Der fliegende Holländer

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Der fliegende Holländer, Premiere am 7. Mai 2017 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Jauk

 

Herr Schnabelewopski geht ins Theater und trifft eine Holländerin!

Ein Studienfreund von Richard Wagner wies den Maestro schon 1831 auf die Schriften des jungen, aber schon recht bekannten Heinrich Heine hin. 1835 erschien Heines Erzählung „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“. Im 7. Kapitel dieser Geschichte geht Letzterer in Amsterdam ins Theater und sieht sich den Fliegenden Holländer an. Auf der Bühne streben die Schauspieler der ewigen Treue entgegen aber Herr von Schnabelewopski fängt einen Flirt mit einer schönen Holländerin, einer Wirklichen, an, verlässt vorzeitig das Theater und kommt erst zur Schlußszene wieder zurück.

Als Wagner nach Paris kam, suchte er Heine sofort auf. Er vertonte dann auch bald das Heine-Gedicht „Die Granadiere“ und schrieb selber das Libretto zum Holländer, oft wortgetreu nach Heines Erzählung. Er verkaufte sein Projekt an den Direktor der Pariser Oper, Leon Pillet, für 500 Franc; einen Kompositionsauftrag bekam er aber deshalb trotzdem nicht. Der französische Komponist Pierre-Louis Dietsch hingegen brachte die Oper „Le vaisseau fantôme, ou Le maudit des mers“ 1842 in Paris zur Uraufführung, woraufhin Heine eine anonyme Kritik für eine deutsche Zeitung verfasste und den Text eines bekannten deutschen Schriftstellers als verhunzt bezeichnete.

Am 2. Januar 1843 wurde Wagners Holländer an der Semperoper Dresden uraufgeführt.

Der Regisseur Christian Spuck macht bei der neuen Produktion des Deutschen Oper des Fliegenden Holländers (die Premiere war am 7. Mai) gleich anfangs klar: das hier wird nicht gut ausgehen. Von der ersten Minute herrscht depressive Stimmung und die Bühne ist ein einziger Trauerflor. Emma Ryott hat alle Beteiligten schwarz gekleidet;  finster und bedrohlich das Bühnenbild.

Dem Vater stets bewahr’ sie ihre Liebe! / ihm treu, wird sie auch treu dem Gatten sein.

Rechts ein schwarz geschnürtes Schiffs-Paket, welches im zweiten Akt spielerisch mit ein paar Handgriffen zum Haus wird und eine Nähstube freigibt. Ein sehr gelungener Effekt. Im Hintergrund plätschert Wasser und ab und zu kann man das Meer dahinter erahnen. Naturalistisch-romantische Nebelschwaden und manieristische Lichter von Taschenlampen ziehen vorüber und die Holländer-Fraktion tritt in schwarzem Ölzeug auf. Der gierige Daland lässt sich von den wertvollen Schätzen auf dem Schiff des Holländers blenden und bietet ihm die schöne und treue Senta, seine Tochter, zur Frau an. Die hat aber schon Eric und vor allem hat sie das Bild vom blassen Mann, das sie nicht mehr aus der Hand legt und verliebt und vergeistigt anhimmelt, was der Kinderfrau Mary Sorgen bereitet. Das „Summ’ und brumm’, du gutes Rädchen“-Lied und die  Ballade von Senta im zweiten Akt, in der sie das traurige Leben ihres Angebeteten beschreibt, gehört mit seiner unglaublich gelungenen Choreografie und einer Glanzleistung es Chores zu den Highlights der Aufführung.

Vor Anker alle sieben Jahr’, / ein Weib zu frei’n, geht er ans Land: / er freite alle sieben Jahr’,noch nie ein treues Weib er fand.

Der Holländer und Senta sind eigentlich zwei nach Erlösung suchende Egoisten; sie monologisieren genial neben einander.  Spuck hat das Grundmotiv der Handlung, nämlich das nicht-Happy-End, von Anfang an in den Vordergrund gestellt. Die ewige Segelstrafe des gefallenen Holländers aufgrund seiner Verfehlungen ist nicht zu umgehen, geschweige denn rückgängig zu machen. Traurig geht er wieder auf sein Schiff, bevor Senta in Erics Arme und damit in das Messer fällt. Senta ist also eine erfolglose Erlöserfrau.

Senta! Willst du mich verderben?

Daland (Tobias Kehrer) ist sehr überzeugend – auch als Schauspieler, Matthew Newlin ist ein blendend- perfekter Steuermann und Ronnita Miller eine bodenständige, weiche und doch autoritäre Mary. Senta (Ingela Brimberg) ist wunderbar dramatisch-wahnsinnig; sie hat die Senta auch schon in Madrid gesungen und konzertant unter Marc Minkowksi. Vielleicht kommt sie stimmlich manchmal an ihre Grenzen, vor allem aber ist dies der Fall bei Samuel Youn (Der Holländer). Ihm fehlt es auch dann und wann an Textverständlichkeit. Regisseur Christian Spuck hat Eric (Thomas Blondelle) als eine Art stummen Erzähler in den Mittelpunkt gestellt. Dieser sitzt meistens diskret am Bühnenrand und sieht traurig auf seine Senta-Puppe, einmal hat er, der Jäger, ein Modellschiff an die Wand geschmettert und ab und zu läuft er – den passierenden Wahnsinn hilflos verfolgend – verzweifelt von einer Ecke in die andere.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter Leitung Raymond Hughes ist perfekt, präzise, perfekt getaktet und großartig choreografiert.

Donald Runnicles vor einem Orchester in Hochform hat sich in dieser schwarzen pessimistischen Inszenierung wohl gefühlt und die wogenden und stürmenden Naturgeschehnisse zum Sprechen gebracht.

Ungerechte Buhrufe und viel Applaus bei der dritten Vorstellung !

Christa Blenk

 

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Lowis Corinth und der Akt um 1900

 

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Ausstellungsplakat

 

Nackt und bloß ist der Titel einer Ausstellung im Landesmuseum Hannover, die Lovis Corinth und dem Akt um 1900 gewidmet ist, einer Epoche zwischen Prüderie und Moderne. Es ist die erste Ausstellung die sich mit Corinths Akten beschäftigt und einige noch nie gezeigte Arbeiten sind zu sehen. Provozierend, expressionistisch, robust, krude und aggressiv sind die Bilder, die sich viel mit der Antike beschäftigen, aber weit davon entfernt sind, idealisierend zu sein. Der Akt war zentrales Motiv von Corinths Arbeiten. Manchmal blickt uns die Abgebildete direkt an, wie in dem lebensnahen Gemälde Die Nacktheit. Eine ruhende, müde Venus mit Amorknaben.

In Hannover werden seine Bilder welchen von  Degas, Renoir, Slevogt oder Modersohn-Becker gegenüber gestellt. Die meisten Arbeiten stammen aus den Beständen des Museums und werden durch Leihgaben ergänzt. Insgesamt sind 11 Gemälde, 55 Grafiken, 3 Skulpturen zu sehen.

Das Ausstellungsplakat ist ein Stehender Akt. Man bekommt den Eindruck, dass die Sitzung wohl beendet ist. Das Modell hat ihre Pose aufgegeben, nur noch ein Arm bleibt in der Höhe. Will sie sich den Schweiß nach stundenlangem Sitzen von der Stirn wischen oder denkt sie „endlich vorbei“? Sie steht auf einem Teppich und ist noch oder schon halb in einen schützenden Mantel gehüllt. Die Kunstgeschichte sagt dazu, dass vorbereitende Bilder zu diesem Akt beweisen, dass Corinth die Szene gestellt hat.

Lovis Corinth (1858-1925) gehört zu den bedeutendsten deutschen Malern – mit Max Slevogt und Max Liebermann – der Transition zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Seine Werke sind  Übergang vom späten Impressionismus zum Expressionismus. 1880 besuchte er die Kunstakademie München; München war damals neben Paris ein wichtigstes Zentrum für Kunst und Maler. Schon damals interessierte er sich sehr für die Aktmalerei. Wie alle Maler vor und nach ihm, ging auch er nach Italien, nach Paris und nach Flandern und holte sich Inspiration, später arbeitete Corinth in Berlin. Er wurde beim Pariser Salon ausgezeichnet, ließ sich aber schließlich in München Schwabing nieder und malte im Freien bis er mit den Schlachthausszenen wieder in die Münchner Kunstszene aufgenommen wurde. 1895 verkaufte er sein erstes Bild – eine Kreuzabnahme, aber seine Salome, in der er so große Hoffnung gesetzt hatte, wurde 1900 von der Münchner Sezession abgelehnt und schaffte es erst in der Berliner Sezession zum Erfolg. Später, immer noch in Berlin, arbeitete er mit Max Reinhardt zusammen und schuf das Bühnenbild für eine Salome Inszenierung von Oscar Wilde und für   Pellésas et Mélisande con Maeterlinck. Ab 1910 gehörte er zusammen mit Liebermann und Slevogt zu dem beliebtesten Maler in Berlin und hatte durchaus Verkaufswert. Schon 1913 erschien seine erste Monographie. Nach dem Krieg und aus Anlass seines 60. Geburtstages veranstaltet die Berliner Secession eine Ausstellung mit 140 Werken von ihm. Und zu seinem 65. eine weitere in der Nationalgalerie mit 170 Arbeiten. Die Nazis lehnten seine Arbeiten ab und im Zuge der Reinigung wurden 296 Bilder beschlagnahmt bzw. in der Münchner Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. Ein Großteil seiner Gemälde ging anschließend in die Schweiz oder ins andere Ausland. 1925 wurde er zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Künste ernannt. Kurz vor seinem Tod machte er noch eine Reise nach Amsterdam, um die Bilder von Frans Hals und Rembrandt zu studieren, während dieser Reise erkrankte Corinth und starb an einer Lungenentzündung.  Er wurde allerdings überführt und  in Berlin auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf beigesetzt.

Christa Blenk

Max Liebermann

 

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Don Giovanni in der Komischen Oper

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das war wohl der einzige Moment wo sie alle still standen – nach der Aufführung

 

Gruselkabinett, Sevillanas, Toreros und die Commedia dell’Arte

Mozart selber hat seinen Don Giovanni ein dramma giocoso genannt, also etwas Leichtes, Spielerisches, Lustiges mit ernstem Hintergrund. Das hat sich der Regisseur Herbert Fritsch fast ein wenig zu sehr zu Herzen genommen – das mit dem leicht-lustigen!. Grell geschminkt, überaktiv, total unpsychologisch und schnodderig ist er dieser Don Giovanni – aber bei all dem Blödsinn dann doch wieder unterhaltsam und kurzweilig.

Don Giovanni spielt in Sevilla und dementsprechend ist der Chor sevillanisch. Die Mantilla, das ist ein spanisches Schleiertuch in edler schwarzer Spitze, das die noble Spanierin schon seit dem Mittelalter  auf einer Art Gerüst auf dem ádeligen Kopf trägt, um keusch die Haare zu verstecken und ihre noble Abkommenschaft zu manifestieren, ist auch die einzige Requisite auf der Bühne. Sie schmückt hier nicht nur Donna Anna sondern hängt großflächig in verschiedenen Varianten, Mustern und Schichten  wie große Vorhänge herab -  eine Art Raumteiler, eine fliegende spanische (Spitzen)Wand sozusagen. Sonstige bewegliche oder unbewegliche Gegenstände auf der Bühne braucht es auch gar nicht. Hier liegt der Schwerpunkt auf den reißerischen Darstellern. Die Kostüme nehmen uns schon den Grad an Aufmerksamkeit, den wir sonst dem Bühnenbild widmen würden. Fritsch hat wohl seine Sänger nach tänzerischem oder schauspielerischem Talent ausgesucht, denn sie mussten  akrobatisch veranlagt und sehr beweglich sein und jeden Schmarrn mitmachen.

Jetzt ist natürlich Don Giovanni eine der am häufigsten aufgeführten Opern, unzählige Mal auf der Bühne und allen bekannt, weshalb es sehr schwer, etwas Neues oder Originelles zu erfinden. So hat jede Epoche einen Don Giovanni stilisiert, einmal als romantische Dämonisierung oder als grausames Spiel der Männer, immer mit Regelbrüchen verbunden, auch wenn diese  noch so lächerlich dargestellt werden. Dieser hier pendelt zwischen einer Hommage an die Commedia dell’Arte aber auch an die skurrile Rocky Horror Picture Show hin und her. Sogar das düster-dramatisch Ende bringt uns bei Fritsch noch zum Lachen, wenn der in der Hölle versunkene Bösewicht zum Schluss mit der toten Hand der Marmor Statue winkt: dann erst fällt der Vorhang.

Glänzend der Joker-Don Giovanni (Günter Papendell). Er ist der verschlagene und skrupellose, schlaue Brighella,  tanzt, hüpft und rennt in seinem eng anliegenden rosa-lila Stierkämpfer-Kostüm  mit roten Lippen und Strümpfen  und singt – so scheint es jedenfalls – dabei mühelos! Er scheint sich prächtig zu amüsieren. Hämisch grinsend und allgegenwärtig, lugt er immer irgendwo hervor. Allein schon für diese Glanzleistung muss Papendell gelobt werden.

Donna Anna (Brigitte Christensen) ist eine ewig Beleidigte in Flieder mit roten Haaren, die immer aus ihren schwarz ummalten Augen herausschmollt, während Donna Elvira (Nina Bernsteiner) die Sevillana-tanzende, aggressive, gelbe Schöne, die auch schon mal selbst den Degen in den Hand nimmt, ständig störende und sich  dafür entschuldigende Betrogene, ist. Don Octavio (Adrian Strooper) ist ein orange-bunter Rocker-Weichling der schwächlich und schamlos Donna Anna anmacht.

Leporello (Philipp Meierhöfer) ist der Arlecchino, der mit seiner naiven Fröhlichkeit, seiner Verfressenheit, seiner Unlust, seiner ironischen Volksnahheit ebenfalls über die Bühne hüpft und stolpert. Ihn scheint diese Anstrengung aber stottern zu lassen. Die Katalogarie ging irgendwie unter Zappeln unter. Aber die Musik – es war natürlich in deutscher Sprache gesungen – stand hier sowieso nicht im Vordergrund und hat kräftig Schrammen bekommen. Beeindruckend der Komtur (Bogdan Talos) mit seiner grandiosen Stimme. Die Zanni der Commedia dell’Arte wären dann wohl die Hochzeitsgesellschaft um die weiße Zerlina/Columbina und Masetto ist wie immer ein Trottel. Aber vielleicht ist es auch ganz anders, die Figuren hatten alle etwas von Allen.

