Fritz Ascher

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 Eduard Bischoff: Porträt Fritz Ascher (1912) – Privatsammlung 

 

Leben ist Glühn

Der wieder entdeckte Expressionist Fritz Ascher (1893-1970) zu Gast  in der Oppenheim-Villa

Seit dem 8. Dezember 2017 sind in der Villa Oppenheim in Berlin Gemälde und  Zeichnungen des vergessenen deutschen Expressionisten Fritz Ascher zu sehen. 

1893 wurde Ascher in Berlin in eine wohlhabende jüdische Bürgerfamilie  hineingeboren und acht Jahre später getauft. Als 16 jähriger kommt er zu Max Liebermann, der sein Talent erkennt und ihn gleich an die Akademie für Bildende Künste in Königsberg empfiehlt. Dort lernt er Eduard Bischoff kennen. Er hat 1912 auch Aschers Portrait gemalt, das einen jungen, sympathischen und fröhlichen Mann zeigt und die Ausstellung in der Villa in Charlottenburg eröffnet. Ein Jahr später, 1913, kommt Ascher nach Berlin zurück und studiert bei Lovis Corinth und Kurt Agthe und trifft auf den Maler  Edvard Munch.

Zu  Beginn des ersten Weltkrieges ist Ascher  22 Jahre alt und malt im Geist der Zeit.  In den 1920er Jahren zählt er zu der hoffnungsvollen, jungen Avantgarde-Malern mit einer großen Zukunft.  In seinen Bildern stecken  Noldes kräftige Farben und Beckmanns  bauchige Figuren aber auch das ausdrucksstarke grelle Durcheinander von James Ensor.

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Golgatha (1915)

 

Nach dem ersten Weltkrieg lernt er in München die Malerei des Blauen Reiters kennen und freundet sich mit den Künstlern des Satiremagazins Simplicissimus an, darunter George Grosz und Käthe Kollwitz und ist fasziniert von Gustav Meyrinks Golem-Figur, die er immer wieder in seinen Arbeiten aufnimmt. Hier nähert er sich Ideen und Realisierungen des Spaniers Goya, stark expressionistisch und hart. Mythen, Sagen, Religion, Musik und Theater faszinieren ihn. Golem-Bilder aus den frühen Jahren nimmt er nach 1945 wieder auf und erfindet sie neu.

Ab 1938 darf er nicht mehr malen und für die Nazis gehört er zu den Entarteten. Er verbringt den Krieg abwechselnd in Verstecken, im Konzentrationslager oder in Gefängnissen und bei Kriegsende war er ein gebrochener Künstler, um den sich Martha Grassmann zeitlebens kümmern wird. Er verbringt Zeit im Grunewald und malt kräftige Nolde-Sonnen oder stabile, unbiegsame Bäume, die an die Farben von Liebermann erinnern. Aber in den Nachkriegswerken sind auch die Neuen Wilden wie Baselitz oder Lüpertz auszumachen.  Während der Kriegszeit entstanden Gedichte, die vereinzelt auch in der Ausstellung zu lesen sind.  Erst in den 1950er Jahren nimmt er die Produktion wieder auf, unterbrochen von Depressionsphasen. Aber sein Niveau von vor dem Krieg erreicht er nicht mehr. Das Licht spielt eine wichtige Rolle und die Tages- oder Jahreszeiten. Viele seine Werke wurden von den Nazis zerstört, das meiste ist heutzutage in Privatsammlungen. Ascher ist weit weg von den humoristischen Karikaturen der 1920er Jahre, die Poesie, die seine Malerei begleitet ist beschreibend, flehend. Die Fusion von seinem frühen Symbolismus mit dem Expressionismus bringt ihn nach dem Krieg zur Abstraktion, das Figurative schwindet oder ist erst auf den zweiten Blick zu sehen.

 

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männlicher Akt, Studie für Golem (1916), Bäume in hügeliger Landschaft (1968), Sonnenuntergang (1962)

 

Die Ausstellung ist an zwei Orten zu sehen, einmal in der Oppenheim Villa und die Frühwerke im Potsdam Museum. 80 Werke aus Privatsammlungen aus dem In- und Ausland  haben diese Geburtstagsausstellung möglich gemacht; 125 Jahre wäre Ascher jetzt alt.  

