Die Kriminellen der Frau A. – Auf dem Weg zu Ovartaci

Berliner Atonale III – Werkstatt im Schillertheater

 

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Die Kriminellen der Frau A. – Auf dem Weg zu Ovartaci

 Er ist zweifelsohne unser interessantester Patient! Darüber sind sich die Ärzte in der Psychiatrie einig. Mehr noch, vielleicht wären sie sogar gerne ihr eigener Patient!

Und darum geht es in diesem Werk: um psychische Krankheiten, deren Ursachen und Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf das Umfeld des Kranken und seiner Mitmenschen und um Kunst, die daraus entstehen kann.

Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben.

Tanja Langer hat die Texte zur Ovartaci-Oper geschrieben und ein Pool von 13 Komponisten hat die bis jetzt existierenden Szenen vertont. Erschütternd und mitreißend Text und Musik – manchmal die Grenze austastend von dem was man moralisch vertreten kann, darf oder will –  grandios, bilderreich und fesselnd die Darbietung der Solisten. Begeisternd-dionysisch und enthusiastisch vorgetragene Balladen die an Schönberg denken lassen und ganz neue Töne. Man glaubt gar nicht, welch bemerkenswerte und spannende Laute oder Geräusche eine Fahrradpumpe oder zu Boden fallende Murmeln hervorbringen können.

Ulrike Brand
Ulrike Brand während « Heiss ist das Blut, kalt ist der Stahl »
Foto: © Helena Lingor

Die Ouvertüren-Arie für Bariton, Percussion, Klavier und Cello hat Rainer Rubbert komponiert. Sie beschreibt Ovartacis kohlenschippende und hungernde Reise auf einem Frachtdampfer von Argentinien nach Dänemark. Das, was Rubbert verspricht, halten die nachfolgenden Komponistenkollegen unbedingt ein. Das Publikum wird emotional eingebunden in die verschiedenen Abschnitte von Ovartacis Leben. Ein Elektronik-Solo von Eros Holz beschreibt den Gang des Psychiaters durch den Klinikflur. Die bewundernde Verblüffung über so ein Talent der Ärzteschaft hat Gabriel Iranyi für Mezzosopran und Violoncello vertont. Weiter mit einer geheimnisvollen Rauchorgie mit einem geheimnisvollen Chinesen und Argentiniern, die Martin Daske von einem Bariton, zwei Sängerinnen, Klavier, Violoncello und Elektronik erzählen lässt. Später sitzen wir auf dem Gepäckträger beim Landausflug  mit Klingel, Blumen und Schmetterlingen (und einem Augenzwinkern zu Rossinis Miau-Arie). Mayako Kubo hat diesen Teil für Bariton, zwei schauspielernde Sängerinnen und Percussion. komponiert, der einer der besten in der Oper ist. Bei Wanting to fly für Sopran und Violoncello liegt Ovartaci auf dem Boden; Charlotte Seithers Musik ist minimal und delikat, ätherisch, umso härter und überraschender, schaudernd gleich danach Ovartacis Selbstkastration, komponiert von Helmut Zapf für Bariton, Violoncello und Klavier. Unschlagbar hier Thorbjörn Björnsson; seine Stimme geht prompt eine Oktave höher. Über Liebe referiert Susanne Stelzenbachs Ballade und Stefan Lienenkämpers Musik beendet den Trip mit dem Schlaflied Sleep well, my love – Ovartaci und seine Pferdefrauen für Bariton, zwei Sängerinnen, Steine und Elektronik.

Spannend und abwechslungsreich die unterschiedliche Annäherung an Ovartacis Lebensgeschichte, die einmal aus seiner eigenen Perspektive und dann wieder von den Ärzten oder Psychologen erzählt wird.

Der dänische Maler und Dekorateur Louis Marcussen (1894-1985) verbrachte 56 Jahre seines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen. Den Namen Ovartaci hat er sich selber gegeben. Er kommt vom jütländischen Wort Overtossi, was soviel wie Oberidiot bedeutet (in dem Kapitel Puma, Blume, Schmetterling / 64 times I was born wird darüber sehr humorvoll berichtet). Die Ärzte erkannten schnell sein Talent und ließen ihn künstlerisch und kreativ sein. Es entstanden viele Arbeiten aus Pappmaché, Skulpturen oder phantasievolle Flugmaschinen. Ovartaci verarbeitete sogar leere Zahnpastatuben und war ausgesprochen kreativ, wenn es um das Einbringen seltsamer Materialien, Mythen oder Personen in sein Werk oder sein Leben ging. Mit 63 Jahren wurde bei ihm durch einen amerikanischen Chirurgen eine Geschlechtsumwandlung vollzogen. Über die von ihm selbst durchgeführte Entmannung erzählt die Ballade  Heiss ist das Blut, kalt ist der Stahl. Künstler wie Jean Dubuffet oder Asger Jorn, deren Arbeiten sich manchmal der Art Brut nähern, haben ihn als Talent erkannt. Heute sind seine Arbeiten vor allem im Museum in Århus/Dänemark zu sehen. Die Oper, die fast sein ganzes Leben behandelt, bringt uns diesen doch recht unbekannten Künstler nahe. Sie soll in der diesjährigen dänischen Kulturhauptstadt Aarhus zur Aufführung kommen.

 

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 Die Schattenmänner von Ina Abuschenko-Matwejewa

Vor den Ovartaci-Szenen wurden die Geschichten von drei anderen psychisch Kranken, die die Kunsttherapeutin Ina Abuschenko-Matwejewa behandelte, erzählt. Der Bilderzyklus ihrer kriminellen Schattenmänner hängt dem Publikum gegenüber an der Wand hinter den Instrumenten. Tanja Langer legt den kriminell gewordenen Patienten verteidigende oder erklärende Worte in den Mund. Thomas Hennig komponierte die Arie des Steinewerfers Wer fragte Isaak. Gabriel Iranyi vertonte in Feuerkopf  einen Dialog zwischen Frau A., dem Brandstifter und der Cellistin Ulrike Brand. Die Ballade vom Tigermann, dem Mörder, hat Samuel Tramin für Mezzosopran und Klavier komponiert, hier spricht Frau A.

Thomas Hennig auch am Pult, wenn Musiker und Sänger gemeinsam zum Einsatz kommen. Die meisten Arien oder Opernfragmente sind im letzten Jahr entstanden.

Hin- und hergerissen sind wir zwischen der Psychologie und den kriminellen Akten. Manche Arien gehen in Form von permanent sich wiederholenden Wörtern oder Buchstaben auf die Sprache eines psychisch Kranken ein, andere beschreiben den Enthusiasmus, das Geschehen, die Freude und die Stille.

Das Lied für Barbara Suckfüll Tunk die Feder in die Tinte ist von der Komponistin Irini Amargianaki.

Ausgezeichnet und darstellerisch wie stimmlich fantastisch die Solisten Ramina Abdulla-zadè (Sopran), Claudia Herr (Mezzo), Thorbjörn Björnsson und Manuel Nickert (Bariton), Ulrike Brand (Violoncelllo), Alexandros Giavanos (Percussion), Martin Schneuing (Klavier) Martin Daske (Elektronik). Ihr Enthusiasmus und das Vertrauen in dieses anspruchsvolle Projekt haben sich auf das Publikum übertragen. Außer den herunterfallenden Murmeln war kein Mucks zu hören.

Die Texte stammen alle von der Schriftstellerin Tanja Langer, sie war auch ein wunderbarer Cicerone durch den Abend. Ihre Texte sind einfach, anspruchsvoll, verständlich und inhaltsreich. Sie überlässt viel der Interpretation der Sänger und Musiker – und die enttäuschen nicht!

Auf jeden Fall schon mal ein Grund, die diesjährige Kulturhauptstadt Århus zu besuchen. Bis dahin wird die Truppe sicher ein weiteres Stück Auf dem Weg zu Ovartaci zurückgelegt haben.

 

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Interpreten und Komponisten nach der Aufführung

 

Christa Blenk

 

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KINDL – Zentrum für zeigenössische Kunst – aktuelle Ausstellungen

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 Außenansicht KINDL

 

Wie lange dauert ein Augenblick?

Im Oktober 2016 wurde in der einstmaligen Brauerei Kindl in Berlin-Neukölln ein neues Zentrum für Zeitgenössische Kunst eröffnet. Auf 5500 qm insgesamt sollen dort in Zukunft neue Ideen und zeitgenössischen Kunst- und Kulturevents konzipiert und gezeigt werden.

Kurator ist der Schweizer Andreas Fiedler; er will sein Haus im Dreiklang führen, d.h. es soll dort jeweils drei unterschiedliche Ausstellungen geben. Eine ortsspezifische Installation im Kesselhaus, eine thematische Gruppenausstellung und eine individuelle Schau im Maschinenhaus 1 und 2.

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Den prominentesten Platz, nämlich zwei Etagen im Maschinenhaus, belegt der Dresdner Maler Eberhard Havekost (1967). Er gehört zu den bekannteren deutschen Künstlern seiner Generation. In der Ausstellung werden Werke der letzten zehn Jahre gezeigt, was für den Besucher einem Streifzug durch fast alle Malstile der letzten Jahrzehnte gleichkommt. Schonungslos und ohne Berührungsängste referiert er über Rothkos harmonische Farbflächen, Lichtensteins Pop-Lippen, O’Keefes beunruhigende Blumen (wie Poison, 2014), Cesars Schrotthaufen (Transformers, 2014) und Lledós Neo-Minimalismus. Was will er, worum geht es ihm? Auf jeden Fall will er nicht auf einen Stil festgelegt werden. Er arbeitet mit Hilfe von Fotografie,  lässt sich von Werbebildern oder vom Kino inspirieren; das große Gemälde im letzten Saal Homo Erectus Erectus (2016) berichtet darüber: Es scheint aus einem 19. Jahrhundert Naturkundemuseum ausgeliehen zu sein. Abstraktes und Gegenständliches teilen sich unbarmherzig die großzügigen Räume und wüsste man nicht, dass es sich um eine Einzelausstellung handelt, würde man permanent auf der Suche nach den Namen der anderen Künstler sein.

