Duato / Shechter in der Komischen Oper

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Doppelballetabend

Shechter / Duato

Bei beiden Choreografien geht es um Verlust: Einen persönlichen und einen universellen. Bei beiden ist der Mensch der Verursacher.

Shechters Stück ist hart, trocken, unromantisch und hektisch. Die gnadenlose Aufarbeitung einer nicht sehr freudigen Jugend. So kündigt er auch gleich zu Anfang an, dass seine Mutter ihn mit zwei Jahren verlassen habe. Die sechs Frauen mühen sich kräftig ab, um ein aerobic-haftes Kalorienverbrauchen zu demonstrieren. So als ob sie mit dem Schweiß auch die Vergangenheit abschütteln könnten. Wirklich schön war es nicht, aber das wollte er auch nicht. Shechter verlangt von seinen Tänzerinnen dass sie mit Luft gefüllte Muskeln tanzen, die dann wieder in sich zusammen fallen und nur Leere übrig lassen. Meistens fehlt es an Leichtigkeit, dafür ist viel Kraft vorhanden. Man denkt an primitive und polternde Volkstänze.

Duato hingegen schafft schöne Bilder, fast zu schön, um die Zerstörung der Erde zu begleiten. Die erste Hälfte spielt sich unter einer Plastikhülle ab, man sieht nur sehr wenig und ahnt oft nur, was die Tänzer erzählen. Die Luft scheint total verpestet und es wird immer schlimmer bis die Welt in sich zusammensackt. Metamorphosen, Androiden-Tänze, Insektensurren und Pelz tragende Männer präsentieren zu harter catwalk Musik eine Modenschau mit staksigem Gang und Frau Mutter Erde lässt sich grün-fischschuppig über die Bühne gleiten während Kirchenglocken Wellenbewegungen begleiten in dieser Welt im Anthropozän. Ein Lasergefängnis übernimmt für einen Moment die Regie und erstreckt sich über Bühne und Zuschauerraum bis sich alles beruhigt und ein grüner, frischer Wald hoffnungsvoll auf uns zukommt und Eva sich unter einen Baum legt. Eine Hommage an die Science Fiction Welt wie Blade Runner oder Soylent Green.

Beide Aufführungen sind eine körperliche Auseinandersetzung mit der Zerstörung, Verlust und Verlassen werden. Hilflosigkeit breitet sich aus. Selbstzerstörung übernimmt. Die unkontrollierte Komfortzone ist bei Duato „Erde“ weniger ausgeprägt als bei Shechters „The Art of not looking back“.  .

Hofesh Shechters „The Art of not looking back“ wurde schon 2009 in Brighton uraufgeführt; die Musik und das Gesprochene stammen von ihm. Nacho Duatos „Erde“ entstand 2017. Die Musik dazu ist von Pedro Alcaldo, Sergio Cabellero, Richie Hawtin, Alva Noto und Mika Vainio.

Die Premiere hat am 21. April stattgefunden.  

Christa Blenk

 

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Walls and Waves – in der Alten Dorfkirche Marienfelde

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„Die Sonne ist weg, das Cello tanzt“

 

Walls & WavesDer Kirchenraum als imaginäre Partitur

Am 14. September 2017 hat das zweite zeitgenössische Konzert in der alten Dorfkirche Marienfelde stattgefunden. Von „Innen nach Außen“ war die Fortsetzung des Konzertes vom 2. September mit dem Titel „Von Außen nach Innen.“ Ein Spiel zwischen Bewegung – Raum – Klang bei Tageslicht – Dämmerung – Nacht.

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 während des Konzertes, die drei Interpreten Ulrike Brand, Marcello Lussana, Thomas Noll

 

Es ist der Monat der zeitgenössischen Musik!

Die Solistin Ulrike Brand spielt auf ihrem Cello, Marcello Lussana bedient die Live Elektronik und Thomas Noll sitzt an der Orgel: Drei Instrumente: mobil, immobil, immateriell und sie improvisierten und philosophieren miteinander eine Stunde lang über die Akustik, Vergangenheit und Gegenwart dieser kleinen Kirche. Immer auf die Klänge der anderen Beiden eingehend, nehmen sie einen Ton auf, setzten ihn fort oder verarbeiteten ihn. Die ausgesprochen dicken Mauern und die Holzdecke geben dieser Kirche eine ganz besondere Akustik. Die Tür wird auch während des Konzertes nicht geschlossen, da der Aufführungsraum erst  mit einem am Baum hängenden Cello ca. 10 Meter vom Kircheneingang entfernt endet. Die Orgel steht nah an der Tür.

Ulrike Brand schreitet mit ihrem Cello die Kirche und den Außenbereich ab, als ob sie etwas suchen würde und lässt sich – immer akustikgesteuert – an unterschiedlichen Plätzen nieder. Die Zuhörer sind eingeladen, diese Bewegungen mitzumachen. Einmal sitzt sie dem Rücken zum Publikum, einmal direkt unter einem Kreuz und einmal erzeugt sie auf dem Cello kurz Glockentöne, dazu schwingt das Cello wie eine Pendeluhr.  Ulrike Brand spielt im Sitzen, Stehen, Gehend, Kniend und Liegend.

Mit dem langsam verschwindenden Licht verwandeln sich die lichten Tagtöne in dramatischere Nachttöne.

 

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Ulrike Brand während der Performance

 

Die Dorfkirche von Marienfelde, wo diese zwei Performance-Installations-Konzert stattgefunden haben,  stammt aus dem 12. Jahrhundert und gehört damit zu den ältesten Dorfkirchen in Berlin und der Mittelmark. Diese spätromanische Feldsteinkirche ist auf einem ehemaligen Friedhof erbaut und man geht davon aus, dass vor der Steinkirche eine Holzkirche dort stand. Die dicken Mauern und schlitzartigen Fenster lassen darauf hinweisen, dass diese Kirche auch eine Schutzfunktion inne hatte. Im 14. Jahrhundert wurde sie umgebaut bzw. erweitert und nach der Reformation auch innen umgestaltet. Im 20. Jahrhundert wurde sie von einem in Marienfelde ansässigen Architekten restauriert; den Zweiten Weltkrieg hat sie unbeschadet überstanden. Seit über 20 Jahren hat die Kirche eine neue, sehr gute Orgel mit 32 Register auf drei Manualen und Pedal.

Sie ist auch für Orgelkonzerte ein attraktiver und begehrter Aufführungsort.

 

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 Ulrike Brand und Marcello Lussana

 

Ulrike Brand hat die Konzertreihe, die durch die Dezentrale Kulturarbeit Tempelhof Schöneberg gefördert wurde, kuratiert.

 

Christa Blenk

 

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David Hockney – Centre Pompidou Paris

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Artikel für KULTURA EXTRA David Hockney – Retrospektive im Centre Pompidou

Bukolischer Dandyismus

Der 80. Geburtstag des britischen Künstlers David Hockney fällt auf den 40. des Pariser Centre Pompidou. Dieses Zusammentreffen feiert das Museum mit einer beeindruckenden Retrospektive. Damit setzt das Museum die umfangreiche Schau von Mammutausstellungen (siehe Anselm Kiefer oder Cy Twombly) der letzten Jahre fort.

David Hockney, 1937 in Yorkshire geboren, zählt heute zu den bedeutendsten, lebenden britischen Künstlern. Der Parcours durch die 15 Säle im oberen Stockwerk des Museums beschreibt anhand von 160 Exponaten aus wichtigen Museen und Privatsammlungen seine permanente Stiländerung und zeigt das Fehlen jeglicher Berührungsangst auch wenn es sie um die neuesten Technologie-errungenschaften handelt.  Die Schau führt den Besucher von Hockneys kleinformatigen und figurativen, Dix oder Hopper zitierenden Anfangswerken aus den 1950er Jahren hin zu einem krachend, grell-bunten und großformatigen post-Matisse Alterswerk oder iPad Zeichnungen. Hockney erzählt vom nordenglischen Licht und vom Einfluss  der freien, kalifornischen Sonne auf ihn und seine Kunst.  Mit den ironisch-minimalen „Love Paintings“ kokettiert der überzeugte Pazifist und Wehrdienstverweigerer Hockney mit seiner Homosexualität.

Ein Eigenportrait aus 1954 zeigt den gerade mal 17 Jahre alten Hockney schon als zukünftigen Dandy. Große Sorgfalt, was seine äußere Erscheinung angeht: Blaue Jacke, roter Schal, gelbe Krawatte, lediglich die runde Intellektuellenbrille fehlt auf diesem knapp 42 x 30 cm großen Bild.

Schon während seines Studiums 1959 lernt er die amerikanischen, abstrakten Expressionisten kennen. In diese Zeit fällt auch die Begegnung mit Picassos Werken, als Hockney eine große Picasso Retrospektive in London besucht, die ihn ausgesprochen prägt und seinen Kunsthorizont in alle Richtungen öffnet. 1961 darf er mit eigenen Arbeiten an der Ausstellung „Young Contemporaries“ teilnehmen. Hin – und hergerissen zwischen  zwischen Jasper Johns Pop Art und Morris Louis oder Elsworth Kellys colour field painting, zitiert er immer wieder Francis Bacon, die italienische Renaissance und natürlich Picasso. Seine Farbpalette gleicht immer mehr dem Fauvismus eines Matisses.

1964, mit Mitte zwanzig, unternimmt Hockney seine erste Reise in die USA und kommt nach New York. Die Verlockungen und Versuchungen dieser Stadt vergleicht er mit denen eines Tom Rakewell in London. Es entsteht das Projekt  einer Serie von Zeichnungen von The Rake’s Progress – frei nach William Hogarths Kupferstichen. Später reist er weiter in das amerikanische Elysium, nach Kalifornien, dort kann er als bekennender Homosexueller ungestört leben, arbeiten und berühmt werden. Kalifornien und Hockney sind für den Kunstbetrachter direkt miteinander verbunden; obwohl er seine Yorkshire Wurzeln nie vergisst.

