Emil Cimiotti – „Denn was innen, das ist außen“

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Im August 2017 feierte der Göttinger Künstler Emil Cimiotti seinen 90. Geburtstag. Das Kolbe Museum hat ihm aus diesem Anlass eine wunderbare Ausstellung organisiert.

Cimiotti ist 1927 geboren, war kurz im Krieg,  in Kriegsgefangenschaft und ist nach seiner Rückkehr Künstler geworden, zuerst als Autodidakt. Gleichzeitig macht er eine Ausbildung zum Steinmetz, lernt Willi Baumeister kennen und ein paar Jahre später in Berlin Karl Hartung. Dann zieht es ihn aber nach Paris wo er bei Ossip Zadkine lernt und wo er Brancusi, Leger, Giacometti und Le Corbusier kennenlernt.

 

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Baum, 1991 -Bronze bemalt – Kunstsammlung Talanx AG; Monte Circeo, 1959 – Kunstmuseum Bochum; Figurengruppe II, 1957 – Privatsammlung Niedersachsen

 

In den  1950er Jahre entstehen seine ersten kleinformatigen Bronzen. Die Kritik reagiert nicht gut darauf. Cimiotti bekommt 1957 aber trotzdem einen Kunstpreis verliehen und darf ein Jahr später zur Biennale nach Venedig reisen. Im selben Jahr erhält er ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Anschließend stellt er auf der documenta aus. Dreimal hintereinander.

Seit Ende der 1950er Jahren gehört Cimiotti zu den Pionieren der abstrakten Skulptur und er ist aus der Kunstwelt nicht mehr wegzudenken und über den Umweg der Abstraktion findet er Mitte der 1960er Jahren den Weg zur Figuration. Es steckt viel Poesie in seinen Arbeiten, manchmal kritische und nachdenkliche und dann wieder grotesk-surreale.  Cimiotti referiert permanent mit der Natur, so heißen seine  Arbeiten Wald, Baum oder Fische.

An der Eröffnung am 19. November nimmt der 90jährige Künstler persönlich teil. Er  wirkt gar nicht zerbrechlich,  begrüßt das Publikum im Stehen und diskutiert mit den Besuchern.

 

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 Die Fische, 1978-80 – Landratsamt Alb-Donau-Kreis

 

Vor ein paar Jahren hingegen, hat Cimiotti beschlossen, nicht mehr mit Bronze zu arbeiten. Er ist umgestiegen auf leichter zu handhabende Materialien wie Papier. Es entsteht ein positives und methodisches Alterswerk, das ihn wieder ganz jung macht und an den Anfang einer Karriere bringt und  das viel kreative Freiheit in sich birgt. Papier kann er alleine bewegen  – ohne Kran und Mitarbeiter. Die farbigen Papierfaltarbeiten stehen im Dialog mit den Skulpturen und es ist sehr interessant zu beobachten,  dass auch seine Bronzen manchmal an zerknülltes oder gefaltetes Papier erinnern. Sie wirken beweglich, filigran, verletzlich manchmal, nicht statisch und leicht eigentlich. Einige seiner Skulpturen hat Kolbe  früher auch bemalt. 

 

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Saalansicht

 

Das Kolbe Museum ist wie geschaffen für seine Arbeiten, die auch gut zu Kolbes Skulpturen passen. Im ersten, sehr lichten Saal hat die Kuratorin die Arbeiten aus den 1950er – 1970er Jahren platziert, dies sind auch z.T. die größeren Arbeiten, obwohl Cimiottis Skulpturen meist eine menschliche Dimension haben, tragbar und überschaubar sind. Die neueren Arbeiten und delikaten Papierreliefs sind im Nebensaal und im Untergeschoss ausgestellt. 

Einen direkten Einfluss von Zadkine kann man nicht wirklich feststellen. Zadkines Skulpturen sind härter, größer und kubistischer. Da findet man eher bei Giacomettis Arbeiten Parallelen oder mit Wilhelm Lehmbruck, sogar Kolbe selber. Hieran denkt man vor allem bei der Figur (für Meister Gislebertus, 1984), die gleich im ersten Saal steht. Sie steht da, in Kolbe Position, durchsichtig, voll im Licht, hat weder Kopf noch Arme und streckt  sich doch gen Himmel. Man spürt ein Ziehen in den Unterschenkeln beim Betrachten.

Den Titel seiner Ausstellung Denn was Innen, das ist außen hat er sich bei Goethe ausgeliehen.

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis!
Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles!
Kein Lebend’ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vieles. (Epirrhema, J.W. von Goethe)

Die Ausstellung zeigt über 30 Plastiken und zahlreiche Zeichnungen sowie die zarten Papierreliefs, die vor kurzem erst in seinem Atelier in Hedwigsburg entstanden sind und sie beschreibt 60 Jahre Künstlerleben.

Kuratiert wurde die Schau von Prof. Christa Lichtenstern, die Cimiottis Arbeiten wie Niemand sonst kennt und viel über ihn geschrieben hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Januar 2018 zu sehen und lohnt einen Besuch.

 
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 am Eröffnungstag im Kolbe Museum
 
 

 Christa Blenk

 

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Humbug – OPERALAB Berlin

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„Wer will nochmal, wer hat noch nicht“

Humbug

Der US Zirkuspionier, Kulturmanager und Marketing-Genie  P.T. Barnum alias Prince of Humbugs (wie er sich selber nannte) kaufte 1841 das Amerikanische Museum in New York. Dort präsentierte er seine Wunderkammer und allerlei seltsame Lebewesen – wobei es nicht immer ohne Tricks zuging. Im Laufe seines Direktorendaseins füllte er jedenfalls die Kassen und lockte 38 Millionen Besucher mit seiner Mischung aus Völkerkunde, seltsamen Lebewesen, kleinen Schwindeleien und exotischen Gegenständen in das Museum.

Bei dem Stück Humbug geht es um den Mythos der Meerjungfrau und Barnums größten Coup. Wir zahlen unseren Obolus und treten ein in die Freak-Show. In der Mitte auf einer Bühne liegt das Fabelwesen und redet auf eine Büste ein, sie wartet auf ihre Erlösung. Die drei Frauenstimmen sind dreimal die Person von Barnum (Gina May Walter und  Nina Guo, Sopran) und Luise Lein, Mezzo – manchmal übernimmt eine der Protagonisten in eine andere Rolle, so wird z.B. Luise Lein kurzfristig zum Seefahrer Odysseus, der sich von Barnum Nr. 1 fesseln lässt, um den Verlockungen der Sirene zu entkommen. Singen kann diese Fischfrau allerdings nicht, denn man hat ihr vorher die Stimmbänder aus dem Mund gezogen.  Ab und an wird sie mit Plastik gefüttert.

Aber zu diesem Kuriositätenkabinett gehören auch auf die Musiker, die sich vor ihrem Einsatz dem Publikum präsentieren. Da ist die bärtige Frau (Evdoxia Fillipou, Schlagzeug), der Mann mit Brüsten (Pedro Pablo Camara Toldos, Saxophon) und Mia Bodet am Keyboard, die eine Art rosaroter Menschenaffe sein könnte. Die drei Zirkusdirektoren tragen bunte Jacken mit Kordeln und Zylinderhut. Irgendwann wird unsere Meerjungfrau sehr gekonnt aus der schwarzen Plastikmülltütenhülle geschält und scheint erlöst. Unsicher und mühsam versucht sie immer wieder auf die Beine zu kommen bzw. zu flüchten, was die Direktoren natürlich nicht zulassen wollen, denn sie sorgt ja schon für gute Einnahmen.

Zum Schluss sitzt das Fabelwesen, eine Mischung aus Sirene, Udine und Andersens kleiner Meerjungfrau, auf einem Hocker. Sie hat nun Beine, aber immer noch keine Stimmbänder und zerlegt ganz kunstvoll eine Dorade, während die drei Sängerinnen im minimalen Loop-Stil und beeindruckenden Stimmen ihre Verse singen.  Dann hält sie uns die Fischgräte hin, die wie eine Meerjungfrau  aussieht.

Großartige Leistung der Meerjungfrau (Margaux Marielle-Tréhouart). Sie entwarf auch die Choreografie.

Opera Lab Berlin im Ackerstadtpalast hat aus einem fünfteiligen Liedzyklus des österreichischen Komponisten Bernhard Lang (*1957) eine Musiktheater-Kurzoper für Frauenstimme und drei Instrumente arrangiert. „Songbook I“ für Frauenstimme, Saxophon, Keyboards und Schlagzeug entstand schon im Jahre 2004. 2017 hat er sie überarbeitet und diese Version im Ackerstadtpalast nun zur Uraufführung gebracht. Die Lieder „Watchtower“, „Ophelia“, „Count 2 4“, „Burning Sister“ und „Another Door … for Jenny“ sind der Sängerin Jenny Renate Wicke gewidmet, die 2007 verstarb.

Regie führte Michael Höppner, die fantasievollen Kostüme entwarf Aurel Lenfert. Musikalische Leitung hatte David Eggert.

Auf jeden Fall haben wir uns köstlich amüsiert, obwohl die Musik durch das aufregende Geschehen in der Zirkus-Freak-Show zu kurz kam. 

Das Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater, Opera Lab Berlin, gibt es seit 2013.  Humbug ist die neunte Produktion (IM FELD#9).

Nicht ganz zu verstehen war, warum die Hocker an das Publikum erst dann verteilt wurden, als es sich alle schon auf dem Boden bequem gemachten hatten. Aber das gehörte sicher auch zur Inszenierung …..  ….

Christa Blenk

 

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In den Rheinauen – während COP23

Während der COP23 waren in den Bonner Rheinauen Installationen und Skulpturen des dänischen Künstlers Jens Galschiot (*1954) zu sehen.  Seine Arbeiten befassen sich generell mit dem Thema Humanismus, Menschenrechte und mit der Verteidigung von ethischen Werten der Gesellschaft – weg von politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Interessen. Meist stellt er seine Arbeiten an öffentlichen Plätzen aus, die dann gerne in eine Performance übergehen.

Die schwimmende Installation The Refugee Ship zeigt Klimaflüchtlinge in Kupfer und wurde bis jetzt in 30 deutschen Städten gezeigt sowie in weiten Teilen in Skandinavien

Anläßlich des Mauerfalls im Herbst 1989 entstand eine Skulptur mit Mauerfragmenten, dazu erhielt er von der Stadt Berlin zwei Mauerstücke, aufgestellt wurde die Skulptur in Berlin jedoch nicht (allerdings wurde das Modell am Checkpoint Charlie gezeigt). Das Original steht in seinem Skulpturengarten in Odense.  

 

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In den Rheinauen während der COP23 – u.a. mit Skulpturen von Jens Galschiot

cmb

 

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Michelangelo Pistoletto zu Gast bei Palladio

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 Installationen von Michelangelo Pistoletto auf der Biennale di Venezia – Basicila di San Giorgio

 

Spiegel überall!

Die Biennale von Venedig stützt sich in den vergangenen Jahren immer mehr auf die sogenannten »Collaterali« – das sind side events und Parallelausstellungen weit weg von den Giardini und dem Arsenale. In Kirchen und Palazzi findet man oft die interessantesten Installationen oder Künstler. 

Dem italienischen Installationskünstler Michelangelo Pistoletto (*1933) stand die komplette Basilica di San Giorgio auf der Isola di San Giorgio Maggiore  zur Verfügung. Der große Renaissancearchitekt Andrea Palladio hat sie erbaut. Von Arsenale fährt man also mit dem Vaporetto auf die Insel San Giorgo und das Boot hält direkt vor der Kirche.

