La damnation de Faust von Berlioz

faust

 

Faust im (deutschen) Wald

Die neue Produktion von Berlioz’ Faust an der Staatsoper ist eine Reise durch die deutsche Geschichte, die in der Romantik anfängt und im Zweiten Weltkrieg endet; dazwischen liegt alles was deutsche Geschichte und deutsche Gemeinplätze zu bieten haben.  Ob wir jetzt zum xsten Mal eine Aufführung mit Braunhemden, Lederhoren und deutschem Wald brauchen bleibt dahingestellt – Terry Gilliam hielt es jedenfalls für notwendig! Sein Faust ist ein jammernder Mitläufer-Nazi der indirekt dafür verantwortlich ist, dass Margarethe in ein Konzentrationslager abtransportiert wird. Die Bilder dafür hat er sich fast ausschließlich aus der Kunst geholt. Seine Produktion ist ganz klar, gibt keine Rätsel auf, man braucht nichts zu interpretieren oder erraten und keine intellektuellen Purzelbäume schlagen. Jede Szene ist nachvollziehbar und vorhersehbar. Es ist was es ist: eine braune, traurige (Kriegs)Suppe, bei der der Hauptprotagonist eben Faust heißt und das Urböse Mephisto.

Der amerikanisch-britische  Regisseur und Schauspieler Terry Gilliam war u.a. Mitbegründer der Monty Python Gruppe, deren größter Erfolg „Das Leben von Brian“ war und bleibt.  Skurril, witzig, zweideutig und urkomisch sind seine Projekte, gekennzeichnet von hintergründigem, makabrem Humor; meist köstlich die ersten 60 Minuten, dann bröckelt der Lack ab und das Fundament schmilzt im schrägen Humor dahin. Es wird langweilig und man ist es leid!  Nach Misserfolgen wie  Münchhausen und die Ablehnung der Warner Bros Rowlings ihn Harry Potter verfilmen zu lassen hat er sich als Künstler versucht und am Potsdamer Platz 2006 eine Konzept-Video-Installation aufgestellt.  Und daran – nämlich an die Kunst – hat er nun ideen- und bilderreich angeknüpft.

Mit einem wuchtigen Knall geht es los! Dann betritt Mephisto, verkleidet als  Conférencier und Zeremonienmeister der manipulierbaren Weltpolitik, die Bühne! Ungeschönt und anspruchslos beginnt der Film über die deutsche Geschichte ab der Romantik und dazu muss natürlich Caspar David Friedrich herhalten.

Faust, ein Mini-Humboldt, mit seinem ausklappbaren Studierzimmer auf dem Rücken, findet auch in der Natur keine Ruhe und muss vor den frechen und respektlosen Bauernkindern – die  ihm sogar seine Lupe wegnehmen wollen -  auf den Caspar David-Friedrich-Felsen fliehen (später gibt er seinen Platz dann dem Führer in Berchtesgaden ab). Das darauf  folgende Fest zu Ehren der Maikönigin könnte direkt aus einer Vorlage für einen Wandteppich von Francisco Goya stammen, die dann ein wenig später zu Goyas pintura negra  ( schwarzen Bildern) der alemannischen Fastnacht werden. Eine Tintoretto Kreuzabnahme  begleitet das Kriegswüten, nachdem sich die Pickelhauben in der Weimarer Republik den Europa-Kuchen aufgeteilt haben. Die Völkischen treten auf und singen das sehr an Rossini erinnernde Amen der kleinen Messe während Gilliam die Erschießung der Kommunisten choreografisch zelebrieren lässt. Großartig-geschmacklose Szene und genial vom Chor gesungen. Wollte er hier testen, wo beim Zuschauer die schmerzhafte Lachgrenze liegt?  Die rasende und sehr gelungene Sidecar-Reise durch den deutschen Wald ist Delacroixs Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ abgekupfert. Der manipulierte Softi-Mitläufer-Nazi Faust bekommt dann einen weißen Ärztekittel (der aber auch eine Zwangsjacke hätte sein können) und soll die Kriegsverletzten heilen, um endlich auch mal etwas sinnvollen zu tun.

Nach der Pause wird die Bühne zur Bauhaus Referenz und Leni Riefenstahls ästhetische Turner-Bilder kündigen die Olympiade 1936 an, während  Margarethe, die sich mit der blond-bayerischen Zopf-Perücke nicht lange verstecken kann, mit anderen Leidgenossen in schwarze Wagons geschoben und abtransportiert wird.

Und obwohl er manchmal wirklich zu sehr auf die braune Tube drückt und es faustdick herauskommt muss man der Inszenierung doch lassen, dass sie fast immer auf die Musik eingeht und das Orchester unter Simon Rattle ganz unglaublich perfekt den Bildern folgt. Sie scheinen sich alle in der Musik und in der Regie sehr wohl zu fühlen. Mehr kann man von Musikern, Sängern oder vom Chor nicht verlangen und mehr kann man auch nicht geben.

Magdalena Kozena ist Margerethe, Charles Castronovo ist Faust. Mephisto wird von Florian Boesch gesungen und der völkische Brander in Lederhosen ist Jan Martinik. Die Choreographie hat Leah Hausman, das Bühnenbild Hildegart Bechtler entwickelt und Martin Wright den wirklich großartigen Chor geleitet.

Die Premiere am 27. Mai wurde ziemlich kritisiert, was sich bei der Vorstellung am 9. Juni nur teilweise wiederholte. Im Großen und Ganzen bekamen – vor allem die Interpreten, die Musik und der ausgezeichnete Chor – sehr viel Beifall.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Kammermusik mit und ohne Worte im Pierre Boulez Saal

salle ovalable

 

Tradition und Transformation

Kammermusik mit und ohne Worte gab es am 7. Juni im Pierre Boulez-Saal mit dem Streichquartett der Staatskapelle Berlin.

Auf dem Programm stand Aribert Reimanns 1995 entstandene Überarbeitung von  Franz Schuberts Goethe-Vertonung Mignon. Reimann „schwebte ein durchgehendes Stück vor, mit einem gedanklichen und kompositorischen  Faden“. Er entschied sich für die Lieder „Nur wer die Sehnsucht kennt“, „Heiß mich nicht reden“ und „So laßt mich scheinen“.  Großartige, warme und leidensfähige Interpretation der Sopranistin Christiane Karg. Hier war der Saal wirklich wie geschaffen für die Musik, die einen wieder nur umarmen wollte.

O, du lieber Augsutin

Mindestens genauso spannend ging es beim zweiten Stück vor der Pause weiter. 

Arnold Schönbergs Streichquartett Nr. 2 fis-moll op 10 mit Sopranstimme wurde 1908 im Wiener Bösendorfer-Saal uraufgeführt und sorgte seinerzeit für einen regelrechten Skandal. Das Rosé-Quartett und die Sopranistin Marie Gutheil-Schoder mussten erfolglos gegen Pfiffe und Zwischenrufe antreten, die den Schönberg-Anhängern keine Chance ließen. Schönberg zitiert im zweiten Satz das Wiener Volkslied ganz fröhlich « Oh, du lieber Augustin » und beginnt den dritten Satz, Litanei, dunkel und tragisch wie die Gedichte von Stefan George, die er dafür vertonte. Hier setzt auch die Sopranistin ein und bleibt bis zur finalen Entrückung. « Ich fühle Luft von anderem Planeten » passt in den Futurismus, in dessen Zeit das Stück entstand. Obendrein (sagt das Programmheft) war es die Zeit einer Affäre von Schönbergs Frau Mathilde mit dem jungen Maler Richard Gerstl, den Schönberg selber in die Familie eingebracht hat. Sie verlässt zuerst ihren Mann und dann Gerstl, um zu Schönberg zurückzukehren, woraufhin der Maler sich das Leben nahm.

Als  „Eine veritable Katzenmusik“ wurde Schönbergs Quartett am nächsten Tag im Neuen Wiener Tagblatt bezeichnet. Das war natürlich gestern Abend nicht so. Die Zuhörer lauschten gespannt auf jede Note und Christiane Kargs bestechenden Gesang.

Nach der Pause ging es weiter mit Ludwig van Beethovens Septett Es-Dur op. 20 für Violine, Viola, Klarinette, Horn, Fagott, Violoncello und Kontrabass. Beethoven hat das 40 Minuten-Stück  1799 komponiert und es verweist hier immer noch auf Mozart.

Sehr unabhängige und lebendige Interpretation bei der vor allem die Klarinettistin Shirley Brill hervorzuheben ist.

 

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Hanne Darboven – Korrespondenzen

P1040316
 Saal mit Arbeit von Richard Long

 

Korrespondenz für die Öffentlichkeit
… und die Zeit fließt

Die Hamburgerin Hanne Darboven (1941-2009) war eine barocke Konzeptkünstlerin, was so gesehen ja schon einmal eine Unmöglichkeit darstellt. Sie war eine extravagante Einzelgängerin, eine unermüdliche und kompromisslose Sammlerin und Jägerin von Buchstaben, Wörtern, Zahlen, Daten, Noten,  Gegenständen! Kurz: nicht einzuordnen.

Susanne und Michael Liebelt haben der Nationalgalerie Werke aus allen Schaffensphasen der Künstlerin überlassen. Diese Zeichnungen, Zahlenkonstruktionen oder seriellen Bildfolgen, die sich mit der Minimal und Konzeptkunst auseinandersetzen, werden seit Mitte Mai im Hamburger Bahnhof gezeigt; begleitet von ca 1100 Briefen und Postkarten von und an die Künstlerin zwischen den Jahren 1967 bis 1975, die ein dichtes Netzwerk von Künstlern, Kunstschaffenden, Freunden oder Galeristen preisgeben, die Hanne Darboven vor ihrem Tod der Öffentlichkeit vermachte. Diese Korrespondenz für die Öffentlichkeit bestärkt ihren obsessionellen und enormen Schreibzwang ein weiteres Mal. Postkarten, Briefe, Zettel, Botschaften an ihre Mutter etc. Zum Teil ganz banale, alltägliche Kommunikation. Die Postkarten bilden eine Art Reigen. Sie erhält I Got Up Postkarten und I am Still Alive-Nachrichten und kommuniziert selber ihre Ideen und Projekte oder ihren Alltag (also genau das, was man heute Freunden über Facebook mitteilt wie „Hanne am Flughafen“ mit dem dazugehörigen Selfie). Diese Karten wurden, sortiert nach Briefpartner und Eingangsdatum, eingerahmt und der Maxi-Wunderkammer, spricht ihrer Wohnung, einverleibt. Eine Art musikalische Komposition, die im Verlauf der Zeit rhythmischer und strukturierter wird, unterbrochen von Wiederholungen und Variationen bis zum unvermeidlichen da capo. Sie verschickt  ihre Postkarten von New York aus, alle anderen Orchestermitglieder, sprich Künstlerfreunde oder Kuratoren, versenden ihrerseits Botschaften nach Hamburg.

P1040304

 

Darboven hat Briefe abgeschrieben oder kopiert. Hauptzielt immer wieder, das Chaos (der Welt oder ihres) zu ordnen.  Dabei geht es nicht um Inhalte sondern um die Bewegung der Karten an sich, wie lange sie brauchen, bis sie ihren Bestimmungsort erreichen, wie der Empfänger sie aufnimmt, ob er sie aufhebt und was er sonst damit macht. Ein von ihr entwickeltes System der Quersummenberechnungen von Tagesdaten in den 1960er Jahren – nach einem Aufenthalt in New York – sollte von diesem Zeitpunkt an den Grundstock ihres Künstlerdaseins bilden.

Die Zeit einfangen, sie verändern, stoppen oder sie anders laufen lassen. Begriffe wie Arbeits- und Freizeit kamen in ihrem Vokabular eher nicht vor. Es zählte nur das Ganze (Leben heißt Schaffen) als Kunstwerk an sich.

Überraschend und informativ ist der in der Ausstellung gezeigte knapp 50 Minuten-Film vom Michael Liebelt und Elke Bippus. Er zeigt eine Hanne Darboven, der man den sauberen und rigorosen Minimalismus und den Kampf, Ordnung in das Weltchaos zu bringen, nicht glauben kann. Hier ist sie wieder, die Sammlerleidenschaft, aber es sind keine geschriebenen Worte oder Buchstaben sondern Gegenstände, Puppen, Stofftiere, Muscheln, Musikinstrumente etc. Ein Zimmer voller als das andere. Der Film ist fast tonlos, nur ab und zu gibt sie, kettenrauchend den Filmemacher durch ihr Horror vacui Kuriositätenkabinett begleitend, ein paar Anweisungen, was gefilmt werden soll oder erklärt kurz einen Gegenstand.

Das Korrespondenzen-Projekt kommt dem Zustand ihres Ateliers am nächsten. Hier werden Emotionen und Gefühle freigelegt wie sie jeder andere auch ausdrücken könnte. Der mechanisch und gefühllos schreibende Android-Roboter-Mensch entfernt sich irgendwo im Universum. Ihre Handschrift ist nicht immer gleichmäßig, der Name von Beuys ist sogar einmal falsch geschrieben,  Wörter oder Buchstaben einfach durchgestrichen. Aber dann kommt der Control Freak wieder hervor. Bei den Namen stehen Haken in grün oder rot, Striche, Hinweise für sie. So nach dem Motto „Herr B bekam eine Karte zu Weihnachten auf die aber noch keine Antwort einging“ – also ist diese Position noch als offen gebucht.

Der Rückzug 1975 in ihr Elternhaus am Burgberg (Nähe Hamburg) beschloss die Korrespondenz-Serie und war gleichzeitig die Geburtsstunde der Schreibzeit, die auch wieder einige Jahre dauern sollte.

 

P1040284
 Ohne Titel 1970/2002

 

Auf den ersten Blick denkt man an eine mathematische Formel. 1+1+7+4 = 13K (K steht für Konstruktion). Sie nahm sich die Freiheit, Mathematik zu verleugnen „Zahlen sind nicht Mathematik‘“. Vielleicht war sie als Kind fasziniert von den Kaffeebohnen des elterlichen Handels, vielleicht wollte sie hier schon Ordnung in die Säcke bringen?

In Zusammenarbeit mit Musikern hat sie bei ihren eigenen musikalischen Kompositionen Zahlensysteme in Notenfolgen umgewandelt, die ihr fiktives, enzyklopädisches und ideell-imaginäres Universum erweitern.