Stressfreies, sonniges Klima, türkiesfarbiges Poolwasser,  Matisse-grüne Palmen vor Fra Angelico blauem Himmel wirken auf den ersten Blick banal und oberflächlich, frivol, wie ein kitschiges Postkartenmotiv oder eine Werbung für einen Schwimmbadhersteller – aber genau das stellt Hockney in eine post-Pop-Ecke, wo er sich selber eigentlich nie sehen will. Um das Licht besser einfangen zu können, wechselt er zu Acryl-Farben. Generationsübergreifend liebt das  Publikum seine  Malerei. Diese Swimming Pool Bilder haben ihn berühmt gemacht und „the Bigger Splash“ ist zum Kultbild geworden.

Geschichten erzählt er in den Doppelportraits, die ab den 1970er Jahren entstehen. Beim Betrachtern dieser Serie  fällt auf, dass die beiden Protagonisten sich so gut wie nie ansehen, eine Person ist immer im Profil, die andere in Frontalansicht.  Wie auch bei dem 213,5 x 304 cm großen Bild „Henry Geldzahler and Christopher Scott“. Es entstand 1969 und gehört der Collection Barney A. Elsworth. Geldzahler sitzt formell gekleidet in der Mitte eines rosaroten Sofas vor einem rosaroten Fenster, links und rechts nur lindgrüne Wand. Scott steht rechts auf dem Bild im Profil. Er trägt einen Trenchcoat und hat eher eine bittstellerische Haltung. Auf dem Plexiglastisch vor dem Sofa steht ein Blumenstrauß. Auf der anderen Seite des Sofas eine Stehlampe. Hier könnte man an Hopper denken, der sich an der metaphysischen Kälte von de Chirico versuchen wollte.

Immer öfter verzichtet er auf die Zentralperspektive bis seine Bilder perspektivlosen, glatten und schattenlosen Farbflächen gleichen. Die Sonne steht immer im Zenit und taucht alles in die himmelblaue, sorgenlose Welt der sonnengebräunten Reichen und Schönen. Die amerikanische Moderne der Westküste wird mit Hockneys Bildern lebendig.

In den 1970er Jahren beginnt er mit Arbeiten für das Theater und entwirft u.a. das Bühnenbild von Strawinskys A Rake’s Progress auf der Basis seiner früheren Zeichnungen. Aber auch für die Mailänder Scala und für die Metropolitan Oper in New York fertigt er Bühnenbilder.

Hockney experimentiert auf der einen Seite mit den Technical Pictures  und malt auf der anderen die Extremely Dramatic Pictures, die Geschichten erzählen. Aber auch vor der Geometrie macht er nicht halt, das zeigen die geometrischen Hausfassaden von Los Angeles. Die Kritik nimmt diesen drastischen Wechsel nicht immer positiv auf.

Nach dem Kauf einer Polaroid-Kamera tritt das Foto als Kunstmedium in seine Arbeit ein. Abwechslungsreich und vielseitig, voller Passion  die multiperspektivischen Collagen oder „Joiners“,  Polaroid-Fotocollagen, mit denen er den Kubismus neu erfindet, in dem er ähnliche Bilder mit unterschiedlicher Perspektive und Tageszeit aneinanderreiht. Durch Defragmentierung entsteht ein neues Raum- und Zeitgefühl. Die Welt soll kubistisch denken – und das nicht nur künstlerisch! Diese Arbeiten  animieren dazu, selber zum Künstler zu werden. Mitte der 1980er Jahre fertigte er seine ersten Home Prints anhand eines Fernkopierers, später zirkulierte er seine Arbeiten via Fax. Es folgen PC Grafikarbeiten bis schließlich das iPad zum Pinsel wird.

Die Fotocollage “4 Pearlblossom Hwy 11-18th April 1986” misst 119 x 163 cm. Hockney organisiert die Fotos derart, dass der sonst ätzend langweilige und dahin dösende Highway belebt und voller Abwechslung erscheint. Verkehrsschilder, Palmen auf verdorrtem Gras, Grünflächen,  weggeworfene Getränkedosen, Telefonmasten und verschneite Berge im Hintergrund sind auf einen Blick wahrnehmbar. Ein gelber Streifen in der Mitte lässt die Straße in die Unendlichkeit fahren. Das Werk ist umwerfend und man will sofort auch so eine Kollage erstellen.

Hockney, der leidenschaftliche und durchaus rücksichtslose Raucher, fühlt sich in Kalifornien aufgrund des Rundum-Rauchverbots nicht mehr frei und kehrt – aber nicht nur deshalb – 1997 in seine englische Heimat zurück. Rauchverbote zerstören die Boheme, meint er.
In Yorkshire entstehen großartige Landschaftsbilder, die mit der Zeit die kalifornische Sonne verlieren und „englisch“ werden. Hockneys panoramaartige Mammutlandschaften konfrontieren den Betrachter mit einer umgekehrten Perspektive, d.h. der Fluchtpunkt ist hinter der Person vor der Leinwand platziert. Mit dem Alter werden seine Bilder immer größer und der Gesellschaftsmensch Hockney wird nun ein zurückgezogener Landschaftsmaler à la Constable und aus den jungen, duschenden und am Pool liegenden kalifornischen Jünglingen werden Bäume; seine Liebe gehört jetzt der Natur. Die großen Leinwände transportiert er mit dem Lastwagen in den Wald – aber deren Realisierung hält ihn fit, denn er muss ständig hin und herlaufen. Dazu steht er zeitig auf, denn morgens ganz früh ist das Licht am schönsten.  Schnelle Malerei , jeder Strich muss sitzen, Hockney korrigiert nicht an seinen Bildern herum, das gibt ihnen eine gewisse charmant-frische Naivität.

Fast täglich beginnt er seine Arbeit mit einem Selbstportrait. Viele davon sind in der Schau zu sehen zusammen mit Portraits von Freunden, seinen Eltern und vor allem anderen Künstlern zu sehen. Da hängt Warhol neben Kitaj und Burroughs oder Auden.

Hockneys Befassung mit der Zeit ist ein Meisterwerk, das 2010/11 entsteht. „The Fours Seasons, Woldgate Woods“ hängt in einem separaten Raum und ist immer dasselbe Stück Wald im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Eine Multi-Screen Projektion bei der die 36 digitalen Videos auf 36 Bildschirmen gleichzeitig ablaufen. Alles ist in Bewegung und bleibt doch gleich; verlieren möchte man sich in dieser Arbeit.

Didier Ottinger hat die hervorragende Ausstellung von Meisterwerken in Zusammenarbeit mit der Tate London und New York kuratiert. In Paris bleibt sie noch bis zum 23. Oktober 2017und geht dann weiter ins New Yorker Museum of Modern Art, wo sie bis Februar 2018 zu sehen sein wird.

Christa Blenk

 

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Hof Klang 2017

Claudia Herr und Adrian Tully
Foto: cmb

Hof Klang 2017

Mit dem Einlasstempel bekommen wir auch ein Regencape ausgehändigt. Wird aber nicht notwendig sein an diesem Abend, denn kurz vor dem Konzert hört der Regen auf und hinterlässt einen klaren, nachblauen Himmel und unter diesem ist die Bühne aufgebaut – im Innenhof der Nummer 15 in der Michaelkirchstraße. Viel Percussion dieses Jahr! Um die Bühne herum stehen die Stühle für das zahlreich erschienene Publikum, das lässig- ungeduldig, mit einem Weinglas in der Hand, dem Happening entgegensieht.

Hof Klang ist mittlerweile ein echter Insidertipp für zeitgenössische Musikexperimente und Musikinstallationen. Es findet nur einmal im Jahr statt und besticht mit einem sehr sorgfältig zusammen gestellten und abwechslungsreichen Programm zeitgenössischer, zum Teil noch sehr junger, Komponisten. Drei von ihnen sind sogar persönlich anwesend!

Der Initiator und Musikliebhaber Neuer Musik, Steffen Kühn, hat vor 11 Jahren in Leipzig die Hofklang-Idee aus der Wiege gehoben. Seit seinem Umzug nach Berlin 2013 findet Hof Klang in dieser ehemaligen Schuhmanufaktur in Berlin-Mitte statt, in der es jetzt allerdings  Wohnungen und Ateliers gibt. Die glücklichen Besitzer können von ihrem Balkon dem Konzert folgen. Steffen Kühn ist Architekt und wie alle Architekten, mag er die Herausforderung des Neuen, des Unbekannten. Und um unbekannte und ungehörte Musik soll es auch an diesem Abend wieder gehen. Auf dem Programm stehen sogar zwei Uraufführungen.

Mit „Frequente contacten“ für Saxophon und Schlagzeug von Chiel Meijering (*1954) eröffnet der Abend. Ein harmonischer, hörbarer und poetischer Dialog zwischen Saxophon und Schlagzeug, der sachte auf den Abend einstimmt. Der virtuose Saxophonist Adrian Tully begibt sich für die nächste Performance „Demons“ von Brett Dean (* 1961) auf den vorderen Balkon, um das teuflisch-beschwörende Zwiegespräch von oben auf uns herunterrasseln zu können.

Die meisten Interpreten sind nicht zum ersten Mal mit dabei; einige sind fester Bestandteil dieses Events. Wie Claudia Herr, diese großartige, expressive und stimmgewaltige Ikone der Neuen Musik. Eine religiös-andächtige und etwas beunruhigende post-Schönberg Sprechgesang-Ballade ist „Sich einstellender Sinn“.  Komponiert hat sie Eres Holz 2011 für Mezzosopran, Keyboard und Live Elektronik  nach einem Text von Asmus Trautsch komponiert; sie dauert elf intensive Minuten. Holz ist mit 40 Jahren der jüngste unter den heute Abend vorgestellten Komponisten.

 

Maria Lucchese am Theremin
Maria Lucchese

Mit einer interessanten Uraufführung von Samuel Tramins „Kassandra“ geht er erste Teil des Konzertes zu Ende. Saxophon, Schlagzeug und Bass verlieren sich in einem unheilvollen Hinauszögern.

