Raum – Zeit – Kunst und Töne

Bitte nicht berühren – zählt hier nicht – man muss genau das Gegenteil tun!

Eine interessante, begeh- und berührbare Installation ist seit gestern im Museo Macro zu erforschen.

OASI ist das künstlerische Ergebnis des Forschungsprojektes ADAMO (Adaptive Art and Music Opera) und wurde in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Musikforschung (CRM – Centro Ricerche Musicali) entwickelt. Dieses Zentrum ist 1988 u.a. auf Initiative von Michelangelo Lupone entstanden und beschäftigt sich mit dem Zusammenwirken von Musik und Wissenschaft. 1953 ist dieser italienische Komponist in Solopaca/Kampanien geboren. Er hat schon mit Künstlern wie Pistoletto, Uecker oder Paladino zusammengearbeitet. 2005 hat Lupone ein ähnliches Projekt – auch mit Licia Galizia – über Musik und Wissenschaft für das Goethe Institut Rom entwickelt.

Bericht auf Artmore:

Skulptural-musikalische Installation im Macro

 

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Römische Architektur im 20. und 21. Jahrhundert

maxxi 059 Ausführlicher Artikel über die Entwicklung der Architektur in Rom im 20. und 21. Jahrhundert

 

Artikel auf Artmore

 

P1130230Auditorium 001

Ravello 007 Ravallo – Oscar NiemeyerRavello 067

Fotos: Christa Blenk

La Chiesa del Giubileo

Ein Ausflug in den römischen Vorort Tor Tre Teste um die Kirche des 3. Jahrtausends von Richard Meier zu besuchen.

Hier ein kleiner Foto-Artikel auf artmore: La Chiesa del Giubileo

Es lohnt sich!

Christa Blenk

 

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Febbraro, Italiano, Grünbein, Krüger und die italienischen Dichter

 Incontri Romani

RON1

Die Erschließung des Lichts – Italienische Gedichte der Gegenwart

Michael Krüger und Federico Italiano haben eine Anthologie der Italienischen Poesie des 20. Jahrhunderts zusammengestellt und herausgebracht: gestern Abend wurden sie in der Casa di Goethe vorgestellt. Präsentiert und kommentiert (das Fehlen von einigen wichtigen Dichtern kritisiert) wurde sie vom italienischen Literaturkritiker Paolo Febbraro.

Üppig, vielseitig und vielströmig ist sie, die Poesie im 20. Jahrhunderts in Italien. Symbolismus, Expressionismus, Futurismus, Neorealismus, Existenzialismus, Moderne, Avantgarde und Neoavantgarde sind die verzweifelten Versuche, sie in Schubladen und Tendenzen unterzubringen. Aber das sind nur Wörter und Dichter sind eben Dichter weil sie sich nicht an solche Vorgaben oder Zwänge halten wollen. Wenig bekannt und gelesen sind die meisten dieser Poeten in Deutschland. Das wird sich jetzt ändern.

Palabras Gerardo Aparicio

Größen wie Ungaretti, Sanguineti oder Montale sind natürlich darunter, aber auch Randdichter, Dialektdichter und weniger bekannte wie Sereni, Fortini, Magrelli, Caproni oder Cavalli kann man ebenfalls in der Anthologie entdecken.

Nach einem Schnelldurchlauf durch die Poesie im Allgemeinen und einem Versuch, die Dichter in gewisse Ecken zu stellen (wie z.B.  Benn, Celan auf der einen Seite und Brecht, Enzensberger auf der anderen Seite  oder Heine oder Hölderlin und Brecht der Mörike, ging es lange Zeit darum, die Unmöglichkeit Poesie zu übersetzen zu diskutieren. Wir hören dass Ingeborg Bachmann als erste Ungaretti übersetzt hat (1963) oder dass Enzensberger wichtige Arbeit geleistet hat und dass Max Hellwig einer der wichtigsten Übersetzer aus dem Italienischen ist. Einige Dichter haben immer noch keine Chance auf Übersetzung, weil es einfach im Moment niemanden gibt, der ihr Werk neu erfinden kann. Als Dichter muss man eine eigene Stimme finden, sagte Krüger.

Der zweite Teil des Abends war dann der Lektüre von ausgewählten Werken gewidmet. Italiano und Febbraro lasen zuerst abwechselnd ein Gedicht auf Italienisch, Grünbein und Krüger die jeweilige Übersetzung. Eine metaphysische Sensation nannte Grünbein das Gedicht von Caproni « Der Teichläufer ». Uns Zuhörern fällt auf, dass die meisten vorgelesenen italienischen Gedichte in Deutschland spielen (Porta Westfalia), vor allem in Berlin – vor und nach dem Mauerfall! Zu Edoardo Sanguinetis dadaistischem Grenzübergangsszenen-Gedicht erinnert sich Michael Krüger an ein Treffen mit ihm in Berlin und erwähnte die Liebe von Sanguineti vor allem zu der geteilten Stadt! Sanguineti ist ohne Zweifel einer der Interessantesten in dem Buch, einige Werke von ihm wurden sogar von Luciano Berio vertont. Er jonglierte ohne Probleme zwischen Dante und Brecht hin und her.

Und dann fällt es den Vorlesern plötzlich auch auf, dass vor allem Deutschland das Thema des Gelesenen ist: Die Italiener haben Deutschland erfunden, sagte Krüger und schickte gleich hinterher, dass der Zufall all diese Berlin-Gedichte ausgesucht hätte. Wer weiß!

Christa Blenk

 

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Ars Ludi – Gegen die Zeit

P1150217Ars Ludi nach dem Konzert in der Aula Magna della Sapienza

Percussioni allo specchio: battiti per sconfiggere il tempo :  Schlagen um die Zeit zu durchbrechen

Das Ensemble Ars Ludi gibt es seit 1987. Gianluca Ruggeri und Antonio Caggiano haben es ins Leben gerufen und sind immer noch der Motor dieser Percussionisten-Spezialisten. Wenigstens einmal im Jahr treten sie  in der Aula Magna in Rom auf und das war gestern abend der Fall.  Antonio Caggiano, Rodolfo Rossi, Gianluca Ruggeri und Flavio Tanzi haben  knappe 90 Minuten ein echtes beeindruckendes Musik- Fitness-Programm auf die Bühne gebracht.

Der Kampf zwischen den römischen Orazi und der Curiazi-Sippe aus Alba von Giorgio Battistelli (*1953) eröffnete das Konzert: die beiden Musiker kommen in Kampfhaltung – jeder von einer anderen Seite – auf die Bühne und nähern sich ziemlich wütend und ernst an, springen aufeinander zu und das Trommeln, begleitet von Urschreiben,  geht los. Während der musikalischen Tätigkeit müssen sie obendrein permanent auf einem Kieselkreis von einem Bein auf das andere stampfen. Battistelli liebt Baumaterialien, das haben wir ja schon bei seinem Werk  Experimentum Mundi (uraufgeführt in Rom 1981) gelernt. Unter dem martialischen Gemälde von Sironi passte diese Geschichte ganz vorzüglich.

Von Philip Glass (*1937) eine typische sanfte, leichte und harmonische Komposition Music in similar motion für 2 Marimben und 2 Vibraphone. Unverwechselbar und erholsam nach dem Orazi und Curiazi-Kampf, aber weniger spannend. Das zweite Stück für zwei Marimben komponierte Steve Reich (*1936) und das war – wie so oft bei ihm – eine lange Reise durch den Mittleren Westen mit dem Zug, wir sehen aus dem Fenster und die nur ganz langsam sich verändernde Landschaft zieht vorbei. (s. Artikel über die  Music of 18 musicians). Beide Kompositionen sind in den 60er Jahren entstanden.

Von John Cage (1912-1992), dem einzig nicht mehr lebenden von den gestern abend gespielten Komponisten, führten alle Vier die Third Construction für 4 Percussionisten auf. Hier kam von der Kuhglocke bis zur Meeresmuschel und Sambarassel alles zum Einsatz. Das war schon fast nicht mehr minimal sondern höchst chaotisch und aufregend und Extremsport.

Die Überraschung des Abends war die Fughetta editoriale für drei Sprechende von Paolo Castaldi (*1930). Eine Performance-Komposition für drei Sprachsolisten: Opera Buffa à l’italiana, witzig und originell. Der Text besteht lediglich aus Namen von Musikverlegern- oder Verlagen weltweit.  Castaldi erklärte es selber natürlich am Besten:   “Occorre curare in sede di prova il registro delle altezze, seguendo la disposizione delle note sull’‘esagramma’ che non è un pentagramma, perché si vuole evitare l’emissione intonata o ‘cantata’”. Una parte di questo pezzo, eseguita più lentamente, è quella dedicata agli editori di musica sacra. Può accadere che l’esecuzione si risolva in uno spettacolo da vedere, oltre che un pezzo musicale da udire «   was ungefährt bedeutet:  (« Man muss sich bei den Proben um den Umfang der Tonhöhen kümmern, indem man die Anordnung der Noten auf dem « Hexagramm » befolgt – also sechs, nicht fünf Notenlinien, weil eine intonierte oder « gesungene » Ausdrucksform vermieden werden soll. Ein Teil dieses Stückes, das langsamer dargeboten wird, ist den Herausgebern von Kirchenmusik gewidmet. Es kann passieren, dass die Darbietung sich zu einem Theaterstück zum Anschauen entwickelt, über ein reines anhörbares Musikstück hinaus. »)

Fantastischer Abend – hoffentlich kommen sie bald wieder!

QNG

Christa Blenk

 

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Rossinis Maometto II in der Oper Rom

Die Oper Rom führt in diesen Tagen eine selten gespielte Oper von Gioachino Rossini (1792-1868) auf – Mohammed II.

Rossinis Mohammed II darf man noch zu den Jugendwerken rechnen, er hat es mit 28 Jahren stark beeinflusst und angetrieben von Spontinis Riesenerfolg Hernan Cortes komponiert. Vier Jahre später ging Rossini nach Paris und sollte dort die Lücke schließen, die durch Gaspare Spontinis Weggang entstanden war. Zusammen mit dem Theaterreformator Alexandre Soumet bearbeitete Rossini seinen Mohammed II und brachte das Opus 1826 erneut unter dem Namen La siège de Corinthe (Die Belagerung von Korinth) auf die Bühne.

Zwischen Spontinis Olimpie und Rossinis Maometto II gibt es eindeutige Parallelen: Bei beiden Opern ist die Haupthandung der Konflikt zwischen der Liebe zu einem fremden Eroberer und der Treue gegenüber der eigenen Patria. Die Heroine opfert sich jeweils für das Vaterland und ist bereit, den Feind zu ehelichen, um das eigene Land zu retten. Beide Male sind die Männer auch bereit, die Tochter/Frau für die Sache zu opfern.

Die Handlung findet in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Venezianischen Provinz Negroponte statt (Griechenland). Von den Türken bedroht, beschließt der Venezianer Paolo Erisso, unterstützt von seinem Kommandanten Calbo, der in seine Tochter Anna verliebt ist, den Türken zu widerstehen und zu kämpfen. Anna allerdings ist bereits in Uberti di Mitilene verliebt, den sie während Erissos Abwesenheit kennen gelernt hatte. Es stellt sich aber heraus, dass Uberti sich bei Anna unter falschem Namen vorgestellt hat und in Wahrheit der General der Türkischen Armee, Mohammed II, ist. Bevor Erisso sich aufmacht, den Felsen zu verteidigen, übergibt er der Tochter einen Dolch. Damit kann sie sich das Leben nehmen, sollte sie im Falle einer Niederlage den Feinden in die Hände fallen. Anna erkennt, dass Uberti Mohammed II ist und gerät in den ersten Gewissenskonflikt. Die Türken gewinnen und Erisso und Calbo werden gefangengenommen. Der (noch) stolze Erisso verweigert den Felsen aufzugeben und es entsteht ein Blutbad. Mohammed sowie der Vater sind hin- und hergerissen zwischen Vertrauen und Liebe.

Anna wird in das Lager der Türken verbracht und bekommt von Mohammed II einen Ring, der sie beschützen soll. Sie schafft es, ihren Vater und Calbo im Kerker aufzusuchen, gibt ihnen den Ring, vermählt sich noch kurz mit Calbo vor ihrer Mutter Grab und animiert die Männer zur Flucht. Das lassen sie sich auch nicht lange sagen und verschwinden. Anna muss zurückbleiben, da man sie im Lager kennt. Nach erfolgter Schlacht für die Venezianer wird sie von den Türken beschuldigt sie verraten zu haben und erdolcht sich auch wieder auf ihrer Mutter Asche. Mohammed II verzweifelt, hält sie in den Armen bis sie stirbt.

Überraschend gute Aufführung mit fast ausschließlich ausgezeichneten Solisten. Die Kostüme waren weniger originell und irreführend. Mohammed II sah wie ein Christus aus und alle trugen türkisch-arabische Kopfbedeckungen; Anna ein weißes griechisch-anheimelndes Kleid. Das Bühnenbild bestand aus grauem Fels und korinthischen Säulenruinen und Ziegelsteinen. Geschickt!

