Barock-Konzert in der Sala Palestrina

P1200313 Vorweihnachtliches Barockkonzert im Palazzo Pamphilj für Cembalo und Querflöte

Die Konzerte im ehemaligen Palazzo Pamphilj in der Sala Palestrina sind schon allein wegen des Aufführungsortes etwas Besonderes. Immerhin handelt es sich hier um den ersten Saal der Santa Cecilia in Rom. Die Akustik ist umwerfend und die Töne  fliegen durch den Saal und regnen auf uns nieder. 

Wenn aber  dieser wunderbare Saal auch noch zwei grandiose Musiker wie Livia Lanfranchi und Alessandro Santoro beherbergt und das Programm auf die beiden Instrumente, Cembalo und Querflöte, abgestimmt ist, dann stimmt wirklich alles.

Die beiden brasilianischen Musiker haben mit sehr viel Sorgfalt  dieses erlesene Programm für den gestrigen, dem Barock gewidmeten Abend, zusammen gestellt. Aufgeführt wurden die „Sonata in mi minore, BMW 1030“ für Cembalo und Flöte“ von Johann Sebastian Bach (1685-1750), zwei hinreißende Stücke von Girolamo Frescobaldi (1583-1643) „Capriccio IV“ und „Centro Partite sobra Passacagli“ komponiert 1624 und 1637, von Georg Friedrich Händel (1685-1759) die „Sonata op I Nr. V in sol maggiore HWV 363b“, die „Partita in la minore“ nur für Flöte von Bach und zum Schluss ein ausgesprochen schön-tänzerisches Stück von Jean-Marie Leclair (1697-1764), die „Sonata VII in sol maggiore“ .

Langsam und getragen und dann wieder virtuos-spritzig holte Livia Lanfranchi die Musik aus ihrer Barock-Querflöte. Sie vermittelte Ruhe und Ausgeglichenheit wie sie da stand mit ihrem weißen Schal, der das Mathematische an der Musik noch unterstrich und sie fast wie ein Portrait erscheinen ließ. Sie ist in Rom geboren und hat am Konservatorium Santa Cecilia Querflöte studiert. Barock ist ihr Leben. In Basel, Trossingen und Den Haag hat sie ihre Studien fortgesetzt und dort ihren Master gemacht.  Jetzt lebt in Brasilien, wo sie u.a. auch Masterclassen abhält. Sie und Alessandro Santoro kamen extra für dieses Konzert nach Rom.

Alessandro Santoro verzauberte und überraschte das Publikum vor allem mit  dem Frescobaldi-Stück, abwechselnd mit filigranem Zirpen und kräftigen Tönen flog er über sein Cembalo, während Livia statuenhaft und zurückhaltend umblätterte. Er ist einer der großen Cembalisten zur Zeit! In Rio de Janeiro geboren, hat Santoro in Moskau bei Elena Richter am Tschaikowsky Konservatorium Klavier studiert und war später, wie Livia Lanfranchi, in Den Haag, wo die beiden sich auch kennen lernten. Beide haben schon mit Weltklasse Orchester und Gruppen musiziert. Santoro gewann 2005 den Diaspso nd’Dor. In brasilianischen und südamerikanischen Orchestern spielt er zur Zeit auch das Cembalo.

Bei der galanten Sonate von Jean-Marie Leclair bewiesen die beiden dann nochmals ihr präzises Zusammenspiel.

P1200316 Abgerundet wurde dieser harmonische und schön klingende Abend bei einem Vin d’honneur in der Galleria di Cortona, ein länglicher von Borromini entworfener Saal mit umwerfenden Deckenfresken des großen Piero da Cortona.

Der Palazzo Pamphilj liegt an der Piazza Navona und ist heute die brasilianische Botschaft, die auch zu diesem ausgezeichneten Konzert geladen hatte. Erbaut im Hochbarock um 1650, hat der Pamphilj Papst Innozenz X  das schon um 1470 erworbene Haus durch Borromini umbauen lassen und die Deckenfresken durch Pietro da Cortona in Auftrag gegeben. Angeblich wurden dabei ältere Fresken, die dem Papst nicht gefielen, übermalt. Seit 1920 hat die brasilianische Botschaft in diesem Palast ihre Diensträume und 1961 kauften sie es schließlich. Es ist mit dem Palazzo Farnese sicher eine der schönsten Botschaften in Rom. Bei Veranstaltungen darf das Publikum die vielen Preziosen und Fresken ebenso besichtigen.

Christa Blenk

 

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Protégé : Impressionen Highlights 2014

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Norman Rockwell

P1200182 Ausstellungsplakat am Corso (Foto: Christa Blenk)

Schönredner und Märchenerzähler

American Chronicals: the Art of Norman Rockwell.

Die Fondazione Roma Museo – Palazzo Sciarra zeigt zur Zeit Illustrationen und Gemälde von Norman Rockwell.

Das Zentrum der Ausstellung bilden 322 illustrierte Original-Titelblätter für die Saturday Evening Post. Rockwell war von 1916 bis 1963 der alleinige Illustrator dieses jeden Samstag erscheinenden und auflagenstärksten Magazins von New York. Diese Wochenzeitschrift, eine Mischung aus Yellow Press, Politik und Readers Digest-Verschnitt, wurde jeden Samstag sehnsüchtig erwartet und mitgestaltete das Wochenende vieler amerikanischen Familien. Rockwell zeigte seinen geneigten Lesern was sie sehen und hören wollten und das Titelbild bestätigte, dass sich nichts ändert und sorgte dafür, dass das Magazin den Zeitungshändlern aus der Hand gerissen wurde.

Auf zwei Leinwänden in den Ausstellungsräumen sieht man Fred Astaire mit luxuriös gekleideten Frauen singen und tanzen – die Geburt des Musicals!

Heile Welt und American Beauty. Die Titelbilder gaukeln kommerziell und oberflächlich eine Welt vor, die in Ordnung und schön ist.  Bei ihm gibt es vor allem Thanksgiving, Weihnachten, Osterferien, die Freuden des ersten Schultages, den Beginn der Baseball-Saison oder im Poesie-Album-Stil weißgekleidete Tennismädchen die Sorglosigkeit und Glück verkünden sowie frohgemute rotbackige Cornflakes Kinder. Der Crash von 1929 existiert so gut wie überhaupt nicht und dass Amerika in den 40er Jahren in den Zweiten Weltkrieg eingetreten ist, wird nur mal kurz erwähnt und man sieht einen jungen Soldaten, der sich von zwei lachenden Schönen füttern lässt oder ein dicker Armeekoch lamentiert über seine Sorgen. Dann und wann mal ein trauriges Kind auf dem Titelblatt oder ein Obdachloser. Aber immer in schönen bunten Farben und entfernt davon, Kritik zu üben. Ab den 50er Jahren machten die bunten Bilder dann und wann Platz für das Portrait eines Politikers, oft war es John F. Kennedy. In den 6oer Jahren wurde er politischer und warf einmal die Frage auf: „Will Mexiko take the Castro way“ ?

Für nur  5 Cent konnte man sich das das Glück und den Hochmut, dazu zu gehören,  ins Haus holen. Mehr Public Relations war nicht möglich. Mitten im Krieg, 1942 stieg der Preis um 100%,  auf 10 Cent, in den 50er Jahren auf 15 Cent und die letzte Ausgabe « In Memoriam für John F Kennedy » im Dezember 1963 kostete schon 20 Cent. Dann war es vorbei, Rockwells Original-Zeichnungen konnten mit den billigeren Fotos und Off-Sets nicht mehr stand halten und das Massenfernsehen verschluckte viele Leser.

Rockwell arbeitete außerdem für das Boys’s Life Magazin, das die Boy Scouts of America herausgaben und später für den New Yorker. Ein Gemälde aus dieser Serie ist auch hier zu sehen. Es zeigt einen brav und anständig aussehenden Boy Scout, der gerade ein kleines Kind rettet. Oder der good cop, der einen kleinen Ausreißer zu einem Milkshake einlädt. Pathetisch, schwülstig und patriotisch. Kommerzieller Kitsch sagen die Einen, brillant, wie z.B. Ronald Reagen, die Anderen. Mrs Carter war sogar auf seiner Beerdigung. Rockwell war so etwas wie ein Nationalheld.

Er war ein guter Illustrator, ein harter Arbeiter und ein leidenschaftlicher Fotograf, der durchaus Ideen hatte und das Titelplatt der Saturday Evening Post mit viel Phantasie Woche für Woche fast 50 Jahre lang gestaltete. Künstler war er keiner, in seinen Illustrationen oder Gemälden findet man keine Spuren einer Suche nach Neuem. Er war ein Augenverschließer und verdrängte seine unglückliche Kindheit. Freud hätte die reinste Freude an ihm gehabt. Rockwell verkaufte dem amerikanischen Publikum genau das, was es haben wollte und war sich dessen auch bewusst: « Meine Bilder geben eine Lebensansicht wieder, die befreit ist von allem  was Morbide oder Hässlich ist. Ich male das Leben so, wie ich es gerne hätte. » Das macht es noch schlimmer!

P1200188 NormanRockwell-Eigenportrait
Ausstellungsplakate (Foto: Christa Blenk)

Auf einem einzigen Bild  – und das ist auch sein bekanntestes und sehr ansprechend – griff er ein Amerika bewegendes Thema auf: Die Rassentrennung. 1964 entstand „The problem we all live with“ . Rockwell hat hier ein kleines afro-amerikanisches Mädchen gemalt, das auf dem Weg zu Schule von vier US Marshalls beschützt werden muss. Die Civil Rights Acts von 1964 sollten die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen beenden. Der US Präsident Lyndon B Johnson hat es 1964 durch den US Kongress gebracht. Ruby Bridges hieß das Mädchen, das 1960 durch Gerichtsbeschluss eine nur Weißen vorbehaltene Schule in Louisiana besuchen durfte. Präsident Obama hat übrigens 2011 eine Kopie dieses Gemäldes im Weißen Haus aufhängen lassen.

Wir treffen Rockwells Santa Claus alle Jahre wieder zu Weihnachten. Dann ziert er die  Welt am Sonntag.

In Amerika zählt dieser Märchenerzähler, trotz Kritiken, immer noch zu den beliebtesten und bekanntesten amerikanischen Malern. Er ist in allen großen Museen in den USA zu finden und seine Arbeiten erzielen hohe Preise.

Die Ausstellung, die noch bis 8. Februar 2015 zu sehen ist, wurde von der Fondazione Roma mit der Norman Rockwell Museum von Stockbridge, Massachusetts organisiert. Kuratiert durch Danilo Eccher und Stephanie Plunkett. Wer seine Eindrücke vom „American way of life“ noch verstärken möchte, kann jeden Sonntag im Museum einen American Brunch mit hog dogs, pan cakes und milk shakes zu sich nehmen.

Christa Blenk

 

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Cristina Crespo – Portrait

P1200125
Fünf Musen: La Belle Ortero, Mata Hari, Sharon Kihari, Oriana Fallacci und ihre Erschafferin Cristina Crespo

 

Terpsichore und Gefolge

Nenne mir, oh Muse, die Taten …..

Palestrina ist ein kleines altes Städtchen im Süden von Rom und seit dem 18. Jahrhundert eine der Stationen der Bildungsreisenden auf ihrer „Grand Tour“ gen Süden. Schon in der Antike war dieser Ort zwischen den Bergen über die Via Prenestina und später über die Casilina direkt mit Rom verbunden. In päpstlichen Abschriften aus dem 8. Jahrhundert wurde Palestrina zum ersten Mal erwähnt. 1515 ist dort der Kirchenmusik-Komponist Giovanni Pierluigi Palestrina geboren.

Cristina Crespo ist in Rom aufgewachsen, in einem Stadtteil, in dem Ende der 50er Jahre  Skulpturen und imposante Pflanzen inoch die privaten Gärten zierten. Heute stehen dort fast überall Bürogebäude. In den 60er Jahren hat sie ihre Ferien fast immer bei ihrer Großmutter in Palestrina verbracht und diese hatte einen großen Garten, der – vor allem im Sommer – ihr liebster Aufenthaltsort war. Die Bekanntschaft in diesem floralen Idyll mit all den exotischen und farbenfrohen Blumen und Gewächsen hat eine profunde Verbundenheit und eine Art Seelenverwandtschaft mit der Botanik und mit den Personen dieses Ortes ausgelöst. Die Alliierten-Bombardierungen im zweiten Weltkrieg haben dort ziemlichen Schaden  angerichtet und viele Pflanzen verkümmerten. In den Erzählungen der Großmutter sowie der Großtante tauchten aber immer wieder bestimmte Gewächse auf, darunter auch ein weißer Schneeballbaum (Viburno). Dieser außergewöhnliche Baum hat sich in Cristinas Gedächtnis eingeprägt und später, als Erwachsene, gelang es ihr, einen solchen Schneeballbaum wieder zum Blühen zu bringen. In diesem Garten schlummern außerdem immer noch die von Pflanzen überwucherten und umrankten Amphoren, die Cristina schon als Kind mit den Sagen von Ovid bemalen wollte. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um die Geschichten und Sagen die die Großtante erzählte aber auch über die, die verschwiegen wurden, wie eine ungewünschte Hochzeit ihrer Tochter mit einem Stummfilmproduzenten.

P1200094 Addolorata dei sete dolori (Foto: Christa Blenk)

Als 17-jährige Studentin entdeckte sie bei einem kleinen Händler in der Altstadt ein Reliquiar, eine Art Schaukasten „Addolorata dei sete dolori“ („Maria mit den sieben Schmerzen“). Sie hatte kein Geld, um diese Kostbarkeit zu erwerben, so tauschte sie vier Gemälde von ihr ein. Dieser Schaukasten war ausschlaggebend und bildet heute die Grundlage ihrer Theater-Altäre. Als sie später mit ihrer Familie in ein Haus auf der Cassia zog, verblieb diese „Marienverehrung“ in ihrem Atelier. Jetzt hängt diese Preziose genau über Cristinas Wunderkammer, in der sie Kostbarkeiten, Muscheln, Steine, getrocknete Pflanzen oder Schmetterlinge aufbewahrt und die,  nebenbei bemerkt, jeden Besitzer dieses Kuriositätenkabinetts mit Stolz erfüllen würde.

Ihr Atelier ist eine Fundgrube und Schatzkammer à la Ali Baba und dort reihen sich  die von ihr jahrelang zusammen getragenen Requisiten aneinander. Besonders beeindruckend ist das Stoff-Depot, das ausschließlich aus Recyclingware besteht. Hier ruhen neben den transparenten Schleiern, die früher vielleicht der Girlanden-geschmückten Terpsichore gehörten, wenn sie im Garten der Großmutter samtigen Morgentau über Bougainvillea, Orchideen, Pfauenauge und Oleander versprühte, kostbare Glasperlen und Schnüre, Stoffreste oder verschnittene und nicht mehr brauchbare Nähproben aus dem Atelier eines italienischer Designers, die ihr – auch wieder -  ihrer Großtante vererbte. All diese Utensilien warten darauf, Einlass in ihr persönliches Elysium, in den Garten der tanzenden Musen zu finden und dort eine Rolle zu ergattern. Manche Puppen harren schon seit Jahren geduldig in einer Ecke und warten auf ein Engagement. Manchmal fehlt die Haartracht, ein Hut oder sonst ein Accessoire oder einfach nur die Hintergrunddekoration aber Cristina weiß erst wonach sie suchte, wenn sie es endlich gefunden hat. Ihr Atelier ist eine große Bühne mit vielen Türen, Fenstern und Vorhängen, und viele kleine Theater-Altäre verbergen sich dort; sie müssen nur entdeckt und herausgeschält werden.