Nach der Pause geht es mit der zweiten Uraufführung des Abends weiter. „Vibrancy II“ für (viel) Percussion und live Elektronik von Cornelia Müller und Gerd Schenker bringt den kompletten Innenhof zum Vibrieren.

Im Anschluss daran zieht Claudia Herr erneut das Publikum in ihren Bann. „Is it?“ fängt als ironisch-ritueller Gesang an. Der Schweizer Komponist und Vorreiter der elektronischen Musik Thomas Kessler (* 1937) hat das Werk 2002 für Saxophon und Stimme auf der Basis einer Unterrichtsvorlage von John Cage komponiert. Es besteht aus 56 Fragen und in jeder darf sie 11 Sekunden verharren. Pikiert-komisch und schäkernd mit dem Saxophonisten Tully trägt sie es vor und das über mindestens drei Oktaven, bis sich am Ende eine hoffnungslose Unsicherheit nach der Frage um den Sinn der Musik ausbreitet. Hier glänzen Beide auch schauspielerisch.

Matthias Bauer am Kontrapass interpretiert im Anschluss ein Werk von Brian Ferneyhough „Trittico per G.S.“. G.S. steht hier für Gertrude Stein; Ferneyhough hat das Stück 1989 komponiert mit dem Bestreben, einen Vortrag über literarische Formen dieser exzentrischen amerikanischen Schriftstellerin zu vertonen. Bauers wütend-jazziger Bass provoziert aber erstmal den Regengott, denn es fängt kurz an zu tröpfeln (aber nicht genug, um die Regenjacken hervorzuholen).

Dann tänzelt sie auf die Bühne, die Italienerin Maria Lucchese (*1957) und improvisiert mit Bauer über das „Trittico“ und zwar vierstimmig. Bauer spielt, Bauer stößt Töne aus, Lucchese gibt primordiale Laute in einer unbekannten Sprache von sich – ganz im Sinne von Gertrude Steins Poesie – und man fragt sich, wo diese kleine Person solche Ur-Geräusche wohl herholt. Immer wieder wendet sie sich dem Publikum zu, um Zustimmung ihres Gesagten werbend. Die vierte Stimme kommt vom Theremin, ein vor knapp 100 Jahren entwickeltes Instrument das man nicht berühren muss, um Klänge hervorzuholen. Lucchese spielt es mit ihrem Körper, d.h. mit ihren Körperbewegungen. Faszinierte Spannung unter dem Publikum und große Begeisterung im Anschluss.

Kühn ist ein guter Gastgeber und bittet anschließend die Gäste zum Buffet. Schöner und angeregter kann man eine Konzertsaison nicht eröffnen!

Steffen Kühns Ziel ist es Hof Klang auch in anderen Innenhöfen in Berlin stattfinden zu lassen und nach dem gestrigen Abend dürfte es an Angeboten nicht fehlen!

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Christa Blenk

 

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Palourdes vom Gois

 
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Palourdesuchen am Gois

Dieses Jahr, Ende August ist der Koeffizient nur 38. Wir machen uns aber trotzdem auf den Weg zum Gois, um Palourdes zu holen. Im Vergleich zu vor einer Woche (s. Foto)  sind nur wenige Palourdesucher unterwegs, was auch am leichten Regen liegen koennte.  Da die Ebbe noch nicht total angekommen ist, lassen wir dieses Mal unser Auto nicht  mitten im Meer im festen Schlick stehen, sondern parken schon 500 Meter vor dem Wasser, auf der Insel und machen uns mit unserem kleinen, geflochtenen Metallkorb und mit der kleinen Harke und Gummistiefel  - vorbei an wartenden Autos, die über den Gois wollen – auf den Weg ins schlickige Meer.

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Nach einer guten Stunde graben im feuchten Lehm, unterbrochen nur von einem Griff in die Jackentasche zur Schlüsselkontrolle (in zwei Stunden kommt die Flut und hier würde man nie und nimmer einern verlorenen Schlüssel finden), aber auch um den Rücken durchzubiegen,  haben wir ca 1 Kilo schöne große Muscheln -  laut Vorschrift sollen sie nicht kleiner als 4 cm sein – gesammelt.  die Kleinen werfen wir wieder ins Meer zurück und beschliessen, sie beim nâchsten Mal mitzunehmen. Voller Vorfreude auf den Leckerbissen zum Abendessen treten wir den Rückzug an.

Die Palourdes müssen nun mindestens drei Stunden gewässert werden, um den Sand auszuscheiden.

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Dazu holen wir uns Meerwasser (es geht aber auch mit Süßwasser in das man sehr viel grobes Salz schüttet). Ich wechsle das Wasser dreimal und gegen 20 Uhr sind sie  dann verzehrfähig und ich überlege, wie ich daraus  ein schönes Abendessen zaubern könnte. Zuerst brate ich Zwiebeln, Knoblauch,Tomaten, Pili Pili (wenig) und Lauch an und lösche das mit Roséwein aus der Gegend. In diesen Sud rühre ich einen Teelöffel Dijon Senf; dann schneide ich die Karotten und die Noirmoutier Kartoffel in ca. 2-3 cm Scheiben und lege alles in die Brühe, zum Schluss füge ich  das mittlerweile zweimal aufgekochte Salikorngemuese von William (dem Salzbauern) samt Wasser dazu, das nun erheblich an Salz verloren hat. Auch ein wenig frischer  Ingwer wird dazu gerieben. Dann lasse ich es eine halbe Stunde zugedeckt köcheln. Als nächstes schichte ich unsere Venusmuscheln auf diese (Gemüse)Bouillabaisse, gebe nochmals ein wenig Wein und viel frische Petersilie hinzu. Dann decke ich alles wieder ab bis nach ca. 5-6 Minuten sich nacheinander mit einem Klacken alle Muscheln öffnen. Ich gebe noch einen Spritzer Zitronensaft darauf und serviere es mit getoastetem Brot das ich mit Olivenöl; Knoblauch und Tomaten abgerieben habe: Es ist köstlich und wir nennen es Casserole Noirmoutière.

Sie dürfen es gerne nachkochen – geht auch sicher mit ganz normalen Miesmuscheln, aber ich weiß nicht, ob es ohne salicorne so gut schmeckt.

Guten Appetit

cmb

 

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Das Salz von Noirmoutier

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Auf der Insel Noirmoutier in der Vendée wird das beste und weisseste fleur de sel hergestellt. Die meisten Salzbauern sind noch unabhängig und jeder hat seine eigene Marke. Wir kaufen immer bei einem Salzbauern in Epine, bei Willy:

Karge Lehmböden, Meerwasser, Sonne und Wind, Flut und Ebbe sind die Werkzeuge, die zur Salzgewinnung notwendig sind.

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Hier arbeitet er gerade bevor die tägliche kleine Konferenz um 17 Uhr beginnt, in der er vor seinem weissen Gold über die faszinierende Arbeit eines Salzbauern erzählt:

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Fotos: cmb

 

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Dans le jardin de William Christie

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Artikel für KULTURA EXTRA 

Vom 19. bis 26. August 2017 fand zum sechsten Mal in Thiré in der Vendée  das Barockfestival Dans le jardin de William Christie statt.

Dieses Jahr wurde unter anderem auch der 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi gefeiert.

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Abends in der Kirche von Thire das grosse Monteverdi Madrigalkonzert mit ausgezeichneten Solisten.

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cmb

 

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Nestor Boscoscuro – Portrait

Portrait von Nestor Boscoscuro für KULTURA EXTRA 

 

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Von polynesischen Fischen, Mandalas und Gullydeckeln

Nestor Boscoscuro erzählt Geschichten: vom täglichen Leben, von früher, erfundene oder erlebte, idealisierte und realistische. Geschichten, die je nach dem Land oder Kontinent, in oder auf dem  er gerade lebt,  anders gehen, anders beginnen oder anders enden. Naturverbunden und beunruhigend, lebendig  und einfühlsam sind sie, aber immer mit einem Augenzwinkern erzählt.

Der gebürtige Argentinier mit italienischen Wurzeln hat mit 25 Jahren sein Land verlassen und ist über Umwege auf den Polynesischen Inseln (Tahiti, Bora Bora, Moorea und Raiatea) gelandet. Dort, zwischen Mythen, Legenden und Voudou lässt sich der gelernte Grafiker, Kunstmaler und Bildhauer nieder, taucht ein in die bunte und metaphernreiche Farbenwelt und verkauft in der ersten Zeit bedruckte T-Shirts und Pareos, die er selber entwirft und später Ölbilder in einigen individuellen Ausstellungen.  Anfang der 1980er Jahre setzt er sich in München intensiv mit Radierungstechniken auseinander. Seine Bilder nehmen nun expressionistischen Charakter an und verlieren die Leichtigkeit oder Sorglosigkeit der Südseeinsel. Arbeiten aus dieser Zeit erinnern an die Künstlergruppe Die Brücke.

 

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Arbeit aus der Münchner Zeit

 

In den 1990er Jahren zieht er nach Recife/Brasilien und ein paar Jahre später verschlägt es ihn nach Indien, wo er  die Welt der Mandalas entdeckt, die ihn nicht mehr loslassen soll.

Seine größte Arbeit entsteht allerdings in Brasilien:  0 + 0 (Acryl auf Leinwand) ist 390 x 205 cm groß und entstand 1993. Hier knallen Universum, Himmel, Erde und Unterwelt aufeinander und ertrinken im Meer. Eine Hommage an die Dämonenwelt von Hieronymus Bosch oder Max Ernst.

Später, schon in Bolivien, inszeniert er seine kleine,  ironische Welt in Holzkisten unterschiedlicher Größe. Er arrangiert darin gesammelte Objekte, Papierschnipsel , Aufkleber oder Gebrauchsgegenstände und erzählt anhand von diesen entsorgten Artefakten das Leben einer Gesellschaft. Ein  Fenster ohne Blick. Alles passiert innerhalb der Holzwände und Nestor Boscoscuro ist der Theater-Regisseur.