Es gibt allerdings  auch ganz grandiose Stellen in dem Stück. Köstlich Don Giovannis Luftgitarren-Rock-Solo inklusiv zerschmetterter Rock—Star-Allüren-Gitarre. Grandios gelöst die Verkleidungsszene im zweiten Akt, wenn die Mäntel tauschenden Herr und Diener kurz zu Toreros werden und exzellent die Abschlusszene. Ansonsten zerschmettertes Geschirr, schwache Blasen, grelles Geschrei, Herum-Gerenne, Schüsse und Degen, die ständig klemmen oder dem blinden  Komtur einen Stromschlag versetzen, so dass der sich wohl selber den Degen gibt. Aber manchmal sind die Scherze nicht mehr lustig und verbrauchen sich im Verlauf des Stückes.

Schön sind sie also nicht anzusehen, aber das war ja bei der Rocky Horror Picture Show auch nicht so und trotzdem ist diese zum Kultmusical geworden. Vielleicht wird das hier auch noch so.  Bestimmt 10% der Besucher kamen gestern – drei Jahre nach der Premiere – nach der Pause nicht mehr zurück!

Jordan de Souza hat ganz schön ankämpfen müssen, um die Musik immer wieder in die erste Reihe zu bringen. Auf jeden Fall müssten die Beteiligten einen ersten Schauspielpreis bekommen, auch wenn das Psychologische oder Metaphysische von Mozart einfach in den Farbtopf geworfen wurde.

Christa Blenk

 

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LOT – Oper Hannover

 

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                                                                                                                                                                                                                                             auch auf KULTURA EXTRA

God said, Let there be storms – Storms to bring life in all of its forms – Forms such as herds and gaggles and swarms – Swarms that have names and numbers and norms
And it was good, sister … (Leonard Bernstein/Stephen Schwartz  - « Mass » )

Gott ist ein Kind, kommt aus Afrika und trägt ein Baströckchen. Er steht vorne in einem Meer von Abbildungen, Fotografien, Gemälden und kleinen Lehmfiguren, die ihm wohl als Anregung für sein Projekt einer unfehlbaren Welt dienen sollen. Die Erschaffung der Menschheit ist so gesehen noch ein „work in progress“. Er ist allerdings nicht zufrieden mit seinem Produkt, denn die Welt ist schlecht und weit davon entfernt, eine perfekte zu sein. Es will nicht so recht werden, wütend knallt er den Lehmklumpen auf den Boden und wirft die Vorlagen in den göttlichen Mülleimer.

Abraham ist 100 Jahre alt (Franz Mazura ist 94 und hat somit fast das biblische Alter von Abraham) und Sara (Renate Behle) kommen langsam auf ihn zu. Er prophezeit ihnen Nachwuchs. Sara, die auch schon 90 Jahre alt ist, lacht ihn respektlos aus. Gott ist schlecht gelaunt und unzufrieden und erwähnt, dass er die lasterhafte Stadt Sodom vernichten wird. Dort wohnt aber Abrahams Neffe Lot (Brian Davis) mit seiner Familie und Lot ist ein guter und gläubiger Mensch. Gott willigt – nach längeren Verhandlungen – ein, Lot und seine Familie zu verschonen und schickt ihm  zwei Engel (Sung-Keun Park und Amar Muchhala). Sie sind Ausländer und bekommen den Fremdenhass zu spüren. Der göttlich verordnete Untergang soll noch vor dem Morgengrauen geschehen.

Es funkelt und glänzt. Die Stadt Sodom ist reich und ihre verdorbenen, frivolen Bewohner tragen Luxusgewänder. Die Engel kommen als schäbig verkleidete Fremde in die Stadt, werden aber von einem in Gold gekleideten Zöllner (Michael Dries) abgewiesen weil sie den Zoll nicht bezahlen können. Geht doch zurück, wo ihr zu Haus seid ! schreit er. Der wohlhabende Lot, der als einziger in einen schlichten grauen Mantel gekleidet ist, tritt auf und will für sie den Zoll bezahlen, ist er doch vor 20 Jahren auch als Fremder (aber mit viel Geld) in die Stadt gekommen. Er bringt die beiden Männer bei sich zuhause in Sicherheit. Töchter (Dorothea Maria Marx und Stella Motina) und Frau (Khatuna Mikaberidze) bewirten die Drei, fühlen sich aber nicht wohl in dieser Gesellschaft. Dann geht das Geschrei vor dem Haus los, die rasende Meute will die beiden Fremden ausgeliefert haben.

Die strenge deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und der italienische Komponist Giorgio Battistelli haben hier viel Wert darauf gelegt, eine wahnsinnig aggressive Stimmung zu erzeugen und es ist ihnen gelungen. Das Gejohle und die lästerhaften Beschimpfungen machen einer rasenden Kriegsbereitschaft Platz. Alle Tabus, sollte es in Sodom noch welche gegeben haben, sind nun gebrochen. Die Musik jagt zu einem Horrorfilm wenn der Mob sich in Gewaltphantasien steigert und die beiden Fremden fordert. Lot will und darf die Gastfreundschaft nicht verletzten und bietet zuerst seine Töchter und dann sich selbst zum Vergnügen der Meute an. Aber die Engel greifen gerade noch bevor Lot abgeschlachtet wird ein und lassen das goldene, unmoralische Pack erblinden, womit sie zu Fremden in ihrer Heimat werden. Diese Rettungsaktion macht aber ihrerseits Lot und seine Familie zu Vertriebenen, denn sie müssen noch vor Sonnenaufgang aufbrechen und dürfen nur soviel mitnehmen, wie sie selber leicht tragen können. Die Frauen wollen nicht weg, vor allem die älteste Tochter will bleiben, sie will heiraten. Aber die Tatsache, dass keiner der Männer ihnen beigestanden hat, als die Meute fordernd vor dem Haus randalierte, gibt zu denken und produziert den ersten Vertrauensverlust. Bei der ältesten Tochter fängt der Verrohungsprozess an, als sie der Katze den Hals umdreht. Die Engel schließlich werfen Lot und die drei Frauen aus dem Paradies ihres schönen Hauses hinaus in die raue Welt, verfolgt von Feuer und Hitze des brennenden Sodom. Umdrehen dürfen sie sich nicht und merken deshalb auch nicht, dass die Mutter zurückgeht in das Höllenfeuer. Erschöpft kommen sie irgendwann irgendwo an. Dort gibt es nichts, nicht mal eine Ratte, die die Reserven auffressen könnte.

Ein großer Müllschlucker über der Bühne lässt Tonnen von Papierfetzen auf den Boden fallen und schafft eine post-nuclear–war-no -future-Stimmung, die sogar abgebrühten Tages-Nachrichtenschauern unter die Haut geht.

Dann sind die Töchter mit dem Vater allein und was jetzt passiert, hat uns außer der Bibel, die mit dieser großen Sünde sehr wertefrei umgeht, auch die Malerei in der Renaissance und im Barock immer wieder gezeigt. Aber bei Jenny Erpenbeck ist der Schluss anders. Die große Tochter – immer noch wütend auf den Vater, weil er sie so einfach dem Gesindel in Sodom ausliefern wollte, um zwei Fremde zu schützen – will ihn testen, will sehen, ob seine Moralvorstellungen auch hier in der Wüste, allein und von Gott verlassen, noch zählen. Sie gibt ihm Wein zu trinken und will ihn verführen. Es braucht nicht lange, bis er mit ihr hinter dem Felsen verschwindet und aus Inzucht Vergewaltigung wird. Blutverschmiert und gebrochen kommt sie zurück und versteht, dass die Bestie in ihm erwacht ist. Er nimmt nun auch gleich noch die kleine vom Wein benebelte Schwester und verschwindet mit ihr. Nichts gelte mehr, was je gegolten hat! Soll ich schon ein Tier sein dann wenigstens ein echtes Schwein!  Das Schlußlied der Tochter „Jetzt hab ich recht gehabt“ ist erschütternd. Lot ist abtrünnig geworden und vom Glauben definitiv abgefallen. Wo keine Kontrolle ist, braucht man auch die Pflichten nicht zu erfüllen. So ähnlich wie im absoluten Parkverbot parken, wenn kein Polizist vorbeikommt, der einen Strafzettel verteilen könnte.

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat LOT 2016 als Auftragswerk der Oper Hannover komponiert. Strenge Klangstrukturen gibt es nicht in Battistellis Werk. Der Bogen leitet vom impressionistischen Prolog in eine strenge und kontrastreiche Musikcollage im ersten Akt über. Die Flucht ist theatralisch mit viel Aktion und Donner, dialogisierend hetzend, Gesang und Orchester trennen sich. Der extrem farben- und kontrastreiche, surreal-ätherische dritte Akt steigert sich in eine ungeduldige und kribbelige Unordnung und endet mit einem Adagio im letzten Gesang der ersten Tochter. Battistelli hat für den Beginn und das Ende die gleiche Musik vorgesehen, die Welterschaffungsmusik.

Apokalypse oder Neustart: Der Epilog lässt alles offen, auf der einen Seite laufen die vielen Kinderlein von Lot und den Töchtern bunt gekleidet, lustig, sauber und sorgenlos mit Schafen über die Bühne während Abraham und Sara mit dem 8-jährigen Isaak in schwarz gekleidet diese überqueren. Isaak versucht ein wenig in dem großen Schrotthaufen der kaputten Welt noch etwas zu entdecken was man vielleicht gebrauchen könnte, steht aber dann nur da und wartet, seine Aufgabe zu erfüllen. Die beiden Familien treffen sich nicht und  tauschen sich auch nicht aus.

Das Thema ist von gegenwärtiger Aktualität über Maßhalten, Vertrauensverlust und Vertriebenheit und über den Verfall von Kultur, Toleranz und Sitte im Gegensatz zu göttlicher Allmacht, blindem Gottvertrauen und dem Verlust dieses. Battistelli wollte eine fröhliche Schlussszene, wer weiß, vielleicht wird eine Welt, in der die Kinder alle verblödet sind, ja besser oder perfekter! Es bleibt nur die Frage offen, ab wann politische Korrektheit zum ad absurdum führt.

Der Regisseur Frank Hilbrich hat hier die bunte und lautmalerische, großartige Musik von Battistelli fantastisch umgesetzt. Sehr realistisch und nachvollziehbar muss man nicht viel rätseln. Die Bilder verschmelzen mit den Tönen und verbleiben im Kopf.

Tadellos Mark Rohde mit dem Niedersächsischen Staatsorchester Hannover am Pult. Wunderbar der Chor der Staatsoper Hannover unter Leitung von Dan Ratiu. Umwerfende Leistungen der Sänger, vor allem des 93-jährigen Franz Mazura oder Brian Davis und Dorothea Maria Marx. Khatuna Mikaberidze sang ihren Part als Lots Frau trotz großer Migräne (sonst hätte die Vorstellung ausfallen müssen). Die Rolle von Gott spielte das Kind Nathan Ngamen.

Beide, Battistelli und Erpenbeck befassen sich permanent mit dem Thema der Veränderung durch Weggang, Flucht oder Zeit. Erpenbeck mit ihren Büchern und Battistelli mit seinen vielen Opern. 1981 hat er mit seinem außergewöhnlichen Werk experimentum mundi zum ersten Mal von sich hören gemacht. Wandel und Verlust waren auch das Thema bei seiner letzten Scala Uraufführung CO2 . Hier war der Klimawandel der Hauptprotagonist. Er hat als künstlerischer Leiter die Oper Rom positiv verändert und das zeitgenössische Fast Forward Festival gegründet.

Die Uraufführung hat am 1. April 2017 stattgefunden. Weitere Aufführungen am 2.5.; 10.5., 14.5. und 28.5.2017

Jetzt müsste man es eigentlich nochmals ansehen, um sich um die Feinheiten zu kümmern!

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mehr  ueber Battistelli und die Oper Rom

Christa Blenk

 

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Matthias Eisenberg an der Parabrahm-Orgel in Eichwalde

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Prof. Matthias Eisenberg an der Parabrahm-Orgel

 

Es ist Sonntagnachmittag, ein blauer, klarer ja fast warmer Frühlingstag, wie es sie in den letzten Wochen nicht viele gegeben hat. In Eichwalde, einem kleinen, gepflegten Ort am östlichen Stadtrand von Berlin, füllt sich langsam die Kirche, eine ganz besondere Vorfreude breitet sich aus. Die andächtige Ruhe in der Kirche breite sich aus, lange bevor der Organist Matthias Eisenberg sich an die Parabrahm-Orgel setzt.

Hier in Eichwalde treffen zwei Phänomene aufeinander, einmal das Spiel dieses  unglaublichen Ausnahmemusikers, der einer der bedeutendsten Organisten in Deutschland überhaupt ist und  der außerhalb jeglicher Standards spielt und lebt und dann diese besondere Orgel. Eichwalde besitzt die einzige Parabrahm-Orgel in Deutschland. Hierbei handelt es sich um einen Orgeltypus der Spätromantik. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und bedeutet so etwas wie „höchste künstlerische und geistige Vollendung“. 1908 baute die Orgelbaufirma Weigle in Echterdingen drei Stück davon für Deutschland, aber nur noch die in Eichwalde ist erhalten.  Sie ist Unikat oder Unikum gleichermaßen. Diese Orgel besitzt zwar nur neun Register und 458 Pfeifen aber ansonsten viele Besonderheiten wie die patentierten Hochdruckpfeifen ( Seraphon-Register), die Basstuba, das Harmonium als drittes Manual anstelle des Orgelwerks, die schwellbaren Manuale, die sich stufenlos in ihrer Lautstärke verändern lassen oder den pneumatischen Registerschweller, der es dem Spieler ermöglicht, auf neun feste Register schnell zugreifen zu können.  Ich verstehe das nicht alles, aber der eine oder andere Orgelliebhaber wird seine Freude daran haben.