Muse Dannunziane

Isadora Duncan Isadora Duncan (Foto: Christa Blenk)

Die Ausstellung, die Cristina Crespo gerade in Vorbereitung hat, ist Pflanzen und Musen gewidmet.

Musen sind verträumte und verspielte Wesen, die sich manchmal in einen Gott oder in einen Sterblichen verlieben. Diesen Verbindungen entspringen dann begabte und außergewöhnliche Kinder wie der schöne Hyakinthos, der durch ein tragisches Versehen vom Musenführer Apoll getötet wurde. Zu Strawinskys „Apollon Musagète“ hat George Balanchine die Choreographie entwickelt und Apoll tanzt erwartungsvoll mit den Musen Terpsichore, Kalliope und Polyhymnia zum Berg Parnass. Aus Hyakinthos’ Blut entstand die Hyazinthe, die im Garten von Cristina auf einen Bewunderer wartet. Apuleius’ Luzius tummelt sich auch noch dort, um nach seiner unglücklichen Verwandlung in einen Esel hier vielleicht die erlösenden Rosen zu finden.

Cristina weiß es, ohne den Kuss der Muse gibt es keine Kreation, keine Kunst, keine Musik, keine Erlösung.

Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe (Elias Canetti).

Ursprünglich waren die Musen Gedächtnisstützen, um Kultur, Traditionen, Geschichten, Gebräuche und Erinnerungen zu bewahren und zu verbreiten. Mnemosyne (das Gedächtnis), Melete (die Konzentration) und Aoidi (der Gesang) bildeten das Musen-Trio, dem die Aufgabe oblag, für die Übermittlung und Weitergabe der alten und nur mündlich überlieferten Legenden zu sorgen. Kein einfaches Unterfangen, denn man kann davon ausgehen, dass die Geschichten über Götter, Halbgötter und deren Abkömmlinge, je nach dem wie die Muse gerade zu ihnen stand, positiv oder negativ und mit eigenen Interpretationen ausgeschmückt weitergegeben wurden. Erst später wurde die Zahl der Musen auf neun erhöht und die Helferinnen der Dichter spezialisierten sich u.a. auf die Bereiche Tragödie, Komödie, Poesie, Musik, Tanz ja sogar Astrologie, die Musen wurden effizienter und populärer und feierten schließlich den Einzug in die Malerei und ins Theater.

Über den Trümmern einer kranken Zeit hatte sich zusammen gefunden die Bewegung und der Geist, ohne Zwischentritt“, das hat Gottfried Benn in einer Erzählung geschrieben.

Von der englischen „ästhetischen Bewegung“ um Alma Tadema und Oscar Wilde beeinflusst, strebte auch Gabriele d’Annuzio dieses „Leisure“- Leben der Privilegierten an. Musen, Modelle, femmes fatales und Höhere Töchter egal wer, alle wollten aus dem grauen Nebelgefängnis der Industrialisierung ausbrechen und sich dekorativ, mysteriös und absolut politisch unkorrekt zeigen. Durch die schönen Künste, durch Licht, Farbe, Blumen und Tanz schüttelte man den ranzigen Akademismus ab und befreite sich von bourgeoisen Zwängen, die einen falschen Moralismus predigten, um auf eine sinnliche, schnelle und aufgeschlossene Moderne zuzusteuern. Im Wiener-Walzer-Rausch und im verspielten Jugendstil um 1900 ist die Bewegung in Form von Tanz zur Modeerscheinung geworden und es flutete eine wahre Tanzwelle durch Europa und Amerika, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte und durchaus auch das Musical mit einschloss. Bewegung war interessanterweise auch eines der Schlagwörter der Futuristen, nur dachten diese eher an Maschinen, Schnelligkeit und Verderben. Alle großen Tänzer/innen wie Isadora Duncan, Lois Fuller, Ida Rubinstein, George Balanchine, Vaclav Nijinsky oder Mary Wigman, die deutsche Tanzpädagogin und Wegbereiterin für den rhythmisch expressiven Ausdruckstanz, tummelten sich mehr oder weniger zeitgleich auf den Tanzparketten und auf den Bühnen des westlichen Kulturbetriebes. Orgastische Reigentänze wie sie Franz von Stuck malte oder der Hexentanz von Mary Wigman: Jugendstil, Expressionismus oder Futurismus flossen ineinander über und, unterbrochen von zwei Weltkriegen, tanzte man weiter bis in die 50er Jahre.

Auf der Weltausstellung in Chicago 1893 machte eine unbekannte Tänzerin, Little Egypt Furore vor internationalem Publikum als sie einen Orientalischen Tanz, oder Bauchtanz, aufführte. Ursprünglich aus Ägypten kommend, war er bis dorthin im Westen so gut wie unbekannt, obwohl erste Erwähnungen schon im 1700 nachzuvollziehen sind. Ein Skandal natürlich und man entrüstete sich, wie sich das gehörte in einer Zeit, in der man nicht mal einen entblößten Fuß zeigen durfte. Das Publikum war aber verrückt nach Little Egypt. Sicherlich hat das entschieden dazu beigetragen, die Tutu-Aufführungen zu verlassen und Neues, Anderes und Provokativeres zu probieren. Ida Rubinstein und später Josephine Baker ließen dann die Kleider  gleich ganz fallen; allerdings war das Publikum in den 20er und 30er Jahren in Paris ein anderes als das um die Jahrhundertwende. Sie hatten den Strawinsky-Skandal und Marcel Duchamp überstanden und waren bereit.

Das Wort Bauchtanz kommt wahrscheinlich aus dem französischen, Flaubert beschreibt ihn, den „danse du ventre“ in seinen Reiseberichten. Franz von Stuck hat 1906 seine bekannte Salome gemalt und angeblich soll Kleopatra den Römer Julius Cäsar mit einem Bauchtanz verführt haben und die Königin von Saba hat für den König Solomon getanzt, nachdem sie ihn reicht beschenkte. Und natürlich hat Cristina Crespo sich auch schon im orientalischen Tanz versucht und hat sogar eine Bauchstanz-Lehrerin.

Nicht zu vergessen das Musical und der Stepptanz. 1830 sprach man zum ersten Mal schon von diesem Tanz mit den Metallplatten an den Schuhen, richtig geboomt hat er allerdings erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts u.a. dank dem „dream team“ Fred Astaire und Ginger Rogers.

Mysterien sind weiblich, sie verhüllen sich gern, aber sie wollen doch gesehen und erraten sein, meinte der Romantiker Schlegel um 1800.

P1200133 Jean Cocteau – « Parade » hommage (Fotos: Christa Blenk)

Im Jugendstil sind die Musen wieder auferstanden und Maler,  Komponisten oder Dichter konnten nicht mehr ohne sie existieren. In der Wiener Sezession hatte Gustav Klimt seine Muse Emilie Flöge und Sigmund Freund und Nietzsche waren von Lou Andreas Salomé mehr als angetan. Alma Mahler Werfel war nicht nur die Komponisten-Muse, Kokoschka konnte ohne ihre Anwesenheit nicht atmen, Werfel nicht schreiben und sie selber war Niemand ohne diese Drei. In Paris brachte Toulouse Lautrec keinen Strich auf das Papier ohne die Can Can tanzende Jane Avril um sich zu haben und Agustina Otero Iglesias, die Tänzerin und Kurtisane aus Spanien, die in den Folie Bergères tanzte, brachte Paris um den Verstand während in München dies Lola Montez mit Kaiser Ludwig II. tat.

Aus verschiedenen Weißtönen sind ihre Keramik-Büsten, die – inspiriert durch die Lieblingsblumen der Liberty-Zeit – allesamt über einen aufwendigen Kopfschmuck verfügen. Manche Figuren tragen ihr Tatoo-Erkennungszeichen aber auch auf dem Rücken, wie z.B Jean Cocteau, den  ein Auszug aus „Parade“ ziert.

Zum Stell-Dich-Ein im Garten der tanzenden Musen ist u.a. Olga Koklova, Picassos wichtigste Muse und erste Tänzerin im Ballet Russe sowie die Muse der radikalen Futuristen, die amerikanische Radium-Tänzerin Loïs Fuller, geladen. Die französisch-polnische Komponistin Elzbieta Sikora hat Fuller in ihrer letzten Oper „Madame Curie“ gewürdigt und ihr eine fatale Rolle zugeteilt. Man sagt, Fuller hätte sich bei den Curies mit Radium versorgt, um bei ihren aufwendigen und bahnbrechenden Performances hell zu erstrahlen. Unter Rosen verbirgt sich die andere Futurismus-Muse, die dramatische Isadora Duncan, sie erdrosselte sich praktisch selber, als sich beim Zu- schnell-Fahren im offenen Auto ihr Schal in den Autoreifen verhedderte. Mit dabei natürlich die bahnbrechende und exotische-erotische Tanz-Ikone der 30er Jahre Ida Rubinstein, Cristinas Lieblingstänzerin, die sie immer wieder in anderen Rollen darstellt, eine der schönsten ist eine schwarze, halbbekleidete Magdalena in der Wüste. Desweiteren finden sich dort die adelige Römerin Claudia Quinta, die mexikanische Kultikone Frida Kahlo mit Königsstrellizien, Manets Muse Lola aus Valencia und die Bauchtänzerin Sharon Kihara ein. Außerdem treffen wir auf die tanzende Stummfilmdarstellerin Brigitte Helm, die Muse von Fritz Lang in Metropolis und natürlich Mata Hari, die Abenteurerin sowie Cleo de Mérode, die schönste Ballerina überhaupt, wie man sagt. Die Liste der tanzenden Musen ist lang und ihr Garten sehr groß, aber irgendwann finden sie alle ihre Bestimmung.

Gabriele d’Annunzio (1863-1938) wurde vor 150 Jahren geboren. Cristina Crespo widmet ihm – aber vor allem seinen Musen – dieses Projekt. Fasziniert darüber, wie viele interessante und intelligente Frauen dieser eher kleine und nicht besonders attraktive militante Nationalist für sich gewinnen konnte, entstand die Idee eines Gartens der tanzenden Musen. Dass der plüschige, kitschige und bombastischen Pomp liebende d’Annunzio zwischen den Frauen, Autos, Pferden, Luxus, Kunst, Politik, Einkäufen (vor allem Schuhe) überhaupt noch Zeit zum Schreiben hatte, ist eigentlich ein Wunder. 1883 entführte er eine junge Gräfin und heiratete sie gegen den Willen der Eltern. Nachdem er drei Kinder mit ihr hatte und Eleonora Duse in sein Leben trat, verließ er die Familie. Die Duse war sicher die wichtigste Frau in seinem Leben, die ihn inspirierte und ihm obendrein auch den nötigen Luxus der er brauchte, verschaffen konnte. Später flüchtete er vor seinen Schuldnern nach Paris und dort tanzte Ida Rubinstein für ihn.

Sehr leicht verlaufen kann man sich in diesem Garten der Erinnerung, er ist ein Labyrinth und nicht jeder findet den Weg hinaus. In der Ferne hört man das Tuscheln und flüsternde Schweigen des Orakels, wenn es den Weg beschreibt,  aber noch wichtiger sind die persönlichen Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen. Wenn man sich allerdings nicht genug Zeit für diese Geschichten nimmt, bleibt man nur Zaungast und schafft es nicht mal, hineinzukommen.

Dieses delikate Projekt ist die persönliche Grand Tour von Cristina Crespo. Jahrelang hat sie die Stätten bereist, in denen sich ihre Protagonistinnen tummelten und viele Male ist sie an den Gardasee gefahren, wo d’Annunzios Haus steht – vielleicht auch auf der Suche nach dem Geist der Musen darin?

Im April 2015 werden die geschmückten Musen in Rom in der Casina della Civetta ausgestellt werden. Dieser Jugendstil-Palast aus den 30er Jahren ist genau so verspielt wie ihr Garten und man könnte sich sogar vorstellen, dass die Protagonisten ihrer Ausstellung darin zum Leben erwachen und mit den Tanzenden Musen an den Wänden ihre Rollen tauschen.

GIARDINO DELLE MUSE DANZANTI „Le Dannunziane“ heißt ihr Buch, das demnächst anlässlich ihrer Ausstellung erscheinen wird. Musen, Mythen und Legenden haben Musiker und Künstler von je her inspiriert und fasziniert und die Kunst- und Musikgeschichte wäre sehr arm ohne die diversen Interpretationen der Mythologien. Dieses Projekt hingegen ist etwas besonders, niemand zuvor hat sich auf diese Art mit Musen und Ballerinas beschäftigt und ihnen botanische Attribute zugeordnet: Eine einzigartige Hommage an den Jugendstil.

P1200115Altarino di Iside (1993) (Foto: Christa Blenk)

Mythos und Theater

Laios und Iokaste waren die glücklichen Herrscher im geheimnisvollen Theben. Sie  hatten keine Kinder. Laios fragt deshalb das Orakel um Rat und erfährt, dass er von seinem eigenen Sohn getötet werden würde und dieser obendrein seine eigene Mutter, d.h. Iokaste, seine Frau, ehelichen werde. Als der Sohn dann zur Welt kam beschlossen die beiden, ihn töten zu lassen und schickten einen Hirten ins Gebirge, diese Aufgabe zu übernehmen. Zuvor durchbohrte er aber noch die Füße seinen Sohnes, daher der Name Ödipus was soviel wie Schwellfuß bedeutet. Der Hirte allerdings hatte Mitleid und gab das Kind einem anderen Hirten, der das Kind nach Korinth brachte zum Königspaar Polybos und Merope, die ebenfalls kinderlos waren und dringend einen Thronerben brauchten. Ödipus wurde erwachsen und eines Tages erfuhr er nebenbei, dass er nicht der leibliche Sohn von Polybos und Merope sei und eigentlich kein Anrecht auf den Thron von Korinth hätte. Diese Nachricht verunsicherte ihn total und glaubte den Versicherungen seiner Eltern nicht, ihr leiblichen Sohn zu sein. Wieder musste das Orakel in Delphi herhalten und wie sich das für das Orakel so gehörte, wurde die Frage natürlich nicht richtig beantwortet. Das Orakel wiederholte nur die alte Weissagung, die auch schon Laios zu hören bekam, nämlich „Ödipus werde seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen“. Ödipus kehrte daraufhin nicht nach Korinth zurück sondern zog in die Welt hinaus und wie es der Zufall will, war er plötzlich auf dem verhängnisvollen Weg nach Theben und begegnete – weil es ja das Orakel so wollte – Laios und erkannte ihn natürlich nicht.  Mehr noch, es kam zu einem Streit und Ödipus tötete Laios, seinen Vater. Somit hatte sich der erste Teil des Orakelspruches schon erfüllt. Einmal in Theben angekommen, fand Ödipus dort eine desolate Situation vor. Der Ort wurde von einer Sphinx bedroht, die den jungen Männern ein Rätsel aufgab und nach dem dieses keiner lösen konnte, wurden sie alle von der Sphinx verschlungen. Laios’ Schwager Kreon setzte also eine Prämie aus und derjenige, der die Sphinx besiegen würde, sollte Herr über Theben werden und Iokaste ehelichen. Ödipus stellte sich sogleich der Sphinx und hörte sich das Rätsel an:  „Was hat am Morgen vier Beine, mittags zwei und abends drei“ ?Ödipus musste nicht lange nachdenken um zu wissen, dass es sich um den Mensch handelt, der als Kleinkind auf allen Vieren krabbelt, als Erwachsener auf zwei Beinen geht und als Alter einen Stock brauch, um sich fort zu bewegen.  Der Bann war hiermit gebrochen und die Sphinx stürzte sich in den Abgrund. So wurde also Ödipus König von Theben und ehelichte – ohne es zu wissen – seine Mutter Iokaste, womit sich der zweite Teil des Orakelspruchs erfüllte. Glücklich und ruhig vergingen die Jahre und Ödipus zeugte vier  Kinder mit Iokaste: Polyneikes und Eteokles und die Töchter Antigone und Ismene. Erst als die Pest hereinbrach kam wieder Unheil über Theben und Ödipus schickte seinen Schwager Kreon nach Delphi, um das Orakel um Hilfe zu bitten. Die vernichtende Antwort lautete: Theben würde erst dann von der Pest befreit werden, wenn der Mörder des vorherigen Königs Laios gefunden sei. Der Täter lebe immer noch in Theben und müsse endlich bestraft werden. Ödipus hatte daraufhin nur noch ein Ziel, nämlich den Täter zu finden und zu bestrafen. Und hier  beginnt der erste und einer der spannendsten Krimis in der Literaturgeschichte, den Ödipus selber lösen sollte. Er konsultierte den  blinden Seher Teiresias und fand zu seinem Schrecken heraus, der er selbst der Mörder seines Vaters sei und der Mann seiner Mutter. Iokaste, erhängte sich  nach Kenntnisnahme dieser schrecklichen Begebenheit und Ödipus stach sich die Augen mit einer goldenen Spange von Iokaste die Augen aus. Seine Tochter Antigone führte ihn als blinden Bettler aus der Stadt.