Bis 19. Februar 2017 ist die Schau noch zu sehen.

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 Eberhard Havekost – Raum 6,B06 (2006)

Die erste thematische Gruppenausstellung How long Is Now, die das Museum eröffnete und die im ersten Stock im Maschinenhaus noch bis 19. Februar 2017 gezeigt wird, befasst sich mit dem ewig zeitlosen Thema: der Zeit. Wer wollte nicht schon einmal das Getane, das Gesagte, das Geschehene, das Gelebte oder Nicht-Gelebte rückgängig machen, in den Griff bekommen oder ihm wenigstens entkommen.

„Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen“ (Aristoteles, Phys. IV 12, 220b 14–16).

Die jungen Künstler aus aller Welt Philip Akkermann, Anetta Mona Chisa & Lucia Tkavoca, Ceal Floyer, Andrea Geyer, Jeppe Hein, Manfred Pernice, Michael Rakowitz  und Uriel Orlow befassen sich mit der Zeit und mit ihren Begleitern, den Zeitgenossen. Wie lange dauert ein Augenblick? Die Gegenwart ist schon vorbei im Moment wo wir das Kunstwerk betrachten. Allerdings war dieses Konzept nicht bei allen Exponaten nachvollziehbar. Aber vielleicht war der Moment der Klarheit ja schon wieder vorbei, bevor er in Gedanken gefasst werden konnte?

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Jeppe Hein (2012)

Vom dänischen Künstler Jeppe Hein (*1974)  stammt die Installation You are right here right now (2012). Beobachter, Kunstwerk und Umfeld überlagern sich. Stehen die Betrachter im Raum oder sind sie für einen Moment Teil des Kunstwerkes geworden? Ist es immer noch ein Kunstwerk, auch wenn es gerade nicht fotografiert wird und der Betrachter wieder austritt, um sich im Raum fortzubewegen?

Die rumänischen Künstlerinnen Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova haben an die 500 rechteckige Pflastersteine auf dem Boden arrangiert, solche, die in Berlin ständig irgendwo liegen weil ja überall gebaut wird aber auch solche, die bei Straßenkämpfen zum Einsatz kommen und zur Waffe werden, deshalb darf der Besucher die Steine in die Hand nehmen, werfen ist nicht gestattet.

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Raumansicht  Eberhard Havekost

Eine Zeitschleife, wie in der amerikanischen Komödie Und täglich grüßt das Murmeltier, gibt es nur in der Fiktion. Ansonsten geht der Mond auf und die Sonne unter und der nächste Tag ist gekommen. Die morgendliche Routine, wie das Warten auf das 3-Minunten-Ei, gehört nach dem Verzehr dieses wie der Sonnenuntergang von gestern der Vergangenheit an, mehr noch, durch gezieltes Starren auf die Uhr, schärft es unser Bewusstsein vom Vergänglichen. Eine moderne Vanitas ist 1-25 –  eine Installation des pakistanischen Künstlers Ceal Floyer (*1968). Man steht davor und lässt die weißen Zahlen auf schwarzem Grund in unterschiedlichen Zeitabständen vor den Augen vorbeiziehen bis man versteht, dass die Ziffer die Zeit angibt und kennzeichnet, so bleibt die Zahl drei 3 Sekunden lang zu sehen und die Zahl vierundzwanzig 24 Sekunden lang. Beunruhigend und irgendwie erschütternd die akute Beteiligung am Vergehen.

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« Olimpia » – Computerinstallation von David Claerbout und das Olympiastadium in Berlin

Um Zeit geht es auch außerhalb des Hauptgebäudes. In dem 20 Meter hohen Kesselhaus der ehemaligen Brauerei hat der belgische Videokünstler David Claerbout (*1969) seine Computersimulation Olimpia installiert, die das Berliner Olympiastadion einem tausendjährigen und langsam voranschreitenden Verfall übergibt. Die Besucher liegen auf Knautschsesseln und wohnen für kurze Zeit dem Verrottungsprozess dieses Neo-Kolosseums auf einer Riesenleinwand bei. Es passiert eigentlich nichts, gefühlt bewegt sich das Bild aber trotzdem, visuell ausgelöst durch die aktuellen Wetterveränderungen draußen, die man am rechten Rand der Projektion mit verfolgen kann. Es ist eine Frage der Zeit und man müsste natürlich viele Stunden, Tage oder Wochen so warten, um an reellen Veränderungen, wie etwa die Schneeschmelze oder wachsendes Gras teilzunehmen. Claerbout bezieht sich hier auf Ideen des Nazi-Architekten Albert Speer, der in seiner Theorie des Ruinenwerts forderte, dass sich Architektur daran orientieren sollte, wie sie in 1000 Jahren wirkt – sein Vorbild war das Kolosseum in Rom. Die Schau ist bis Ende Mai 2017 sehen: den Frühlingseintritt kann man also durchaus auch innen mit verfolgen (Hinweis: im Kesselhaus zahlt man keinen Eintritt)!

Das Olympiastadion wurde 1934-36 für die Olympischen Sommerspiele 1936 von Albert Speer in aller Schnelle konzipiert, nachdem die ursprünglichen, lichten, transparenten und glaslastigen Pläne des Architekten Werner March Hitler nicht gefielen. Es fasst 100.000 Zuschauer.

Wieder auf der Straße, sind wir erneut mit der Zeit konfrontiert und realisieren intensiver als vor dem Besuch des Museums, was die Zeit in dieser Gegend verändern und tun wird. Das Umfeld des Kindl-Zentrums ist work in progress. Baugerüste, traditionelle Bars oder Restaurants, heruntergekommene Häuser und aufgerissene Straßen auf der einen Seite und  fast fertige, hochwertige, aber charmelose und kalte Berliner Apartmenthäuser auf der anderen. Ein paar Meter weiter liegen die Neuköllner Oper, der Heimathafen, Kinos und noch mehr Baustellen. Diese Ecke wird in kurzer Zeit für Künstler und Kulturinteressierte ein weiterer place to be werden.

2011 kaufte das Sammlerehepaar Salome Griard und Burkhard Varnholt die Brauerei mit dem Ziel, daraus ein zeitgenössisches Kunstzentrum zu machen, einem Trend folgend, interessante Industriearchitektur in Museen und Kulturzentren umzuwandeln. Zum Haupthaus gibt es außerdem noch den Turm mit sieben Stockwerken und ein Kesselhaus. Das Sudhaus mit den wunderschön glänzenden Kesseln ist zum Café umfunktioniert. Auch hier wird die Zeit noch so einiges ändern, verbessern oder verschlechtern.

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Sudhaus im Kindl

mehr über den Bau

Christa Blenk

 

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Winter in Berlin

2017 – Januar

 

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Tanztage Berlin : What a Thought is not

Ceci n’est pas une pipe! Heisst eines der berühmtesten Gemälde von Magritte. Es zeigt wirklich eine Pfeife, aber er behauptet das Gegenteil.

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nach der Veranstaltung Maria Walser und Emma Tricard

 

Gestern Abend bei der Premiere der Tanztage Berlin war das genau umgekehrt:

Zwei Pinguine – einer mit einem Schweinekopf, der andere als Ratte – bewegen sich schwerfällig von der hinteren Tür der Bühne Richtung Publikum und Licht und beginnen einen philosophischen Dialog über das was nicht ist. Der Besen ist die Bedeutung; der Stuhl der Sinn und der Boden? darüber wird mich sich nicht so recht einig. Beides, Bedeutung und Sinn, werden zu Beginn der Performance ausgesperrt, hinter die Bühne geschickt. Der Sinn ging also verloren « I sense you lost the sense ….. »

Und dann beginnt ein Dialog über eine Vision auf die Welt, die anders ist, die umbenannt werden sollte oder könnte wenn man es möchte.  Wahrheit und Illusion wechseln sich ab und wenn man etwas oft genug sagt, dann wird es wahr? ´« Still und Leise » singt das Tonbandgerät und Emma gibt vor, die Arie der Königin der Nacht zu trällern; a lie is a lie is a lie wird Gertrude Stein zitiert und so hüpft man durch DaDa und die Surrealisten.  Der Stuhl, der kein Kaffee mit oder ohne Milch ist, ist also der Sinn, der verbannt wird, so dass es gleichgültig ist, ob man Milch oder Sahne in ihm möchte, weil es eh keinen mehr gibt.

Nach 40 köstlichen Minuten Schlagabtausch zwischen Maria Walser (Choreografie) und Emma Tricard (Performance) müssen Bedeutung und Sinn wieder hereingeholt werden, weil Maria gerne mit Emma das Perlenfischerduett singen möchte.

 

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nach der Veranstaltung und nach der Befreiung von Sinn und Bedeutung

 

Alles geht in Rauch auf! Großartige Performance!

 

Die Französin Emma Tricard arbeitet als Performerin und Choreografin in Berlin. Maria Walser ist freiberufliche Tänzerin, Schauspielerin und Choreografin.

Das 21. Tanztage Berlin Festival geht noch bis zum 15. Januar. 2017 und ist mittlerweile eine fest Institution in der Berliner Tanzlandschaft geworden.