Auf dem Programm stehen Werke des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit der Sonata B-Dur op 65 Nr. 4 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) fängt Eisenberg  an. Er spielt sie lyrisch, mit totaler Hingabe und Dedikation. Ein neues Orgelgefühl für diejenigen, die ihn noch nie gehört haben und zu denen wir auch gehören.

Ergreifend und imposant die Sonata III G-Dur, op 88 von Josef Gabriel Rheinberger (1835-1901). Weiterhin standen ein paar Werke von Max Reger auf dem Programm, darunter die Toccata d-Moll und Fuge D-dur, op. 59 Nr. 5 und 6.

Dann war der Zeitpunkt für die Eisenberg-Improvisationen gekommen. Der  Maestro steht auf und fragt von der Empore herab die Zuhörerschaft worüber er denn improvisieren solle.  Es kommt der Wunsch nach einer Bach-Kantate und – weil ja morgen der 1. Mai ist – wird auch das Kunst-Volkslied „Komm lieber Mai und mache“ gewünscht und spätestens jetzt versteht man, warum an diesem Bilderbuch-Sonntag die Kirche brechend voll ist:

 

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die Parabrahm-Orgel von Eichwalde

 

Ein ganzes Universum scheint in diesem kleinen Mozart- Lied zu stecken; Eisenberg holt aus seinem nicht leer werdenden Improvisations-Fundus die Musik vom Frühbarock bis zum Jazz und der neuen Musik heraus.  Er kriecht förmlich in das Instrument hinein und ringt ihm alles ab was es hergeben kann. Wirbelwindmäßig rast er über die Tastatur, Hände und Füße sind permanent mit vielen Handgriffen und Tritten gleichzeitig im Einsatz. Beeindruckend ist er, dieser geniale Musiker für den man eigentlich gar keine Worte mehr findet. Eisenberg vermittelt den Eindruck, dass er mit seiner Musik die Welt retten muss. Er wird immer schneller, auch lauter und zieht das Publikum in seinen Bann,  bringt sich und uns  an die Grenzen in dem er immer wieder andere, neue Töne produziert. Man spürt, wie er sich selber amüsiert, die Funken sprühen von der Empore bis nach unten. Es funkelt und blitzt und donnert!

Das Orgelspiel begann Eisenberg schon mit 9 Jahren  - und damit drei Jahre früher als Mendelssohn-Bartholdy oder Max Reger.  In seiner Heimatstadt Dresden trat er auf und später in den umliegenden Kirchengemeinden. Eisenberg war fünf Jahre Mitglied des Dresdner Kreuzchores. 1980 holte ihn Kurt Masur als Organist und Cembalist nach Leipzig. 1986 ging er nach Frankfurt/Main und Hannover und als er im Jahre 2001, nach 15 Jahren Abwesenheit,  ins Gewandthaus zurückkam, waren alle Karten schon lange im Voraus ausverkauft und das Publikum konnte ihm eine Stunde Zugaben abringen. Seit 2012 lebt er im Spreewald, ist aber permanent unterwegs, um die Welt mit seinem Orgelspiel zu beglücken. Prof Matthias Eisenberg hat viele Rundfunk- und CD-Produktionen gemacht und mehrere internationale Wettbewerbe gewonnen. Er kennt das Orgelleben in- und auswendig und wird oft bei Orgelneubauten als Ratgeber hinzugezogen.

 

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Kirche von Eichwalde

 

Dank an Angelika, die uns auf dieses Konzert hingewiesen hat und die ihn schon seit vielen Jahren persönlich kennt!

Ein weiteres besonderes Orgelerlebnis hier

Christa Blenk

 

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Unerhörte Musik – e-werk

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Foto:  Alexandra Hannemann ©  e-werk

 

Vier Gitarristen auf der Suche nach einer Note

e – w e r k: electric attack #2 | stars ‘n bells

Was man alles aus einer Gitarre herausholen kann und wie viele Un-Gitarrenklänge es gibt, haben wir gestern Abend im BKA bei der immer wieder stimulierenden dienstäglichen „Unerhörten Musik“-Reihe erfahren. Unerhört ist diese Musik allerdings nicht – höchstens unerhört!

Das Quartett e – werk  (Jörgen Brilling, Frédéric l’Epée, Erich Schachtner und Andreas Willers) ist am letzten Dienstag dort aufgetreten; es war das zweite von vier vorgesehenen Konzerten. Mit Eigen-Kompositionen von Andreas Willers und Frédéric L’Epee sowie Werken von Eve Beglarian, Elliott Sharp, Sidney Corbett,  Jacob ter Veldhuis, Christoph Funabashi und Victor Coltea führten uns die vier verkabelten Ausnahme-Musiker durch die Unendlichkeit und die Möglichkeiten des elektronischen Klangwaldes und präsentieren neue und fremde Klänge, konfrontierten aber auch mit  bekannten und lautmalerischen Geräuschen wie z.B. bei dem heftigen Streit von  L’Epees Komposition Crimes. Er hat es 2001 komponiert. Rasender Streit, blitzartige Meinungsverschiedenheiten und hysterisches Gekreische enden ganz klar tödlich für einen oder vielleicht sogar für alle Beteiligten.

Eve Beglarians The Garden of Cyrus heisst ihr erstes wichtiges Werk. Es entstand in den Jahre 1984-86. Elliott Sharp hat uns mit Akheron  in die Unterwelt geschickt. Er hat diese Totenmusik 2014 komponiert; das Stück wurde in Deutschland gestern zum ersten Mal aufgeführt.  Im Vergleich zu Akheron war Malik von Sidney Corbett fast konventionell. Ruhig und bestimmt bewacht der Engel Malik das Höllenfeuer und lässt niemanden hinein. Ab und zu züngeln ein paar Flammen, aber er hat die Situation unter Kontrolle und wird seiner Aufgabe gerecht.

Bei der Komposition von Victor Coltea Sketches of an electric time travel (2012) ging es auch um einen Kampf, allerdings hier mit dem Instrument und zum Schluss bekam die Gitarre sogar einige Schläge ab.
Andreas Willers hat 2008 für E-Gitarre solo das Stück Drowning Migrant komponiert. Hier ist zum Schluß mindestens die Titanic unter gegangen. Ein Kampf mit dem Wind, dem Salzwasser, mit scheppernden Schiffsmotoren, Kälte und Hoffnungslosigkeit. Dieses Stück war erschütternd.  Willers selber beschreibt es mit den Worten „hochartifiziell, aber nicht-destrukitiv“, den er mit „extremen zeitverschiebenden Digitaleffektalgorithmen umzusetzen versuchte“.
Sehr spannend, interessant und musikstilübergreifend die Uraufführung von  Toccata (2015) von Christoph Funabashi  für E-Gitarrenquartett. Kammermusik und Rock haben sich hier einvernehmlich getroffen. Die Klänge wurden fast ausschließlich mit einer Stimmgabel auf den Gitarrensaiten erzeugt.

Jacob ter Veldhuis’ Postnuclear Winterscenario No 2 entstand 1991/93 für E-Gitarre solo. Es skizziert eine monotone, niederschmetternde, falsche und beunruhigende Harmonie, die mit Glockenschlägen in einen apathischen Gefrorenenzustand überleitet.  Ter Veldhuis hat hier seine Empfindungen nach dem Golf-Krieg Ausbruch verarbeitet.

Frédéric l’Epee beschreibt mit der Ètude Campanologique No 3 (2015) für E-Gitarrenquartett  ein vielseitiges Glockenspiel zwischen Himmel und Hölle. Dieses Werk und auch das Stück von Andreas Willers SternA (2019) wurden gestern uraufgeführt. Willers und die anderen haben sich hier sehr amüsiert, ausgetestet und konzentriert sich wieder gefunden. Unzählige Sirenen in einer großen Stadt setzen unterschiedlich ein und müssen sich bemühen, doch gleichzeitig am Einsatzort anzukommen.

Anstrengend spannender Konzertabend.

 

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Foto:  Alexandra Hannemann ©  e-werk
(Andreas Willers, Frédéric l’Epée, Jörgen Brilling, Erich Schachtner)

 

Christa Blenk

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WUT – am Deutschen Theater Berlin

WUT

 

„Singe den Zorn, oh Göttin“

Prometheus will Zeus überlisten. Er opfert ihm ein Tier, behält aber die besten Stück so dass für Zeus eigentlich nur Knochen und Fett zurückbleiben. Zur Strafe lässt ihn der Göttervater im Kaukasus in Ketten legen und schickt jeden Tag den Adler, der an seiner Leber knabbert, bis er endlich vom Titanen-Held Herakles von der Qual erlöst und frei wird.

Die Ilias, Europides, König David, Sigmund Freud und Martin Heidegger, Politik und Hilflosigkeit sind die Zutaten für WUT. Keine leichte Kost.

Wut ist Raserei, Leidenschaft, unbeherrschter, peitschender Wahnsinn den man pflegen muss, solange er warm ist. Denn abgekühlte Wut wird lauwarm, zahm.

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist eine harte, sarkastische sozial-politische Provokateurin. Nach dem Attentat auf die Charly Hebdo Redaktion und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 lässt sie ihren Zorn an Wörtern aus und schreibt WUT. Hierbei räumt sie gleich mit allen Religionen und Göttern auf und mit der ganzen Welt auf.

„Nehmen wir einfach mal Zeus. An ihn glaubt eh niemand mehr, da kann nichts passieren“

In Smoking und Abendgarderobe, small talkend und blasiert Champagner trinkend, der auch nur Wasser ist, wie sich später herausstellen sollte, stehen die Protagonisten Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider und Sabine Waibel fast gelangweilt auf der Bühne, sie bewegen sich unsicher. Keyboard Hintergrund-Aufzugsmusik und Soft Jazz begleiten dieses unbeteiligt wirkende Gehabe. Aber das war es natürlich nicht. Plötzlich bricht Aggression aus und die laue Musik wird ohrenbetäubend und überschreitet sicher die erlaubten Dezibel.  Ein „göttliches“ Fingerschnippen macht aus der gekonnten WUT-Lichtreklame ZORN. Mit jedem Bild änder sich dann diese Lichtinstallation  und wird zu KILL, LIVE, ASYL. Nach und nach kommen Religionsfanatiker aller Couleur an das Mikrophon, und versuchen ihr mörderisches Tun zu rechtfertigen. Döhler ist ein Wutbürger in einer Wut-Welt und tut dies mit sächsischem Akzent!

„Wenn alle tot sind ist alles gleich“

Wir kennen die Namen der Täter, aber kennt einer von Euch (ins Publikum) die Namen der Opfer? Weiß natürlich keiner, ist ja auch schon zwei Jahre her und Döhler googelt sie für uns.

Die rasende Wut wird auch textlich immer schneller und schwieriger.

„Wir sehen, wir sehen, ja, uns hat man jetzt die Augen geöffnet, jetzt, da es zu spät ist“                         

Die salonfähigen Nobelbürger haben sich daran gewöhnt, wie die täglichen  breaking news im Radio- und Fernsehen von anderen, frischeren breaking News oder Tragödien abgelöst werden und die gerade noch Aktuellen in die Vergessenskiste wandern. Ein zerbeultes Auto, das Columbo alle Ehre gemacht hätte, rollt mit einer jammernden Elfriede Jelinek (Sabine Waibel mit Perücke und Lippenstift im Elfriede-Look ) auf die Bühne. Allgemeiner Kostümwechsel, nun trägt man Götter- oder Terroristenlook. Später muss Sebastian Grünewald als nackter Jesus sein Kreuz tragen. Er legt es aufs Auto und sich selber dann darauf. Das Gockelkostüm, mit dem er zum Schluss überrascht, habe ich nicht verstanden. Und dann fliegt uns, dem Publikum, das Jelinek Stück in Form von losen Blättern um die Ohren

„In der Wut gibt es keine Zweifel“ – „I wish I understood“.

Jelinek überfordert zwar nicht die Schauspieler, die sind großartig, aber uns schon ein wenig. Man wird in diesen 150 Minuten komplett mit Worten, Thesen und Konzepten überhäuft, richtiggehend zugeschüttet und kann nicht immer direkt folgen. Manche Szenen dehnen sich aus und wollen einfach nicht enden. Man kann nicht mehr und das, obwohl Martin Laberenz aus den Münchner vier Stunden nur 150 Minuten gemacht hat – sehr intensive allerdings!

„Den Geist hat vielleicht Heidegger noch gebraucht, und er hat geglaubt, dass auch andere ihn brauchen, nun, ich brauche ihn nicht.“

Martin Laberenz hat aber immer wieder geschickte und überraschende Komik- Situationen eingefügt, und wir können trotz Maschinengewehr-Salven (mit auf das Publikum gerichteten Waffen) das Lachen nicht verhindern, wenn Döhler sich über die Plastiksektgläser beschwert und über den Inhalt, der nicht mal Apfelschorle ist oder wenn Grünewald en passant mitteilt, wie froh er darüber sei „nicht zum festen Ensemble“ de DT zugehören.

„Nicht weinen um die Toten! , ich glaube, die wollen das gar nicht, dass man um sie weint, es ist eine narzisstische Kränkung für sie, erst durch das Weinen ist ihr Tod beglaubigt und bestätigt“

Was bleibt ist letztendlich ausufernde Hilflosigkeit und ein Haufen Papiermüll auf der Bühne und im Theater. Aber beeindruckend war es!

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Blumen für die Opfer

 

Die Premiere in Berlin fand im März 2017 statt; ihn München schon ein Jahr vorher.

Christa Blenk

 

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Zwischen Ostsee und Achterwasser

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Blick vom Garten auf Leiter, Boot und Achterwasser

 

Nur knapp 300 Meter Land, ein wenig mehr als ein Steinwurf, liegen dort Ostsee und Achterwasser. Auf dieser engsten Stelle der Insel Usedom steht ein S-Bahn-Wagen. Der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) hat ihn im Jahre 1932 für 60,50 Mark in Berlin-Rummelsburg gekauft und ihn 1933 (ohne Räder, denn diese hat jemand anderes gekauft) unter großem finanziellen und technischen Aufwand und mit viel Phantasie an diesen sandigen Fleck gebracht. 1932 legt er dort – aus Berlin kommend – mit seinem Segelboot Lütter an. Außer einem großen Schuppen, einem holprigen Pflastersteineeg, ein wenig Ried und krumme Weiden gibt es sonst dort nichts. Genau was er sucht, nur ein paar Meter zum Strand. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, ruft er und geht an Land. Niemeyer hat sein Paradies, sein Refugium, das ihm für den Rest seines Lebens Geborgenheit, Schutz und Inspiration werden sollte, gefunden. Sein Segler „Lütter“ sollte auch dem Ort Lüttenort den Namen geben.