Cristina Crespos aktuelles Projekt der Muse Dannunziane ruft eine Assoziation mit den Theater-Altären hervor, an denen sie seit den 90er Jahren arbeitet. Nicht nur ihre Reisen durch Südamerika, Nordafrika oder Asien haben sie zu diesen Theaterkompositionen motiviert und angeregt, einen entscheidenden Beitrag dazu haben auch ihre Studien über das italienische Mittelalter geleistet sowie, wie schon erwähnt, der Kauf eines religiösen Schaukastens als 17-jährige. Diese Erinnerungen und Eindrücke von fremden Gebräuchen und paganen Religionen fusioniert sie mit den Mythologien, familiären Legenden und der Commedia dell’Arte und so entstehen diese faszinierenden Theater-Mythologie-Arrangements. Die Geschichten, die hier erzählt werden, schicken den Betrachter vom Drama zur Komödie, in den Garten der Hesperiden, erinnern an die Genesis oder bringen Ovid ins Spiel. Manche Figuren wie „Uta nackt“ hat sie einfach in eine Holzbox gesteckt, in der früher vielleicht mal ein ganz edler Tropfen verpackt war. Nicht weit entfernt ruhen auch Danae oder ihre Lieblinge wie die Aphrodite Priesterin Hero und ihr Geliebter Leander. Sehr frei interpretiert ihr Ödipus und die Sphinx. Dieser steht auf der Mauer von Theben und hat die Hand auf dem goldenen Flügel der lockenden von Stuck-Sphinx ruhen. Stürzt sie ab oder will er sie festhalten und vielleicht Iokaste vor dem Tod retten. Eingerahmt ist die Szene in symbolistischen Farben, die an Maillais Ophelia denken lässt.

Bei diesen Theaterkompositionen kommt man nicht umhin, an die sizilianischen Pupi zu denen, aber auch die im Süden stark verbreiteten Straßenaltare oder der Krippenkult in Genua, wo ihre Familie ursprünglich herkommt. Meistens bestehen sie aus einer Maria mit Kind und sind vollgestopft mit Schätzen oder sonstigen Gegenständen einer  Wunderkammer, mit Erinnerungen und Vorsätzen des Auftraggebers oder Herstellers und hängen da, leicht angestaubt und ein wenig trist-dekadent erzählen sie von der Vergangenheit.

P1200139 Ida Rubinstein « Magdalena in der Wüste » (Foto:Christa Blenk)

Crespos aufwendige und neo-barocke Arbeiten sind eine Mischung aus Malerei, Bildhauerei und Poesie die in Verbindung mit Traditionen, Religionen und Ritualen zu  Kunstwerken werden. Organisierter Horror vacui der dazu verführt, viele kleine Nebengeschichten zu erfinden und ein Chaos zu ordnen das sich eigentlich gar nicht ordnen lassen will. Ihr Atelier ist selber wie ein übergroßes Theater, in dem die Bühne, die Requisitenkammer, die Umkleidekabinen der Schauspieler und der Zuschauerraum nicht voreinander getrennt sind und nur Wände verschoben werden, hinten denen dann wieder kleine Bühnen zum Vorschein kommen. Diese Theater-Konstruktionen stammen aus den 90er Jahren und sind hauptsächlich aus Holz, Stuck, Stoff, Tüll, Metall, Acryl gefertigt. Im Film über den « nächtlichen Garten der Marchesa Casati » kann man den Entstehungsprozess sehr gut nachvollziehen.

Cristina Crespo hat früher gesungen, vor allem Barockmusik und man könnte manchmal auch meinen, dass sie bei ihren Inszenierungen an Händel Opern, oder an die Werke von Lully und Purcell denkt und sie und sich selber in diese Theaterboxen steckt. Dabei geht sie sehr frei – wie dies auch die Musen taten – mit den Geschichten um und sie gibt ihnen oft ein autoportraitistisches Eigenleben.

cristina crespoAltare di Eleonora Fonseca Pimentel (1997) (Foto: Giorgio Vasari)

In mühsamer Kleinstarbeit entstehen diese Kleinodien. Die Materialien für ihre Fetische besorgt sie selber und sucht oft lange danach. So kommen zum Beispiel die schönsten „Haare“ aus dem Souk von Marrakesch. Holzkisten, Pappe, Papier, Farbe, Perlen, Schnüre werden wie durch eine Zauber-Formel von Dr. Faustus miteinander verbunden. Ihre Großmutter hat ihr ein Set mit Resten von vergilbten Spitzen, Borten und Besätzen vermacht, das man früher in Kurzwarenhandlungen kaufen konnte, mit denen sie Königinnen oder Prinzessinnen oder ihre Musen schmückt. Neben der gerade fertig gestellten Isadora Duncan steht halb versteckt ein kleiner Schaukasten „Das ist Dalida“, sagt Cristina. Sie ist wunderschön in Gold gewandet und hält sich eine Pistole an den Kopf. Cristina nimmt die Puppe heraus und öffnet eine zweite Tür, sozusagen einen doppelten Boden, und es kommt eine Schallplatte (45 Umdrehungen) mit einem Dalida Song zum Vorschein. Ständig werden Türen aufgemacht und es kommt entweder ihre eigene oder die Vergangenheit einer anderen Künstlerin zum Vorschein. Manchmal vermischen sich die Schicksale auch.

Sie konzipiert, zeichnet, näht, klebt, verbindet, formt Drähte und Gipsköpfe und wenn die Bewohner fertig gestellt sind geht sie daran, ein  Haus oder eine Grotte zu bauen bis dann endlich die Zeit der Installation, der Inszenierung gekommen ist. Die Herstellung ist sehr langwierig, insgesamt sind es bis zu  13 Schritte die in mehreren Wochen zurückgelegt werden müssen. Von ihr vorgefertigte Figurinen dienen zur Anprobe. Mühsam, aufwendig und geduldig. Meistens haben die Puppen lange Haare und wallende Umhänge, viele Ketten, wie Cristina es liebt sich zu zeigen. Die Keramik-Büsten der Musen werden von ihr in einem Atelier in Ostia gebrannt.

Heute lebt Cristina Crespo mit ihrer Familie am Stadtrand von Rom, auf der Cassia am km 12: Hier haben die Kreuzritter im Mittelalter Halt gemacht, um sich nach einer langen Reise frisch zu machen, bevor sie den Papst in Rom aufsuchten. Diese wichtige Konsularstrasse hat auch deswegen große Bedeutung, weil sie auf den Ponte Milvio führt und über diese Brücke alle Bildungsreisenden aus dem Norden im 18. und 19. Jahrhundert Rom betraten. Sie führt direkt auf die Piazza Popolo, und hier hat Goethe seine Gäste empfangen. Er hatte seine gemeinsame Wohnung mit Tischbein auf dem Corso, nur 20 m vom Platz entfernt.

Und obwohl sie tief verwurzelt in den Geschichten der Vergangenheit lebt, interessiert und engagiert sie sich seit den 90er Jahren auch sehr für zeitgenössische Kunst und hat längere Zeit an einer Serie für das italienische Fernsehen, „Art News“ mitgearbeitet. In dieser Zeit entstanden Dokumentationen über Edward Hopper, den Futurismus, Francis Bacon etc. Zwischendurch fanden Aufenthalte bei der Stiftung Orestiade in Trapani/Sizilien statt, für sie immer sehr produktiv und wichtig. Für die Kunstzeitschrift „Cahiers d’art“ hat Cristina Crespo einige Berichte illustriert u.a. einen Zyklus über Friedrich Dürrenmatt (Pythias Tod) und einen zweiten über Novalis „Hymne an die Nacht“. Sie ist eine zeitlose Künstlerin und in jedem Jahrhundert oder in keinem zuhause.

Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen Ufern ihr sitzt und zuschaut, wie er fließt. Doch das Zeitlose in euch ist sich der Zeitlosigkeit des Lebens bewusst Und weiß, dass Gestern nichts anderes ist, als die Erinnerung von Heute und Morgen der Traum von Heute. (Khalil Gibran, Der Prophet)

Im April 2015 ist es dann endlich soweit, die Tür zum Garten der Erinnerung wird geöffnet und Apoll und Euterpe spielen auf zum Tanz der Musen.

P1200091 Wartende Musen (Foto: Christa Blenk)

Christa Blenk

 

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A CENTO METRI COMINCIA IL BOSCO

Giancarlo Schiaffini und Silvia Schiavoni erklären ihr Projekt 
Giancarlo Schiaffini und Silvia Schiavoni sprechen über ihr Projekt im Studio der RAI
 
A CENTO METRI COMINCIA IL BOSCO
Guerra memoria natura

 auch für KULTURA EXTRA

Nach 100 Metern fängt der Wald an –

In der Via Asiago in Prati/Rom steht das RAI Radiostudio. Asiago ist aber vor allem ein Ort im Veneto, der im 1. Weltkrieg dem Boden gleich gemacht wurde. Die sog. Dolomitenfront verlief mitten durch sieben Gemeinden, deren Bewohner ausgesiedelt wurden. In der Po-Ebene, ihrer neuen Heimat, war es ihnen verboten, ihre Muttersprache, eine Art Deutsch, zu sprechen. Die meisten kehrten nach dem Krieg nicht mehr zurück und so verkümmerte diese Sprache. Der Schriftsteller Mario Rigoni Stern, der 1921 in Asiago geboren wurde und 2008 auch dort verstarb, hat als einer der Wenigen in seinen literarischen Werken vereinzelte Wörter oder Fragmente dieser Mundart verarbeitet. Asiago ist eine der sieben Gemeinden in der Zimbrisch, eine traditionelle oberdeutsche Sprache, eine Variante des Bairischen, gesprochen wurde. Noch bis ins 18. Jahrhundert war es Kirchen- und Amtssprache. Heute wird es höchstens noch von 1000 Personen gesprochen.

2008 haben Silvia Schiavoni und Giancarlo Schiaffini im Gedenken an Asiago, Rigoni Stern und den Ersten Weltkrieg, diese grandiose und sensible Anti-Kriegs- Kantate konzipiert. Eine Fusion Orchester für Blechinstrumente, Cello, Percussion, Sing- und Sprechgesang und Video: ein Schauspiel mit Bildern, wie sie es selber nennen.

Palle Odar Spete de Leute Allesamont Sterben – Sterben – Sterben – Sterben

Zu den im Hintergrund vorbeiziehenden unheilvollen Archivaufnahmen dirigiert Giancarlo Schiaffini das Orchester Phantabrass. Es ist auch seine Musik, zu der Silvia Schiavoni heute singt und vorträgt. Schützengräben und Verletzte,  Gebirgsjäger, die durch die verschneiten Berge marschieren und schwarze Spuren im Schnee hinterlassen, Zeitungsausschnitte, die den Krieg ankündigen, das Futuristische Manifest, Bilder von Giacomo Balla, Boccioni oder Otto Dix, dramatische Holzschnitte, eine Landkarte von Triest a das ewige Thema Mitteleuropa erinnernd, manchmal unterbrochen von ruhenden und friedlichen Naturaufnahmen, dann wieder überfüllte Züge, fallende Bomben, winkende oder weinende Mütter: der Krieg und der Wunsch nach Frieden halt. 

Als Mutter taugt man nur noch zum Weinen“ lamentiert Silvia Schiavoni. Sie hat vereinzelte Texte von Mario Rigoni Stern, Ugo Betti, Gabriele D’Annunzio, Robert Musil, Giovanni Papini für ihren schönbergschen Sprechgesang angepasst, abgehöst von einen Brechtschen Lied und lautmalerischen Geräuschen, bis sie fast weint und anklagend kommentiert.

Normalerweise hätten für all das mindestens drei Sängerinnen auf der Bühne stehen müssen. Temperamentvoll und abwechslungsreich durchspringt sie mühelos die Oktaven. Und als die Musik von Schiaffini plötzlich zu einem Trauermarsch in New Orleans wird, folgt sie ihm auch hier mühelos. Unvermittelt dreht er sich um und greift zur Posaune, um die im Hintergrund sterbenden Soldaten mit einem berührenden Lamento zu begleiten. Kampf und Tod, Hoffnung und Resignation lösen sich ab. „Soldaten marschieren durch die Stadt“ und Silvia Schiavoni schafft es sogar, mit ihrer alles könnenden Stimme  mit zu marschieren. 

La casa, la rifaremmo“ (wir bauen das Haus wieder auf).

Wir hatten das große Glück Live im RadioRai3-Studio dabei sein zu können. Es  wurde aber auch über Streamer direkt übertragen.