Wunderbare, an Mozart erinnernde, Arien und Choreinlagen. Der Chor spielt in diesem Stück sowieso eine sehr wichtige Rolle. Das Duo zwischen Anna (ausgezeichnet und immer präsent Marina Rebeka und Calbo (Alisa Kolosova – für mich war sie der heimliche Star mit ihrem wunderbar warmen Mezzo) am Grab der Mutter ist anrührend, ebenso der Trio gleich zu Beginn als Erisso (Giulio Pelligra in Vertretung von Juan Francesco Gatell) Anna mit Calbo vereinigen will. Mohammed II (Roberto Tagliavini) war am Anfang ein wenig wackelig, wurde dann ausgezeichnet. Das Orchester hatte wieder mal ein Problem gemeinsam anzufangen, waren aber ansonsten recht gut. Der Geiger und der Flötist sehr gut. Der Chor der Oper Rom unter Roberto Gabbiani blieb seinem guten Ruf wieder mal treu. Die öffentliche Meinung in Form eines Chores war fantastisch. 

cristina crespo artist: Cristina Crespocristina crespo

Am Pult Roberto Abbado, Regie führte wieder mal Pier Luigi Pizzi. Rundum eine schöne und gar nicht langweilige spritzig-tragische Aufführung. Die 180 Minuten Spielzeit sind im Nu vorbei gewesen.

Der König der Opera Buffa, Gioachino Antonio Rossini (1792-1868), ist diesen Titel nie mehr los geworden, obwohl er ab 1835 und nach 39 Opern den religiösen Mystizismus entdeckte und so originelle und geniale Werke wie La petite messe solennelle komponierte.

Und hier noch eine kleine Anekdote zur zweiten Passion vonRossini : Die Küche!

Als er einmal nicht weiterkam sperrte ihn der Direktor von San Carlo Neapel einfach ein und befahl zu komponieren. Rossini beschwerte sich mit den Worten „und der grausamste aller Direktoren der Opernhäuser der Welt sperrte mich – mit nur einem Teller Maccharoni pro Mahlzeit – einfach in mein Hotelzimmer und befahl zu komponieren“. Vielleicht hat er hierbei die „Tournedos Rossini“ erfunden (vor Hunger!)

Des weiteren soll Rossini gesagt haben: 

Ich gebe zu, dreimal in meinem Leben geweint zu haben: als meine erste Oper durchfiel, als ich Paganini die Violine spielen hörte und als bei einem Bootspicknick ein getrüffelter Truthahn über Bord fiel.“

Christa Blenk

Brundibár

P1150150-2 Plakat der Aufführung Rom

Entartete (schöne) Kinderoper

« Für uns war es etwas ganz Außerordentliches. Es war ein Ereignis, denn es war etwas, das uns an das normale Leben erinnerte » (Aussage einer Zeitzeugin über die Brundibár Aufführungen in Theresienstadt)

Das Licht geht aus und wir hören beunruhigt die Geräusche eines einfahrenden Zuges. Das Dröhnen und Zischen der Dampflokomotive wird immer lauter und langsamer, dann ein Pfeifen bis er schließlich zum Stehen kommt.

In der Ferne ein Kinderchor, die Tür auf der rechten Seite der Bühne öffnet sich und ca 30 Kinder zwischen 7 und 12 Jahren kommen langsam gehend und hell singend in den Raum. Sie tragen armselige verschlissene Kleidung, eine Kopfbedeckung und den Stern auf der linken Brust, Puppen oder anderes Spielzeug im Arm und einen kleine Pappkoffer. Der Vorhang hebt sich. Die Kinder sind in Theresienstadt angekommen.

Arbeit macht frei steht da in den bekannten ungemütlichen Schriftzügen über der Bühne. Graue Brettergestelle überall, aus denen sich die Kinder aber ganz schnell mit Farben und Bildern eine schöne heile Welt zaubern und dazu singen. Der Eisvorkäufer erscheint und bietet seine Köstlichkeiten feil, dann der Bäcker und schließlich der Milchverläufer; zuletzt der Polizist: und hier beginnt das Märchen:

Cesar Borja artist: Cesar Borja

Da der Milchmann den Geschwistern Pepícek und Aninka ohne Geld keine Milch für die kranke Mutter geben will, kommen die Kinder auf die Idee, es dem Leierkastenmann Brundibár gleich zu tun, der durch sein Singen recht viel Geld zugesteckt bekommt. Allerdings erregen sie nur die Aufmerksamkeit von Brundibár, der sie – Konkurrenz witternd – auf der Stelle vom Marktplatz verjagt, d.h. hier lässt er die Kinder vom Polizisten und er Masse verjagen. Erschrocken, ängstlich und verzweifelt legen sie sich schlafen. Die Geschichte nimmt eine positive Wendung als plötzlich ein Vogel, eine Katze und ein Hund (drei Tiere die sich ja sonst nicht unbedingt grün sind) erscheinen und Beistand in der Not und im Kampf gegen Brundibár anbieten. Die Kind-Tier-Gruppe organisiert sich und mit Unterstützung aller anwesenden Kinder vertreiben sie den niederträchtigen Brundibár. Die Geschwister, jetzt optimistisch und stark weil vereint, singen ihr Lieblingslied diesmal viel sicherer und besser und bekommen schließlich genug Geld für die Milch zusammen. Brundibár, der als Böser vom Dienst natürlich nicht so leicht aufgibt, versucht – erfrischend erfolglos – das Geld zu stehlen. Beim finalen Marsch herrscht nur noch Freude über den Triumph aufgrund der Solidarität und des Zusammenhaltes des Guten dem Bösen gegenüber. Vorhang!

Tschuff…… tschuff….tschuff…tschuf..tschufftschufffff .. der Zug rafft sich auf und setzt sich mit einem schneller werdenden und sich entfernenden Dröhnen und Zischen wieder in Bewegung – Richtung Auschwitz.

Krásas Oper ist eine Kinderoper und deshalb auf den ersten Blick eher unpolitisch. Überlebende aus Theresienstadt, die bei den Aufführungen mitwirkten, haben jedoch immer wieder hervorgehoben, dass Krása in der Person von Brundibár das Böse (die Nazis) veranschaulichen wollte (diese Idee hat z.B. die Kushner Inszenierung in Chicago Anfang 2000 aufgegriffen). Ein verdientes happy end nach Abenteuern und Angst macht aus der Geschichte ein Märchen. Der römische Brundibár trug zwar einen langen Soldatenmantel und eine Militärkappe, war aber weder böse noch stark, er ließ den Polizisten die schmutzige Arbeit des Verjagens erledigen. Er endet nur noch als Mantel auf dem Boden. Die beiden stärksten Szenen waren das Ein- und Ausfahren zu Zuges.

Die Musik ist einfach, melodiös und unsentimental, ohne Pathos oder moderne Experimente. Ohrwürmer, die man so schnell dann nicht mehr los wird. Leicht und ansprechend, manchmal an Gershwin erinnernd, fast ein Musical mit Jazz- und dann wieder Walzer-Elementen und tschechischem Lokalkolorit. Alles wird von 12 Instrumenten und 36 Sängern (alles Kinder) bestritten. Die Darsteller haben sich gut geschlagen, sie gehören allesamt zum Kinderchor der Oper Rom. Die ansprechenden und passenden Kostüme sind von Anna Biagiotti. Regie und Bühnenbild von Cesare Scarton und Michele Della Cioppa, am Pult José Maria Sciutto.

Hans Krása gehörte wie Victor Ullmann, Gideon Klein und Pavel Haas zu der verlorenen Generation der Komponisten (alle vier kamen mit dem gleichen Transport nach Auschwitz). Die Musik für diese kunterbunte und spitzbübisch-lustige Kinderoper ist Brecht/Weil Stil und vielleicht sogar als Lehrstück zu betrachten. Beide sollen lernen, die Spieler, die schlimme Zeit zu überstehen und die Zuschauer, das Böse nicht aufkommen zu lassen. Das Libretto hat der tschechische Maler, Bühnenbildner und Kunstkritiker Adolf Hoffmeister (1902-1973) kurz vor der Invasion geschrieben. Der Triumph über Angst und Panik und ein Hoch auf Kameradschaft, Zusammenhalt, Verbundenheit, Solidarität, Mut und Hoffnung sind die Hauptaussagen. Hoffmeister/Krása waren sicher inspiriert vom pädagogischen Erfolg des Brecht-Weill Schulstücks Der Jasager, das zu dieser Zeit schon über 200 mal in Weimarer Schulen aufgeführt worden war. Hoffmeister, nach dem Krieg schon in England sagte darüber „We have actually an opera as a Brechtian didactic drama“.  

Der Berliner Musikwissenschaftler Dr. Kurt Singer, schrieb über die Theresienstädter Aufführungen dass „Brundibár ein Beispiel wäre wie eine kurze Oper heutzutage auszusehen und zu klingen hätte, wie sie den höchsten künstlerischen Genuss mit konzeptioneller Originalität mit modernem Charakter mit brauchbaren Melodien verbinden könne  ..…..  man könne ein Werk nicht mehr loben„ .  Kurt Singer, der auch der Berliner Vorsitzende des jüdischen Kulturbundes war, ist 1944 mit 59 Jahren in Theresienstadt an Folge der Strapazen gestorben.

Hans Krása (1899-1944), der aus einer angesehenen und wohlhabenden Bürgerfamilie stammte, wollte mit Brundibár einen Kompositionswettbewerb gewinnen. Als der deutsch-tschechische Komponist die Oper Brundibár 1938 schließlich fertig gestellt hatte, befand sich sein Land schon im Kriegszustand und Krása musste aufgrund seiner deutsch-jüdischen Wurzeln aus der Öffentlichkeit zurückzutreten. 1942 wurde er in das „Vorzeigelager“ der Nazis, Theresienstadt, deportiert und durfte dort als Leiter der Musiksektion « Freizeitgestaltung » tätig sein. Nicht wissend, dass seine Oper Brundibár zwischenzeitlich – heimlich – und auf Initiative von Rudolf Freudenfeld im Prager Jüdischen Waisenhaus aufgeführt wurde. Freudenfeld kam 1943 ebenfalls nach Theresienstadt. Glücklicherweise gelang es Ihm unter den erlaubten 50 kg Gepäck einen Klavierauszug von Brundibár mit hinein zu schmuggeln. Auf dessen Basis, Krásas Gedächtnis und den zu Verfügung stehenden Instrumenten und Solisten im Lager schrieb Krása die Oper nach bzw. um. Er nahm auch Änderungen am links-gerichteten Text von Hoffmeister vor und die Botschaft lautete danach nur mehr, dass das Gute über das Böse siegen kann solange man nur zusammen hält. In Theresienstadt hielten sich damals unzählige Musiker, Künstler oder Sänger auf, und es sind im Laufe der darauf folgenden Tage und Wochen immer mehr von den in Prag mitwirkenden Kinder und Erwachsenen im Lager angekommen, was bis 1944 zu über 50 Aufführungen führte. Darunter eine Extra-Aufführung 1944 für eine Inspektion über die Lebensbedingungen in Theresienstadt des Rotes Kreuzes, die auf die « Show » reingefallen sind oder es nicht sehen wollten. Für die teilnehmenden und zuhörenden Kinder brachten diese Ereignisse ein Stück Normalität mit sich (vielleicht hat sich ja Benigni in « La vita e bella » daran inspiriert? ). Von Aufführung zu Aufführung waren die Rollen allerdings anders oder neu zu besetzen, da die eingespielten Darsteller immer wieder in Vernichtungslager deportiert wurden. Im Konzentrationslager Theresienstadt bestand zwar die Möglichkeit eines kulturelles Lebens – ein Vorzeigelager wie es die Nazis im Propagandafilm « TheresienstadtDer Führer schenkt den Juden eine Stadt » gerne zeigten (für den Film wurden sogar Auszüge aus der Oper verwendet) war es natürlich trotzdem nicht. Es war und blieb ein Zwischenstopp in die Gaskammern, die Vorhölle sozusagen. Dass Krásas Brundibár dort über 50 mal aufgeführt wurde half ihm persönlich nichts. Er und viele der Mitwirkenden wurden 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und kamen dort um.

Dagmar Lieblová, eine Überlebende und Mitwirkende bei der Premiere (sie war damals 13 Jahre alt) erinnerte sich später « Für uns war es etwas ganz Außerordentliches. Es war ein Ereignis, denn es war etwas, das uns an das normale Leben erinnerte ». Drei Monate nach der Premiere kam sie auch nach Auschwitz, wo außer ihr ihre ganze Familie ums Leben kam. « Ich habe darüber nachgedacht, ob es wirklich so sein wird, dass ich nie wieder etwas anderes sehe, als den Stacheldraht, die Blöcke und die Kamine ».