Im Innenraum trifft man gleich auf   »Love Difference – Artistic Movement for an InterMediterranean Politic ». Die Installation entstand im Jahre 2002 in Cittadellarte (Biella). Diese Stiftung hatte der Weltverbesserer Pistoletto Ende der 1990er Jahre gründet  mit dem Ziel den sozialen Wandel durch künstlerische Interaktion zu verbessern, ein Schmelztiegel-Effekt und ein Versuch,  Mensch und Natur in Harmonie zu vereinen und  beständigere Werte wieder auszugraben. Sehr prominent vertreten eine Spiegelbild-Serie, die während seines Kuba-Aufenthaltes 2015 entstand. Il Tempo del Giudizio (2009-2017) ist eine Tempel-Installation aus Spiegel, Teppich und zwei Buddha-Figuren. Dann, die neueste Arbeit „Colour and Light“  bestehend aus acht Elemente von je 180 x 120 cm, sie entstand 2017.

Terzo Paradiso ( das dritte Paradies) ist ein vielfältiges, welt-übergreifendes und welt-beteiligendes Manifest. Es ruft auf, mit  Verantwortung und Solidarität an einer Veränderung der Welt mitzuarbeiten und sie für die kommenden Generationen zu bewahren, wie immer, ist für ihn die Kunst ein Werkzeug, die  ökonomischen, sozialen und politischen Zustände zu verbessern.

Pistoletto kommt aus der Arte Povera und ist vor allem bekannt für seine blank polierten Spiegelinstallationen. Unterschiedliche Spiegelmontagen und andere Werke aus seinem 50jährigen Künstlerleben sind dort zu sehen und natürlich darf die „Lumpenvenus“ (1968) nicht fehlen. Sie ist ein Paradebeispiel der Arte Povera: Ganz in weißem Marmor, beugt sich die Schöne über einen bunten Lumpenberg.

Der Zuschauer ist das Kunstwerk, Pistolettos Spiegelflächen haben manchmal sogar einen barocken Goldrahmen aber das Gemälde existiert nur so lange wie der Betrachter in die Spiegel schaut. Sobald man weg sieht, ist das Kunstwerk verschwunden oder hat sich verändert. Es lebt sozusagen, es entsteht und es zerfällt mit unseren Bewegungen.  Manchmal zerschlägt Pistoletto seine Spiegel, dann gibt es uns nur noch zerrüttet, defragmentiert. 

Pistoletto selber entstammt einer Restauratorenfamilie und hat eine Werbe-Designschule besucht, aber abgesehen davon ist er Autodidakt. Im Kunstgewitter der Nachkriegszeit, in den 1950er Jahren, fängt seine Künstlerkarriere an. Selbstportraits, Objekte, Figuratives und Konzeptuelles. Schon 1960 hat er die erste Einzelausstellung in Turin. 1962 entsteht sein erstes Spiegelbild „Il Presente“ (die Gegenwart) und Pistoletto wird zum bedeutendsten Vertreter der Pop Art in Italien. Dimension, Raum und Zeit sind seine Hauptanliegen. Pistoletto stellt in Europa und in den USA aus und seine Arbeiten werden immer konzeptioneller. Anschließend kommt die Phase der Minusobjekte. Hier stehen Vielschichtigkeit und Zeitumfang im Mittelpunkt. Er ist Mitbegründer der Arte Povera- Bewegung und stellt seine Arbeiten außerhalb der kommerziellen Galerien aus. In diesem Jahr wurde er zum ersten Mal auf die Biennale eingeladen. In den 1970er Jahren kommt die Raumphase ( Le stanze) für die Galerie Stein in Turin. Es folgt die Serie continenti di Tempo (Zeitkontinenten). 2007 bekam er in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Immer wieder steigt er aus dem kommerziellen Kunstgeschäft aus und lehnt sogar ein Angebot des New Yorker Kunsthändlers Leo Castelli ab.

Ohne Pistoletto wäre die zeitgenössische Kunstszene ohne Zweifel sehr viel langweiliger!

Die Ausstellung in der  San Giorgio  Basilica präsentiert 50 Jahre seines Lebenswerkes (1960-2017) und ist interessanter als das meiste, was diese Biennale zu bieten hatte.

11 Mal insgesamt war er auf der Biennale di Venezia; das letzte Mal 2009 und viermal war Michelangelo Pistoletto auf der documenta in Kassel vertreten.

 

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Auf dem Weg zu Pistoletto

Christa Blenk

 

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Ferdinand Hodler

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 Ferdinand Hodler - Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813
1908/1909 – Öl auf Leinwand

 

FERDINAND HODLER – MALER DER FRÜHEN MODERNE

Mit aufgerissenen Augen, streng, fragend, fordernd, die Stirn in Falten gelegt, selbstsicher, schaut er uns an. Das Portrait entstand 1912, da war Ferdinand Hodler 59 Jahre alt. Das Bild ist aus Winterthur nach Bonn gekommen und Hodler hat es auf dem Höhepunkt seiner Malerkarriere gemalt. Eines seiner besten Selbstportrait  sicherlich. Auf jeden Fall ein Ergebnis seines Lernprozesses, seines Aufenthalts in Spanien 1879 und der intensiven Befassung mit dem Maler Diego de Velazquez.

Der Veduten-, Postkarten – und Ornamentemaler Ferdinand Hodler, der schon als 12-jähriger die Dekorationswerkstatt seines Stiefvaters leiten muss und der sieben seiner Geschwister an die Tuberkulose verliert, gehört spätestens seit der Jahrhundertwende zu den gefragten, europäischen Dekorations- und Historienmalern und seine Motive werden es später sogar auf den Schweizer Frankenschein schaffen. Obwohl die neutralen Bergbewohner einige seiner Werke als sittenwidrig bezeichnen, darf er  die Schweizer Gründergeschichte dokumentieren. Mit dem Wandbild „Rückzug aus Marignano“, das er für das Landesmuseum Zürich malt, wird er auch in Deutschland als größter Monumentalmaler gefeiert.

1889 entsteht das Gemälde „Die Nacht“. Es zeigt sieben schlafende Menschen, Hodler selber liegt zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin. Die Genfer Behörden haben Probleme damit, finden es zu gewagt, an anrüchig und lassen es aus dem Genfer Musée Rath entfernen. Max Liebermann hingegen war begeistert und holt es nach München.  Damit ebnet er auch Hodlers Weg in die Münchner Sezession. In Paris bekommt der Maler dafür eine Silbermedaille und Bertha Stucki lässt sich später von ihm scheiden. Das Bild „Die Nacht“ ist leider nicht nach Bonn gekommen.  Allerdings gibt es ein „Tag“-Bild. Hier hat sich Hodler samt Frauen zwar nicht verewigt, stattdessen tummeln sich drei androgyne Grazien – wie er sie ja so gerne malt – auf einem hellblauen Tuch, das auf einer verzierten Wiese liegt. Ursprünglich waren es fünf Musen, zwei davon hat er aber später aus dem Bild entfernt.

Aus Anlass des 350. Geburtstages der Universität Jena erhält er  1908/1909 einen  Auftrag der Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar, ein Wandbild für die Universität zu malen. Thema sollte der Aufruf Preußens zum Widerstand gegen Napoleon sein und gerichtet hat sich das Petitum an die Jenaer Studenten. Diese hatten 1813 allerdings die Uni Jena verlassen, um sich verschiedenen preußischen Truppen, wie z. B. dem Lützowschen Freikorps in Breslau anzuschließen. Patriotismus und Zusammenhalt, Mut und Aufbruchsstimmung sollte das Bild vermitteln, was es im oberen Teil auch tut. Dort marschieren die Vierergruppen zackig mit geschultertem Gewehr im Gleichschritt. Hodler hat das Bild in zwei Hälften geteilt. Unter der Linie allerdings herrscht alles andere als Bereitschaft oder Ordnung. Sein heroisches Monumentalgemälde vermittelt Zögern und Unlust auf den Krieg.  Hier helfen auch die güldenen Messingknöpfe nicht. Diese Soldaten muss man zum Jagen tragen! Einer steigt umständlich auf ein Pferd, ein anderer überprüft die Hufe und der dritte schnallt sich lustlos den Kanister auf den Rücken. In der Mitte des Gemäldes zieht sich ein Landser gerade die schwarz-eingefärbte Jacke an. Auf der rechten Seite hebt ein gut gekleideter Schütze den rechten Arm und marschiert fast tanzend aus dem Bild, hinter ihm ein gesatteltes Pferd ohne Reiter.

Der Jenaer Philosoph Rudolf Eucken hatte ihm seinerzeit den Auftrag erteilt; 5000 Reichsmark haben die Kunstfreunde dafür bezahlt. Euckens Frau soll ihm sogar eine echte Uniform aus Lützow besorgt haben und der 17-jährige Eucken-Sohn Rudolf stand angeblich Modell. Natürlich sorgt dieser Auftrag für Kritik. Seit wann darf ein Schweizer Symbolist ein Sinnbild des deutschen Nationalstolzes malen?  Die Leipziger Abendzeitung am 5. Oktober 1907 berichtet dementsprechend:  „Auf den Einfall, die Großtat eines Volkes durch einen Ausländer verherrlichen zu lassen, ist wohl bisher noch keine andere Nation gekommen.“

Auch dieser Umstand mag der Grund gewesen sein für die heftige Reaktion, als Hodler 1914 ein Genfer Protestschreiben gegen einen Akt der Barbarei der deutschen Artillerie unterschreibt. Diese steckte kurz nach Kriegsbeginn die Universitätsbibliothek von Löwen in Brand und beschoss die Kathedrale von Reims. Hodlers Jena- Epos, das immerhin ca 600 x 442 cm misst, wird umgehend aus dem Saal verbannt und verschwindet hinter Bretterverschlägen. Man spielt sogar mit dem Gedanken, das Bild zu verkaufen.

Hodler schreibt an seinen ehemaligen Freund Eucken und will klarstellen, dass sich sein Protest vor allem gegen die « Zerstörung eines Kunstwerkes“ gerichtet hätte und nicht gegen Deutschland. Aber ohne Erfolg, seine Bilder werden aus den deutschen Museen entfernt und der Maler Hodler aus allen Künstlervereinigungen ausgeschlossen.

Gerollt kam das monumentale Werk zur Ausstellung nach Bonn, nachdem es lange Jahre weder abgenommen noch transportiert worden war. Ein Film in der Ausstellung erzählt die Geschichte.

Bevor Hodler aber 1914 in Ungnade fällt, bekommt er 1911 –  auf Anregung von Liebermann übrigens – noch einen zweiten Großauftrag aus Deutschland. Wieder ein historisches Gemälde, diesmal für das Rathaus von Hannover. Es entsteht „Einmütigkeit“ . Es  zeigt den protestantischen Schwur der Bürger von Hannover im Juni 1533 auf dem Marktplatz. Zur Einweihung 1913 kommt sogar der Preußenkaiser ins Hannoveraner Rathaus. Pompöse Männer, den rechten Arm hochgesteckt, verherrlichen den Populismus. Die Szene wirkt aber eher wie aus einem schlechten Peplum-Film, die Schwörenden greifen  chaotisch und tänzerisch eher nach den Sternen.  Der Redner, den Hodler viele Male vorbereitend malte,  ist als Einziger von vorne zu sehen, macht ein wütendes Gesicht und stampft gefühlt mit dem Fuß auf. Ob es dem Kaiser gefallen hat ist nicht dokumentiert – er soll geschwiegen haben!

Hodler hat nicht nur die Schweizer Berge neu erfunden, er hat auch die Historienmalerei ins 20. Jahrhundert geholt und ihr eine neue Dynamik verliehen. Die vereinfachte Reduzierung der Figuren passt gut in die neue Zeit, auch wenn die Figuren klobig und aggressiv wirken.