Videoloch Asiago hat die Bilderwelt im Hintergrund zusammengestellt. Luca Calabrese, Flavio Davanzo, Alberto Mandarini, Martin Mayes, Lauro Rossi, Sebi Tramontana, Massimo Zanotti, Beppo Caruso an den diversen Blechinstrumenten, Giovanni Maier am Cello und Luca Colussi, Percussion.

phantabrass-mit Schiaffini und SchiavoniDer italienische Komponist und Musiker Giancarlo Schiaffini (*1942) stand am Pult. Er ist auch als Posaunist des Modern Kreative Jazz und der Neuen Musik sehr bekannt und gehört schon seit 40 Jahren zur führenden Avantgarde der zeitgenössischen Musik in Italien. Schiaffini ist eigentlich Physiker und begann seine Musikkarriere als Autodidakt in einer Fee Jazz Gruppe. 1970 nahm er an den Darmstädter Ferienkursen teil und belegte dort Kurse bei Stockhausen und Ligety. Danach gründete er die experimentelle Kammermusikgruppe Nuove Forme Sonore und die Gruppe Romano di Ottone, die außer zeitgenössischer Musik auch Renaissance-Musik machten. Ein Studium der elektronischen Musik folgte und 1983 trat er der Nuova Consonanza bei und fing an, sich für Neue Improvisationsmusik zu begeistern. Luciano Berio und Luigi Nono gehören u.a. zu seinem Repertoire und mit ihnen arbeitet er auch eng zusammen. Im Jahre 2000 war er Composer in Residente beim International Composers & Improvisers Forum in München.

Ja und dann Silvia Schiavoni, sie ist der Star in der römischen zeitgenössischen und elektronischen  Musikszene und hat uns zum ersten Mal beim Romaneuropa Festival mit einer Performance zu John Cage Musik beeindruckt. Hier kam sie durch aktive Mitgestaltung am Projekt  noch intensiver und eindrucksvoller rüber und man spürte die persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte.  Sie ist Römerin, hat Literatur studiert, ist Shakespeare-Expertin und Übersetzerin für Englisch. Sie ist sehr in die Arbeit mit dem Centro Ricerche Musicali (CRM) eingebunden und arbeitet mit allen hiesigen zeitgenössischen Komponisten wie Santoboni oder Battistelli zusammen.

Und bei der Zugabe hat sie bewiesen, dass sie sich in eine Reihe mit Ella Fitzgerald stellen darf, als sie ein von Schiaffini bearbeitetes Gershwin-Stück « embraceable you » hin schmetterte und dazu auch noch tanzte.

Wir haben selten etwas so Beeindruckendes und Umwerfenden gesehen und gehört. Genial!

Ninfa  Land_Holz_Land  Winter
Wälder-Interpretationen: Schirin Fatemi, Christa Linossi, Bayerischer Wald (Foto: Jean-Noel Pettit)

Christa Blenk

 

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La voce, il soffio, l’anima (Stimme, Odem, Seele)

P1200078JN vor einer Musikinstallation

Im Rahmen des 51. Festivals « Nuova Consonanza » fand gestern abend in der Casa delle Cultura Villa De Sanctis eine Performance für Stimme, Flöten, elektronische Töne und Tanz statt. Auf der Casilina stadtauswärts bei der Hausnummer 645 verlässt man diese seelenlose Straße und tritt in eine Art Zaubergarten, in dem nach hinten versetzt, dieses Kulturzentrum seinen Sitz hat.

Die fantastische und einzigartige Silvia Schiavoni trugt die von ihr ausgewählten und bearbeiteten Texte aus verschiedenen Teilen der Bibel vor. Sie war  Sängerin, Sprecherin, Klagefrau, Priesterin und Predigerin und hat wieder mal durch ihre außergewöhnliche Expressionsfähigkeit bestochen. Beeindruckend auch Gianni Trovalusci, der sie  dabei an verschiedenen Flöteninstrumenten mit viel Pusten begleitete. Isabella Schiavoni hat die Choreografie entwickelt und auch selber getanzt.

P1200085 Die Komponisten mit den Künstlern – Silvia Schiavoni in der Mitte

Die drei unten erwähnten Kompositionen – alles Uraufführungen – wurden als Gemeinschaftswerk aufgeführt und es war eigentlich nicht zu erkennen, welcher Teil von wem war.

Loredana Arcaro (*1969) – F for G#_T_Studio_n° 3* (2014) per flauto basso e supporto digitale

Giorgio Nottoli *1969) – Percorso incrociato (2004) per voce femminile ed elettronica

Laura Bianchini (*1954) – Luna doppia (2014) per voce, tubo sonoro, suoni elettronici

 

 Christa Blenk

 

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Abschlusskonzert der Stipendiaten der Villa Massimo 2014

Auditorium 002 Sala Santa Cecilia – Auditorium Parco della Musica

 Artikel auch für KULTURA EXTRA

Abschlusskonzert mit dem Ensemble Modern

Jedes Jahr im Dezember zieht die Villa Massimo zur Aufführung des lang erwarteten Abschlusskonzertes in das größte Konzertzentrum von Rom, ins Auditorium Parco della Musica und dort in den größten Saal, in die Sala Santa Cecilia. Auch dieses Jahr reiste das Ensemble Modern wieder dazu an.  Der große Saal, in dem Platz für fast  3000 Personen ist,  ist leer (das ist so gewollt) und die Zuhörer teilen sich mit den Musikern die Bühne, die durch eine große Trennwand optisch und akustisch vom Saal  getrennt ist. So hat man die ganze Dimension dieses riesigen Saales im Hintergrund und doch einen Kammerkonzert-Effekt.

Dieses Jahr waren außerdem alle vier Komponisten, deren Werke auf dem Programm standen, persönlich im Saal anwesend!

Salvatore Sciarrino (*1947 Palermo) hat sich auf die Bearbeitung von Klassikern spezialisiert. Gestern Abend spielte das Ensemble Modern ein von ihm bearbeitetes  Adagio von Bach und eines von Mozart sowie eine Komposition von 1981 „Introduzione all’oscuro“.

Wunderblock“ ein 8-Minuten-Stück für Altflöte, Bass-Klarinette, Percussion und Geigentrio (2007/2008) von Robert HP Platz (*1951 Baden-Baden) folgte. Dieser Zyklus besteht aus den drei Stücken Kiefer, Next und Sekundenstücke. Platz lehnt sich hier an Notizen über den Wunderblock von Sigmund Freud an. Die drei Minikompositionen waren auch auf der Bühne optisch getrennt, Altflöte auf der einen Seite, Bassklarinette und Schlagzeug in der Mitte und weiter nach hinten versetzt das Streichertrio. Die Pausen zwischen den Stücken gehörten zur Komposition.

Die Hauptprotagonisten des Abends waren allerdings die Musikstipendiaten der Villa Massimo, Hanna Eimermacher und Vito Žuraj. Die zwei gestern uraufgeführten Werke sind während ihres Stipendiaten-Aufenthaltes in Rom dieses Jahr entstanden.

Bühne und Instrument Eimermacher Instrument von Hanna Eimermacher für « Überall ist Wunderland »

Hanna Eimermacher (*1981 Gelsenkirchen) hat u.a. bei Beat Ferrer und Mark Andre studiert und hielt sich 2010/11 an der University Buffalo, New York auf.  2012 hat sie den Berlin-Rheinsberger Komponistenpreis gewonnen. Ihre Werke wurden u.a. bei der Salzburger Biennale oder an der Oper Frankfurt am Main aufgeführt. Sie lebt  in Berlin.

Überall ist Wunderland (2014) ist eine Neufassung für 19 Musiker für das komplette Ensemble Modern und wurde gestern Abend in dieser Fassung uraufgeführt. Von den 15 Minuten waren 2 dem Schweigen vorbehalten. Die Musiker nahmen im Saal ihren Platz ein und schauten regungslos ins Publikum und so ging es auch zu Ende.   In den verbleibenden 13 Minuten schickt Eimermacher die Musiker und das Publikum auf den GRA (der GRA ist ein Autobahnring um Rom, meistens verstopft, hier macht Jeder was er will , um ans Ziel zu kommen und ohne Rücksicht auf Verluste und die einzige Verkehrsregel ist die Gewicht hat ist „Einschüchterung“ . Schließlich kommen aber doch alle meistens an ihrem Ziel an). Es beginnt mit zwei Noten, also Stau, alles stagniert, dann Hupen, Schimpfen, eine Ambulanz rast vorbei, die Polizei gleich hinterher, weiter weg hört man Zirkusgeräusche und dann geht es zweimal an einer Schule vorbei. Zwischendurch stagnierte der Verkehr wieder und die zwei Anfangsnoten übernehmen. Hanna Eimermacher hat dafür ein eigenes Perkussionsinstrument entworfen, das abgesehen von den normalen Schlagzeugutensilien aus  Suppendosen, Metallstangen, Wassergläser, Schlagzeug und einer Art Glockenspiel bestand. Dreimal gleich stand es auf der Bühne und sogar Frank Ollu, am Pult, musste mithelfen, um das Chaos nicht ausarten zu lassen. Sehr amüsant und wie gesagt, diese Komposition konnte einfach nur in Rom entstehen. Nach dem Ausklingen des letzten Tones  – was gar nicht so leicht zu erkennen war, da die Suppendosen unter der Glocke noch nachhallten, neigten sich die Musiker 10 cm nach rechts und wieder Schweigen, dann ging das Licht aus und Ende. Witzig und Originell.

Vito Žuraj (*1979) ist dieses Jahr auch  Gast an der renommierten Villa Massimo. Seine Komposition Runaround  für vier Blechbläser und Orchester war an diesem Abend also die zweite Welturaufführung. Žuraj ist in Maribor/Slowenen geboren, hat u.a. bei Wolfgang Rihm studiert.   Von 2009-2010 bekam er ein für ihn sehr wichtiges und wegweisendes Stipendium bei der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Man merkte auch die Verbundenheit mit diesem Ensemble. Runaround hat er dem Ensemble Modern und den vier ausgezeichneten Blechmusikern auf den Leib geschrieben.  Ansonsten arbeitet Žuraj mit der New York Philharmonie, dem Scharoun Ensemble Berlin oder dem Klangforum Wien. 2012 hat er den Komponistenpreis von Stuttgart gewonnen. Zur Zeit ist der 35jährige  Dozent für Instrumentierung und Gregorianischen Gesang an der Hochschule für Musik Karlsruhe.

Vier-Bläser-Runaway Die vier Bläser bei Runaround

Bei Runaround wechselen sich Jazz-Referenzen mit neuen Klängen ab und erzeugen eine beeindruckende Kompositionsdramaturgie,  die immer wieder mit überraschenden Tonelementen beeindrucken, wie sie durch den Raum schwappen und eine Verbindung zwischen Musiker und Zuhörer herstellen. Durchkonstruiert und durchkomponiert bis in den letzten Ton, bleibt hier  nichts dem Zufall überlassen. Diszipliniert, schnell und doch übermütig und von permanenten und enthusiastisch aber kontrollierten Einfällen gepackt, erforscht Žuraj die bekannten Musiksprachen und erfindet neue. Und wer könnte ein besserer Partner als das Ensemble Modern sein? Die 15 Musiker sind über die gesamte Bühne, auf der wie gesagt auch das Publikum sitzt, verteilt. Die Streicher auf der einen Seite, Cello und Klarinette auf der anderen oder hinter dem Publikum. Die vier Blechsolisten kämpfen in der Mitte. Die Gruppen werfen sich gezielt die Töne zu, ohne dass auch nur einer auf dem Boden landet, die von der nächsten Gruppe aufgefangen werden, sie umsetzen, modifizieren oder verbessern und weiter geben. Wie ein gut funktionierendes Netzwerk oder ein Staffellauf.   Zum Schluss geraten die vier Blechsolisten an das Limit des mit Instrumenten Machbaren und dann übernimmt der Mund die Tonproduktion.  Ein ausgezeichnetes, spannendes und auch sehr ästhetisches Stück das leider nur 10 Minuten dauerte.

alle neunzehn Musiker haben unsere uneingeschränkte Bewunderung, aber  die zwei Trompeter, Valentin Garvie und Sava Soianov,  Saar Berger mit dem Horn und Uwe Dierksen an der Posaune die Runaround  meisterten, müssen einfach nochmals erwähnt werden für diese fantastische Leistung.

Christa Blenk

 

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Schirin Fatemi

Selbstbildnis 
« Selbstbildnis », 2010 – Acryl auf Leinwand 60×50 cm (« zwischen den Welten »)

Die deutsche Künstlerin Schirin Fatemi lebt und arbeitet in Rom und Hannover; in Bologna und Rom hat sie Bildende Künste studiert.

Mathematisch-kubistische Farbkombinationen zeigen dem Betrachter eine sehr persönliche Annäherung an die Neo-Expressionisten. Ihr Bilderuniversum ist eine Gratwanderung zwischen Abstraktion und Realismus und ihre Arbeiten rufen Assoziationen mit orientalischen Holzstichen und  Cezannes vor-kubistischen Landschaften hervor. Aber auch italienische Maler wie Sironi oder die Futuristen gehören zu ihren Mentoren.  Schirins Arbeiten sind Kompositionen, die sich durch eine ausgewogene Mischung von  Licht, Farbe und Formen ausweisen, und nur vor dem Hintergrund der italienischen Kunstgeschichte entstehen können. Sie befindet sich auf ihrer ganz eigenen Grand Tour vom Norden gen Süden und zurück.

Terre-Gentili              Richtung Nord
  »Terre Gentili »,                                                          « Richtung Nord »
Mischtechnik auf Leinwand 50×100 cm,                    Mischtechnik auf Leinwand 70×100 cm

Wenn sie in Italien oder Rom ist, dann setzt sie sich zur Zeit mit der italienischen Landschaft und mit Licht auseinander,  ganz der Tradition der Bildungsreisenden im 18. und 19. Jahrhundert folgend. Sobald sie gen Norden rückt und das Licht schwindet, scheinen Schirins Arbeiten konzeptioneller, kalkulierbarer, wie eines ihrer letzten Werke für eine Austauschausstellung Hannover – San Francisco   Binary Code « HelloWorld » (2014) ist eine analog-digitale Kombination.  Die Buchstaben aus der Wortkombination « HelloWorld » bilden die Grundlage für eine Anordnung der Figuren auf der Arbeit und werfen Fragen zum Thema globalisierte Kommunikation im digitalen Zeitalter auf.  Schirin hat mit dieser Arbeit, die in Deutschland entstanden ist, sich kurzfristig auf einen neuen, konzeptionellen Weg begeben, auf dem – wie auch schon in früheren Arbeiten – die Ordnung das Chaos verdrängt.

 Ninfa« Ninfa », Aquatinta-Radierung auf Kupferplatte 20×25 cm, Druck auf  handgeschöpftem Büttenpapier 35×50 cm

  »Horizonte » war der Titel ihrer letzten Ausstellung. Fast alle präsentierten Exponate sind in Italien/Rom entstanden. Hier hat sie sich auch mit der « nature morte » auseinander gesetzt und mit dem Portrait. Die drei Hauptfarben auf dem Autoportrait aus 2010 sprechen von ihrer (positiven) Hin- und Hergerissenheit von  eigentlich sogar drei Kulturen. Vom Vater kommt die  orientalische Ästhetik und Philosophie, die man in den delikaten Radierungen erahnen kann und trotz ihrer deutschen Erziehung und Mutter, fühlt sie sich unweigerlich von den mediterranen Kulturen und Farbpaletten angezogen.

Mehr über die Künstlerin

 

Christa Blenk

 

 

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Das Bücher-Mädchen mit den tanzenden Milchkannen

Winter

Eine Weihnachtsgeschichte (für Kinder)

Vor vielen Jahren gab es im Dorf  nur ein paar Familien, die einen Fernseher hatten. Die Kinder hatten keine Videospiele und keine Smartphones und haben sehr viele Bücher gelesen und Radio gehört. Abends spielte man « Mensch ärgere Dich nicht », oder « Dame » oder « Stadt, Land, Fluss », das mochte Anna besonders gerne. Manchmal spielte man auch Versandkatalog und man konnte alles bestellen was man wollte. Das war auch sehr schön. Und ganz oft spielte Anna auch auf dem Akkordeon, vor allem wenn ein Konzert mit dem kleinen Orchester bevorstand.