Bei Nestor Boscoscuro kann man sich nicht auf eine Beständigkeit seiner Arbeit verlassen, es gibt keinen Boscoscuro-Stil, sein Stil  ist, dass er eben keinen hat und aus jedem Ort das Versteckte und Hintergründige oder nicht gleich Offensichtliche sucht und hervorholt.  Er ist ein Seelenritter und damit sind wir auch schon bei seinen  Escudos Urbanos  (Urban shields).

2001 kommt er zum ersten Mal nach Berlin und legt den Grundstein für sein Lebenswerk. Dieses work in progress wächst sozusagen mit jeder Reise.  Der Grund sind Gullydeckel!

 

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Nestor – Urban shield Griechenland

Auf einem seiner Spaziergänge durch die Stadt steht er eines Tages auf einem besonders schönen Exemplar und beschließt, diese Abwasserdeckel, die man generell gedankenlos überquert ohne ihnen einen zweiten Blick zu widmen, zu seinem nächsten Kunstprojekt zu machen. Nestor Boscoscuro hat uns die Schönheit eines Gullydeckels erklärt. Der erste Abdruck entsteht auf dem Gendarmenmarkt. Boscoscuro reist nun, mit den Augen auf den Boden gerichtet, durch die Welt immer auf der Suche nach besonderen Exemplaren und sammelt sie alle ein, aber nicht so, wie das die Minimalisten oder Hyperrealisten in den 1970er Jahren gemacht haben, in dem sie das Objekt maßstabgetreu nachbilden. Auf den ersten Blick kokettieren diese Einfälle auch mit dem Minimalismus. Er verlässt den Weg aber gleich wieder,  trägt dick abwaschbare Farbe auf und nimmt  einen Abdruck. Diese Abzüge haben viel mitzuteilen: sie wissen in welcher Stadt, ja sogar in welchem Bezirk man sich befindet und wer alles darüber gegangen ist. Sie erzählen von der unbekannten Welt unterhalb des Gullydeckels und von der bekannten darüber.  Manche Gullydeckel sind nach der Fertigstellung nicht mehr als solche zu erkennen. Sie nehmen ein Eigenleben an, andere mutieren zu Labyrinthen oder Spiralen.  Wenn man die unterschiedlichen Abdrücke betrachtet, sieht man erst, wie ausgefallen und einmalig einige sind. Seine Escudos Urbanos (urban shields) mutieren zu Mandalas, sie werden geometrische Bilder mit symbolischer oder religiöser Bedeutung, die Himmel, Erde, Unterwelt und Universum verkörpern.  Die rote Farbe gibt ihnen etwas Primordiales, etwas Archaisches.

Aber die Gullydeckel sind beständig und geduldig, es gibt sie an jedem Ort  der Welt und sie warten auf ihn. In seiner bisherigen Sammlung ist z.B. einer aus der italienischen Höhlenstadt Matera, dann gibt es welche aus Meissen, Bamberg, Ingolstadt, Augsburg und Potsdam. Aber auch die Städte Peking, Sao Paulo  Pyräus, La Paz, Buenos Aires, Madrid , Asunción oder Rom gehören zur  Mandala-Gullydeckel-Sammlung. Eine ganz besonders schöne Arbeit kommt aus Athen. Hier vermutet man eher, dass der Abdruck von einer antiken griechischen Vase gemacht wurde und nicht von der Straße: ein  Kämpfer, vielleicht Hektor, der große Trojaner in einer Ruhephase thront darauf. Boscoscuro hat die Arbeit „Nestor“ genannt, nach dem weisen, griechischen Herrscher von Pylos.

Dieses öffentliche action painting wird immer von einem jungen Filmemacher aus dem jeweiligen Land festgehalten. Einmal hat sogar ein junger Musiker die Musik dazu komponiert. In seinen Ausstellungen läuft meistens diese Gullydeckel-Odyssee als Filmprojektion an einer Wand und es ist sehr interessant, wie die jeweiligen Passanten  damit umgehen. Einige bleiben fasziniert stehen, stellen Fragen, andere schütteln den Kopf und einmal hat sogar jemand die Polizei gerufen.

 

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im Atelier

 

Zwischen 2007 und 2011 lebt Boscoscuro in Rom und verliebt sich in die Welt der Römischen Mosaike. In workshops, geleitet von italienischen Künstlern, entstehen Werke und Arbeiten, die man auch im Archäologischen Museum in Neapel finden kann. Unglaublich die Energie, die er immer wieder aufbringt, sich total auf seine Umwelt einzulassen und in ihr einzutauchen.

Mittlerweile lebt der Künstler erneut in Berlin – bis auf die harten Wintermonate, die verbringt er lieber  in seiner Heimatstadt Buenos Aires. Das urban shield -Projekt geht weiter und Nestor hat noch viele Reisen vor sich, obwohl er zwischendurch immer wieder mit der Realisierung von  neuen Einfällen und Projekten beschäftigt ist. So arbeitet er zur Zeit mit Holz und fabriziert ironische Holzskulpturen-Landschaften.

Die Welt ist rund und groß – wie ein Mandala.

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Ansonsten ist der Künstler ein begeisterter Musiker/Trommler und hat sich Instrumente aus vielen Teilen der Welt mitgebracht. Aber am liebsten trommelt er auf einer Säule, die in seinem Atelier steht; dazu muss er aber vorher eine Büste herunternehmen. Und wenn er nicht mit Kunst oder Musik beschäftigt ist, dann kocht er und auch hier hat er Rezepte aus der ganzen Welt gesammelt.

Christa Blenk

Fotos: (c)

Christa Blenk

 

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Lucien Freud – Closer

 Lucian Freud: Closer  Radierungen aus der UBS Art Collection

Lucien Freuds (1922-2011) Radierungen, Zeichnungen oder Bilder könnte man auf die Neo-Neue Sachlichkeit-Schiene stellen. Sie erinnern an Arbeiten von Dix oder Beckmann, die unter dem Einfluss des Ersten Weltkrieges entstanden sind. In den 1980 Jahren sind viele seiner Radierungen entstanden – fast schon ein Alterswerk!

Man fühlt sich nicht wirklich wohl bei der Betrachtung dieser schonungslosen und kruden Darstellung von Körpern, Köpfen oder Gesichtern,  die irgendwie auf dem Blatt schweben, sie sind nicht verankert und hängen perspektivlos da herum. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Köper gerne das Blatt verlassen möchte. Es gibt keine Stühle oder Blumentöpfe und wenn jemand liegt, dann sieht man weder Bett noch Boden. Freud hat die Hässlichkeit gesucht, sie in den Mittelpunkt gestellt. Jede Art von Idealisierung lag ihm fern. Massige Körper wie primordiale Fruchtbarkeitssymbole mit Tattoo oder schwulstige Lippen, Ideale interessierten ihn nicht. 51 Exponate insgesamt werden in der Ausstellung gezeigt, darunter sein Hund Pluto und sein Lieblingsmodell Susanna. Sie wirkt sehr androgyn, männlich, eckig und herb. Gleich am Eingang ein sehr beeindruckendes Selbstportrait, ein Aquarell, feurig-blass, das einen Mann im besten Alter zeigt.

Freud arbeitete im Stehen, langsam, damit kein Fehler passiert, der auf der Kupferplatte nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.  Autobiografisch und kompromisslos sollte sein Werk sein, das betonte er immer wieder. Irgendwie hat er sich immer selber gemalt, vor allem an den Lippen mag man das erkennen. Die Radierungen werden nicht als vorbereitende Arbeiten seiner Bilder oder Portraits gesehen.

Die Reichen und Schönen wollten und sind von ihm portraitiert worden – und das nicht nur in England. Seine Portraits haben ihn weltbekannt gemacht.

Closer heißt die Ausstellung und in dieser Zusammensetzung waren Freuds Werke in Berlin noch nie zu sehen.

1922 ist Lucien Freud in Berlin geboren. Als Enkel des Psychoanalytiker Sigmund Freud musste er 1933 mit der Familie – sein Vater war der Architekt Ernst Ludwig Freud -  Berlin verlassen und ging nach London.

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Oktober im Martin-Gropius-Bau zu sehen und entstand in Zusammenarbeit mit der UBS Art Collection, Zürich/Berlin.

Christa Blenk

 

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Phädra am Deutschen Theater

Sarcofago Ostia

 

Der Vorhang hebt sich zu der Affekt-Definition von Spinoza, die an die weiße Wand projiziert werden. Das war gut so, denn sonst hätten wir nicht verstanden, dass es hier um Affekte oder um Gefühle geht.

Phädra ist griechisches Theater, eine Tragödie um brennende Liebe, große Gefühle, Verleumdung, Rache, voreilige und nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidungen.

Phädra (Corinna Harfouch), die zweite Frau des Königs von Athen, Theseus, kommt als Gothic-Braut auf die Bühne geschlürft. Die schwarzen, zotteligen Haare bedecken wie ein Vorhang ihr bleiches Gesicht. Sie ist hemmungslos und rücksichtslos in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt und als die Nachricht von Theseus’ Tod am Hofe ankommt, gesteht sie ihm ihre Liebe. Das alles passiert unter nervösem Rumgerenne von einer weißen Wand zur anderen. Sie  springen auf Sockel, rutschen wieder runter und schreien rum.