Christa Blenk

 

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Hieronymus Bosch – Vision Alive

Zwischen Aberglaube und Alptraum und zwischen Schuld und Sühne

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Alte Münze

In Italien war gerade die Renaissance im Gange als Hieronymus Bosch (1450-1516) 1510 den Garten der Lüste malte. Das Gemälde misst 220 x 195 cm und hängt im Prado in Madrid (wie viele andere wichtige Gemälde von ihm). Pflanzliches, Fleischliches, Geometrisches, Verbotenes fügt Bosch immer wieder in unterschiedlichen Formationen und Stellungen im Garten der Lüste zusammen (Heinrich III von Nassau hat es übrigens in Auftrag gegeben). Unter den ausufernden Rätseln, Thesen und Legenden um Bosch gibt es auch eine Mutmaßung, in der man ihn als Mitglied einer ketzerischen und sexuell ausschweifenden Sekte bezichtigte. Hat er sich mit seinem Jüngsten Gericht, das um 1505 entstand, schon im Vorfeld die Hölle vor Augen geführt, in die er sicherlich nach der Schaffung des Garten der Lüste verdammt wurde. Die Außenflügel zeigen Hölle und Paradies wie das Jüngste Gericht und erinnern an den 1500 entstandenen Heuwagen. Aber ein Rätsel nach dem anderen gibt er auf, dieser Garten der Lüste. Von frevelhafter Sündhaftigkeit bis zu einer surrealen Utopie der Zukunft der Menschen ist alles dort vorhanden. Stundenlang muss man das Gemälde betrachten und immer wieder taucht etwas noch nicht Gesehenes auf. Nackte Paare tummeln sich im Liebesspiel und essen sündhafte Früchte und es wimmelt nur so von Symbolen.

 

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Seltsame Fisch-Vogelkreaturen sausen von Messern geteilt über die Leinwand und werden von pendelnden Füßen verdrängt, die irgendwo im grünlich-blauen Jungbrunnen enden und von Monstern und hässlichen Gnomen gezogenen Luftblasen-Kugelbooten untergetaucht werden. Aber Qual war ja vielleicht Lust bei ihm, eine Art Masochismus, ein Himmel auf Erden oder eine Hölle im Himmel oder umgekehrt! Will er uns warnen vor der Todsünde, oder uns mitteilen, was es alles am Rande des Lebens noch so gibt? Ein Moralist war er sicher nicht, vielleicht aber ein Provokateur, ein Surrealist vor der Zeit.

In der Multimedia-Ausstellung in der Alten Münze in Berlin, kann man zwar die einzelnen Szenen über animierte Videoprojektionen auf Großleinwand sehen und seine persönliche Apokalypse en detail studieren, aber berühren wie die Originale tun diese Bilder nicht. Es ist eher ein Bosch-Jahrmarkt, auf dem man sich – wie auf einer echten Kermes – seinen Kopf in ein Boschgemälde einbauen kann, um ihn sich zuhause übers Bett zu hängen oder als nächste Weihnachtskarte zu verschicken.

Bosch selber hat seine Bilder nicht kommentiert und es gibt sehr wenig Informationen über ihn und sein Werk, dafür wurde es in unzähligen Doktorarbeiten interpretiert und erklärt.

Vor genau 500 Jahren ist er verstorben und ein Geheimnis bleibt er immer noch. Unzählige Künstler haben ihn kopiert und sich inspiriert, angefangen von Dali, den Dadaisten und den Surrealisten.

Die Ausstellung wurde verlängert und ist noch bis 31. Januar 2017 in der Alten Münze in Berlin zu sehen. Aber für echte Kunstliebhaber ist das nicht das Richtige!

Christa Blenk

 

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Avanti, avanti – Neujahrskonzert in der Komischen Oper

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Blick auf den Vatican (Foto : cmb)

Hommage an Rom

Prelude: Irgendwie wollte gar nichts so laufen wie geplant!
Eigentlich sollte der Moderator des Abends Max Hopp mit der roten Vespa auf die Bühne rollen, um die musikalische Reise durch die ewige Stadt am Tiber à la italiana zu begleiten, aber aus nicht näher zu definierenden Gründen hat er die Zeit vergessen und stand plötzlich vor „der vollen Hütte“ . Auf die  noch unter Silvester-Nachwirkung leicht vernebelten Techniker war auch kein Verlass und die Vespa blieb rot und stumm hinter der Bühne!
Das zweite Malheur präsentierte sich  in Form einer klemmenden Toilettentür, die den  Sänger Andreas Bordelli, der den 50er Jahre Rom-Romantik-Kitsch-Dauerbrenner « Volare » hätte singen sollen nicht aus dem Häuschen ließ. Dorthin hatte er sich zwecks Probe und der  ausgezeichneten Akustik auf Grund der Kacheln zurückgezogen. Als die schnell gerufenen und noch nicht wieder komplett nüchternen   Hausmeister der Komischen Oper ihn endlich herausschneiden konnten, bekam er vor Aufregung einen Schluckauf  welcher ihn nun komplett am Singen hinderte.  Die Leitung des Hauses hat deshalb ihn, den Moderator Max Hopp, aufgefordert, doch diesen Ohrwurm selber zu trällern. Das hat er nach längerer Überzeugungsarbeit und zögernder Absprache mit dem ersten Geiger und dem Musikdirektor Nánási auch prächtig und zwischen Anrufen (trotz von ihm dem Publikum auferlegtem Handyverbot) seiner Mutter glänzend hingekriegt – wie die Moderation überhaupt!  (wie Sie sicher schon gemerkt haben, ist diese Einleitung mit Humor zu lesen und kommt zwar Hopps Worten nahe aber nicht der Realität!)

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Rom am Tiber (Foto: cmb)
Avanti, avanti! Salite pure!
Verdis Hunnenkönig Attila steht vor den Toren Roms (wahrscheinlich am Ponte Milvio) dem damaligen mutigen Papst Leo gegenüber und will ihn nicht hereinlassen will. Mentre gonfiarsi l’anima schmettert der großartige Bass Alexander Vinogradov genauso überzeugend wie er nach der Pause den  Don Basilio aus dem Barbiere di Siviglia spielt und singt. Abgelöst von Karolina Gumos und Adrian Strooper mit dem Duett Un soave non so che aus Rosinis Cenerentola. Die Cenerentola  wurde natürlich – wie der Barbiere aus dem Karolia Gumos die Cavatina der Rosina ganz herrlich singt –   in Rom uraufgeführt während Adrian Strooper sich einer  furtiva lacrima von Donizetti hingibt.
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Begleitet wurden diese perfekten Solisten vom Orchester der Komischen Oper; am Pult der Musikdirektor Henrik Nánási. Konzertant gab es obendrein die spritzige Ouvertüre zu Gioachino Rossini (1767-1868) La Cenerentola, die Ouvertüre für Orchester op. 9 Römischer Karneval von Hector Berlioz (1803-1869), der fünf Jahre in Rom verbrachte und sich nie mit dem Karneval  anfreunden konnte sowie Pjotr I. Tschaikowskis Capriccio Italieno op. 45.
Viel Applaus und als Zugabe zu Dritt « O sole mio » – wie kann es anders sein im Januar in Berlin.
Schwungvoll, witzig, perlig und ausgezeichnet dieses 1. Januar Nachmittagskonzert.
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Bernini-Brunnen an der Piazza Navona
Christa Blenk

 

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Ein musiktheatrales Seminar für (potentielle) Führungskräfte

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Klar, auch Sie sind ein High Potential, also Träger größter Fähigkeiten und noch größerer Erwartungen Ihres Arbeitgebers. Wussten Sie gar nicht? Dann aber wird es höchste Zeit. Im Studio der Neuköllner Oper erwartetet Sie ein lukratives Angebot: lassen Sie sich weiterentwickeln von unserem kompetenten Kursleiter, der mit und an Ihnen die wahren Potenziale entdeckt: Effizienz, Commitment, Leadership Development und weitere Soft Skills z.B. fürs Konfliktmanagement – sollten Sie beispielsweise Mitarbeitern die Chance zur beruflichen Neuorientierung geben müssen. (Quelle: Neuköllner Oper)

„Willkommen beim Seminar für potentielle Führungskräfte“ begrüßt der Seminarleiter Thorsten Spacker die Teilnehmer am Seminar und wir, ca. 30 Teilnehmer, betreten einen Raum ohne Fenster. Im Hintergrund eine Leinwand, ein erleuchtend gelber Seminarraum-Sonnenteppich auf blauem Harmonie, Ruhe und Zufriedenheit assoziierendem  Teppichboden, ein Musiker mit Gitarre, an den Wänden ein paar Stühle. Alle (die Zuschauer, die vor dem Betreten des Seminarraumes mit einem Namensschild ausgestattet wurden) kommen aus derselben Firma und wurden aufgrund ihrer Vorgeschichte und ihres Lebenslaufes für dieses Führungsseminar auserwählt. Man wärmt sich auf,  in dem man mit Herrn Füller, der für die musikalische Untermalung zuständig ist, gemeinsam ein Liedchen singt das mit Obstsalat, Zitronen und Melonen zu tun hat, die paar Schritte, die er uns kurz zeigt, sorgen für lockeres Wohlbefinden. Irgendwie schräg, denken wir.

Die Kursteilnehmer-Theaterbesucher werden schließlich aufgefordert, mit den Nachbarn über ihre Stärken und Schwächen zu reden. Bewerbungs- und Feedbackgespräche werden geführt und Herr Spacker konzentriert sich schließlich auf zwei Teilnehmer, die im Konkurrenzkampf für einen wichtigen Posten, der einem großen Sprung auf der Karriereleiter gleichkommt, stehen. Wir werden wieder zu Zuschauern und erleben, wie sie sich beleidigen, anschreien und wie ein realistischer Zynismus Verachtung demonstriert.

Nini Stadlmann, Marco Billep, Urban Luig, Nico Selbach haben mit viel Humor und nachweislichen Coaching Fähigkeiten durch diese 90 Minuten geführt und frühere déjà-vu Seminarerlebnisse aufleben lassen. Jetzt wissen wir Alle, was wir im nächsten Jahr anders machen müssen und – beruflich – auf keinen Fall tun dürfen.