Dreimal in der Woche ging die 11jährige Anna um vier Uhr nachmittags  zum Bauern, um die Milch für sich und ihre Geschwister zu holen. Bis vor kurzem durfte sie die Mutter immer begleitet beim Milchholen, aber nach dem letzten Geburtstag hat die Mutter gesagt „Anna, Du bist jetzt schon ein großes Mädchen, und kannst die Milch alleine holen“. Anna war sehr stolz darauf und Nichts und Niemand hätte ihr dieses Vergnügen nehmen können. Schließlich war sie ja die Älteste von 5 Geschwistern. Seitdem durfte sie auch bein Anzünden der Sternwerfer am Heilig Abend dabei sein.

Auf dem Hinweg zum Bauern waren die grauen Blechmilchkannen leer und sie konnte die Strecke schnell laufen und musste keine Angst haben, etwas  von der kostbaren Milch zu verschütten. Auf dem Rückweg waren die Kannen voll und Anna, das durfte die Mutter aber nicht wissen, ließ die Milchkannen tanzen. Sie kreiste den Arm mit der vollen Kanne wie eine Schaukel die sich überschlägt und die Milch in der Kanne stand für 1 winzige Sekunde auf dem Kopf ohne herauszufallen, bis sie gleich wieder unten war und sie den nächsten Arm mit der anderen Kanne kreisen ließ. Sie liebte dieses Spiel und ließ abwechseln die linke und dann wieder die rechte Kanne in den Himmel steigen.

Lucia Ieroianni Lucia Ieroianni

Ab November wurden die Tage immer kürzer und Anna gruselte sich auf dem Rückweg ein wenig, weil sie ja wegen der vollen Kannen nicht Laufen konnte. Manchmal erzählte sich Anna Geschichten oder führte im Geiste Dialoge mit anderen Personen. Aber vor allem dachte sie über seltsame Wörter für das « Stadt – Land – Fluss » –Spiel nach. Der Buchstabe X war besonders schwierig. „Xanten, Xavier, aber ein Land mit X „- sehr schwer. Anna wollte gleich zuhause im Atlas nachsehen, ob es ein Land mit X gab.

Seit dem Sommer durfte sie in der Leihbücherei mithelfen, deshalb ging sie nach der Messe immer über die Straße ins Jugendzentrum, wo der Pfarrer eine kleine Leihbibliothek eingerichtet hatte. Es gab dort Bücher für Erwachsene, Romane aber auch viele Kinderbücher – für Große und Kleine. Anna hatte alle Kinderbücher gelesen, um Auskunft erteilen zu können. Manchmal empfahl sie auch Bücher und fragte die Kinder nach ihrem Alter, um das richtige zu wählen. Sie fühlte sich sehr erwachsen dabei und würde den Pfarrer gerne bitte, neue Bücher zu bestellen, traute sich aber nicht. Anna hatte in den letzten Wochen eine Wunschliste für den Weihnachtsmann zusammengestellt mit neuen Büchern, die immer auf den letzten Seiten der Bücher empfohlen wurden.  Am nächsten Sonntag würde sie die Liste, die sie immer bei sich trug,  einfach dort liegen lassen. Man kann ja nie wissen!

Am 16. Dezember um vier Uhr nachmittags ging sie auch wieder zum Bauern mit den beiden Milchkannen und schon auf dem Weg dorthin, fing es ganz leise zu rieseln an. Die großen Schneeflocken bedeckten schnell ihre Winterjacke und blieben ganz lang dort liegen. Anna konnte sie wegpusten und dann schwebten sie ein wenig vor ihr her. Anna hatte an diesem Tage ihre Handschuhe vergessen und als die Milch in den schweren Kannen war, wurden ihre Hände ganz steif. „Der Schnee ist genauso weiß wie die Milch“ sagte sie laut zu sich selber, um die Stille zu unterbrechen  und schwenkte die Kanne im großen Bogen und mit viel Schwung einmal herum. Wie bei einer Schiffschaukel, die sich überschlägt. Bei der Schiffschaukel wurde ihr immer schlecht und sie fragte die Milch „wird es dir auch nicht übel vom Schaukeln, liebe Milch“, „nein, nein, liebe Anna, mit gefällt das gut“, sagte die Milch und wutsch nochmal herumgeschleudert. Sie folgte mit den Augen der Kanne und sah plötzlich am Himmel etwas vorbeihuschen. War das vielleicht der Weihnachtsmann, „der ist aber früh dran“, sagte Anna zu sich selber und bemerkte nicht, dass die Bücherwunschliste bei dem schnellen Schleudern aus der Jacke gerutscht war. Es schneite immer  heftiger  und als sie zuhause ankam, war der Boden ganz weiß – so wie die Milch, dachte sie. Anna zog ihre Jacke aus und machte ihre Hausaufgaben. Die Mutter brachte die Milch zum Aufkochen und verwahrte sie dann in der Speisekammer.

Beim Aufwachen am nächsten Morgen lagen mindestens 20 cm Schnee und alles war friedlich und weiß, es war Sonntag und Anna freute sich schon auf ihre Arbeit in der Leihbücherei nach der Messe. Plötzlich bemerkte sie, dass ihre Liste weg war und Tränen liefen ihr über das Gesicht. So schnell konnte sie keine neue Liste erstellen und nun würde es zu spät für den Weihnachtsmann werden. Das ist bestimmt die Strafe für das Milchschaukeln, dachte Anna.

Traurig ging sie nach der Messe an ihre Arbeit, trug Bücher aus der Kartei aus und andere ein. „Warum bist Du denn heute so still, Anna“ fragten die Leute. Anna sagte aber nichts.
Dann kamen die Ferien und Weihnachten und Anna und ihre Geschwister freuten sich über die Geschenke und sie vergaß darüber die verloren gegangene Liste. Am Sonntag nach Weihnachten ging sie wieder in ihre Bücherei und fand einen großen Karton auf dem Büchertisch vor. Darauf lag ein Zettel „Für Annas Bücherei“. Ganz schnell und voller Ungeduld  riss sie den Karton auf und was fand sie? All die Bücher ihrer Wunschliste lagen da vor ihr. Vor Freude tanzte Anna um den Tisch als der Pfarrer herein kam. „Was ist denn so schön, Anna“. „Der Weihnachtsmann, er hat meinen Zettel gefunden, den ich beim Milchholen verloren habe“. „Dann war er es, den ich gesehen habe »!. Anna nahm langsam jedes Buch aus der Kiste und strich über den brandneuen glänzenden Einband. „Ich werde sie alle heute noch in die Karteikarten eintragen“, sagte sie. Dann kamen die ersten Kinder und drängelten sich um die neuen Bücher. „Wir werden jetzt eine Liste erstellen, wer zuerst dran kommt, damit es keinen Streit gibt“, sagte Anna zu den anderen. Und alle stellten sich in die Reihe bis sie dran kamen.

Draußen rieselte schon wieder der Schnee herunter und die Sonne wollte unbedingt heraus und Anna dachte, dass der Dezember halt doch der schönste Monat im ganzen Jahr wäre!

Winter

Text und Fotos: Christa Blenk

 

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FEED-DRUM

Feedbach und Resonanz heisst das neueste Spektakel von Michelangelo Lupone, das gestern im Rahmen des Romaeuropafestival im MACRO Testaccio, La Pelanda, aufgeführt wurde.

« Corpi Risonante – due per danza, percussioni e risonanze die corpi »

P1190883Die Bühne ist schwarz, ungleiche weiße Bewegungsstreifen (Sensoren) sind zu sehen. Die Tänzerin ist in einen schwarzen Gymnastikanzug gekleidet, der ebenfalls weiße Streifen hat, konform denen auf der Bühne. Sie hat feuerrote lange lockige Haare. Kafkaesk verwinkelt liegt sie schon auf der Bühne als wir reinkommen. Das Licht geht aus und mit ihren langsamen, zeitlupenerinnernden und  fast Nicht-Bewegungen kommen die Töne über die Sensoren zu den drei Feed-Drums hinter ihr und zu uns.  Einmal ist es wie Walfischgesänge, dann wieder wie ein sich entfernender Vogelschwarm bis geigenähnliche Töne erzeugt werden, unberechenbare Zufallsmomente spielen auch eine Rolle.  Und obwohl sie sich eigentlich nicht vom Platz bewegt, ist sie doch plötzlich immer wieder woanders. Sie ist unglaublich großartig und ihre Hände und Füße sind überall und austauschbar. Irgendwann kommt dann Gianluca Ruggeri zu ihr auf die Bühne. Es beginnt eine Spiel zwischen Mann und Frau, eine opernähnliche Verführungsszene und die Klänge verändern sich durch die Gesten beider. Eine visuelle und tastende Suche nach dem Klang. An Baron Münchhausen erinnernd, will sie sich an ihren eigenen Haaren vom Boden hochzuziehen, bis sie steht und frei ist .

So habe ich mir immer Kafkas Verwandlung in einen Käfer vorgestellt, nur dass bei ihr der Prozess umgekehrt von Statten geht, denn sie steht zum Schluss.

Lupone spielt hier mit dem Larsen Effekt bzw. mit der akustischen Rückkoppelung, die hörbare tiefe und hohe Resonanzen hervorbringt. Kein Laut im Publikum und angespannte Stimmung. Es war ziemlich anstrengend.

P1190888Anschließend ein kurzes Stück « Canto di Madre » für Computer und als Abschluss « Feedback – für drei Feed Drum - Elektronisches Medium und  Video ». Die  drei ausgezeichneten Drummer von Ars Ludis präsentieren in der Folge  auf den drei Feed Drums, die Lupone 2002 entwickelte, ein ungeheures Happening. Energie und die Macht darüber. Sie gegeben sie ab und holen sie sich auf der anderen Seite wieder. Während sie über die Riesentrommel streichen, klopfen, schlagen, sie dann wieder streicheln und sich fast auf sie werfen, wird über ihnen alles als Doppelvideo projiziert.  Zeit und Raum relativieren sich.

Musik Michelangelo Lupone, Choreografie Alessandra Cristiani. Drummer: Antonio Caggiano, Gianluca Ruggeri, Rodolfo Rossi.

P1190890Das FEED-DRUM  ist ein neues elektroakkustisches Perkussionsinstrument, das Michelangelo Lupone entwickelt hat – für sein Werk Feedback. Hierbei wird ein Signal produziert beim Ausreizen des Trommelbezugs (Leder)  zu einer Art akkustischem Druck. Das Ergebnis ist eine unendliche Verlängerung des Klanges.

Es kamen so viele Besucher, dass die Letzten auf Kissen vor der Bühne platziert wurden. Wenn wir das gewusst hätten!

mercierBegleitet wird die Aufführung von einer Ausstellung von akustischen interaktiven Installationen gleich daneben, wie z.B.  « Balançoire » von Veacleslav Druta oder die Tontopf Klanginstallation « Le Damassama » von Léonore Mercier (hier dirigiert gerade JN die « 9. Sonate für diverse Töpfe »).

Christa Blenk

 

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Mexiko zu Gast in der Aula Magna

P1190873 Maureen Conlon mit Francesco Orozco López 

Viva la Conga

Sie sind immer etwas besonderes – die Konzerte in der Aula Magna della Sapienza. Gestern Abend gab das Symphonieorchester von Guanajuato/Mexiko ein Gastspiel und auf dem Programm standen ausschließlich Werke von südamerikanischen und amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Erst vor zwei Monaten hat Francesco Orozco López die künstlerische Leitung dieses Orchesters übernommen (das nebenbei bemerkt schon seit 1952 besteht und deshalb auch richtig gut ist), und Juan Trigos abgelöst. Orozco hat das OSUG allerdings schon des öfteren als Gastdirigent geführt und deshalb auch gar nicht gefremdelt.

Mit einem Symphonischen Sonett – nach einem Gedicht des Kubaners Nicolas Guillen (1902-1989) – von Silvestre Revueltas (1899-1940) „Sensemayá“, was soviel heißt wie „Ein Lied, um die Schlage zu töten“ ging es los. Ursprünglich 1937 als Kammermusikstück geschrieben, fügte Revueltas ein Jahr später  27 Bläser, 14 Perkussionsinstrumente und unzählige Streicher hinzu. Spannend und mitreißend  und dem Benehmen einer Schlange folgend , werden vom Orchester permanente  Rhythmusänderungen verlangt.   „Die Schlange bewegt sich ohne Beine, die Schlange versteckt sich im Gras“, heißt es da. Revueltas folgte hier Guillens Vorgabe nach einem afro-kubanischen Kreuzzug, um der Schlange Herr zu werden. Die Bassklarinette darf beginnen, verhalten und langsam, bis dann die Perkussionsinstrumente den Rhythmus angeben, nach und nach fügen sich Fagott, Tuba und die restlichen Instrumente hinzu, immer wieder das Thema aufrollend,  immer lauter und intensiver werdend. Ein obsessives Zurückkehren zum Hauptthema. Wir springen vor lauter Angst vor der Schlange fast auf den Stuhl, bis das Beil fällt und die Schlange wahrscheinlich tot ist. Sensemayá beschreibt einen afro-kubanischen religiösen Kult, in dem bis zum haitianischen Voodoo alles zu finden ist. Ein sehr geordnetes Chaos und strahlend vorgetragen.

Weiter ging es mit Samuel Barbers (1910-1981) Frühwerk, das „Violinkonzert Nr. 14“. 1939 komponiert ganz typischer Barber und  im spätromantischen Stil. Es ist ein weniger bekanntes Stück von ihm, auch nicht besonders spannend, vor allem die ersten beiden Sätze, süß und schmelzkäsig und ein wenig kitschig, aber die wunderbare (und bildschöne) US-mexikanische Geigerin Maureen Conlon hat viel herausgeholt und der letzte Satz war dann doch sehr schön. Das Publikum hat sie sehr gefeiert und sie mindestens 10 mal auf die Bühne applaudiert! Maureen Conlon Repertoire ist sehr weit gefächert. Außerdem ist  sie Mitglied im „Trio Nova Mundi“ und in der Gruppe „Aqui Tango“ . Sie lebt und arbeitet als Geigenlehrerin in Pittsburgh.

Nach der Pause ging es  weiter mit kürzeren Stücken u.a. mit  Héctor Quintanars (1936-2013) „Caribe“, auch wieder für großes Orchester. Eine Mischung aus Ravel-Verschnitt und US Filmmusik, aber brillant und spritzig vorgetragen. Mit Aaron Coplands (1900-1990) „Danzón Cubano“ ging es weiter. Eine politische Sympathiekundgebung mit kubanischen Elementen. Diese unentschiedene Komposition war ein wenig langweilig, irgendwie hin- und hergerissen zwischen der neuen und alten Welt.

Im Anschluss die  Sinfonía n. 2 „India“ von Carlos Chávez (1899-1989). Mitte der 30er Jahre hat der mexikanische Komponist hier die facettenreiche Folklore seiner Heimat vertont. Es ist  wohl sein bekanntestes Werk. Beeinflusst von Schumann und Strawinsky, hat diese Musik  nichts mit den europäischen Kompositionstechniken in den 30er Jahren zu tun. Irgendwie zeitlos glänzend war es und sehr amüsant vorgetragen. 