Schreiben, solange es Papier gibt

Man kämpft sich durch die Räume und kann durchaus versinken in ihrer unerschöpflichen und langweiligen Universalität, die Rätsel aufgibt und uns einfach nur sagt, dass wir sie nicht verstanden haben. Darboven mutet dem Betrachter viel zu. Man muss sich entscheiden, wie viel von der Zeit, an die sie andauernd erinnert, man selber vergeuden oder verbrauchen möchte, um sich mit ihrem persönlichen Werk,  ihren Zeit-Dominanz-Zwängen auseinander zu setzen. Stundenlang soll man lesen, was sie dazu aufgeschrieben oder abgezählt hat, wie viele Hefte sie mit wie vielen Schlingen gefüllt und wie viele Texte sie einfach nur abgeschrieben hat. Ihre Kunst ist eine Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung,  aber vergeht die Zeit dadurch nicht noch schneller! Wenn man sie sozusagen begleitet und mit jedem Strich bestärkt. Wie lange dauert es, ein Gedicht abzuschreiben oder einen Brief zu kopieren? Ist sie da nicht einem Trugschluss erlegen, ist der Zeitstoppversuch zur grandiosen Zeitfalle geworden. Aber ab und zu hat sie auch nicht ganze Bücher abgeschrieben! Es existieren Postkarten oder Zettel auf denen sie ihre Mutter bittet, Lichtpausen zu erstellen.  

Begleitet wird sie auf dieser Ausstellung von ihren Freunden Carl Andre, Daniel Buren, Bern und Hella Becher, Gilbert & George, Jan Dibbets, On Kawara, Sol Lewitt oder Panamarenko. Auch vom britischen Land-Art-Künstler Richard Long (*1945) ist eine Arbeit dieser Ausstellung integriert.  Der Düsseldorfer Galeristen Konrad Discher hat die beiden schon sehr früh zusammen ausgestellt.  Auf der documenta  5 (1972) war sie gemeinsam mit Long, Sol LeWitt und Agnes Martin vertreten. 

„I am making Maximal Art“ hat sie einmal gesagt und erklärt, ganz unbescheiden, ihre Wohnstätte zu einem ubiquitären Ort, der überall und nirgendwo ist – sondern utopisch!

2009 ist Hanno Darboven im Alter von 68 Jahren zurückgezogen auf ihrer Burg verstorben.

Bis zum 27. August  ist die Ausstellung noch zu sehen. Gabriele Knapstein, Petra Lange-Berndt & Dietmar Rübel haben sie kuratiert.

Bericht über eine Ausstellung in Madrid

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Blockflöten-Consort Weißensee

flote

 

Alles flötet

…. Amsel, Drossel, Fink und Star … aber vor allem die Nachtigall waren die Protagonisten des gestrigen Flötenkonzertes und schöner wie das Weißensee Blockflöten-Consort gespielt hat, kann selbst die Nachtigall nicht singen – nicht mal die von Ernst Moritz Arndt!

Das erste Sommerkonzert in der der Ev. Pfarrkirche Weißensee  war eine Reise durch eine internationale lichte und sonnige Flöten- und Vogelwelt, ein Gleiten durch die blaue Luft.

Das sehr abwechslungsreiche und frühlingshervorbeschwörende Programm hat die Leiterin des Ensembles, Ursula Kelch, zusammengestellt und sie selber hat auch den Löwenanteil übernommen. Mit dem Cembalisten Andreas Wenske tritt sie als Solistin mit Werken von Georg Philipp Telemann auf;  später spielen die Beiden den wunderbaren Flötendialog „Echo“ von Jacques Hotteterre (1673-1763). Andreas Wenske allerdings an der Oboe dieses Mal.

Eine Reise durch den schönsten Monat Mai – und dass es der schönste ist, darüber sind sich jedenfalls Theodor Storm, Erich Kästner oder Heinrich Heine einig, von ihnen trug Brigitte Worch zwischendurch Gedichte vor.

Ein Teil des Programmes war der Weltflötenmusik gewidmet und das ging von dem allgemein bekannten Greensleeves bis zu einem großartigen Flötenstück aus Japan oder mit Werken aus Schweden, Vietnam,  Ungarn oder aus der Ukraine.

Das « Blockflöten-Consort Weißensee » das bis 2010 unter dem Namen « Blockflötenkreis Bethanien » auftrat, besteht zur Zeit aus sechs Flötenspielern und wird von  Ursula Kelch geleitet. Außerdem gehören Martina Brauner,  Dieter und Ruth Lemke, Angela Paczula und Dr. Hans Schmidt zum Ensemble.

Ein Schwerpunkt ihres Repertoires liegt auf der Renaissance-Musik, aber auch moderne Werke und folkloristische Lieder für vier – bis achtstimmige Besetzung auf Mitglieder der Blockflötenfamilie von Sopranino bis Subbass gehören dazu.

Im zweiwöchigen Abstand finden bis zum Sommerende interessante, ganz unterschiedliche und sicher hörenswerte Konzerte in dieser Kirche statt.

 

 P1300335
Musikinstrumentenmuseum Mailand

 

Hinweis: sollte sich ein geneigter Flöterspieler oder eine geneigte Flötenspielerin der Gruppe anschließen wollen – bitte melden!

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Boulez Ensemble und Jörg Widmann

P1040261

 

Am 28. Mai 2017 trat das Boulez Ensemble (Mor Biron, Radek Baborák, Carolin Widmann, Krzysztof Specjal, Amihai Grosz, Claudius Popp, Nabil Shehata) mit Jörg Widmann im vor kurzem eröffneten Pierre Boulez Saal in Berlin auf. Jörg Widmann war dieses Mal als – wie immer großartiger – Interpret und als Komponist vertreten.

Das Oktett in F-Dur, D 803 von Franz Schubert zählt zu den sehr beliebten und bekannten Kammermusikkompositionen für eine gemischte Besetzung (Klarinette, Fagott, Horn, Geigen, Cello und Kontrabass). Es entstand 1824 als Ergebnis einer Schaffenskrise des Komponisten und orientiert sich am Septett von Beethoven, bleibt aber trotzdem ein echter Schubert. Für den Biografen Maurice Brown sogar der Schubert schlechthin.  Für ihn vermittelt es das „Alltagswien Schuberts: sein bohèmehaft ungebundenes Künstlertum, sein Geselligkeitsbedürfnis, seine Überschwänglichkeit, seine behäbige Gutmütigkeit, einen Schimmer von den Straßen und Jahrmärkten, eine Anspielung auf das Theater, einen erhaschten Fetzen aus dem Lied irgendeines Kaffeehauses oder Biergartens“. Was kann man dem noch hinzufügen! Großartig interpretiert,  ziemlich basslastig, jedenfalls für die Zuhörer auf dem Block G!

Nach der Pause kam dann Jörg Widmanns (*1973) Oktett (Intrada – Menuetto – Lied ohne worte – Intermezzo  – finale).  Es entstand im  Jahre 2004, also 180 Jahre vor Schuberts Oktett in F-Dur und die ersten Töne klingen dann auch recht schubertianisch und romantisch, allerdings viel finsterer und dramatischer. Ein beschwörender, geheimnisvoller Aufbau, der Einzug in eine Geisterwelt die durch den Wald fliegt und auf einer Lichtung einen Tanz aufführt. „Überall dunkle Nachtgeräusche“ stand im Programm. Widmanns Stück ist neu, lässt aber durchaus seine vielen Väter erkennen, was es deshalb so spannend macht. „Das Neue ist noch lange nicht ausgeschöpft und wird es auch nie sein. Ich bin überzeugt, dass man auch in den tradierten Formen noch so viel Neues sagen kann » sagt er.

Viel Applaus!

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Concerto Romano beim Händel Festival in Göttingen

 

 

 P1040235
nach dem Konzert

 

Sternstunden der römischen Barockmusik

Concerto Romano triumphierte am 27. Mai 2017 mit dem neuen Programm « Ein Lutheraner in Rom » bei den Händel Festspielen 2017  in Göttingen.

Mit Musik von italienischen Komponisten aus der Zeit von Händels Rom-Aufenthalt begeisterte das römische Ensemble Concerto Romano am vergangenen Samstag in der St. Laurentius-Kirche in Gieboldehausen erneut das Publikum und konnte damit an den großen Erfolg in Netzeband beim Aequinox-Festival im Frühjahr 2017 anknüpfen.

Es ist eine Spezialität, ja fast schon ein Markenzeichen von Alessandro Quarta, dem Leiter und Gründer des Ensembles, immer wieder neue und aufregende Werke, von – bei uns jedenfalls – nicht so sehr bekannten Komponisten auszugraben und aufzuführen. Im Italien des 17. und 18. Jahrhunderts zählten sie dennoch zu den großen römischen Meistern, die  allesamt an bedeutenden römischen Kirchen beschäftigt waren, wie dies bei Carlo Francesco Cesarini (1666- 1741), der Kapellmeister im Petersdom war, der Fall war. Francesco Foggia (1604-1688) oder der  Bernardo Pasquini waren Stars in ihrer Zeit. Pasquini , älter als Händel und ein Zeitgenosse von Corelli und Scarlatti verstarb, während Händel in Rom Furore machte. Concerto Romano hat gerade im letzten Jahr Pasquinis Oratorium La sete di Christo (Das Dürsten Christie) auf den Markt gebracht, und somit der Barockmusik ein ganz besonders schönes und außergewöhnliches Werk hinzugefügt. Das Ensemble wurde damit mit dem Diapason d’or gewürdigt.

 

P1040249P1040245P1040240

 

Angereichert wurde das Programm mit zwei wunderbaren Motetten von Händel für Sopran, die durch den Licht durchfluteten und klaren Gesang von Sonia Tedla so besonders klangen. Überraschend auch der junge Countertenor Enrico Torre, der gleich zu Anfang mit einem Lauda Jerusalem von Pietro Paolo Bencini (1670-1755) überraschte und begeisterte. Ein Highlight die Sonate D-Dur von Bernardo Pasquini, von Jazzrhythmen durchzogen, temperamentvoll und spritzig.  Cristina Pluhar hätte das nicht besser hinbekommen. Händel hat Francesco Foggias (1604-1688) Musik natürlich auch gekannt.  Mit Serve bone et fidelis für acht Stimmen und Basso Continuo ging das Konzert zu Ende. Die stufenweise ansteigende Musik hat vielleicht sogar den großen Händel zu seinem  Hallelujah, das er erst 1741 komponierte, inspiriert. Foggia, ein großer Vertreter der römischen Schule, sang als Knabensopran am Collegium Germanicum der Jesuiten in Rom und war angeblich am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian I in München und später in Wien tätig. Wieder zurück in Rom, wurde er Organist in verschiedenen römischen Kirchen und später sogar Kapellmeister in der Basilika San Giovanni in Laterano. Seine letzte Station war die des Kantors an der Patriarchalbasilika Santa Maria Maggiore.

Atemlose Stille herrschte in der Kirche und trotz großer Hitze glitt so mancher Schauer über und unter die Haut!

« Sans la liberté de blâmer, il n’est pas d’éloge flatteur »  hat der Franzose Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einmal gesagt. Jetzt gibt es bei Concerto Romano aber – wie immer eigentlich – gar nichts zu kritisieren: höchstens die schlechte Akustik auf der Empore!

(Und hier noch die Namen all derer, die in Gieboldehausen mit dabei waren:  Alessandro Quarta, Sonia Tedla, Maria Dalia Albertini, Alena Dantcheva, Enrico Torre, Andrés Montilla-Acurero, Luca Cervoni, Riccardo Pisani, Davide Benetti, Mauro Borgioni, Paolo Perrone, Gabriele Politi, Rebeca Ferri, Matteo Coticoni, Andrea Buccarella, Giovanni Battista Graziadio, Francesco Tomasi, Giangiacomo Pinardi, David Joseph Yacus )

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Alfred Flechtheim im Museum Kolbe

P1040225
Ausstellungsplakat

 

Kunsthändler, Sammler und Verleger Alfred Flechtheim (1878-1937)

Alfred Flechtheim lebte für die Kunst. Er war ein Mensch, die mit einem Blick erkannte, was gut und ausstellungs- bzw. sammelnswert war. Er gehörte einer heute ausgestorbenen Kategorie von Kunsthändlern an (wie auch der Stuttgarter Daniel-Henry Kahnweiler), die viel, viel mehr waren als nur Galeristen. Sie entdeckten und förderten die Künstler, in die sie Vertrauen hatten, zahlten ihnen Gehälter, damit diese arbeiten konnten. Heutzutage ist das eher der Einzelfall! Ohne Persönlichkeiten wie Flechtheim, wären Kunst und Künstler um die Jahrhundertwende bis in die 1920 Jahre einen ganz anderen Weg gegangen!  Für den Münsteraner Sammler, Mäzen, Verleger und Weltmann Flechtheim war der Kunsthandel nicht nur ein Geschäft: Kunst war sein Lebenswerk! Flechtheim diktierte praktisch was Wert hatte und was nicht. Weltoffen und weltgewandt bewegte er sich fließend vier Sprachen sprechend sicher auf jedem Parkett.

Schon während seiner Hochzeitsreise gab der selber nicht Unvermögende so viel Geld (seiner Frau) für Kunst aus, dass sein Schwiegervater gleich eine Gütertrennung vereinbarte. Flechtheim besaß zu Kriegsbeginn 1914 bereits unzählige  Frühwerke von Picasso, Jawlensky, Kandinsky, van Gogh,  Léger, Cézanne, Matisse oder Munch und vieler anderer Avantgardefranzosen. Der Sammler und Kaufmann in ihm widmete sich so manches Duell. Seine erste Galerie eröffnete er in Düsseldorf. 1921 kam er nach Berlin  und gründete mit dem Bruder des Galeristen Kahnweiler, Gustav Kahnweiler, die Galerie Flechtheim am Lützowufer, dort entstanden auch die Kunstzeitschriften Querschnitt und Omnibus

Flechtheim war eine schillernde Figur im Berliner Leben. Man wollte in seinem Umfeld sein, dazu zu gehören! Flechtheims Veranstaltungen waren bald stadtberühmt und seine Soirées the place to be! Die Vernissagen oder Kostümfeste in den Berliner Galerieräumen waren legendär und Treffpunkt von Kultur, Gesellschaft und Politik. Er war Teil der  roaring twenties!  

Aber es gab auch kritische Stimmen über ihn wie z.-B. das der Dichterin Else Lasker-Schüler. Für sie war Flechtheim ein ehrgeiziger Kunsthändler, dem es egal sei ob er mit Kunst oder Pelzen handeln

Die Ausstellung im Georg Kolbe Museum zeigt einige Werke, die er entweder sammelte oder an Privatpersonen oder Museen vermittelte. Eine kleine Ausstellung, aber sehr aussagekräftig und vielsagend. Alles was Rang und Namen hatte in der Zeit zwischen den zwei Kriegen stellte irgendwann bei Flechtheim aus. Barlach, Belling, Lehmbruck, Breker, Degas, Sintenis, de Fiori, Maillol und natürlich Kolbe, der ursprünglich von Cassirer vertreten wurde und erst nach Cassirers Selbstmord 1926 sich Flechtheim anvertraute.