Bis Ende der 70er Jahre war es dann ganz still um Brundibár, bis die Benediktinerschwester Veronika Grüters im Zuge ihrer Familienforschung das Werk entdeckte es und anhand eines Klavierauszugs in tschechischer und hebräischer Sprache rekonstruierte. Der tschechische Violonist Joza Karas hat Mitte der 70er Jahre schon Brundibár nach USA und Kanada gebracht. Nach 1985 brach ein regelrechtes und fast weltweites Bundibár- Fieber aus. In Deutschland wurde es auch an vielen Schulen u.a. in Freiburg, Bielefeld, Görlitz, Berlin, Bonn aufgeführt, in Prag und Warschau sowieso. 1995 kam Brundibár schließlich auch nach Israel. Der Amerikaner Tony Kushner brachte Anfang 2000 eine sehr kontroverse und diskutierte Inszenierung für das Chicago Opera Theatre auf die Bühne, bei der Brundibár einen Hitler-Schnurbart trägt. Das von Maurice Sendak illustrierte Buch dazu war unter den Preisträgern „New York Times Book Review’s 10 Best Illustrated Books of 2003“.

Von den sechs Aufführungen waren vier den Schulen vorbehalten.

Christa Blenk

Street Art San Lorenzo Street Art (Foto© Christa Blenk)

Isolde Ohlbaum Portraits

Intelligenz und Simplizität

Sie blicken uns an, all diese schönen intelligenten Augen. Sitzend, stehend, spielend, vorlesend.

Seit Jahren fotografiert Isolde Ohlbaum (*1953) alles was Rang und Namen hat in der Literatur und im kulturellen Leben. Aber sie sucht nicht nur die Großen. Einige Gesichter hat sie auch fotografiert, bevor sie weltbekannt wurden. Jedes Portrait ist ein (einfaches) Kunstwerk und wie sie selber sagt « „So vieles hängt ab von den jeweiligen Umständen, welcher Kontakt, Dialog, welche Atmosphäre entstehen kann zwischen zwei Menschen, die sich vielleicht vorher noch nie begegnet sind.“

Der erste Raum ist den italienischen Schriftstellern gewidmet. Alberto Moravia, Natalia Ginzburg, Italo Calvino, Mario Fortunato, Fotos aus den 70er und 80er Jahren. Umberto Eco und Dacia Maraini (2012) sogar in Farbe.

Im nächsten Raum gehen wir vorbei an Peter Handke beim Fußballspiel. Winifred Wagner als ältere Damen 1976 in Bayreuth, die Kessler Zwillinge, Wim Wenders ganz jung, der wichtigste Vertreter der beat generation Allan Ginsburg mit seltsamer Kopfbedeckung und Jean Marias, der große Antonio Tabucchi, Hanna Schygulla und Fassbaender. Und das sind längst nicht Alle. Dur Grünbein zwischen römischen Köpfen, Harald Hartung und Sibylle Lewitscharoff (mit großer Handtasche) haben wir vor kurzem in der Casa die Goethe bei diversen Lesungen auch persönlich sehen können. Und natürlich Andy Warhol, er hat ja schließlich Goethe in Siebdruck verewigt.

Ein weiterer Teil der ausgestellten Fotos dokumentiert diverse Verleihungen des « Petrarca Preises für Poesie », man sieht die Dichter versammelt und sich vorlesend in der Natur. Zum ersten Mal wurde er wohl in der Provence auf dem ungemütlichen Mont Ventoux vergeben, hierüber berichtet ein Foto mit Bazon Broch und Matthias Krüger. Der Preis ging posthum an Rolf Dieter Brinkmann. In der Folge hat man immer wieder andere attraktive Orte in Italien gefunden – im Tusculum oder in Vincenza.

Ohlbaum schafft eine Stimmung, die Frieden in die Gesichter ihrer Gegenüber zaubert, die Portraits strahlen wohlfühlendes Schweigen aus  und die Augen erzählen langsame Geschichten. Vertrauen und Kennen sind die Voraussetzung für solche Portraits.

Bis Juni 2014 kann man noch an diesen Größen der Literatur-, Pop- und Kinoszene vorbeiflanieren. Durch das Betrachten der Fotos sehen wir dann auch die Radierungen von Piranesi und die Zeichnungen von Goethes mit einem anderen Auge.

Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten – hat Goethe gesagt!

Eine interessante Ausstellung; man sollte sie nicht verpassen!

Isolde Ohlbaum Fotos

P1120783 Durs Grünbein bei einer Lesung in der Casa di Goethe 2013.

Christa Blenk

 

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The little Match Girl Passion de David Lang

Les contes de fées sont cruels !

SanLorenzo-Figuratif 014 Street Art

Ceux qui disent que la musique contemporaine ne déclenche pas d’émotions devraient se pencher sur cette pièce intense et ingénieuse. David Lang ( né en 1957) a mis en musique et adapté l’essentiel du texte du conte de fées « La petite fille aux allumettes » de Hans Christian Andersen .
Il en est résulté une sorte d’oratorio d’environ 40 minutes pour quatuor vocal et percussions que nous avons eu le privilège d’écouter la nuit dernière dans la salle Sinopoli de l’Auditorium Parco della Musica .

Come, daughter, help me daughter – Ainsi commence la première aria pour soprano. Une petite fille, délicate et fragile, essaye de vendre quelques allumettes afin de rapporter un peu d’argent à la maison pour acheter de la nourriture. Mais en ce dernier jour de l’année pas un seul passant compatissant ne lui achète quoi que ce soit. Dans ce froid mordant qui envahit peu à peu ses pauvres jambes nues, elle gratte une allumette, afin se réchauffer un peu, et se donner pendant quelques secondes l’illusion d’un monde lumineux et chaleureux. Lights were shining from every window, and there was a savory smell of roast goose, for it was Newyear’s eve – yes she remembered that …. L’allumette s’éteint déjà. Elle se persuade, pleine d’espoir, d’en allumer une autre , et puis vite encore une autre, parce que cela lui fait du bien , Ah, perhaps a burning match might be some good….. encore et encore .

L’aria Have mercy, God – my God have mercy est belle et envoûtante. Elle nous entraîne dans des sentiments de compassion que Bach n’aurait pas surpassés. Elle gratte une dernière allumette sur le mur de la maison (nous l’entendons craquer, cette allumette, cela se passe devant nous) et reconnaît sa vieille grand-mère. Avec elle, enfin heureuse dans son rêve, elle s’élève avec bonheur vers le ciel.

L’aria When its time for me to go est un frisson chanté. Nous resserrons frileusement nos cols et nos foulards et nous nous sentons également geler. « Les contes de fées sont cruels », traverse à nouveau mes pensées .
Le lendemain matin, elle est là, allongée, un sourire sur son pâle visage . Dans une main, les allumettes brûlées , dans l’autre celles qui n’ont pas encore servi.
Avec l’aria We sit and cry – Rest soft, daughter, rest soft l’œuvre touche à sa fin et la petite fille a enfin trouvé sa paix.
Le maestro Tonino Battista nous laisse longtemps aux prises avec nos émotions jusqu’à ce qu’il libère tout à coup les applaudissements. Nous ravalons la boule que nous avons dans la gorge et nous sentons peut-être un peu manipulés .
David Lang est un compositeur religieux – ce qu’était également Bach . La Passion selon saint Matthieu a été sa source d’inspiration – il le dit dans ses «Composer Notes« . Puisant dans les textes de Hans Christian Andersen , HP Pauli et Picander, Lang met en scène un conte de Noël pour enfants qui oscille en permanence entre peur et morale, souffrance et espoir, frayeur et beauté. Le froid est vaincu par les rêves de bonheur. Sans pathos, minimales et mélodiques, les voix se complètent par des répétitions et des analogies claires et insistantes, des changements rythmiques et mélodieux très subtils. La musique, archaïque et moderne à la fois, émotionnelle et belle veut faire de cette envoûtante histoire triste le discret témoignage d’une foi positive.

A certains moments, nous revivons ce mélange de panique et de compassion, mais aussi cette sensation étrange qui nous envahissait lorsque, à notre demande, notre mère nous lisait pour nous endormir ce récit impitoyable, cruel et triste.
La structure de cet oratorio est similaire à la Passion selon saint Matthieu, les airs répétitifs étant remplacés par des récitatifs qui racontent dans le détail cette tragédie, en 15 sections qui nous tiennent en haleine .
Maria Chiara Chizzoni , Patrizia Polia , Carlo Putelli , Giuliano Mazzini sont les solistes exceptionnels sur qui tout est construit. La remarquable coordination entre les voix permet à certains passages de sembler faciles, alors que la difficulté de la partition est réelle et la simplicité qui en résulte est la clé de notre plaisir.

L’Américain David Lang a remporté le Prix Pulitzer pour ce morceau de musique en 2008 . Il a également écrit une partie de la musique du film « La Grande Bellezza », Oscar du meilleur film étranger 2014.

Auditorium 007 Auditorium Parco della Musica

Christa Blenk 22 mars 2014

(Trad. JN Pettit)

en allemand sur KULTURA EXTRA

Märchen sind grausam

SanLorenzo-Figuratif 014 Street Art (Foto: Christa Blenk)

Märchen sind grausam!

David Lang hat das Märchen von Hans Christian Andersen vertont:

The little Match Girl Passion von David Lang – Bericht auf KULTURA EXTRA

Wer sagt, dass zeitgenössische Musik keine Emotionen auslösen könne, sollte sich dieses ansprechende und ingeniöse Stück ansehen/anhören. David Lang (*1957) hat das Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen vertont und selbst den Großteil des vorhandenen Textes umgeschrieben.

Daraus entstand ein ca 40 Minuten Opus für Vokalquartett und Percussions-Instrumente. Gestern abend wurde es im Sinopolis-Saal des Auditoriums Parco della Musica aufgeführt.

Come, daughter, help me daughter – so beginnt die erste Arie für Sopran. Zart und zerbrechlich erscheint das kleine Mädchen, das im Verlauf der Geschichte versucht, ihre Zündhölzer zu verkaufen, um Geld für Essen nach Hause zu bringen. Da aber kein mitleidiger Passant an diesem letzten Tag im Jahr ihr etwas abkauft und die Kälte ihre barfüssigen Beine hochkriecht, fängt sie an, die Zündhölzer nach und nach anzuzünden, um für Sekunden die Illusion einer heilen warmen und leuchtenden Welt zu erleben. Lights were shining from every window, and there was a savory smell of roast goose, for it was Newyear’s eve – yes she remembered that ….Dann erlischt das Streichholz. Sie überredet sich und zündet hoffnungsvoll und schnell ein weiteres an Ah, perhaps a burning match might be some good ….. immer wieder.

SanLorenzo Street Art Street Art (Foto: Christa Blenk)

Die Arie Have mercy, God – my God have mercy hätte Bach nicht schöner, packender und einfühlsamer komponieren können. Nach der neunten Stunde zündet sie an der Hausmauer ein weiteres Streichholz an (wir hören es) und erkennt ihre alte Großmutter. Mir ihr steigt sie im Traum selig gen Himmel. Die Arie When its time for me to go ist gesungenes Bibbern. Wir ziehen unseren Schal enger und frieren auch. Märchen sind grausam, denke ich nochmals.

Am nächsten Morgen liegt sie da mit einem Lächeln auf ihrem bleichen Gesicht. In der einen Hand die abgebrannten Zündhölzer, in der anderen die noch nicht Verbrauchten.

Mit der Arie We sit and cry – Rest soft, daughter, rest soft geht es zu Ende und sie ist wohl erlöst.

Der Dirigent Tonino Battista lässt uns lange warten bis er den Applaus frei gibt, plötzlich bricht er aber dann los. Wir schlucken unseren Kloß im Hals hinunter und fühlen uns vielleicht doch ein wenig manipuliert.

David Lang ist ein religiöser Komponist – das war Bach auch. Die Matthäus-Passion war seine Inspiration dafür – das sagt er auch in seinen „Composer Notes“. Der Text ist von ihm nach Hans Christian Andersen, H.P. Pauli und Picander. Lang erzählt eine Kindergeschichte zur Weihnachtszeit die zwischen Gefahr und Moral, Leid und Hoffnung und Schrecken und Schönheit gleichberechtigt hin- und herpendelt. Die Kälte wird durch die schönen Träume verdrängt. Ohne Pathos, minimal und melodiös und mit klaren und eindringlichen Wiederholungen wechseln und ergänzen sich die Stimmen. Sehr subtile rhythmische und melodische Verschiebungen. Archaisch und modern, emotional, schön und bedrückend die Musik zu dieser ergreifend traurigen Parabel, die dann doch die positive Seite eines Glaubens verteidigt.

Für einen Moment fühlt man diese Panik und das Mitleid, aber auch den Reiz der uns als Kind überkam, wenn die Mutter auf unser Drängeln diese hartherzigen, grausamen und traurigen Märchen vorlas.

Der Aufbau dieser Minioper oder eher dieses Oratoriums  ist ähnlich der Matthäus-Passion. Die repetitiven Arien werden von langen aber nicht langweiligen Rezitativen abgelöst, in denen die Geschichte – in 15 Abschnitten – erzählt wird.