Aber das alles war nur ein Hinarbeiten auf die beiden letzten Werke im Programm von Arturo Márquez (*1950).  „Conga del fuego“ und „Danzón Nr. 2“.  Márquez’ Besonderheit ist es, volkstümliche Idiome zu komplexen, symphonischen Werken umzubauen. Der Danzón Nr. 2 entstand 1993 als  Arturo Márquez mit dem  Maler Andrés Fonseca und der Tänzerin Irene Martinez, beide leidenschaftliche Anhänger des Danzón, eine Art mexikanischer Tango, die Vercruz Tanzhalle in Mexiko Stadt besuchte. Die Stimmung dort und sein tiefer Respekt und Liebe zur mexikanischen Musikkultur haben ihn zu der Komposition von Danzon N. 2 animiert.

Das Stück beginnt mit einer elegant-langsamen Einleitung der Klarinette, bis dann das Feuer ausbricht. Ab und zu ein kurzes lyrisches Durchatmen, die hohe Klarinette und die Oboe, das Klackern der clavés. Einer der vielen Rhythmusänderungen und ein kurzer, sehr schöner, Pianoeinwurf und dann geht es weiter mit strengen Streichern und viel Blech,  die wichtige Harfe mischt sich ein und bevor jetzt alle von dieser gewaltigen vulkanartigen  Klangextase weggewischt werden, gönnt er uns  eine kleine Verschnaufpause bis dann wieder die volle Kanne von Streichern und  den diversen Perkussionsinstrumenten wie verschiedene Congas, Timbales, Shaker und wie sie alle heissen zum Einsatz kommt.  Dialog zwischen Trompete und Klarinette und dann wieder sehnsüchtige und cremige Salsatöne bis zum leidenschaftlich-harten argentinischeren Tango. Zum Schluss einigen sich alle auf eine Note, die wiederholt wird und eine ungeheure Spannung erzielt und:  Ende.   Genial!

Márquez kommt aus einer Mariachi-Musiker-Familie und auch sein Großvater war schon Volksmusiker. Ausgebildet wurde er in Mexiko, Paris und Los Angeles.

Mit seinen „Danzones“ erlangte Márquez schon ab Ende der 90er Jahren großen Erfolg.  Endgültig nach oben katapultierte ihn dann Gustavo Dudamel, der das Stück  Danzon n. 2  als Standard in das Konzertprogramm aufnahm und es mit seinem  Jugendorchester ständig auf  seinen Europa und USA-Tourneen aufführte.  Diese Mariachi-Musik für großes Orchester, die südamerikanische Poesie und der magische Realismus kombiniert mit kubanischen Salsa-Rhythmen, hat uns voll überzeugt und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen!

Márquez lebt zur Zeit in Mexiko-City und unterrichtet an der National University of Mexiko und am Nationalen Forschungs- und Dokumentationszentrum für mexikanische Musik.

Glücklich und zufrieden und mit dem Vorsatz, uns gleich diese Musik zu besorgen (für die tristen Winterabende) gingen wir nach Hause. 

Christa Blenk

P1190856 Aula Magna mit den Sironi-Fresken

 

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Poetisches griechischen Paestum

P1190700 devTempel des Poseidon und Hera /Cerespaestum-Hera

Poseidonia hieß der Ort zwischen den Hügeln von Kampanien und dem Mittelmeer um 600 v.C. .Die Griechen aus Sybaris und Troizen haben ihn entdeckt und eine Kolonie dort errichtet. Man lebte gut vom Ackerbau und vom Handel und die Tempelanlagen reflektieren den erreichten Wohlstand. 200 Jahre später kamen die Lukaner und der Ort hieß von nun an Paistos. Zu Paestum wurde er dann wieder 200 Jahre später, als die Römer Kampanien eroberten und einige Umbauten vornahmen, aus dieser Zeit stammt auch die noch ziemlich gut erhaltene Stadtmauer aus großen rechteckigen Quaders, die ca. 5 KM lang ist und die komplette Anlage umfasst. 

Von Rom aus fährt man drei Stunden mit dem Auto bis zu dieser Tempelanlage.  Zuerst schimmern sie heimlich und selbstsicher  durch die Vegatation und die paar Häuser, bis sie plötzlich ausbrechen und sofort  unseren Blick auf sich ziehen. Es muss in der Mitte des 18. Jahrhundert – also nach ca. 600 Jahren Verstecktsein – eine unbeschreibliche Emotion gewesen sein, diese Anlage zu entdecken. Durch das Gitter fällt unser Blick zuerst auf den Ceres-Tempel, der auch ein Sanktuarium war und der Göttin Athene gewidmet war. Dann spazieren wir durch die verlassenen archäologischen Ausgrabungen bis wir in der Ferne den Größen, den Neptun/Poseidon-Tempel, entdeckten. Er ist der am besten erhaltene der Magna Graecia. Gleich dahinter die sogenannte Basilica, die der Göttin Hera gewidmet ist. Er ist keine Basilika, diesen Namen hat man ihm im 8. Jahrhundert fälschlicherweise gegeben, und der älteste Tempel.

Die Sarazenen im 9. und dann die Normannen im 11. Jahrhundert haben Paestum erstmals zum Dornröschenschlag verurteilt.  Die Tempel, das gesamte archäologische Gebiet und die Nekropole verschwanden immer mehr zwischen Wäldern, Sümpfen und Mosquitos. Auch ein Grund, warum die Tempel relativ gut erhalten sind. Die Wohnanlagen, das Theater, die Thermen, und alles was sonst noch zu griechisch-römischen Lagern gehört, wurde allerdings ziemlich abgetragen und man findet wohl in jedem Haus in Paestum Steine und Quader aus der Antike.

tuffatore Nicht weit entfernt liegt die Nekropole der Lukaner. Dieser italienische Stamm bewohnte Paestum um das 4. Jahrhundert v.C., die ihre Toten in unterirdischen Grabhäusern bestatteten. Hier wurden im Lauf der Zeit wahre Schätze ausgegraben. Der letzte Fund, die Grabplatte mit dem Turmspringer (Tomba del tuffatore), wurde 1960 entdeckt, als sich ein Bauer ein besseres und tiefer gehendes Ackergerät zulegte. All diese Funde sind im sehr neuen und gut aufgebauten Museum zu finden. Eine unwahrscheinlich große Auswahl von gut erhaltenden Grabplatten, Vasen und Köpfen. Überall taucht der Granatapfel auf, eine Art Wahrzeichen und Fruchtbarkeitsgabe, die mit in die Gräber kam…..

vendée fev 2014 005Die Bildungsreisenden des 18. Jahrhunderts, die bis dato nur bis Pompeji kamen oder noch weiter bis Sizilien wollten,  haben dann postwendend Paestum in die Reiseroute der Grand Tour mit aufgenommen. Baron Giuseppe Antonini di San Biase hat als einer der ersten Beschreibungen des Ortes verfasst.  Franzosen, Deutsche, Engländer machten von nun an unzählige Skizzen und Gemälde und die Souvenirkultur blühlte. Man könnte sich Alma Tadema dort vorstellen, wie er Rosenblätter zwischen Tempelsäulen anhäuft und Seume musste an Schillers Mädchen aus der Fremde denken, auch auf der Suche nach Rosen.

Goethe, der Paestum 1787 besuchte, schrieb in seiner „Italienreise“ folgendes: 

„Das Land ward immer flacher und wüster, wenige Gebäude deuteten auf kärgliche Landwirtschaft. Endlich, ungewiß ob wir durch Felsen oder Trümmer führen, konnten wir einige große länglich-viereckige Massen, die wir in der Ferne schon bemerkt hatten, als überbliebene Tempel und Denkmale einer ehemals so prächtigen Stadt unterscheiden […] Von einem Landmanne ließ ich mich indessen in den Gebäuden herumführen, der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer völlig fremden Welt.

Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden bestimmt, so dass uns diese stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäß fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreundet, ja ich pries den Genius, dass er mich diese so wohl erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch Abbildung kein Begriff geben lässt.“

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Im 18. Jahrhundert hat Piranesi unzählige Radierungen von den Tempeln angefertigt die zeigen, was dort für ein Leben herrschte.

In Paestum werden heute immer noch Oliven und  Artischocken angebaut und Büffelmozzarella kann man direkt beim  Bauern kaufen. Wir haben so eine Tenuta besucht. Die Büffel laufen wohl normalerweise auf der Wiese herum – heute allerdings waren sie eingesperrt aber nicht eingepfercht!

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Fotos: Christa Blenk

 

 

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Jenseits der Genzen

P1190498 Cellist Fabio Cavaggion

Besprechung für KULTURA EXTRA

Deutsch-französisches Konzert im Palazzo Farnese

Jenseits der Grenzen

11. November

Mit einem sehr fesselnden und das 20. Jahrhundert repräsentierenden deutsch-französischem Programm wurde gestern Abend an den Beginn des 1. Weltkrieges erinnert und der Mauerfall vor 25 Jahren gefeiert.

Die ankommenden Konzertgäste sammelten sich im Innenhof des Palazzo Farnese und konnten dem Cellisten Fabio Cavaggion bei seiner Interpretation von Bachs Suite Nr. 3 für Violoncello – in Erinnerung an die Interpretation von Mstislav Rostropovich am 11. November 1989 vor der Berliner Mauer – zuhören. Diese Musik in Verbindung mit dem schwindenden Licht in der hereinbrechenden Dämmerung und dem milden Herbstabend brachte eine Art Zaubergartenstimmung hervor.

Das Hauptkonzert fand dann kurz darauf im ersten Stock dieses grandiosen Palazzos statt, interpretiert vom wirklich ausgezeichneten und noch sehr jungen Ensemble Exponentiel, welches der Komponist Geoffroy Drouin 2013 ins Leben rief.

Eines seiner Werke Cinq Méditations sur Le Bernin pour piano, flûte, violon e violoncelle, komponiert 2012 – da war er noch Stipendiat der Villa Medici in Rom – stand ebenfalls auf dem Programm. Dieses kurze Stück hat uns in 12 Minuten durch Rom gejagt, um einige der Werke des Barockbildhauers Gianlorenzo Bernini aufzuspüren. Es beginnt und endet mit Ekstase. Der erste Satz beschreibt also Die Verzückung der Heiligen Theresa von Avila, die Skulptur ist in der Kirche Santa Maria della Vittoria zu finden. Weiter geht die Reise in die Galleria Borghese, dort rastet Drouin zuerst beim David, der sich mit Groll und Mut dem Goliath stellt (man sagt, es sei ein Eigenportrait von Bernini – wütend, selbstsicher und entschlossen). Wir bleiben in der Galleria Borghese und begeben uns zwei Räume weiter zu Apollo und Daphne. Drouin lässt uns die Gier von Apollo, die Panik von Daphne und den Zauber der Verwandlung in den Lorbeerbaum miterleben. Jetzt erlaubt er sich einen kleinen Exkurs zum anderen Barockgenie, nämlich Borromini, und schickt uns zur Borromini-Perspektive in den Palazzo Spada (direkt gegenüber dem Palazzo Farnese, wo wir gerade sind). Hier geht es um optische und sonstige Täuschung und um Überraschung. Die letzte Station befindet sich in Trastevere, in der Kirche von San Francesco da Ripa. Hier darbt und leidet sie, Berninis „Verzückung der seligen Lodovica Albertoni“. Eine Apothesose von Klang und Farbe ganz barock und warm, in der neue und alte Klänge sich finden, sich abschätzen, sich gegenübertreten, sich ablehnen um sich dann doch aneinander zu reihen. Drouin lässt bei diesem kurzen Stück die Zuhörer an seinen Gedanken und an seiner Bewunderung für diese beiden Barockgrößen teilhaben – eine wunderbare Erfahrung, vor allem wenn man die Bernini-Werke kennt!

Die weiteren Werke auf dem Programm waren ein kurzes Flötenstück von Debussy (Syrinx pour flûte – 1913) impressionistisch vorgetragen von Giorgia Santoro; sechs kurze Pianostücke op. 1 (1911) von Arnold Schönberg; ein Experimentierstück Guero pour Piano (1970) von Helmut Lachenmann, dieses war so delikat, lautlos und zart, dass nur ab und zu ein Streichen über die Tasten oder ein hoher Ton bei uns in der 10. Reihe ankam (diesen akkustischen Verlust hatte uns der Pianist allerdings vorher schon angekündigt). Bedauernswert war es trotzdem. Von Hans-Werner Henze gab es zwei kurze, schöne Serenaden aus 1949 für Geige und Cello; die Sonate Nr. 3 für Klavier und Geige von Paul Hindemith (1935) und zum Schluss 27 Minuten Ravel mit dem Klaviertrio in A-Moll (1914). Francesco D’Orazio (Geige), Nicola Fiorini (Cello), Giampaolo Nuti (Klavier) haben hier völlig neue und spannende Schattierungen und Klangfarben oder Rhythmen hervorgeholt. Das Stück durchwandert alle Phasen, die den Ersten Weltkrieg befürchten, hoffnungsvoll weggewischen und dann wieder angekündigen (so hätte sie Gershwin gespielt!). Traditionelle Musik- und Interpretationsgrenzen will dieses junge Ensemble einreißen. Wir werden sicher noch viel von ihnen hören! Ausgezeichnete Performance!

Christa Blenk

Trabi goes Marcello 25 Jahre Mauerfall – der Trabi durchbricht das Teatro Marcello

 

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Italienische Kunst vor dem Ersten Weltkrieg

 gnam-foto
Eingang GNAM mit Ausstellungplakat von Boccioni

Zwischen Sezession und Avantgarde

Aufbruch in Rom: Ära Giolitti

Vor hundert Jahren ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Die Galleria Nazionale d’Arte Moderna (GNAM) in Rom hat im Gedenken daran eine Ausstellung über die mannigfaltigen Kunstbewegungen zwischen 1905 und 1915 organisiert. Ein sehr anspruchsvolles und ausschweifendes Unterfangen.

Das Ende des sogenannten Dekadentismus wurde mit brodelnden Umstürzen – nicht nur in der Kulturszene- eingeleitet. Kunsttendenzen gaben sich im Staffellauf die Hand, verliefen parallel oder lösten sich in Lichtgeschwindigkeit ab: Jugendstil, Symbolismus, Orientalismus, Konstruktivismus, Futurismus, Expressionismus, Fauvismus und Kubismus auf der einen Seite und ein ständiges Fortsetzen der ranzigen und verpöhnten Traditionen , der Landschafts- und Portraitmaler oder Impressionisten auf der anderen.

Der italienische Dichter Edoardo Sanguineti (1930-2010) sagte einmal über die Avantgarde: Sie wäre eine heroische und pathetische Aspiration eines unberührten künstlerischen Produktes …. eine Ware, die fähig wäre mit einer überraschenden und tollkühnen Geste die ausgemergelte und stagniernde Konkurrenz zu besiegen.

Die Industrialisierung und die daraus resultierende Armut oder Ausweglosigkeit setzten wahre Völkerwanderungen in Gang. Träger melancholischer Weltschmerz und Kulturpessimismus trieften hier und führten dort zu einer flitzenden Zukunftseuphorie. Faszination von Tod und Vergänglichkeit brachten Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz mit sich. Eine Epoche ging unweigerlich zu Ende.