 

P1040210
Flechtheim 1927 – Rudolf Belling

 

Rudolf Belling hat 1927 ein Portrait von ihm in Bronze gegossen, das wohl als eines der originellsten angesehen werden kann. Das Gesicht ist auf Nase, Mund, Stirn reduziert, Felchtheim ist aber ohne Zweifel – auch aufgrund seiner unverkennbaren Nase – sofort zu erkennen. Vom russisch-jüdischen Bildhauser Moissey Kogan, mit dem Flechtheim auch privat  befreundet war und den er des Öfteren ausstellte, ist ein Torso aus Lübeck ausgestellt.  Flechtheim hat so einige seiner Arbeiten an deutsche Museen vermitteln können. Kogan kam 1943 in Auschwitz ums Leben. Auch Bellings Dreiklang ist ausgestellt und das Kolbe Museum baut hier eine Brücke zum Hamburger Bahnhof, wo gerade eine sehr umfangreiche Belling-Ausstellung zu sehen ist.

Zwei Arbeiten von Degas – eine Tänzerin aus 1888 vom Städel Museum und eine Tänzerin in Ruhestellung um 1920 aus der Kunsthalle Bremen sind zu bewundern. Flechtheim stellte 1926 in seiner Berliner Galerie 73 Skulpturen des Franzosen Degas aus, was einer kunsthistorischen Sensation gleich kam, denn Degas selber versteckte seine Skulpturen vor der Welt und war deshalb als Bildhauer komplett unbekannt. Erst nach Degas Tod fand man an die 150 recht gut erhaltene Wachsmodelle von kleinen Plastiken, vor allem Tänzerinnen und Pferde. Auch Aristide Maillol gehörte zu Flechtheims Lieblingen und ist in der Ausstellung mit zwei Werken vertreten. Die Hockende (1926) aus der Hamburger Kunsthalle und eine Badende (1898) aus einem Privatbesitz. Der Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard übertrag in den 1920er Jahren die Gußrechte einiger Skulpturen Maillols an Flechtheim und auch aus diesem Grund, sind viele seiner Werke in deutschen Museen zu sehen.

Wilhelm Lehmbruch gehörte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den bekannteren Künstlern. Die Kniende entstand 1911 und wurde 1913 auf der berühmten Armory Show in New York gezeigt. 1955 wurde übrigens gerade diese Skulptur in der ersten documenta in Kassel präsentiert. Flechtheim und Lehmbruck lernten sich bereits 1906 in Paris kennen. In der Ausstellung ist ein Torso von 1914 zu sehen, er gehört dem Kolbe Museum.

Ernst Barlach zählt heute zu den größten deutschen Bildhauern um die Jahrhundertwende. Paul Cassirer hatte ihn schon vertreten. In der Ausstellung ist der Zweifler von 1930 zu sehen. Barlach verstarb 1937.

Viele der hier gezeigten Exponate hat Flechtheim in den 1920 er Jahren an die unterschiedlichen Museen verkauft, so kommt die Bronze von Ernst Barlach aus dem Städel Museum Frankfurt. Auch der junge und vielversprechende Arno Breker gehörte zu Flechtheims Künstlern und fertigte u.a. auch ein Portrait von seinem Künstlerkollegen Moissey Kogan. Er wurde später der Lieblingskünstler der Nazis und ab 1936 auch durch die Olympischen Spiele zum sogenannten Staatskünstler des Dritten Reiches.  Seine Bronze Skulptur Kniende entstand 1927 in Frankreich und zeigt Brekers Bewunderung für die Franzosen.

Ein weiterer Schützling Flechtheims war der Österreicher Ernesto de Fiori. Die beiden lernten sich 1910 bei Thea Sternheim kennen. Auch De Fiori folgte ihm von Düsseldorf nach Berlin und gehörte zu Flechtheims engeren Kreis; die Verbindung dauerte bis zu Flechtheim Flucht nach England 1933. In der Ausstellung sind die Werke Männliche und Weibliche Karyatide zu betrachten. De Fiori bekam 1924 den Auftrag von Max Reinhardt für sein Theater am Kurfürstendamm für sechs Karyatiden, die er aber später wieder entfernen ließ, weil sie zu sehr die Aufmerksamkeit es Publikums auf sich zogen. Er verkaufte zwei davon an das Düsseldorfer Kunstmuseum und zwei weitere an den Sammler Hermann Lange, der diese für sein Haus wollte, das Mies van der Rohe in Krefeld entwerfen sollte.

P1040153P1040174P1040149
Ernst Barlach, Renée Sintenis, Wilhelm Lehmbruch

 

Ein Kapitel der Ausstellung ist dem Thema Kunst und Sport gewidmet. Bewegung und Ausdruckstanz nahmen eine feste Rolle in den 1920er Jahren ein. Flechtheim selber war ein begeisterte Sportanhänger und Mitglied in mehreren Sportvereinen. In seinen Zeitschriften Querschnitt und Omnibus erschienen Artikel über Sportveranstaltungen neben Kunstkritiken und sehr profunden Artikeln von ihm selber, Sportfotografien oder neuer Poesie. Der Boxkampf faszinierte ihn sehr, aber nicht nur ihn. In den 1920 gehörte es zum Zeitgeist, Boxkämpfe zu besuchen. Intellektuelle, Künstler und die höhere, finanzstarke Gesellschaft versammelten sich mit den Boxfans um den Ring. Max Schmeling, der zwischen 1930 und 1932 Weltmeister im Schwergewicht war gehörte zu Flechtheims Freundeskreis. In der Ausstellung ist die Bronze von 1929 von Max Schmeling zu sehen, die der Berlinischen Galerie gehört. Ernesto de Fiori hat 1923 den amerikanischen Boxweltmeister im Schwergewicht Jack Dempsey in Bronze gegossen. Marlene Dietrich saß de Fiori ebenfalls Model, bevor sie endgültig in die USA ausreiste.  Renée Sintenis spielte auch gesellschaftlich in Berlin eine wichtige Rolle und war ebenfalls eine Anhängering des Sports. Von ihr sind vier Skulpturen aus den 1920 er Jahren zu sehen, darunter der finnische Mittelstreckenläufer Paavo Nurmo, der als der schnellste Mann seiner Zeit galt.

 

querschnitt
Aus Querschnitt

1929 im Oktober, am schwarzen Freitag, ging auch der Kunsthandel – vor allem der entartete und verfemte – unter und für Flechtheim begann der persönliche Zusammenbruch und Verfall. Der beliebte und prominente Jude sah sich Diffamierungen ausgesetzt und seine Berliner Galerie geriet 1933 in Konkurs. Den Nazis war dieser offene, jüdische Galerist und Weltmann natürlich ein Dorn im Auge, unbeugsam, wollte er von seiner Kunstpolitik nicht ablassen. „Ich habe gestern  Berlin und zwar für immer verlassen. Meine Galerien da und in Düsseldorf werden geschlossen. Kein Platz mehr für mich (…) Hätte ich mich nicht mit Hofer, Kolbe, Renée (Sintenis) Klee, mit den Franzosen beschäftigt kümmerte man sich nicht um mich, ja , man hat mir angedeutet, dass, wenn ich auf diese Künstler verzichtete, ich ruhig weiter Kunsthändler sein dürfte!!! Dann lieber richtig arm im Ausland als Verräter“  - schrieb er im Oktober 1933 .

Flechtheim reiste zuerst nach Paris und London wo er sich langsam wieder etwas aufbaute, verstarb aber 1937 an einer Blutvergiftung;  seine Witwe, Betty begann 1941 Selbstmord, und die Werke, die er nicht vorher schon ins Ausland bringen konnte, wurden praktisch verschleudert, aufgelöst und gelangten unter ungeklärten Umständen in fremden Besitz bzw. wurde von der Gestapo beschlagnahmt.  Die Kuratorin Julia Wallner hat bei der Schau darauf geachtet, nur Werke klarer Herkunft auszustellen.

Bis zum 17. September 2017 ist die Ausstellung  Alfred Flechtheim. Kunsthändler der Moderne noch im Berliner Kolbemuseum zu sehen und unbedingt sehenswert!

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 
ge

Casual Concert in der Philharmonie

kammermusiksaal mit Notenständern

 

Tanzende himmlische Kriegsbilder

Der Ehrendirigent des Londoner Orchestra of the Age of Enlightenment Sir Roger Norrington dirigierte und moderierte – in fantastischem Deutsch, witzig und elegant, auf einem Drehstuhl sitzend, das gestrige Casual Concert  mit dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie.

Auf dem Programm stand dieses Mal die Ballettmusik Job des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams (1872–1958).

Wilder Western, friedliche Pastorale, galoppierende Cowboys, schweres Artilleriegeschoß, archaische Tänze, wütende Götter, furchterregende Teufel,  orientalische Musikfragmente, Filmmusik! Das alles steckt in dem Ballett Job. Richtig tanzen lässt es sich allerdings nicht, denn die tänzerische Leichtigkeit geht in dem vielen Ärger unter.

1930 wurde die Komposition Job: A Masque for Dancing (tanzende Maske) konzertant beim Norwich Festival unter Leitung des Komponisten selber uraufgeführt. Williams schrieb dieses Ballett nach 21 Radierungen von William Blakes Buchillustration Szenen des alttestamentlichen Buches Hiob. Ursprünglich gehofft hatte er allerdings, den Direktor des Ballet Russes, Sergei Djaghilev, dafür zu interessieren, dies gelang aber nicht und so wurde und wird diese Ballettmusik meist konzertant für großes Orchester, Saxophon, Orgel und umfangreiches Schlagzeug aufgeführt.

Unterteilt ist die Musik in acht Szenen + Epilog und obwohl große akustische Differenzen bestehen und es sehr gewaltig werden kann, hat die Musik wenig Rhythmusvariationen – auch deshalb ist es vielleicht schwer tanzbar. Williams, der sich sehr für die englische Renaissancemusik interessierte, lässt hier wirklich keinen bis dahin bekannten Musikstil aus. Er tanzt über eine Pastorale mit Jagd- und Schaflandschaften, wie sie Purcell in Dido und Aneas beschreibt (hier wird Satans Gesuch an Gott einleitet) hin zu triumphalen Passagen und einem großartige Jazz-Saxophoneinsatz in der 6. Szene (Tanz der Trösterinnen Hiobs)  und endet mit einer himmlischen Pavane im Epilog. 

Ralph Vaughan Williams war Sohn eines Pfarrers und hat u.a. am Royal College of Music in London bei Hubert Parry und Charles Villiers Stanford, dann von 1892 bis 1895 bei Charles Wood am Trinity College der Universität Cambridge studiert. Um die Jahrhundertwende, von 1896 bis 1899, war er Organist in London. 1910 erschien seine erste große Komposition A Sea Symphony – eine gewaltige Kantate für Orchester, Chor und Solisten nach Worten von Walt Whitmans. Während eines Aufenthalts im Ersten Weltkrieg in Frankreich erlitt er einen Gehörschaden, der später zu Taubheit führen sollte. Nach dem Krieg wurde er Kompositionslehrer am Londoner Royal College of Musik  und leitete später den Londoner Bach-Chor. 1944 entstand eine Auftragskomposition der BBE A song of Thanksgiving  die am 13. Mai 1945 in Form eines Radio-Dankgottesdienstes gesendet wurde.

Seine Opern hingegen hatten weniger Erfolg. So fiel seine Oper The Pilgrim’s Progress (1951) – an der er 40 Jahre herumkomponierte – beim Publikum und bei der Kritik durch.

Ralph Vaughan Williams starb 1958; seine Asche  wurde im Poets’ Corner in der Westminster Abbey in London beigesetzt.

 

P1030661
Vaughan Williams liebte Landschaften

 

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Der fliegende Holländer

 hollaender_ohp_500_Brimberg_hf
Der fliegende Holländer, Premiere am 7. Mai 2017 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Jauk

 

Herr Schnabelewopski geht ins Theater und trifft eine Holländerin!

Ein Studienfreund von Richard Wagner wies den Maestro schon 1831 auf die Schriften des jungen, aber schon recht bekannten Heinrich Heine hin. 1835 erschien Heines Erzählung „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“. Im 7. Kapitel dieser Geschichte geht Letzterer in Amsterdam ins Theater und sieht sich den Fliegenden Holländer an. Auf der Bühne streben die Schauspieler der ewigen Treue entgegen aber Herr von Schnabelewopski fängt einen Flirt mit einer schönen Holländerin, einer Wirklichen, an, verlässt vorzeitig das Theater und kommt erst zur Schlußszene wieder zurück.

Als Wagner nach Paris kam, suchte er Heine sofort auf. Er vertonte dann auch bald das Heine-Gedicht „Die Granadiere“ und schrieb selber das Libretto zum Holländer, oft wortgetreu nach Heines Erzählung. Er verkaufte sein Projekt an den Direktor der Pariser Oper, Leon Pillet, für 500 Franc; einen Kompositionsauftrag bekam er aber deshalb trotzdem nicht. Der französische Komponist Pierre-Louis Dietsch hingegen brachte die Oper „Le vaisseau fantôme, ou Le maudit des mers“ 1842 in Paris zur Uraufführung, woraufhin Heine eine anonyme Kritik für eine deutsche Zeitung verfasste und den Text eines bekannten deutschen Schriftstellers als verhunzt bezeichnete.

Am 2. Januar 1843 wurde Wagners Holländer an der Semperoper Dresden uraufgeführt.

Der Regisseur Christian Spuck macht bei der neuen Produktion des Deutschen Oper des Fliegenden Holländers (die Premiere war am 7. Mai) gleich anfangs klar: das hier wird nicht gut ausgehen. Von der ersten Minute herrscht depressive Stimmung und die Bühne ist ein einziger Trauerflor. Emma Ryott hat alle Beteiligten schwarz gekleidet;  finster und bedrohlich das Bühnenbild.

Dem Vater stets bewahr’ sie ihre Liebe! / ihm treu, wird sie auch treu dem Gatten sein.

Rechts ein schwarz geschnürtes Schiffs-Paket, welches im zweiten Akt spielerisch mit ein paar Handgriffen zum Haus wird und eine Nähstube freigibt. Ein sehr gelungener Effekt. Im Hintergrund plätschert Wasser und ab und zu kann man das Meer dahinter erahnen. Naturalistisch-romantische Nebelschwaden und manieristische Lichter von Taschenlampen ziehen vorüber und die Holländer-Fraktion tritt in schwarzem Ölzeug auf. Der gierige Daland lässt sich von den wertvollen Schätzen auf dem Schiff des Holländers blenden und bietet ihm die schöne und treue Senta, seine Tochter, zur Frau an. Die hat aber schon Eric und vor allem hat sie das Bild vom blassen Mann, das sie nicht mehr aus der Hand legt und verliebt und vergeistigt anhimmelt, was der Kinderfrau Mary Sorgen bereitet. Das „Summ’ und brumm’, du gutes Rädchen“-Lied und die  Ballade von Senta im zweiten Akt, in der sie das traurige Leben ihres Angebeteten beschreibt, gehört mit seiner unglaublich gelungenen Choreografie und einer Glanzleistung es Chores zu den Highlights der Aufführung.

Vor Anker alle sieben Jahr’, / ein Weib zu frei’n, geht er ans Land: / er freite alle sieben Jahr’,noch nie ein treues Weib er fand.