Die Kunsthistorikerin Rahel Stern hat ihn  entdeckt und ist eine Ascher-Spezialistin geworden. Sie gründete in New York vor über 30 Jahren die Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst, die Berlin  zur Zeit entdeckt und die verlorenen Maler wie Fritz Ascher oder  Josef Block in die Museen holt.

Bis zum 8. März 2018 ist die Schau  noch zu sehen und unbedingt sehenswert!

 Aus Anlass dieser Ausstellung hat die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße im Potsdamer Polizeigefängnis Priesterstr./Bauhofstr. die Werkstattausstellung « Sechs Wochen sind fast wie lebenslänglich » zu sehen. Fritz Ascher war in diesem Gefängnis inhaftiert.

 

Christa Blenk

 

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Die Zauberflöte – von 1927

Artikel über die Premiere 2012 auf KULTURA EXTRA

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Bild: Cristina Crespo (hat nichts mit der Inszenierung zu tun)

 

Mozarts Zauberflöte im infantilen Animationswald

Papageno, der ja – außer Essen und Trinken – nichts so gerne tut wie Reden, wird hier in einen Stummfilm verbannt und muss sich plötzlich in den Filmwelten von Metropolis oder Modern Times durchsetzen. Prinz Tamino ist ein Abklatsch von Buster Keaton.  Pamina sieht aus, als ob sie gerade aus einem 20er Jahre Kabarett entwischt wäre und zum Charleston geht, Monostatos ist ein Abbild von Nosferato, die Königin der Nacht schürt die Araknaphobie und lässt viele kleine gruselige Spinnen auf Pamina purzeln und Sarastro gleicht Abraham Lincoln, der einen Flohzirkus dirigiert.

Außer viel Animation, die mit der Zeit sehr ermüdend wird, gibt es eine weiße Wand und Podeste an der Wand, auf denen die Protagonisten dann und wann erscheinen, wenn sie nicht gerade vor irgendetwas weglaufen, bedroht werden oder von über die Leinwand huschenden Bikini-tragenden rosa Elefanten abgelenkt werden, die auf dem Weg zu einer Hühnerlegestation sind und den hungrigen Papageno  gebratene Hähnchen vorspiegeln, die dann aber doch an ihm vorbeiziehen. Die Bühne ist so gesehen inexistent und lebt durch eine Zwei- und Dreidimensionalität.

Suzanne Andrade und Paul Barritt zitieren die russischen Konstruktivisten, den Maler Hieronymus Bosch und Luis Buñuels Augen sind omnipräsent. Alles ist wahr und doch nicht, wenn die Sänger nur mit den Beinen rennen, virtuelle Katzen streicheln oder die Abgesandten der Königin pochende rote Herzen schmachtend auf Tamino werfen.

Alles was in dieser Oper sonst gesprochen wird, muss man, wie beim echten Stummfilm, lesen, begleitet von einem Hammerklavier aus dem 18. Jahrhundert.

Technisch sicher eine Meisterleistung, voller Codes, damit die Musik nicht zu den Bildern laufen muss. Aber es reicht nicht, das Pulver ist sehr schnell verschossen und eine gähnende Langeweile stellt sich ein, wenn zum dritten oder vierten Mal der gleiche Effekt präsentiert wird.

Der Hausherr der Komischen Oper Barrie Kosky hat sich diese Zauberflöte zusammen mit der Gruppe „1927“ ausgedacht. Die Premiere im November 2012 war ein riesiger Erfolg. Seitdem wird diese ganz andere Zauberflöte ein paarmal im Jahr wieder aus der Opernkiste geholt.

Jordan de Souza stand am 5. Januar am Pult. Adela Zaharia war eine schöne Pamina, spritzig und sauber; Adrian Strooper war Tamino. Aleksandra Olczyk hat sich als „Spinnen“-Königin der Nacht gut geschlagen. Papageno war Tom Erik Lie und wurde um viele schöne Stellen oder Szenen beraubt und die Musik kommt entschieden zu kurz.