Die hervorragenden Solisten waren Maria Chiara Chizzoni, Patrizia Polia, Carlo Putelli, Giuliano Mazzini. Auch wenn es sich oberflächlich leicht anhörte, mussten die miteinander koordinierten Solisten sehr viel leisten, um dieses „Mühelose“ zustande zu bringen.

Der Amerikaner David Lang, der u.a. auch Schüler von Hans Werner Henze war, gewann für dieses Stück 2008 den Pulitzer Musikpreis. Außerdem hat er einen Teil der Musik für den Oskar-Preisträger „La Grande Bellezza“ geschrieben.

**

Den zweiten Teil des Konzertes bestritten Werke von Arvo Pärt. De Profundis für Männerchor, Orgel und Percussion. Das haben sie nicht genug geübt und der Chor hatte echte Probleme, dem etwas schwachen Organisten zu folgen, da konnte auch der ausgezeichnete Tonino Battista nichts mehr retten.

Beim großen Miserere-Finale lieft der Chor PMCE – Parco della Musica Contemporanea Ensemble unter Leitung von Ciro Visco dann aber – fast – wieder zur Hochform auf.

Christa Blenk

Auditorium 002 Auditorium Parco della Musica

 

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Frida Kahlo in Rom

Autoritratto con collana di spine e colibrì,  1940 , Olio su lamina metaNickolas Muray Collection Austin, niversity of Texas, Harry Ransom Center (C) Banco de México Diego Rievera & Frida Kahlo Museums Trust, México D.F. by SIAE 2014Frida Kahlo – Autoritratto con collana di spine, 1940 – Olio su tela, cm 63,5 x 49,5 – Harry Ransom Center, Austin © Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México D.F. by SIAE 2014

 

Bericht über Frida Kahlo auf KULTURA EXTRA

 

Ich werde den Schmerz, die Liebe und die Zärtlichkeit malen“ (Frida Kahlo in ihrem Tagebuch)

Der mexikanischen Malerin und Ikone Frida Kahlo (1907-1954) widmen die Scuderien del Quirinale seit dem 20. März eine umfangreiche Retrospektive, die erste in Italien überhaupt. 40 Meisterwerke – die Hälfte davon aus Privatsammlungen – sind zu bewundern. Diese „Tochter der mexikanischen Revolution“ ist heute eine der wichtigsten und außergewöhnlichsten Malerinnen der mexikanischen und lateinamerikanischen Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kahlos Bilder sind eine Fusion aus post-Neuer Sachlichkeit und volkstümlichem Surrealismus, angereichert und beeinflusst vom Charme und Zauber des lateinamerikanischen, magischen Realismus. „Ich dachte, auch ich wäre eine Surrealistin, aber das war ich nie. Ich habe immer meine Wirklichkeit gemalt, nie meine Träume sagte sie 1953 dem Time Magazin. Ihre farbig-freudigen und oft von Hoffnungslosigkeit sprechenden Bilder sind genauso unverkenn- und unvergleichbar wie ihre kontroverse und widersprüchliche Person.

Gleich im ersten Raum wird unser Blick allerdings von einer Kakteen-Landschaft aus 1931 angezogen. Kakteen, die im Vordergrund wie schwankende Menschen aussehen, sich dann aber im Hintergrund in Teufelsgabeln verwandeln. Als nächstes das Autoritratto als Tehuana mit Riveras Kopf auf der Stirn. Daneben das schöne Foto, das Bernhard Silberstein 1940 gemacht hat; Frida sitzend und gerade an eben diesem Portrait arbeitend und Diego hinter ihr stehend. Ein Meisterwerk das Autoportrait mit Dornenkette und Kolibri: Hyperrealist-naiv ist dieses mit vielfältigen Symbolen ausgestattete Gemälde aus der Nickolas Muray Sammlung. Fridas Büste ist das Zentrum des Bildes (wie fast immer). Der kleine Affe auf ihrer rechten Schulter spielt mit der Dornenkette die sich in ihren Hals bohrt, dunkelrote gotische Christus-Blutstropfen bewegen sich auf ihr weißes Kleid zu, während die schwarze Katze auf ihrer linken Schulter bedrohlich auf den – wohl toten – Kolibri an der Dornenkette blickt. Im hochgesteckten Haar sind zwei Schmetterlinge, im Hintergrund grüne Urwaldblätter. Traurig schaut sie ins Nichts. Hier vereint sie die Sinnbilder der Eitelkeit (Affe), des Leidens (Dornen), des Glück- und Unglück (Katze), der Fruchtbarkeit (grüne Blätter), der menschlichen Psyche (Schmetterlinge) und der Freude (Kolibri) – sie lässt ihn allerdings als totes Anhängsel an der Dornenkette baumeln.

Wunderbar und schlicht und so gar nicht typisch das Autoportrait mit Samtkleid, das an Modigliani, Munch und Botticelli erinnert, hat Frida 1926, noch ans Bett gefesselt, gemalt. Es ist eines ihrer besten Bilder.

Ich male mich, weil ich so oft alleine bin und weil ich die Person bin, die ich am besten kenne – sagte sie einmal. Über 50% ihrer Arbeiten sind Eigenportraits. Sie malt sie sich immer wieder: schön, hässlich, leidend, liebend, (manchmal) lächelnd, verführend, eingepanzert in Vegetation, nach dem Tod sehnend, als Mutter (sie war keine), fallend, im Bett von Ärzten gemartert, mit Wunschprojektionen auf der Stirn. Auf einem Gipskorsett das auch zu sehen ist, malte sie Hammer, Sichel und einen Fötus. Einflüsse der bunten Azteken-Kunst und Folklore sowie die üppige Vegetation ihrer Heimat konnte und wollte sie nicht verbergen.

Ihre flachen und direkten Bilder sind nuancenlos, Rot ist Rot und Blau ist Blau – das Fehlen von Mischfarben oder Zwischenfarben hat sie von der Aztekenkultur übernommen. Die statischen Bilder strotzen nur so von Symbolen, Frustrationen, Wünschen und Träumen. Es gibt nur wenige Ganzkörperportraits und das hat sicher mit einer Ablehnung ihres geschundenen Körpers zu tun. Wohl deshalb hat Raíces 2006 einen Versteigerungserlös von 5,6 Millionen US-Dollar erreicht. Nie hat ein lateinamerikanischer Künstler so viel für ein Bild erzielt.

Abgesehen von den 40 Gemälden sind in der Ausstellung Zeichnungen von einer surrealistischen Frida zu sehen (sie hat einmal André Breton in Mexiko getroffen), aber auch Übungen oder Studien dieser Künstlerin, die eigentlich nie Malunterricht genommen hatte. Unzählige Fotos von ihr von Nickolas Muray, Leo Matiz, Lucienne Block, darunter grelle Farbfotos – fast wie ihre Bilder – von Nickolas Muray (Frida sitzend, trinkend, das Bild die Zwei Fridas malend) und Auszüge aus ihren Tagebüchern. Einige wichtige Arbeiten von Diego Rivera, darunter je eine Portrait von seinen Geliebten Cristina Kahlo und Natasha Gelman sowie ein nicht-fertiggestelltes Filmprojekt. In der Mitte der Ausstellung kann man auf bequemen Sesseln sich ausruhend einen Film den Muray über sie und Rivera gedreht hat sehen. Das ist auch der einzige Moment wo man sie lachend und glücklich sieht. Wenn sie neben Rivera steht, wird sie zur verletzlichen kleinen Frau und alles Femministische fällt von ihr ab – momentan! Berührend, wie sie sich für ihn und vor ihm Blumen ins Haar steckt.

Fridas Vater stammte aus Pforzheim und hatte ungarisch-jüdische Vorfahren. Weil er sich mit seiner Stiefmutter nicht verstand, wanderte er 1890 – mit knapp 20 Jahren – nach Mexiko aus. Dort verdiente er sich als Fotograf seinen Lebensunterhalt und ehelichte die mexikanische Malerin María Cárdena. Ab 1894 hieß er dann Guillermo Kahlo.

Frida (damals noch Frieda) war das dritte Kind von Guillermo und seiner zweiten Frau (einer Analphabetin). Mit 6 Jahren bekam Frida Kinderlähmung. Dieses Unglück und die Verletzungen, die sie bei einem schweren Busunglück mit knapp 18 Jahren erlitt, zwangen sie jahrelang in ein Stahlkorsett und ans Bett. „Der Schmerz ist nicht Teil des Lebens, er kann das Leben werden“ hat sie an den Arzt Leo Eloisser geschrieben. Viele ihre Bilder schreien den Schmerz sowie die Frustration, keine Kinder bekommen zu können, heraus, obwohl die Farben hell, fröhlich und bunt sind. Ihr erstes Selbstportrait malte sie mit 19 Jahren. 1929 heiratete sie den damals schon durch seine politischen Wandbilder (murales) ziemlich berühmten 43-jährigen Maler und Kommunisten Diego Rivera. Nach 10 Jahren Ehe wollte sie seine permanenten Liebschaften (Rivera hat auch eine mit Fridas Schwester Cristina) nicht mehr ertragen. Es folgte die Scheidung, die Flucht in den Alkohol und in unzählige Affairen, u.a. mit Leon Trotzki, der mittelamerikanischen Sängerin Chavela Vargas, mit Heinz Berggruen, der damals noch am Anfang seiner Kunstsammler-Karriere stand und mit dem Fotografen Nickolas Muray. Mit Letzterem war sie viele Jahre zusammen und er hat wunderbare und sensible Fotos von ihr gemacht – einige davon sind auch in der Ausstellung zu sehen. 1939 war zierte eines sogar das Titelblatt von Vogue.

Ungeachtet all ihrer Affären kam sie trotzdem nicht los von diesem egoistischen, bulligen und dann wieder liebevollen Rivera und heiratete ihn 1940 ein zweites Mal.  Das Leben an seiner Seite war für beide wie das Wandern auf einem Vulkan: aufregend und gefährlich. Es gibt Bilder aus der Zeit, die sie von ihm und er von ihr gemalt hat, die genau das ausdrücken. Er blieb aber bis zuletzt bei ihr. Ob sie 1957 wirklich an einer Lungenembolie gestorben ist oder ob es Selbstmord war, steht nicht fest. Sätze wie „Das Leben insistiert meine Freundin zu werden, das Schicksal hingegen meine Feindin“ oder „Wozu brauche ich Beine, wenn ich Flügel zum Fliegen habe“ zeugen von ihrem Hin- und Hergerissensein zwischen Tag und Nacht, Himmel und Hölle. „Ich bin nicht krank, ich bin kaputt. Aber ich bin glücklich, solange ich malen kann“ sagte sie 1953 noch dem Time Magazine. Kahlo lässt den Betrachter ungeniert in ihr Leben blicken. Sie breitet es vor ihm aus, das Publikum ist ihre Therapie geworden.

Frida Kahlo ist heute mexikanisches Kulturgut. Sie war so frei wie sie eingeschlossen war: in Korsette – psychologische und physische – und in ihrer Liebe zu Rivera, der sie ständig betrug, dann die konservative Mentalität im katholischen Mexiko. Wobei ihr unkonventionelles und leidenschaftliches Leben, ihre Krankheit, der Unfall, das Leben mit Diego Rivera, ihr extravagantes Auftreten, wie sie ihre Haare richtete oder wie sie sich kleidete, das Herausstellen ihrer Indio-Herkunft (obwohl das schon an Provokation grenzte – was damals überhaupt nicht erwünscht war) und ihr hingebungsvoller Nationalismus (sie hatte sogar über längere Zeit ihr Geburtsdatum auf 1910 – Jahr der Revolution – gelegt) und ihre politische Figur (ihr Verhältnis mit Leon Trotzki) spielen sicher auch eine nicht unbedeutende Rolle!

Echte Anerkennung fand sie allerdings lange nicht. Zu Lebzeiten war ihr Name immer an den ihres berühmten Mannes gebunden – erst nach ihrem Tod wurde sie für die einsetzende internationale Frauenbewegung entdeckt. Frida war vor allem eine exotische Blume am Knopfloch des großen Diego Rivera, schrieb Karen Genschow in der Biografie über Frida Kahlo. Jetzt hat sie ihn endlich abgeschüttelt.

Diego Rivera hat sie aber als Künstlerin trotzdem sehr respektiert und hat folgendes über sie gesagt:

Frida ist die erste Frau in der Kunstgeschichte, die mit absoluter und hemmungsloser Freimütigkeit und auf eine schonungslose und gleichzeitig gelassene Art die allgemeinen und besonderen Umstände, die ausschließlich Frauen betreffen, ausgefochten hat“.

Die letzten Jahre ihres kurzen Lebens hat sie sehr viele Stillleben gemalt. Einige sind hier auch ausgestellt, wie Die Braut die sich beim Anblick des offenen Lebens erschreckt (1943). Ihr wohl letztes Werk ist eine Zeichnung, Autoportrait mit einer Taube; sie ist s/w, die Mundpartie existiert nicht mehr und die großen Augen blicken in die Leere (sie hat es wohl gemalt nach einem Gedicht von Rafael Alberti).