Da ist der lässige Hippolyt (Alexander Khuon), er trägt einen blassblauen Wollpullover und wirkt eher wie ein Weichling. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass ihm Aricia (Linn Reusse), die Tochter des Feines, etwas bedeutet. Sie, die Fremde in Athen, schreit herum und spurtet noch mehr als die anderen, tritt zuweilen auch mit den Füßen und benimmt sich wie ein pubertierender Teenager, der für die Olympiade trainiert. Phädras Leidenschaft wird mit permanentem Perückenwechsel dargestellt und als Theseo (Bernd Stempel) schließlich doch noch nach Hause kommt, ist sie von seinem Aufzug (oder von seiner Rückkehr) so geschockt, dass ihre Umarmung, begleitet von einem blöden Dauergrinsen, an ihm vorbei geht und sie mit ausgebreiteten Armen die Bühne verlässt. So eine blöde Szene muss man sich erst einmal ausdenken! Später kommt der König, mutiert als blasierter Salondandy der 1920 Jahre mit beigem Anzug und Sonnenbrille, wieder zurück und verstößt ziemlich unglaubwürdig seinen Sohn, nachdem Phädras Zofe Oenone (Kathleen Morgenever), die sich auch nicht entscheiden kann ob sie für oder gegen Phädra ist, ihm erklärt, dass Hippolyth sich seiner Stiefmutter gegenüber daneben benommen hätte.  Während das Drama seinen Lauf nimmt, kommt die nun büßende Phädra –  diesmal im blutroten Reifenrock aus der Zeit von Schillers Übersetzung – auf die Bühne und verkündet, dass das tödliche Gift schon durch ihre Adern laufe. Dann führt sie einen sehr lauten und lächerlichen Slapstick-Totentanz auf (der ihr sicher viele blaue Flecken bereitet hat) bis endlich der Tod sie erlöst (und uns).  

Die Darstellung der Protagonisten passt zur uninteressanten und teilweise ironischen Regie von Stephan Kimmich. Entsetzliches Geschrei löste unverständliches Geflüster ab (man war dann und wann geneigt, auf die englischen Untertitel zu schielen, aber die waren, da weiß auf grau, auch nicht zu lesen).  Und das ewige Gerenne an die undurchdringlichen Mauern, stumpfte mit der Zeit deutlich ab.

Schiller hat diesen großartigen Text von Jean Racines Phèdre in weniger als einem Monat übersetzt – auf dem Totenbett sozusagen!

Schade!

 

Christa Blenk

 

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Jakob Lenz

Jakob lenz

 

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang, der als Dichter seiner Zeit voraus war und ein schwieriges bzw. schräges Leben führte. Georg Büchner hat einen Teil von Lenz’ Leben – den Besuch bei dem evangelischen Pfarrer Oberlin  in den Vogesen -  zu einem Drama verarbeitet, welches wiederum Quelle für Wolfgang Rihms Jugendwerk Jakob Lenz war. Wolfgang Rihm (*1952) hat die Oper Jakob Lenz 1978, 26-jährig, komponiert. Sie wurde 1979 uraufgeführt und zählt mittlerweile fast schon zu den Klassikern der zeitgenössischen Oper.

Andrea Breth hat das Werk 2014 bildgewaltig und expressiv  für Stuttgart inszeniert – als Koproduktion mit der Staatsoper Berlin und mit La Monnaie/De Munt (Brüssel).

Drei Protagonisten und ein sechsstimmiges Vokalensemble kommen zum Einsatz sowie ein Kammerorchester. Rihms Oper füllt sich mit vielen unterschiedlichen Musikstilen und läuft in 13 Bildern ins Verderben. Die Übergänge von einem Bild zum anderen werden durch einen Gauschleier vor der Bühne vollzogen, der wieder entschwindet, um die nächste Szene aus dem tristen Daseins von Lenz zu erzählen. Anfangs keimt immer wieder Hoffnung auf, die aber dann gleich wieder von der psychotischen Hölle verschlungen wird.

Jakob Lenz flüchtet vor unheimlichen Stimmen in eine unwirtliche Felsenlandschaft. Der brave Seelsorger und Psychologe Pfarrer Oberlin (Henry Waddington) nimmt den suizidgefährdeten Lenz bei sich auf – auf Anraten von Kaufmann. Lenz wird von Alpträumen verfolgt und immer wieder kommt die Erinnerung an Friederike auf, eine Frau, um die er gemeinsam mit Goethe warb. Lenz verliert sich immer mehr und es taucht Kaufmann auf. Er ist streng und kalt, und will ihn mit Disziplin auf den rechten, gesunden Weg zurückbringen. Er verwickelt ihn in ein ernstes Gespräch über Kunst und überbringt ihm die Botschaft seines Vaters, doch nach Hause zurückzukehren. Lenz kann nicht, will nicht, will lieber getröstet werden und flüchtet erneut ins Gebirge. Oberlin und Kaufmann dringen nicht mehr zu ihm durch und als er vergeblich versucht, ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken, stürzt er endgültig in die geistige Umnachtung.  Er hört Stimmen, die Friederikes Tod ankündigen. Neonlampen verstärken die Trostlosigkeit.

Hoffnungslos verlassen ihn Beide und Lenz bleibt allein, in Zwangsjacke, verdreckt und verlassen auf einem Krankenbett zurück mit dem Wort konsequent auf den Lippen..

Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme der Stille, die um den ganzen Horizont schreibt, und die man gewöhnlich die Stille heißt“ (Büchner, Lenz, 1839)

Unterstrichen  und gestützt wird die Handlung von einer grandiosen Inszenierung, die Musik und Handlung hervorhebt. Es gibt keine Farben, nur grau, schwarz, weiß und manieristische Lichteinfälle. Überhaupt durchziehen viele Gemälde der letzten Jahrhunderte das Geschehen. Einmal liegt Lenz da zu Füßen von Oberlin wie eine flämische Grababnahme. In einer andereren Szene muss man an einen Passionsweg denken, den Caravaggio hätte malen können.

Michael Fröhling hat das Libretto nach Büchners Erzählung geschrieben.  Der hervorragende Bariton Georg Nigl (Lenz) gibt alle Töne von sich, die ein Mensch hervorbringen kann. Sprechen, Schreien, Flüstern, Quietschen, Lyrik in allen Lagen. Die Zuschauer werden permanent zwischen  Panik, Schrecken, Hoffnung, Mitleid, Milde, Wahnwitz und Widerwille hin – und hergerissen.  Übertreibung wird von Pathos und Gleichgültigkeit abgelöst.  Die Landschaft ist wildromantisch, felsig, schwierig zu bewältigen. Es ist dunkel oder Halbdunkel, Spiegel auf der Bühne betonen dieses Unwohlsein, und man stellt sich die Frage, wer wo ist und wo die Zerstörung gerade wütet. 

Großartige Aufführung und großartige Darbietung der Protagonisten. Am Pult vor nur einer Handvoll Musikern Franck Ollu. Das Bühnenbild hat Martin Zehetgruber gemacht.

Jakob Lenz ist ein Meisterwerk und dauert nur 80 Minuten sehr intensive Minuten die uns schon an die Grenzen kommen lassen.

 

lenz

Christa Blenk

 

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Norway Today

Christa Linossi
Foto: Christa Linossi

 

Das Zwei-Personen-Drama Norway Today ist ein modernes Theaterstück des Schweizer Dramatiker und Regisseur Igor Bauersima (*1964). Er hat es als Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf geschrieben und bei der Uraufführung im November 2000  selber Regie geführt.  2001 bekam er  im Rahmen der Mülheimer Theatertage die Publikumsstimme und Bauersima wurde in der Kritikerumfrage von Theater heute zum deutschen Nachwuchsautor desselben Jahres gewählt.  2003 und 2004 war Norway Today das meistinszenierte Stück auf deutschen Bühnen und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.  2002 und 2004 bekam er den Nestroy Theaterpreis in der Kategorie Beste Ausstattung und Beste Regie.

Die zwanzigjährige Julie ist eine moderne Romantikerin und ist es leid zu leben. Sie will sich umbringen und sucht übers Internet Gleichgesinnte, damit sie nicht alleine in den Tod gehen muss. In einem Chatroom lernt sie den etwas jüngeren August kennen und steigt mit ihm auf einen schneeverwehten Berg in 600 Meter Höhe irgendwo in Norwegen um dort in den Tod zu springen.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit; Bauersima hat davon in der Zeitung gelesen. 

Die elf Schüler der Schauspielfabrik haben als Abschlussarbeit ihres drei-Montatskurses unterschiedliche Szenen aus dem Stück gespielt. Meist das Ankommen auf dem Gipfel. Jede Szene hat ihre eigene Dramatik bzw. ihren eigenen Humor. Da ist Augusta Nummer 1. Sie leidet am PMS und muss sich zwanghaft Schokoriegel und Salzgebäck in den Mund stecken, was sie aber nicht daran hindert, wasserfallartig über den geplanten Selbstmord zu reden, zu dem Julie sie animiert. August Nummer 3 hingegen versteht einfach nicht, wieso man 5 Stunden – mit Proviant – auf einen Berg klettert und dann – vor dem Essen – von diesem zu springen. Die vierte Szene mündet von anfänglichem Frieden in große Theatralik. Die beiden jungen Leute liegen – jeder in seinem – Schlafsack. August schnarcht und Julie kippt ihm eine Flasche Wasser über den Kopf um ihn zu wecken. Die Szene spitzt sich zu bis Julie mit verletztem Bein am Boden liegt, August abzieht und nicht nur Julie aufgewühlt zurücklässt.  Der letzte August steht mit sich selbst im Dialog. Er ist in Julie verliebt und will ihr näherkommen, glaubt aber nicht daran, weil sie zu schön für ihn ist.

Die einzigen Requisiten sind Rucksäcke und ein paar Decken, sowie Musik- und choreografische Einlagen. Manchmal wurde die Angespanntheit vielleicht mit zu viel Schreien demonstriert, aber ansonsten ein interessanter Theaterabend ohne déjà-vu mit dem Sophies, Sarahs oder Martins der nächsten Theatersaisons.

 

Szene 1: Aniella als Julie, Olivia als August(a)

Szene 2: Denise als August(a)

Szene 3: Luisa als Julie, Tom Garus als August

Szene 4: Carlotta Kettel als Julie, Maximilian Väth als August

Szene 5: Katherina als Julie, Maximilian Eller als August

Szene 6: Kim als Julie, Paul als August.