Zwischen 1876 und 1915 wanderten schätzungsweise 14 Millionen Italiener nach Amerika oder Südamerika aus, um dort ihr neues Glück zu suchen. Allein 1913 verließen 870 000 Italiener ihre Heimat. Dandy, Snob, Bohemiens stellten sich gegen die Kleinbürger, Philister und Spießer. Ein rauschenes Durcheinander sondergleichen, das sich nach dem Krieg noch bis Ende der 20er Jahre fortsetzen sollte.

Mit dem Ende der Barockzeit, verfiel das Kunstland Italien in eine Schaffensdepression, daraus resultierend landeten die früheren Kunstmetropolen Venedig, Florenz, Rom und Neapel plötzlich am Rande des Geschehens und Bella Italia blieb nur deshalb in aller Munde, weil sich europäische Meister hier auf der Suche nach der Antike tummelten (wie z.B. die Nazarener oder die Pre-Raffaeliten). Der Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert brachte allerdings einen radikalen Wandel mit sich und Italien katapultierte sich wieder mit großem Selbstbewusstsein in die erste Liga.

struck - sündeFranz von Stuck (Die Sünde)

Vom mittel-europäischen Sezessions-Trend (München um 1892, in Berlin um 1898 und Wien um 1897) angesteckt aber auch um eine Gegenströmung zur Biennale di Venezia zu erwirken, schlossen sich in Rom und Venedig (Ca’Pesaro) die Künstler zu einer Sezession zusammen. Sie manifestierten ihre Bedürfnisse nach Reformation oder Erneuerung allerdings eher schüchtern und moderat im Gegensatz zu den radikaleren Futuristen. Die Biennale di Venezia hatte ebenso eine Vorreiterrolle und war extrem ausschlaggebend, damit Italien wieder aus dem Dornröschenschlaf erwachte. Schon 1893 beschloss der Stadtrat von Venedig im zweijährigen Rhythmus die italienische Kunst zu präsentieren. Im April 1895 wurde dann die erste internationale Kunstausstellung der Stadt Venedig eröffnet – in Anwesenheit des italienischen Königspaares Umberto I und Margherita di Savoia. Sie war sofort ein großer Publikumserfolg und erreichte eine Besucherzeit von knapp 230 000.

Umberto Boccioni und Giacomo Balla wandten sich vom bukolischen Landschaftsmalereien-Pfad schon 1905 ab und starteten eine Suche nach Neuem, stellten Müll im römischen Theater Costanzi, der heutigen Oper, aus und konziepierten eine neue Strömung, die sie Futurismus nannten. Mit der Schönheit der Geschwindigkeit brachten sie den Kubismus in Bewegung.

In München gründeten Kandinsky und Marc den Blauen Reiter und die Brücke-Künstler zogen sich zur Meditation zurück. In Paris malte Marcel Duchamps seine „nackte Frau die Treppe herabsteigend“ und Picasso, zum viertal Mal in Paris, lernte Gertrude Stein und Matisse kennen.

ballaneuGiacomo Balla – Manifesto per la mostra alla sala Arte Angeletti (Entwurf 1915)

Den Anfang der Ausstellung bildet das kürzlich extra für die Ausstellung restaurierte und noch nie ausgestellte Fries „Italien triumphiert mit Härte und Intelligenz“, das Edoardo Gioia für den italienischen Hauptpavillon der Weltausstellung 1911 in Turin fertigte. Titel und Inhalt des Kunstwerkes lassen bereits eine angestrebte italienische Hegemonie und den kommenden Faschismus erahnen. Im Laufe der Ausstellung werden dann immer wieder die Eckpfeiler der Ausstellung, nämlich die Futuristen Boccioni, Severini und Balla präsentiert u.a. mit Ballas Portrait von Tolstoj 1911 oder Boccionis Eigenportrait das irgendwo zwischen Pointillismus und pittura-metafisica hängt. Balla war Boccionis Lehrer und kam 1901, in Paris wo er sich mit divisionistischen Techniken befasste; Boccioni hingegen interessierte sich eher für die Impressionisten und Neo-Impressionisten. Er war 1902 in Paris. Balla hielt sich außerdem zwischen 1912 und 1914 öfter in Düsseldorf auf, um dort ein Auftrags-Wandbild zu fertigen. Nach dem Krieg würde er für Djagilew und das Ballet Russe arbeiten. Ausgestellt ist auch Ballas Entwurf von 1915 des  « Manifesto per la mostra alla sala Arte Angeletti » . Kreischend fordert es « Tod für Deutschland » und « Tod für Österreich » – hier dürften wohl auch noch Reminiszensen aus dem Risorgimento zu hören sein. Mit einem Augenzwinkern auf die Wiener beziehungsweise Münchner Sezession hängen da zwei Bilder von Klimt und Schiel und die Sünde von Franz von Stuck. Im Raum daneben dominiert ein großes Gemälde vom Symbolisten Hodler (Die Empfindung VI, 1911). Zwischendrin wird man wieder runter gerissen mit weniger interessanten Werken von den italienischen Nachahmern. Zwei wunderbare Werke von Kees van Dongen (darunter „Finger an der Wange“ aus Rotterdam) versöhnen uns dann wieder mit dieser Ausstellung. Ein dreidimensionales Werk aus der Tänzerinnen-Serie von Gino Severini, er hatte 1906 in Paris Modigliani und die Kubisten kennen gelernt. Alexandra Exter, Egon Schiele, Archipenko sogar ein Van Gogh. Die Liste der ausgestellten Künstler will gar nicht aufhören. Viele Exponate kommen aus dem eigenen Keller oder sind sonst sowieso dort ausgestellt. Eine Impressionistenecke mit einem echten Bonnard und seine italienischen Jünger. Hierbei handelt es sich aber eher um eine Weiterentwicklung als um etwas Bahnbrechendes. Bonnard und Matisse als die großen Vorbilder, ihre Werke wurden erst durch die Ausstellung von Ardengo Soffici in Florenz 1910 in Italien bekannt.  Durchaus auch Exponat aus europäischen Museen.  Ein halber Raum ist Ballas Kinderzimmer gewidmet, dann wieder Landschaften, Büsten von Medardo Rosso, ein De Chirico, Giorgio Morandi und eine Großzahl von Werken, nicht immer wertvollen, von Carlo Carrà, der sich ebenfalls dem Futurismus anschloss. Muranovasen von Hans Stoltenberg Lerche und Projekte für die Gestaltung von eleganten Salons, zum Teil kitschiger Schnick-Schnack aus Elfenbein und bemaltem Holz oder ein Fächer des Landschaftsmaler Giovanni Segantini.

 
boccioni2014-10-30 19.05.59Severini
Boccioni (Autoportrait 1905) , Balla (linena di velocità + vortice, 1914), Severini (Tänzerin, 1915) – die drei Hauptprotagonisten des Futurismus

Die Hängung der Bilder erscheint etwas chaotisch, repräsentiert aber die Vielseitigkeit und das künstlerische und politische Durcheinander das herrschte, wobei konventionelle Kunst überwiegt. Zu fast jedem ausgestellten Werk findet sich ein Pendant in der deutschen oder französischen Malerei. Zeitgeist und Plagiat? Der San Sebastiano (1912) von Aroldo Bonzagni sieht wie ein Gemeinschaftswerk von Otto Müller und Otto Dix aus. Bonzagni war ein Freund von Boccioni und hat das erste Manifest der futuristischen Maler schon 1910 unterschrieben. Er ist schon 1918 an der spanischen Grippe verstorben. Viele Werke von Felice Casorati, die ähnlich wie Matisse von Orientalismus und Symbolismus fasziniert war.

Mit all diesen Stimmungen, Strömungen und Tendenzen konfrontiert uns diese Ausstellung und hinterlässt doch ein Chaos im Kopf.

Natürlich kann man nicht vom Futurismus sprechen, ohne den selbstverliebten und brillanten italienischen Schriftsteller und Politiker Tommaso Marinetti zu erwähnen. Marinetti, in Ägypten von italienischen Eltern geboren, genoss eine französische Erziehung und kam um die Jahrhundertwende nach Paris, wo es sich auf die Suche nach einer „Neuen Formel der Kunst-Aktion“ machte. 1909 fand er sie und konfrontierte – unmittelbar umjubelt – die Welt mit seinem Futuristischen Manifest. Futurismus steht für etwas, das in der Gegenwart noch nicht angekommen ist und auf das man im rasenden Zug sitzend zusteuerte. Mit flammenden Zitaten wie „Wir wollen den Krieg verherrlichen, diese einzige Hygiene der Welt“ schockierte er. Die Welt war definitif bereit für Gewalt. Die Natur war verpönt. Boccione, der wichtigste Vertreter der Futuristen, verunglückte übrigens während seines Militärdienstes 1916 und zeigte so die andere, hässliche, Seite des Krieges. Sein „Idolo Moderno „ entstand 1911 und ist dem Fauvismus zuzuordnen. Es ist auch das Titelbild der Ausstellung.

Ein rauschendes Gefährt, das wie eine Gewehrkugel daherkommt ist schöner als die Nike von Samothrake, sagte Marinetti. Der Schriftsteller und Politiker kokettierte zuerst mit den Anarchisten und wusste anfangs wohl selber nicht, wo er eigentlich stehen wollte – endete aber schließlich nach dem Ersten Weltkrieg bei den Faschisten und der kalten (Gebrauchs-)Kunst, wie De Chirico oder Sironi. Mit seinem Schlachtruf kam Marinetti 1909 auf die Titelseite des Pariser „Figaro“

-„Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken, … Leitet den Lauf der Kanäle um, um die Museen zu überschwemmen! … Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!“

Damit sprach Marinetti alle gewaltbereiten Gruppen auf der rechten und linken Schiene incl. die Anarchisten an und mit dieser Glorifizierung von Maschinen, Gewalt und Krieg, mit der Ablehnung von Kultur und Natur, musste diese Stimmung unweigerlich zum Kulturpessimismus, ja zum in den Faschismus führen. Fortschritt, Ausbeutung, Geschwindigkeit, Gefühllosigkeit bewegten ihn.

Ein Jahr später entstand das Manifest der futuristischen Malerei: Die Maler Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Gino Severini und Giacomo Balla sowie der Architekt Enrico Prampolini und der Musiker Luigi Russolo gehörten dazu. Alles fließt, nichts steht still, Bewegung überall.

Jetzt sind natürlich so große Mammutausstellungen, von denen man einige – vielleicht gut so – noch nie zu sehen bekam, immer sehr schwierig zu beherrschen und kann schnell ein Kraut- und Rübensalat, in dem der rote Faden verloren geht, werden. Viele zweitklassige Werke verschwinden unter den guten Bildern. Unbekannte Künstler lernt man durch ein ausgestellten Werk außerdem eh nicht kennen. Einige der wichtigen Werke hängen sonst auch in der GNAM – bis auf ein paar Ausnahmen wie Boccionis Ausstellungsplakat aus London. Nur werden sie jetzt mit europäischen Meisterwerken wie mit denen von van Dongen zusammengebracht. De Chirico, der in dieser Zeit seine pittura metafisica entwickelte, ist nur mit einem Werk vertreten, obwohl von ihm das Museum eine große Anzahl besitzt. Wie gesagt, weniger wäre mehr gewesen.

Trotzdem eine sehenswerte Ausstellung und durchaus eine Auseinandersetzung damit wert. Kombiniert mit dem Besuch der Sironi- Ausstellung versteht man diese ausufernde und dramatische Zeit ein wenig mehr.

1871 wurde Rom  die Hauptstadt von Italien. Die GNAM wurde 1883 erbaut mit dem Ziel, einen Ausstellungsort für die zeitgenössischen noch lebenden Künstler zu schaffen.

Kuratiert hat diese ausschweifende Ausstellung Stefanie Frezzotti, sie umfasst  an die 200 Exponate, die in insgesamt 15 Räumen hängen und von über 60 Künstlern sind, die man gar nicht alle hier erwähnen braucht und kann.

Christa Blenk

 

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9. November 2014 – 25 Jahre Mauerfall

So sah das in Rom aus!

Der Trabi durchbricht das Teatro Marcello aus der Römerzeit!

Trabi goes Marcello

Hommage a Gabo

locaDie kolumbianische Botschaft organisierte gestern abend im Auditorim Parco della Musica – im Teatro Studio Gianni Borgna – einen Abend für den Nobelpreisträger und Hauptvertreter des magischen Realismus, Gabriel Garcia Márquez, der am 17. April 2014 verstarb.

Der Tenor Alejandro Escobar stellte ein leidenschaftliches und von Bewunderung sprechendes Programm zusammen und führte das Publikum durch die Lebens- und Wirkensstationen von Gabo, die er immer wieder musikalisch untermalte. Er hat damit einiges geleistet.

gerardo neuDer belcanto-Tenor, der zur Zeit am Teatro Torino ist, sang Zarzuela, Tango, Chanson: Es begann mit « Carmen de Bolivar », ging dann von « La Mucura » zu  « Arrivederci Roma » in Anlehnung an Gabos Aufenthalt in Rom als Korrespondent und auch an seine Verehrung des italienischen Kinos. Edith Piafs « La Vie en Rose » beschrieb seinen Aufenthalt in Paris und « Vuelvo al Sur » manifestierte seine Unterstützung für Allendes Chile. « La Tabernera del Puerto » sollte seine Zeit in Barcelona beschreiben, dort ist er plötzich durch den Verkauf seines Hauptwerkes « 100 Jahre Einsamkeit » ein reicher Mann geworden. Gabos Lieblingslied « La Diosa Coronada » hat er sogar zweimal – auf Wunsch des Publikums – vorgetragen. Und beendet hat er den Abend mit « Mexico lindo y querido » und nochmals erwähnt, dass Garcia Márquez Mexiko genauso lieb war wie seine Heimat Kolumbien – in Mexiko ist er auch verstorben.

gerardoneu2Begleitet wurde Alejandro Escobar durch den italienischen Pianisten Maestro Claudio Martelli.

Illustrationen: Gerardo Aparicio

Christa Blenk

 

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Romaeuropa Festival: Dada Masilo – Carmen

dadamasilo
 

 Besprechung für KULTURA EXTRA – Verführung und Tod – Nicht für Puristen geeignet

Seit sie 2012 beim Romaeuropa Festival an der Seite von William Kentridge in dem Stück „Refuse the hour“ triumphierte und im letzten Jahr das römische Publikum mit ihrer neuen „Schwanensee“-Produktion in den Tanzhimmel schickte, wurde der Auftritt von  Dada Masilo und ihrer Truppe beim diesjährigen Romaeuropa Festivals, das jedes Jahr von Ende September bis Ende November in Rom in verschiedenen Theatern stattfindet, mit Sehnsucht erwartet.

Die südafrikanische Tänzerin Dada Masilo hatte dieses Jahr „Carmen“ im Gepäck. Diese Bizet-Oper ist seit der Premiere in Wien 1875 ein Dauerbrenner und schon 1915 drehte Cecil B. DeMille den ersten Stummfilm über das Werk. Lubitsch, Feyder, Saura und Aranda kamen nach. Es gibt sogar eine Carmen on Ice Revue. 