Der Maler Niemeyer, der eigentlich Gärtner werden wollte, hat im Laufe der Zeit einen Skulpturen-Zaubergarten um den Wagen herum angelegt, wie ihn Klingsor nicht schöner hätte erträumen können. Jahrelang waren er und seine Familie Selbstversorger. Im Obstgarten lehnt immer noch die lange Leiter am Baum und lädt zur Ernte ein. Weiter weg entdeckt man eine leicht überwucherte Getreidemühle und eine große Schiffsglocke. In einer anderen Ecke – im japanischen Garten – gibt es China-Wacholder und allerlei Sträucher und ein wenig weiter liegt der  Kastanienhof sowie ein Quittengarten  und von fast allen Plätzen aus kann man auf eine Lagune des Peenestromes, das Achterwasser, blicken. Dort liegt noch ein Boot und der Wind streift leise über die Schilfgräser, vertreibt die Wolken und lässt die Konturen überdurchschnittlich scharf hervortreten. Alles ist sehr gepflegt und doch ist hier die Natur kein bisschen beschnitten.

 

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« Paar » Wolf-Eike Kuntsche; Waldemar Grzimek « Torso »; Wieland förster « Große Stehende »

 

31 Skulpturen von Künstlerfreunden wie Waldemar Grzimek, Sabina Grzimek, Sabine Teubner, Wolf-Eike Kuntsche, Werner Stötzer und viele mehr beleben den Garten, verstecken sich und stehen miteinander im Dialog. Niemeyer hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie gegen seine Bilder eingetauscht. Auch die Kopie eines römischen Augustus‘ ist darunter. Zweige ringen sich um seinen Fuß, fast wie bei Berninis Daphne. Dieser Garten gehört sicher zu den schönsten Skulpturengärten, die ab den 1960er Jahren fast überall in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich denke da an das Kröller-Müller Museum/Otterlo, die Skulpturenmeile in Hannover oder die Museumsinsel Hombroich. Ein Tor aus alten Schiffsbalken führt auf der Rückseite zum Achterwasser. Eine Zeitlang ist auch allerlei Viehzeugs dort rumgelaufen, das dann später auf den Tisch kam. Die Not war oft groß, denn erst ab den 1960er Jahren hat Niemeyer-Holstein gut vom Verkauf seiner Bilder leben können. Unter der recht einfachen Einrichtung sticht das Kieler Zimmer besonders heraus. Niemeyer hat es aus seinem großbürgerlichen Elternhaus in Kiel auf die Insel transportieren lassen. Das einzige was ihm aus der Zeit geblieben ist.

 

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Griechische Skulptur mit Blick auf das Haus

 

Das was man heute dort sieht erinnert nur noch ganz entfernt an das unwirtliche, kleine Stück Moorland. Der Boden ist befestigt und der Garten gewachsen, wie dies auch die Bäume und Sträucher taten. Sogar der S-Bahn-Wagen bekommt nach und nach ein Obergeschoss mit Schlafräumen, die über eine ganz steile Hühnerleiter zu erreichen sind, und links und rechts gibt es jetzt kleine Anbauten. Von außen erkennt man den Wagen nur noch, wenn man weiß, dass er die Basis dieser originellen Behausung bildet. Tritt man aber ein, ist man überrascht, wie breit so ein öffentliches Transportmittel doch ist. Erst viele Jahre später kann Niemeyer sich ein gemütliches und sehr schönes Atelier in der Nähe des Wagen-Hauses errichten. Dorthin zieht er sich auch zurück, wenn ihm die Besucher einmal zu viel werden. Tabu steht an der Tür und daneben hat der ehemalige starke Raucher handschriftlich einen Hinweis auf das herrschende Rauchverbot angebracht.

 

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ONHs Weg zum Strand und Wellenbrecher

 

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es fehlt nur noch, dass plötzlich der Wasserkessel zu pfeifen anfängt und uns der Duft eines selbst gebackenen Marmorkuchens in die Nase steigt. Sogar der Fellmantel, den er immer trug, wenn er im Winter Bahn und Straße  überquerend zum Meer ging, hängt noch dort und macht ihn unsterblich.

1896 wird Niemeyer als Kind eines international bekannten und recht wohlhabenden Völkerrechtlers geboren. Schon mit knapp 10 Jahren schenken ihm seine Eltern das Segelboot Lütter, mit dem er 25 Jahre später Usedom erreichen sollte. 1914 meldet er sich freiwillig zu den Husaren und kehrt verletzt wieder nach Hause zurück. Um sich zu erholen, schicken ihn die Eltern in die Schweiz und dort fängt er an zu malen – aus Langeweile und als Autodidakt wie er selber sagte. Fundamental für seine Künstlerkarriere ist die Begegnung mit Alexej von Jawlensky und dessen Partnerin Marianne von Werefkin. Der Bohemien-Lebensstil der Beiden liegt ihm, dem gutbürgerlichen Kieler Kind zwar nicht, auch war ihm Jawlenskys schriller Expressionismus zu kompliziert und zu weit hergeholt aber Niemeyer lernt, wie wichtig es für einen Künstler ist, eine eigene Handschrift zu haben. Er weiß nun, was er will: nämlich malen, was sein Auge wahrnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Mit 24 heiratet er Hertha Langwara, eine sensible und weltfremde Sängerin. Die beiden bekommen einen Sohn. Herthas Bildnis entsteht 1920; es lässt den Einfluss von Jawlensky erkennen. Das Portrait hängt im Museum in Lüttenort und ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten.

 

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 Tor zum Achterwasser

Lyonel Feininger lernt er 1923 kennen und gründet mit anderen Malern kurz darauf die Künstlergruppe Der Große Bär in Ascona/Italien. Es gibt ein Bild von ihm in Anzug und Weste in den Schweizer Bergen wo er eher wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht und als Maler nicht zu identifizieren ist. Ein Jahr später lässt er sich von Hertha scheiden. Seine zweite Ehe mit der gebildeten Annelise Schmidt sollte sein Leben lang halten. Aber auch Begegnungen mit Otto Manigk oder Herbert Wegehaupt, der sich übrigens auch auf der Insel Usedom niederließ,  waren wichtige Ereignisse in seinem Leben.

« Der hat mir interessiert, aber ick hab’n noch ‘n kleen’ Stups jegebn. Aus dem wird wat, denn der klaut sich de Farben aus’m Meer » (der Berliner Maler Max Liebermann über Niemeyers Malversuche in den 1920er Jahren)

Hin und wieder macht Niemeyer einen Anlauf und schreibt sich in einer Kunstakademie als Student ein, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihn der dort gepredigte Akademismus nicht weiter bringen wird und bricht ab. Otto Niemeyer-Holstein, der seine Bilder mit ONH signierte, war und blieb ein Autodidakt, geprägt von Menzel und Morandi, den großen Franzosen des 19. Jahrhunderts wie Cezanne oder Gauguin, aber auch von den Malern der Brücke, von Heckel oder Otto Müller. Paula Modersohn-Beckers Farben tauchen immer wieder auf und einige seiner Akte erinnern an Picassos blaue und rosa Periode. Mit der Zeit wird aber die Ostsee sein Modell. Tagein, tagaus besucht er sie und malt die täglichen Stimmungen, die Wasserveränderungen, die Wellenbrecher, Eisberge am Strand oder den Weg dorthin. Die permanente Suche, die Ostsee zu verstehen, sie festzuhalten,  hat ihn zum Künstler gemacht. Bildnisse nennt er seine Portraits. Sie sind neben Landschafts- und Naturbildern der Hauptbestandteil seines künstlerischen Werkes.

Die Niemeyers leben zwar zurückgezogen, aber nicht isoliert. Dafür hatten sie viel zu viele sehr interessante Freunde auch aus der wilden Berliner Zeit in den 1920er Jahren. Man führt ein offenes Haus und ständig kommen Freunde oder andere Künstler zu Besuch, es herrscht reger künstlerischer Austausch. Seefahrer aus dem Ort bringen ihm afrikanische Masken und Skulpturen von ihren Reisen mit und bekommen Bilder dafür.

Das Werkeverzeichnis des Museums ist ein unglaublicher Spaziergang durch die Moderne. Angezogen vom Expressionismus und von der Neuen Sachlichkeit, kümmern ihn Tendenzen oder Moden trotzdem eher weniger.

Anfangs waren es nur ausgedehnte Sommer, die die Familie auf Usedom verbringt. Ab 1939 wird das Refugium zum permanenten Wohnsitz. Peenemünde ist nur knapp 30 km von Lüttenort entfernt und der Krieg bringt so einige kritische Momente. Ab 1940 versteckt er aber trotzdem seine jüdische Schwiegermutter dort. Hin und wieder fallen Bomben in die angrenzenden Wiesen und in den letzten Kriegsmonaten wurde das Land um ihn herum vermint, aber die geplante Sprengung 1945, die diese engste Stelle auf der Insel, wo sein Haus steht, fluten sollte, wird nur ganz knapp verhindert, weil sowjetische Truppen die Insel besetzen.

Vor dem Krieg waren seine Werke von den Nazis „nicht erwünscht“ (allerdings wird Niemeyer nur in wenig Museen vertreten und so konnte auch nur ganz wenig verschwinden) und nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gerät ONH in den Kunststreit der DDR. Eine Ausstellung in Dresden findet ohne seine Bilder statt. ONH malt Lenin-Ikonen  für öffentliche Gebäude. Er darf dann aber doch 1954 in Mannheim ausstellen. In den 1960er Jahren reist Neumeyer nach China, Taschkent, Samarkand und Buchara und wird 1963 Präsident der internationalen Ostsee-Biennale in Rostock. Erst ab den 1970er Jahren häufen sich seine Ausstellungen, auch in Italien und Norwegen. 1981 wird sein Gesamtkunstwerk in Rostock gezeigt und der Fernsehfilm „Und der Strand ist meine Geliebte“ gedreht. Ein einfühlsamer, langsamer Film mit vielen Sprechpausen. Er läuft im Museum und ist wirklich sehenswert. ONH sagt ganz wichtige Dinge so en passant, als ganz persönliche Reflexion. Er hätte kein Talent, er müsse sich alles erarbeiten. Aber das sei gut so. Künstler mit viel Talent sind mit 25 Jahren fertig.. 86jährig lernt er immer noch täglich etwas hinzu. 1984 stirbt Otto Neumeyer-Holstein und ein paar Monate später folgt ihm seine Frau Annelise.

 

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 Eingang zu seinem Atelier

 

Schon ein Jahr nach seinem Tod, also 1985, wird Lüttenort Museum und Ort der Begegnung -ganz nach seinem Wunsch. Dort finden jetzt regelmäßig Konferenzen und Konzerte statt und abwechselnd auch Ausstellungen mit Werken von seinen Malerfreunden. Das Museum wird 2001 nahe am Atelier errichtet. Ein kleines Paradies, bei dem die vielen Bäume den Lärm der Schnellstraße fast komplett auffangen.

Otto Neumeyer-Holstein hat an die 5000 Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde oder Radierungen) hinterlassen. Ein Großteil gehört dem Museum. Die Bilder hängen aber auch in  Museen in Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Ascona, Kiel, Oberhausen, Mannheim oder im Folkwang Essen zu sehen. An die 500 sind in Privatbesitz, die meisten dokumentiert und in einem sagenhaften Werkeverzeichnis aufgeführt.

Christa Blenk

Fotos Christa Blenk

 

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Je suis Jeanne d’Arc – Gorki Theater Studio

„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ (Schiller, Johanna von Orleans, 5. Akt)

 

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vor der Aufführung im Gorki Studio

 

Der französische Regisseur Mikaël Serre hat sich Schillers Tragödie Die Jungfrau von Orleans vorgenommen und es auf die jetzige Zeit und das aktuelle Aufkommen von Patriotismus und Nationalismus begleitet von Flüchtlingsdramen, Terroranschlägen und die allübergreifende Hilflosigkeit von Politik und Gesellschaft übertragen – sei es in Deutschland, in Frankreich oder der Welt.

Die züchtige und gläubige Schäferin Johanna, wird in der Zeit des 100-jährigen Krieges im 15. Jahrhundert als Jeanne d’Arc zur Retterin Frankreichs und zur Nationalheldin. Sie vertrieb die Fremden (Engländer) von französischem Boden, krönte Charles VII, wurde als Häretikerin verdammt und bei lebendigem Leib verbrannt. Daraus hat Schiller eine romantische Tragödie gemacht.

Die Bronzestatue der Heldin Johanna steht im ersten Arrondissement in Paris und ist zum Kultort des Front National geworden, wohin diese regelmäßig pilgern und durch die Presse breittreten lassen.

Mikaël Serre hat Schiller defragmentiert, eine Art Slapstick-Tragikomödie daraus gemacht, die die Zuschauer ständig zwischen Lachen und Weinen pendeln lässt. Es ist auch eine Abrechnung mit der französischen Geschichte und während unter dem dominierenden Kreuz in der Kirchenschiff-förmigen Bühne von Nina Wetzel über Trennung von Kirche und Staat gesprochen wird, werden Schillers noble Aufklärungswünsche über Menschlichkeit und Empathie von Hasstiraden der wütenden und verlassenen Pariser Vorortbewohner zertreten.

Bourgogne (Aleksandar Radenkovic) will Burgunder trinken, reißt sich die Kleider vom Leid und versucht mit großem körperlichen Einsatz auf einem Strohsack über das Meer zu schwimmen. Er kommt dabei ums Leben. Die Videoprojektionen von Sébastien Dupouey zeigen die Terroranschläge in Paris,  glückliche Strandbesucher, verklärte Engel aus der Stummfilmzeit, den Massenkonsum und religiöse Symbole. Anspielungen auf Charly (Hebdo oder Brown?) wechseln sich mit einem crossover-Musikarrangement von Nils Ostendorf ab. Die Schauspieler tragen zum Teil historische Kostüme, leicht verfremdet die dann später zweckentfremdet werden. So wird der Mantel des weinerlichen Weichei-Königs (Faliou Seck) zur Pferdedecke für Jeannes Gaul. Sie durchschaut aber den Betrug und ruft plötzlich „Du bist kein Pferd“ – alle lachen und das Nicht-Pferd wird abgemetzelt.