Auf ihr Motto im Eingangszitat zurückkommend: Treu geblieben ist Frida Kahlo sich nur beim Schmerz, aus Liebe ist Angst geworden und aus Zärtlichkeit Frustration.

Christa Blenk

Info:

Obwohl nicht alle Exponate Meisterwerke sind und einige wie die Zwei Fridas nicht hier sind, ist es eine sehr sehenswerte Ausstellung – Frida Kahlo kennt man nach dem Besuch besser.

Rom und Genua haben dieses Ausstellungsprojekt gemeinsam erarbeitet. Kuratiert wird es von Helga Prignitz-Poda. In Rom wird sie bis Ende August zu sehen sein und ab 20. September zeigt Genua „Frida Kahlo und Diego Rivera“ im Palazzo Ducale. Das könnte für mich ein Grund werden, endlich mal in die Stadt an der Riviera mit dem guten Pesto zu fahren. Wenn man sich wirklich mit der Person von Frida Kahlo und ihrer Zeit auseinander setzen möchte, ist man eingeladen, an den unzähligen ausstellungsbegleitenden Vorträgen oder Filmvorführungen teilzunehmen.

 

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Riccardo Santoboni: Rot – Gelb – Grün – Blau

Musikinstrument = Form = Farbe   ODER: 

Ein Cello ist eine Tür und ist Rot

Der italienische Komponist Riccardo Santoboni (*1964) hat die Farb- und Formenstudie von Antonio Passa Il Ri-tratto di Antonio in Musik umgesetzt. Ein faszinierendes auditives wie visuelles Abenteuer für alle: Maler – Musiker – Publikum. Anlässlich der Vernissage in der Galerie Hybrida wurde das Werk durch das Nabla Ensemble uraufgeführt. Der Künstler Passa hat für sein Opus vier Farben (Rot-Gelb-Grün-Blau) benutzt. Sein Ri-tratto, bestehend aus sechzig Farbquadraten, hat er in der Folge in vier (geometrische) Formen verwandelt: Tür, T, Treppe, Dolmen. Alle Formen haben die Maße von ca. 2,5 x 2 Meter. (s. auch Artikel über das Kunstwerk):

„Resonanz der emotionalen Wahrnehmung oder Gleichartigkeitswahrnehmung„  – Santoboni hat jedem Instrument ein Bild zugeordnet, das anhand von Klangfarben dargestellt wird. Das melodieführende Instrument hat immer zweieinhalb Minuten das Sagen und wird von den Rhythmus- oder Support-instrumenten begleitet. Lichtspektren und Klangfarbendynamik holen Farbton und Form in den Vordergrund und suchen der Dichte und den Farbnuancen des Kunstwerkes gerecht zu werden, bis der ersehnte Balance-Zustand der jeweiligen Struktur erreicht ist. Die Vielfalt der angewandten Farben spiegelt sich in der Vielfältigkeit der Klangfarben sowie Licht- und Akustikspektren wieder. Die musikalische Sprache ist sehr klar und verständlich und erstreckt sich vom französischen Barock bis ins 20. Jahrhundert.

Und so sieht das Geflecht aus Farben, Formen und Instrumenten aus:

Cello = Rot = Tür
Geige = Gelb = T
Oboe = Grün = Treppe
Kontrabassklarinette = Blau = Dolmen

Tür – T – Treppe – Dolmen

Rot: Santoboni hat diese Farbe dem dunklen und sehnsuchtsvollen Cello zugewiesen. Es ist das Hauptinstrument und beschreibt Passas TÜR. Diese beinhaltet die Quadrate und Linien in den Rot- und Rosafarben. Hierzu gehört auch die Synthese – das Bild Nr. 60. Rot, der Hauptprotagonist hier, steht auch für die tiefste Note dieses Lichtspektrums und wird mit der Textur des Cellos assoziiert. Sie insinuiert mysteriös den Umbruch und die Erneuerung und bereitet auf das was kommt vor. Das Cello ist konstant im Hintergrund, unterbrochen von kleinen Farbkleksen der Geige und langen Strichen. Eine Hommage an Blaubarts Burg.

Gelb: Diese Farbe hat er der Geige zugeteilt, die mit Tönen einen griechischen Tempel bauen soll. Antonio Passa nennt es „T-förmiger Grundriss des griechischen Baus“. Hier treten die gelben Diagonalen auf. Als Symbol für Stabilität und Balance generiert die gut gelaunte Geige durchdringend-schrille Akustikspektren und darf in den höchsten Tönen brillieren. Kapriolen schlagend wirbelt sie hell und dynamisch und barock-französisch tanzend durch das „T“ und wird von den anderen Instrumenten daran gehindert, durch die einzige Öffnung ins Freie zu entwischen. Gut gelaunt verneigen sich alle am Ende vor dem Sonnenkönig.

Grün: Die intensive und durchdringende Oboe ist das Hauptinstrument bei dem Bild TREPPE . Schüchtern erklimmt sie die chromatische Tonleiter, sammelt sich und purzelt dann leicht und geschmeidig die gesamte Tonleiter hoch. Passa hat für die Treppe nur die Diagonalen der für das menschliche Auge am sensibelsten wahrnehmbaren mediterranen Grüntöne benutzt. Die Mentalität und Oasen-Vegetation des östlichen Mittelmeerraumes mit all seinen monoton-beruhigenden Klängen und Wiederholungsstrukturen sind hier die hervorstechenden Merkmale.

Blau: Kalt, sideral und rigide geht es in die letzte, vierte Runde und die seltene Kontrabassklarinette ist für knapp drei Minuten der Held auf dem Parkett und beschreibt den unbeweglichen und zuverlässigen DOLMEN.  Die Musik kommt aus weiter Ferne. Seit fast 3000 Jahren steht der mysteriöse Dolmen in Carnac oder Stonehenge. Blaue und lila Töne sowie die dazugehörigen Diagonalen und Farbmarkierungen repräsentieren ihn. Das angestrebte Equilibrium über die Phasen Rot, Gelb, Grün zu Blau ist erreicht und das Stück pendelt sich in einen harmonischen Zustand. Blau ist das prominenteste Fragment (sagt Santoboni) und stützt den kompletten Aufbau. Die Intervention der Nebeninstrumente ist minimal, streng durch-konstruiert und hilft, die tiefen, vom monotonem Dröhnen dominierten, Töne der dunklen Klarinette oder des düsteren Cellos hervorzuheben.

Die vier Kompositionen sind so verschiedenartig und facettenreich wie es die zur Debatte stehenden vier Farben sind. Jede Komposition hat eine eigene Klang-Philosophie und einen alternativen Aufbau, bis sie sich zum Schluss zu einem 10-minütigen Gesamtwerk vereinen, deren Reinheit nur durch die kleinen Pausen gestört wird.

Riccardo Santoboni ist ein Experte für Computer- und elektronische Musik und widmet sein Leben der Musikrecherche (Human Computer Interaction). In Rom kooperiert er bisweilen mit der Accademia Musicale de Santa Cecilia und ist regelmäßig Gast bei der Accademia Musicale Chigiana. Er ist Professor für Harmonie, Kontrapunkt, Fuge und Komposition an den Konservatorien in Bari und Pescara. Außerdem unterrichtet er Akustik und Psychoakustik an der Universität Tor Vergaga in Rom. Im Jahre 2000 gründete er das Nabla Ensemble, das sich vor allem auf zeitgenössische Musik spezialisiert hat. Seit 2010 ist er Professor für Computermusik am Konservatorium für Musik in Rom Santa Cecilia. Er hat unzählige Diplome u.a. in Elektronik, Orchesterleitung, Chorleitung und Klangwissenschaft sowie einen Master als Klangingenieur. Am Pult stand er u.a. in Rom, Neapel und New York  vor den Orchestern von Neapel und Pescara. Der Musikwissenschaftlicher hat außerdem an vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen und etliche Preise gewonnen.

P1140612 Il Ri-tratto di Antonio – Komplett

Christa Blenk

Musik von Riccardo Santoboni

Infos zum Komponisten Riccardo Santoboni

Infos zur Ausstellung von Antonio Passa

 

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MAXXI LIVE MUSIC

maxxi 027

Im MAXXI (das zeitgenössische Museum in Rom im Norden der Flaminia) werden zur Zeit am Samstag abend Konzerte abgehalten – zeitgnössische Musik oder Jazz.

Gestern abend fand in der Galeria 1 – vor der großen « widow » von Anis Kapoor ein Konzert – fast ausschließlich für  Saxophon – statt.

Eingeleitet wurde es  mit einem Projekt von Massimo Massimi aus 2014 – preludio acusmatico « Superfici ».

Im Anschluss spielten die Saxofonisten Marco Pace, Mattia Catarinozzi und Valerio Gianferro Stücke von Giacinto Scelsi « Tre pezzi per sax soprano aus 1956; Luciano Berio « Sequenza IX b per sax contralto » aus 1981; Ryo Noda « Improvvissazione 1, 2, 3″, per sax contralto (1972); zwischendurch überraschte die Flötistin Dafne Cavaliere mit einem Stück von Salvatore Sciarrino « Come vengono prodotti gli incantesimi ».

Den Abschluss bildeten die Geigenschüler unter Maestro Giuseppe Crosta mit « 11 Duetti per due violini » von Luciano Berio  (1979-1983) - Bela – Shlomit – Yossi – Maja – Valerio – DAniela – Leonardo – Fiamma – Alfredo – Igor – Eduoardo.

Interessant und spannend – jedenfalls! Unglaublich laut leider das Publikum, da man mit der Eintrittskarte auch das Konzert hören konnte, gab es sehr viel Laufkundschaft.

maxxi 059

Infos zum MAXXI – Portrait auf KULTURA EXTRA

Christa Blenk

 

The great goyesque

June Papineau in Lausanne

Alchemie und Kunst – aus Baum ward Stein!

Künstler und Alchemisten haben so einiges gemeinsam. Beide werden sie von dem Wunsch getrieben, einen Gegenstand (Farbe, Marmor oder Metall) in einen anderen (Bild, Skulptur, Gold) zu verwandeln. Sie sind auf der Suche nach Neuem und ihr Hilfsmittel ist die Metamorphose. Ovid hat um 6-8 n.C. die kursierenden Geschichten von Göttern und Menschen zusammen gesucht, vervollständigt und weitere hinzugefügt. Dafür wurde er von Kaiser Augustus zur persona non grata erklärt und ans Schwarze Meer verbannt. Kunst und Literatur der letzten 2000 Jahre wären allerdings ganz schön leer und langweilig ohne seine Erzählungen.

Die Metamorphose, prominentes Handwerkszeug der Götter in der Antike. Zum Einsatz kamen sie vor allem, um ungehorsame oder zu talentierte menschliche Wesen zu bestrafen und in ihre Schranken zu weisen. Manchmal war aber auch Barmherzigkeit der Grund, jemanden oder etwas zu verwandeln. Denken wir an Niobe, der die Gnade widerfahren war, in einen Stein verwandelt zu werden, um vom Leid abzulenken, nachdem Apoll alle ihre Kinder getötet hatte. Oder Echo, die von sich aus ganz langsam zu einem alles wiederholenden Felsen erstarrte, um ihren Kummer über Narziss’ verschmähte Liebe nicht mehr ertragen zu müssen. Die Wassergöttin Thetis verwandelte sich in einen Vogel oder einen Baum, um sich vor Peleus’ Annäherungsversuchen zu schützen. Eine der schönsten Geschichten allerdings ist die von Pygmalion, hier ist es umgekehrt und der Stein erwacht – aus Liebe – zum Leben!

Leonardo da Vinci, Jan Brueghel d.A., Albrecht Dürer, Joseph Beuys, Rebecca Horn, Anish Kapoor und June Papineau heißen diese deus ex machinader Verwandlungen. Sie haben sich in einigen ihrer Werke mit dem Mysterium der Metamorphose beschäftigt und den Beobachter aufgefordert und eingeladen, bei der Exploration präsent zu sein oder das Ergebnis zu erleben.

Die Last wird leicht, wenn mit Geschick man sie trägt – sagte Ovid.

Im August 2013 haben wir mit der amerikanisch-schweizerischen Künstlerin June Papineau einen Ausflug in den französischen Jura gemacht  um den Entstehungsprozess des Great Goyesquezu erleben. Damals war diese Art Baumkreatur ein work in progress. Groß und weiß hing er zwischen den Bäumen. Bis Ende September 2013 hat June Papineau die Arbeiten an ihm fortgesetzt und ihre Zaubermischung aus Porzellan-Ton, Methylcellulose, weißem Kleber, Jurasalz, Mullbinden und Propylenglykol aufgetragen. Die Mutation im alchimistischen Sinne hatte begonnen.