Der Holländer und Senta sind eigentlich zwei nach Erlösung suchende Egoisten; sie monologisieren genial neben einander.  Spuck hat das Grundmotiv der Handlung, nämlich das nicht-Happy-End, von Anfang an in den Vordergrund gestellt. Die ewige Segelstrafe des gefallenen Holländers aufgrund seiner Verfehlungen ist nicht zu umgehen, geschweige denn rückgängig zu machen. Traurig geht er wieder auf sein Schiff, bevor Senta in Erics Arme und damit in das Messer fällt. Senta ist also eine erfolglose Erlöserfrau.

Senta! Willst du mich verderben?

Daland (Tobias Kehrer) ist sehr überzeugend – auch als Schauspieler, Matthew Newlin ist ein blendend- perfekter Steuermann und Ronnita Miller eine bodenständige, weiche und doch autoritäre Mary. Senta (Ingela Brimberg) ist wunderbar dramatisch-wahnsinnig; sie hat die Senta auch schon in Madrid gesungen und konzertant unter Marc Minkowksi. Vielleicht kommt sie stimmlich manchmal an ihre Grenzen, vor allem aber ist dies der Fall bei Samuel Youn (Der Holländer). Ihm fehlt es auch dann und wann an Textverständlichkeit. Regisseur Christian Spuck hat Eric (Thomas Blondelle) als eine Art stummen Erzähler in den Mittelpunkt gestellt. Dieser sitzt meistens diskret am Bühnenrand und sieht traurig auf seine Senta-Puppe, einmal hat er, der Jäger, ein Modellschiff an die Wand geschmettert und ab und zu läuft er – den passierenden Wahnsinn hilflos verfolgend – verzweifelt von einer Ecke in die andere.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter Leitung Raymond Hughes ist perfekt, präzise, perfekt getaktet und großartig choreografiert.

Donald Runnicles vor einem Orchester in Hochform hat sich in dieser schwarzen pessimistischen Inszenierung wohl gefühlt und die wogenden und stürmenden Naturgeschehnisse zum Sprechen gebracht.

Ungerechte Buhrufe und viel Applaus bei der dritten Vorstellung !

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

Lowis Corinth und der Akt um 1900

 

P1030883
Ausstellungsplakat

 

Nackt und bloß ist der Titel einer Ausstellung im Landesmuseum Hannover, die Lovis Corinth und dem Akt um 1900 gewidmet ist, einer Epoche zwischen Prüderie und Moderne. Es ist die erste Ausstellung die sich mit Corinths Akten beschäftigt und einige noch nie gezeigte Arbeiten sind zu sehen. Provozierend, expressionistisch, robust, krude und aggressiv sind die Bilder, die sich viel mit der Antike beschäftigen, aber weit davon entfernt sind, idealisierend zu sein. Der Akt war zentrales Motiv von Corinths Arbeiten. Manchmal blickt uns die Abgebildete direkt an, wie in dem lebensnahen Gemälde Die Nacktheit. Eine ruhende, müde Venus mit Amorknaben.

In Hannover werden seine Bilder welchen von  Degas, Renoir, Slevogt oder Modersohn-Becker gegenüber gestellt. Die meisten Arbeiten stammen aus den Beständen des Museums und werden durch Leihgaben ergänzt. Insgesamt sind 11 Gemälde, 55 Grafiken, 3 Skulpturen zu sehen.

Das Ausstellungsplakat ist ein Stehender Akt. Man bekommt den Eindruck, dass die Sitzung wohl beendet ist. Das Modell hat ihre Pose aufgegeben, nur noch ein Arm bleibt in der Höhe. Will sie sich den Schweiß nach stundenlangem Sitzen von der Stirn wischen oder denkt sie „endlich vorbei“? Sie steht auf einem Teppich und ist noch oder schon halb in einen schützenden Mantel gehüllt. Die Kunstgeschichte sagt dazu, dass vorbereitende Bilder zu diesem Akt beweisen, dass Corinth die Szene gestellt hat.

Lovis Corinth (1858-1925) gehört zu den bedeutendsten deutschen Malern – mit Max Slevogt und Max Liebermann – der Transition zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Seine Werke sind  Übergang vom späten Impressionismus zum Expressionismus. 1880 besuchte er die Kunstakademie München; München war damals neben Paris ein wichtigstes Zentrum für Kunst und Maler. Schon damals interessierte er sich sehr für die Aktmalerei. Wie alle Maler vor und nach ihm, ging auch er nach Italien, nach Paris und nach Flandern und holte sich Inspiration, später arbeitete Corinth in Berlin. Er wurde beim Pariser Salon ausgezeichnet, ließ sich aber schließlich in München Schwabing nieder und malte im Freien bis er mit den Schlachthausszenen wieder in die Münchner Kunstszene aufgenommen wurde. 1895 verkaufte er sein erstes Bild – eine Kreuzabnahme, aber seine Salome, in der er so große Hoffnung gesetzt hatte, wurde 1900 von der Münchner Sezession abgelehnt und schaffte es erst in der Berliner Sezession zum Erfolg. Später, immer noch in Berlin, arbeitete er mit Max Reinhardt zusammen und schuf das Bühnenbild für eine Salome Inszenierung von Oscar Wilde und für   Pellésas et Mélisande con Maeterlinck. Ab 1910 gehörte er zusammen mit Liebermann und Slevogt zu dem beliebtesten Maler in Berlin und hatte durchaus Verkaufswert. Schon 1913 erschien seine erste Monographie. Nach dem Krieg und aus Anlass seines 60. Geburtstages veranstaltet die Berliner Secession eine Ausstellung mit 140 Werken von ihm. Und zu seinem 65. eine weitere in der Nationalgalerie mit 170 Arbeiten. Die Nazis lehnten seine Arbeiten ab und im Zuge der Reinigung wurden 296 Bilder beschlagnahmt bzw. in der Münchner Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. Ein Großteil seiner Gemälde ging anschließend in die Schweiz oder ins andere Ausland. 1925 wurde er zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Künste ernannt. Kurz vor seinem Tod machte er noch eine Reise nach Amsterdam, um die Bilder von Frans Hals und Rembrandt zu studieren, während dieser Reise erkrankte Corinth und starb an einer Lungenentzündung.  Er wurde allerdings überführt und  in Berlin auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf beigesetzt.

Christa Blenk

Max Liebermann

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Don Giovanni in der Komischen Oper

P1030975
das war wohl der einzige Moment wo sie alle still standen – nach der Aufführung

 

Gruselkabinett, Sevillanas, Toreros und die Commedia dell’Arte

Mozart selber hat seinen Don Giovanni ein dramma giocoso genannt, also etwas Leichtes, Spielerisches, Lustiges mit ernstem Hintergrund. Das hat sich der Regisseur Herbert Fritsch fast ein wenig zu sehr zu Herzen genommen – das mit dem leicht-lustigen!. Grell geschminkt, überaktiv, total unpsychologisch und schnodderig ist er dieser Don Giovanni – aber bei all dem Blödsinn dann doch wieder unterhaltsam und kurzweilig.

Don Giovanni spielt in Sevilla und dementsprechend ist der Chor sevillanisch. Die Mantilla, das ist ein spanisches Schleiertuch in edler schwarzer Spitze, das die noble Spanierin schon seit dem Mittelalter  auf einer Art Gerüst auf dem ádeligen Kopf trägt, um keusch die Haare zu verstecken und ihre noble Abkommenschaft zu manifestieren, ist auch die einzige Requisite auf der Bühne. Sie schmückt hier nicht nur Donna Anna sondern hängt großflächig in verschiedenen Varianten, Mustern und Schichten  wie große Vorhänge herab -  eine Art Raumteiler, eine fliegende spanische (Spitzen)Wand sozusagen. Sonstige bewegliche oder unbewegliche Gegenstände auf der Bühne braucht es auch gar nicht. Hier liegt der Schwerpunkt auf den reißerischen Darstellern. Die Kostüme nehmen uns schon den Grad an Aufmerksamkeit, den wir sonst dem Bühnenbild widmen würden. Fritsch hat wohl seine Sänger nach tänzerischem oder schauspielerischem Talent ausgesucht, denn sie mussten  akrobatisch veranlagt und sehr beweglich sein und jeden Schmarrn mitmachen.

Jetzt ist natürlich Don Giovanni eine der am häufigsten aufgeführten Opern, unzählige Mal auf der Bühne und allen bekannt, weshalb es sehr schwer, etwas Neues oder Originelles zu erfinden. So hat jede Epoche einen Don Giovanni stilisiert, einmal als romantische Dämonisierung oder als grausames Spiel der Männer, immer mit Regelbrüchen verbunden, auch wenn diese  noch so lächerlich dargestellt werden. Dieser hier pendelt zwischen einer Hommage an die Commedia dell’Arte aber auch an die skurrile Rocky Horror Picture Show hin und her. Sogar das düster-dramatisch Ende bringt uns bei Fritsch noch zum Lachen, wenn der in der Hölle versunkene Bösewicht zum Schluss mit der toten Hand der Marmor Statue winkt: dann erst fällt der Vorhang.

Glänzend der Joker-Don Giovanni (Günter Papendell). Er ist der verschlagene und skrupellose, schlaue Brighella,  tanzt, hüpft und rennt in seinem eng anliegenden rosa-lila Stierkämpfer-Kostüm  mit roten Lippen und Strümpfen  und singt – so scheint es jedenfalls – dabei mühelos! Er scheint sich prächtig zu amüsieren. Hämisch grinsend und allgegenwärtig, lugt er immer irgendwo hervor. Allein schon für diese Glanzleistung muss Papendell gelobt werden.

Donna Anna (Brigitte Christensen) ist eine ewig Beleidigte in Flieder mit roten Haaren, die immer aus ihren schwarz ummalten Augen herausschmollt, während Donna Elvira (Nina Bernsteiner) die Sevillana-tanzende, aggressive, gelbe Schöne, die auch schon mal selbst den Degen in den Hand nimmt, ständig störende und sich  dafür entschuldigende Betrogene, ist. Don Octavio (Adrian Strooper) ist ein orange-bunter Rocker-Weichling der schwächlich und schamlos Donna Anna anmacht.

Leporello (Philipp Meierhöfer) ist der Arlecchino, der mit seiner naiven Fröhlichkeit, seiner Verfressenheit, seiner Unlust, seiner ironischen Volksnahheit ebenfalls über die Bühne hüpft und stolpert. Ihn scheint diese Anstrengung aber stottern zu lassen. Die Katalogarie ging irgendwie unter Zappeln unter. Aber die Musik – es war natürlich in deutscher Sprache gesungen – stand hier sowieso nicht im Vordergrund und hat kräftig Schrammen bekommen. Beeindruckend der Komtur (Bogdan Talos) mit seiner grandiosen Stimme. Die Zanni der Commedia dell’Arte wären dann wohl die Hochzeitsgesellschaft um die weiße Zerlina/Columbina und Masetto ist wie immer ein Trottel. Aber vielleicht ist es auch ganz anders, die Figuren hatten alle etwas von Allen.

Es gibt allerdings  auch ganz grandiose Stellen in dem Stück. Köstlich Don Giovannis Luftgitarren-Rock-Solo inklusiv zerschmetterter Rock—Star-Allüren-Gitarre. Grandios gelöst die Verkleidungsszene im zweiten Akt, wenn die Mäntel tauschenden Herr und Diener kurz zu Toreros werden und exzellent die Abschlusszene. Ansonsten zerschmettertes Geschirr, schwache Blasen, grelles Geschrei, Herum-Gerenne, Schüsse und Degen, die ständig klemmen oder dem blinden  Komtur einen Stromschlag versetzen, so dass der sich wohl selber den Degen gibt. Aber manchmal sind die Scherze nicht mehr lustig und verbrauchen sich im Verlauf des Stückes.

Schön sind sie also nicht anzusehen, aber das war ja bei der Rocky Horror Picture Show auch nicht so und trotzdem ist diese zum Kultmusical geworden. Vielleicht wird das hier auch noch so.  Bestimmt 10% der Besucher kamen gestern – drei Jahre nach der Premiere – nach der Pause nicht mehr zurück!

Jordan de Souza hat ganz schön ankämpfen müssen, um die Musik immer wieder in die erste Reihe zu bringen. Auf jeden Fall müssten die Beteiligten einen ersten Schauspielpreis bekommen, auch wenn das Psychologische oder Metaphysische von Mozart einfach in den Farbtopf geworfen wurde.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

LOT – Oper Hannover

 

P1030904

 

                                                                                                                                                                                                                                             auch auf KULTURA EXTRA

God said, Let there be storms – Storms to bring life in all of its forms – Forms such as herds and gaggles and swarms – Swarms that have names and numbers and norms
And it was good, sister … (Leonard Bernstein/Stephen Schwartz  - « Mass » )

Gott ist ein Kind, kommt aus Afrika und trägt ein Baströckchen. Er steht vorne in einem Meer von Abbildungen, Fotografien, Gemälden und kleinen Lehmfiguren, die ihm wohl als Anregung für sein Projekt einer unfehlbaren Welt dienen sollen. Die Erschaffung der Menschheit ist so gesehen noch ein „work in progress“. Er ist allerdings nicht zufrieden mit seinem Produkt, denn die Welt ist schlecht und weit davon entfernt, eine perfekte zu sein. Es will nicht so recht werden, wütend knallt er den Lehmklumpen auf den Boden und wirft die Vorlagen in den göttlichen Mülleimer.

Abraham ist 100 Jahre alt (Franz Mazura ist 94 und hat somit fast das biblische Alter von Abraham) und Sara (Renate Behle) kommen langsam auf ihn zu. Er prophezeit ihnen Nachwuchs. Sara, die auch schon 90 Jahre alt ist, lacht ihn respektlos aus. Gott ist schlecht gelaunt und unzufrieden und erwähnt, dass er die lasterhafte Stadt Sodom vernichten wird. Dort wohnt aber Abrahams Neffe Lot (Brian Davis) mit seiner Familie und Lot ist ein guter und gläubiger Mensch. Gott willigt – nach längeren Verhandlungen – ein, Lot und seine Familie zu verschonen und schickt ihm  zwei Engel (Sung-Keun Park und Amar Muchhala). Sie sind Ausländer und bekommen den Fremdenhass zu spüren. Der göttlich verordnete Untergang soll noch vor dem Morgengrauen geschehen.

Es funkelt und glänzt. Die Stadt Sodom ist reich und ihre verdorbenen, frivolen Bewohner tragen Luxusgewänder. Die Engel kommen als schäbig verkleidete Fremde in die Stadt, werden aber von einem in Gold gekleideten Zöllner (Michael Dries) abgewiesen weil sie den Zoll nicht bezahlen können. Geht doch zurück, wo ihr zu Haus seid ! schreit er. Der wohlhabende Lot, der als einziger in einen schlichten grauen Mantel gekleidet ist, tritt auf und will für sie den Zoll bezahlen, ist er doch vor 20 Jahren auch als Fremder (aber mit viel Geld) in die Stadt gekommen. Er bringt die beiden Männer bei sich zuhause in Sicherheit. Töchter (Dorothea Maria Marx und Stella Motina) und Frau (Khatuna Mikaberidze) bewirten die Drei, fühlen sich aber nicht wohl in dieser Gesellschaft. Dann geht das Geschrei vor dem Haus los, die rasende Meute will die beiden Fremden ausgeliefert haben.