Aber dann gibt es auch die kleinen Bilder, fast lieblich wollen sie sein, weich und kantig zugleich. Und zwischen tanzenden Frauengruppen und hellblauen Landschaften liegt sie da, seine Geliebte Valentine Godé-Darel. Er hat sie ab 1913 lebend, sterbend und tot gemalt. Verhärmt und scharf geschnitten das  weiße Gesicht, wie die Umrisse seiner Berge.  Die dicken roten Blutstropfen könnten auch Blumen sein.

Bei den Landschaften fällt es vor allem auf: Blau ist seine Lieblingsfarbe. Dicke Pinselstriche lassen an  Van Gogh oder Kokoschka denken. Trotz meist Frühlingsstimmung kommt eine echte, überzeugende Fröhlichkeit nicht auf. Es liegt eine unausgesprochene Dramatik auf seinen Bildern, so als ob gleich etwas passieren würde oder das passierte noch nicht richtig verarbeitet werden konnte.

Immer wieder nimmt er ein schon behandeltes Thema auf und bereitet seine großen Werke mit vielen Studien vor. Man bekommt den Eindruck, dass Hodler zuerst seine Protagonisten nackt malt und sie dann anzieht. Die Kleider kleben am Körper, aber sind doch eher eine Skulptur. Holprig die Linien der pompösen Spröden oder der Axt schwingenden Waldarbeiter.

„Die Heilige Stunde“ (1911) zeigt vier Frauen auf einer Pompeij-roten Bank sitzend. Die beiden Frauen in der Mitte sind blau gekleidet und wirken stolz, autoritär, frei, mit großen Füßen, gar nicht wie Frauen, die kein Wahlrecht haben. Die Frauen links und rechts tragen helle Kleider und sind zierlicher. Sie neigen  ihren Kopf nach innen. Alle vier blicken sich nicht an und die Hände sind keine betenden. Das Bild ist mit einer Blumengirlande umrandet. Hodler hat sich hier an einer römischen Wandmalerei orientiert, scheint es.

Seine Personen schauen uns nicht an und diese von ihm so geforderte Fusion des Körperlichen und des Übersinnlichen sowie der Zwang  Jugendstil-Ornamente hinzuzufügen, lassen ihn schon mal kurz abrutschen in einen  verdrehten, sentimentalen, manieristischen Symbolismus. Seine Landschaften nähern sich im Laufe der Zeit immer mehr Farbflächen, Geschichten – wie auf den Landschaften von früher – erzählt er auf ihnen nicht mehr.

Ferdinand Hodler war ein geschickter Künstler, ein wichtiger Maler zu Beginn der Moderne und hat es oberdrein verstanden, sich selbst zu vermarkten, er war auch ein Geschäftsmann, der gute Kontakte zu  Sammlern und Museen pflegte. Er  stirbt, sehr wohlhabend, am 19. Mai 1918 in seinem Haus am Genfer See und hinterlässt an die 2000 Gemälde und unzählige Zeichnungen.

Fast 20 Jahre war Hodler nicht mehr in Deutschland in einer umfassenden Ausstellung zu sehen. Die Kuratorinnen  Monika Brunner und Angelica Francke  haben anhand von rund 100 Gemälden und 40 Zeichnungen – die meisten davon kommen aus der Schweiz – Hodlers künstlerischen Weg nachgezeichnet. Man lernt ihn gut kennen auf den abwechslungsreichen Etappen, zwischen Moderne, Jugendstil und Symbolismus und die Geschichte um den „Fall Hodler“ macht ihn sogar zu einer politischen Figur.

Die Schau in der Bonner Bundeskunsthalle, die in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern entstanden ist, geht noch bis zum 28. Januar 2018 und ist auf jeden Fall  sehenswert.

Christa Blenk

 

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Satyagraha

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nach der Vorstellung

 

Geduldige Offenheit

Die dritte Oper von Philipp Glass, Satyagraha, wurde 1980 als Auftragswerk der Oper Rotterdam dort uraufgeführt. Das war vor der Zeit seiner bekannten und eher kommerzielleren Filmmusikkompositionen wie Koyaanisqatsi (1983) und Pawaqqatsi (1988). Ursprünglich  nicht als Tanzstück geschrieben, erzählt es Szenen aus den jungen Jahren von Gandhi, vor allem aus seiner Zeit als Rechtsanwalt und Friedenskämpfer in Südafrika. Satyagraha ist ein Paradebeispiel der Minimal Music. Der Text ist aus der Bhagavad Gita, einer fundamentalen Schrift des Hinduismus. Das Libretto hat der Komponist zusammen mit Constance DeJong geschrieben.

Gandhi selber hat den Begriff Satyagraha gefunden, um seine Strategie der Gewaltlosigkeit zu manifestieren. Satyagraha ist der Inbegriff der geistigen Stärke und der friedlichen Konfliktlösung. Ein „beharrliches Festhalten an der Wahrheit“. Beharrlich, das passt auch auf die Musik von Glass.

Das Werk entfaltet sich wie ein Leporello und klappt immer wieder eine andere Seite aus Gandhis Leben auf. Wobei es nicht chronologisch zugeht oder irgendeiner Ordnung folgt. Die Szenen hängen auch nicht zusammen, jede Geschichte kann alleine so stehen bleiben und ist unabhängig.

Der erste und zweite Akt besteht je aus drei Teilen, wobei der erste Akt Tolstoi und der zweite dem Dichter und Nobelpreisträger Tagore gewidmet ist. Beim dritten Akt hat Gandhi an Martin Luther King gedacht, dessen Konzept teilweise auf Gandhis Ideen beruhte. Hier geht es um die Aufstände der Minenarbeiter in Newcastle. Die Tänzer bewegen sich systematisch über die Bühne und verteilen spiralförmig-endlos Kreidestaub auf der Bühne. Großartig das Kapitel der Indian Opinion oder die Identitätspapier-Verbrennungsszene.

Auf der Bühne gibt es nur Stahlseile, die von oben nach unten führen, manchmal die Plattform in eine beunruhigende Schräglage bringt oder sie in Ober- und Unterwelt trennt aus der die sich windenden Hände und Beine unterdrückter Arbeiter oder Menschen ausbrechen wollen. Sehr starke, schöne und bewegende Bilder.

Sidi Larbi Charkaoui lässt die Tänzer und Tänzerinnen des Eastman Ensemble Geschichten durch Bewegung erzählen und Handlungen beschreiben. Aggressiv, harmonisch und  religiös – ein permanenter Wechsel zwischen Sieg und Niederlage und Gandhi  (Stefan Cifolelli, sehr lyrisch-religiös und überzeugend) ist immer mittendrin. Die Kostüme sind kolonial-indisch, so trägt Miss Schleser weite Hosen, Cottonshirt und einen Tropenhut, während die anderen in weißen Saris rumlaufen. Der Chor musste sich in Tai-Chi-ähnlichen Bewegungen üben, die große Ruhe und Harmonie verbreiteten.

Die Bühne wirkt manchmal fast zu klein für den Massenandrang. Dieses Gewusel geht nicht mit Minimal Music möchte man meinen. Das ist aber nicht der Fall: Musik, Sänger und Tänzer bewegten sich nahezu gleichberechtigt durch unterschiedliche Lebensphasen und Geschehnisse in Gandhis Wirken. Die Tänzer erklären was die Solisten singen. Mehr noch, fast kann man sich nicht vorstellen, diese Oper ohne Cherkaouis Regie zu erleben. Kontrolliert-ruhig, dynamisch und sehr rhythmisch sind die Bewegungsabläufe, auch wenn sich im Verlauf des Abends vieles wiederholt, aber das trifft auch auf die Texte und auf die Musik sowieso zu. Eine religiöse und kontrastreiche, mikroskopisch sich voran bewegende Hypnose liegt über allem.

Cherkaouis Choreografien setzen sich eigentlich immer aus Elementen verschiedenen Kulturen oder Religionen zusammen. Das haben wir schon bei dem Stück Sutra gesehen, wofür er vor ein paar Jahren einen Balletpreis bekommen hat.

Die Solisten Cathrin Lange (Miss Schlesen), Mirka Wagner (Mrs. Naidoo), Karolina Gumos (Kasturbai), Tom Erik Lie (Mr. Kallenbach) waren durch die Bank sehr überzeugend und haben sich in der Rolle wohl gefühlt.

Philipp Glass kam durch den Schallplattenladen seines Vaters in Baltimore zur Musik. Dieser brachte immer Platten aus seinem Laden  mit nach Hause brachte, die sich nicht gut verkauften, darunter waren Werke von Schönberg oder Hindemith. Glass ist eine Art Wunderkind, das schon mit 10 Jahren in einem lokalen Orchester spielte. Er studierte aber dann trotzdem erstmals Mathematik und Philosophie in Chicago und befasste sich durchaus und intensiv mit der Zwölftontechnik, die er aber für seine Musik ablehnt. 1965 begegnete er in Paris dem indischen Komponisten und Musiker Ravi Shankar, machte einige Transkriptionen für ihn und kam so in Kontakt mit dem asiatischen Rhythmus- und Zeitverständnis.

Jonathan Stockhammer am Pult hat der Monotonie Odem und Rhythmus eingehaucht und trotzdem Glass‘ langsamen, ruhigen Fluss respektiert.  Die Eastman-Tänzer nahmen persönlich an Gandhis Aufmärschen und Protesten teil und die standing ovations zum Schluss gehörten gleichermaßen dem Orchester, den Solisten, Tänzern und Chor, die großartig zusammen agierten.  Und trotz obsessiven Wiederholungen und gesungenen Endlosschleifen vergingen die 3 ¼ Stunden wie im Flug .

« Geduldige Offenheit » verlangte die Dramaturgie-Assistentin vom Publikum nach der Einführung. Es hat funktioniert, denn auch bei der Aufführung am 5.11. gab es fast nur begeistertes Publikum.

Satyagraha entstand als Koproduktion des Theater Basel, der Komischen Oper Berlin und der Vlaamse Opera in Antworten und Gent.

Christa Blenk

 

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Jeanne Mammen

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der neue Hut 1929
 

JEANNE MAMMEN (1890-1976)

Caféhäuser, Charleston und Chroniken – flanierende Augenzeugin der Berliner roaring twenties

Jeanne Mammen ist in Berlin geboren und als Tochter deutscher, gut situierter Eltern  in Paris aufgewachsen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte die Familie zu Unerwünschten, das Vermögen wurde konfisziert und Alle mussten die französische Hauptstadt verlassen. 1916 kamen die Mammens wieder nach Berlin zurück. Da ist Jeanne 24 Jahre alt und hat bereits Kunststudien und Aufenthalte in Paris, Brüssel und Rom hinter sich.  In Berlin trifft sie auf schroffe Töne, rauhe Umgangsformen, kalte Winde, Größenwahn, öffentlichen Gehorsam und Armut – dies alles kannte sie aus Paris nicht. Mit Gelegenheitsjobs, Modezeichnungen und Illustrationen für den Simplicissimus, den Ulk und den Junggesellen hält sie sich über Wasser. 1919 lässt  sie sich ein einer Atelierwohnung am Kurfürstendamm Nr. 29 nieder, wo sie ihr Leben lang – immer im inneren Widerspruch mit der Stadt -  bleiben sollte.  Heute  ist diese Wohnung der Sitz der Jeanne Mammen Gesellschaft.

Jeanne Mammen dokumentiert das Geschehen auf den Berliner Straßen, in den Cafés und  Vergnügungslokalen der wilden 1920er Jahre. Am liebsten malt sie Aquarelle in ihren kleinen Block und diese Arbeiten sind auch ihre Schönsten. 1930 wird anlässlich einer  erfolgreichen Einzelausstellung in der Galerie Gurlitt die Berliner Kunstwelt auf sie aufmerksam. Mammen saugt alle bekannten Kunsttendenzen auf. Die malt symbolistisch und expressionistisch; Bilder wie  Die Schachspieler (1929) sind der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. Sie kokettiert mit dem Verruchten, dem nicht-angepassten und dem Verbotenen, wie das in dem Aquarell  Die Verworfene (1929) zu sehen  ist.