Ab Oktober war er dann „reif“ und sie konnte mit dem „Schälen“ beginnen. Drei Tage hat der Abbau gedauert, dann war das Baumkleid (nun ohne den schützenden Baum und deshalb sehr vulnerabel) bereit, ins Auto gepackt zu werden. 30 km Autofahrt später erwachte er als große weiße unförmige Masse in ihrem Atelier in Genf. Nun begann die Vorbereitung für die Wiedergeburt der Skulptur. Von Oktober bis Mitte Februar besserte sie die Wetter-, Abbau und Transportschäden auf das Minutiöseste aus, bis er bereit und schön genug für den großen Tag war.

Seit 7. März 2014 (also fast sechs Monate nach der ersten Geburt) hängt der Great Goyesquenun in der Galerie D’(A) in Lausanne und an den Wald erinnert nur noch eine grün-gestrichene Wand in der Galerie.

June Papineau hat sich viele Gedanken gemacht und auf mirakulös-wunderbare Weise und mit viel Geschick die große Herausforderung gemeistert. Jetzt hängt er hier im Raum: wuchtig und trotzdem zart. Die Laubfrauen und Moorgeister, die im Wald um ihn herum geisterten, sind mitgekommen. Allen voran Marsyas natürlich, er thront in der Vitrine.

Sein Erscheinen in der Galerie D’(A) ist eine Wiedergeburt, eine zweifache Renaissance durch Metamorphose. Einmal das Auflegen ihrer persönlichen Geheimmischung, die Abnahme der Maske im Wald, der Transport und der Wiederaufbau im Atelier. Vor drei Wochen dann der zweite Abbau und die endgültige Installation in der Lausanner Galerie D’(A). Die Hauptpremiere!

Wir sind zur Vernissage nach Lausanne gefahren und konnten uns davon überzeugen, dass June Papineau das Unmögliche, nämlich diese verästelte und filigrane Riesenskulptur (wenn man alle Zweige mitrechnet dürften an die 12 Meter zusammen kommen) aus dem Wald herauszuschälen und dem Publikum zu präsentieren geschafft hat. Sechs Personen mussten beim Aufhängen in dem 25 Quadratmeter-Raum der Galerie mithelfen.

Schon beim Näherkommen konnten wir ihn durch die große Vitrine erspähen und haben ihn sofort wieder erkannt. Waldzauberversprühend zog er magnetisch das Publikum in die Galerie. TheGreat Goyesquehat eine Transition vom Pflanzlichen (vegetarischen) zum Steinigen (mineralischen) hinter sich. Man kann unter ihm durchgehen und ihn von beiden Seiten bestaunen und sieht manchmal noch ein wenig vom mineralisierten Moos. Wenn man ganz nahe ran geht, kann man das Jura-Salz riechen.

Jedes Ding hat zwei Seitendas stammt auch vom Dichter Ovid!

So wie die Skulptur hier auf uns zukommt, könnte sie – um ein vielfaches vergrößert – den kompletten Ring inszenieren (Berge und Unterwelt, Götter und Riesen, Tag und Nacht). Die kleinen Wichtel, Gnome und sonstigen Fabelwesen wären bereit, die Rolle der Nibelheim-Bewohner zu übernehmen.

Die Phantasie der Besucher (groß und klein) kennt an diesem Abend keine Grenzen und dieses „Ding“ hat definitiv mehr als zwei Seiten!

Die Fotografin Véronique Lachat hat diese wundersame und aufregende Aktion fotografisch begleitet. Einige ihrer schönen Fotografien sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Vier Wochen kann man den Great Goyesque, Marsyasund Co. dort besuchen und wie es anschließend weitergeht wissen im Moment nur die Magier oder die Götter auf dem Olymp …..

Bildergalerie ihrer Arbeiten

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GREAT GOYESQUE auf KULTURA EXTRA

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Christa Blenk

Foto: ©Véronique Lachat / Christa Blenk

Passa, Pythagoras und Santoboni

P1140612 Il Ri-tratto di Antonio, 2008 (240 x 430 cm)

 Passa, Pythagoras und Santoboni

Der italienische Künstler und Kunstanalytiker Antonio Passa befasst sich seit über 40 Jahren mit dem Zusammenspiel von Malerei und Mathematik. Sein Auftragswerk « Il Ri-tratto di Antonio » wurde sogar in Musik umgesetzt.

Der Titel ist ein Wortspiel und bedeutet einmal Selbstportrait (ritratto) aber auch die Wörter Gerade-Linie sowie Abhandlung sind darin versteckt.

Der erste Schritt war das Ausmessen des zur Verfügung stehenden Raumes in der Galerie Hybrida. Diese qm-Zahl hat er durch 60 geteilt und in der Folge seine Studie mit den vier Farben Gelb, Rot, Blau, Grün (in verschiedenen Farbnuancen) realisiert. Die Quadrate sind auf den ersten Blick ohne bestimmte Ordnung angeordnet.

Il Ri-Tratto di Antonio misst 240 x 430 cm und besteht aus 60 Fast-Quadraten (40 x 43 cm). 10 Farbflächen sind horizontal aneinander gereiht; sechs Reihen liegen übereinander. Die Komposition beginnt links oben und endet rechts unten. Die Ursprungsfarbe auf jedem Quadrat ist ein Rosa-Ton. Die Farbe der jeweiligen Fläche ergibt sich durch das Vermischen mit den Grundfarben Gelb, Rot, Blau, Grün. Sie ist – im Uhrzeigersinn – auf jedem Einzelbild als Balken vermerkt und wächst jeweils um einen cm. Das erste Bild heißt „Giallo A 1“, dann « Rosso A 2« , « Blue A 3 » und « Verde A 4 » etc. Ab Bild Nr 41 werden die Farbbalken aus Platzgründen diagonal gesetzt. Bild Nr. 60 ist ein rotes Carré im rosa Carré – sein Ursprungsrosa! Die 60 Bilder haben alle eine verwandtschaftliche DNA . Er hat seine Farb-Familie auf die Leinwand geholt!

Im Laufe der vierwöchigen Ausstellung mutierte ri-tratto dann zu neuen Kreationen: Einmal hat er die Farbquadrate chromatisch angeordnet, dann nach Formen und zum Schluss neue Gemälde gebildet, in dem er z.B. alle Diagonalen entfernte oder alles was Rot ist weg ließ.

Vieles geht uns durch den Kopf: Goethes Farbenlehre, die Farblichtmusik von Mussorskys Bilder einer Ausstellung, die Experimente von Gerhard Richter und Boetti, Yves Klein und seine Symphonie monotone, die amerikanischen Minimalisten Sol Lewitt und Frank Stella und computergesteuerte DNA Berechnungen die zu Noten werden. Der Verfasser von GEB, Douglas R. Hofstadter hätte seine wahre Freude an dieser Studie!

P1140633P1140635 Passa mit Bild Nr 40 und 60 

1939 ist Antonio Passa am Tyrrhenischen Meer geboren. In Neapel hat er Kunst studiert und in Bologna seine Doktorarbeit über « Poesia Visiva » fertig gestellt. 1970 kam er nach Rom und setzt sich seitdem mit dem konzeptuellen Dialog in der Kunst auseinander, unterlegt hat er dieses Konzept 1973 mit der Serie Quadro Quadrato.1986 war der Teilnehmer bei der Biennale di Venezia; zweimal war er bei der Quadrienale in Rom vertreten.

Der ehemalige Direktor der Akademie der Schönen Künste in Rom lebt heute eher zurückgezogen. Wir haben ihn besucht und uns die faszinierende Geschichte seiner Kunstphilosophie erzählen lassen. Kunst existiert nicht, sagt er, sie ist immer der Spiegel unseres derzeitigen Daseins. Bei unserem Ankommen war er gerade dabei, eine auf einen runden Holzrahmen gespannte Leinwand zum zehnten Mal zu überpinseln – das wird eine Hommage an Pythagoras, informierte er uns und schickte hinterher, dass wir doch die Mäntel anlassen sollen, da wir zuerst einen Caffè in der Bar trinken würden. Dort erzählt er dann von Pythagoras und dass dieser vorsokratische Philosoph, Mathematiker und Miterfinder der mathematischen Analyse der Musik einen Großteil seines Lebens in Süditalien verbracht hätte.

P1140627 Werk aus den 80er Jahren

Rahmen – Leinwand – Farbe

Obwohl das – für ihr – die Zutaten für ein Bild sind, geht es erstmal nur um Zirkel, Lineal, Gerade, Winkel, Axiom, Dreieck, Quadrat, Kegel etc. – sind wir wirklich bei einem Künstler oder haben wir uns in der Tür geirrt und einen Mathematiker vor uns? Ein Blick auf die uns umgebenden Bilder, Farbtöpfe und Pinsel strafen unseren Blitzgedanken allerdings Lüge. Farben gibt es für ihn nur vier – allerdings in unzähligen Schattierungen, aber davon spricht er erst beim zweiten Ansatz. Wir lernen auch, dass man, um einen runden Rahmen zu bespannen, die Leinwand in 16 Teile zerschneiden muss, sonst klafft sie immer irgendwo auseinander. Seine Bilder sind von beiden Seiten zu betrachten und perfekt finalisiert (nichts wird auf der Rückseite versteckt!). Er stellt sie am liebsten als Objekt/Skulptur aus.

Mathematisch, rationell und analytisch konfrontiert sich der leidenschaftliche Zigarrenraucher mit den aktuellen Kunst-Richtungen. Heißblütig verteidigt er die « zurückgelassenen » zeitgenössischen italienischen Künstler. In Rom werden sie seiner Meinung nach zu wenig wahrgenommen – er hat recht!

Antonio Passa ist ein strenger Konversationspartner, der nichts durchgehen lässt. Am Ende einer Unterhaltung mit ihm, ist man dafür immer ein wenig schlauer und 30 Minuten werden im Flug zu zwei Stunden!

Der kommerzielle Erfolg ist sekundär für ihn. Wichtig und fundamental ist das Konzept und dessen perfekteste Realisierung. Er produziert wenig. Zwei Jahre hat er an seinem Ri-tratto gearbeitet. Für uns hat er sein „Familienfoto“ aufgebaut, anschließend mussten die 60 Farbflächen auch gleich wieder in ihre Kartons zurück. Er braucht den Platz jetzt für seine Pythagoras-hommage, mit der er sich schon seit fast zwei Jahren beschäftigt. Und natürlich sind wieder geometrische Formen seine Protagonisten: das Dreieck und ein Pentagramm. Wisst Ihr wie schwierig ein Pentagramm zu zeichnen ist? Er musste dafür sogar einen Mathematiker zu Rate ziehen.

2009 wurde „Il Ri-tratto di Antonio“ in der Galleria Hybrida Contemporanea in Rom zum ersten Mal dem Publikum vorgestellt. Das Nabla Ensemble untermalte musikalisch die Vernissage mit dem von Ricardo Santoboni eigens dafür komponierten 15-Minuten Stück (spettacolo multimediale-sinestetico).

Beeindruckt verlassen wir ihn.

Christa Blenk

auch auf KULTURA Extra erschienen → Il Ri-tratto di Antonio

 

Zusatz: Goethe während seiner Italienreise (1786-88) machte ähnliche Beobachtungen und begann selber, Aquarelle zu malen. Ein Blick durch ein Prisma entfachte sein Interesse dann definitif an der Farbenlehre. Seine Annäherung war aber romantischer als die analytisch-mathematische von Passa!

1810 veröffentlichte er « Beiträge zur Chromatik ».

« Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste physikalisch Apparat, den es geben kann, und das ist eben das größte Unheil der neueren Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will. » (Maximen und Reflexionen, in: Karl Otto Conrady: Goethe – Leben und Werk, Band 2, S. 265)

Rodin – der Marmor, das Leben

P1140637 Kurzbericht über die Ausstellung auf KULTURA EXTRA

 

Die war es, wo der heißbegehrte Mund / von solchem Liebenden geküsst wurde,/ da küsste dieser hier, der nie von mir / getrennt sein wird, erbebend mir den Mund….
(Dante, Göttliche Komödie, Hölle, 5. Vers – Dante trifft hier auf zwei Seelen, die miteinander durch die  Luft  schweben. Vergil erlaubt ihm, sie heranzurufen. Es sind Francesca da Rimini und ihr Geliebter Paolo Malatesta).

Seit Ende Februar ist es endlich so weit. Rodins lang erwartete Ausstellung ist die nächsten Monate in den römischen Diokletian-Thermen zu Gast und die 60 Marmorskulpturen geben die Geheimnisse über den ästhetischen und künstlerischen Fortgang dieses französischen Bildhauers preis und erzählen von seinem Kampf, den er zwischen 1880 und 1917 mit sich und den Elementen austrug, was in der Folge zur Revolution der Bildhauerei führte.

Der Kuss, dieses weltbekannte, übergroße und relativ konventionelle  Skulpturenpaar ist das Hauptexponat der Show (obwohl es meiner Meinung nach nicht zu seinen interessantesten Werken gehört) und zieht die Besucher gleich am Eingang in seinen Bann. Als Ergebnis seiner Konfrontation mit Dantes Göttlicher Komödie begann Rodin 1886 mit der Ausarbeitung seines „Höllentors“. Der Kuss (wie auch Der Denker) sollten ursprünglich Teile davon sein. Rodin änderte aber später seine Meinung und präsentierte das Skulpturenpaar als individuelles Werk. Es fand so großen Anklang beim Pariser Publikum, dass Rodin es in Bronze und Marmor und in verschiedenen Größen anfertigte (bzw. anfertigen ließ).