Na ja, dann doch lieber die alte Everding-Inszenierung der Staatsoper!

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Hier sind nochmals die kulturellen Highlights der letzten 12 Monate nachzulesen, Verbindungen werden hergestellt und Brücken gebaut – wie es nur Musik und Kunst fertig bringen. Dieses Jahr wird der Übergang von einem Kulturevent zum anderen über eine venezianische Brücke von statten gehen. Es geht deshalb auch nicht immer chronologisch zu auf dieser Reise durch 2017!

P1060051 Avanti Avanti. Mit einem spritzigen Silvesterkonzert in der Komischen Oper fing das kulturelle Jahr 2017 an. Max Hopp rollte Volare Volare singend (und tanzend) mit der Vespa (aber nicht mit dieser – diese habe ich auf der Biennale in Venedig entdeckt) auf die Bühne – jedenfalls hatte er das vor … aber lesen Sie selber.

Brücke ohne Geländer Tanzend ging es auch gleich weiter mit den Tanztagen in Berlin . Surrealistisch und perfekt. Duato Shechter gab es in der Komischen Oper. Großartig war auch eine Aufführung des Nederlands Dans Theaters Anfang Dezember.

venezia3  Die Kriminellen der Frau A   war ein ausgesprochen packendes Erlebnis zwischen Theater, Kunst und Musik. Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Teil!

P1050886 Viel klassische und konventionelle Oper gab es natürlich auch. Hervorzuheben  Salomé in der Deutschen Oper, eine großartige Aufführung von Purcells King Arthur. Abwechselnd zwischen Staatsoper, Komischer Oper und Deutscher Oper gibt es Berichte über  Petruschka, Hoffmanns Erzählungen, Don Giovanni, Der fliegende Holländer, Jacob Lenz, Elektra , La damnation de Faust oder Lohengrin. Sehr zu empfehlen hier Philipp Glass’ Satyagraha  in der Komischen Oper und L’Invisible von Aribert Reimann in der DO. Nicht sehr überzeugend und ein wenig langweilig war Tod in Venedig.

P1050884 Das Georg Kolbe Museum hat gleich drei großartige Ausstellungen in den eher armen Berliner Ausstellungshimmel geschossen. Georg Kolbe im Netzwerk der Moderne , eine umfassende Recherche über Flechtheim und kurz vor Jahresende Emil Cimiotti. Dazu passte perfekt die Ausstellung über Rudolf Belling.

P1050881 Hannover  hat außer einer ziemlich guten Oper auch noch viel Kunst zu bieten. Auf der Skulpturenmeile trifft man auf viele Bildhauer des 20. Jahrhunderts aber natürlich hat sich die Reise schon gelohnt, um dort Hans Werner Henzes « Englische Katze »  zu sehen. Später im Jahr wurde dann auch die Oper LOT  von Giorgio Battistelli dort aufgeführt. In der Ausstellung Manifesto spielt Cate Blanchet 13 verschiedene Rollen. Diese Ausstellung ging durch alle wichtigen europäischen Museen.

1 Das Pariser Centre Pompidou ist immer einen Abstecher wert. Die jeweiligen Restrospektiven über Cy Twombly und David Hockney haben das wieder bewiesen. Jean Noel Pettit hat Cy Twombly ins Französische  übersetzt.

P1050882  Und wieder über eine Brücke und es geht ins Theater. Davon hat Berlin auch genug. Jeanne d’Arc in einem weißen Würfel im Gorki Theater, Wut  am Deutschen Theater, der gefräßige und feige König Ubu, eine enttäuschende Phädra und Caligula  am Berliner Ensemble mit Kettensägen und Wahnsinn.  Sehr gut The Situation im Gorki Theater und weniger gelungen Michel Houellebecq  Unterwerfung. Highlight war sicher die FAUST  Aufführung in der Volksbühne und der damit verbundene Abschied vom Theater-Wüterich Castorf. Kurz vor Jahresende war er dann Gast im Berliner Ensemble mit einer sehr freien Interpretation von Hugos Les Misérables.