Ihre Frauen tragen den typischen Topfhut, ein knieumspielendes Charleston-Kleid oder lange Hosen, natürlich eine kurze Bubikopf-Frisur oder einen  Herren-Zylinder. Ausgelassen und sorgfältig zurecht gemacht, wird getrunken, gelacht, Shimmy und Charleston getanzt – auch außerhalb der Karnevalszeiten.  Sie verkörpert und dokumentiert eine neue Frauengeneration, eine selbstbewusste, Frauen die zur Wahl gehen dürfen und einen Beruf haben, Frauen, die keinen Mann mehr brauchen um anerkannt zu werden, Frauen, die alle ranzigen Moralvorstellungen abgelegt haben und im Großstadt-Dschungel mitspielen.

In Paris hat sie natürlich auch die Arbeiten von Henri Toulouse-Lautrec kennen gelernt und wie dieser die französische Gesellschaft in seinen Arbeiten festhielt, macht sie das in Berlin:   humoristisch, kritisch, ironisch und nicht so politisch wie dies die Neue Sachlichkeit verlangte, bei ihr scheint immer wieder eine französische Leichtigkeit durch.

Schachspieler 1929-1930Café-Terrasse in KaDeWe - 1935Photogene Monarchen, 1967
Die Schachspieler (1929); Café-Terrasse in KaDeWe  (1935), Photogene Monarchen (1967)

 

Ab Mitte der 1930er Jahre kann sie ihre Werke nicht mehr zeigen und zieht sich zurück. Nach dem Krieg entstehen glitzernde, kubistische und expressionistische Arbeiten, das Figurative verschwindet komplett. Jetzt malt sie wie Paul Klee, Matisse, Fernand Leger, die amerikanischen Expressionisten und natürlich wie Picasso – vor allem seine Guernica-Serie hat sie beeindruckt. Richtig an die künstlerische Oberfläche kommt sie aber bis 1971 nicht mehr. In diesem Jahr werden ihre Frühwerke  mit großem Erfolg in Hamburg und Stuttgart gezeigt.

Jeanne Mammen stirbt am 22. April 1976 in Berlin.

Die Ausstellung ist die erste große Retrospektive seit einer wichtigen Ausstellung 1997 im Berliner Martin-Gropius Bau. Sie umfasst 170 Arbeiten aus über 60 Schaffensjahren.

In der Berlinischen Galerie ist die sehenswerte Ausstellung  noch bis zum 15. Januar 2018 zu sehen.

Christa Blenk

 

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La BETTLEROPERa

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Balletto Civile nach der Aufführung von La BETTLEROPERa
 

La BETTLEROPERa

„Der Räuber als perfekter Bürger und der Bürger als perfekter Räuber“

John Greys Beggar’s Opera  wurde 1728 in einem Londoner Theater uraufgeführt – als Persiflage auf Händels Opern, die sich an die gebildete Oberschicht, zu der Grey allerdings auch gehörte, richteten. Ein anderes Publikum  ins Theater zu holen war auch der Wunsch von Kurt Weil und da das neue Theater am Schiffbauerdamm ein knackiges Stück für die Eröffnungspremiere brauchte, schrieb Berthold Brecht die Texte auf der Basis von denen von Grey.

Die Dreigroschenoper wurde zum größten Theatererfolg in den 1920er Jahren. Die Idee zu diesem Titel kam übrigens von Lion Feuchtwanger.

Das Stück spielt im Räuber- Hehler-, Falschspieler und Prostituiertenmilieu. Die Tochter des Hehlers Peachum, Polly, hat heimlich den Don Juan, Banditen und Widersacher von Peacham, Macheath, geheiratet. Man beschliesst, ihn zu hängen. Polly verhilft ihm zur Flucht, aber Mrs Trapes, die bei Brecht/Weil Spelunken-Jenny heisst, verrät ihn. Lucy, die Tochter des Gefängniswärters und auch verliebt in Macheath streitet sich mit Polly, die darauf besteht, seine Frau zu sein. Das lieto fine  bei Grey und Brecht wird hier nicht wiederholt. In der Produktion der Neuköllner Oper landet  Macheath kunstvoll durch la Sig.ra Trappola drapiert, am Galgen. Der Bettlertanz am Ende ist großartig.

Das bis heute bei Brecht aufgeführte Vorspiel, die Moritat von Macheath alisas Mackie Messer, ist bei der BETTLEROPERa der Auftritt der Bordellbesitzerin, Mrs Trappola, die einen umwerfenden und akrobatischen Vortrag über das Leben und die Bedeutung von allgemein Huren hält.

Moritz Eggert hat 28 Songs geschrieben, die aber keine zusammenhängende Oper bilden und das auch noch in Deutsch, Englisch und Italienisch. Die Musik durch das 4-köpfige Ensemble Freiraum Syndikat, besteht aus zwei Blockflöten, einer E-Gitarre und einem Cello, die zwei Stunden lang kuriose und schroffe, kratzende und dann wieder ganz harmonische oder streitsüchtige Töne hervorbringen,  schließlich spielt es ja auch in einem deftigen Gangster-Milieu. Sehr abwechslungsreich geht das von romantisch-moralischen Balladen bis zu flotten Tanzszenen. Eggert hat sich auch nicht gescheut, einige bekannte Melodien aus der Musikgeschichte wie „Diamonds are a whore’s best Friend“ oder „We are the Chamions oft he Underworld“ mit einzubeziehen. Auf jeden Fall gab es meistens viel (un) kontrollierten Lärm aber durchaus Assoziationen mit Weils schräger und zum Teil disharmonischer Musik.

Zeitweise hat man Schwierigkeiten, diesem „brownschen“, konfusen Musik-, Tanz- und Theaterstück zu folgen, denn es passieren permanent zur gleichen Zeit mehrere Handlungen. Und obwohl es wie gesagt kein Happy End gibt, ist die Stimmung großartig auf der Bühne und im Zuschauerraum!

Für Eckert ist dies schon die zweite Produktion für die Neuköllner Oper. Man hat sich dazu das ausgezeichnet, italienische Balletto Civile ins Boot geholt, die Pasolini und Fellini im geistigen Gepäck mitbrachten. Dafür hat Sabrina Rossetto mit einem minimalen Bühnenbild und wenig Farben für optische Ruhe gesorgt. Ab und zu wurden die Aufzugskabinen für die Freier erhellt oder das fahrbare Gefängnis über die Bühne gerollt, meistens mit Macheath drin. Regie und Choreografie stammen von der Pina Bausch-Schülerin Michela Lucenti und von Maurzio Camilli sowie Bernhard Glocksin. Lucenti und Camilli spielen auch das Ehepaar Peachum. Nicole Kehrberger als Mrs. Trappola ist einzigartig und umwerfend gut. Christopher „Crsto“ Ciraulo ist ein großartiger, sich drehend und wendender und doch sanftmütiger Macheath. Polly (Emanuela Serra) ein unschuldiges Dummerchen und Lucy (Sophia Euskichen) eine rachsüchtige Betrogene. Die Kleinverbrecher und die Prostituierten kommen aus der Freien Theaterszene Berlins. Richtig singen kann eigentlich keiner von ihnen, aber es ist ja auch eine Oper für Alle!

Dieses brillante Stück, mit dem die Neuköllner Oper ihr 40-jähriges Bestehen feiert, könnte durchaus ein Kult-Stück wie die Rocky Horror Picture Show werden. 

Christa Blenk

 

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Venedig am Rande der Biennale

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Seit 1859 findet in Venedig die Biennale statt. Damit ist sie die älteste Kunstbiennale. Dieses Jahr hat die Französin  Christine Macel die Biennale zum Thema « Viva Arte Viva » kuratiert. Bis 26. November ist sie noch zu besichtigen.

Hauptschauplatz waren – wie immer – die 28 nationalen Pavillons in den Giardini. Napoleon ließ sie anlegen. Aber immer wichtiger und auf jeden Fall umfangreicher sind die Installationen und Präsentationen im Arsenale-Hafen Gebiet. Abgesehen davon stößt man überall in der Stadt und auf den Inseln auf Künstler und Kunstwerke. So ist der Italiener Michelangelo Pistoletti mit einer bedeutenden Präsenz in der Kirche auf San Giorgio zu erleben.

U.a. vertreten sind Künstler wie Olafur Eliasson,  Ernesto Neto, Gabriel Orozco, Phyllida Barlow, Tracy Moffat, Anri Sala, Kiki Smith, Erwin Wurm und Franz Erhard Walther.  Den deutschen Pavillon bestückte oder bespielte die Frankfurter Multimediakünstlerin Anne Imhof.  Sie hat den goldenen Löwen für ihre fünfstündige Performance « Faust » bekommen. Hier geht es um Dobermänner, Gitterzaun, Glasböden, tanzende und verformte Kapuzenmänner auf dem Dach und um Feuer – eine Mischung zwischen Kitsch, Pathos und Grenzen, des Lebens und der Kunst. Lange Schlangen, Unsicherheit ob überhaupt und viel Wartezeit machten es nicht besser aber beschwerten ihr viele Besucher.

Überzeugend war sie wieder nicht, diese Biennale und man würde sich wünschen, die Arsenale leer zu durchstreifen, denn diese Industriearchitektur ist wunderschön und beeindruckend. Die « Corderie » (Seilanfertigung) entstand 1580 und ist 360 Meter lang (und man spaziert hier von einer uninteressante Arbeit zur nächsten). 

Das Ticket ist zwei Tage gültig (für Giardini und Arsenale). Man sollte aber daran denken, dass am Montag alles geschlossen bleibt!

 

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Fotos: cmb und JNP

 

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L’Invisible – Aribert Reimann an der Deutschen Oper

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L’INVISIBLE von Aribert Reimann, Deutsche Oper Berlin,
Uraufführung: 8.10.2017, copyright: Bernd Uhlig

L’Invisible – Trilogie lyrique nach Maurice Maeterlinck
Unsichtbarer Tod
Am  8. Oktober fand die Uraufführung von Aribert Reimanns neuerster Oper L’invisible (Das Unsichtbare) in der Deutschen Oper statt. Am Pult Donald Runnicles. Für die Deutsche Oper – zu recht – der Triumph der Saison!Drei kurze Theaterstücke des symbolistischen, belgischen Dichters Maurice Maeterlinck ( 1862-1949) hat Aribert Reimann (*1936) zu einem nicht zusammengehörenden Werk , das durch das Thema Tod zusammen wächst, verbunden und somit für  90 spannende, beunruhigende  und nachdenkliche Minuten gesorgt.  Dreimal hat er hier ganz unterschiedlich lautmalerisch den Tod behandelt, immer anhand von Personen, die noch viel zu jung dafür waren.Im ersten Stück « L’Intruse » (Der Eindringling) sitzt die gut bürgerliche Familie beim Abendessen. Sie singen nervös durcheinander, um das sich ankündigende Drama zu vertuschen, denn die Mutter liegt im Nebenzimmer und hat sich noch nicht von der Geburt ihres Kindes erholt. Außer dem blinden Großvater wissen alle anderen, dass sie das auch nicht mehr tun wird.  Mit ihrem letzten Atemzug gibt das Neugeborene endlich einen Laut von sich und tritt ins Leben ein. Der Übergang zum nächsten Stück „Intérieur“ geht nahtlos; eine Tür geht auf und zwei Männer kommen herein, der eine noch ganz nass und wir erfahren erst später, dass er jemanden aus dem Wasser ziehen wollte. Im Hintergrund sehen wir ein Wohnzimmer, in dem eine glückliche Familie gerade den Weihnachtsbaum schmückt. Die beiden Männer  wissen nicht, wie sie der Familie den Selbstmord ihres Kindes beibringen sollen.