 

Christa Blenk

 

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Piedad y terror en Picasso

PICASSO-Guernica

 

Piedad y terror en Picasso – El camino a Guernica

Pablo Picassos größtes und wohl bedeutendstes Werk ist das Antikriegsbild Guernica. Ein verzweifelter Aufschrei auf knapp 30 Quadratmetern, ein Synonym für Kriegsgräuel und eine Parabel für Leid, Krieg, Zerstörung.

 1936 wird der in Paris lebende spanische Maler Picasso (1881-1973) von der republikanischen spanischen Regierung zum Direktor des Prado Museums ernannt und bekommt anschließend von ihr den Auftrag, ein repräsentatives Bild für den spanischen Pavillon anlässlich der Weltausstellung 1937 in Paris zu malen.

 Die baskische Kleinstadt Guernica (Gernika) wird im April 1937 von der Luftwaffeneinheit der deutschen Wehrmacht im spanischen Bürgerkrieg, der Legion Condor, bombardiert und komplett zerstört. Picasso erfährt durch die französisch-kommunistische Zeitung L‘Humanité von dieser brutalen Aktion, verwirft sein bereits konzipiertes, „unpolitisches“ Pavillon-Konzert Maler und Modell und macht sich an eine Arbeit, die einerseits Anklage und andererseits Aufarbeitung dieses Kriegsaktes sein wird. So entsteht eines der Schlüsselwerke der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts.

 Das Riesenformat des Gemäldes, es misst knapp 350 x 780 cm, wurde durch den katalanischen Architekten des Pavillons, Josep Luis Sert (1902-1983) vorgegeben. 27 Quadratmeter müssen erst einmal gefüllt werden. Ein schwieriges Unterfangen für Picasso, der am liebsten Portraits nach Modell (meist die Frau, mit der er gerade lebt) oder Stillleben malt, auf jeden Fall eher kleinformatige Innenraumszenen. Und dementsprechend passiert auch sein Guernica in einem geschlossenen Raum ohne Wälder, Wiesen, Berge und so gut wie ohne Farbe.

 Von rechts nach links geht die symbolträchtige Legende, konform des vorgegebenen Weges durch den Pavillon. Defragmentierte Figuren und Figurengruppen füllen das Bild fast komplett aus. Picasso hat hier einen Raum gemalt, dessen Wände nicht durchbrochen werden können und die Handlung nicht entkommen kann, so wie auch das Volk von Guernica nicht entkommen konnte. Frauen flüchten vor züngelnden Flammen, schreiende, weinende Gesichter, durcheinander liegende Gliedmaßen, Köpfe, Pferde schweben schwerelos dahin und stoßen permanent an eine Mauer. Auf der linken Seite eine Pietà. Ein Speer, der von oben in das Pferd eintritt, symbolisiert den Bombenfall. Das einzig hoffnungsvolle Detail in dem Bild ist ein Olivenzweig, der aus der Faust eines Kriegers wächst und baldigen Frieden vorhersagen möchte. Picassos Inspirationen sind die Triptychen von Dix oder Beckmann, aber auch Delacroix, Goya oder die Passionsikonografie der katalanischen Malerei sowie der Altar von Isenheim sind hier zitiert. Raserei, Aktion, Gewalt, Grausamkeit, Angst und Schmerz bestimmen das Bild, in dessen Zentrum nur noch ein unglücklicher Trümmerhaufen auszumachen ist. Fünf intensive Wochen arbeitet Picasso an dieser Schwarz-Graublau-Weiß-Sinfonie, dessen Figuren aufgrund fehlender Perspektive auf die Betrachter zu fallen scheinen. 46 Einzelstudien vorbereiten und begleiten das  Guernica-Epos. 

Der Kubismus ist allerdings in den 1930er Jahren längst obsolet und Picasso selber befindet sich nach der Begegnung mit André Breton in einer Surrealismusphase. Monströse Fratzen, Disharmonien oder Widrigkeiten, die die Begriffe Humanität und Zivilisation in Frage stellen sollten, sind durchaus schon in einigen Arbeiten der 1920er Jahre zu erkennen. Auch der Minotaurus erscheint schon lange vor Guernica. Picasso war ein begeisterter Stierkampfanhänger und hat 1935 – also zwei Jahre vor Guernica seine Minotauromachie frei nach Goya veröffentlicht. Auch hier geht es um Gewalt und Tod. Das Genie steht mitten in einer Krise, seine neue Freundin, die sehr junge Marie-Thérèse Walter bekommt ein Kind von ihm (Maya), er lernt Dora Maar kennen und seine Frau Olga verlangt die Scheidung (wozu Picasso – wohl  aus wirtschaftlichen Gründen – nie einwilligte und so war Olga bis zu ihrem Tod 1955 Mme Picasso).  

 1925 entsteht das Bild Drei Tänzerinnen – es gehört der Tate London. Picasso setzt sich darin schon mit der Figurenbildung und deren Zerstörung auseinander, wie er dies – mitten in seiner blauen und rosa Periode – vor allem bei seinem 1907 entstandenen Meisterwerk Les Demoiselles d’Avignon tut: In Guernica vereint er diese Technik mit einer kubistisch, surrealistischen Historienmalerei.

 Weitere bedeutende Exponate kommen aus dem Guggenheim Museum New York wie Mandoline und Gitarre (1924) oder die Sich kämmende Frau (1940) aus dem Pariser Picasso Museum, noch im Guernica Stil.  Das Stillleben mit Totenkopf, Lauch und Krug kommt aus San Francisco. Picasso hat es 1945 gemalt und es kündigt seine zukünftige Farbgebung an.

 In der Zeit der Guernica-Serie entstehen außerdem eine Reihe von Radierungen, die Picasso Traum und Lüge Francos nennt. Dem leidenschaftlichen Künstler, der zwar dann und wann von Paris aus mit den Kommunisten kokettiert aber dennoch eher unpolitisch vor sich hin malt und lebt, geht der Bürgerkrieg in seinem Heimatland dennoch sehr unter die Haut.

 Guernica ist ein Passionsweg, eine griechische Tragödie, die nach Ende der Weltausstellung eine lange Odyssee antreten sollte. Nach der Pariser Weltausstellung 1937 geht das Gemälde erstmals wieder in den Besitz von Picasso über. Im Rahmen einer Wanderausstellung kommt es 1938 nach Skandinavien und nach London bis es 1939 schließlich New York erreicht, wo es 47 Jahre auf seine Rückkehr nach Spanien warten sollte. Diese passierte erst 1981, denn Picasso hatte verfügt, dass Guernica erst in ein durch und durch demokratisches Spanien zurückkehren dürfe!

Picasso selber wendet sich nach dem zweiten Weltkrieg wieder seinen  Frauen-Portraits zu – eine Dramatik wie bei Guernica hat er hingegen nicht wiederholt.  

 Zum 80. Geburtstag der Entstehung von Guernica haben die Kuratoren Timothy James Clark und Anne M. Wagner für das Madrider Museo Reina Sofia die Ausstellung Erbarmen und Terror in Picassos Werk: Der Weg zu Guernica organisiert. 

 180 Exponate – wovon 150 permanent im Museum Reina Sofia zu sehen sind – werden miteinander in Verbindung gebracht und beschreiben Picassos Entwicklung und Stilveränderung ab den 1920er Jahren hin zu Guernica und die Zeit danach. Es ist eine Brücke von einer hoffnungsvollen Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit Guernica in der Mitte.

 Die Ausstellung ist noch bis zum 4. September 2017 im Madrider Museo Reina Sofia zu sehen.

 Christa Blenk

 

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Colombian Youth Philharmonic erfindet Strawinsky neu

columbian

 

Mit der Colombian Youth Philharmonic unter Leitung von Andrés Orozco Estrada wurde gestern Abend im Konzerthaus das Festival Young Euro Classic 2017 eröffnet. Für das noch junge Orchester – es wurde vor sieben Jahren gegründet – eine Station auf ihrer ersten Europa-Tournee.

Der humorvolle, junge, charismatische und mit allen Weltbühnen vertraute kolumbianische Dirigent Andrés Orozco Estrada hat sich für diese Tournee etwas ganz Besonderes ausgedacht und mit einer spektakulären choreografischen  Aufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps das Publikum in Begeisterungsstürmen ausbrechen lassen. Musiker und Instrumente wurden zum Ballett.

Es war dunkel im Raum und still. Dann eine Cello-Note, die sich alle zwei oder drei Sekunden wiederholte. Die Musiker bewegten sich im Trauermarsch, einen Kontrabass tragend,  auf die Bühne zu und nahmen dort Platz. Hintereinander knipsten sie alle ihre Pultlichter an bis das Feuer auf die Leinwand hinter der Bühne übersprang und zu flackern anfing. Das Rascheln mit Gold-Metallpapier erzeugte knisternde und  knackende Feuergeräusche. Man fühlt sich fast wie in einer Ballettaufführung von Pina Bausch.

Großartiger Effekt, der sich während der kompletten Aufführung wiederholte. Abwechselnd fanden choreografische Bewegungen von Musikern und Instrumenten statt. Geigenbögen wurden zu Schwertern, Perkussionsinstrumente zu Donnerwerkzeugen und Blechinstrumente zu szenischen  Feuerspielen. Die Musiker spielten und schauspielerten auf das Finale zu und wurden von donnerndem Applaus abgelöst.

Vor der Pause sang die in Frankfurt lebenden kolumbianische Sopranistin Juanita Lascarro die Straußlieder „Morgen“ op. 27 Nr. 4 (1894); „Traum durch die Dämmerung“ op. 29 Nr. 1 (1895), „Liebeshymnus“ op. 32 Nr. 3 (1897), „Cäcilie“ op. 27 Nr. 2 (1897) und drei Lieder von Jaime León „la calle está desierta“, „Cuano lejos, muy lejos“, „Algún día in spanischer Sprache.