Das Fehlen von Zeichnungen und Bronzen in dieser Ausstellung von Rodins Marmorarbeiten mit dem schönen Titel „der Marmor, das Leben“, zeigt den französischen Pionier in einem ganz anderen Licht. Jedes kleine Stück Marmor lebt und vibriert und die eingeschlossenen Personen schreien förmlich, endlich von der Nabelschnur befreit zu werden. Er holt sie, soweit möglich und trotz größter Resistenz, aus dem Steingefängnis heraus, und deklariert dabei das passiv Verbleibende zum Teil des Kunstwerkes. Nicht-Gebrauchtes und Überflüssiges wird einfach weggemeisselt. Er setzt seine Werkzeuge von allen Seiten ein und je nach dem wo man steht, sieht man eine unterschiedliche Lebensphase seines Modells. Faszinierende Erfahrung, bei diesem „work in progress“ dabei zu sein. Die Sklaven von Michelangelo  – die dieser gewaltige Renaissance-Bildhauer aus dem Carrarablock ausbrechen ließ -  haben ihn sicher bestärkt, diesen Weg des non-finito zu beschreiten. Es war ein mutiger und revolutionärer, aber zugleich auch der einfachere Weg!

Hände verwandeln sich in Arm- und Beingewinde, in Personenlandschaften oder allegorische Paare und Köpfe bersten aus den Felsen. Rodins Modelle mussten bisweilen ausgesprochen manieristische und fast unakzeptable Posen einnehmen – zumuten konnte er das nur seinen Musen, Geliebten und eventuell noch Tänzerinnen! Er hat seine verquere Phantasie einfach laufen lassen, sie nie gezügelt oder versucht sie zu kontrollieren.

Danaide, die Schwester des Ikakus, Victor Hugo, Lady Sackville (1914-1916) sind Beispiele seines Umgangs mit dieser persönlichen Unabhängigkeit. Lady Sackville z.B. war nie zufrieden mit ihrem Aussehen und saß ihm immer wieder Modell. Die damals 50jährige sieht beim Betrachten von vorne wie ein junges Mädchen aus, geht man aber um die Skulptur herum und am Schal vorbei, ist sie plötzlich zur alten Frau geworden. Dann die Hand Gottes, die zum schmorenden Inferno wird. Und so geht das weiter – Reihe und Reihe bis man am Ende zu den Portraits kommt und auf einen faszinierenden Vicotr Hugo stösst.

François-Auguste-René Rodin (1840-1917), dieser Trendsetter und Vorkämpfer der Moderne, leitete ein neues Zeitalter der Bilderhauerei ein.  Von 1875-76 ging er auf Studienreise nach Italien, um das „Geheimnis Michelangelos zu entschlüsseln“. Er erschuf und etablierte einen neuen Schönheitsbegriff und setzte andere Maßstäbe auf dem Gebiet der Skulptur im ständigen Kampf gegen den Akademismus. Wobei die Franzosen mit ihm sehr viel gnädiger waren, als mit den meisten Malern oder Musikern, die auf ihrem Gebiet das 20. Jahrhundert neu gestalten wollten. Alles Idealisierende lehnte er kategorisch ab – er war ein expressionistischer Brückenbauer von der Antike über Donatello und Michelangelo ins beginnende 20. Jahrhundert. Das Non-finito ist ein typisches Stilmerkmal seiner Arbeit.

P1140643-1 Diokletian Thermen mit Santa Maria degli Angeli e Martiri

Der erste Revolutionär der Bildhauer, nämlich Michelangelo, war für Rodins Ausbildung enorm wichtig und ist von seinem Schaffensprozess nicht wegzudenken. Rodins Arbeiten zeugen immer wieder von den Studien in der Sixtinischen Kapelle, den Sklaven oder vom überwältigenden Moses in der Kirche San Pietro in Vincoli (meine Lieblingsskulptur). Allerdings brauchte Rodin viel Selbstvertrauen und Mut einfach an einem bestimmten Punkt den Meißel fallen zu lassen (vielleicht wusste er aber auch einfach manchmal nicht, wie es weitergehen könnte – und hat aus der Not eine Tugend gemacht! Who knows?

Michelangelo hat vor ca 450 Jahren auch seine Spuren in den Diokletian Thermen hinterlassen. Im Herz dieser antiken „Thermal-Badeanstalt“ ließ er die Basilica di Santa Maria degli Angeli e dei Martiri Cristiani errichten. Erbaut hat sie schon Kaiser Diokletian zwischen 284-305 (mit 380 x 360 m sind sie übrigens um einiges größer als die Caracalla Thermen, die 90 Jahre älter sind).

Eine wunderbare Ausstellung an diesem magischen Ort auf jeden Fall! Vor Rom war sie mit großen Erfolg in Mailand zu sehen. Kuratiert von Aline Magnien aus dem Rodin Museon in Paris und Flario Arensi. Bis 25. Mai 2014 ist sie zu sehen.

Mit den bezaubernden Modiglianis der Netter Sammlung, den Giacomettis in den Galleria Borghese und den Meisterwerken aus dem Musée d’Orsay ist ein kleiner Teil der Paris-Attraktionen nach Rom gekommen – für ein paar Wochen!

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Christa Blenk

 

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5 Tage am Atlantik

Notre Dame de Monts in der Vendée – 5 Tage mit Ausfluegen zum Gois, nach Noirmoutier, Beauvoir-sur-Mer, zum alten Hafen von Collet und zur Abtei des Hl Philibert – aus dem 9. Jahrhundert – der u.a. angefangen hat, diese Poldergegend (Marais) bewohnbar zu machen. Das Marais ist eine riesige Gegend zwischen Atlantik und Nantes.

Fotoreportagen auf Artmore

noirmoutier 067

- Le Gois

- Poetisches Marais

- die Venus vom Marais

- Belle Epoque

- Atlantik im Februar

- Wolken

- Hafen von Collet

- Abtei Hl. Philibertus

- Barrières

- Fischernetze

 

Fotos/ Christa Blenk

 

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Alma Tadema und die englischen Maler im 19. Jahrhundert

50 Meisterwerke des „Aesthetic Movement“ aus der Pérez Simón Sammlung

 Antike, Dandy und Tapetenmuster

Alma Tadema und die englischen Maler des 19. Jahrhundert ist der Titel der Ausstellung, die seit 17. Februar im Chiostro del Bramante in Rom zu sehen ist. In Paris, wo die Ausstellung bis Januar zu sehen war, trug sie den wesentlich zutreffenderen Titel Désirs & Volupté à l’époque victorienne (Begierde und Sinnlichkeit im viktorianischen Zeitalter). So gesehen ein rosarotes (Zucker)Schmankerl, weil man diese Komposition geballter Sinnlichkeit sonst nur unter viel Aufwand und diversen Reisen zu sehen bekommt.

Die Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen sind u.a. von Lawrence Alma Tadema, Edward Burne-Jones, Dante Gabriel Rossetti, Albert Joseph Moore, Frederic Leighton; und wie immer in der Malerei greift man auf die Antike zurück, wenn man die Amoralität der naturalistischen üppigen Darstellung von Nacktheit umgehen möchte. Die Damen haben zwar alle englische Gesichter, sind mit Vorliebe angelsächsisch-rothaarig und zeigen sehr viel weiße Haut, die Szenen spielen sich aber in Ägypten oder in Pompeij ab – auf jeden Fall weit weg vom Inselstaat.

Mythologie, Shakespeare, und das „Leisure“-Leben der Privilegierten sind die Schwerpunkte dieser den (schönen) Frauen gewidmeten Epoche. Hauptprotagonisten sind Musen, Modelle, femmes fatales, höhere Töchter – eine Frauenwelt, in der Männer nur existieren, weil man vermutetet dass sie das Gesprächsthema der Schönen sind – jedenfalls ist auf den 50 Exponaten nicht ein einziger Vertreter des starken Geschlechts zu sehen. Dekorativ, sphinxartig, mysteriös, kontemplativ und politisch unkorrekt konfrontieren sie irdische Vergnügen mit der flüchtigen Natur des Daseins. Mit Licht und Farbe entfernt sich die Kunst vom Akademismus hin zur Moderne.

01_Les Roses d'Héliogabale Alma-TademaAlma Tadema – Le rose di Eliogabalo – 1888 – olio su tela, 132,7 x 214,4 cm – Messico, Collezione Pérez Simón- © Studio Sebert Photographes

Es ist die Zeit von Königin Viktoria (1837-1901), die ja nicht gerade als freizügig verschrieen war. Prüde und schwarz war ihr von der Industrialisierung geprägtes Umfeld. London war grau und diesig und der berühmte englische Smog stand am Anfang seiner Edgar Wallace-Karriere. Dieser hässliche Nebel-Zustand animierte und verlangte nach der Entstehung eines „Aesthetic Movement“, das direkt aus dem Romantizismus entstand. Im Mittelpunkt und über allem stand die Schönheit der Frau, am liebsten in transparenten, körperumspielenden zarten Stoffen oder in geheimen Konversationen (über Männer!) verstrickt. Englands moralischer Niedergang wird vor den Hochöfen der Industrialisierung mit künstlerisch meisterhafter und spitzfindig dekorativer Souplesse kaschiert. Schlegel und Gautier standen auf der anderen Seite des „Kanals“ für diese Ode an die Schönheit, die über Ethik und Religion gestellt werden sollte – alles wurde dem « Schönen » untergeordnet. Die voluminösen viktorianischen Kleider und Mützen hatten keinen Platz darin.

Die Vertreter dieser erstmals disparaten und schief angesehenen Bewegung entflohen den bourgeoisen Zwängen und dem falschen Moralismus und propagierten die neue farbliche Sinnlichkeit gegenüber der vorherrschenden biederen und züchtigen Mode.

Ein Hauptwerk der Ausstellung ist das Werk Griechische Mädchen beim Aufnehmen von Kieselsteinen am Strand, 1871 hat es der britische Maler und Bildhauer Frederick Lord Leighton geschaffen und genau das stellt es auch dar – Frauen im ästhetischen Gleichschritt mit flatternden Schals, die sich nach Muscheln bücken. Oder Leightons eher symbolische Crenaia – Nymphe vom Fluß Dargle (1880). Ihr herabfallender Schleier entblösst mehr als er bedeckt und täuscht die Verlängerung eines Wasserfalls vor. Dann Rossettis Portrait von seiner Frau und Muse Elisabeth Siddal, auf der Suche nach einem neuen Schönheitsideal. Das originellste Werk ist aber ohne Zweifel Alma Tademas Die Rosen von Heliogabalus. Ca 1,5 x 2 Meter ist es groß und zeigt einen römischen Kaiser, der die lasziv in Rosen badenden Frauen/Sklavinnen betrachtet – eine dekadente Apotheose in Rosa.

In der englischen Malerei des 19. Jahrhunderts treffen alle aktiven Kunst-Bewegungen dieses umstürzlerischen Jahrhunderts zusammen: Die Nazarener (um 1800), die Pre-Raffaeliten (ca. 1850), der Symbolismus (ca. 1880-1910), die Romantik (ca 1780-1850) der Impressionismus (ca. 1860-1900), der (Neo)-klassizismus (ca 1780-1900) und der Realismus (ca. 1830-1880), sogar der spätere Jugendstil (ca. 1895-1915). Während die Historienmalerei verzweifelt versucht zwischen Neoklassizismus und Romantik die Geschichte aufzuarbeiten und dabei zur wichtigsten und verzweifelten Bastion gegen die aufkommende Moderne wird, malen diese noblen Engländer Illusionen und verlorene Träume in kitschigen Pastelltönen.

Vom Trendsetter-Hohepriester zum Satan-Geächteten.

Oscar Wilde war der wichtigste literarische Hauptakteur dieser Ästhetischen Bewegung und erklärte sich zu deren Wortführer. Bissig und sarkastisch zuweilen, lebte auch er die Exzesse der Schönheit (auf seine Weise) und sein Vorwort zum Bildnis von Dorian Gray wird als Manifest des Ästhetizismus gehandelt. Er erfand den « Dandy » („ein junger Mann, der in auffälliger Bekleidung Kirchen oder Jahrmarkt besucht“) und der Dandyismus wurde zu einer Lebensanschauung (über ihn parodierte Thomas Mann in seinem Tristan später!). Allerdings im Gegensatz zum Beau in Frankreich (Beau Brummel) oder zum Stutzer (Hermann von Pückler-Muskau) in Preußen verabscheute der britische Dandy alles Grelle, Laute oder Parfümierte. Er war einfach nur ein Snob und vervollständigte seine Kleidung mit Witz und Bonmot (Lord Byron). Körperliche Arbeiten konnten oder durften diese Zeitgenossen allerdings nicht verrichten! Man war Lord und lebte von Geerbtem oder wurde unterstützt.