P1050924 das wunderbare Ensemble Concerto Romano kennen wir schon aus Rom. 2017 konnten wir sie gleich zweimal in und um Berlin erleben. Einmal mit der herausragenden Aufführung Ad Arma Fideles beim Äquinox Festival und ein zweites Mal beim Göttinger Musikfestival.

P1050875 Aber jetzt wieder ein wenig Kunst. In der Biennale von Venedig hat mich am meisten die side show von Michelangelo Pistoletto interessiert. Er installierte seine Arbeiten in der Palladio-Umgebung.

Gut die Schau über Friedrich Kiesler im Gropius Bau oder die Präsentation von Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie. Im Hamburger Bahnhof war Hanne Darboven zu sehen und eine Entdeckung war  Jan Toorop. Ansonsten hat sich die Kunst in Berlin eher zurückgehalten.

P1050873 Jetzt mit einem großen Sprung über diese Brücke zur zeitgenössischen Musik. Hier ist das Festival Hofklang Anfang September hervorzuheben. Unerhörte Musik gibt es meistens am Dienstag im BKA. Korpus  oder e-werk waren u.a. zu Gast.  Ulrike Brand war auch in einer Performance Walls and Waves  in einer Kirche zu erleben.

P1050870 Überraschend eine Aufführung in der Ahlbecker Kirche auf Usedom von Pergolesis Stabat Mater. Usedom war sonst eher enttäuschend, aber gelohnt hat sich auf jeden Fall ein Besuch im Museum von Otto Niemeyer-Holstein. In dem Artikel zwischen Ostsee und Achterwasser  ist es beschrieben.

P1050850 Und über diese Brücke kommen wir zur Orgel und zu der Orgel-Ikone Matthias Eisenberg. Später im Jahr – zu Luthers Geburtstag – reisten wir ihm nach Leipzig nach und daraus wurde ein musikalisches Leipzig-Wochenende. 

P1050826 Aber auch Robert Wilson beschäftigte sich mit Luther und seinem Jubiläum mit der etwas konfusen Aufführung « Luther dancing with the Gods«  im Pierre Boulez Saal. Kammermusik mit und ohne Worte und ein Auftritt des großartigen Klarinettisten Jörg Widmann sind ebenso beschrieben.

2 Auch der argentinische Komponist und Bandeonist mit italienischen Wurzeln Daniel Pacitti befasste sich mit Luther. Im Juli wurde in der Philharmonie sein Oratorium « Wir sind Bettler » uraufgeführt mit Roman Trekel in der Hauptrolle. Kennen gelernt allerdings haben wir Pacitti bei einer ganz anderen Gelegenheit, nämlich bei einem kreolischen Tangoabend in den Räumen der Freien Volksbühne.

P1050816 Bei einem wunderbaren Hauskonzert in Zehlendorf hat Pacitti seine dritte Seite präsentiert. Das zeitgenössische Stück mit Einflüssen aus seiner Heimat. La Cruz del Sur wurde von zwei virtuosen jungen Solisten (Klavier und Querflöte) vorgetragen. Ausgeklungen sind die Zehlendorfer Hauskonzerte mit Werken von  Franz Schubert.

P1050920 In der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn gab es eine sehr gut zusammen gestellte Ausstellung von Ferdinand Hodler  und München befasste sich mit dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung GUT WAHR SCHÖN . Diese beiden Artikel sind u.a. auch auf KULTURA EXTRA  erschienen.

P1050894 Der Sommer in der Vendee besteht nicht nur aus Palourdes sammeln oder Strandspaziergängen. In Thiré findet jedes Jahr das Festival « Dans le Jardin de William Christie » statt. Dieses Jahr Monteverdi  gewidmet. William Christie war auch im Dezember zu Gast in der Philharmonie mit einer fantastischen Aufführung von Monteverdis  « Selva spirituale e morale ». Aber auch die Staatsoper feierte den großen Monteverdi mit einer sehr schönen Aufführung von L’incoronazione di Poppea.

Auch die Neuköllner Oper widmete Monteverdi einen Abend – bei Combattimento x 2 geht es in den Wrestler Ring!