Beim Rausgehen bekam jeder Teilnehmer ein Kompetenz-Zertifikat, ausgestellt vom Zentrum für Schlüsselqualifikationen und vom IPO (Institut für postneurotische Oper). Nach der sehr gelungenen Büro für postidentisches Leben-Aufführung der Neuköllner Oper im Herbst, war das sozusagen die Lösung für diejenigen, die mit der Post-Identität nicht zurecht kamen. Witzig und amüsant allemal!

 

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Johanna Martin & Matthias Messmer haben das coaching-Seminar konzipiert; Songtexte und Musik sind von Markus Voigt und Johanna Martin.

Im Januar gibt es noch ein paarmal die Möglichkeiten zur Teilnahme an diesem Seminar; es reicht der Kauf einer Theaterkarte.

 

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

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Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

mauer in Rombernini-vierstromebrunnen11201171_448806971964877_8353486730606813120_n

und Hallo Berlin

P1010011kuppel reichstagP1000620

 

Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

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Street Art in Berlin

 

 

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Kindl-Brauerei – ein Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin

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Die Bayern haben das immer schon gewusst: Bierbrauen ist ein  Kunstwerk!

In der einstmaligen Brauerei Kindl in Neukölln ist vor ein paar Wochen das neue Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin eröffnet worden –  5500 qm insgesamt sind dort neuen Ideen und zeitgenössischen Kunst-Events gewidmet.

2011 kaufte ein Ehepaar das Gebäude mit dem Ziel,  es der zeitgenössischen Kunst  zu widmen. Dieser heute denkmalgeschützte Klinkerbau entstand Ende der 1920er Jahre; er besteht aus einem Turm mit sieben Stockwerken und einem Kesselhaus. Dazu gehören ein Maschinenhaus und ein Sudhaus, welches der Straße auch den Namen gab. . Schon 2012 begann eine aufwändige Sanierung.

 

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Zur Zeit ist das Umfeld ein „work in progress“; vor dem Platz sieht man Baugerüste und aufgerissene Straßen, dahinter eine Baustelle für hochwertige, aber unschöne und charmelose Wohnungen, wie man sie so oft in Berlin findet, für diejenigen, die auch Neukölln in eine Art Prenzlauer Berg umwandeln wollen. Nur ein paar Meter weiter die Hermannstraße, die Neuköllner Oper und der Heimathafen und noch mehr Baustellen.

Leider war das Museum heute, trotz gegenteiliger Ankündigung, geschlossen. Über die zurzeit dort laufenden Ausstellungen wird deshalb zu einem späteren Zeitpunkt berichtet.

 

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Christa Blenk

 

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Romantik und Moderne

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Das Kupferstichkabinett besitzt knapp 12000 Arbeiten (Zeichnungen, Ölskizzen, Zeichnungen, Radierungen) darunter unglaubliche Schätze von allen bedeutenden Malern, die natürlich nicht permanent gezeigt werden können.

Abwechselnd werden deshalb Themenausstellungen organisiert, wie zur Zeit die Ausstellung « Romantik und Moderne » Zeichnung als Kunstform von Caspar David Friedrich bis Vincent van Gogh.

Viel ist passiert im 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung und die Fotografie, Entdeckungs- und Forschungsreisen und Erfindungen haben auch die Kunst ganz entschieden beeinflusst und beschäftigt. Die Welt ist schneller geworden dadurch.

Die Ausstellung, die noch bis Mitte Januar 2017 zu sehen ist, zeigt knapp 130 Werke die allesamt aus der eigenen Sammlung stammen. Werke von Caspar David Friedrich, Carl Blechen, Schnorr von Carolsfeld, Menzel, Overbeck, Karl Friedrich Schinkel auf der einen Seite und die französischen Symbolisten wie Odilon Redon oder Vincent Van Gogh aber auch die Pointilisten auf der anderen.

Beeindruckend Werk und Leben von Eduard Hildebrandt. Ausgestellt ist seine « Reise um die Erde ». Ein Bilder-Tagebuch seiner Forschungs-Weltreisen, ganz im Sinne von Alexander von Humboldt.

Der in Danzig geborene Hildebrandt (1818 – 1868) kam als 20jähriger nach Berlin und lernte verschiedene Ateliers und Maler kennen. Seine erste Studienreise ging auf die Insel Rügen; zwei Jahre später bereiste er England und Schottland – fasziniert vor allem von der Küste. 1841 reiste er nach Paris und bekam Unterricht bei Eugène Isabey. Zwei Jahre später durfte er sich mit einem Bild beim Pariser Salon beteiligen und gewann den ersten Preis. Wieder zurück in Berlin unterstützte ihn Alexander von Humboldt bzw. der preußische König Friedrich Wilhelm IV  um nach Brasilien und Nordamerika reisen zu können. See- und Landschaftsbilder und Lichtstudien waren sein Haupt-Interessensgebiet. Nach seiner Rückkehr nach Berlin kaufte der königliche Hof einen Großteil seiner Bilder und Hildebrandt wurde Königlich Preußischer Hofmaler. In dieser Funktion ging er wieder auf Reisen. Zuerst nach London, weiter nach Madeira, auf die Kanarischen Inseln, Spanien und Portugal. 200 Aquarelle konnte er nach dieser Reise vorweisen, die wieder alle der preußische König erwarb. Für die Bilder Ein Blick ins Meer und Abend auf Madeira wurde er 1850 mit einer weiteren Goldmetaille geehrt. Seine vierte Reise führte ihn über Italien nach Ägypten, Syrien, Palästina, Türkei und Griechenland und auch diese Ausbeute ging nach seiner Rückkehr nach Berlin größtenteils an den preußischen Königshof. Allerdings kauften diesmal auch Zar Nikolaus I und die Fürstin zu Sayn Wittgenstein Werke von ihm. Ein paar Jahre später trat er seine fünfte Reise an, wieder vom Hof gefördert,  die in diesmal in die Schweiz und nach Österreich führte. Bei seiner Rückkehr wurde er Mitglied der Akademie und bekam einen Lehrauftrag der es ihm erlaubte, 1856 bis zum Nordkap zu reisen.

Hildebrandts letzte Kunstreise 1862 wurde  wieder eine Weltreise von der er 300 Aquarelle und Zeichnungen mitbrachte. In der Ausstellung sind vor allem Ölskizzen und Zeichnungen die in Ägypten und Asien entstanden sind zu sehen.

Allein schon, um diesen heute doch recht unbekannten Maler kennen zu lernen, lohnt sich ein kurzer Besuch im Kupferstichkabinett.

Auch die anderen ausgestellten Maler reisten, aber meistens kamen sie nur bei Italien und ließen sich dort verzaubern und wandelten auf den Spuren der Renaissance wie Overbeck z.B. oder die Nazarener in Olevano Romano.

Christa Blenk

 

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Die Zauberflöte

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nach der Vorstellung

 

Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere

Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

Everding hat diese Oper sehr oft inszeniert, aber noch nicht oft genug, sagte er einmal in einem Interview. « Die Beschäftigung mit dem Werk führt oft zu dem Trugschluß, es handle sich hier um ein Ideendrama, ein Weihespiel, eine Einführung in die Freimaurerei oder in den Humanismus. Das Werk geht aber viel weiter, es ist viel komplexer und auch irdischer. Es ist ein sehr menschliches Stück. Der Mensch besteht doch aus einem denkenden und phantasierenden Kopf, aus einem liebenden und enttäuschten Herzen, aus einem hungrigen und satten Magen, aus einem zielgerichteten und ziellosen Geschlechtstrieb. Andere wollen die ‘Zauberflöte’ deshalb eher als derbes Volksstück sehen… Doch in Wirklichkeit geht es um die Überwindung des großen Dualismus in unserer Welt, vertreten durch die Königin der Nacht und durch Sarastro, eine Überwindung durch die Kunst und die Liebe, wofür die Zauberflöte das Symbol wird.

Ob sich Schinkel über weiße Einhörner, tanzende Löwen und swingende Krokodile in einem Walt Disney Peplum gefreut hätte wissen wir nicht. Zusammen mit dem großartigen Staatsopernchor und der perfekte Staatskapelle unter Alexander Soddy gehört sie aber unbedingt zu den attraktivsten Zauberflöten-Inszenierungen.

Prinz Tamino ist der einzige, dessen Kleidung aus unserer Zeit stammt und die Prüfungen, die er – unterstützt oder  behindert durch Papageno im bunten Federgewand – bestehen muss um seine Pamina zu bekommen, bringen ihn durch neue, alte und geheimnisvolle Welten und Flötentöne.

Die drei schwarzen Abgeordneten der Königin der Nacht treten aus dem Rachen von drei Kroko-Dino-Monstern, die kurz vorher noch Feuer gespuckt und angsteinflößenden Lärm gemacht haben und Taminos Frage an seinen vermeintlichen Retter „Wo bin ich“ beantwortet Papageno lakonisch mit  „ im Schillertheater“ . Roman Trekel, der 1994 bei der Premiere sein Rollendebüt hatte, spielt ihn immer noch, den Papageno, und immer noch wirkt er frisch und voller Freude in seiner Rolle. Dass er mittlerweile über 20 Jahre älter  ist macht überhaupt nichts. Er verteilt nach wie vor Zuckerbonbons und flirtet mit den Zuhörerinnen in der ersten Reihe. So mancher Slapstick, beschwipste und tanzende Priester oder ein erbarmungswürdiger Monostatos (Dietmar Kerschbaum) lassen kurzfristig die humanistische Idee von Schikaneder in den Hintergrund treten, aber dann ist er auch gleich wieder präsent, der Appell an die Humanität und an die Gerechtigkeit. Keinen Moment geht hingegen die spielerische Leichtigkeit verloren.