Um die abfallende Stimmung ein wenig aufzurichten, erzählt Jeanne in bewundernswertem Rattertempo einen Witz, der eigentlich keiner ist und nur ihr selber ein erzwungenes Lachen abringt. Man vergisst im Verlauf der ca. 80 Minuten, wer die Guten oder die Bösen sind, man vergisst auch worum es geht. Eigentlich dürfte man gar nicht Lachen, denn weder Stoff noch Geschichte geben Anlass zum Amüsement.

Es dauert lange bis Jeanne (Marina Frenk) schließlich aus ihrer Ecke ins Geschehen tritt. Die Jungfrau mit Kreuz und Fahne poltert ihren Text herunter, der von Schiller aber auch aus allen politischen Ecken kommen könnte und überzeugt schließlich König und Gefolge nach Bestehen des Jungfrauentestes, dass sie eine von  Gott Gesandte ist. Ähnlich einer Götzenbeschwörung sieht man Marine le Pen auf der Leinwand, die von einer Schweinemaske in Ektase betanzt wird. Schillers Text wird mit politischen und philosophischen Zitaten aus der französischen und Weltpolitik aufgemischt und es geht hin und her zwischen rechts und links und ganz rechts und man singt „Avancer, avancer“. Beide, Bâtard Dunois (Mehmet Yilmaz für den ausgefallenen Till Wonka) und La Hire (Aram Tafreshian) wollen Johanna zur Frau damit sie endlich des Weibes Pflicht erfüllen kann und feilschen um ihre Gunst. Sie lehnt ab, stapft energisch von der Bühne und aus dem Delacroix- Männergruppenbild mit Fahne, um sich den kurdischen Frauen anschließen.

Aber diese Aneinanderreihung von Gemeinplätzen wäre auch ohne Schiller möglich gewesen,  Geschadet hat es allerdings auch nicht.

Die Premiere fand im Dezember 2015 statt – vier Wochen nach dem Pariser Bataclan Attentat und ein knappes Jahr nach Charly Hebdo!

Für Serre ist es nicht das erste Mal, dass er am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet. « Deutschland ist der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann » – sagte er vor ein paar Jahren als er im Jahre 2009 Camus’ Fremden und ein Jahr vor  Schillers Johanna von Orleans   die Pädagogische App Performance The Rise of Glory dort inszenierte.

Christa Blenk

 

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Stabat Mater von Pergolesi

 

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vor und nach dem Konzert am 15. April in der Ahlbecker Kirche

 

Stabat Mater ist das Meisterwerk des italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736). Die betrübte, verlassene Mutter Maria liegt in tiefer Trauer zu Füßen des Gekreuzigten und teilt der Welt offen, trostlos, emotional und  leiderfüllt ihren Schmerz mit. Sie ist eine Gottesmutter wie Caravaggio sie gemalt hätte, menschlich, anfassbar; keine unantastbare und entfernte Raffael-Madonna.

Man geht davon aus, dass der Text aus dem 13. Jahrhundert von einem Franziskanermönch stammt. Schon ab dem 14. Jahrhundert wurde das Leiden der Gottesmutter um ihren Sohn von umherziehenden Flagellanten verbreitet. Die erste Vertonung entstand bereits um 1500. Regelmäßig bis ins 21. Jahrhundert befassten sich Komponisten mit diesem Text und Thema.

Die berühmteste und auch bezauberndste Vertonung jedoch hat der 26 jährige Giovanni Battista Pergolesi sozusagen auf dem Todesbett mit nur 25 Jahren als Auftragswerk der adeligen Bruderschaft von den Sieben Schmerzen Mariens aus Neapel komponiert. Die Bruderschaft wollte etwas Anderes, Moderneres, Neues für den Freitag vor dem Palmsonntag, es sollte das bis dahin gesungene Stabat Mater von Alessandro Scarlatti ablösen, sich aber trotzdem an die herrschenden Vorgaben halten und beschränkt auf eine Sopranstimme, eine Altstimme und Streicher sein.

Was Pergolesi in Pozzuoli (in der Nähe von Neapel) – dorthin hat ihn ein Franziskanermönch eingeladen in der Hoffnung, die gute Luft würde seiner fortgeschrittenen Tuberkulose gut tun – geschaffen hat, hat ihn direkt in die erste Liga der zukünftigen Kirchenmusiker katapultiert. Mit einer Folge von Duetten und Arien, geprägt von aktuellen italienischen kirchlichen Ausdrucksmitteln, lombardischen Rhythmen, melodischen, fast tanzbaren, Passagen, dynamischen Kontrasten und verzierten Echo-Effekten und Halbschlusskadenzen, gepaart mit mutigen, einfallsreichen und melodiösen Farbkontrasten und originellen Tempiwechsel ist ihm mit diesem Stabat Mater ein absolutes Meisterwerk gelungen, das ihn in seiner berauschenden Einfachheit über sich selbst hinauswachsen hat lassen. Dieser geschmeidige Zauber passiert immer einen Meter über der Erde.

Das ist kein Requiem für ein Totenbett, diese Musik war eine Revolution und so ist sie natürlich nicht bei Allen auf Zustimmung und Akzeptanz gestoßen.  Den strengen Kirchenvätern war sie zu unkirchlich, zu frivol opernhaft, zu wenig leidend und zu melodiös. Für Pater Martini hat Pergolesi sich zu sehr an seinem anderen Meisterwerk, an das zwei Jahre früher entstandene La Serva Padrona, orientiert. Er wollte über diese ausbalancierte Hängebrücke zwischen Oper und Gottesfürchtigkeit nicht gehen. Hinzu kam, dass im Heiligen Jahr Papst Clemens IX der römischen Gesellschaft eine musikalische Abstinenz in Form eines totales Opernverbotes dekretierte, das sich in den folgenden Jahren aus politischen Gründen und aufgrund eines Erdbebens halten würde. Aus einer Konsequenz daraus entstanden kurzerhand opernhafte, an Kirchenmusik erinnernde Oratorien. Händels schönste Arbeiten sind um 1708/09 in Rom entstanden, einiges davon verkleidet als Oratorium oder Kirchenkantate.

Aber der Siegeszug war natürlich nicht aufzuhalten und während man das Werk im 19. Jahrhundert gerne mit großem Orchester und Chor aufführte, kommt man heutzutage wieder auf die ursprünglich kleine Besetzung zurück.

Alle großen Sängerinnen oder Barockensembles haben Pergolesis Stabat Mater in ihrem Repertoire und deshalb hängt hier die Latte sehr hoch.

Die Aufführung am Karsamstag Nachmittag in der kleinen Kirche von Ahlbeck (Usedom) ohne internationale Stars hat aber diese Latte mühelos erreicht und die Zuhörerschaft auf diesen Meter über der Erde mitgenommen.

Der Chorleiter Clemens Kolkwitz hat mit den Mitgliedern des Usedomer Kantatenchores und dem  opus5 Barockorchester natürlich nicht die großen Stimmen der Weltbühnen, aber sie haben das wettgemacht mit einfühlsamer Präzision, rauschender Begeisterung und makelloser Interpretation. Man hat fast nicht gewagt zu applaudieren, um die Magie nicht zu unterbrechen. Clemens Kolkwitz hat auf viel Gleichberechtigung geachtet und die Solistinnen (Sopran: Sylvia Schulz, Vanessa Wiese, Sandra Grüning, Beate Kempf-Beyrich; Alt: Colette Kaliebe, Katharina Dulke, Elisabeth Walter) abwechselnd Soloparts singen lassen. Besonders beeindruckend, eine Altistin, die mit ihrer warmen, satten und klaren Stimme das Publikum voll in ihren Bann gezogen hat. Immer herrschte Ausgewogenheit zwischen Instrument und Stimme. Großartige Leistung und viel Arbeit! Abgerundet durch die ausgezeichnete Begleitung des opus5 Barockorchesters (Andreas Pfaff, Susanne Walter, Chang-Yun Yoo, Christian Raudszus, Robert Grahl, Sebastian Glöckner an der Orgel und großartig Tabea Höfer (erste Geige). Sie hat auch vor ein paar Jahren das opus5 Barockorchester gegründet.

Ausgedehnt auf siebzig Minuten wurde das Programm mit der Bachkantate Christ lag in Todesbanden. Johann Sebastian Bach hat diese frühe Kantate – wohl für seine Bewerbung als Organist in Mühlhausen – um 1710 für den Ostersonntag geschrieben zu einem Text von Martin Luther. Der Chor wurde hier ergänzt durch die Tenöre Matthias Helterhoff und Tobias Liesong und durch den Bass, Paul Wiese. Das opus5 Barockensemble kommt aus Berlin/Uckermark und hat auch die Sonate f-moll für Streicher und Continuo von Georg Philipp Telemann gespielt. Mitglieder des Usedomer Kantatenchores haben das Konzert mit einem anonymen a cappella Lied aus dem 17. Jahrhundert O Traurigkeit, o Herzeleid eingeleitet.

Fabelhaftes Karsamstagskonzert!

Christa Blenk

 

 

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Rudolf Belling – Skulpturen und Architekturen

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 Styropor Modell der Reifenwerbung von AVUS

 

Kino, Autoreifen, Boxer und entartete Kunst

Berührungsängste kannte Rudolf Belling (1886-1972) nicht und trotzdem kennen wir ihn vor allem als Bildhauer. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt nun ein komplettes Repertoire und das geht vom Kinoausstatter über Reifenwerbung bis zum Hofbildhauer in der Türkei.

Schon 1924 hatte die Berliner Nationalgalerie Rudolf Belling eine erste Ausstellung gewidmet. Belling galt damals als Pionier der abstrakten Plastik und als mutiger und unabhängiger Tausendsassa.

Die erste umfangreiche Retrospektive stellt die Bedeutung Bellings für die Avantgarde in den Mittelpunkt. 11 Schlüsselwerke der 80 Exponate aus der Sammlung der Nationalgalerie bilden die Grundlage der Ausstellung, die Bellings Wirken zwischen den Jahren 1910 und 1972 dokumentiert. Er selber hat sich gerne als Handwerker bezeichnet. Neben Projektmodellen, architektonischen Ideen und Filmausschnitten gibt es Zeichnungen, Fotos und viele Skulpturen zu sehen. Die ausgestellten Arbeiten beleuchten das breitgefächerte und grenzüberschreitende Schaffen von Rudolf Belling.

Richtig zuzuordnen ist er eigentlich keinem Stil, aber das traf in den 1920er Jahren – wo sich die europäischen Kunsttendenzen hin und her kreuzten – auf viele Künstler zu.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung macht Belling eine Lehre in einer kunstgewerblichen Werkstatt in Berlin. Er belegt Abendkurse im Zeichnen und Modellieren und eröffnet schon 1908 mit einem anderen Künstler ein Atelier für Dekoration und Kunstgewerbe. Bald schon spezialisiert sich das kleine Geschäft auf Theaterausstattungen vor allem für Max Reinhardt. Seine Arbeit als Bühnenausstatter bringt ihm den Expressionismus und den Ausdruckstanz nahe. Er selber war ein leidenschaftlicher Tänzer und wird in den 1920 Jahren die Tänzerin Freeden heiraten.

1914 entwirft er Kostüm und Maske der Golem Figur für drei Filme, die Paul Wegener über diesen Mythos dreht. Die Versionen der Golem-Filme von 1914 und 1917 sind leider verschollen, aber vom dritten Film „Der Golem, wie er in die Welt kam“, der 1920 entstand, werden in der Ausstellung Fragmente gezeigt. Seine androiden und zukunftsweisenden Roboter-Ideen finden sich im Golem-Kopf aber auch in Portraits wie Kopf in Messing (1925) oder Skulptur (1923) wieder, die direkt aus Star Wars zu kommen scheinen.

In seiner kubistisch-expressiven Phase, beeinflusst von den futuristischen Ideen der Italiener wie Boccioni oder Marinetti oder von seinem Künstlerfreund Alexander Archipenko entstehen viele Skulpturen wie 1919 die Rundplastik Dreiklang. Sie ist aus Birkenholz und Mahagoni und gehört der Nationalgalerie. Diese Skulptur zählt zu seinen wichtigsten Arbeiten. Im Gründungsjahr des Bauhauses liegt er mit diesem Formenverständnis von Raum und Plastik genau richtig Hier treffen Malerei, Bildhauerei, Musik und Architektur aufeinander. Eine Hauptansicht gibt es bei Dreiklang  nicht. Man kann um sie herumgehen und ist versucht, den besten Blickpunkt zu finden, die Entscheidung fällt schwer.

 

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Umberto Boccioni (links) rechts Dreiklang von Rudolf Belling

 

„Wenn ich eine Skulptur mache, so organisiere ich die Formen und lasse sie wachsen wie einen Baum oder Menschen.“

Dreiklang zeigt die gleiche Dynamik und Energie wie Umberto Boccionis bekannte Plastik Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum (1913). Die italienische Futurismus-Ikone passt genau in Bellings Konzept dieser Epoche. Hier war er hin- und hergerissen zwischen dem Bergarbeiter, der an den sozialistischen Realismus denken lässt und dem Schrei der Auflehnung des futuristische Manifestes von Marinetti, der mit der alten (italienischen) und ranzigen Vergangenheit nun endlich abschließen wollte und den Mut zur Verrücktheit, zur Raserei, zu Schnelligkeit pries und verherrlichte. Belling hat sicher die futuristische Wanderausstellung gesehen, die mit großem Erfolg 1911 in Mailand gezeigt wurde und anschließend u.a. nach Paris, London, Wien, Brüssel, München und natürlich nach Berlin kam. Die Wirkung auf die lokale Kunstszene war enorm und die Besucher bekamen gar nicht genug von der Vielfältigkeit und dem Rausch des Neuen.