P1050850 In einen anderen Garten – nämlich in den von Guillermo Lledó - führte die diesjährige Madrid-Reise. « Plaza para un hombre solo » ist eine Skulptur und die Eröffnung dieser wurde ganz groß in seinem Garten in einem Madrider Vorort gefeiert mit Künstlern und Madrider Kunstwelt. Madrid ist eine Kunst-Stadt, ein wenig davon ist hier auch beschrieben: Mateo Mate, Rosa Barba, Franz Erhard Walter. Das Museo Reina Sofia hatte eine umfangreiche Ausstellung zu Picasso und Guernica organisiert. Piedad y terror en Picasso.

P1050892 der argentinische Künstler Nestor Boscoscuro lebt in Berlin und in Buenos Aires. Mit ihm wurde die Portrait-Serie für KULTURA EXTRA erweitert.

P1050877 Die Aufführungen der Neuköllner Oper lohnen sich ebenfalls immer und sind jedesmal überraschend und erfrischend. Unter anderem gab es dort Combattimento x 2, Fuck the Facts und eine sehr freie Interpretation der Bettleropera.

P1050948 Pellworm – wo ist das denn? Aber eine Reise dorthin lohnt schon deshalb, weil diese Ecke in der Nordsee eine Art Atlantis ist – umgeben von Mythen und Sagen.

P1050818 The future is female war der Titel einer Reihe von Aufführungen  in den Sophiensälen. HUMBUG  wurde durch OPERALAB aufgeführt, war sehr amüsant und führte in die Zirkuswelt. In Norway Today  waren die zukünftigen Sophies Rois oder Wuttkes dieser Welt zu sehen.

P1060047 Das Colombian Youth Orchestra erfand Strawinsky neu und das auch noch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Josep Pons dirigierte Ravel, Falla und ebenfalls Strawinsky.

P1050928Bei dem Buch « Eine Sinfonie der Welt » geht es auch um Musik. Hier beschreibt Alexander Bertsch das Leben eines Komponisten in der Nazi-Zeit.  Ein schönes Buch!

Brücke ohne Geländer Hoch im Norden lebt der Dorfpoet  und macht sich über sich selber und die Welt lustig -  aber lesen Sie selber.

 

Einen Guten Rutsch mit Trauben, Linsen oder anderen Bräuchen  wünsche ich allen Leserinnen und Leser und ich freue mich auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!

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Christa Blenk

 

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Les Misérables – am Berliner Ensemble

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Real Fabrica de Tabaco steht da auf der von Castorf so geliebten shabby-chic-Hühnerleiter-Drehbühne geschrieben. Sind wir etwa versehentlich in der Carmen gelandet! Dann dauert es ganz schön lange, gefühlt über eine Stunde, bis man bei der Geschichte, um die es eigentlich geht, anlangt. Ein alter Mann sitzt in einer Art Käfig (den könnte sich Castorf bei seiner Kameliendame-Inszenierung in Paris 2008 ausgeliehen haben) und referiert über Kloaken, Dreck, die Ratten der Pariser Kanalisation, Därme und Untergrundgerüche und über die Leiden des Alters. Laute Kubanische und Latino-Musik der 1950er Jahre begleiten das Knurren und Brüllen von zwei Frauen.

In der Mitte der ersten Halbzeit betritt er die Bühne, es muss wohl endlich Jean Valjean sein. Der dunkel gekleidete Mann sucht eine Bleibe, hat Hunger und bekommt nur Absagen, dafür sorgt sein gelber Gefängnisausweis. Er lamentiert über die Ungerechtigkeit seines  Lebens, denn eigentlich war er nur ein kleiner Dieb und landete für 19 Jahre auf der Galeere, weil er flüchten wollte. Jean Valjean (Andreas Döhler) ist nun in die Geschichte von Victor Hugos „Les Misérables“ getreten und es kann beginnen.

Der salbungsvolle und von Gerechtigkeit sprechende Bischof (Jürgen Holtz) nimmt ihn auf, gibt ihm gutes Essen, feinen Wein aus edelstem Silbergeschirr, das er ihm anschließend aufdrängt, damit der Ex-Knacki ein besserer Mensch werden kann. Wie immer bei Castorf wird das alles live gefilmt und auf einer Leinwand für das Publikum übertragen. Viel langatmiges Déjà-vu an diesem Abend.