Tamino, sehr stimmgewaltig Andreas Schager; mutig, bestimmt und zart Pamina (Anna Prohaska). Der noble und ruhige Bass von Sarastro (Rene Pape) kommt weise und geduldig daher. Nicola Proksch als Königin der Nacht ist in der ersten Arie sehr zurückhaltend und fast schüchtern, zeigt aber in der zweiten was sie kann, nämlich in durchsetzungsfähigen und kriegerischen Sechzehntelketten rachsüchtig und grausam alle Höhen erklimmen. Die Portugiesin Sónia Grané musste kurzfristig für die erkrankte Papagena (Elsa Dreisig) einspringen und hat das sehr routiniert und witzig gemacht. Harmonisches und kokett-streitend die drei Abgesandten vom Sternenhimmel (Adriane Queiroz, Katharina Kammerloher, Anja Schlosser). Die einfallsreichen, phantasievollen und bunten Kostüme von Dorothée Uhrmachers tun das ihre.

Die Handlung basiert auf einem Libretto von Emanuel Schikaneder, aber nicht nur von ihm allein. August Jacob Liebeskind Lulu oder die Zauberflöte  oder Wielands Oberon sowie das Heldenspiel von Freiherr von Gebler Thamos, König von Ägypten sowie Elemente des Singspiels Hüon und Amande von Friederike Sophie Seyler sind mit verarbeitet. Mozart und Schikaneder waren beide Freimaurer.

Aber auch die Musik birgt Geheimnisse und ihre Entstehung ist nur lückenhaft dokumentiert. Angeblich wollte mit dieser Oper Mozart dem sich in Geldnöten befindlichen Schikaneder helfen, obwohl Mozart es war, der unter permanentem Geldmangel litt. Schikaneder selber sollte auch die Rolle des Papageno singen, die mindestens soviel Schauspielkunst wie Stimmumfang verlangt. Die Zauberflöte wurde 1791 in Wien uraufgeführt.

Ansonsten ist über die Zauberflöte schon alles gesagt!

 

 P1020015
nach der Vorstellung im Schillertheater

 

Christa Blenk

 

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Subtone – Jazzband

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Von Samba, Elchen und Heimatgefühlen

Die Modern Jazz Gruppe Subtone war gestern Abend Gast im Zig Zag Club in Berlin und spielte in einem brechend vollen Lokal ausschließlich eigene Kompositionen auf der Basis von Jazztraditionen. Die Musiker kommen aus Deutschland,  Österreich und Kanada.

Florian Hoefner, der eine Vielzahl des gestern aufgeführten Stücke auch komponierte, lebt seit ein paar Jahren in Kanada. Seine Kompositionen erzählen Geschichten aus dem Alltag, wie die über einen Elch, der sich gern mal in die Stadt schleicht, sich nicht an die Verkehrsvorschriften hält, zur Gefahr wird und wieder mit vereinten Kräften abtransportiert werden muss. Kann er ja schließlich bis zu 2 Meter groß sein und an die 700 kg wiegen.  Moose Blues hat Florian Hoefner, der auch der Pianist der Gruppe ist, komponiert. Es ist das listige Bewegungsprofil eines Elches. Hoefners Wahlheimat ist Neufundland und dort gehören Elche zur Standardausrüstung – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

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Mit Jig hat Hoefner einen irischen Volkstanz verjazzt. Dieser ursprüngliche irisch-britische Solo-Stepptanz hat ganze Generationen von Musikern und Komponisten inspiriert und auch vor der Klassik nicht haltgemacht. Aus der Barockmusik (Gigue) ist er gar nicht wegzudenken. Ausgezeichnet umgesetzt und interpretiert! Und wenn im Lokal auch nur ein wenig mehr Platz gewesen wäre, hätten sich sicher Tanzformationen aufgestellt. Das gilt auch für das Stück Samba Samba, das mit einem Klaviersolo beginnt und dann in Gefilden ganz weit weg vom kalten Kanada endet. Hoefner studierte in Berlin bei Hubert Nuss und ging später  als Fulbright Stipendiat nach New York wo er 2010 seinen Master of Music machte. Er studierte u.a. bei Kurt Rosenwinkel und Dave Liebman.

Magnus Schriefl, der fantastische Trompeter der Band, kommt aus einer Musikerfamilie und hat in Amsterdam, Paris und Berlin u.a. auch bei Kurt Rosenwinkel studiert. 2010 war er DAAD Stipendiat an der Manhattan School of Musik in New York. Zwei Werke von ihm  Roswitha’s Revenge und Shift standen gestern auf dem Programm  Zusammen mit dem Holzbläser Malte Dürrschnabel ist er der Sound-Angeber der Band.

 

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Malte Dürrschnabel ist mit seinen Instrumenten verwachsen und während der Bassist Matthias Pichler mit seinem Kontrabass tanzt ist Dürrschnabels Beziehung zu seinen Instrumenten (er spielt auch Klarinette) eher innig. Wenn er gerade nicht am Zuge ist, versinkt er in konzentrierter Verschlossenheit.  Er wurde 2008 in Avignon mit dem Preis für den besten Instrumentalisten ausgezeichnet. Seine Lehrer sind u.a. David Liebman und John Hollenbeck. 2003 gewann er außerdem den Bundeswettberg Jugend Jazzt mit seiner damaligen Band Jazzatack.

Matthias Pichler ist der temperamentvollste von ihnen. Er studierte klassischen Kontrabass und Jazz Bass in Linz und wurde sehr schnell einer der gefragtesten jungen Bassisten in Europa. 2004 bekam auch er ein New York Stipendium und gewann 2010 den 1. Preis beim Internationalen Kontrabass Wettbewerb in Berlin in der Jazz-Kategorie.

 

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Der Fünfte im Bunde ist der  Schlagzeuger Peter Gall. Auch er ist sehr gefragt und bekannt. Gall studierte u.a. in Berlin bei John Hollenbeck und spielte schon im Kurt Rosenwinkel Trio oder bei Nils Landgren. Derzeit lebt er mit einem DAAD Stipendium in New York und studiert bei John Riley.

Die fünf jungen Musiker kreieren zusammen diesen wohlklangig-stimmungsvollen, auch nostalgischen Modern Bebop, der Geschichten erzählt von gestern und heute, der nur so strotzt vor Komplexität und schwierigen, anspruchsvollen Passagen die durchaus an die großen Jazzer denken lassen aber auf keinen Fall schablonenhafte Gemeinplätze bilden und in ihrer Persönlichkeit die endlose Farbpalette rauf und runter jazzen. Großartige Bass-Soli und schöne Saxophon-Trompeten- Dialoge.

Subtone gibt es seit 12 Jahren und tritt in der klassischen Formation von fünf Musikern auf. Gefunden haben sie sich in Berlin. Sie sind viel auf Reisen und bewegen sich zwischen Köln und New York. Schon seit ihrem Erfolg in Avignon 2008 gehören sie zu den deutschen Vorzeigegruppen des Modern Jazz. Sie sehen sich als Gemeinschaftsprodukt; ihre Kompositionen bestehen aus weniger Solopassagen als sonst beim Jazz üblich ist.

Ein Jazz-Abend für Anfänger und Fortgeschrittene!

Im Zig Zag Jazzclub in Friedenau/Berlin zahlt man keinen Eintritt. Die Konzerte werden durch  Spenden ( 15 Euro sollten es schon sein) der Zuhörer finanziert und dazu geht in der Pause eine Vase rum. Es scheint gut zu funktionieren und nach dem Konzert ging man noch lange nicht nach Hause!

 

Christa Blenk

 

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Kontraklang: Nach Kagel

Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und ein heiserer Wanderer

Kontraklang hat am 15.12.2016 das Konzert „Nach Kagel“ im Heimathafen Neukölln organisiert. Ein Konzert, das dem Publikum viel mehr als nur Interesse oder Freude an der zeitgenössischen Musik abverlangte.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Dorrit Bauerecker spielt Viscum album -
 © »mutesouvenir | kb«

 

Der deutsch-argentinische Komponist Maurizio Kagel (1931-2008) war einer der zeitgenössischen Komponisten, die das 20. und 21. Jahrhundert entscheidend mitgeprägt haben.  Ab den 1950er Jahren nahm er regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, 1957 ließ er sich in Deutschland nieder und war ab 1960 Dozent in Darmstadt.  Mit einem anderen borderliner, Wolf Vostell, organisierte er ab 1968 akustische und visuelle Happenings. 1969 folgte er Stockhausen in Köln nach. Kagel dirigierte viele seiner Werke selber oder war sonst irgendwie beteiligt und das war auch gestern Abend bei seinen Schülern und den Schülern von seinen Schülern so.

Diese stellten im Heimathafen einige ihrer Werke, die dem Genre Instrumentaltheater, Sprechgesang und Experimentalmusik angehören, vor.  Mimik, Gestik, Aktionen, Bewegungen, Noten, Wörter, Töne und natürlich auch Musikinstrumente kamen zum Einsatz.  Polizeischutz wie 1971 vor der Hamburger Staatsoper bei der Uraufführung von Kagels Staatstheater brauchten dessen Schüler gestern natürlich nicht, aber das 3 ½ Stunden-Happening haben nicht alle Zuhörer bis zum Ende erlebt.

Vor allem die endlosen Piano Sonaten Nr. 17 und 18 von Chris Newman, die Mikhail Mordvinov interpretiert, bringen uns an unsere Grenzen. Dabei hört es sich ganz und gar nicht zeitgenössisch an oder gerade deswegen. Beethoven ist herauszuhören und alte Songs von den Kinks wie Lola. Newman will einfach nicht, dass der Zuhörer sich wohl fühlt, deshalb gibt er ihm einen Beethoven, dessen Noten er vorher zerstückelt hat und die beim Zusammenbauen ihre Seele einbüßen mussten.

Zwischendurch hat die großartige Akkordeonistin Dorrit Bauerecker sehr expressiv immer ein paar Takte aus Viscum Album, das ihr Lehrer Manos Tsangaris komponierte, gespielt und einmal auch unzählige Heilkräuter heruntergesagt oder vielleicht das Zauberrezept einer Hexe verraten!? Viscum album ist die Weiße oder Weißbeerige Mistel. Davon hätten wir auch gern ein paar Takte mehr gehört.