Die Bühne ist leer. Carmen betritt in einem roten Kleid die Szene. Nur eine rote Akazie ziert ihren kahlgeschorenen Kopf. Still und leise – ohne Musik – fängt sie zu tanzen an, dann ruft sie „Fuck the shit“ und tritt ab. Kurz darauf stürmen alle Tänzer auf die Bühne – die Soldaten und die Tabakfrauen – und die Habanera wird zum Flamenco, der dann plötzlich in einem afrikanischen Ritualtanz ausartet. Das geht so schnell und ist so genial inszeniert, dass wir den Übergang erst wahrnehmen, als sich schon die nächste Phase ankündigt. Manchmal fliegen Wörter in Afrikaans oder Siswati durch die Luft. Micaela, im goldenen Kleid, und Carmen, erotisch und verletzlich, selbstsicher und mutig, kreischen sich an und wirbeln durch die Gegend oder werden von den Männern hin und her geworfen, fast wie Spielbälle. Don José verschmäht Carmen und hängt sich an Micaela. Plötzlich fliegt Escamillo mit -oder auf – einem Torero-Umhang auf die Bühne (herrliche, blitzschnelle Szene) und sein Interesse an Carmen treibt Don José unweigerlich und endgültig zu ihr, die ihn nun nicht mehr will. Dada Masilo greift jetzt in die Handlung ein. Don José muss die unwillige, abweisende Carmen brutal vergewaltigen und die gesamte Tänzerschaft, jetzt im schwarz-weißen Bürodress, baut sich theatralisch-anklagend im Halbkreis um ihn auf bis Escamillo erscheint und Carmen im Zweikampf mit José rächt. Don José bleibt tot am Boden liegen, während sich Carmen langsam wieder aufrichtet. Hierzu ertönt ein Auszug aus den Lamentate von Arvo Pärt.

Charisma und Perfektion von Dada Masilo und ihrer Truppe lassen sie unbedingt gleichberechtigt neben allen Weltklasse-Tänzern stehen!

Mit sechszehn Jahren hat Masilo den Film von Mats Eks gesehen und seitdem spukt das Carmen-Bild in ihrem Kopf herum. Carmen ist dermaßen böse und ist all das wovor die Mutter immer gewarnt hat, sagt sie. Carmen ist so, wie man nicht sein sollte. Diese „crossover-Produktion“ ist alles andere als oberflächlich. Hier geht es um Eros und Thanatos, um Manipulation, Schmerz, Ambition und Rache – kurz um griechisches und Welttheater.

Im Frühjahr 2014 wurde diese flammende Fusion zwischen klassischem Ballett, afrikanischem Tanz und Flamenco-Habanero-Rhythmen auf der Tanzbiennale in Lyon uraufgeführt.

Zwölf Tänzer und Tänzerinnen ließen 70 elektrisierende Minuten gerade mal wie 20 erscheinen! Funken sprühen durch das Theater und – sogar die Römer – hielten die Luft an.

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  »Muerte española » (spanischer Tod) Gerardo Aparicio

Ironisch-witzig, aufmüpfig-trotzig, profund und frei geht Masilo mit den Klischeevorstellungen dieser Oper um. Ein bisschen Bizet, dann wieder Auszüge aus den Lamentate von Arvo Pärt und Fragmente aus der Carmen Suite von Rodion Schchedrin: „I searched for Bizet and found Shchedrin“ (Dada Masilo).

Im township Soweto/Johannesburg ist Masilo geboren und hat klassisches Ballett studiert. Die afrikanischen Schritte und Rhythmen reihten sich langsam aber sicher und humorvoll in ihre Produktionen ein und geben den klassischen Tutu-Sätzen etwas archaisch primordiales. Das hat man schon bei der provozierenden Produktion von Schwanensee im letzten Jahr erfahren. Ihre Lieblingsheldinnen sind Ophelia, Julia, Odette und Carmen und immer verstecken sich politische Botschaften zu Homosexualität, Rassismus, Gewalt und Homophobie in ihrem Land (aber nicht nur) dahinter.

Genial! So hat man Carmen noch nie gesehen. Uns bleibt nur abzuwarten, mit welcher Heldin sie im nächsten Jahr antanzen wird.

Christa Blenk

 

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Berliner Philharmoniker : La resurrezione

Digital Concert Hall – The Berliner Philharmoniker live on the Internet

Das Goethe Institut Rom hat heute eine Direktübertragung aus der Berliner Philharmonie der Resurrezione von Händel im Auditorium in der Via Savoia gezeigt. Die Französin Emmanuelle Haïm am Pult hat gemeinsam mit den Sängern Camilla Tilling (Engel); Christiane Karg (Magdalena); Sonia Prina (Maria Kleophas); Topi Lehtipu (Johannes); Christopher Purves (Luzifer) eine zauberhafte Aufführung realisiert.

In der Pause hat Emmanuelle Haïm über Händel und die Entstehung der « Auferstehung » und der ersten Aufführung im Palazzo Ruspoli1708  in Rom erzählt. Oratorien waren Anfang des 18. Jahrhunderts an der Tagesordnung, da der Papst ein Verbot erlassen hatte, keine Opern mehr aufzuführen: Einmal als Dankeschön, dass die Pest 1700 so glimpflich an Rom vorbeiging und zum anderen um ein Versprechen anlässlich des Heiligen Jahres einzuhalten.

Flöte 006Man hat natürlich nicht das Konzerthaus-Gefühl, dafür aber wunderbare Aufnahmen des Orchesters und Nahaufnahmen der Sänger. Topi Lehtipu z.B. fühlt die Noten mit den Händen. Fast zärtlich streift er über die Partitur, so als ob er die Noten über die Finger aufnehmen wollte. Sonia Prina umwerfend temperamentvoll, so auch Camilla Tilling. Christopher Purves fantastischer Bariton hat überzeugend seine Rolle als unglaubwürdiger Luzifer gespielt und mit dem Engel teilweise geflirtet.  Christiane Karg eine sehr zurückhaltende Magdalena. Alle miteinander waren sie genial.

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Christa Blenk

 

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Misa Azteka beim Festival Internazionale di Musica e Arta Sacra

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Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra (22.-29. Oktober 2014 in Rom)

Nach Händels „Saul“,  dem „Deutschen Requiem“ von Brahms, Bruckners „Messe in F-moll mit Te Deum“, Schuberts „Lazarus“ war auch die 13. Ausgabe dieses Festivals wieder der deutschen Musik gewidmet. Doris Hagel, Leo Kraemer und Ingo Metzmacher standen u.a. am Pult aber auch von den Solisten kamen viele aus Deutschland. Gestern abend allerdings wurde die Linie unterbrochen und in der Basilica Sant’Ignazio di Loyola zwei zeitgenössische (süd)-amerikanische Werke aufgeführt.

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Die Misa Azteca von Joseph Gonzalez und das Requiem von Mark Hayes.

Der amerikanische Komponist Joseph Julian Gonzalez hat seine Misa Azteka 1997 komponiert. Uraufgeführt wurde diese musikalische Zelebration für Orchester, Chor und Solisten in sieben Sätzen ein Jahr später beim renommierten El Cervantino Festival in Guanajuato, Mexiko. In diesem Oratorium vermischen sich zwei Kulturen und Religionen zu einer unschlagbaren Symbiose. Mit indianischem Trommelgedonner geht es los und dann bricht auch gleich der Chor, der mindestens aus 80 Sängern, mit auf. Das spanisch-aztekisch gesungene Kyrie wird durch ein pompös-melodisches Gloria für Chor und Tenor  in lateinischer Sprache abgelöst. Der Bariton Victor Chan kommt aus Mexiko und hatte seinen persönlichen Kampf, um mit dieser Kuppelakkustik fertig zu werden. Er hat ihn aber gewonnen. Gewaltig und an Orff erinnerend das Graduale für Chor und Soprano ist komplett in der für uns absolut nicht nachvollziehbaren Azteken-Sprache verfasst. Als Grundlage hierfür hielten mexikanische Cantares her, die aus einem Manuskript aus dem 16. Jahrhundert stammen. Geschrieben Erklärungen oder Aufzeichnungen von den Rhythmus auf der Basis von vier Vokalsilben: ti, to, Ki, co, machen es heutzutage möglich, diese aztekische Musik umzusetzen und aufzuführen. Charisma Millers hohe klare Stimme setzt sich besser durch als die Mezzosopranistin Linda Scott. Das Credo gehört dem Tenor und ist wieder in spanisch-lateinischer Sprache verfasst. Es ruft Reminiszenzen an die mexikanische Volksmusik hervor und ist sehr rhythmisch. Das rauschende Sanctus, das dann erstmals zeitgenössische Passagen birgt, ertränkt die Mezzo-Solistin fast komplett. Vielleicht haben die ersten drei Reihen auf den pompösen Stühlen mehr gehört. Dann und wann wirft die dynamische und quirlige Dirigentin aus Chicago Teresa Russel den Kopf zurück um den Solisten, die vor ihr stehen, verzweifelte Blicke zuzuwerfen, um sie mit den verrückt spielenden Trommeln wieder zu vereinen. Es hörte sich aber trotzdem toll und doch wieder gewollt an. Das Agnus Dei wird daraufhin von aztekischen Kriegstrommeln eingeleitet und man darf sich so allerlei religiös-pagane Rituale vorstellen. Es gehört dem Chor, Tenor und Sopran. Beim letzten Teil, Ite Misa Est, hatten dann wieder Orff und Strawinsky Pate gestanden. Nach einer progressiv aufgebauten Spannung ging dieses bombastische und Werk mit Trommelhagel zuende. Im Programmheft stand auch, dass Gonzalez von Bachs H-Moll Messe beeinflusst war. Das habe ich nicht gehört – mag aber an der Akustik gelegen haben

Religiöse zeitgenössische Musik hat oft auch etwas konventionellere Züge, es soll ja die Kirchgänger nicht verschrecken. Das hat sich auch beim zweiten Werk gezeigt. Der 1953 geborene amerikanische Komponist Mark Hayes dirgierte selber sein Requiem, das 2013 in New York im Lincoln Centre uraufgeführt wurde. Er hat sich auch nicht so richtig an Atonales und Disharmonisches gewagt, sondern gründlich die verschiedenen Requiems von Mozart, Brahms, Faure und Duruflé studiert – und das hat man auch gehört. Hayes vertonte nur sechs der zwölf traditionellen Texte eines Requiems, d.h. Requiem Aeternam, Kyrie, Dies Irae, Sanctus, Agnus Dei und Lux Aeterna. Fast komplett in lateinischer Sprache mit Minireferenzen aus dem Englischen. Traditionell lösen sich Trauer, Angst, Wut, Frieden und Hoffnung ab. Nach dem wehmütigen Requiem ein lieblich-helles und klassisch-herkömmliches Kyrie, abgelöst von einem sehr zornig-wütigen ein wenig jazzigem Dies Irae für Chor und Bariton, der Rest dieer Komposition ist nur für Orchester und Chor gedacht. Eine interessante Rhythmusänderung kündigt das Sanctus an, bei dem ein sich wiederholendes liebliches Glockenspiel vorherrscht. Sein Agnus Dei ist reizend und seicht und hört sich wie Filmmusik zu einer Rosamunde Pilcher Schnulze an: Hoffnungsvoll und kuschelig. Leuchtend und sehnsuchtsvoll in C-Dur das Lux aeterna

Mit weit ausschweifenden Melodien und permanent sich verändernden und neu entwickelnden Tonarten fängt er die gesamte Spannweite der Emotionen und spirituellen Erleuchtung ein. Hayes hat es seinen Eltern gewidmet.

Gespielt hat das Orchestra Roma Sinfonietta, das mir unter Teresa Russell fast besser gefallen hat. Der Chor war gut zusammen gewürfelt aus verschiedenen amerikanischen Chören, die sich aber prächtig verstanden.

Rundum war dieser Nachmittag wirklich etwas besonderes.

Das Festival Internazionale di Musica  e Arte Sacra, findet dieses Jahr zum 13. Mal statt und wird mit einem Sonderkonzert « Nur für Wohltäter der Fondazione » mit Pssalite Deo Sapienter in der Päpstlichen Basilika San Giovanni in Laterano unter Leitung von Massimo Palombella zu Ende gehen.

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Diese Konzertreihe in den großen römischen Kirchen (incl. Petersdom) sind gratis. Man muss sich nur im Internet registrieren,  um dabei zu sein können. Dreiviertel der Plätze allerdings sind reserviert für kirchliche (und zivile) VIPs, Sponsoren und Reisegruppen (vor allem aus Deutschland). Diese dürfen im sonntäglichen Gewand nach vorne schreiten. Die Nichtzahler kommen entweder ganz früh oder müssen stehen. Gestern Nachmittag waren wir sehr früh dran und hatten schon beim ersten Anlauf einen ziemlich guten Platz. Da es aber ein sonniger Sonntagnachmittag war, zeitgenössische Musik die eher konservativen Kirchgänger vielleicht weniger anzieht und es um 21.00 Uhr in der Paulskirche außerhalb der Mauern Verdis Requiem auf dem Programm stand, durften wir kurz vor Beginn noch ca. 10 Reihen nach vorne rücken. Was ein Glücksfall war, da die Kirche zwar fantastische Fresken aber eine unmögliche Akkustik hat.

Christa Blenk

 

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Festival di Musica e Arte Sacra a Roma

P1190202 Konzert am Sonntag, 26.10. – Sanct’Ignazio di Loyola

Freitag, 24.10.2014 in Santa Maria Maggiore

Bruckner – Messe Nr.3 in F Moll (WAB 28)  und Te Deum (WAB 45)

PalatinaKlassik-Vokalensemble, Philharmonischer Chor an der Saar

Solisten: Susanne Bernhard, Oscar de la Torre, Susanne Schaeffer

Leitung : Leo Kraemer

Korrekte Aufführung in dieser Wahnsinnskirche, aber etwas flach (mag an der Akkustik gelegen haben). Keine Nachhaltigkeit, keine Höhen oder Tiefen, keine Fehler, keine falschen Noten und trotzdem un-perfekt. Sehr unruhiges Publikum und nach 50 Minuten begann ein Kommen und Gehen und Stühlerücken – jedenfalls auf den Plätzen für das gemeine Volk.

 

Am 25. Oktober ging es dann weiter in der Kirche San Giovanni in Laterano. gleicher Chor, gleiches Orchester, gleiche Sopranistin, gleiche Empfindung ….

 

Sonntag, 26. Oktober in der Basilica di Sant’Ignazio di Loyola ein Konzert mit zeitgenössischer Kirchenmusik, u.a.

Misa Azteca von Joseph Julian Gonzalez. Komponiert 1997 als Teil eines Begegnungsprogrammes mit dem Komponisten. Uraufgeführt wurde sie im Tijuana Cultural Center durch das Orchester von Baja California/Mexiko. Musikalisch kombiniert die Messe spanische und lateinische Texte der römisch-katholischen Liturgie unter Einbeziehung von mexikanischen Cantares.  Bachs H Moll Messe hat ihn dazu inspiriert, ebenso Strawinsky und Orff. Sozusagen ein Neo-Barock-Epos.

und das Requiem von Mark Hayes.

Sehr gute Aufführung trotz miserabler Akustik in der Kirche. S. ausführlicher Bericht …

 

Christa Blenk

 

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