Castorf liebt die Literatur des 19. Jahrhunderts aber warum hat er die Geschichte nach Kuba verlegt? Hier geht es um Kolonien, Ausbeutung und Revolution. Er fusioniert den Juni-Aufstand in Paris 1832 mit Fidel Castros Revolution und holt sich Cabrera Infantes 1965 entstandenen Roman „Tres Tristes Tigres“ (drei traurige Tiger) ins Boot.  Und wie Tiger fauchen auch die Frauen sich an, bevor Fantine (Valery Tscheplanowa) ihre Tochter Cosette bei einem schrägen Glitzer-Opportunisten-Paar in Pflege gibt, um später auf dem Strich zu landen. Der Bürgermeister ist, so wie es aussieht, unser Valjean, und dieser zwingt den Gesetzeshüter und ewigen Valjean-Verfolger Javert sie freizulassen. Dieser vermutet nun gleich,  dass da wohl etwas nicht stimmen kann und so endet – nach drei Stunden – der erste Teil mit der glühenden Rede aus dem Radio von Victor Hugo, die er 1849 auf einem Pazifistenkongress gehalten hat und die gerade jetzt erst entstanden zu sein scheint. DaDa pur!

Nach der Pause beginnt Javerts (Wolfgang Michael) Jagt zwischen Stummfilm und Film Noir. Wirklich folgen kann man der Geschichte eher noch weniger, aber das soll ja wohl auch nicht so sein. Das hysterische Gebrülle braucht man eigentlich auch nicht mehr an diesem bewusst und gezielt verlängerten Theater-Abend.

Castorf hat auch hier wieder eine Art „pot–au-feu“ auf den Herd gebracht, der manchmal überkocht, die Herdplatte ein wenig verbrennt, beim zurückgedrehten Feuer sich wieder auf ein leises Blubbern beruhigt, heiß auf den Tisch kommt, aber schnell lauwarm wird, dementsprechend schal schmeckt aber schon Vorfreude auf das nächste gemeinsame Essen hervorruft.

Christa Blenk

 

LES MISÉRABLES 
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Ulrich Eh
Soufflage: Elisabeth Zumpe
Musikkonzeption: Wiliam Minke
Video-Konzeption: Jens Crull und Andreas Deinert
Live-Kamera: Andreas Deinert und Mathias Klütz
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Tonangel: Dario Brinkmann und Wiliam Minke
Dramaturgie: Frank Raddatz
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann, Valery Tscheplanova und Abdoul Kader Traoré
Premiere war am 1. Dezember 2017.

 

 

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Jahresausklang mit Franz Schubert in Zehlendorf

San Lorenzo

 

Zehlendorfer Hauskonzerte

Das letzte Zehlendorfer Hauskonzert 2017 fand am 20. Dezember statt. Dieses Mal spielte das junge und feine Arves Trio (Violine: David Khachatryan; Violoncello: Rahel Weymar; Klavier: Hratschya Gargaloyan) im Wohnzimmer des charmanten Holzhauses. Auf dem Programm stand Franz Schuberts Trio in Es-Dur, op. 100. Zwischen den Sätzen las der Schauspieler Martin Schnippa Geschichten, Zeitdokumente und Prosatexte von und über Franz Schubert.

Dieses großartige Meisterwerk  von Schubert ist im Jahre 1827 entstanden –  in der Winterreise-Kompositionszeit. Veröffentlicht wurde es allerdings erst in seinem Todesjahr 1828. Die Erstausgabe kam ein paar Wochen nach seinem Tode am 19. November in der österreichischen Hauptstadt an, wo Schubert in seinen  letzten Jahren lebte, obwohl er die Stelle des Vizekapellmeisters an der kaiserlichen Hofkapelle nicht bekommen hatte. Für einen anderen Komponisten, Robert Schumann, war es „wie eine zürnende Himmelserscheinung“  und blieb immer sein persönliches Lieblings-Trio : männlich, zornig-sehnsüchtig  und dramatisch. Einem prägnanten Hauptthema im ersten Satz steht ein im Nebel verhangenes Zweitthema gegenüber mit manchmal jazzigen und bebend bis rasenden Rhythmen. Der zweite Satz ist melancholischer Kummer mit klirrenden Klavier-Staccatoakkorden. Das Thema geht auf ein Lied der Winterreise zurück.  Der Kanon zwischen Klavier und Streichern ist dann wieder leicht-spielerisch.  Weiter geht es mit einem Tanz-Tremolo-Moll ins lange Finale und hier wird nochmals das Thema aus dem zweiten Satz aufgenommen.