13 Futuristen kamen übrigens in dem Krieg – den sie so verherrlichten – um!

Nach dem ersten Weltkrieg, den Belling als Soldat erlebt, wird die Künstlervereinigung Novembergruppe gegründet, bei der Belling bis 1932 im Vorstand ist. Der Zulauf ist enorm und schon in den ersten Monaten zählt die Gruppe 170 Mitglieder, viele aus dem Umfang von Erwarth Walden, aber auch italienische Futuristen, DADA-Vertreter und Mitglieder des Bauhauses sind darunter. 1933 wird die Gruppe aufgelöst und aus dem Vereinsregister gestrichen. 

 

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Josef von Sternberg und Der Boxer

 

In der surrealen Neuen Sachlichkeit und beeinflusst vom futuristischen Manifest befasst er sich  in den 1920 Jahren auch mit dem Thema „Mensch-Technik-Maschine“ und experimentiert mit neuen Materialien. In dieser Zeit portraitiert er die Sozialdemokraten und entwirft 1926 die Kühlerfigur Horchtier für eine Autofirma. Das Konzept eines Gesamtkunstwerkes, der Leerraum als Gestaltungselement beschäftigt ihn und Belling entwirft zusammen mit anderen Architekten  visionäre Projekte für Innenräume, utopische Bauten oder Brunnen und erfindet die moderne Schaufensterpuppe.

Aus dieser  Zeit stammt auch die Werbung für den Reifenhersteller Pneumatik Harburg-Wien an der AVUS-Rennbahn. Das Original war ca. 7 Meter hoch. Ein Styropor Modell steht am Eingang.

Das  wandgroße Foto des « Futuristischen Carneval » von 1921 hängt im ersten Saal; Belling hat hier für eine  Eisrevue im Admiralspalast  jede Schlittschuh-Figur in einer anderen Stilrichtung gekleidet. Es erinnert an Oskar Schlemmers Triadisches Ballet.

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Futuristischer Carneval (1922)

1927 wird Max Schmeling Europameister im Halbschwergewicht. Zwei Jahre später hält der sportbegeisterte Belling Schmeling in Bronze fest. 1930 entsteht das Portrait von Joseph von Sternberg, der 1929 aus den USA nach Deutschland kommt, um mit Marlene Dietrich den „Blauen Engel„ zu drehen. Diese beiden so unterschiedlichen Bronzen sind ebenfalls zu sehen, sie gehören

1931 wird Belling noch zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt und nimmt mit der Plastik Der Boxer an den Kunstwettbewerben der Olympischen Sommerspiele in Los Angeles teil. Aber schon ein gutes Jahr später wird er zunehmend boykottiert und als entartet eingestuft. Er muss aus der Akademie austreten, geht 1935 nach New York und lässt sich scheiden. Ein Jahr später kommt er nach Deutschland zurück, um es kurz darauf erneut zu verlassen. Hans Poelzig verschafft ihm eine Anstellung in Istanbul am Hof von Ata Türk. Allerdings behindern die dort entstandenen, politischen Portraits von türkischen Generälen seine Karriere, als er 1966 nach Deutschland zurückkommt.

Als 1944 bei einem Bombenangriff sein Atelier in Berlin-Lichterfelde zerstört wird und viele Originalarbeiten und Pläne zerstört, ist er gar nicht in Deutschland.

 

schuttblume
Schuttblume (Belling)

 

Achtzigjährig und nimmermüde fängt er in den 1960er Jahren nochmals in München an, wo er sich vor allem der abstrakten Plastik widmet. Belling entwirft im Auftrag der Stadt München und des Deutschen Gewerkschaftsbundes für das Olympiagelände 1969 die 6 Meter hohe Skulptur Schuttblume als Friedenssymbol, die auf dem Gipfel eines Berges aus Kriegstrümmern errichtet werden sollte. Die Münchner Lokalpolitik verhindert dies allerdings und so wird die Blume wo anders aufgestellt; Belling erlebt dies allerdings nicht mehr! Er stirbt 1972.

Die Ausstellung in der sogenannten Außenstelle der Neuen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof wurde von Dieter Scholz und Christina Thomson kuratiert und wurde durch die Freunde der Nationalgalerie ermöglicht. Sie geht noch bis zum 17. September 2017   und ist auf jeden Fall sehenswert.

mehr zu dem Thema italienischer Futurismus

Christa Blenk

 

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Theater-Collage in der Schauspielschule

Auf dem Sofa

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Street Art San Lorenzo

 

Am 9. April fand das Frühlingsfest der Schüler Schauspieltraining-Berlin in deren Räumen in Charlottenburg statt.

Die Studenten aller Altersklassen spielten, tanzten und sangen und die Schülerinnen der orientalischen Tanzklassen präsentierten ihre Bauchtanzeinstudierungen. Die Leiterin Christine Kostropetsch stellte ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm zusammen, das Christian Miebach großartig musikalisch begleitete.

U.a. spielten die Studenten Ausschnitte aus bekannten Theaterstücken wie „Fräulein Julie“ von August Strindberg, « Das Kalkwerk » von Thomas Bernhard (sehr gut Paul, der später noch bei « Interview mit fiesen Männern  » von David Foster Wallace auffallen sollte) „Die Heirat“ von Gogol (großartig Wanda, die schon bei einem anderen Stück von Sathyan Ramesh auf sich aufmerksam machte) oder Sketsche von Loriot („Maskenbildner“ mit Colin, Christian und Kerstin war eines der highlights); Nina sang – ziemlich gut – „Roxanne“ von The Police. Am schwierigsten wohl ein kurzer Auszug aus „Herrinnen“ von Theresia Walser bei dem Carlotta, Kamilla, Mara, Sandy und Simone erfolgreich versuchten, den Spannungs-Pegel nicht absinken zu lassen.

Das Bühnenbild bestand aus einem Sofa – das vor allem beim Maskenbildner zum Einsatz kam und ansonsten die Wartezone war – sowie einer  Flasche Wein, ein paar verstellbaren Tischen und natürlich schrägen Kostümen!

Wir verlassen diese kurzweilige Veranstaltung mit einem Lächeln auf dem Gesicht! Was will man mehr?  Und wer weiß – vielleicht sehen wir die Eine oder den Anderen demnächst in einem großen Theater!

 

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Christa Blenk

 

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Josep Pons dirigiert Ravel – De Falla – Strawinsky

alhambra
Alhambra – Foto aus den 80er Jahren  ((c) cmb)

 

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte letzten Samstagabend in der Philharmonie Werke von Ravel, de Falla und Strawinsky.

Krankheitsbedingt konnte  François-Xavier Roth das Konzert nicht dirigieren und so übernahm der Spanier Josep Pons  kurzfristig  Leitung und  Programm. Er  tauschte lediglich  Ravels Rhapsodie espagnole mit dem Morgenlied des Narren aus. Mit La alborada del gracioso begann dann auch das Konzert. Ravel schrieb die Orchesterfassung für dieses kurze, aber intensive Stück 1919 (die Klavierfassung ist von 1905).  Pons ist einer der großen spanischen Dirigenten, fühlte sich erwartungsgemäß wie zu Hause mit diesem Werk und übertrug seine kenntnisreiche Begeisterung voll auf das Orchester.

Begleitet von klirrenden, frostigen und verwirrenden Pizzicati und Rhythmusänderungen, durchsetzt von spanischen Exkursen trällert der gracioso (der Hofnarr) auf seinem kurzen Spaziergang am Morgen sein Liedchen und versucht dreimal, ein schönes Fräulein anzusprechen. Dass sie ihm kein Gehör schenkt, scheint ihn nicht sonderlich zu stören oder zu grämen, denn er setzt seinen Morgengesang und Weg unweigerlich fort und dann ist das Stück auch schon vorbei. Leicht und aufregend hat Pons das Orchester durch dieses kleine witzig-aggressive Meisterwerk des undurchschaubaren französischen Spaniers (Ravel wurde im französischen Baskenland geboren hat sich aber sein Leben lang auf sehr romantische Weise  zur spanischen Kultur und Musik hingezogen gefühlt) gepeitscht. Aber der Hispanismus schlug große Bögen und war in Mode. Auch andere Franzosen, wie Bizet oder Lalo, befassten sich mit spanischen Themen und sogar in Deutschland bekamen Musikstücke spanische Namen und  Kastagnetten-Klänge.

Weiter ging es mit einem spanischen Komponisten, der vor allem die französische Musik, sprich Debussy verehrte: Manuel de Falla hat  Noches en los jardines de España 1909 komponiert, zu der Zeit lebte er in Paris und hatte schon die Bekanntschaft mit Debussy gemacht. Es handelt sich hier um eine Folge von sinfonischen Impressionen bei denen der Klavierpart eng mit dem Orchester verbunden ist. Der spanische Pianist Javier Perianes hat das ausgezeichnet interpretiert. Im dritten Satz wird die Alhambra verlassen und geht mit einer leidenschaftlichen Zigeuner-Samba in die Berge von Cordoba. Man muss die Augen schießen und sich Spaniens schönste Gärten – nämlich die Generalife in der Alhambra von Granada – vorstellen (ich habe sie noch zu einer Zeit gesehen, wo man ganz allein darin herumflanieren konnte). Es ist kurz vor Einbruch der Dunkelheit, das Plätschern der Brunnen klingt intensiver wenn sich bei Sonnenuntergang die Konturen verwischen und die hereinbrechende, beunruhigende Nacht, durchbrochen von Andalusien-Folklore und  unregelmäßigen  arabischen Ornamenten verschärft den Schritt.  Ein außergewöhnliches französisch-impressionistisch-andalusisches Werk und grandios interpretiert.

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Blick von der Alhambra in die Berge

Noch mal übertroffen hat sich Perianes bei der Zugabe: El Amor Brujo (von Manuel De Falla)

Nach der Pause setzte sich diese rauschende Begeisterung fort mit Igor Strawinskys Petruschka.  Pons dirigierte die Fassung von 1947. Die Musik zu Petruschka ist wie ein Gang über einen Jahrmarkt. Man schlendert an den verschiedenen Attraktionen und Buden bei wechselnden Geräuschpegeln, Musik, ausgelassen-fröhlichem Stimmengewirr vorbei. Hier wird ein tanzender Bär angepriesen, dort werden lautstark Köstlichkeiten feil geboten, von hinten erklingt die Karussell-Musik,  der starke August läßt seine Muskeln spielen, Männer „hauen“ den Lukas und gleich neben uns kündigt der Puppenmeister die nächste Aufführung an. Ein Ton überlagert den anderen, läuft ein wenig neben ihm her und überholt oder bleibt stehen bis sich alles  auflöst oder von neuen Stimmen, Verlockungen oder Tönen abgelöst wird.  Strawinsky hat das genial umgesetzt und manchmal verstehen sich die auf einander treffenden Klänge überhaupt nicht. Und dann Petruschkas Geist  und Ende.

Sehr schönes Konzert das mit viel Applaus belohnt wurde.

 

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nach dem Konzert (Fotos: (c) cmb)

 

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Christa Blenk

 

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Guillermo Lledó – Ausstellung

Materia de silencio

 

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Bis 25. Juni sind im Museo Salvador Victoria in Rubielos de Mora, Teruel, die Arbeiten aus Holz des spanischen Minimalisten Guillermo Lledó aus den Jahren 1982 bis 2017 zu sehen.

 

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Material di silencio nennt er seine Ausstellung: Stille und vornehme Reflexion findet man in Lledo’s exquisiten Arbeiten. Sie beruhigen und regen zum Nachdenken an – über das « weniger ist mehr » und über flache und noble Farbflächen, die den Raum dominieren, die nicht schwätzen und doch so viel zu erzählen haben.

Mehr über diesen großartigen Künstler hier: Portrait Guillermo Lledó

 

2017 glledo. EXPO Rubielos. IMGP9280

 

Fotos: (c) Guillermo Lledó

Christa Blenk

 

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Unerhörte Musik – Korpus

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Korpus (Ulrike Brand und Ingo Reulecke)

 

Unerhörte Musik – Korpus

Jeden Dienstag finden im BKA-Theatersaal Konzerte von Solisten und Ensembles statt, die zeitgenössische Musik des 21. und ausgehenden 20. Jahrhunderts spielen. Gestern Abend trafen dort die Violoncellistin und Performering Ulrike Brand und der Tänzer Ingo Reulecke mit Korpus aufeinander.

Kompositionen für Klang, Gesten und Bewegung im Raum.

Zwei Personen liegen auf dem Boden und schlafen. Sie sind durch ein Cello getrennt. Viele Minuten lang passiert nichts und man nimmt nur ein leises, stilles Atmen wahr. Das leichte Erwachen fängt in den Händen an. Beide tasten sich an das Instrument heran, nehmen von ihm Besitz. Der Bogen liegt noch auf der Seite der Frau. Mit den Händen wird das Instrument abgeklopft, manchmal stiehlt sich ein leiser Ton hervor, der aber gleich wieder Klopf- und Suchgeräuschen weichen muss. Die Inbesitznahme des Cellos wird aktiver und ein wenig aggressiver bis das Cell0 ein wenig später auf der Cellistin liegt. Der Mann beginnt nun seinen Tanz, d.h. er versucht sich irgendwie herauszuwinden oder will irgendwo hin, wo er keinen Zutritt bekommt. Er schlängelt sich über die Bühne bis hin zum Publikum und obwohl man nicht richtig sieht, dass er sich fortbewegt, kriecht er plötzlich am anderen Ende der Bühne oder dahinter. Er robbt und gleitet mit langen Armen und Beinen. Man denkt an Kafka und an die Anstrengungen von Gregor Samsa etwas anderes werden zu wollen oder zu müssen. Die Cellistin bringt sich peu à peu über eine kniende in eine stehende Position und fängt an, den Tänzer zu bedrängen oder ihn von der Bühne zu drängen oder umgekehrt. Der sanfte Kampf geht aber unentschieden aus, denn zum Schluss verlassen Beide das Paradies – oder werden sie von einer dritten Person vertrieben? Korpus entstand 2016.

Großartige Leistung auch von Ingo Reulecke (Tanz).

Bei Charlotte Seithers Werk Echoes of O’s (2005) passiert ganz wenig. Was hier geschieht, geschieht in absoluter Stille (was das Publikum auch verstanden hat). Seither stellt die Wahl der Interpretations-Mittel frei und Ulrike Brand hat stumme Gesten gewählt, die sie auf dem Stuhl sitzend vormacht.