Unter den vielen jungen Leuten in England, die mit mir zusammen die englische Renaissance zu vollenden und vollkommen zu machen suchen – Jeunes guerriers du drapeau romantique (junge Krieger mit romantischer Fahne), wie Gautier uns genannt hat – gibt es keinen, der eine makellosere und glühendere Liebe zur Kunst hat, keinen, dessen künstlerischer Schönheitssinn zarter und feiner ist – keinen fürwahr, der mir lieber ist….. (Oscar Wilde spricht hier von Keats)

Die Präraffaeliten, die in der Ausstellung ebenfalls stark vertreten sind, entstanden als Reaktion auf die deutschen Nazarener in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Bruderschaft. Beeinflusst vom den Italienern des Trecento und Quattrocento, Raffael und Botticelli. John Everett Millais, von ihm und von William Holman Hunt sind einige Werke hier zu sehen, gründeten zusammen mit den Brüdern Rossetti diese präraffaelitische Bruderschaft (The Pre-Raphaelite Brotherhood, PRB) 1848 im Haus von Millais’ Eltern. Ähnlich wie auch der Lukasbund der Nazarener (der sich in Auflösung befand) hatten auch sie ein Manifest mit festen Regeln und lehnten die akademische Malerei und den Individualismus ab. William Blake wurde ihr Dichter, die Natur ihre Muse. Alle sollten nur mit PRB signieren.

Nachdem wir also knappe zwei Stunden mit rosiger Leichtigkeit durch die Ausstellung geschwebt und glücklich wieder aufgetaucht sind, berieselt nur durch die banalen Erklärungen der Kopfhörer, die sich auf eine Beschreibung des Themas und der Farben beschränkten, sind wir fix und fertig von diesem Überfluss an Farben, von diesem wollüstigen Bad, von den überschwenglichen Blumen, halbnackten Frauen und visuellen Orientgeschichten und vor allem von dem Durcheinander der aneinander gereihten Werke. Aber: do not miss it!

Véronique Gerard-Powell hat in Zusammenarbeit mit dem Musée Jacquemart-André Paris, dem Museo Thyssen Bornemiza Madrid, dem Chiostro di Bramante Rom, unterstützt durch die JAPS Foundation diese Ausstellung kuratiert.

Bis zum 5. Juni ist sie noch zu sehen. Dann geht die Ausstellung nach London – was für viele Bilder eine kurzfristige Rückkehr in die Heimat bedeutet.

Die Sammlung Pérez Simón ist in Mexico City zu hause – beim Eigentümer. Sie ist eine der größten Privatsammlungen für viktorianische Kunst. Die „Schönheit“ an sich hat es dem Besitzer angetan und vor allem die Schönheit der Frauen. In nur 45 Jahren hat er über 1500 Werke zusammen gekauft – alle Kunst-Epochen sind vertreten. Angefangen mit Arbeiten aus dem 14. Jahrhundert, tummeln sich außerdem Werke von Goya, Veronese, Rubens, Corot, Monet, VanGogh, Cezanne, Gris, Dalí, Picasso und dann natürlich diese Wahnsinnssamlung der Engländer des 19. Jahrhundert bei ihm. „Liebe auf den ersten Blick“ ist sein Motto – so kauft er ein, nur ganz selten lässt er sich beraten und man ist nur erstaunt, was man heutzutage alles noch zu kaufen kann. Als 15-Jähriger hat er die Kunst entdeckt und ist vielleicht deshalb so reich geworden, um eine Sammlung von diesem Ausmaß anzuhäufen. Er hat bei der Baronin von Thyssen gekauft und auch bei Andrew Lloyd Webber. Übrigens sammelt er nicht nur Kunst, auch Partituren sind in seiner Sammlung zu finden. Er könnte so aus dem Ärmel über jede Epoche eine Ausstellung organisieren. 2006 hat er angefangen, sich ab und zu von seinen Schätzen zu trennen und seine Bilder auf Reisen zu schicken. Zum ersten Mal wurde ein Teil in Madrid, im Thyssen-Bornemisza Museum gezeigt, dann in Peking (während der Olympiade) später Shanghai, Paris, Rom.

Pérez Simon ist 1935 in Asturias (Spanien) geboren und es erübrigt sich zu erwähnen, dass er einer der reichsten Männer Mexikos ist.

Christa Blenk

auch in KULTURA EXTRA →ALMA TADEMA

 

 

 

 

nach dem Regen

Villa Torlonia 009FrühlingVilla Torlonia 016

und auf artmore

 

Zwei Dichter zu Gast bei Goethe

Jeden Tag ein Gedicht!
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Christine Koschel (*1936) und Harald Hartung (*1932)  trafen sich gestern Abend (zum ersten Mal) in der Casa di Goethe und lasen jeweils aus ihren letzten Gedichtsbänden vor.

Die Eine (Koschel)  ist in Breslau geboren, floh mit ihrer Mutter 1944 in den Westen, lebt und arbeitet allerdings seit 1965 in Rom, der Andere (Hartung) ist in Herne geboren und lebt in Berlin. Beide sind Vorkriegskinder von Vatergenerationen, haben viel gemein und schreiben ganz unterschiedlich!

Christine Koschel stellte ihr letztes Werk Bis das Gedächtnis grünet vor. D.h. Eigentlich hat dies Harald Hartung anhand seiner schönen und lehrreichen Besprechung ihres Bandes in der FAZ im letzten Jahr übernommen.

Hartung verbindet ihr Erstlingswerk Den Windschädel (1961) mit dem letzten Band Bis das Gedächtnis grünet und kommt zu dem Ergebnis, dass Christine Koschel ihren Schreibstil nicht geändert habe in all der Zeit. Sie bliebe sich und ihren Worten treu „zeitbedingte Wandlungen“ mit eingerechnet. Ob das auch daran liegt, dass sie in Rom lebt und sich hier einfach nichts ändern darf, bleibt dahin gestellt. Er zitiert Nelly Sachs prophetischen Satz über ihren Debütband 1961, das „viele Blitze aus den Nächtigkeiten der Worte geschlagen“ würden.

Bachmann, Celan und Hölderlin sind ihre Vorbilder. Bachmann kann man bei vielen ihrer Gedichte förmlich spüren.

Bevor sie also ans Vorlesen geht, stellt uns Hartung noch typische Koschel-Wörter vor wie: OhrenscheinSchattenzukunftMorschrichtungStummeldasein und das berührte Zackern.

In der Schwebe; Zwitteralter; Hungerung; Exilant (Wenn ihm Heimat unter die Füße gerät – Spontan sagt Koschel bei der zweiten Lektüre auf Wunsch einer Zuhörerin „er glaubt nicht daran, er glaubt nicht an die Heimat“ – „ich sage sonst nie etwas über meine Gedichte“ fügt sie hinzu). Fast hat man das Eindruck, dass sie selber auch gerade diese Erkenntnis gemacht hat; Römischer Fluß – das hat mich z.B. sehr stark an Bachmanns Römisches Nachtbild erinnert. Sogar der Rhythmus!

Später erzählt sie dann eine Geschichte, sie sich auf der Flucht 1945 in der heutigen Tschechei zugetragen hat. „Urerlebnis mit Kind“ nennt sie es. Im Hof einer alten Bierbrauerei, wo sie sich mit ihrer Mutter versteckt hielt, standen drei große Busse (darin befanden sich zurückgelassene Waisenkinder – hat sie später gelernt). Koschel spielt im Hof und betritt einen der Busse. Was sie dort sah hat sie nie vergessen. Tote Kinder, kranke Kinder, traurig-verhungerte Kinder und vor allem blickende Kinder – „dem Blick muss ich treu bleiben“ sagt sie. Dem Blick und vielen anderen.

Am Tiber

Harald Hartung bezeichnete sich selber als „poeta privato“ und warnte gleich zu Anfang, dass seine Gedichte sehr einfach zu verstehen wären, konventionell, er liebe den Reim. Das Parkett der Lyriker hat er – schüchtern – 1970 mit dem Band Hase und Hegel betreten.

Er ist ein direkter und unverblühmter Dichter, während sich Koschel als indirekte Dichterin sieht. Sie umschreibt oder erklärt was sie sagen will, sie sagt z.B. „zackern“, wenn sie eigentlich vom sich Abrackern der Dichter auf ihrem schweren Weg reden will.

In ihrem Gedicht „Zackern“ greift sie auf ein Wort zurück, das Hölderlin während der Arbeit an seiner Pindar-Übersetzung benutzte und Paul Celan in einem späten Gedicht aufgriff. „Ein Zittern zackert dir im Leibe“. Es ist die Poesie, die so lautmalerisch „zackert“. Von ihr heißt es zuletzt, gleichsam erlösend: „im Einklang bist du frei / von Grund auf.“ Das ist die Utopie der Christine Koschel. Und so ist das, wenn das Gedächtnis grünet. (Quelle Harald Hartung, FAZ)

Hartung ist beides: Kritiker und Dichter und in beidem ist er gleichgut. Seit vielen Jahren schreibt der die allerschönsten Lyrik-Besprechungen in der FAZ. Er stellte gestern abend seinen letzten Band Der Tag vor dem Abend vor. 2003 bekam er den Würth Preis für Europäische Literatur.

Anlässlich seines 80. Geburtstag hat Felicitas von Lovenberg – ebenfalls in der FAZ – über ihn gesagt: „Wer Neues bewertet, braucht Kriterien, wer Neues schafft, braucht Freiheit. Man könnte auch sagen: „Ein Kritiker braucht Wurzeln, ein Dichter Flügel. Harald Hartung verfügt über beides:“ Sie bezeichnet ihn als „Kritiko-Poet“ in der Nachfolge von Baudelaire bis Benn.

Hartung beginnt mit dem Gedicht Drunten horcht ein Kind – Koschel wollte dann gleich wissen was für ein Kind? Ein Kind, 1935, im Ruhrgebiet, unter einem Tisch – aber auch das jetzige Kind, sagte er darauf. Seine Gedichte heißen: Gedicht mit Kontrabass (der Kontrabass muss geschrieen haben); Sommertag, 30er Jahre (Kindheitserinnerungen, Krieg); Unser Freund Anatol (es ist egal an welchen Anatol Sie denken wollen – an den von Frisch oder Schnitzler – ich denke an meinen Anatol, sagt er); Aus Sant’Angelo und Via del Corso (Rom Referenzen).

Er bewundert den italienischen Dichter Eugenio Montale, sagt er uns zum Schluss und zitiert ihn „Meine früheren Verse schrieb ich im Frack, meine späteren im Schlafanzug“. Er, Hartung, würde im Schlafanzug schreiben.

Beide Dichter fühlen sich nicht gebunden an Adornos Verdikt, dass nach Auschwitz Gedichte zu schreiben barbarisch sei. Damit gehören sie zum Bund von Celan, Nelly Sachs und auch Ingeborg Bachmann.

Gedicht mit Kontrabaß

 Mit zwei Koffern Vater und Mutter / und einem Kontrabaß / an einem Maiabend / auf einem Schützenpanzer
 über die gepanzerte / Wand auf den Platz schauen / der vom Geräusch der Flammen hallt / die aus dem Rathaus schlagen
 Am nächsten Vormittag dann / ohne Koffer und Kontrabaß / mit Vater und Mutter / in einem Straßengraben
 Das gab eine Art Haiku /  Der Panzer ist ausgebrannt / Mutter hält sich an der / geretteten Handtasche fest
 Und der Kontrabaß? Er muß geschrieen haben unter  / der MG-Garbe o Gott / er muß geschrieen haben (Harald Hartung)

Man sollte jeden Tag ein Gedicht lesen, auf diesen Satz von Goethe machte uns dann auch noch ein anderer Zuhörer aufmerksam. Das dürfte uns eigentlich bei diesen schönen Gedichten nicht schwer fallen.

Da ich den Band von Christine Koschel noch nicht habe und mir auch die Gedichte – leider – nicht merken konnte: hier das Römische Nachtbild von Ingeborg Bachmann, die ja indirekt mit diesem angenehmen Abend auch etwa zu tun hatte: Zusammen mit Inge von Weidenbaum kümmert sich Christine Koschel um den Nachlass von Ingeborg Bachmann.

Römisches Nachtbild
Wenn das Schaukelbrett die sieben Hügel / nach oben entführt, gleitet es auch,/ von uns beschwert und umschlungen,
ins finstere Wasser, / taucht in den Flußschlamm, bis in unsrem Schoß / die Fische sich sammeln.
Ist die Reihe an uns, / stoßen wir ab.
Es sinken die Hügel, / wir steigen und teilen / jeden Fisch mit der Nacht.
Keiner springt ab. / So gewiß ist’s, daß nur die Liebe / und einer den andern erhöht.  (Ingeborg Bachmann)

Am TiberAm Tiber für MK

Christa Blenk

Fotos: Serie « Am Tiber » ©Christa Blenk

 

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Gerardo Aparicio

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