einging“ – also ist diese Position noch als offen gebucht.

Der Rückzug 1975 in ihr Elternhaus am Burgberg (Nähe Hamburg) beschloss die Korrespondenz-Serie und war gleichzeitig die Geburtsstunde der Schreibzeit, die auch wieder einige Jahre dauern sollte.

 

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 Ohne Titel 1970/2002

 

Auf den ersten Blick denkt man an eine mathematische Formel. 1+1+7+4 = 13K (K steht für Konstruktion). Sie nahm sich die Freiheit, Mathematik zu verleugnen „Zahlen sind nicht Mathematik‘“. Vielleicht war sie als Kind fasziniert von den Kaffeebohnen des elterlichen Handels, vielleicht wollte sie hier schon Ordnung in die Säcke bringen?

In Zusammenarbeit mit Musikern hat sie bei ihren eigenen musikalischen Kompositionen Zahlensysteme in Notenfolgen umgewandelt, die ihr fiktives, enzyklopädisches und ideell-imaginäres Universum erweitern.

Schreiben, solange es Papier gibt

Man kämpft sich durch die Räume und kann durchaus versinken in ihrer unerschöpflichen und langweiligen Universalität, die Rätsel aufgibt und uns einfach nur sagt, dass wir sie nicht verstanden haben. Darboven mutet dem Betrachter viel zu. Man muss sich entscheiden, wie viel von der Zeit, an die sie andauernd erinnert, man selber vergeuden oder verbrauchen möchte, um sich mit ihrem persönlichen Werk,  ihren Zeit-Dominanz-Zwängen auseinander zu setzen. Stundenlang soll man lesen, was sie dazu aufgeschrieben oder abgezählt hat, wie viele Hefte sie mit wie vielen Schlingen gefüllt und wie viele Texte sie einfach nur abgeschrieben hat. Ihre Kunst ist eine Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung,  aber vergeht die Zeit dadurch nicht noch schneller! Wenn man sie sozusagen begleitet und mit jedem Strich bestärkt. Wie lange dauert es, ein Gedicht abzuschreiben oder einen Brief zu kopieren? Ist sie da nicht einem Trugschluss erlegen, ist der Zeitstoppversuch zur grandiosen Zeitfalle geworden. Aber ab und zu hat sie auch nicht ganze Bücher abgeschrieben! Es existieren Postkarten oder Zettel auf denen sie ihre Mutter bittet, Lichtpausen zu erstellen.  

Begleitet wird sie auf dieser Ausstellung von ihren Freunden Carl Andre, Daniel Buren, Bern und Hella Becher, Gilbert & George, Jan Dibbets, On Kawara, Sol Lewitt oder Panamarenko. Auch vom britischen Land-Art-Künstler Richard Long (*1945) ist eine Arbeit dieser Ausstellung integriert.  Der Düsseldorfer Galeristen Konrad Discher hat die beiden schon sehr früh zusammen ausgestellt.  Auf der documenta  5 (1972) war sie gemeinsam mit Long, Sol LeWitt und Agnes Martin vertreten. 

„I am making Maximal Art“ hat sie einmal gesagt und erklärt, ganz unbescheiden, ihre Wohnstätte zu einem ubiquitären Ort, der überall und nirgendwo ist – sondern utopisch!

2009 ist Hanno Darboven im Alter von 68 Jahren zurückgezogen auf ihrer Burg verstorben.

Bis zum 27. August  ist die Ausstellung noch zu sehen. Gabriele Knapstein, Petra Lange-Berndt & Dietmar Rübel haben sie kuratiert.

Bericht über eine Ausstellung in Madrid

Christa Blenk

 

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