Witzig und originell Neele Hülcker, sie gehört zur zweiten Nach-Kagel-Generation. Copy myself #2 für Stimme, Elektronik und Projektion heißt ihre Arbeit und dafür hat sie  umgekehrt, d.h. rückwärts abgespielte Tonbandaufnahmen aus ihrer Kindheit nachgeplappert und wieder aufgenommen. Dann vor dem Publikum den Grad der Peinlichkeit und der Nervosität, inklusive Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen und dies auf einem online-Formular festgehalten. Die Peinlichkeit ist, verrät sie uns, von Mal zu Mal bedeutungsloser. Sie hat ihr Kunstwerk schon in der U5, unter einer Brücke, am Meer oder im Museum aufgeführt. Kagel wäre sicher stolz auf sie gewesen.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Neele Hülcker – copy myself #2
©»mutesouvenir | kb«

 

Ähm Me, Hm (I) And M – Versuchsanordnung für vier Sprechende von Barblina Meierhans, ebenfalls eine Schülerin von Tsangaris, war ein Gespräch zwischen vier Personen, die sich – trotz Einsatz von Gesten und Gebärden – einfach nicht finden wollen und abgegrenzt von einander bleiben.

Von Manos Tsangaris hat der Klarinettist Theo Nabicht ein Stück für Kontrabassklarinette (und zwei Bierflaschen)„So Slow“ aufgeführt. Hierzu gehören insistenter Stimmeinsatz und Meckern aus dem Zuschauerraum, das erstmal sehr echt wirkt und der Störer sich böse Blicke einfängt – auch vom Klarinettisten. Tsangaris (*1956) ist ein echter Kagel-Schüler und Teilnehmer auf den einschlägegen zeitgenössischen Musikfestivals. 2016 hat er die künstlerische Leitung der Münchner Biennale als Nachfolger von Peter Ruzicka übernommen. 2015 war er Gast in der renommierten Villa Massimo in Rom.

Nicolas Kuhn (1989) war Schüler von Tsangaris in Dresden; arbeitet aber auch mit Helmut Lachenmann und anderen zeitgenössischen Größen zusammen. Er interpretiert und dirigiert oft seine eigenen Werke. Gestern  hat er das aufregende und sehr virtuoses Klavierstück „4“ vorgetragen und im Anschluss mit Stellenwort für Plattenglocke ein regelrechtes Studium von Klängen und Tönen durchgeführt. Mit einem Wattepad, einem Pulli, einer Kuhglocke, einem Stift oder weitere auf einem Tisch bereit stehende Gegenstände kreiert er auf der Plattenglocke alle möglichen Klänge, Un- oder Nichtklänge. 2014 entstand auf seine Initiative das Gegenklang-Orchester für seltenes Repertoire.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Nicolas Kuhn  mit der Plattenglocke 
© »mutesouvenir | kb«

 

Der erste und letzte Beitrag war je ein Lied von Chris Newman (*1958). Ist das Sprechgesang oder Musiksprechen oder  irgendetwas dazwischen ?

Chris Newman ist ein experimenteller Grenzgänger und Tausendsassa und eigentlich mit Niemandem zu vergleichen. Dichter, Schauspieler, Künstler, Komponist, Performer und Provokateur natürlich. So wie er Leinwände zerschneidet und sie wieder irgendwie zusammenschustert hört sich auch sein Gesang an. Schlurfend kommt er auf die Bühne, zieht  zuerst seine Jacke und dann seine Schuhe aus und bring das Publikum genau dorthin wo er es haben will – nämlich raus aus dem Raum (gefühlt). Seine Darbietung ist eher ein konzeptionelles Kunstwert als Musik,  das erste Lied  Tree Tops,  hat irgendwie an Schubert denken lassen und der Abschiedssong « Wizzes » könnte auch aus den drunken songs seines Landmannes Purcell stammen. Er wirkt wie ein ganz müder und verbrauchter Wanderer, obwohl er noch keine 60 ist. Aber auch das gehört zu seiner Kunst und was soll man denn nach Kagel sonst machen?

Kontraklang hat hier eine Truppe von Komponisten und Protagonisten auf die Bühne gebracht, die uns auf jeden Fall sehr beschäftigt hat.

 

“If they can take it for ten minutes, then we play it for fifteen,” I’d explain. “That’s our policy. Always leave them wanting less.” (Warhol and Hackett, Popism, 193).

 

Christa Blenk

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Camerata Vocale Berlin

schnee

 

Camerata Vocale Berlin hat am dritten Advent zwei von den sechs Kantaten in Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Weihnachtsoratorium im Kammermusiksaal der Philharmonie aufgeführt.

Um den großen Sprung von Teil I zu Teil VI zu überwinden, gab es dazwischen das Magnificat MWV A 2, Kantate für Soli, Chor und Orchester von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Er, Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) hat viel für die Bachmusik getan und ohne ihn würde es sicher ganz anders mit Bachs Bekanntheitsgrad aussehen. Mendelssohn-Bartholdy, ein Schüler von Friedrich Zelter, dem damaligen Direktor der Sing-Akademie zu Berlin, wurde über diesen auf Bachs Musik aufmerksam. Die sogenannte Bach-Renaissance fand 1829 mit einer legendären Wiederaufführung der Matthäuspassion unter dem nur 20-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy statt. ABer erst viele Jahre später wurde das Weihnachtsoratorium neu aufgeführt.

Mendelssohn-Bartholdys Beschäftigung mit seinem Vorbild, dem großen Barockmeister Bach, spiegelt sich in seinem Magnificat  wider. Unverkennbarer kontrapunktischer Bach-Stil, gepaart mit forsch-mutigen Melodien und einem im 19. Jahrhundert typischen, stilvollem Klangausdruck zeichnen dieses erste Kirchenwerk von Mendelssohn Bartholdy aus. Er schrieb es 1822, 13-jährig und war zu der Zeit schon seit drei Jahren Schüler von Zelter. In dieser Epoche entstanden auch seine ersten weltlichen Opern „Die wandernden Komödianten“ und „Die beiden Neffen oder der Onkel aus Boston“.

Teil I des Weihnachtsoratoriums soll eigentlich fröhlich und enthusiastisch sein. Heißt es doch Jauchzet, frohlocket… . ganz so kam es bei uns im F-Block dann aber nicht an. Ein wenig gelangweilt und emotionslos ging es los und die wichtigte Hochstimmung ließ ein wenig auf sich waren. Korrekt aber ein wenig fade, trotz sichtlicher Versuche von Etta Hilsberg, ein wenig Schwung in diese schöne Kantate zu bekommen.

Erst beim darauf folgenden Magnificat haben Chor und Orchester dann doch noch beweisen dürfen, dass sie auch anders können. Nach der Pause, ging es weiter mit Teil VI, dem Epiphaniasfest, und hier zeigten die Solisten ihr Können!

Sehr gut die Alt-Sängerin Seda Amir-Karayan (sie hat auch schon bei einem warmen « Bereite dich, Zion ») gefallen und ihr Landsmann, der armenische Tenor Karo Khachatryan. Er ist ein überzeugender Evangelist und hat vor allem im letzten Teil bella figura gemacht. Die Sopranistin war Esther Hilsberg; Bariton der Berliner Sebastian Bluth.

Etta Hilsberg hat den Laienchor 1985 gegründet. Sie ist auch Dirigentin und Managerin der Camerata vocale Berlin.  Mittlerweile spielt der Chor – gerade was die Aufführung von Oratorien angeht – eine sehr bedeutende Rolle im Berliner Chorleben und tritt regelmäßig in der Philharmonie oder im Konzerthaus auf.  Ihr Repertoire geht von Vivaldi, Bach und Händel über Beethoven zu Brahms, Puccini  und Mendelssohn Bartholdy. Das ist bemerkenswert. Begleitet wurde der Chor vom Neuen Kammerorchester Potsdam.

Etta Hilsbergs Energie ist nicht zu bremsen. Bevor die Zuschauer wieder der regnerischen Nacht überlassen wurden, durfte auf Anregung von Etta Hilsberg die Zuhörerschaft noch „Oh Du Fröhliche“ singen – das war auf jeden Fall laut!

Schöner dritter Adventsausklang.
Christa Blenk

 

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Lutherstadt Wittenberg

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Martin Luther (Auszug aus dem Cranach Gemälde Der Reformationsaltar – Predella) um 1548

 

 

Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turnerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt.

Im 16. Jahrhundert war die kleine Stadt Wittenberg, die seit 1938 offiziell Lutherstadt Wittenberg heißt, kulturelles, geistiges und politisches Zentrum. Martin Luther, Philipp Melanchthon, Lucas Cranach d.Ä. waren alle Drei nicht aus Wittenberg, sollten aber zum Ruhm dieser Stadt einen entscheidenden Beitrag leisten.

Im Jahre 1502 wurde auf Betreiben von Friedrich dem Weisen die Universität Wittenberg gebaut, die sich sehr schnell zum Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle entwickelte. Cranach kam 1505 in die Stadt, Luther 1508. Angetrieben u.a. auch durch die Buchdruckerkunst  erlebte die Stadt einen schnellen wirtschaftlichen und intellektuellen Aufschwung. Luthers Thesenanschlag 1517 und die Konsequenzen daraus zogen noch mehr Gelehrte und Studenten an und die Universität wurde zu einer der fortschrittlichsten überhaupt.  1518 kam Philipp Melanchthon in die Stadt.  Das Rom der Protestanten wurde Wittenberg auch genannt.

Gemälde von beiden Cranach (dem Älteren und dem Jüngeren) oder aus deren Werkstatt hängen in der Stadtkirche St. Marien, im Lutherhaus oder im Melanchthon Haus. Fast alle bekannten Portraits von Luther oder Melanchthon hat Cranach d.Ä. gemalt.