Die strenge deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und der italienische Komponist Giorgio Battistelli haben hier viel Wert darauf gelegt, eine wahnsinnig aggressive Stimmung zu erzeugen und es ist ihnen gelungen. Das Gejohle und die lästerhaften Beschimpfungen machen einer rasenden Kriegsbereitschaft Platz. Alle Tabus, sollte es in Sodom noch welche gegeben haben, sind nun gebrochen. Die Musik jagt zu einem Horrorfilm wenn der Mob sich in Gewaltphantasien steigert und die beiden Fremden fordert. Lot will und darf die Gastfreundschaft nicht verletzten und bietet zuerst seine Töchter und dann sich selbst zum Vergnügen der Meute an. Aber die Engel greifen gerade noch bevor Lot abgeschlachtet wird ein und lassen das goldene, unmoralische Pack erblinden, womit sie zu Fremden in ihrer Heimat werden. Diese Rettungsaktion macht aber ihrerseits Lot und seine Familie zu Vertriebenen, denn sie müssen noch vor Sonnenaufgang aufbrechen und dürfen nur soviel mitnehmen, wie sie selber leicht tragen können. Die Frauen wollen nicht weg, vor allem die älteste Tochter will bleiben, sie will heiraten. Aber die Tatsache, dass keiner der Männer ihnen beigestanden hat, als die Meute fordernd vor dem Haus randalierte, gibt zu denken und produziert den ersten Vertrauensverlust. Bei der ältesten Tochter fängt der Verrohungsprozess an, als sie der Katze den Hals umdreht. Die Engel schließlich werfen Lot und die drei Frauen aus dem Paradies ihres schönen Hauses hinaus in die raue Welt, verfolgt von Feuer und Hitze des brennenden Sodom. Umdrehen dürfen sie sich nicht und merken deshalb auch nicht, dass die Mutter zurückgeht in das Höllenfeuer. Erschöpft kommen sie irgendwann irgendwo an. Dort gibt es nichts, nicht mal eine Ratte, die die Reserven auffressen könnte.

Ein großer Müllschlucker über der Bühne lässt Tonnen von Papierfetzen auf den Boden fallen und schafft eine post-nuclear–war-no -future-Stimmung, die sogar abgebrühten Tages-Nachrichtenschauern unter die Haut geht.

Dann sind die Töchter mit dem Vater allein und was jetzt passiert, hat uns außer der Bibel, die mit dieser großen Sünde sehr wertefrei umgeht, auch die Malerei in der Renaissance und im Barock immer wieder gezeigt. Aber bei Jenny Erpenbeck ist der Schluss anders. Die große Tochter – immer noch wütend auf den Vater, weil er sie so einfach dem Gesindel in Sodom ausliefern wollte, um zwei Fremde zu schützen – will ihn testen, will sehen, ob seine Moralvorstellungen auch hier in der Wüste, allein und von Gott verlassen, noch zählen. Sie gibt ihm Wein zu trinken und will ihn verführen. Es braucht nicht lange, bis er mit ihr hinter dem Felsen verschwindet und aus Inzucht Vergewaltigung wird. Blutverschmiert und gebrochen kommt sie zurück und versteht, dass die Bestie in ihm erwacht ist. Er nimmt nun auch gleich noch die kleine vom Wein benebelte Schwester und verschwindet mit ihr. Nichts gelte mehr, was je gegolten hat! Soll ich schon ein Tier sein dann wenigstens ein echtes Schwein!  Das Schlußlied der Tochter „Jetzt hab ich recht gehabt“ ist erschütternd. Lot ist abtrünnig geworden und vom Glauben definitiv abgefallen. Wo keine Kontrolle ist, braucht man auch die Pflichten nicht zu erfüllen. So ähnlich wie im absoluten Parkverbot parken, wenn kein Polizist vorbeikommt, der einen Strafzettel verteilen könnte.

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat LOT 2016 als Auftragswerk der Oper Hannover komponiert. Strenge Klangstrukturen gibt es nicht in Battistellis Werk. Der Bogen leitet vom impressionistischen Prolog in eine strenge und kontrastreiche Musikcollage im ersten Akt über. Die Flucht ist theatralisch mit viel Aktion und Donner, dialogisierend hetzend, Gesang und Orchester trennen sich. Der extrem farben- und kontrastreiche, surreal-ätherische dritte Akt steigert sich in eine ungeduldige und kribbelige Unordnung und endet mit einem Adagio im letzten Gesang der ersten Tochter. Battistelli hat für den Beginn und das Ende die gleiche Musik vorgesehen, die Welterschaffungsmusik.

Apokalypse oder Neustart: Der Epilog lässt alles offen, auf der einen Seite laufen die vielen Kinderlein von Lot und den Töchtern bunt gekleidet, lustig, sauber und sorgenlos mit Schafen über die Bühne während Abraham und Sara mit dem 8-jährigen Isaak in schwarz gekleidet diese überqueren. Isaak versucht ein wenig in dem großen Schrotthaufen der kaputten Welt noch etwas zu entdecken was man vielleicht gebrauchen könnte, steht aber dann nur da und wartet, seine Aufgabe zu erfüllen. Die beiden Familien treffen sich nicht und  tauschen sich auch nicht aus.

Das Thema ist von gegenwärtiger Aktualität über Maßhalten, Vertrauensverlust und Vertriebenheit und über den Verfall von Kultur, Toleranz und Sitte im Gegensatz zu göttlicher Allmacht, blindem Gottvertrauen und dem Verlust dieses. Battistelli wollte eine fröhliche Schlussszene, wer weiß, vielleicht wird eine Welt, in der die Kinder alle verblödet sind, ja besser oder perfekter! Es bleibt nur die Frage offen, ab wann politische Korrektheit zum ad absurdum führt.

Der Regisseur Frank Hilbrich hat hier die bunte und lautmalerische, großartige Musik von Battistelli fantastisch umgesetzt. Sehr realistisch und nachvollziehbar muss man nicht viel rätseln. Die Bilder verschmelzen mit den Tönen und verbleiben im Kopf.

Tadellos Mark Rohde mit dem Niedersächsischen Staatsorchester Hannover am Pult. Wunderbar der Chor der Staatsoper Hannover unter Leitung von Dan Ratiu. Umwerfende Leistungen der Sänger, vor allem des 93-jährigen Franz Mazura oder Brian Davis und Dorothea Maria Marx. Khatuna Mikaberidze sang ihren Part als Lots Frau trotz großer Migräne (sonst hätte die Vorstellung ausfallen müssen). Die Rolle von Gott spielte das Kind Nathan Ngamen.

Beide, Battistelli und Erpenbeck befassen sich permanent mit dem Thema der Veränderung durch Weggang, Flucht oder Zeit. Erpenbeck mit ihren Büchern und Battistelli mit seinen vielen Opern. 1981 hat er mit seinem außergewöhnlichen Werk experimentum mundi zum ersten Mal von sich hören gemacht. Wandel und Verlust waren auch das Thema bei seiner letzten Scala Uraufführung CO2 . Hier war der Klimawandel der Hauptprotagonist. Er hat als künstlerischer Leiter die Oper Rom positiv verändert und das zeitgenössische Fast Forward Festival gegründet.

Die Uraufführung hat am 1. April 2017 stattgefunden. Weitere Aufführungen am 2.5.; 10.5., 14.5. und 28.5.2017

Jetzt müsste man es eigentlich nochmals ansehen, um sich um die Feinheiten zu kümmern!

P1030856

 

mehr  ueber Battistelli und die Oper Rom

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Matthias Eisenberg an der Parabrahm-Orgel in Eichwalde

P1030930
Prof. Matthias Eisenberg an der Parabrahm-Orgel

 

Es ist Sonntagnachmittag, ein blauer, klarer ja fast warmer Frühlingstag, wie es sie in den letzten Wochen nicht viele gegeben hat. In Eichwalde, einem kleinen, gepflegten Ort am östlichen Stadtrand von Berlin, füllt sich langsam die Kirche, eine ganz besondere Vorfreude breitet sich aus. Die andächtige Ruhe in der Kirche breite sich aus, lange bevor der Organist Matthias Eisenberg sich an die Parabrahm-Orgel setzt.

Hier in Eichwalde treffen zwei Phänomene aufeinander, einmal das Spiel dieses  unglaublichen Ausnahmemusikers, der einer der bedeutendsten Organisten in Deutschland überhaupt ist und  der außerhalb jeglicher Standards spielt und lebt und dann diese besondere Orgel. Eichwalde besitzt die einzige Parabrahm-Orgel in Deutschland. Hierbei handelt es sich um einen Orgeltypus der Spätromantik. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und bedeutet so etwas wie „höchste künstlerische und geistige Vollendung“. 1908 baute die Orgelbaufirma Weigle in Echterdingen drei Stück davon für Deutschland, aber nur noch die in Eichwalde ist erhalten.  Sie ist Unikat oder Unikum gleichermaßen. Diese Orgel besitzt zwar nur neun Register und 458 Pfeifen aber ansonsten viele Besonderheiten wie die patentierten Hochdruckpfeifen ( Seraphon-Register), die Basstuba, das Harmonium als drittes Manual anstelle des Orgelwerks, die schwellbaren Manuale, die sich stufenlos in ihrer Lautstärke verändern lassen oder den pneumatischen Registerschweller, der es dem Spieler ermöglicht, auf neun feste Register schnell zugreifen zu können.  Ich verstehe das nicht alles, aber der eine oder andere Orgelliebhaber wird seine Freude daran haben.

Auf dem Programm stehen Werke des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit der Sonata B-Dur op 65 Nr. 4 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) fängt Eisenberg  an. Er spielt sie lyrisch, mit totaler Hingabe und Dedikation. Ein neues Orgelgefühl für diejenigen, die ihn noch nie gehört haben und zu denen wir auch gehören.

Ergreifend und imposant die Sonata III G-Dur, op 88 von Josef Gabriel Rheinberger (1835-1901). Weiterhin standen ein paar Werke von Max Reger auf dem Programm, darunter die Toccata d-Moll und Fuge D-dur, op. 59 Nr. 5 und 6.

Dann war der Zeitpunkt für die Eisenberg-Improvisationen gekommen. Der  Maestro steht auf und fragt von der Empore herab die Zuhörerschaft worüber er denn improvisieren solle.  Es kommt der Wunsch nach einer Bach-Kantate und – weil ja morgen der 1. Mai ist – wird auch das Kunst-Volkslied „Komm lieber Mai und mache“ gewünscht und spätestens jetzt versteht man, warum an diesem Bilderbuch-Sonntag die Kirche brechend voll ist:

 

P1030920P1030921P1030923
die Parabrahm-Orgel von Eichwalde

 

Ein ganzes Universum scheint in diesem kleinen Mozart- Lied zu stecken; Eisenberg holt aus seinem nicht leer werdenden Improvisations-Fundus die Musik vom Frühbarock bis zum Jazz und der neuen Musik heraus.  Er kriecht förmlich in das Instrument hinein und ringt ihm alles ab was es hergeben kann. Wirbelwindmäßig rast er über die Tastatur, Hände und Füße sind permanent mit vielen Handgriffen und Tritten gleichzeitig im Einsatz. Beeindruckend ist er, dieser geniale Musiker für den man eigentlich gar keine Worte mehr findet. Eisenberg vermittelt den Eindruck, dass er mit seiner Musik die Welt retten muss. Er wird immer schneller, auch lauter und zieht das Publikum in seinen Bann,  bringt sich und uns  an die Grenzen in dem er immer wieder andere, neue Töne produziert. Man spürt, wie er sich selber amüsiert, die Funken sprühen von der Empore bis nach unten. Es funkelt und blitzt und donnert!

Das Orgelspiel begann Eisenberg schon mit 9 Jahren  - und damit drei Jahre früher als Mendelssohn-Bartholdy oder Max Reger.  In seiner Heimatstadt Dresden trat er auf und später in den umliegenden Kirchengemeinden. Eisenberg war fünf Jahre Mitglied des Dresdner Kreuzchores. 1980 holte ihn Kurt Masur als Organist und Cembalist nach Leipzig. 1986 ging er nach Frankfurt/Main und Hannover und als er im Jahre 2001, nach 15 Jahren Abwesenheit,  ins Gewandthaus zurückkam, waren alle Karten schon lange im Voraus ausverkauft und das Publikum konnte ihm eine Stunde Zugaben abringen. Seit 2012 lebt er im Spreewald, ist aber permanent unterwegs, um die Welt mit seinem Orgelspiel zu beglücken. Prof Matthias Eisenberg hat viele Rundfunk- und CD-Produktionen gemacht und mehrere internationale Wettbewerbe gewonnen. Er kennt das Orgelleben in- und auswendig und wird oft bei Orgelneubauten als Ratgeber hinzugezogen.

 

P1030906
Kirche von Eichwalde

 

Dank an Angelika, die uns auf dieses Konzert hingewiesen hat und die ihn schon seit vielen Jahren persönlich kennt!

Ein weiteres besonderes Orgelerlebnis hier

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

 

Unerhörte Musik – e-werk

IMG_5248_beschnitten_sw_bearb_1
Foto:  Alexandra Hannemann ©  e-werk

 

Vier Gitarristen auf der Suche nach einer Note

e – w e r k: electric attack #2 | stars ‘n bells

Was man alles aus einer Gitarre herausholen kann und wie viele Un-Gitarrenklänge es gibt, haben wir gestern Abend im BKA bei der immer wieder stimulierenden dienstäglichen „Unerhörten Musik“-Reihe erfahren. Unerhört ist diese Musik allerdings nicht – höchstens unerhört!

Das Quartett e – werk  (Jörgen Brilling, Frédéric l’Epée, Erich Schachtner und Andreas Willers) ist am letzten Dienstag dort aufgetreten; es war das zweite von vier vorgesehenen Konzerten. Mit Eigen-Kompositionen von Andreas Willers und Frédéric L’Epee sowie Werken von Eve Beglarian, Elliott Sharp, Sidney Corbett,  Jacob ter Veldhuis, Christoph Funabashi und Victor Coltea führten uns die vier verkabelten Ausnahme-Musiker durch die Unendlichkeit und die Möglichkeiten des elektronischen Klangwaldes und präsentieren neue und fremde Klänge, konfrontierten aber auch mit  bekannten und lautmalerischen Geräuschen wie z.B. bei dem heftigen Streit von  L’Epees Komposition Crimes. Er hat es 2001 komponiert. Rasender Streit, blitzartige Meinungsverschiedenheiten und hysterisches Gekreische enden ganz klar tödlich für einen oder vielleicht sogar für alle Beteiligten.