Begonnen hat das Konzert  mit einer interessanten Komposition des jungen peruanischen Komponisten Jimmy Lopez (*1978)  „América Salvaje“ (2006). Hier kamen drei traditionelle südamerikanische oder peruanische Instrumente, wie die Okarina-Flöte oder eine Wasserpfeife, zum Einsatz und das Publikum wurde in den tiefsten Amazonas  umschwärmt von Mücken und Dschungelgeräuschen transportiert. López zählt schon zu den bedeutendsten Nachwuchskomponisten und ist vielfacher Preisträger. Im Jahre 2000 hat er sich in Helsinki nieder gelassen, auch um dort seine Studien fortzusetzen.

Der in Wien lebende Andrés Orozco-Estrada wurde 1977 in Medellin/Kolumbien geboren. Er ist Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters.  Sein Schwerpunkt liegt auf der Wiener Klassik, obwohl sein Interesse an zeitgenössischer Musik sehr groß ist – genau das hat das Programm gestern Abend auch bestätigt.

Juanita Lascarro ist auch Kolumbianerin und seit 2002 festes Ensemblemitglied  der Frankfurter Oper. Nach einem Biologiestudium hat sie in Köln Gesang studiert.  Lascarro war als Liedsängerin Artist in Residence und Special Guest beim Bath Chamber Music Festival und hat ein sehr umfangreiches Repertoire.

Schon heute - während des Publikum immer noch nachschwärmt – machen sich  die 120 Musiker des Ensembles auf dem Weg nach Graz, wo der leidenschaftliche Dirigent Andres Orozco Estrada übrigens debütierte. In Graz wird das bestechende Programm gleich zwei Tage hintereinander aufgeführt. 

Mehr kann man von einem Konzertabend nicht erwarten.!

Christa Blenk

 

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San Antonio de la Florida

P1040622

 

Jedes Jahr im Juni feiert dieser Stadtteil am Manzanares im Zentrum von Madrid das Fest des Heiligen Antonius. Der Königshof von Karl IV hatte den Bau dieser kleinen Kapelle an einer Einsiedelei angeregt. Goyas Freund und Aufklärer, der Justizminister Gaspar Jovellanes, den Goya auch des Öfteren portraitierte, beauftragte den Maler mit den Fresken, die einerseits den Einfluss der Inquisition vermindern und andererseits vor Justizirrtümern warnen sollten. Das war 1798 und Goya brauchte sechs Monate um die Fresken zu vollenden.

Die Legende des Heiligen Antonius kam da gerade recht: Der Vater des Heiligen Antonius von Padua wurde in Lissabon des Mordes angeklagt. Antonius erfährt durch eine göttliche Botschaft davon und macht sich gleich auf den Weg dorthin. Im Gerichtssaal erweckte er den Ermordeten wieder zum Leben und sein Vater wurde freigesprochen.

Goyas Himmel ist voller realistischer Farben und Formen. Alle Beteiligten lehnen an einer Art Brüstung und betrachten die Welt von oben. Goya hat die gesamte Decke bemalt. Auf der einen Seite die Auferstehung des Ermordeten durch das Wirken von Antonius vor einer aufgewühlten Menschenmenge, die dem Wunder des Hl. Antonius zusieht. Weiter in der Mitte der neu zum Leben erwachte. Interessant ist, dass Goya seinen Personen das Schweben genommen hat. Man sieht, dass sie die Balustrade oder etwas anderes brauchen, um sich anzulehnen oder festzuhalten. Die Schwerkraft greift hier ein. Eine der vielen Revolutionen in Goyas Malerei. Groß ist der Unterschied von den Personen auf den Fresken und denen des Volksfestes am Manzanares nicht. Hier schweben keine himmelblau gekleideten engelhaften Menschen durch das Universum, Goyas Personen sind realistisch, sie schauen verdächtig, gleichgültig oder entsetzt auf uns herab. Hier ist das Heilige und das Irdische nicht mehr zu trennen, Goya malt verhärmte Alltagsgesichter.

Francisco de Goya malte diese Fresken in der zweiten Hälfte seines Lebens, mit 52 Jahren und bis zu seinem Tod 1828 sollte es noch viele Kunst-Eroberungen geben. Aber diese Fresken, die Sixtinische Kapelle von Madrid,  ist ein Meisterwerk.

Gebaut wurde die kleine Kapelle zwischen 1792 bis 1798 – noch im Barockstil – vom italienischen Architekten Filippo Fontana im Auftrag von Karl IV.  Der Grundriss ist ein griechisches Kreuz mit einer Kuppel im Zentrum.

Der große spanische Maler Goya zählt zu den Revolutionären der Malerei und schaffte es, auf der einen Seite Hofmaler oder Auftragsmaler zu sein und auf der anderen seine eigenen Bilder und Ideen zu verwirklichen.  Goya war ein Expressionist, ein Sozialkritiker, seiner Zeit weit voraus. Er dokumentiert auf sehr provokative Weise  Unruhe, Ungerechtigkeit und Unmut seiner Epoche wie sonst Keiner. Seine Zeit war die Romantik und der Klassizismus, seine Malerei hingegen ist vor allem ein sehr eigenwilliger Realismus.

Francisco de Goya ist in Bordeaux verstorben; 1901 wurde sein Leichnam allerdings nach Spanien überführt und seit 1919 hat er seine letzte Ruhestätte dort.

P1040624 
Goya-Denkmal

 

Direkt nebenan kann man sich anschließend in einer typischen spanischen Bar stärken – Casa Mingo gehört zu den ältesten Restaurants in Madrid. Die Spezialitäten dort sind Chorizo, Tortilla, Empanadas und natürlich das Brathähnchen. Am besten schmeckt es mit Sidra de Asturias.

 

P1040628

 

Christa Blenk

 

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Waldbühnenkonzert im Regen

P1050078

 

Das traditionelle Oper-Air-Konzert der Berliner Philhamoniker zum Abschluss der diesjährigen Spielzeit fand gestern abend – wie immer – in der Waldbühne Berlin statt. Der heftige Regen hat weder Musiker noch Publikum davon abhalten können, diesen musikalischen Höhepunkt gemeinsam zu begehen und so saß man da mit Regencape und Schirm und ließ sich in den Weinbecher regnen.

Auf dem Programm stand dieses Jahr Robert Schumann dritte Symphonie, die Rheinische. Nach der Pause ging es dann mit Orchesterstücken von Richard Wagners Ring des Nibelungen weiter, sehr passend zum Wetter, da der Regen pünktlich zu Rheingold wieder einsetzte.

Am Pult der Venezolaner Gustavo Dudamel – der schon zum dritten Mal die Philharmoniker auf der Waldbühne dirigiert.

Über 22.000 Zuhörer nimmt die Waldbühne, die 1933 – allerdings nicht für kulturelle Zwecke – entstand und heute zu den schönsten Oper-Air-Bühnen in Deutschland zählt.

cb

 

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König Ubu

Ubu8

 

Gefräßig, feige, machtbesessen, skrupellos, hinterhältig, verlogen und rücksichtslos, dummdreist, spießig und egoman – warum kommt uns das so bekannt vor? – ist  Vater Ubu. Dumm ist er auch, aber er hat ja  die ehrgeizige Mutter Ubu, die ihn zum Königsmord anstiftet: denn mehr Geld und mehr Essen kann er nun mal nicht widerstehen.  Und nun geht es erst richtig los – Macht und Geld müssen vermehrt werden und da bleibt ihm nur ein Weg: Alle anderen Reichen, in diesem Fall die Adeligen, müssen weg. Also landen sie in der Enthirnungsmaschine und ihr Besitz bei Ubu. Von nun an nimmt er alles selber in die Hand: Gerechtigkeit, Finanz- und Steuerangelegenheit und das Wohlwollen seiner Untergebenen und reist höchstpersönlich als Steuereintreiber durch die Dörfer. Als es dem Volk dann irgendwann doch zu viel wird, stiftet der legitime Thronfolger einen Aufstand mit Hilfe des russischen Zars an und es bricht ein blutiger Krieg aus, der die Ubus zur Flucht zwingt. Aber die beiden - wie sich das so gehört - fallen natürlich wieder auf die Beine und so wie es aussieht, werden sie sich wohl in Germanien niederlassen – denn dort soll es sehr schön sein ….. 

Großartige Performance der drei Protagonisten, die sämtliche sonstigen Rollen übernehmen. Da wird Mutter Ubu (Linda Pöppel) u.a. zu König Wenzeslas und Zar Alexis und Hauptmann Bordure (Elias Arens) zu Bougrelas und Königin Rosamunde und zum  kriegerischen Volk überhaupt. Der Krieg zwischen den Polen und Russen ausgetragen von Božidar Kocevski (Vater Ubu und Boleslas und Ladislas) und Elias Arens ist eine großartige choreografische und schauspielerische Leistung, die besser nicht sein kann.

Deftig und derb-ordinär Sprache und Optik. Alfred Jarry wäre sehr glücklich mit dieser Aufführung gewesen, die außer ein paar Papierpuppen, einem Mikrofon und Schaumstoffklötzen gar nichts braucht.

Die Uraufführung in Paris 1896 löste einen großen Skandal aus. Das Publikum war entsetzt über die vulgäre Sprache und über die Absurdität des Erzählten. Es gab Prügeleien im Publikum und das Stück wurde nach der Premiere sofort wieder abgesetzt. Der einzige befürwortende Kritiker entlassen!

« Man wird zugeben, dass die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre Ubu eine unerhörte prophetische Bedeutung zusprechen » das schrieb André Breton 1950 und heute können wir es einfach nur genauso wiederholen!

Als Jarry das Stück über Mißgunst und andere niedere Instinkte – eine Parodie auf seinen Physiklehrer –  1888, fünfzehnjährig, mit ein paar Freunden als Marionettenspiel aufführte, hätte wohl niemand vermutet, dass es nur 10 Jahre später das komplette  Welt-Theater revolutionieren würde.

Der Ungar András Dömötör führte Regie. Er hat die Marionettenidee übernommen und alle Nebenpersonen als Papierpuppen tanzen lassen (darunter sogar einige uns sehr bekannte aktuelle Politiker!). Eine Gratwanderung zwischen leicht-lustig und derb-ordinär, die nicht ein einziges Mal abrutschte. Brillant interpretiert von dem großartigen Trio Elias Arens, Božidar Kocevski, Linda Pöppel.