 

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Reformationsaltar von Crananch d.Ä. um 1548

 

Die bedeutendsten Werke sind wohl in der Stadtkirche zu finden. Darunter Cranachs großes Reformations-Triptychon : Der Reformationsaltar. Es beschreibt auf dem linken Seitenflügel eine Taufe, die Melanchthon gerade ausführt und bei der ihm der Maler Cranach assistiert. Auf dem rechten Flügel nimmt  der Stadtpfarrer und Beichtvater von Luther,  Johannes Bugenhagen, ihm gerade die Beichte ab, zu seinen Füßen ein Büßender. Der Mittelteil  zeigt die Sakramente, Taufe, Beichte und Abendmahl. Luther sitzt als Junker Jörg mit am Tisch und bekommt gerade einen Becher Wein gereicht. Auch weitere Personen sind identifiziert wie der Lutherbibel Verleger und Drucker Lufft. Neben Christus links im Bild sieht man Judas in Gelb. Burg und Baum im Hintergrund. Der schönste und künstlerisch wichtigste Teil ist die Predella.  Man sieht rechts einen predigenden Luther  mit erhobener Hand. Er sieht jung aus, obwohl er bei Fertigstellung des Bildes schon nicht mehr lebte.

Man weiß nicht genau wann es entstand, wahrscheinlich um 1548; Luther ist 1546 verstorben.

Das Melanchthon Haus gehört ebenfalls zum UNESCO-Welterbe. Sein tägliches Leben ist dort zu sehen, sein Arbeitszimmer und die Unterkünfte für Studenten. Er lebte dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Viele seiner Bücher liegen dort und wieder Portraits, die Cranach und Holbein gemalt haben.

 

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Melanchthon Haus
 

Lutherstadt Wittenberg muss sich nun allerdings beeilen, denn gerade jetzt ist das Lutherhaus wegen Renovierungsarbeiten  geschlossen.

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Schlosskirche (Thesen)

 

Christa Blenk

 

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Zarzuela – el mundo comedia es!

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In der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin fand heute Abend die Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte der Zarzuela statt.

Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt.

Über 1600 Exemplare – die zur Zeit digitalisiert werden -  besitzt das Ibero-Amerikanische Institut und hat damit eine einzigartige und einmalige Sammlung über die Zarzuela in Spanien und Übersee. Auf Hör- und Videostationen sind Fragmente von früheren aber auch neueren Produktionen zu hören, gesungen von internationalen Star wie Placido Domingo und Teresa Berganza.

 

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Plakate in der Ausstellung

 

Die Zarzuela entstand im Siglo de Oro, also im 17. Jahrhundert, als höfisches Singspiel in der Nähe von Madrid, im Pardo, wo sich König Philipp IV seinen Palacio de la Zarzuela, ein Jagdschloss, hat errichten lassen. Zarza bedeutet übrigens Dornenbusch. In diesem Schloß also wurden zur Unterhaltung nach der Jagd Komödien aufgeführt. Einer der Schöpfer war der Dichter Calderón de la Barca. Im 19. Jahrhundert entstand das Teatro de la Zarzuela in Madrid. Der Unterhaltungswert und die Popularität waren enorm, bis die italienische Opera buffa und der Film sie ein wenig in den Hintergrund drängten. Chapí, Chueca oder Arrieta sind einige der bekanntesten Komponisten. Im 20. Jahrhundert kehrte die Zarzuela zurück und ihre Wiederentdecker hießen Federico Moreno Torroba, Pablo Luna, Rafael Milán aber auch Granados oder Manuel de Falla waren sich nicht zu schade, sich diesem Musikgendre zu widmen. Der Bürgerkrieg war keine Zeit für Musik und es trat eine zweite Zarzuela-Flaute ein. Allerdings fanden  noch in den 80er und 90er Jahren in Madrid jeden Sommer in der La Corrala im Zentrum von Madrid Aufführungen der bekanntesten Zarzuelas statt. Man saß an Tischen mit Tortilla de Patata und Corizo und Apfelwein. Anlässlich der 500 Jahrfeiern der Entdeckung Amerikas boomte die Zarzuela ein zweites Mal.

 

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Carmen Celada – La Gran Via und La Revoltosa begleitet von Nikos Tsiachris

 

Bis zum 31. Januar können die informativen und originellen Plakate und die Zarzuela-Geschichte noch im IAI besucht werden; allerdings ohne den schönen Gesang der hinreißenden Sängerin, Carmen Celada, una castiza de Madrid, die am Eröffnungsabend, begleitet auf der Gitarre von Nikos Tsiachris, Kostproben ihrer Lieblingszarzuelas zum Besten ab:  « La Gran Via » oder « La Revoltosa ». Diese beiden Zarzuelas habe ich in den 80er Jahren in Madrid in den Sommeraufführungen der « Corrala » gesehen. Carmen Celada erzählte nach der Aufführung, dass sie als Kind zum ersten Mal in Madrid in « La Revoltosa » aufgetreten ist. Vielleicht haben wir sie ja bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal gesehen.

Carmen Celada ist Spanierin und hat bei ihrem Vater, dem Dirigenten Luis Celada, wie gesagt schon als Kind Zarzuela-Partien gesungen. Sie ist eine Vertreterin des spanischen und deutschen Kunstliedes und war Mitglied im Chor Capilla matritense. Seit sieben Jahren lebt sich in Berlin. Zu ihrem Repertoire gehören auch Jazz und Klassik.

Nikos Tsiachris ist in Griechenland geboren. Er wohnt seit 2005 in Berlin spielt Flamenco, Fado, Klezmer. Seine Diplomarbeit hat den schönen Titel „Die Traditionellen Lieder des Flamenco, Registrierung und Kommentare von 23 Liedern“. 2012 hat er die Flamenco-Jazz Quartett Rasgueo gegründet.

 

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Organisiert wurde die Ausstellung durch das Ibero-Amerikanische Institut – Preußischer Kulturbesitz. Kuratiert hat sie Stephanie von Schmädel, die auch eine kleine Einführung in die Geschichte der Zarzuela gab.

 

Christa Blenk

 

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Buchbesprechung – Schneetage

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Funde aus Rungholt im Husumer Museum

« Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren ». Dieser Satz aus einer bekannten Ballade von Detlev von Liliencron beschränkt die erste „Große Mandränke“, die Sturmflut, die 1362 die Insel Rungholt verschluckte. Die Rungholter sollen geld- und raffgierig gewesen sein und die Legende sagt, dass sie damit wohl bestraft werden sollten. Wenn ein Volk geschäftstüchtig ist, dann hat es auch Schätze.

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Das „Atlantis“ im Wattenmeer und die Schneekatastrophe in Schleswig-Holstein 1978/79 sind die Eckpfeiler von Jan Christophersens Debüt-Roman „Schneetage“. Paul Tamm ist der Wirt vom Grenzkrug, ein Gasthaus an der deutsch-dänischen Grenze. Kurz vor Silvester wird er mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. In der Geborgenheit von Pauls Büro, konfrontiert mit Angst und aufziehenden Schneestürmen läuft Jannis’ Erinnerungsfilm ab. In Zeitsprüngen erzählt er, Pauls Ziehsohn, die Geschichte der Familie, die auch seine ist. Er denkt an Pauls wortkarge Besessenheit von der versunkenen Insel Rungholt, an die geheimnisvollen Funde im Watt, an Sensationsjournalisten und an die mysteriöse Okarina-Flöte, mit der alles begann. Er beschreibt die abenteuerlichen Wattausflüge mit Paul, bei denen er die alte Gräfin auf einer einsamen Hallig kennenlernt und die Beziehung zu Pauls Frau, die immer mehr die Rolle der ewig unzufriedenen Nörglerin bekommt. Sie muss den Grenzkrug zusammenhalten aber Paul gibt zuviel Geld für seine Leidenschaft, die Watt-Mission, und für teure Fund-Analysen aus. Das Wirtschaftswunder geht trotz Dauergast, in der Person einer teetrinkenden Maler-Hommage an Siegfried Lenz, am Grenzkrug vorbei. Als Jannis Paul schließlich im Krankenhaus besucht, weiß er plötzlich, was er tun muss. Er kauft sich ein Ticket nach England, um seinen Vater zu suchen.

Stoisch und bodenständig die Personen, emphatisch und reich die Sprache. Der faszinierende Ebbe- und Flutzauber bringt den Leser zwar nicht zum Lachen, erweckt aber den Archäologen in uns und den Wunsch, im Watt zu buddeln, um wenigstens die Scherbe einer Kirchglocke oder einen Auerochsenschädel zu finden.

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Christa Blenk

 

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Surreale Sachlichkeit

 

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Ausstellungsraum (Schad, Dix, Querner)

 

Solange die Neue Nationalgalerie noch geschlossen ist, werden an unterschiedlichen Orten in Berlin themenbezogen Bilder aus dieser gezeigt.

Im Hamburger Bahnhof ist gerade Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

 

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 Ausstellungsraum (re Otto Dix, Kinderbildnis)

 

Surreale Sachlichkeit scheint erstmal paradox. Geht es um Surrealismus oder um die Neue Sachlichkeit. Oder um den Surrealismus in den Bildern der Neuen Sachlichkeit?

Die in den 20 Jahre entstandene Bewegung Neue Sachlichkeit suchte eine Übertreibung der Realität, im Surrealismus wird die Realität verzerrt oder anders ausgelegt. Jedenfalls geht es um die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen. Beide Bewegungen entstanden nach dem ersten Weltkrieg, zum Teil um den Horror dieses Krieges zu verarbeiten und beide Bewegungen waren Antworten auf die avantgardistische Moderne, wie auf den  revolutionären Kubismus, den beunruhigenden Futurismus oder den irrationalen Expressionismus, die in den ironisch-aggressiven 1920er Jahren schon wieder anachronistisch erschienen, eine Verleumdung des Expressionismus aufgrund eines Wunsches nach Ruhe und Ordnung, wie das Ernst Bloch nannte.