Eve Beglarians The Garden of Cyrus heisst ihr erstes wichtiges Werk. Es entstand in den Jahre 1984-86. Elliott Sharp hat uns mit Akheron  in die Unterwelt geschickt. Er hat diese Totenmusik 2014 komponiert; das Stück wurde in Deutschland gestern zum ersten Mal aufgeführt.  Im Vergleich zu Akheron war Malik von Sidney Corbett fast konventionell. Ruhig und bestimmt bewacht der Engel Malik das Höllenfeuer und lässt niemanden hinein. Ab und zu züngeln ein paar Flammen, aber er hat die Situation unter Kontrolle und wird seiner Aufgabe gerecht.

Bei der Komposition von Victor Coltea Sketches of an electric time travel (2012) ging es auch um einen Kampf, allerdings hier mit dem Instrument und zum Schluss bekam die Gitarre sogar einige Schläge ab.
Andreas Willers hat 2008 für E-Gitarre solo das Stück Drowning Migrant komponiert. Hier ist zum Schluß mindestens die Titanic unter gegangen. Ein Kampf mit dem Wind, dem Salzwasser, mit scheppernden Schiffsmotoren, Kälte und Hoffnungslosigkeit. Dieses Stück war erschütternd.  Willers selber beschreibt es mit den Worten „hochartifiziell, aber nicht-destrukitiv“, den er mit „extremen zeitverschiebenden Digitaleffektalgorithmen umzusetzen versuchte“.
Sehr spannend, interessant und musikstilübergreifend die Uraufführung von  Toccata (2015) von Christoph Funabashi  für E-Gitarrenquartett. Kammermusik und Rock haben sich hier einvernehmlich getroffen. Die Klänge wurden fast ausschließlich mit einer Stimmgabel auf den Gitarrensaiten erzeugt.

Jacob ter Veldhuis’ Postnuclear Winterscenario No 2 entstand 1991/93 für E-Gitarre solo. Es skizziert eine monotone, niederschmetternde, falsche und beunruhigende Harmonie, die mit Glockenschlägen in einen apathischen Gefrorenenzustand überleitet.  Ter Veldhuis hat hier seine Empfindungen nach dem Golf-Krieg Ausbruch verarbeitet.

Frédéric l’Epee beschreibt mit der Ètude Campanologique No 3 (2015) für E-Gitarrenquartett  ein vielseitiges Glockenspiel zwischen Himmel und Hölle. Dieses Werk und auch das Stück von Andreas Willers SternA (2019) wurden gestern uraufgeführt. Willers und die anderen haben sich hier sehr amüsiert, ausgetestet und konzentriert sich wieder gefunden. Unzählige Sirenen in einer großen Stadt setzen unterschiedlich ein und müssen sich bemühen, doch gleichzeitig am Einsatzort anzukommen.

Anstrengend spannender Konzertabend.

 

IMG_5181_beschnitten_sw_bearb_3
Foto:  Alexandra Hannemann ©  e-werk
(Andreas Willers, Frédéric l’Epée, Jörgen Brilling, Erich Schachtner)

 

Christa Blenk

mehr aus dem BKA:

Ulrike Brand Korpus

Forseti Quartett

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

WUT – am Deutschen Theater Berlin

WUT

 

„Singe den Zorn, oh Göttin“

Prometheus will Zeus überlisten. Er opfert ihm ein Tier, behält aber die besten Stück so dass für Zeus eigentlich nur Knochen und Fett zurückbleiben. Zur Strafe lässt ihn der Göttervater im Kaukasus in Ketten legen und schickt jeden Tag den Adler, der an seiner Leber knabbert, bis er endlich vom Titanen-Held Herakles von der Qual erlöst und frei wird.

Die Ilias, Europides, König David, Sigmund Freud und Martin Heidegger, Politik und Hilflosigkeit sind die Zutaten für WUT. Keine leichte Kost.

Wut ist Raserei, Leidenschaft, unbeherrschter, peitschender Wahnsinn den man pflegen muss, solange er warm ist. Denn abgekühlte Wut wird lauwarm, zahm.

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist eine harte, sarkastische sozial-politische Provokateurin. Nach dem Attentat auf die Charly Hebdo Redaktion und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 lässt sie ihren Zorn an Wörtern aus und schreibt WUT. Hierbei räumt sie gleich mit allen Religionen und Göttern auf und mit der ganzen Welt auf.

„Nehmen wir einfach mal Zeus. An ihn glaubt eh niemand mehr, da kann nichts passieren“

In Smoking und Abendgarderobe, small talkend und blasiert Champagner trinkend, der auch nur Wasser ist, wie sich später herausstellen sollte, stehen die Protagonisten Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider und Sabine Waibel fast gelangweilt auf der Bühne, sie bewegen sich unsicher. Keyboard Hintergrund-Aufzugsmusik und Soft Jazz begleiten dieses unbeteiligt wirkende Gehabe. Aber das war es natürlich nicht. Plötzlich bricht Aggression aus und die laue Musik wird ohrenbetäubend und überschreitet sicher die erlaubten Dezibel.  Ein „göttliches“ Fingerschnippen macht aus der gekonnten WUT-Lichtreklame ZORN. Mit jedem Bild änder sich dann diese Lichtinstallation  und wird zu KILL, LIVE, ASYL. Nach und nach kommen Religionsfanatiker aller Couleur an das Mikrophon, und versuchen ihr mörderisches Tun zu rechtfertigen. Döhler ist ein Wutbürger in einer Wut-Welt und tut dies mit sächsischem Akzent!

„Wenn alle tot sind ist alles gleich“

Wir kennen die Namen der Täter, aber kennt einer von Euch (ins Publikum) die Namen der Opfer? Weiß natürlich keiner, ist ja auch schon zwei Jahre her und Döhler googelt sie für uns.

Die rasende Wut wird auch textlich immer schneller und schwieriger.

„Wir sehen, wir sehen, ja, uns hat man jetzt die Augen geöffnet, jetzt, da es zu spät ist“                         

Die salonfähigen Nobelbürger haben sich daran gewöhnt, wie die täglichen  breaking news im Radio- und Fernsehen von anderen, frischeren breaking News oder Tragödien abgelöst werden und die gerade noch Aktuellen in die Vergessenskiste wandern. Ein zerbeultes Auto, das Columbo alle Ehre gemacht hätte, rollt mit einer jammernden Elfriede Jelinek (Sabine Waibel mit Perücke und Lippenstift im Elfriede-Look ) auf die Bühne. Allgemeiner Kostümwechsel, nun trägt man Götter- oder Terroristenlook. Später muss Sebastian Grünewald als nackter Jesus sein Kreuz tragen. Er legt es aufs Auto und sich selber dann darauf. Das Gockelkostüm, mit dem er zum Schluss überrascht, habe ich nicht verstanden. Und dann fliegt uns, dem Publikum, das Jelinek Stück in Form von losen Blättern um die Ohren

„In der Wut gibt es keine Zweifel“ – „I wish I understood“.

Jelinek überfordert zwar nicht die Schauspieler, die sind großartig, aber uns schon ein wenig. Man wird in diesen 150 Minuten komplett mit Worten, Thesen und Konzepten überhäuft, richtiggehend zugeschüttet und kann nicht immer direkt folgen. Manche Szenen dehnen sich aus und wollen einfach nicht enden. Man kann nicht mehr und das, obwohl Martin Laberenz aus den Münchner vier Stunden nur 150 Minuten gemacht hat – sehr intensive allerdings!

„Den Geist hat vielleicht Heidegger noch gebraucht, und er hat geglaubt, dass auch andere ihn brauchen, nun, ich brauche ihn nicht.“

Martin Laberenz hat aber immer wieder geschickte und überraschende Komik- Situationen eingefügt, und wir können trotz Maschinengewehr-Salven (mit auf das Publikum gerichteten Waffen) das Lachen nicht verhindern, wenn Döhler sich über die Plastiksektgläser beschwert und über den Inhalt, der nicht mal Apfelschorle ist oder wenn Grünewald en passant mitteilt, wie froh er darüber sei „nicht zum festen Ensemble“ de DT zugehören.

„Nicht weinen um die Toten! , ich glaube, die wollen das gar nicht, dass man um sie weint, es ist eine narzisstische Kränkung für sie, erst durch das Weinen ist ihr Tod beglaubigt und bestätigt“

Was bleibt ist letztendlich ausufernde Hilflosigkeit und ein Haufen Papiermüll auf der Bühne und im Theater. Aber beeindruckend war es!

charly
Blumen für die Opfer

 

Die Premiere in Berlin fand im März 2017 statt; ihn München schon ein Jahr vorher.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Zwischen Ostsee und Achterwasser

P1030661
Blick vom Garten auf Leiter, Boot und Achterwasser

 

Nur knapp 300 Meter Land, ein wenig mehr als ein Steinwurf, liegen dort Ostsee und Achterwasser. Auf dieser engsten Stelle der Insel Usedom steht ein S-Bahn-Wagen. Der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) hat ihn im Jahre 1932 für 60,50 Mark in Berlin-Rummelsburg gekauft und ihn 1933 (ohne Räder, denn diese hat jemand anderes gekauft) unter großem finanziellen und technischen Aufwand und mit viel Phantasie an diesen sandigen Fleck gebracht. 1932 legt er dort – aus Berlin kommend – mit seinem Segelboot Lütter an. Außer einem großen Schuppen, einem holprigen Pflastersteineeg, ein wenig Ried und krumme Weiden gibt es sonst dort nichts. Genau was er sucht, nur ein paar Meter zum Strand. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, ruft er und geht an Land. Niemeyer hat sein Paradies, sein Refugium, das ihm für den Rest seines Lebens Geborgenheit, Schutz und Inspiration werden sollte, gefunden. Sein Segler „Lütter“ sollte auch dem Ort Lüttenort den Namen geben.

Der Maler Niemeyer, der eigentlich Gärtner werden wollte, hat im Laufe der Zeit einen Skulpturen-Zaubergarten um den Wagen herum angelegt, wie ihn Klingsor nicht schöner hätte erträumen können. Jahrelang waren er und seine Familie Selbstversorger. Im Obstgarten lehnt immer noch die lange Leiter am Baum und lädt zur Ernte ein. Weiter weg entdeckt man eine leicht überwucherte Getreidemühle und eine große Schiffsglocke. In einer anderen Ecke – im japanischen Garten – gibt es China-Wacholder und allerlei Sträucher und ein wenig weiter liegt der  Kastanienhof sowie ein Quittengarten  und von fast allen Plätzen aus kann man auf eine Lagune des Peenestromes, das Achterwasser, blicken. Dort liegt noch ein Boot und der Wind streift leise über die Schilfgräser, vertreibt die Wolken und lässt die Konturen überdurchschnittlich scharf hervortreten. Alles ist sehr gepflegt und doch ist hier die Natur kein bisschen beschnitten.

 

P1030653P1030639P1030634
« Paar » Wolf-Eike Kuntsche; Waldemar Grzimek « Torso »; Wieland förster « Große Stehende »

 

31 Skulpturen von Künstlerfreunden wie Waldemar Grzimek, Sabina Grzimek, Sabine Teubner, Wolf-Eike Kuntsche, Werner Stötzer und viele mehr beleben den Garten, verstecken sich und stehen miteinander im Dialog. Niemeyer hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie gegen seine Bilder eingetauscht. Auch die Kopie eines römischen Augustus‘ ist darunter. Zweige ringen sich um seinen Fuß, fast wie bei Berninis Daphne. Dieser Garten gehört sicher zu den schönsten Skulpturengärten, die ab den 1960er Jahren fast überall in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich denke da an das Kröller-Müller Museum/Otterlo, die Skulpturenmeile in Hannover oder die Museumsinsel Hombroich. Ein Tor aus alten Schiffsbalken führt auf der Rückseite zum Achterwasser. Eine Zeitlang ist auch allerlei Viehzeugs dort rumgelaufen, das dann später auf den Tisch kam. Die Not war oft groß, denn erst ab den 1960er Jahren hat Niemeyer-Holstein gut vom Verkauf seiner Bilder leben können. Unter der recht einfachen Einrichtung sticht das Kieler Zimmer besonders heraus. Niemeyer hat es aus seinem großbürgerlichen Elternhaus in Kiel auf die Insel transportieren lassen. Das einzige was ihm aus der Zeit geblieben ist.

 

griechischer Kämpfer _ kopie
Griechische Skulptur mit Blick auf das Haus

 

Das was man heute dort sieht erinnert nur noch ganz entfernt an das unwirtliche, kleine Stück Moorland. Der Boden ist befestigt und der Garten gewachsen, wie dies auch die Bäume und Sträucher taten. Sogar der S-Bahn-Wagen bekommt nach und nach ein Obergeschoss mit Schlafräumen, die über eine ganz steile Hühnerleiter zu erreichen sind, und links und rechts gibt es jetzt kleine Anbauten. Von außen erkennt man den Wagen nur noch, wenn man weiß, dass er die Basis dieser originellen Behausung bildet. Tritt man aber ein, ist man überrascht, wie breit so ein öffentliches Transportmittel doch ist. Erst viele Jahre später kann Niemeyer sich ein gemütliches und sehr schönes Atelier in der Nähe des Wagen-Hauses errichten. Dorthin zieht er sich auch zurück, wenn ihm die Besucher einmal zu viel werden. Tabu steht an der Tür und daneben hat der ehemalige starke Raucher handschriftlich einen Hinweis auf das herrschende Rauchverbot angebracht.

 

P1030674P1030531
ONHs Weg zum Strand und Wellenbrecher

 

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es fehlt nur noch, dass plötzlich der Wasserkessel zu pfeifen anfängt und uns der Duft eines selbst gebackenen Marmorkuchens in die Nase steigt. Sogar der Fellmantel, den er immer trug, wenn er im Winter Bahn und Straße  überquerend zum Meer ging, hängt noch dort und macht ihn unsterblich.

1896 wird Niemeyer als Kind eines international bekannten und recht wohlhabenden Völkerrechtlers geboren. Schon mit knapp 10 Jahren schenken ihm seine Eltern das Segelboot Lütter, mit dem er 25 Jahre später Usedom erreichen sollte. 1914 meldet er sich freiwillig zu den Husaren und kehrt verletzt wieder nach Hause zurück. Um sich zu erholen, schicken ihn die Eltern in die Schweiz und dort fängt er an zu malen – aus Langeweile und als Autodidakt wie er selber sagte. Fundamental für seine Künstlerkarriere ist die Begegnung mit Alexej von Jawlensky und dessen Partnerin Marianne von Werefkin. Der Bohemien-Lebensstil der Beiden liegt ihm, dem gutbürgerlichen Kieler Kind zwar nicht, auch war ihm Jawlenskys schriller Expressionismus zu kompliziert und zu weit hergeholt aber Niemeyer lernt, wie wichtig es für einen Künstler ist, eine eigene Handschrift zu haben. Er weiß nun, was er will: nämlich malen, was sein Auge wahrnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Mit 24 heiratet er Hertha Langwara, eine sensible und weltfremde Sängerin. Die beiden bekommen einen Sohn. Herthas Bildnis entsteht 1920; es lässt den Einfluss von Jawlensky erkennen. Das Portrait hängt im Museum in Lüttenort und ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten.