Christa Blenk

 

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Pellworm

P1040485

 

Pellworm! – wo ist das denn?

Die Insel Pellworm gehört zu den Nordfriesischen Inseln und ist eigentlich nur ein Überbleibsel einer weiten Flur, die im achten Jahrhundert von Friesen besiedelt wurde. Erst um 1000 n.C. durchbrach die Nordsee diese Ebene und setzte das Land unter Wasser. Schon aus dieser Zeit stammen die ersten Deich- und Warftbauten und die Bewohner entwickelten Ideen und Pläne, um sich im Kampf gegen die Nordsee zu organisieren. Im Laufe der Jahrhunderte, wurden aber aus dieser Landfläche immer mehr Inseln und Hallige.

Die erste große bekannte Flut fand im 14. Jahrhundert statt und ab dem 17. Jahrhundert gab es immer wieder verheerende Fluten; die letzte, die Pellworm fast komplett überschwemmte, fand im Jahre 1825 statt.

Heute erreicht man diese grüne Insel in einer guten halben Stunde mit der Fähre von Nordstrand. Alles ist bestens organisiert, denn der Zug aus Husum wartet auf den Bus, der die Gäste nach Nordstrand bringt und dort wartet die Fähre. Bei Ebbe geht die Fahrt durch eine Furt, links und rechts sieht man den Grund der Nordsee.
Pellworm ist eingerahmt von sehr hohen Deichen auf denen sich die Schafe mit den Austernfischern tummeln. Hinter den Deichen ist auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Häuser, Höfe und Wiesen. Pellworm hat viel Natur, Zeit und Platz und alles tickt ein wenig ruhiger.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…«

Der deutsche Naturalist und Neuromantiker Detlev von Liliencron (1844-1909) hat ein Jahr dort verbracht und wurde Anfang 1882 sogar zum Hardesvogt ernannt, das ist eine Art Stellvertreteramt in der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt schon zu Preußen gehörte.  Auf Pellworm entstand seine sicher berühmteste Ballade „Trutz, blanke Hans“. Er verarbeitete hier die Rungholtsage und die  große Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, die die vor Husum gelegene Insel Nordstrand seinerzeit verwüstete. Der Blanke Hans ist eine friesische Bezeichnung für die Nordsee. Rungholt ging das erste Mal in der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 unter. Dieses sagenumwobene Atlantis der Nordsee lag vor Pellworm, auf der heutigen Hallig Südfall, genau dort wo der Verfasser Hardesvogt war. In seinem Tagebuch schreibt er, wie er auf der Fähre von Husum nach Pellworm von dieser Sage höre.

Und wie immer wenn es keine echten Zeitzeugen gibt, blühen Sagen und Legenden. Zwei Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert erwähnten diese untergegangene Stadt mit den verborgenen Schätzen. Erst in den 1920 Jahren spülte das Meer nördlich von Südfall Überreste einer früheren Zivilisation ans Land und es begann ein systematische Aufarbeitung der Funde.  Auf einer Karte von 1636 die wohl auf einer anderen von 1240 basiert wird zum ersten Mal der Name Rungholt erwähnt. Das Datum liegt ca acht Monate vor der Marcellusflut. Ein wichter Rungholt Forscher war Andreas Busch (über ihn und seine Theorien und Aufzeichnungen kann man viel im Museum in Husum lesen und sehen).

 

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Im Rahmen der Christianisierung entstand im Jahre 1095 die Alte Kirche St. Salvator. Sie liegt auf einer Linie mit anderen vier Mutterkirchen der Christianisierung. Ca 150 Jahre später entstand der Gotische Turm, von dem heute noch eine 25 Meter hohe Ruine übrig ist. Der damals übliche und benutzte Tuffstein kam aus dem Rheinland. Spätgotisch ist der Flügelaltar; er zeigt die Passion Christ in sieben Szenen.

Aber der Hauptanziehungspunkt in der Kirche von  Pellworm ist ein Spätwerk des berühmten deutschen Orgelbauers Arp Schnitger. 1711 hat er sie aus unbehandeltem Eichenholz gebaut, sie hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Hälfte davon sind noch Originale. In Schleswig Holstein ist sie die einzig erhaltene Schnitger-Orgel und deshalb eine große Sehenswürdigkeit, auf die die Pellwormer sehr stolz sind, zumal im Sommer jeden Mittwoch regelmäßige Orgelkonzerte stattfinden – mit zum Teil recht bekannten Interpreten.

Einen Sandstrand wird man auf Pellworm hingegen nicht finden, da die Insel vor dem Meer mit hohen Dämmen geschützt werden muss. Dafür kann man wunderbare Wattwanderungen dort unternehmen. Ebbe und Flut wechseln sich alle sechs Stunden ab und geben dann für kurze Zeit den Meeresboden frei. Die ganz Mutigen können natürlich auch den Postboten auf seinem Fußmarsch durch das Watt begleiten – denn ein Ehepaar wohnt ganzjährig auf dieser Hallig. Allerdings muss man gut zu Fuß sein, denn  drei Stunden ist man mindestens unterwegs.

 

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der alte Turm

 Christa Blenk

 

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Wir sind Bettler – Luther-Oratorium

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Gestern Abend fand die Uraufführung von Daniel Pacittis Oratorium ‘Wir sind Bettler’ in der Berliner Philharmonie statt. Pacitti komponierte dieses Oratorium aus Anlass des 500. Jubiläums des Thesenanschlags von Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg als Auftragswerk des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU.

Das Libretto verfasste Christian Meißner, der sich an der Sprache von Martin Luther orientierte.

Es spielte das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Leitung des Komponisten selber. Martin Luther wurde großartig von Roman Trekel interpretiert. Die anderen Solisten boten ebenfalls einen soliden Auftritt. Yuriko Ozaki und  Cristiane Roncaglio (Sopran); Arttu Kataja ( Bassbariton) und Dominic Barberi (Bass). Außerdem sangen der Kinderchor der Staatsoper Berlin und der Berliner Oratorien-Chor.

Alle Konzertbesucher, die so etwas wie eine neue Misa Criolla erwartet haben, wurden enttäuscht. Protestantischer, asketischer und strenger hätte der katholische Argentinier mit italienischen Wurzeln, Pacitti, so ein Oratorium nicht komponieren können. Emotionen sind so gut wie nicht aufgetreten und sogar die harten Worte des Papstes oder Karl V wurden noch mit milder Strenge vorgetragen. Viele Längen hat das Mammutwerk und man vermisst eine Struktur darin. Das Publikum hat immer wieder zwischendurch und unkoordiniert applaudiert, als ob es sich hier um eine Belcanto Oper handeln würde, was den Maestro einmal sogar zum Abwinken brachte.

Pacitti hat sich viel mit Luther und seiner Zeit befasst, um ihm, dem Mönchlein, sowie der Zeit in der er lebte, so nahe wie möglich zu kommen und wollte aber auf der anderen Seite ein möglichst großes Publikum mit seiner Musik erreichen.

Somit entstand ein „zeitloses“ durchaus beachtenswerte Werk, das man nicht wirklich einer Epoche zuordnen kann!

Strauß-Trompeten, Bachkantaten und Verdi-Chöre werden von mächtiger Orff-Musik abgelöst und driften hin zu Madrigalen,  Kirchengesängen und Renaissancemusik, die wiederum von zarten Delibes-Klängen oder Jazzelementen durchbrochen werden. Pacitti hat sogar das von Luther komponierte Lied „ein feste Burg ist unser Gott“ in sein Werk integriert.

Mit knapp vier Stunden kamen Zuhörer und Interpreten an ihre Grenzen. Sogar die Solisten ließen zum Ende Ermüdungserscheinungen erkennen. Dass der aktuelle Papst aus Argentinien kommt, verursacht hier ein Augenzwinkern!

Daniel Pacitti wurde in Argentinien geboren wo er auch Klarinette und Klavier studierte. Nachdem er den ersten Preis des Wettbewerbes Mozarteum Solistas gewann ging er zu einem Klarinettenstudium nach Mailand und später nach Paris. Dort studierte er Dirigieren für Chor und Orchester.  In den 1990er Jahren ging er nach Italien zurück und leitete in Triest das Theater Giuseppe Verdi. In der Folge arbeitete er mit unterschiedlichen Orchestern weltweit.

Christa Blenk

 

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Schätze der Hispanic Society of America im Madrider Prado

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Tesoros de la Hispanic Society of América

Zum ersten Mal werden im Madrider Prado Schätze aus der Hispanic Society Museum & Library (New York) gezeigt. Diese Gesellschaft verfügt – außerhalb Spaniens – über die bedeutendste Sammlung spanischer und lateinamerikanischer Kunst. Gegründet 1908 durch den Sammler und Kunstliebhaber Archer Milton Huntington (1870-1955). In knapp 50 Jahren hat er eine unglaubliche und komplette  Sammlung spanischer Kultur und Kunst aus fast 1000 Jahren zusammen getragen.

In der Ausstellung sind ca 220 Exponate zu sehen, darunter Gemälde, Skulpturen, Bücher, Keramik, Möbel, Textilien, Schmuck und kunsthandwerkliche Gegenstände sowie Zeichnungen. Ergänzt wird die Ausstellung durch Navigations- und Landkarten aus dem 15. Jahrhundert, die die „Neue Welt“ zeigen, wie man sie im 15. und 16. Jahrhundert gesehen hat

Allein schon um die Gemälde von Goya, Velazquez oder Zurbarán bis hin zu umwerfenden Werken von Sorolla oder Nonell zu sehen, lohnt sich ein Besucher dieser Ausstellung.

In der Schau läuft auch ein Film über die Entstehungsgeschichte dieser großartigen Sammlung, die noch bis zum 10. September 2017 zu sehen ist.

 

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Christa Blenk

 

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