Das nächste Stück haben die Komponisten Cheng-Wen Chen und Tobias Klich 2015 Ulrike Brand zum Geburtstag geschenkt; es basiert auf den Buchstaben ihres Namens. Dazu ist im Programm eine Kurzgeschichte „Laptop-Hund“ von Ulrike Brand zu lesen, bei der sie sich auf den Hund in Jean-Luc Godards Film „Adieu au langage“ bezieht. Die Geschichte hat nichts mit der Musik zu tun, lediglich sieht man auf der Leinwand hinter der Interpretin kurz mal einen Hund, der auf dem Kopf steht.

The map of tenderness (Wojtek Blechard, 2012) ist ein Cello-Geflüsterstück, bei dem sich die Cellistin mit dem Cello in einen körperlichen Dialog begibt.

Die in Berlin lebende russische Musikerin Alexandra Filonenko hat das Werk Obsession für Cello solo und Zuspiel 2015 komponiert. Hier wird die Stille des Abends total durchbrochen und temperamentvoller Körpereinsatz ist gefragt. Die Solistin ist hier auch die Rock-Interpretin, wozu sie extra Stiefel angezogen hat (bis dahin war sie barfuß).

Das letzte Stück an diesem Abend heißt hésiter. Ulrike Brand hat es 2016 für eine gehende Cellistin geschrieben. Nach vielen zögernden Vor- und Rückschritten steht am Ende der Satz „Et moi je n’existe pas“ und sie verlässt die Bühne. Sehr sensibel und beeindruckend, die Bewegungen und Schritte im Einklang mit den abgehackten Wörtern.

Spannender Unerhörter Musik-Abend im BKA.

mehr:

 unerhörte Musik

Christa Blenk

 

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Uli Richter

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Anlässlich seines 90. Geburtstag widmet das Berliner Kunstgewerbemuseum beim Berliner Modemacher und Lehrer Uli Richter eine Ausstellung in ihren Räumen.

40 Jahre lang hat Richter ab den 1950er Jahren die Mode in Berlin mit vorgegeben und geprägt. Von 1986 – 1994 hat er an der Berliner Hochschule für Künste viele zukünftige Modemacher inspiriert. In der Ausstellung sind Fotos, Zeichnungen und Kleider zu sehen, die in den letzten 70 Jahren entworfen und getragen worden sind und die dazu beigetragen haben, Berlin in den Kreis der internationalen Modemacher und Modezentren aufzunehmen.

 

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Im Kunst-Gewerbemuseum beim Kulturforum sind aber auch noch andere Kleider und Modelle zu sehen – die meisten aus dem 19. und 20. Jahrhudnert, die entschieden die Mode in den letzten 150 Jahren gemacht haben.

 

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cmb

 

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Faust – Frank Castorfs Abschiedsveranstaltung an der Volksbühne

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Eingang zur Hölle (eine Referenz an Fellinis 8 1/2?)

 

Unsortierter Puzzle-Zitatenberg aus der Faust-Bouillabaisse

« Irgendeinen Sinn muss das Ganze doch haben. Was bedeutet es? Und wenn es nichts bedeutet, warum dauert es dann so lang? »

Dieser Satz wurde im zweiten Akt zu einem der großen Lacher in diesem unabhängigen, berauschenden, unvergesslich-ausschweifenden, politisch-antikapitalistischen, witzig und sehr musikalischen, akrobatischen, überladen- ausuferenden und imponierend-strapaziösen Roadmovie Faust der mit der Büchse der Pandora unterwegs ist und in Paris spielt vor dem Hintergrund des Algerien-Unabhängigkeitskrieges. An- und Abfahrtsort ist die Metrostation „Stalingrad“.

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Immer dann, wenn man gerade dabei war zu vergessen, dass es um den Faust geht oder überhaupt vergessen hat worum es eigentlich geht, kommt wieder ein Goethe-Zitat daher gebrüllt und stellt unsere kleine Welt wieder gerade.

Jaques Brels „Ne me quittez pas“ singt – in deutscher Fassung – Gretchen/Helena (Valery Tscheplanowa) gleich zu Beginn  indem sie versucht ihre Hand aus dem Reagenzglas mit dem Embryo zu ziehen. Eine der Andeutungen auf den Abschied von Frank Castorf, der nach 25 Jahren die Volksbühne verlässt. Eine gloriose Abschiedsveranstaltung mit vielen bedeutenden Volksbühnen-Darsteller  wie  Martin Wuttke, Marc Hosemann, Valery Tscheplanowa, Sophie Rois oder Alexander Scheer. Sogar vor dem Theater findet eine Art Abschiedshappening statt und vor dem großen Rat – das übrigens auch weg soll – steht ein mit Blumen geschmückter Sarg auf dem Danke steht“.

Castorf bedient sich in diesem Faust-Pool wann immer es ihm gerade in den Sinn kommt – was nicht unbedingt immer Sinn machen muss oder dieser sich dem Publikum nicht immer erschließt. Er lässt uns aber trotzdem nicht los oder zur Ruhe kommen, obwohl durchaus ein gewisser Castorf-Sadismus dem Publikum viel abverlangt und man bei einigen gewollten Längen schon mal den Rücken spürt und sich das Ende herbei wünscht! (wie sagte Andy Warhol einmal von einem seiner Filme sprechend?: Wenn sie drei Stunden aushalten können – gib’ ihnen sieben!) Das dauert aber meistens nicht lang genug und dann kommt wieder ein origineller Peitschenschlag oder eine komische Einlage, ja, es gibt durchaus Lacher in diesem Faust und wäre das Stück hier vier Stunden kürzer, hätte es Unterhaltungstheater pur werden können. Aber diese Ambition kennt Castorf nicht! Er sagt ja selber, dass man mit dem Faust alles anstellen könne.

„Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!

Martin Wuttke ist noch viel mehr als großartig, vielleicht seine beste Rolle. Er ist einmal ein hässlicher Sabbergreis, ein ernst-trauriger Faust, ein ängstlich-unsicherer Pudelhalter, ein bombenlegender Partisan in der U-Bahn und ein schelmisch mit quietschendem Kinderdreirad und die algerische Flagge schwingend über die Bühne fahrend Trauriger – mit Zylinder, mit Greisenmaske, singend, tanzend oder mit Iggi Pop Langhaarperücke. Irgendwann zu Ende hat er auch plötzlich die Augen des Hölleneingangs! Immer gehen seine Monologe durch Mark und Bein und erschüttern, aber er bringt uns auch zum Lachen. Er ist der Mittelpunkt des Abends und immer wenn er auftaucht, wenn es noch glänzender.

Brillant das Ende des ersten Aktes wenn er mit der Hexe (Sophie Rois) zum Akkordeonspiel von Sir Henry einen Tanz hinlegt. Es gehört zu den Highlights des Abends. Rois beendet den ersten Akt mit dem   »Leiermann » aus Schuberts « Winterreise ». Von Bühnengeschichts-Höhenpunkten und von Schicksalsstunden wird hier gesprochen. Ein großartiges Gespann, die Beiden. Leider taucht Sophie Rois im zweiten Teil nicht mehr auf.

Marc Hosemann ist fantastisch in der akrobatischen Rolle des Mephistopheles und nimmermüde, wenn er sich wie ein  Tarzan durch die Pariser U-Bahn schwingt.

  »Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn. » Sagt Lord Byron (Alexander Scheer). Er imitiert gleich zu Anfang einen Stepptänzer-Theaterdirektor der sich mit flämischem Akzent über das provinzielle Programm auf deutschen Bühnen lustig macht, wofür er von Faust-Wuttke in Slapstick-Manier ein Glas Bier auf den Kopf gekippt bekommt. Eine Anspielung auf den ankommenden Direktor? Lord Byron muss dafür für den Rest des ersten Aktes mit einer nassen Jacke rumlaufen.

« Was willst du dich denn hier genieren? Musst du nicht längst kolonisieren“

Der Theaterdirektor ist Daniel Zillmann und er schikaniert seine Truppe nicht schlecht, brüllt sie an, droht mit Schließung und Schlägen – immer dem Herzinfarkt nahe!

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ –„Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“

Am  Ende von Faust II das heißt „Das Unbeschreibliche – Hier ist’s getan – Das Ewig-Weibliche – Zieht uns hinan“ ist praktisch die ganze Zeit in Form von vier Glitzerfrauen-Grazien (Lilith Stangenberg, Hanna Hilsdorf, Thelma Buabeng und Angela Guerreiro) präsent, die einen kurzen Exkurs in  Zolas Nana Kurtisanenmilieu machen und damit beschäftigt sind, sich von den Enttäuschungen und Verletzungen der Männer zu erholen und sich gegenseitig aufzubauen.  Ansonsten werden u.a. auch Shakespeare und Celan, Jaques Brel, Bob Dylan und immer wieder auch die Musik von Gounod und Wagner zitiert.

Auf die Frage „Wer hat denn noch die Wette gewonnen“? rattert Helena statistische Zahlen herunter und das Ende scheint noch doch noch nicht in Sicht zu sein. Es ist mittlerweile die siebste Stunde, ca. 0.30 Uhr und Wuttke spricht die Drohung „wir haben ja noch ein wenig Zeit“ aus. Dann ist plötzlich wieder viel Aktion auf der Bühne und wir sind froh über diese Androhung!

Alexander Denic hat eine Drehbühne aus post-war, no-future und Caspar Hauser Stall auf der Bühne verschachtelt (der ein wenig an eine Castorf Inszenierung der „Kameliendame“ im Pariser Odeon-Theater vor ein paar Jahren erinnert). Im Mittelpunkt einmal er Eingang zur Metro Stalingrad und natürlich in die rot leuchtende Spelunkenhölle. Der Zug hält nur, wenn man die Notbremse zieht, weil man aussteigen will oder eine Bombe noch schnell rauswerfen muss. Aber die Haupthandlung spielt sich eh auf dem großen Bildschirm ab, über den die Darsteller live gefilmt werden. Ansonsten wird eine Ausstellung über Kolonialismus in Marseille 1906 angekündigt und man sieht Kinoplakate für Horrorfilme.

 

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nach der Aufführung

 

Das Programm des Abends trägt den Titel „Wie man ein Arschloch wird“ und darin geht es um Kapitalismus und Kolonisierung. Castof selber lässt sich in einem längeren Text darüber aus, dass er gerne noch mit Bert Neumann etwas über Döblins Amazonas-Roman gemacht hätte. Einen großen Fluss durch das ganze Haus wollte er installieren, um sich über Ausbeutung durch die Spanier (Karl V) in Südamerika auszulassen. Das wäre sicher ein gewaltiges Oeuvre geworden und die Zuschauer hätten dann ihre Garderobe nicht abgegeben sondern wären mit einen Neopren-Anzug ausgestattet worden, um die sieben oder acht Stunden im kalten Wasser ohne Erkältung zu überstehen!

 

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Abschiedshappening vor der Volksbühne

 

Der Designer Rainer Haußmann, der das Räuberrad vor der Volksbühne 1994 aufstellte (und das zum Logo der Volksbühne geworden ist), will, dass es mit Castorfs Weggang ebenfalls verschwindet. Castorf und viele Mitarbeiter der Volksbühne sehen das genau so. Das  Rad würde für etwas stehen, was es nach Frank Castorfs Weggang nicht mehr geben wird! Ursprünglich war die Skulptur nur als temporäre Installation gedacht, dominiert und ziert aber den Platz nun schon seit 23 Jahren. Jetzt muss aber erst einmal geklärt werden, wem es eigentlich gehört und wo es hin soll! Der Abbau wird sicher ein weiteres Problem für den Castorf Nachfolger Christ Dercon werden, dessen Start – wie es scheint –  jetzt schon unter einem schlechten Stern steht.

Christa Blenk

 

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Combattimento x 2

combattimento Chiaroscuro Consort Ensemble
Chiaroscuro  Consort Ensemble

Zwischen Gebet und Tod oder: was hat eine Wrestler-Arena mit Monteverdi zu tun?

Nach dem ersten Regieprojekt von HfM Hanns Eisler Berlin und der Neuköllner Oper im Februar 2016, bei dem sich drei Regisseurinnen in je unterschiedlichen Produktionen mit der Zauberin Armida befasst hatten, fand an diesem Wochenende die zweite Nacht der Talente in der Neuköllner Oper statt. Auch dieses Jahr nach einem Epos von Torquato Tasso.

Combattimento x 2 ist das diesjährige Projekt von Tristan Braun (Trauma) und Marielle Sterra (Catch3000), beide aus dem Masterstudiengang Musiktheaterregie der HfM. Braun und Sterra setzen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Claudio Monteverdis dramatischen, achtenMadrigal nachTorquato Tassos Epos “das befreite Jerusalem“auseinander, das wiederum als Grundlage für Monteverdis bahnbrechendes und richtungsweisendes Kriegsdrama“Ilcombattimento di Tancredi e Clorinda“herhielt. Das Madrigal-Drama wurde im Jahre 1624 während des Karnevals im Palast von GirolamoMocenigo in Venedig uraufgeführt.

I: Trauma

Der traumatisierte, christliche Kreuzfahrer Tancredi (Georg Drake) wirft achtlos den leblosen Körper von Clorinda (Isabel Reinhard) auf die Bühne. Er kann es nicht glauben, dass er im Zweikampf seine als Krieger verkleidete Geliebte, die Sarazenin Clorinda, getötet hat. Er dreht, wendet und faltet sie zu Monteverdis schön-rasender Musik, er versucht sie wiederzubeleben, aber ohne Erfolg natürlich. Denn die Geschichte will ja, dass sie stirbt. Verzweifelt wickelt er sie in einen durchsichtigen Plastiksack, den schwarze Hände hinter den Vorhangziehen, dieser öffnet sich und ein minimales Feldlager kommt zum Vorschein.

Um sein Trauma zu verarbeiten, muss er in der Zeit zurückgehen und das Vorher und Nachher beleuchten. Clorinda steht nun einem Heer von wütenden Christen in Springerstiefeln, die ihr Christentum mit vor der Brust gekreuzten Hosenträgern zur Schau stellen, gegenüber, verliert den Kampf, will aber wenigstens das Paradies gewinnen und lässt sich – jedenfalls bei Tasso – kurz vor ihrem Tode noch schnell taufen.