Teil drei „Tintagiles Tod“ – ist das komplizierteste und schönste Stück im Werk. Hier wird ein kleiner Junge zwischen Alptraumvisionen und Bilderbüchern vom Tod geholt, so wie es aussieht, durch einen Autounfall. Überall herrscht deprimierte Unausweichlichkeit und wütende Unvermeidbarkeit. Keine List kommt gegen den Tod an. Alle drei gehören sie ihm. Es ist eine Art unabwendbarer und symbolischer Existenzialismus, der die Bühne beherrscht. Die Hintergründe der Geschichten werden anhand von Scherenschnitten und Schattenspielen an den Wänden erzählt.

Manchmal rutschen die Geschichten ein wenig ins Pathetische ab, das nimmt ihnen  aber nichts weg, mehr, es kann gar nicht anders sein.

Aribert Reimann (*1936) hat jede Szene mit den passenden Tönen begleitet und auch hier wieder Weltliteratur ins Spiel gebracht, ähnlich wie er das bei Garcia Lorcas „Bernarda Albas Haus“ auch getan hat. Mit dem russischen Regisseur Vasily Barhkatov hat er sich einen neuen Regie-Star für die Inszenierung ausgesucht.

Großartig die Sänger, die in verschiedenen  Rollen und unterschiedlichen Instrumentationen auftraten. Einmal sind es die Streicher, die den anschleichenden Tod herbei holen;  im zweiten Teil begleiten die Holzbläser die Ankündigung des Selbstmordes. Und im dritten Teil verhindert das sich aufbauende komplette Orchester die Rettung des Kindes. Die Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel treten als unerbittliche  Todesboten auf. Die Sopranistin Rachel Harnisch singt dreimal die weibliche Hauptrolle. Sie hat schon öfter mit Reimann gearbeitet.   Auch Stephen Bronk hat unterschiedliche Rollen wie den blinden Großvater. Weiter dabei waren Seth Carico und  Thomas Blondelle sowei Ronnita Miller in der Rolle der Dienerin und die Mezzosopranistin Annika Schlicht als Marthe und als Bellangére, die ihren Bruder Tintagiles nicht retten kann.

L’invisible  ist Aribert Reimans neunte Oper. Vier davon hat er als Auftragswerk für die Deutsche Oper geschrieben.

Christa Blenk

 

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GUT. WAHR. SCHÖN

Ausstellung in der Münchner Kunsthalle

Artikel für KULTURA EXTRA

 

Gut. Wahr. Schön

Französische Salonmalerei des 19. Jahrhunderts

Die Venus Medici wurde im 1. Jahrhundert v. C. geschaffen und geht auf ein Original von Praxiteles um 350 v.C. zurück.  Ihren Namen hat sich bekommen, weil sie im 16. Jahrhundert in den Besitz der Medici-Familie in Florenz gelangte. Die Venus ist aus weißem Marmor und fast lebensgroß. Sie diente als Vorbild für Botticellis Gemälde „Die Geburt der Venus“, das dieser am Ende des 15. Jahrhunderts malte.  Gleich im ersten Raum der Ausstellung glänzt sie neben Ingres „Die Quelle“ eine andere nackte, kalte Schöne, Produkt der Neoklassik. Damit wird auch schon angedeutet, wobei es in dieser Ausstellung geht: nämlich darum, der Antike zu huldigen.

Der Aktmalerei ist das erste Kapitel der Ausstellung gewidmet und die Geburt der Venus von William Bouguereau, einer der Hauptvertreter des klassischen Realismus, lässt auf den ersten Blick an Botticelli denken und auf den zweiten an ein Pin-up-girl, das eher lasziv als jungfräulich aus der Muschel blickt. Er hat es 1879 gemalt, ein Jahr bevor der Salon 1880 geschlossen wurde.  Bougereaus, dem der Rom-Preis übrigens zweimal verweigert wurde, wollte mit dem Riesenschinken Dante und Vergil endlich punkten. Auf fast drei mal zwei Metern beschreibt er eine Episode aus dem achten Höllenkreis – dem der Fälscher. Dante, begleitet von Vergil, beobachten wie ein Häretiker und Alchimist vom Erbschleicher Gianni Schicchi in den Hals gebissen wird.  Bougereau  versuchte sich hier im romantischen Manierismus. Muskeln und Sehnen der marmorweißen Kämpfer treten stark kontrastiert und überdeutlich hervor und der Turner-Himmel ist von fliegenden Ungeheuern besetzt.

Zu  kalt sagten die Romantiker, zu chaotisch die Klassiker, zu verständlich die Symbolisten und zu herrschaftlich die genre-Maler. Mit dem Vater der französischen Klassik, Ingres, hat eine Art Fusion von Klassizismus und Romantik, beeinflusst von manieristischen Tendenzen, Symbolismus, genre-Szenen, Orientalismus und vor allem Aktmalerei, die unter dem Namen klassischer Realismus in die Kunstgeschichte einging. Die altgediente und beliebte Historienmalerei bekam ein neues Gesicht. Die Geschichten wurden nach  wie vor aus der  griechischen Mythologie und der Bibel entliehen und mussten als Modell herhalten, aber die Personen auf den Bildern waren keine bekannten oder verehrten Götter- oder Bibelpersönlichkeiten.  Hier tummelten sich Menschen im Götterlook, wie das Gemälde von Jean-Léon Gérôme (1824-1904) „Junge Griechen beim Hahnenkampf“, das 1846 entstand, beschreibt.  

Die Klassik ist der Französische Revolution verbunden und mündet später,  in der Zeit der Napoleon-Kriege, in die Romantik, der sie ideologische Waffen für Nationalismus, Volkskultur und Religiosität bietet.  Ein Stilpluralismus sondergleichen, auf der einen Seite die moderneren Klassiker und auf der anderen  Moreau, Turner, Goya oder Delacroix, die den Weg der kommende Moderne vorbereiten würden.

Schon die Malergruppe der Schule von Barbizon um 1850 zog es in die Landschaft. Sie strebten danach,  die Zwänge der strengen und anachronistischen Akademiker abzulegen.  Malen außerhalb der Atelierwände  - allein schon der Gedanke daran versetzte diese Künstler in große Panik. Maler war ein akademischer Beruf,  Arbeiten ging nur im Atelier und gut gekleidet. Ein echter Klassiker wie Ingres interessierte sich  vor allem für Linien. Farbe und Licht waren für ihn zweitrangig. Doch dann kam Bougereau mit der revolutionären Idee  „Farbe und Linie als dieselbe Sache zu sehen“. Außerdem brauchte er  viel nackte, weiße Haut und dies ging ja nur  unter dem Vorwand von Bibelgeschichten oder Mythologie.

Der Romantiker und Fast-Zeitgenosse von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 -1867), Eugène Delacroix (1798 -1863) wurde sieben Mal von der Akademie abgelehnt, bis er mit dem erlauchten Kreis ausstellen durfte.  1863 lehnte die Jury 3000 von 5000 präsentierten Werken ab, was zur Entstehung des  Salon des Refusés (Salon der Abgewiesenen)  führte.  Die ehrwürdigen und konservativen Kunstkritiker bestimmten welcher Maler  gekauft wurde und welcher nicht – das Publikum hatte Vertrauen in ihr Votum.

Wirklich Neues haben die klassischen Realismusmaler allerdings  nicht hervorgebracht aber  von einer anderen Seite kamen große Aufträge der Stadt auf sie zu.

Hier kommt der Präfekt des französischenDepartements Seine ins Spiel, der große Stadtplaner von Paris, Georges-Eugène Baron Haussmann. Er wirkte und wütete in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das klassizistische Stadtbild ist heute noch das Paris das wir kennen und lieben. Neben den wichtigsten Markthallen entstanden die großen Bahnhöfe und andere kommunale Einrichtungen, darunter mehrere Theater und auch eine neue Kanalisation. Die Akademie der Schönen Künste hatte ein Mitsprache- und Entscheidungsrecht  bei  seinen Plänen. Unmut entstand nicht nur durch zwangsweise Umsiedlungen von Bürgern. Haussmann ist dabei auch sehr reich geworden, weil es wohl mit den Ausschreibungen nicht immer so ging wie gewünscht. Bauten wie die Opera Garnier wurden zu Spielwiesen der akademischen Maler. Fresken, Allegorien und christliche Szenen gehörten zur Standard-Ausstattung dieser Gebäude. Puvis de Chavannes hat u.a. das Pantheon aufwendig verziert. Alles sollte schön, wahr und gut sein!

 Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die Grabungsarbeiten in Pompeji und Herculaneum, ab 1806 unter Leitung der Franzosen. Diese Entdeckungen brachten  nicht nur unzählige Bildungsreisen mit sich sondern boten auch neue und bahnbrechende Erkenntnisse und Anregungen, römische Szenen nachzumalen. Der Archäologe und Maler Etienne Gautier malte 1878 die tote Cäcilia vor einer Pompeji-rot-Wand.

Diese Re-Interpretationen wahren sehr begehrt in den Pariser Salons und sogar preisgünstigere Reproduktionen fanden  reißenden  Absatz bei der französischen Oberschicht-Klientel, d.h. bei all denen, die mit dem sich ankündigenden Impressionismus nichts zu tun haben wollen, ihn ablehnen. Ein Verharren im Wahren und Schönen, ein  Aufhalten des Fortschrittes, eine Verweigerung der Industrialisierung, wie sie auch von mit den Präraffaeliten und das Aesthetic Movement in England um Alma Tadema oder den deutschen Nazarenern vorgemacht haben. Die altbewährten und ehrwürdigen Akademien sorgen dafür, dass die Fundamente der Malerei aufrecht erhalten blieben.  Einem Caravaggio- Manierismus hingegeben hat sich Léon Bonnat. Sein Hiob von 1880 erinnert an die ausgezehrten Rivera-Heiligen.

Einmal im Jahr fand sie statt, die bedeutende und weltweit bekannte Kunstausstellung. Der  »Salon de Paris« war eine Einrichtung im 19. Jahrhundert, ein Tummelplatz für Händler und Sammler aber auch ein bedeutendes, gesellschaftliches Ereignis, das hunderttausende Besucher anzog. König Ludwig der XIV. hatte sie im Jahre 1667 ins Leben gerufen, um den Kunstgeschmack bei Hofe zu verbreiten.  Im Jahre 1855 zählte man 892.000 Besucher. Es gibt eine Radierung von Daumier (Honoré Daumier, Salon de Paris am Tag des kostenlosen Eintritts, 1855) auf der sich die Leute im Salon drängten wie heute in der U-Bahn zu den Stoßzeiten. Hier wurden ausschließlich die Kunstwerke gezeigt, die die  Obrigkeit und strenge Jury als Künstler anerkannte. Die perfekte klassizistisch-akademische Lösung, um den Voyeurismus der Reichen und Schönen zu befriedigen. Ohne akademische Ausbildung konnte man kein Maler sein und wurde auf keinen Fall zugelassen, geholfen hat auch ein längeres Rom-Stipendium. Die menschliche Figur, vor allem das Aktstudium, stand im Vordergrund. Die Anatomie und Perspektive mussten stimmen. Das ging am besten bei den Mammutschinken, den sogenannten Historienmalereien

1880  fand der letzte Salon de Paris statt und der Staat gab die Macht um die Kunst an die Künstler. Es entstanden sezessionistische Initiativen und Ausstellungen in alle Stilrichtungen wurden organisiert. Es entstand eine symbolistische Strömung angeführt durch Gustave Moreau und Puvis de Chavannes.  Andere, wie Georges Rochegrosse (1859-1938) konnten sich nicht entscheiden, weiter zu gehen. Der Ritter und die Blumenmädchen (1894) ist purer rosa-roter Kitsch auf 2,5 mit 3,7 Metern. Rochegrosse gehört zu den letzten Repräsentanten  und war auch ein Maler des Orientalismus.