 

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 Die schwebende Mauer (Edgar Ende, 1933)

 

Und obwohl die Musik nicht mehr nur in Paris spielte (viele französische Künstler stellten in Berlin, München oder Köln aus) produzierten die Franzosen das erste surrealistische Manifest 1924; 1925 wurden in der Mannheimer Kunsthalle die ersten Werke mit dem Titel Neue Sachlichkeit vorgestellt. Die Psyche und eine Art verkappte oder zweideutige Realität hatten die Führung übernommen. In der Ausstellung werden sie nebeneinander oder nacheinander präsentiert und man erkennt, wie ähnlich sie sich sind oder wie gut sie sich ergänzen. Otto Dix oder Christian Schad sind dabei, aber auch viele weniger bekannte Künstler wie Fritz Burmann oder Alexander Kanoldt.

 

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Paar auf der Straße (Rudolf Bergander, 1931)

 

Max Ernst, Salvador Dali oder René Magritte ergänzen auf der Surrealistenseite die Wahrnehmungen, die nach dem ersten Weltkrieg bis zum Aufkommen der Nationalsozialisten die Geschichte von einem anderen Standpunkt aus erzählen. Die gesuchte oder vermeintliche Ruhe in den Bildern war trügerisch; der Witz der Surrealisten zweideutig!

 

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Grauer Tag (George Grosz, 1924)
 

Die Gemälde sind Bestände der Staatlichen Mussen zu Berlin, Nationalgalerie

Christa Blenk

 

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Husum und Rungholt

Husum

 

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Am Hafen (Fotos: (c) Christa Blenk)

„Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.

„Doch hängt mein ganzes Herz an dir, du graue Stadt am Meer“.  (T.Storm)

Grau ist sie auch nicht; die Innenstadt ist farbenfroh und freundlich.

 

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 die ältete Straße von Husum (Fotos: (c) Christa Blenk)

Skandinavien, Schleswig und Friesland vermischen sich hier. Husum bedeutet „zu den Häusern“. 1597 ist die Stadt in einer Sage  beschrieben worden, aber schon 1409 wurde der Name zum ersten Mal erwähnt und 1640, nur sechs Jahre nach der zweiten großen Sturmflut, der Buchardiflut, entstand die „Chronica der Stadt Husum“. Händler und Seefahrer waren sie, Vieh, Getreide und Salz waren ihre wichtigsten Güter.

Als die bedeutende Händlerhochburg Rungholt 1362 von einer Sturmflut  vernichtet wurde, begann der Aufstieg von Husum. 1603 erhielt der Ort Stadtrechte. Ende des 18. Jahrhunderts wohnten hier knapp 3500 Personen, im Deutschen Kaiserreicht stieg die Einwohnerzahl auf knapp 10 000, im ersten Weltkrieg waren es um die 15 000 Einwohner und nach dem zweiten Weltkrieg, aufgrund von Flüchtlingen und Vertriebenen die aus dem Osten kamen, wuchs Husum auf 25 000; heute sind es wieder ein paar weniger.

 

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 Im Museum – mit dem Buchhändler und Verleger Detlev Auvermann (Fotos: (c) Christa Blenk)

 

Der Sturmflut-Pfahl am Binnenhafen dominiert die Stadt; er zeigt die Wasserstände nach den wuchtigsten Fluten an, die den Ort maßgeblich prägten und prägen. Über die zwei großen Sturmfluten berichtet gerade eine Ausstellung im Museum.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…« Der Satz ist vom Dichter Detlev von Liliencron, der  in seiner Ballade von 1883„Trutz, blanker Hans“? die große, alles mit sich reißende Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, beschreibt. Sie hat die vor Husum gelegene Insel Nordstrand verwüstete.

Rungholt ist das sagenumwobene und geheimnisvolle Atlantis der Nordsee. Irgendwo zwischen Pellworm und Nordstrand soll es ganz tief begraben liegen mit vielen Kirchtürmen und Gütern von wohlhabenden Händlern. Die Ebbe bringt dann und wann wieder etwas an die Oberfläche. Nach der Sturmflut von 1362 konnten sich die nordfriesischen Inseln und Halligen wieder etwas erholen und den Handel einigermaßen etablieren; die Große Mandränke 1634 vernichtete allerdings komplett und definitiv den Ort und seit dem sind  Forscher und Dichter, Künstler und Abenteurer gleichsam fasziniert und besessen, Zeitzeugen oder Schätze ans Tageslicht zu holen oder gerade am richtigen Ort zu sein, wenn das Meer wieder etwas zurückgibt. Über die Flut von 1634 gibt es Schilderungen von Augenzeugen, während man von der im 14. Jahrhunderts so gut wie nichts weiß. Über 8000 Menschen sind umgekommen. Von Brunsbüttel bis Tondern tobte die Flut und irgendwo da draußen im Watt hat es gelegen…. Rungholt!“

 

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 Schloss vor Husum (Fotos: (c) Christa Blenk)

 

In der gut gemachten und didaktischen Ausstellung über den Mythos Rungholt werden zum ersten Mal wichtige Neufunde und Forschungsergebnisse vorgestellt, darunter das Modell eines Rungholter Schädels, hergestellt an der Flensburger Universität. Der Forscher Andreas Busch hat ihn 1925 im Watt gefunden. Man erfährt über den Deichbau und über das Torfstechen, die Salz- und Landgewinnung und den Küstenschutz. Die Wohnkultur auf den nordfriesischen Halligen wird erklärt und die Tierwelt im dortigen Wattenmeer dokumentiert. Über Hörstationen kann sich der Besucher selber ein Bild machen und die Phantasie zum blühen bringen.

Das Museum besitzt aber auch sonst sehenswerte Gegenstände und Kunstwerke und erzählt über den Museumsstifter Ludwig Nissen, der in Amerika reich wurde.

Interessant ist auch ein Besuch im Schloss vor Husum; es ist das Kulturzentrum der Westküste Schleswig-Holsteins; hier ist auch das Puppentheater Museum untergebracht, in dem reichlich an Storms Pole Poppenspäler erinnert wird. Wunderbare Puppen und Theaterrequisiten sind dort zu sehen. Ein Traum für Groß und Klein. Es heißt vor Husum, weil es außerhalb der ehemaligen Stadtgrenzen lag und wurde im 16. Jahrhundert von Herzog Adolf von Schlwesig-Holstein-Gottorf erbaut. Im 17. Jahrhundert war es Witwensitz für die Herzoginnen Augusta und Maria Elisabeth. Im 18. Jahrhundert rettete es König Friedrich V von Dänemark vor dem Verfall.

Der Buchhändler und Verleger Detlev Auvermann, der seit 40 Jahren zwischen Husum und Pellworm lebt, hat dem Museum und dem Schloß so einige Leihgaben und Schenkungen überlassen.

 

Mehr über Rungholt und die Schatzsuche hier

Christa Blenk

 

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Good Bait – Markus Ehrlich und die flexible Eingreiftruppe

Markus Ehrlich und die flexible Eingreiftruppe

 

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Auftritt im Donau 115

 

Hier geht es nicht um eine neue Friedensmission sondern um eine Jazzband und die ist gestern Abend – mittlerweile zum 14. Mail – in der Donau 115 aufgetreten. Donau 115 ist kein Pegelstand oder eine Werbung für eine Donaukreuzfahrt  sondern ein ganz kleiner (räumlich gesehen) Jazzclub für Insider und einer der angesagtesten in Berlin übrigens. Gerammelt voll war es, teilweise saßen die Gäste sogar auf dem Boden.

Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper.

 

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Johannes von Ballestrem und Tom Berkmann

 

Eingreiftruppe steht für das  Spiel mit dem Charme des Unkalkulierbaren und des Unbeständigen („just as free as a bird and as good as his word“ wie es in ihrer Lieblingsballade „Old Folks“ von Etta Jones heißt). Ehrlichs Truppe formatierte sich 2013 und umfasst an die 20 hochkarätige Musiker, mit denen er abwechselnd seit acht Jahren auf den deutschen und europäischen Bühnen zu hören ist:  mit unterschiedlichen Solisten und Programmen – je nachdem! Es funktioniert bestens, wie wir gestern Abend erleben konnten. Die Gruppe strahlt Dynamik, Initiative,  Können und mitreißend-ansteckende Freude an der Musik aus. Auf dem Good Bait-Programm standen gestern unter anderem Klassiker wie Remember, The More I See You, Jive at Five, Sister Sadie oder Stars Fell on Alabama, bei letzterem spielte der Bassist die Melodie.

 

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Philipp Schaeper und Markus Ehrlich

 

Zu ködern gab es eigentlich gar nicht so viel, denn diejenigen, die vor Ort waren, sind sicher wegen der Truppe oder wegen der Lokalität gekommen, uns allerdings haben sie an den Angelhaken gekriegt!

Markus Ehrlich spielt außerdem Klarinette und Flöte, ist viel auf Reisen und permanenter Gast auf vielen bedeutenden Jazz-Festivals in Europa. Johannes von Ballestrem war auch schon einmal Mitglied im Bundesjazzorchester und mit diesem in vielen Ländern auf Tournee. Stilistisch sehr vielseitig hat er in der Vergangenheit u.a. mit Kurt Rosenwinkel oder Greg Cohen auf der Bühne gestanden.  Tom Bergmann ist in einer bayerischen Einöde aufgewachsen und hat die Musik erst spät entdeckt. Vielleicht hat ihn ja das Muhen der Kühe zum Bass gebracht! Er hat bei Kurt Rosenwinkel und John Hollenbeck studiert und ist auf europäischen und amerikanischen Bühnen zu erleben. Für den Film „Oh Boy“ erhielt er 2013 zusammen mit der Gruppe The Major Minors, der auch der Schlagzeuger Philipp Schaeper angehört, den Deutschen Filmpreis für die Filmmusik.

Großartiger Jazz-Abend!

Christa Blenk

 

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