 

P1030648
 Tor zum Achterwasser

Lyonel Feininger lernt er 1923 kennen und gründet mit anderen Malern kurz darauf die Künstlergruppe Der Große Bär in Ascona/Italien. Es gibt ein Bild von ihm in Anzug und Weste in den Schweizer Bergen wo er eher wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht und als Maler nicht zu identifizieren ist. Ein Jahr später lässt er sich von Hertha scheiden. Seine zweite Ehe mit der gebildeten Annelise Schmidt sollte sein Leben lang halten. Aber auch Begegnungen mit Otto Manigk oder Herbert Wegehaupt, der sich übrigens auch auf der Insel Usedom niederließ,  waren wichtige Ereignisse in seinem Leben.

« Der hat mir interessiert, aber ick hab’n noch ‘n kleen’ Stups jegebn. Aus dem wird wat, denn der klaut sich de Farben aus’m Meer » (der Berliner Maler Max Liebermann über Niemeyers Malversuche in den 1920er Jahren)

Hin und wieder macht Niemeyer einen Anlauf und schreibt sich in einer Kunstakademie als Student ein, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihn der dort gepredigte Akademismus nicht weiter bringen wird und bricht ab. Otto Niemeyer-Holstein, der seine Bilder mit ONH signierte, war und blieb ein Autodidakt, geprägt von Menzel und Morandi, den großen Franzosen des 19. Jahrhunderts wie Cezanne oder Gauguin, aber auch von den Malern der Brücke, von Heckel oder Otto Müller. Paula Modersohn-Beckers Farben tauchen immer wieder auf und einige seiner Akte erinnern an Picassos blaue und rosa Periode. Mit der Zeit wird aber die Ostsee sein Modell. Tagein, tagaus besucht er sie und malt die täglichen Stimmungen, die Wasserveränderungen, die Wellenbrecher, Eisberge am Strand oder den Weg dorthin. Die permanente Suche, die Ostsee zu verstehen, sie festzuhalten,  hat ihn zum Künstler gemacht. Bildnisse nennt er seine Portraits. Sie sind neben Landschafts- und Naturbildern der Hauptbestandteil seines künstlerischen Werkes.

Die Niemeyers leben zwar zurückgezogen, aber nicht isoliert. Dafür hatten sie viel zu viele sehr interessante Freunde auch aus der wilden Berliner Zeit in den 1920er Jahren. Man führt ein offenes Haus und ständig kommen Freunde oder andere Künstler zu Besuch, es herrscht reger künstlerischer Austausch. Seefahrer aus dem Ort bringen ihm afrikanische Masken und Skulpturen von ihren Reisen mit und bekommen Bilder dafür.

Das Werkeverzeichnis des Museums ist ein unglaublicher Spaziergang durch die Moderne. Angezogen vom Expressionismus und von der Neuen Sachlichkeit, kümmern ihn Tendenzen oder Moden trotzdem eher weniger.

Anfangs waren es nur ausgedehnte Sommer, die die Familie auf Usedom verbringt. Ab 1939 wird das Refugium zum permanenten Wohnsitz. Peenemünde ist nur knapp 30 km von Lüttenort entfernt und der Krieg bringt so einige kritische Momente. Ab 1940 versteckt er aber trotzdem seine jüdische Schwiegermutter dort. Hin und wieder fallen Bomben in die angrenzenden Wiesen und in den letzten Kriegsmonaten wurde das Land um ihn herum vermint, aber die geplante Sprengung 1945, die diese engste Stelle auf der Insel, wo sein Haus steht, fluten sollte, wird nur ganz knapp verhindert, weil sowjetische Truppen die Insel besetzen.

Vor dem Krieg waren seine Werke von den Nazis „nicht erwünscht“ (allerdings wird Niemeyer nur in wenig Museen vertreten und so konnte auch nur ganz wenig verschwinden) und nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gerät ONH in den Kunststreit der DDR. Eine Ausstellung in Dresden findet ohne seine Bilder statt. ONH malt Lenin-Ikonen  für öffentliche Gebäude. Er darf dann aber doch 1954 in Mannheim ausstellen. In den 1960er Jahren reist Neumeyer nach China, Taschkent, Samarkand und Buchara und wird 1963 Präsident der internationalen Ostsee-Biennale in Rostock. Erst ab den 1970er Jahren häufen sich seine Ausstellungen, auch in Italien und Norwegen. 1981 wird sein Gesamtkunstwerk in Rostock gezeigt und der Fernsehfilm „Und der Strand ist meine Geliebte“ gedreht. Ein einfühlsamer, langsamer Film mit vielen Sprechpausen. Er läuft im Museum und ist wirklich sehenswert. ONH sagt ganz wichtige Dinge so en passant, als ganz persönliche Reflexion. Er hätte kein Talent, er müsse sich alles erarbeiten. Aber das sei gut so. Künstler mit viel Talent sind mit 25 Jahren fertig.. 86jährig lernt er immer noch täglich etwas hinzu. 1984 stirbt Otto Neumeyer-Holstein und ein paar Monate später folgt ihm seine Frau Annelise.

 

P1030659
 Eingang zu seinem Atelier

 

Schon ein Jahr nach seinem Tod, also 1985, wird Lüttenort Museum und Ort der Begegnung -ganz nach seinem Wunsch. Dort finden jetzt regelmäßig Konferenzen und Konzerte statt und abwechselnd auch Ausstellungen mit Werken von seinen Malerfreunden. Das Museum wird 2001 nahe am Atelier errichtet. Ein kleines Paradies, bei dem die vielen Bäume den Lärm der Schnellstraße fast komplett auffangen.

Otto Neumeyer-Holstein hat an die 5000 Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde oder Radierungen) hinterlassen. Ein Großteil gehört dem Museum. Die Bilder hängen aber auch in  Museen in Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Ascona, Kiel, Oberhausen, Mannheim oder im Folkwang Essen zu sehen. An die 500 sind in Privatbesitz, die meisten dokumentiert und in einem sagenhaften Werkeverzeichnis aufgeführt.

Christa Blenk

Fotos Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Je suis Jeanne d’Arc – Gorki Theater Studio

„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ (Schiller, Johanna von Orleans, 5. Akt)

 

 P1030755
vor der Aufführung im Gorki Studio

 

Der französische Regisseur Mikaël Serre hat sich Schillers Tragödie Die Jungfrau von Orleans vorgenommen und es auf die jetzige Zeit und das aktuelle Aufkommen von Patriotismus und Nationalismus begleitet von Flüchtlingsdramen, Terroranschlägen und die allübergreifende Hilflosigkeit von Politik und Gesellschaft übertragen – sei es in Deutschland, in Frankreich oder der Welt.

Die züchtige und gläubige Schäferin Johanna, wird in der Zeit des 100-jährigen Krieges im 15. Jahrhundert als Jeanne d’Arc zur Retterin Frankreichs und zur Nationalheldin. Sie vertrieb die Fremden (Engländer) von französischem Boden, krönte Charles VII, wurde als Häretikerin verdammt und bei lebendigem Leib verbrannt. Daraus hat Schiller eine romantische Tragödie gemacht.

Die Bronzestatue der Heldin Johanna steht im ersten Arrondissement in Paris und ist zum Kultort des Front National geworden, wohin diese regelmäßig pilgern und durch die Presse breittreten lassen.

Mikaël Serre hat Schiller defragmentiert, eine Art Slapstick-Tragikomödie daraus gemacht, die die Zuschauer ständig zwischen Lachen und Weinen pendeln lässt. Es ist auch eine Abrechnung mit der französischen Geschichte und während unter dem dominierenden Kreuz in der Kirchenschiff-förmigen Bühne von Nina Wetzel über Trennung von Kirche und Staat gesprochen wird, werden Schillers noble Aufklärungswünsche über Menschlichkeit und Empathie von Hasstiraden der wütenden und verlassenen Pariser Vorortbewohner zertreten.

Bourgogne (Aleksandar Radenkovic) will Burgunder trinken, reißt sich die Kleider vom Leid und versucht mit großem körperlichen Einsatz auf einem Strohsack über das Meer zu schwimmen. Er kommt dabei ums Leben. Die Videoprojektionen von Sébastien Dupouey zeigen die Terroranschläge in Paris,  glückliche Strandbesucher, verklärte Engel aus der Stummfilmzeit, den Massenkonsum und religiöse Symbole. Anspielungen auf Charly (Hebdo oder Brown?) wechseln sich mit einem crossover-Musikarrangement von Nils Ostendorf ab. Die Schauspieler tragen zum Teil historische Kostüme, leicht verfremdet die dann später zweckentfremdet werden. So wird der Mantel des weinerlichen Weichei-Königs (Faliou Seck) zur Pferdedecke für Jeannes Gaul. Sie durchschaut aber den Betrug und ruft plötzlich „Du bist kein Pferd“ – alle lachen und das Nicht-Pferd wird abgemetzelt.

Um die abfallende Stimmung ein wenig aufzurichten, erzählt Jeanne in bewundernswertem Rattertempo einen Witz, der eigentlich keiner ist und nur ihr selber ein erzwungenes Lachen abringt. Man vergisst im Verlauf der ca. 80 Minuten, wer die Guten oder die Bösen sind, man vergisst auch worum es geht. Eigentlich dürfte man gar nicht Lachen, denn weder Stoff noch Geschichte geben Anlass zum Amüsement.

Es dauert lange bis Jeanne (Marina Frenk) schließlich aus ihrer Ecke ins Geschehen tritt. Die Jungfrau mit Kreuz und Fahne poltert ihren Text herunter, der von Schiller aber auch aus allen politischen Ecken kommen könnte und überzeugt schließlich König und Gefolge nach Bestehen des Jungfrauentestes, dass sie eine von  Gott Gesandte ist. Ähnlich einer Götzenbeschwörung sieht man Marine le Pen auf der Leinwand, die von einer Schweinemaske in Ektase betanzt wird. Schillers Text wird mit politischen und philosophischen Zitaten aus der französischen und Weltpolitik aufgemischt und es geht hin und her zwischen rechts und links und ganz rechts und man singt „Avancer, avancer“. Beide, Bâtard Dunois (Mehmet Yilmaz für den ausgefallenen Till Wonka) und La Hire (Aram Tafreshian) wollen Johanna zur Frau damit sie endlich des Weibes Pflicht erfüllen kann und feilschen um ihre Gunst. Sie lehnt ab, stapft energisch von der Bühne und aus dem Delacroix- Männergruppenbild mit Fahne, um sich den kurdischen Frauen anschließen.

Aber diese Aneinanderreihung von Gemeinplätzen wäre auch ohne Schiller möglich gewesen,  Geschadet hat es allerdings auch nicht.

Die Premiere fand im Dezember 2015 statt – vier Wochen nach dem Pariser Bataclan Attentat und ein knappes Jahr nach Charly Hebdo!

Für Serre ist es nicht das erste Mal, dass er am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet. « Deutschland ist der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann » – sagte er vor ein paar Jahren als er im Jahre 2009 Camus’ Fremden und ein Jahr vor  Schillers Johanna von Orleans   die Pädagogische App Performance The Rise of Glory dort inszenierte.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Stabat Mater von Pergolesi

 

P1030611P1030613P1030617
vor und nach dem Konzert am 15. April in der Ahlbecker Kirche

 

Stabat Mater ist das Meisterwerk des italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736). Die betrübte, verlassene Mutter Maria liegt in tiefer Trauer zu Füßen des Gekreuzigten und teilt der Welt offen, trostlos, emotional und  leiderfüllt ihren Schmerz mit. Sie ist eine Gottesmutter wie Caravaggio sie gemalt hätte, menschlich, anfassbar; keine unantastbare und entfernte Raffael-Madonna.

Man geht davon aus, dass der Text aus dem 13. Jahrhundert von einem Franziskanermönch stammt. Schon ab dem 14. Jahrhundert wurde das Leiden der Gottesmutter um ihren Sohn von umherziehenden Flagellanten verbreitet. Die erste Vertonung entstand bereits um 1500. Regelmäßig bis ins 21. Jahrhundert befassten sich Komponisten mit diesem Text und Thema.

Die berühmteste und auch bezauberndste Vertonung jedoch hat der 26 jährige Giovanni Battista Pergolesi sozusagen auf dem Todesbett mit nur 25 Jahren als Auftragswerk der adeligen Bruderschaft von den Sieben Schmerzen Mariens aus Neapel komponiert. Die Bruderschaft wollte etwas Anderes, Moderneres, Neues für den Freitag vor dem Palmsonntag, es sollte das bis dahin gesungene Stabat Mater von Alessandro Scarlatti ablösen, sich aber trotzdem an die herrschenden Vorgaben halten und beschränkt auf eine Sopranstimme, eine Altstimme und Streicher sein.

Was Pergolesi in Pozzuoli (in der Nähe von Neapel) – dorthin hat ihn ein Franziskanermönch eingeladen in der Hoffnung, die gute Luft würde seiner fortgeschrittenen Tuberkulose gut tun – geschaffen hat, hat ihn direkt in die erste Liga der zukünftigen Kirchenmusiker katapultiert. Mit einer Folge von Duetten und Arien, geprägt von aktuellen italienischen kirchlichen Ausdrucksmitteln, lombardischen Rhythmen, melodischen, fast tanzbaren, Passagen, dynamischen Kontrasten und verzierten Echo-Effekten und Halbschlusskadenzen, gepaart mit mutigen, einfallsreichen und melodiösen Farbkontrasten und originellen Tempiwechsel ist ihm mit diesem Stabat Mater ein absolutes Meisterwerk gelungen, das ihn in seiner berauschenden Einfachheit über sich selbst hinauswachsen hat lassen. Dieser geschmeidige Zauber passiert immer einen Meter über der Erde.

Das ist kein Requiem für ein Totenbett, diese Musik war eine Revolution und so ist sie natürlich nicht bei Allen auf Zustimmung und Akzeptanz gestoßen.  Den strengen Kirchenvätern war sie zu unkirchlich, zu frivol opernhaft, zu wenig leidend und zu melodiös. Für Pater Martini hat Pergolesi sich zu sehr an seinem anderen Meisterwerk, an das zwei Jahre früher entstandene La Serva Padrona, orientiert. Er wollte über diese ausbalancierte Hängebrücke zwischen Oper und Gottesfürchtigkeit nicht gehen. Hinzu kam, dass im Heiligen Jahr Papst Clemens IX der römischen Gesellschaft eine musikalische Abstinenz in Form eines totales Opernverbotes dekretierte, das sich in den folgenden Jahren aus politischen Gründen und aufgrund eines Erdbebens halten würde. Aus einer Konsequenz daraus entstanden kurzerhand opernhafte, an Kirchenmusik erinnernde Oratorien. Händels schönste Arbeiten sind um 1708/09 in Rom entstanden, einiges davon verkleidet als Oratorium oder Kirchenkantate.