Auf der anderen Seite stand der Impressionismus mit einem von den Akademikern unverzeihlichen Regelbruch vor der Tür. Eine Bewegung, die sich auf Kunst, Musik, Literatur und Fotografie ausstreckte, die in eine ganz andere Richtung führte und die Historienmalerei komplett hinter sich lassen sollte. Farbe sticht zeichnerische Elemente – der Betrachter kann sehen was er will oder fühlt. Die erste Gruppenausstellung der „eigensinnigen“ Impressionisten fand ab dem 15. April 1874 im Atelier des Pariser Fotografen Nadar statt, bei dem auch das Schlüsselwerk von Monet (1840 bis 1926) d.h. er war nur ein paar Jahre älter als Bougereau oder dessen Zeitgenossen –  Impression – soleil levant,  gezeigt wurde. Damit hatte nun die bereits etablierte und ranzige Klientel des Salon de Paris ein starkes Gegenüber. Plötzlich waren nicht mehr historische Personen aus der Mythologie oder der Religion die Hauptprotagonisten sondern das Licht, die Atmosphäre, der Verzicht auf dunkle Farben und die Eindrücke des Gesehenen. Eine malerische Abbildungsfunktion war ihnen verpönt, nicht mehr war geplant, Zufall und Moment waren die Regeln. Und waren es bei den Klassikern und Historienmalern die Entdeckung der römischen Ruinen in Pompeji die den Stil veränderten so war hier die Fotografie  und Farben aus der Tube ein wichtiger Punkt.  Alexander Cabanel erhielt für seine kitschige Geburt der Venus von 1863 vom Salon großes Lob und Ehr. Cabanel selber war auch Mitglied der Auswahlkommission und einer der größten Gegner von den Impressionisten. Manets selbstbewusste Nackte in dem Bild Frühstück im Grünen, das im selben Jahr entstand, scheint Lichtjahre entfernt von Caban zu sein.

Die Ausstellung Gut · Wahr · Schön – Meisterwerke des Pariser Salons aus dem Musée d’Orsay ist seit 22. September in der Kunsthalle in München zu sehen und damit werden überhaupt zum ersten Mal in Deutschland diese Werke gezeigt. Anhand von über 100 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und kunsthandwerklichen Objekten allesamt aus dem Musée d’Orsay zeigt die Ausstellung, wie im Pariser Salon klassische Tradition auf modernes Leben traf. Die Ausstellung endet am 28. Januar 2018.

Christa Blenk

 

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Musikalisches (Reformations)Wochenende in Leipzig

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In der Leipziger Thomaskirche findet jeden Samstag um 15.00 Uhr die « Motette » statt. Am 28. Oktober 2017 war sie natürlich auch der Reformation gewidmet. Vor der Missa choralis für Soli und Chor, die Franz Liszt 1865 komponierte, wurden fünf Choralvorspiele von Martin Luther abgeführt. Der Höhepunkt dieser Motette war allerdings die Bach Kantate BWV 79 « Gott der Herr ist Sonn und Schild » durch das Collegium vocale und instrumentale Bochum unter Leitung von Hans Jaskulsky. Bach hatte sie zum Reformationsfest komponiert und sie wurde am 31.10.1725 in der Leipziger Nikolaikriche uraufgeführt. Die Solisten waren Susanne Martin (Sopran), Jud Perra (Altus) und Joachim Hochbauer (Bass) unter Mitwirkung von Thomasorganist Ullrich Böhme.

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 Oper Leipzig

Abends ging es dann in die Oper, obwohl Mozarts « Nozze di  Figaro » natürlich nichts mit der Reformation zu tun hat. Matthias Foremny dirigierte das Gewandhausorchester und den Chor der Oper Leipzig.  Regie führte Gil Mehmert. Hervorzuheben vor allem die ukrainische Sängerin Olena Tokar als wunderbare, frische und mutige Susanna. Graf Almaviva war Mathias Hausmann und Sejong Chang war ein umwerfender Figaro. Großartige und sehr amüsante Aufführung.

 

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 Bachdenkmal vor der Thomaskirche

Am Sonntag dann schließlich um 11.00 Uhr die Orgelmatinee « Ein feste Burg ist unser Gott » im Gewandhaus Leipzig am Rande des Orgelfestivals « Reformation – Revolution » – wegen der wir nach Leipzig gefahren sind. Matthias Eisenberg improvisierte eine gute Stunde über Lieder Martin Luthers.

Trotz Hurrican, Sturm und Regen hatten es die meisten Zuhörer geschafft, pünktlich im Gewandhaus zu sein um diesen Ausnahmemusiker zu erleben. Eisenberg hatte das Amt des Gewandhausorganisten mit Eröffnung dieses am Augustusplatz 1986 nicht mehr weitergeführt, da er nach einer Konzertreise mit dem Bach-Orchester nicht mehr nach Leipzig zurückkehrte. Nach der Wiedervereinigung trat er allerdings immer wieder mal in Leipzig auf aber sein Come-back an der Gewandhausorgel feierte er erst  2001.

Der exzentrische und brillante Musiker Matthias Eisenberg tritt ganz zurückhaltend und leise auf. Er ist eine Improvisations-Ikone und ein Improvisationsgenie. Eisenberg verwächst mit seiner Orgel und ersetzt teilweise ein ganzes Orchester!

Außerordentliches und unvergessliches Orgel-Erlebnis.

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Matthias Eisenberg nach der Improvisations-Matinee

Christa Blenk

 

PS Der Bahnhof der Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn-Compagnie wurde im Jahre 1841 gegründet. Die Strecke Leipzig-Hof – mit einem Abstecher nach Zwickau sollte damit abgedeckt werden. Schon 1847 wurde die Gesellschaft aufgrund finanzieller Probleme verstaatlicht.

 

 

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Venezianische Brücken

In Venedig gibt es keine Autos, keine Motorräder, keine Fahrräder – dafür viele Boote, Gondeln, Vaporetti, Motorboote, Ruderboote und Taxi-Boote. Über den Canale Grande, die Hauptverkehrsstraße sozusagen,  führen nicht viele Brücken; deshalb fährt das Vaporetto (vor allem die Linie 1) im Zig-Zag von einer Seite zur anderen oder man setzt mit Gondeln über auf die andere Seite. Aber hinter dieser Wasser-Avenue gibt es unzählige Brücken, in allen möglichen Varianten – Holz oder Stein. 

Eine Statistik besagt, dass es im Zeitraum zwischen 1088 und 1362 an die 258 Brücken in Venedig gab. Am Ende des 16. Jahrhunderts waren es mehr als 400 Brücken. Die meisten sind gar nichts besonders und verbinden einfach nur zwei Straßen oder führen zu einer Wohnungstür. Tatsache ist jedenfalls, dass man in Venedig permanent irgendwelche Treppen geht oder über Brücken muss. Ein paar davon habe ich festgehalten auf dem Weg von der Piazzale Roma bis zum Arsenale. (Norbert Huse hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben).

Die Brücken haben so schöne Namen wie  Ponte del Tolentini, Ponte de le Sechere, Ponte Canal, Ponte Ca Dona, Ponte de la Madoneta, Ponte Bernardo,   Ponte de la Bande, Ponte dei Carmini, Ponte S. Isepo, Ponte Picolo. Zwei Fotos sind die Brücken beim Hotel de la Fenice etc. 

 

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Fotos: cmb und Gisela Lech

 

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Elektra – Deutsche Oper

Die Premiere dieser Elektra-Produktion der Deutschen Oper fand schon im November 2007 statt. Die Aufführung am 19.10. dirigierte Ulf Schirmer für den erkrankten Donald Runnicles.

« Wo bleibt Elektra? » Fragt die Magd, gekleidet wie alle anderen Mägde, mit einem kleinen Schwarzen! Elektra wohnt im Müllkeller, und um das zu verdeutlichen, fallen ab und zu schwarze Klumpen durch den Müllschlucker und die Protagonisten waten durch die Schweinestreu.

Bei diesem Einakter geht es vor allem um drei Frauen.  Um Klytämnestra, die Mutter und ihre zwei Töchter, Elektra und Chrysothemis. Die Geschichte stammt aus der griechischen Mythologie. Der Vater ist Agamemnon, der König von Mykene, der von seiner Frau und deren Geliebten erschlagen wurde. Elektra kann das nicht verzeihen und sinnt auf (Blut)Rache. Besessen und trauerunfähig vor Hass, will sie Vergeltung.  Um diese zu vollziehen, muss sie auf die Rückkehr von Orestes warten. Während die jüngere Schwester nicht ihre Jugend und Schönheit, wie Elektra, verlieren will, sondern davon träumt eine Familie zu gründen, kennt Elektra nur Rache und Tod. So geht es auch Orest, der durch das Orakel von Delphi nach Hause geschickt wird, um die Blutrache an Klytämnestra und Aegisth zu vollziehen. Diese  tiefenpsychologische Handlung endet mit einem seltsamen Triumphtanz, den der Regisseur hier auf viele Tänzerinnen verteilt, die sich alle im Schlamm wälzen, hinfallen und wieder aufstehen.

Kirsten Harms hat diese Elektra in eine Art Abfallraum verfrachtet und so fallen auch dann und wann schwarze  Klumpen durch den Müllschlucker auf sie herunter – das nimmt sie aber gar nicht zur Kenntnis.  Die Wände sind große graue Stahlplatten, die sich an den Seiten öffnen lassen, damit die anderen das Gefängnis verlassen können. Elektra trägt ein weißes Hemdchen unter einer schmutzigen, verwahrlosten Jacke, ihre Schwester ein schwarzes Cocktailkleid und Klytämnestra (Doris Soffel), sieht wie eine alt gewordene Drag Queen aus; sie trägt als einzige Farbe und spielt ihre Rolle hervorragend. Die Männer tragen zu große Anzüge. Elektra (Catherine Foster) ist immer präsent und bringt auch schauspielerisch eine großartige Leistung. Klar und immer auf den Punkt schmettert sie ihren Frust in die Welt, unbeugsam und existenziell. Aber auch die Schwester Chrysothemis (Allison Oakes) hat kein Problem sich gegen die große, gewaltige Musik, von Schirmer dirigiert, durchzusetzen. Aegisth ist Clemens Bieber und Orest Tobias Kehrer.

Die Uraufführung dieses vielseitigen und virtuosen, hochdramatischen, musikalischen Krimis, fand im Januar 1909 in Dresden statt. Hugo von Hofmannsthal (1864-1949) hat das Libretto dazu geschrieben.

 

griechisches Theater

 

Christa Blenk

 

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Fuck the facts – Neuköllner Oper

P1050687

 

Neuronen, Binärcodes und Bytes sausen und rechnen im Schnelldurchlauf über die Wand. Botschaften darauf sind fast nicht zu lesen, so schnell geht es. Bevor man etwas verstanden hat, ist es schon wieder vorbei, bzw. hat sich weiter entwickelt.

Und so geht das eine gute Stunde – so lange dauert die Aufführung. Wie ein frischer Wind weht sie an uns vorbei. Da einzig Verlässliche ist Händels Messias Musik, die stimmgewaltig und mit gekonnter Leichtigkeit von den umwerfenden Darstellern ins Publikum geschmettert wird.

« Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält. Self-entitlement worldwide, das galt für die Virtual Spaceriders des Artischocken-Kultes schon immer. Motto: Make Internet great again! Aber was passiert, wenn die Artischocken sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Um einen Wald in ein Häuflein Asche zu verwandeln braucht es nur eine Zigarette. Um das Internet brennen zu lassen braucht es nur einen tweet. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal, ICH habe gesprochen. ICH brauche keine Gegenrede, ICH bin schon Demokrat. Fuck the facts, you`re not my Dad! Unsere fiktive Geschichte spielt (auch) mitten in Berlin. / Informiert durch einen wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village. Wir fragen: Wer spricht eigentlich da draußen im privatisierten Internet-Gericht? Wer sind die selbsternannten Cyber-Sheriffs? Und warum haben sie uns ein großes Holzpferd mitgebracht? » (Quelle: Neuköllner Oper)

Aber worum geht es eigentlich? Es geht um Hacker, Verrat, Überwachung und Versprechen, meist um die nicht eingehaltenen. Und um Opfer, die man bringen muss, damit sich etwas ändert. Robespierre, der strenge Jakobiner (aber Jake heißt nicht wegen ihm so sondern wegen Jacob A.),  hat das auch so gesehen. Um ihn zu zitieren, hat die Party auch in Kleidern aus seiner Zeit stattgefunden und die Verse imitierten den Rhythmus des 18. Jahrhunderts, den von Voltaire oder Schiller, diese haben ebenfalls mit scharfem Blick, Spott und Sarkasmus die Missstände ihrer Zeit kritisiert. Aber die Errungenschaften unseres Jahrhunderts ermöglichen natürlich viel mehr (Überwachungs)Möglichkeiten. Leicht und spritzig ist die Aufführung, geht in die Tiefe ohne schwerfällig zu werden. Die Geschichte verliert sich dann doch sehr schnell – wie wäre es anders zu erwarten – im allzu Menschlichen, aber einiges muss  man dann doch ernst nehmen!

Basieren tut das Ganze auf einer Materialsammlung der Journalistin Anna Catherin Loll über den Fall des US Journalisten und Internet Hackers Jacob Appelbaum.  Großartig kommen die vier Darsteller Allen Boxer, Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Mario Klischies und Bijan Azadian rüber. Sehr beeindruckend der US Bariton Allen Boxter und die isländische Koloratursopranistin Hrund Osk Árnadóttir, die sicher auch ohne Mühen einen kompletten Messias durchstehen würden.

Loll hat auch den Text zu dem Stück verfasst; Regie hat Christina Römer geführt. Bijan Azadian hat die vier Darsteller auf seinem Spinett des 21. Jahrhundert begleitet und « dirigiert » . Die Musik stammte aus  Georg Friedrich Händels Messias und zeigt wieder einmal, wie modern und rhythmisch Barockmusik doch ist.

Christa Blenk

 

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Das Diptychon von Melun

P1050685

In Ermangelung einer « echten » Sonderausstellung auf dem Kulturforum gibt es seit Mitte September dort das Diptychon von Melun von Jean Fouquet samt Nebenwerken zu sehen.

Es handelt sich hier um eines der Hauptwerke der französischen Malerei – und so ist es auch in allen französischen Lehrbüchern abgebildet. Jean Fouquet hat es in der Mitte des 15. Jahrhundert gemalt.

Der linke Flügel, der den Stifter Etienne Chevalier und den Hl. Stephanus zeigt, gehört schon seit 1896 der Gemäldegalerie. Der rechte Teil hingegen, die Madonna – man sagt, dass sie die Züge von Agnès Sorel, der Geliebten des französischen Königs, trägt. Sie ist umgeben von roten Cherubinen auf blauem Hintergrund und hängt normalerweise im Museum für Schöne Künste in Antwerpen. Aus dem Louvre kam das Emailmedaillon mit dem Selbstbildnis des Künstlers, das einst den Rahmen des Diptychons zierte. 80 Jahre haben sich diese drei Teile nicht mehr getroffen.

Weitere bedeutende und begleitende Werke im Ausstellungsraum sind ein Portrait des Narren Gonella aus Wien, das man ebenfalls Jean Fouquet zuschreibt. Großartige Portraits von Jan van Eyck, Petrus Christus und Rogier van der Weyden sowie eine Zeichnung von Benozzo Gozzoli, die u.a. die Grundlage für Fouquet Portraitmalerei bilden.

cmb

 

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The Situation am Gorki Theater

P1050678

 

The Situation – ein etwas anderer Deutschkurs am Maxim Gorki Theater

Acht Lektionen Deutsch in 90 Minuten

Political correct geht es nicht immer zu in diesem witzigen fast-Boulevardstück und es wimmelt nur so von Gemeinplätzen, Vorurteilen, politischen und kulturellen Klischees, die  die  israelische Regisseurin Yael Ronen alle in einen Topf wirft. Aus diesen ad absurdum Kulturbrühen-Zutaten soll Stefan nun einen Unterricht kochen und das gelingt ihm sehr  kurzweilig und verlegen-feinsinnig.

Mit Schlagfertigkeit und  schwarzem Humor saust dieses Hin und Her zwischen hebräisch, arabisch, englisch und deutsch so schnell an uns vorbei, dass man oft gar nicht mehr weiß ob man die Untertitel liest oder zuhört. Die Flagge ihres Herkunftslandes hat die Kostümbildnerin Amit Epstein in die Bekleidung der Darsteller eingebaut

Wir sind in Neukölln/Berlin, also mehr oder weniger auf neutralem Boden. In 90 Minuten versucht Stefan (Dimitrij Schaad) den palästinensischen, syrischen, israelischen Schauspielerinnen und Schauspieler sprich,  seinen Schülern Hamoudi (Ayham Majid Agda), Karim (Karim Daoud), Laila (Maryam Abu Khaled), Noa (Orit Nahmias) und Amir (Yousef Sweid) auf einer positiv-gelben Schultreppe Deutsch beizubringen. Sie kommen alle aus dem von Unruhen gebeutelten Nahen Osten und haben unterschiedliche Sprachniveaus – das geht von A 1 bis C 1.  Stefan  hat es nicht leicht, das Noch-Paar, der Palästinenser Karim und die Israelin Noa streiten sich und Hamoudi kann unmöglich neben einer Frau aus Israel sitzen. Man darf nicht über die Vergangenheit reden, denn vor dieser sind sie geflüchtet; über die Zukunft auch nicht, denn wegen der Situation gibt es für sie keine. Und die Gegenwart geht sowieso nicht. Also versucht er es mit der Möglichkeitsform. Stefan will den Nahen Osten retten und fängt damit an, dass er Hamoudi bei sich wohnen lässt. Allerdings macht er das nicht unbedingt selbstlos, denn Stefan ist schwul und wurde gerade von seinem Freund verlassen. Dann soll er auch noch den antisemitischen Text von Amirs Rap-Song ins Deutsche übersetzen.

Der erste Teil ist witzig-feinsinnig und es gibt viel zu Lachen; im zweiten Teil wird es dann philosophisch-intim und die Darsteller erzählen über sich.  Stefan, der plötzlich zum Hauptprotagonisten des Abends wird,  beginnt in einem etwas zu langen und schon ein wenig pathetischen Monolog  von seiner kasachischen Kindheit (jawohl, auch er ist nicht in Deutschland geboren und ein  Musterbeispiel der Integration) zu erzählen. Er ist dem Publikum zugewandt, und während die anderen auf der Treppe sitzen und ihren Gedanken nachhängen, verrät er uns, wie sehr er unter der Einsamkeit in der kleinen Wohnung im Rheinland gelitten hat, wo er als Achtjähriger mit seinen Eltern landete. Wir erfahren, dass er durch seine Freunde ARD und ZDF perfekt Deutsch lernte und für seine Eltern alle Behördengänge erledigte und wie er die Achtung für seinen Vater wiederfand. Während Hamoud, der syrische Flüchtling für alle Humus zubereitet und ihn mit großzügigen Versöhnungsgesten verteilt, erzählen die anderen Schüler über sich. Das ist eine sehr gelungene, ruhige Szene und wir können zum Schluss selber Humus zubereiten.  

Fazit: Lost in Translation, aber wie Noa so schön in ihrer Schlussrede rezitiert „Wer hätte es für möglich gehalten, dass …..“ – Everything goes!

Die (Rap)Musik dazu haben Yaniv Fridel und Ofer Shabi komponiert.

Die Premiere war schon im Herbst 2015. 

Christa Blenk

 

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Luther dancing with the gods

 
2017-10-04 15.29.45

 

Bewegte“ Musik

« Ich weiß ein Wort, das hat ein L; wer das sieht, der begehrt es schnell. Wenn aber das L weg und fort ist, Nichts Bessres im Himmel und auf Erden ist. Hast Du nun einen weisen Geist, so sage mir, wie das Wörtlein heißt ». (Ein Rätsel: Gemeint ist « Gold » – « God » für « Gott » – aus einer Luther Tischrede)

Anläßlich des 500. Jahrestages der Reformation hat der New Yorker Regisseur Robert Wilson gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin das Projekt Luther dancing with the gods entwickelt. Eine Schöpfung aus Text und Musik, Klang, Bewegung, Licht und Bild. Das Team inszeniert damit gleichzeitig die erste szenische Produktion für den Pierre Boulez Saal.

Motetten von Johann Sebastian Bach bilden den musikalischen Drehpunkt dieser Aufführung. Angereichert ist die Performance mit „Immortal Bach“ einer Improvisation  zu Bachs Lied “Komm, süßer Tod” von Knut Nystedt und einer großartigen Präsentation von Steve Reichs „Clapping Music“ auf der einen Seite und mit Texten von Luther, Übersetzungen, Bibelextrakten, Streitgesprächen, Rätseln sowie einem Text des amerikanischen Dichters William Carlos Williams auf der anderen.

Zwischen den Bach-Motetten hat Wilson seine bekannten Kneeplays eingebaut. Theatralische Mittel als Verbindungsstelle zwischen den Hauptakten: Luther als Kind, als Streitender, als Sterbender und irgendwie auch als beweinter Abwesender.

Alles fließt: Der ausgezeichnete, in strenge Mönchskluft gekleidete Chor, hat hier Ballett- und Schauspielaufgaben zu übernehmen. Sie waren ständig auf Pilgerschaft durch den Raum und über die Treppen; der Musik hat das gut getan und das Publikum hatte einen Chor „zum Anfassen“, ja man fühlte sich als Teil davon.

Es geht hier um Zeit und Kunst in und um Luthers Epoche und danach. Aber auch der Dreißigjährige Krieg wird zitiert, wenn sich der in einem Boschschen Heuwagen sitzende Teufel gestikulierend auf die Bühne kutschieren lässt und sich zu Luthers Tanz mit den Göttern gesellt. Keiner hat die Übel und Plagen der Menschheit besser gemalt als Bosch oder Bruegel! Wilson zitiert den Krieg mit weißen Speeren, inspiriert durch das Holbein-Bild „Schweizerschlacht“; es entstand 1524, in dieser Zeit arbeitete Luther an der ersten Bibelübersetzung. Überhaupt haben Wilson und sein Team der Kunst eine Hauptrolle in dieser Aufführung zugedacht. Der rote Vogelmensch spaziert direkt aus Hieronymos Boschs „Garten der Lüste“ auf die Bühne und bricht die schwarz-weiße Ästhetik und mit Pieter Bruegels „Triumpf des Todes“ stürzen die Weißgekleideten zu Boden. Die Sänger tragen Kopfbedeckungen, wie wir sie auf Cranachs „Jungbrunnen“ Gemälde wiederfinden oder wie Lucas Cranach Luther und seine Familie portraitierte. Die Steinigungsszene basiert auf einer Radierung von Girolamo da Treviso.