Monteverdis Combattimentodauert nur knapp zwanzig sehr intensive Minuten. Braun hat deshalb weitere Monteverdi-Madrigale und eine Passacaille von Luigi Rossi eingebaut und verlegt die Geschichte kurzerhand ins Paradies, wo eine wütende Clorinda mindestens 1 kg Äpfel zum Tremolo und Pizzicato der MontevediMusik zerquetscht.

Musikalisch ausgezeichnet begleitet vom ChiaroscuroConsort Ensemble.

Trauma
Trauma

 

II: Catch3000

„Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie Shawn im Matsch zu ihm „I’msorry, I loveyou, sagte und ihn dann unter Tränen pinnte.“(Peter NastkeSpecial Guest)

Der Zeremonienmeister und Schiedsrichter verteilt beim Betretender Arena Namensschilder. Wir nehmen unseren Platz ein und sehen uns nun gegenüber auf der Leinwand sitzen und werden somit zu Zuschauern der Zuschauer.

Beim Wrestling geht es um Schmerz, um Niederlage, um Mut und um Gerechtigkeit, offenbart die Managerin von TancrediThe Tankvor dem entscheidenden Match an. Die Bühne ist nun eine Kampfarena, und dort spielt sich Marielle SterrasCombattimentoab. Hier geht es nicht nur um den Kampf zwischen Christen und Muslimen oder Griechen und Trojanern, hier geht es um den Kampf zwischen den Geschlechtern. Eine Kamera ist live dabei, begleitet Kämpfer und Aktion. Der Zeremonienmeister, Schiedsrichter und Erzähler Testo(Aciel Pol)brieft uns vor dem Gefecht und übt mit uns die Ahs, Ohs und Buhs! Unter christlicher Beweihräucherung und aufgestachelt von den Managern Schrappe (Dennis Depta) und Katchy(Kara Schröder) ziehen die Krieger Quicksilver (Eva Hüster) und The Tank (Felix Witzlau) mit furchterregenden Masken in die Manege und wir halten euphorisch und jubelnd unsere Anfeuerungsplakate hoch. Der Kampf beginnt. Als TancrediThe Tankallerdings feststellt, dass es sich bei seinem Gegenüber um Clorinda Quicksilverhandelt, gibt er auf und verlässt die Arena. Er will kein Trauma, wie wir es im ersten Teil erleben mussten.

Das darauf folgende Match wird von Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea ausgetragen und wird eher ein Verbales. Die Managerin tritt frustriert ab und der Schiedsrichter bedankt sich beim Publikum fürs Kommen. Hier wird es kein Blut mehr geben, aber dafür wohnen wir einem waschechtes Waterbording (stellvertretend für die Taufe) bei, aus dem schließlich Clorinda / Penthesilea als Siegerin hervortritt. Eine Glanzleistung von Felix Witzlau und Eva Hüster, die zwischen den kurzen Momenten wo sie den Kopf gerade nicht im Wasser haben aber den Kopf des Antagonisten dafür gerade reindrücken, immer noch schön singen oder rezitieren können.

Musikalisch begleitet durch La Flute (MarinelleDell’Eva) am Cembalo.

Catch3000 (1)
Catch3000

 

Brillante Ideen die großartig umgesetzt und interpretiert wurden. Beide Abende waren übrigens ausverkauft!

Die HfM Hanns Eisler Berlin gehört zu den bedeutendsten Musikhochschulen in Europa. Aus ihr kamen u.a. bekannte Absolventen wie Sol Gabetta, Isabelle Faust, Vladimir Jurowski oder Roman Trekel.

Christa Blenk

 

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Tod in Venedig

Venedig

Death in Venice ist Benjamin Brittens letzte Oper. Sie kam 1973 beim Aldeburgh Festival zur Uraufführung. Das Libretto hat Myfanwy Piper nach Thomas Manns Novelle Tod in Venedig geschrieben. Britten hat die Hauptrolle – wie oft – für seinen langjährigen Lebensgefährten, den britischen Tenor Peter Pears geschrieben. Die beiden lebten bis zu Brittens Tod 1976, über 37 Jahre in einer Partnerschaft, wobei Britten wohl die Beziehung ernster nahm als Pears. England tolerierte trotz viktorianischem Verbot der Homosexualität, das erst 1967 abgeschafft wurde, die Beziehung der Beiden. Wenn man sie auf einem Foto sieht, sehen sie fast aus wie zwei Brüder der britischen upper class.

Britten hat die Oper für kleines Orchester in 17 Szenen geschrieben: für zwei Hauptrollen (Tenor und Bariton). Unterschiedliche, dissonantes Fieber hervorrufende, archaische Perkussionsinstrumente (die an Curlew River erinnern) begleiten u.a. Tadzio, der nur eine stumme Tänzerrolle hat. Im Kontrast dazu minimale und reflektierende rezitativi des Hauptprotagonisten auf dem Klavier (das bei dieser Inszenierung auf der Bühne steht).

Die Begegnung mit einem südländisch aussehenden und geheimnisvollen Fremden auf dem Münchner Friedhof lässt den bekannten Dichter Gustav von Aschenbach (Paul Nilon) nicht in die übliche Sommerfrische in die Berge aufbrechen sondern lockt ihn nach Venedig und an den Styx-Kanal. Allein der Name Aschenbach weist schon auf Tod und Asche hin! Paul Nilon steht praktisch immer im Mittelpunkt der Handlung und ist ständig gefragt, er verwandelt sich im Verlauf dieser Reise von einem unscheinbaren, pflichtbewussten Mann mittleren Alters in einen unvernünftigen, vergnügungssüchtigen und hormongesteuerten Gecken, lässt sich die Haare färben, verachtet sich selbst ob seiner Schwäche und verfällt regelrecht dem Jungen Tadzio. Dabei macht er eigentlich nichts freiwillig. Er will weder mit dieser Gondel übergesetzt werden, noch will er sich die Haare färben lassen. Er wird genötigt oder überredet, angelogen und beschwichtigt und lässt das alles wissend zu. Er will abreisen, aber sein Gepäck geht verloren und er wird wieder aufgehalten. Ein unglücklicher Zufall mündet in den nächsten und er sieht nur – neben sich stehend – zu, bis er nicht mehr zurück kann. Aschenbach gleitet langsam vom rational-intellektuellem ab in die Tiefen der rauschenden dionysischen Begierde und in den Wunsch zu Sterben. So gesehen ist es ein griechisches Drama.

Der lyrische Tenor Paul Nilon hat anfangs ein wenig geschwächelt, ist aber im  zweiten Akt sehr gut geworden. Der übergroße Trauer-Bilderrahmen sowie der Totenkranz stehen immer auf der Bühne – als Mahnung „Mensch Du musst sterben“ und ab Beginn des zweiten Aktes zieht der faule Choleragestank und die sich ankündigende Tragödie über schwarz-lila Tulpen- oder Artischocken-Felsen, auf denen die Pasolini-Straßenkinder dem gerade angekommenen Aschenbach an seinem Hotelfenster – mit dem besten Blick auf den Kanal – wie ihm der schleimige Hotelmanager versichert, zuwinken. Den Schimmel auf den verfaulten, verhängnisvollen Erdbeeren können wir uns vorstellen. Ein Theaterscheinwerfer beleuchtet das Geschehen und signalisiert sengende Hitze im morosen Venedig, wo sich die Seuche langsam einschleicht und das die Touristen verlassen, wie Ratten das sinkende Schiff. Selbst die permanent links und rechts sich öffnenden Türen können keinen frischen Wind in das untergehende Venedig bringen.

Ansonsten besteht das Bühnenbild eigentlich nur aus Stühlen wie bei einer Wei-Wei-Installation. Diese werden unterschiedlich eingesetzt: Sie sind natürlich Stühle, sie sind Zug, sie sind Gondel, sie sind Versteck oder Hotelausstattung.

Der eigentliche Star des Abends aber ist  der amerikanische Bariton Seth Carico. Flott, unverschämt, einschmeichlerisch, überzeugend und sexy besticht er nicht nur stimmlich sondern auch schauspielerisch in sieben Rollen, die allesamt allegorische Vorboten des Todes sind und den fallenden Dichter umwerben: Der Reisende; der ältliche Geck, der Gondoliere; der Hotelmanager; der Hotel-Friseur; der Führer der Straßensänger.
Tadzio fehlt leider das feingeistig-schöne, das sanft-verführerische. Er wirkt eher wie ein sizilianischer Straßenjunge wie ihn Pasolini hätte erfinden können. Auch wieder mit einem Stuhl kommt Tadzio zu Tode, und die anderen Raudis begraben ihn darunter Aschenbach geht ziemlich teilnahmslos von der Bühne. Man hat es nicht mehr in der Hand!

Die musikalische Leitung von Donald Runnicles war einwandfrei, die Regie von Graham Vick war nicht immer nachzuvollziehen aber originell. Die Choreografie von Ron Howell hat uns nicht angesprochen. Zu abgehackt, zu un-südlich und hat weder den Jüngling noch die Person Aschenbach verstanden.

Premiere an der Deutschen Oper Berlin war am 19. März 2017.

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Christa Blenk

 

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Kreolischer Konzertabend

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Schwarz-Rot sind die Tango-Farben und so ist auch die kleine Bühne an diesem Tango-Abend.

Unter dem neuen Logo  « Kulturvolk » (Freie Volksbühne) treffen an diesem Montagskulturabend eine finnische Pianistin und eine chinesische Bratschistin aufeinander die das Concierto Criollo para Viola y Piano vor: Culto y Zamba – Plegaria – Malambo des argentinischen Komponisten Daniel Pacitti spielen und  damit diese südamerikanische Reise einleiten. Pacitti hat das Werk 2016 komponiert, eine spannende und sehr interessante Fusion melancholisch-leidenschaftlicher Tangothemen, Jazzrhythmen und der Musik seiner französischen Musik-Vorbilder, der Impressionisten wie Cesar Franck oder Debussy.
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Pacitti erklärt zwischendurch die drei Sätze des Concierto Criollo und wir erfahren, dass Malambo eigentlich ein Männertanz ist, monoton und stoisch wie die endlose Pampa der argentinischen Gauchos oder dass der Culto de Zamba spirituellen Ursprungs ist und auf die Inkakultur zurückgeht. Seine „monotone“ Vielseitigkeit wird brillant vorgetragen von Anni Laukkanen am Klavier und Qiyun Zhao an der Bratsche.
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Nach der Pause kommt schließlich der Tango-Teil und dafür nimmt  Maestro Pacitti selber das Bandoneon auf den Schoß. Zusammen mit dem Pianisten Ludger Ferreiro und Qiyun Zhano spielen sie hingebungsvoll vier unterschiedliche Tangovarianten: Berretín (Tango von Pedro Laurenz), Pablo ( von José Martínez), La Yumba (von Osvaldo Pugliese und La Bordona (von Emilio Balcarse).
Glänzende Performance!
Der zweite Teil dieser musikalischen Reise wird Ende Mai stattfinden.
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Criollos nannten die spanischen Kolonialisten die Nachkommen von Europäern (nicht nur spanischen Ursprungs), um sich von den Peninsulares (den aus dem Mutterland kommenden) und den Mestizen abzugrenzen.
Die Criollos bildeten im Verlauf der Zeit die Mittelschicht, wurden als Verwalter eingesetzt oder führten Handwerksberufe aus. Die höheren Posten in Verwaltung und Kirche gehörten aber generell den Spaniern aus Spanien!  Aber schon ab dem 18. Jahrhundert stellten die Criollos die Mehrheit und spielten eine wichtige Rolle in den Befreiungskämpfen der südamerikanischen Unabhängigkeitskriege.
Durch Einflüsse der Musik aus Spanien, die selber wiederum von arabischen Musikfragmenten geprägt war, der kubanischen Habanera, afrikanischen Perkussionrhythmen und den Flötentönen der südamerikanischen Indios entwickelte sich die kreolische Musik (Merengue, Salsa, Mambo oder Tango) in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
« Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ bezeichnete der argentinische Komponist und Bühnenautor Enrique Santos Discépolo den Tango
Genauso verrucht wie das Hafenviertel von Buenos Aires, war dieser melancholisch-fröhlich-temperamentvolle und leidenschaftliche Tanz, der Tango. Matrosen brachten das Bandoneon, das übrigens der deutsche Heinrich Band entwickelte,  nach Buenos Aires, wo es zum Parademusikinstrument für den Tango wurde und bald Klavier und Geige in die zweite Reihe drängte.

Bevor er aber ein vornehmer Gesellschaftstanz werden durfte, war der Tango vor allem in den ärmeren und hoffnungslosen Emigranten-Unterhaltungsvierteln und in den anrüchigen Vororten beliebt. Mit Flöte und Gitarre oder Kontrabass tingelten die Trios und Quartettos durch die Bars. Noch wollte die argentinische Oberschicht von dieser Musik aus den barrios bajos (Armenvierteln) nichts wissen. In Buenos Aires war der Tango offiziell bis 1911 verboten. Erst Paris machte Anfang des 20. Jahrhunderts den Tango salonfähig. Seitdem gehört er zu den Gesellschaftstänzen und ist aus Wettbewerben und Tanzschulen nicht mehr wegzudenken.

Und so ist einer der bekanntesten Tangosänger und Bandoneonspieler ein Franzose aus Toulouse. Carlos Gardel kam 1935 bei einem Flugzeugunglück ums Leben und sein Grab wird immer noch täglich mit Blumen geschmückt.

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Der argentinisch Komponist, Dirigent und Bandoneonist Daniel Pacitti studierte in Buenos Aires, Paris, Mailand, Wien und Berlin. Hier hat er sich mit Musik für Solostimme und Bandoneon beschäftigt, um dieses Instrument auch der klassischen- und Kirchenmusik näher zu bringen. Zum Luther-Reformationsjahr hat er das Oratorium „Wir sind Bettler“ komponiert, welches am 28. Juni 2017 in der Philharmonie in Berlin uraufgeführt wird – mit Roman Trekel als Luther! Wir sind schon sehr gespannt, wie er diese Zeit interpretiert – Tango-Rhythmen sollen jedenfalls nicht darin vorkommen – sagt er uns zum Schluss dieses originellen und schönen Abends.
Christa Blenk
Fotos: Christa Blenk

 

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