Aber der Siegeszug war natürlich nicht aufzuhalten und während man das Werk im 19. Jahrhundert gerne mit großem Orchester und Chor aufführte, kommt man heutzutage wieder auf die ursprünglich kleine Besetzung zurück.

Alle großen Sängerinnen oder Barockensembles haben Pergolesis Stabat Mater in ihrem Repertoire und deshalb hängt hier die Latte sehr hoch.

Die Aufführung am Karsamstag Nachmittag in der kleinen Kirche von Ahlbeck (Usedom) ohne internationale Stars hat aber diese Latte mühelos erreicht und die Zuhörerschaft auf diesen Meter über der Erde mitgenommen.

Der Chorleiter Clemens Kolkwitz hat mit den Mitgliedern des Usedomer Kantatenchores und dem  opus5 Barockorchester natürlich nicht die großen Stimmen der Weltbühnen, aber sie haben das wettgemacht mit einfühlsamer Präzision, rauschender Begeisterung und makelloser Interpretation. Man hat fast nicht gewagt zu applaudieren, um die Magie nicht zu unterbrechen. Clemens Kolkwitz hat auf viel Gleichberechtigung geachtet und die Solistinnen (Sopran: Sylvia Schulz, Vanessa Wiese, Sandra Grüning, Beate Kempf-Beyrich; Alt: Colette Kaliebe, Katharina Dulke, Elisabeth Walter) abwechselnd Soloparts singen lassen. Besonders beeindruckend, eine Altistin, die mit ihrer warmen, satten und klaren Stimme das Publikum voll in ihren Bann gezogen hat. Immer herrschte Ausgewogenheit zwischen Instrument und Stimme. Großartige Leistung und viel Arbeit! Abgerundet durch die ausgezeichnete Begleitung des opus5 Barockorchesters (Andreas Pfaff, Susanne Walter, Chang-Yun Yoo, Christian Raudszus, Robert Grahl, Sebastian Glöckner an der Orgel und großartig Tabea Höfer (erste Geige). Sie hat auch vor ein paar Jahren das opus5 Barockorchester gegründet.

Ausgedehnt auf siebzig Minuten wurde das Programm mit der Bachkantate Christ lag in Todesbanden. Johann Sebastian Bach hat diese frühe Kantate – wohl für seine Bewerbung als Organist in Mühlhausen – um 1710 für den Ostersonntag geschrieben zu einem Text von Martin Luther. Der Chor wurde hier ergänzt durch die Tenöre Matthias Helterhoff und Tobias Liesong und durch den Bass, Paul Wiese. Das opus5 Barockensemble kommt aus Berlin/Uckermark und hat auch die Sonate f-moll für Streicher und Continuo von Georg Philipp Telemann gespielt. Mitglieder des Usedomer Kantatenchores haben das Konzert mit einem anonymen a cappella Lied aus dem 17. Jahrhundert O Traurigkeit, o Herzeleid eingeleitet.

Fabelhaftes Karsamstagskonzert!

Christa Blenk

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Rudolf Belling – Skulpturen und Architekturen

Belling-AVUS
 Styropor Modell der Reifenwerbung von AVUS

 

Kino, Autoreifen, Boxer und entartete Kunst

Berührungsängste kannte Rudolf Belling (1886-1972) nicht und trotzdem kennen wir ihn vor allem als Bildhauer. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt nun ein komplettes Repertoire und das geht vom Kinoausstatter über Reifenwerbung bis zum Hofbildhauer in der Türkei.

Schon 1924 hatte die Berliner Nationalgalerie Rudolf Belling eine erste Ausstellung gewidmet. Belling galt damals als Pionier der abstrakten Plastik und als mutiger und unabhängiger Tausendsassa.

Die erste umfangreiche Retrospektive stellt die Bedeutung Bellings für die Avantgarde in den Mittelpunkt. 11 Schlüsselwerke der 80 Exponate aus der Sammlung der Nationalgalerie bilden die Grundlage der Ausstellung, die Bellings Wirken zwischen den Jahren 1910 und 1972 dokumentiert. Er selber hat sich gerne als Handwerker bezeichnet. Neben Projektmodellen, architektonischen Ideen und Filmausschnitten gibt es Zeichnungen, Fotos und viele Skulpturen zu sehen. Die ausgestellten Arbeiten beleuchten das breitgefächerte und grenzüberschreitende Schaffen von Rudolf Belling.

Richtig zuzuordnen ist er eigentlich keinem Stil, aber das traf in den 1920er Jahren – wo sich die europäischen Kunsttendenzen hin und her kreuzten – auf viele Künstler zu.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung macht Belling eine Lehre in einer kunstgewerblichen Werkstatt in Berlin. Er belegt Abendkurse im Zeichnen und Modellieren und eröffnet schon 1908 mit einem anderen Künstler ein Atelier für Dekoration und Kunstgewerbe. Bald schon spezialisiert sich das kleine Geschäft auf Theaterausstattungen vor allem für Max Reinhardt. Seine Arbeit als Bühnenausstatter bringt ihm den Expressionismus und den Ausdruckstanz nahe. Er selber war ein leidenschaftlicher Tänzer und wird in den 1920 Jahren die Tänzerin Freeden heiraten.

1914 entwirft er Kostüm und Maske der Golem Figur für drei Filme, die Paul Wegener über diesen Mythos dreht. Die Versionen der Golem-Filme von 1914 und 1917 sind leider verschollen, aber vom dritten Film „Der Golem, wie er in die Welt kam“, der 1920 entstand, werden in der Ausstellung Fragmente gezeigt. Seine androiden und zukunftsweisenden Roboter-Ideen finden sich im Golem-Kopf aber auch in Portraits wie Kopf in Messing (1925) oder Skulptur (1923) wieder, die direkt aus Star Wars zu kommen scheinen.

In seiner kubistisch-expressiven Phase, beeinflusst von den futuristischen Ideen der Italiener wie Boccioni oder Marinetti oder von seinem Künstlerfreund Alexander Archipenko entstehen viele Skulpturen wie 1919 die Rundplastik Dreiklang. Sie ist aus Birkenholz und Mahagoni und gehört der Nationalgalerie. Diese Skulptur zählt zu seinen wichtigsten Arbeiten. Im Gründungsjahr des Bauhauses liegt er mit diesem Formenverständnis von Raum und Plastik genau richtig Hier treffen Malerei, Bildhauerei, Musik und Architektur aufeinander. Eine Hauptansicht gibt es bei Dreiklang  nicht. Man kann um sie herumgehen und ist versucht, den besten Blickpunkt zu finden, die Entscheidung fällt schwer.

 

Umberto Boccioni - 1913P1030493
Umberto Boccioni (links) rechts Dreiklang von Rudolf Belling

 

„Wenn ich eine Skulptur mache, so organisiere ich die Formen und lasse sie wachsen wie einen Baum oder Menschen.“

Dreiklang zeigt die gleiche Dynamik und Energie wie Umberto Boccionis bekannte Plastik Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum (1913). Die italienische Futurismus-Ikone passt genau in Bellings Konzept dieser Epoche. Hier war er hin- und hergerissen zwischen dem Bergarbeiter, der an den sozialistischen Realismus denken lässt und dem Schrei der Auflehnung des futuristische Manifestes von Marinetti, der mit der alten (italienischen) und ranzigen Vergangenheit nun endlich abschließen wollte und den Mut zur Verrücktheit, zur Raserei, zu Schnelligkeit pries und verherrlichte. Belling hat sicher die futuristische Wanderausstellung gesehen, die mit großem Erfolg 1911 in Mailand gezeigt wurde und anschließend u.a. nach Paris, London, Wien, Brüssel, München und natürlich nach Berlin kam. Die Wirkung auf die lokale Kunstszene war enorm und die Besucher bekamen gar nicht genug von der Vielfältigkeit und dem Rausch des Neuen.

13 Futuristen kamen übrigens in dem Krieg – den sie so verherrlichten – um!

Nach dem ersten Weltkrieg, den Belling als Soldat erlebt, wird die Künstlervereinigung Novembergruppe gegründet, bei der Belling bis 1932 im Vorstand ist. Der Zulauf ist enorm und schon in den ersten Monaten zählt die Gruppe 170 Mitglieder, viele aus dem Umfang von Erwarth Walden, aber auch italienische Futuristen, DADA-Vertreter und Mitglieder des Bauhauses sind darunter. 1933 wird die Gruppe aufgelöst und aus dem Vereinsregister gestrichen. 

 

P1030462P1030468
Josef von Sternberg und Der Boxer

 

In der surrealen Neuen Sachlichkeit und beeinflusst vom futuristischen Manifest befasst er sich  in den 1920 Jahren auch mit dem Thema „Mensch-Technik-Maschine“ und experimentiert mit neuen Materialien. In dieser Zeit portraitiert er die Sozialdemokraten und entwirft 1926 die Kühlerfigur Horchtier für eine Autofirma. Das Konzept eines Gesamtkunstwerkes, der Leerraum als Gestaltungselement beschäftigt ihn und Belling entwirft zusammen mit anderen Architekten  visionäre Projekte für Innenräume, utopische Bauten oder Brunnen und erfindet die moderne Schaufensterpuppe.

Aus dieser  Zeit stammt auch die Werbung für den Reifenhersteller Pneumatik Harburg-Wien an der AVUS-Rennbahn. Das Original war ca. 7 Meter hoch. Ein Styropor Modell steht am Eingang.

Das  wandgroße Foto des « Futuristischen Carneval » von 1921 hängt im ersten Saal; Belling hat hier für eine  Eisrevue im Admiralspalast  jede Schlittschuh-Figur in einer anderen Stilrichtung gekleidet. Es erinnert an Oskar Schlemmers Triadisches Ballet.

P1030501
Futuristischer Carneval (1922)

1927 wird Max Schmeling Europameister im Halbschwergewicht. Zwei Jahre später hält der sportbegeisterte Belling Schmeling in Bronze fest. 1930 entsteht das Portrait von Joseph von Sternberg, der 1929 aus den USA nach Deutschland kommt, um mit Marlene Dietrich den „Blauen Engel„ zu drehen. Diese beiden so unterschiedlichen Bronzen sind ebenfalls zu sehen, sie gehören

1931 wird Belling noch zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt und nimmt mit der Plastik Der Boxer an den Kunstwettbewerben der Olympischen Sommerspiele in Los Angeles teil. Aber schon ein gutes Jahr später wird er zunehmend boykottiert und als entartet eingestuft. Er muss aus der Akademie austreten, geht 1935 nach New York und lässt sich scheiden. Ein Jahr später kommt er nach Deutschland zurück, um es kurz darauf erneut zu verlassen. Hans Poelzig verschafft ihm eine Anstellung in Istanbul am Hof von Ata Türk. Allerdings behindern die dort entstandenen, politischen Portraits von türkischen Generälen seine Karriere, als er 1966 nach Deutschland zurückkommt.

Als 1944 bei einem Bombenangriff sein Atelier in Berlin-Lichterfelde zerstört wird und viele Originalarbeiten und Pläne zerstört, ist er gar nicht in Deutschland.

 

schuttblume
Schuttblume (Belling)

 

Achtzigjährig und nimmermüde fängt er in den 1960er Jahren nochmals in München an, wo er sich vor allem der abstrakten Plastik widmet. Belling entwirft im Auftrag der Stadt München und des Deutschen Gewerkschaftsbundes für das Olympiagelände 1969 die 6 Meter hohe Skulptur Schuttblume als Friedenssymbol, die auf dem Gipfel eines Berges aus Kriegstrümmern errichtet werden sollte. Die Münchner Lokalpolitik verhindert dies allerdings und so wird die Blume wo anders aufgestellt; Belling erlebt dies allerdings nicht mehr! Er stirbt 1972.

Die Ausstellung in der sogenannten Außenstelle der Neuen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof wurde von Dieter Scholz und Christina Thomson kuratiert und wurde durch die Freunde der Nationalgalerie ermöglicht. Sie geht noch bis zum 17. September 2017   und ist auf jeden Fall sehenswert.

mehr zu dem Thema italienischer Futurismus

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Theater-Collage in der Schauspielschule

Auf dem Sofa

SanLorenzo-Figuratif 017
Street Art San Lorenzo

 

Am 9. April fand das Frühlingsfest der Schüler Schauspieltraining-Berlin in deren Räumen in Charlottenburg statt.

Die Studenten aller Altersklassen spielten, tanzten und sangen und die Schülerinnen der orientalischen Tanzklassen präsentierten ihre Bauchtanzeinstudierungen. Die Leiterin Christine Kostropetsch stellte ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm zusammen, das Christian Miebach großartig musikalisch begleitete.

U.a. spielten die Studenten Ausschnitte aus bekannten Theaterstücken wie „Fräulein Julie“ von August Strindberg, « Das Kalkwerk » von Thomas Bernhard (sehr gut Paul, der später noch bei « Interview mit fiesen Männern  » von David Foster Wallace auffallen sollte) „Die Heirat“ von Gogol (großartig Wanda, die schon bei einem anderen Stück von Sathyan Ramesh auf sich aufmerksam machte) oder Sketsche von Loriot („Maskenbildner“ mit Colin, Christian und Kerstin war eines der highlights); Nina sang – ziemlich gut – „Roxanne“ von The Police. Am schwierigsten wohl ein kurzer Auszug aus „Herrinnen“ von Theresia Walser bei dem Carlotta, Kamilla, Mara, Sandy und Simone erfolgreich versuchten, den Spannungs-Pegel nicht absinken zu lassen.

Das Bühnenbild bestand aus einem Sofa – das vor allem beim Maskenbildner zum Einsatz kam und ansonsten die Wartezone war – sowie einer  Flasche Wein, ein paar verstellbaren Tischen und natürlich schrägen Kostümen!

Wir verlassen diese kurzweilige Veranstaltung mit einem Lächeln auf dem Gesicht! Was will man mehr?  Und wer weiß – vielleicht sehen wir die Eine oder den Anderen demnächst in einem großen Theater!

 

P1030515

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 
12345...43

Aktuelles

ausgewählte Kulturvorschläge

-Luther Oratorium von Daniel Pacitti -Wir sind Bettler- in der Philharmonie am 28. Juni 2017

- Ausstellung Flechtheim im Kolbe Museum und dananch
Rudol Belling im Hamburger Bahnhof

- Jan Toorop, Bröhan Museum, Berlin

- KINDL - zeitgenössisches Kulturzentrum

Archives

Visiteurs

Il y a 1 visiteur en ligne

Besucher


LES PEINTURES ACRYLIQUES DE... |
ma passion la peinture |
Tom et Louisa |
Unblog.fr | Créer un blog | Annuaire | Signaler un abus | L'oiseau jongleur et les oi...
| les tableaux de marie
| création