Luther war, im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin, nicht gegen die Malerei. Bilder konnten dem einfachen Menschen die Bibel-Lektüre erleichtern. Das hat aber auch mit seiner Freundschaft zum Maler der Reformation, Lucas Cranach, zu tun. Cranach war sein Trauzeuge und Taufpate eines seiner Kinder und die Portraits von Luther, die fast alle in Cranachs Werkstatt entstanden sind, haben unser Lutherbild geprägt. Wilsons Luther trägt so auch den Cranach-Look! Mutig geht er bis ins 20. Jahrhundert und gibt Luthers Witwe Man Rays surrealistische Idealisierung des Banalen, das Nagelbügeleisen „Gift“ in die Hand wenn Fiona Shaw über „The Widow‘s Lament in Springtime“ von William Carlos Williams spricht.

Himmelsleiter, Totenbett und verbotene Äpfel

Die anfängliche Überraschung ist dann aber irgendwann keine mehr und das Geschehen nicht immer nachvollziehbar, aber das wäre ja auch zu einfach! Eine sehr bilder- und szenenreiche Aufführung mit viel Bewegung auf der Bühne. So schafft es Wilson, mit relativ wenig Darstellern großes, streitendes Chaos zu versinnbildlichen. Eine Geschichte, die vor allem durch Licht und Kostüme unter einem minimalistischen Deckmantel, gespickt mit Zitaten und der Kunstgeschichte im 16. Jahrhundert, lebt. Oft makaber, kommt die Regie aber dann doch an die Grenze der ertragbaren Symbolik und man wünschte sich mehr protestantische Demut!

Ausgezeichnet der Rundfunk Chor Berlin unter brillanter Leitung und Leistung der beiden jungen Dirigenten Gijs Leenaars und Benjamin Goodson, die Stereo operieren und auch immer in Bewegung sind; denn alles findet im Kreis statt und die Sänger blicken, singen und schauspielern in alle Richtungen!

Musikalisch begleitet von Aleke Alpermann (Violoncello); Mirjam Wittulski (Kontrabass) und Arno Schneider an der Orgel. Jürgen Holtz ist Luther, Serafin Mishiev spielt das Kind und den roten Vogelmenschen.

Ende September und Anfang Oktober gab es Voraufführungen; die Premiere ist am 6. Oktober 2017.

 

Christa Blenk

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio – Himmelstreppe und Heuwagen
 
und hier geht es zum Luther Oratorium – « Wir sind Bettler »
 

 

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Havelländische Malerkolonie

Carl Schuch - der Maler Karl Hagemeister (1876)
 Karl Hagemeister (1876 gemalt von  Carl Schuch)

 

Havelländische Malerkolonie

Rund um den Schwielowsee hat sich zum Ende des 19. Jahrhundert, ab den 1880er Jahren, eine Malerkolonie angesiedelt, die nie wirklich bedeutend war, aber noch bis in die 1930er Jahre Künstler angezogen hat. Die Stadt Ferch hat 2008 ein Museum für diese Maler eröffnet.

Nicht weit weg von Berlin und Potsdam und umgeben von schönster, unberührter und friedlicher Landschaft, bot das Havelland den Künstlern alle Motive für Landschaften oder Stillleben. Hauptakteure dieser Havelländische Malerkolonie waren die Maler  Carl Schuch und Karl Hagemeister, die sich zeitweise in Ferch niedergelassen hatten.  1908 gab es erstmals eine Eisenbahn, die von der brodelnden und ruhelosen Metropole Richtung Caputh und Ferch fuhr.  Bis zum Zweiten Weltkrieg zog es immer wieder Maler oder bildende Künstler an den Schwielowsee, für einige war es ein einmaliger Aufenthalt, andere kamen regelmäßig an diesen Ort. Die Stadt Ferch hat sich so ein wenig in die norddeutsche Route der Künstlerkolonien zwischen Hiddensee und Worpswede eingeordnet.

 

Zur Zeit läuft dort noch bis Ende Oktober die Ausstellung: « Ferch in der Malerei – Blütezeit der Künstlerkolonie »

Karl Hagemeister, märkische Landschaft (1880)Carl Schuch - Stilleben mit Äpfel, 1876
Karl Hagemeister, märkische Landschaft (1880)/Stillleben mit Äpfel (1876) von Carl Schuch
 

Und hier einige der Maler, die zeitweise in Ferch gewirkt haben:

Carl Schuch:  Der 1846 in Wien geborene Maler des Realismus sollte später den Wiener Weg in die Moderne weisen. Finanziell unabhängig,  reiste er 1872 nach München, Venedig und Rom, wo er kurz zur Malerkolonie von Olevano Romano gehörte.  Im Berchtesgadener Land lernte er Karl Hagemeister kennen und reiste gemeinsam mit ihm nach Dresden,  Brüssel und Amsterdam. 1878 kam er nach Ferch und fand dort am Schwielowsee einfache, beruhigende und unverbrauchte Motive, anschließend reiste er für ein paar Jahre nach Paris wo er sich sehr mit Cezanne und dem Stillleben befasste – sein Malstil ist von dieser Zeit an auch sehr von Cezanne geprägt.  Schuch, ein gebildeter und lebenslustiger Kosmopolit –  dessen Werk Zeit seines Lebens nicht einmal ausgestellt war – starb in einer Nervenheilanstalt mit 57 Jahren.

 

Carl Schuch - Häuser in Ferch am Schwielow-See (1878)
Carl Schuch – Häuser in Ferch am Schwielower-See (1878)

 

Karl Hagemeister (1848 – 1933)   lebte mehrere Jahre in Ferch und kommt aus Werder an der Havel. Auch er machte Studienreisen nach Rügen und München und lernte auf seinen Reisen den Maler Schuch kennen, mit dem er eine Zeitlang herumreiste. Hagemeister, der vom Land stammte, lebte als Jäger, Fischer und Maler an der Havel, stellte seine Farben selbst her und malte sogar im Winter im Freien. In den Jahren  1891 und 1893 stellte er bei der Berliner Secession aus. Karl Hagemeister starb im Alter von 85 Jahren in Werder an der Havel.

Theo von Brockhusen (1882 -1919) verbrachte ab 1907 die Sommermonate am Schwielowsee, ähnlich wie Liebermann – der ihn sehr beeinflusste – dies am Wannsee tat.  Sein Werk besteht überwiegend aus Landschaftsbilder.

Hans Wacker (1858-1958) kam aus Düsseldorf und hielt sich 1916 in Ferch auf, da lebte Schuch schon nicht mehr.

Hans Otto Gehrcke (1896 – 1988) kam 1911 durch einen Zufall  nach Ferch. Er wollte mit seinem Vater einen Dampferausflug nach Werder machen, das Schiff ging aber nur nach Ferch. Sein Vater kaufte später ein Grundstück dort und Gehrcke ließ sich in einem Fachwerkhaus nieder. Das war 1927 – also ebenfalls nach Schuch oder Brockhusen. Gehrcke ist in Ferch verstorben.

Außerdem sind im Museum Werke von Theodor Schinkel, Carl Kayser-Eichberg oder Hans von Stegmann zu sehen.

Ein weiterer erwähnenswerter Maler  ist Magnus Zeller (1888 – 1972). Expressionist und Grafiker. Er studierte u.a. bei Lovis Corinth. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er zwar nicht in Ferch aber ab 1937 – nach einem Rom Aufenthalt in der Villa Massimo – in Caputh, ein paar Kilometer weg von der Künstlerkolonie.  Ab 1933 galten seine Werke als entartet. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte seine  Familie nach Hamburg, während er mit seiner Tochter in Caputh blieb. Zeller, der der zweiten Generation der Expressionisten zugeordnet werden kann, malte Antikriegsbilder (die zum Teil versteckt werden mussten), gesellschafts- und sozialkritische Werke aber auch viel ländliche Idylle. Er ist Ehrenbürger von Caputh.

Diese hier gezeigten Gemälde hängen in der Berliner Neuen Nationalgalerie.

Christa Blenk

 

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Caligula im Berliner Ensemble

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Nichts und der Mond

Gleich drei Eröffnungspremieren gibt es am neuen Berliner Ensemble unter Oliver Reese. Eine davon ist « Caligula » von Albert Camus. Der junge portugiesisch-chilenische Regisseur Antú Romero Nunes stellt mit seiner  Inszenierung gleich mehrere Fragen:

Warum oder wie wird man zum Diktator? Ist es Schicksal, hervorgerufen durch Verlust oder ist es eine Entscheidung zur absoluten Macht? Wie weit muss man gehen, um das Unmögliche möglich zu machen?

Ursprünglich war er ein harmloser junger Kaiser.  Durch den Verlust seiner Geliebten / Schwester schlägt er einen gefühllosen und skrupellosen Weg zur Macht ein. Wer nicht einverstanden ist, ist Feind und der Feind muss weg. Aber vor allem will er den Mond – ein kindlicher Wunsch!

caligula1
Kettensäge und Keilschuhe

 

Viel (Theater)Blut gibt es bei diesem Caligula, viel Geschrei, viele Masken, viel Rauch und Lärm – also wie immer bei  den Berliner Inszenierungen – hinzu kommt dieses Mal ein Hurrikan, der durch das Publikum zieht – man spürt den „frischen“ Wind. Ob das ein Zeichen ist, wie es nun im Berliner Ensemble werden wird – mal sehen!

Bevor sich der Vorhang hebt, sucht Caligulas verschlampte und ein wenig vertrottelte Truppe nach dem Nichts und findet auch Nichts. Aber eigentlich suchen sie nach Caligula, denn er soll auftreten. Dazu ist er aber zu deprimiert und steckt nur ab und zu den Kopf durch den Vorhang. Dieser hebt sich aber schließlich doch und ein Tsunami weht durch das Theater, der alle – außer denKaiser – zu Boden reißt.

Caligula ist so etwas wie ein grausamer Zirkusdirektor, der Vorsitzende einer heruntergekommenen Clowntruppe, die sich nicht entscheiden kann ob sie ihn lieben oder hassen soll und die sich gegenseitig anschwärzt. Ihr Auftreten ist demoralisierend und dekadent. Die Kostümbildnerin Victoria Behr lässt sie in abgerissenen und schmutzigen Kleidern herumlaufen, die im Verlauf des Abends immer blutverschmierter werden und ihre Gesichter zeigen noch die verschmierte und gesichtslose Theaterschminke von vorgestern. Die Harlekine sind eine Mischung aus Jack Nickolson als Joker und  der musikalischen Todesallegorie bei Viscontis  Tod in Venedig.

Caligula wird von der großartigen Constanze Becker gespielt, sie ist ein Glatzkopf  in Weiß-Rot! Die Clown-Senatoren sind Oliver Kraushaar, Aljoscha Stadelmann, Patrick  Güldenberg, Felix Rech, Annika Meier und Drífa Hansen. Richtig begeistern konnte und der Abend aber trotzdem nicht!

Albert Camus (1913-1960)  begann mit 25 Jahren, also 1938, die Arbeit an Caligula und wollte das Stück  ursprünglich an einem kleinen Theater in Algier mit ihm selber in der Hauptrolle zur Aufführung bringen.  Letztendlich wurde es aber erst 1944 bei Gallimard verlegt und 1945 in Paris unter der Regie von Paul Œttly uraufgeführt.

Gaius Caesar Augustus Germanicus , genannt Caligula lebte von 12 – 41 n.C.  und war als Nachfolger von Tiberius römischer Kaiser von 37-41. Hoffnungs- und erwartungsvoll startet seine Ära, die in eine  autokratische und wahnsinnige Tyrannei mündet. Er  ließ willkürlich unzählige Senatoren hinrichten bis ihn die Prätorianer Garde ermordete.

Christa Blenk

 

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