Gut 40 Minuten dauert das Opus und schwedische Lieder sollen u.a. dort verarbeitet worden sein. Schubert hat den schwedischen Sänger Berg 1827 im Hause der Schwestern Fröhlich gehört.

Aus armen Verhältnissen kommend, dort wo Musik eher verpönt  oder etwas für die Reichen war, ist Schubert ein wichtiger und fester Bestandteil der Wiener Salons geworden. Leben oder Überleben mit dem was er mit seiner Musik verdiente, konnte Schubert nicht. Er war auf Freunde und Familie angewiesen. Schubert, der ewig einsame und leise Umstürzler und (unglücklich) Liebender starb mit 31 Jahren und hinterließ knapp 1000 katalogisierte Werke und von denen noch nicht alle bekannt sind.

Die drei jungen Musiker des Arves Trio, die in Berlin studieren, haben mit großer Begeisterung, viel Charme, Talent und Präzision die 2017er-Zehlendorfer-Hauskonzert-Saison ausklingen lassen.

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Arves Trio mit Martin Schnippa mit nach dem Konzert

 

Der Name  Arves Trio kommt aus dem Armenischen. „Arvest“ ist armenisch und bedeutet „Kunst“. Da der Geiger und der Pianist aus Armenien stammen und die Cellistin aus Deutschland, soll auf diese Weise auch ein Teil der armenischen Kultur im Ensemblenamen sichtbar werden. Der Begriff „Kunst“ wird zum einen auf die Musik, zum anderen aber hauptsächlich auf den Leitsatz „Musik ist Sprache“ bezogen und durch die Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Martin Schnippa um eine textliche Ebene erweitert. (Anmerkung der Gastgeberin!)

Wir freuen uns schon auf das erste Konzert im Januar 2018.

Christa Blenk

 

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Matschkes Krippen-Welt

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Die Edelholzkrippe

 

Im Dezember sind im Gemeindehaus neben der Schlosskirche von Buch Angelika und Peter Matschkes Krippen ausgestellt. Figuren, Figurengruppen, Tiere und Sänger aus  aller Welt, die alle irgendetwas mit Weihnachten und Krippen zu tun haben, sind zu bewundern. Die beiden stolzen Besitzer dieser kleinen Kunstwerke haben selber viele Jahre im Ausland gelebt und auf jedem Posten ihre Sammlung vergrößert.

Aber so eine Sammlung entsteht ja nicht von selber, in so etwas wird man hineingeboren: Als Pfarrerskind war Angelika Matschke näher als andere Kinder an Weihnachten und Weihnachtsgeschichten oder Krippenspielen. Der Weihnachtsberg in Brünlos im Erzgebirge hat sie als Kind sehr beeindruckt und die Mechanik, die die Figuren zum Leben erwachten, hat sie verzaubert. Und wenn andere kleine Mädchen sich Puppen wünschten, wollte sie Krippenkinder haben oder Papier-Ausschneide-Figuren und Gehäuse. Aber das Schönste war natürlich die Edelholzkrippe ihres Vaters, mit der sie allerdings als Kind nicht spielen durfte und das nicht nur, weil die Figuren in der Bodenplatte verankert waren. Spielen mit den Krippenhelden durfte sie aber mit den Schätzen Ihrer Großeltern.

 

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Die  Figuren aus anderen Kulturkreisen  kamen auf Posten wie Kairo, Lima, Caracas oder Bangkok  dazu und so wurde aus einer Souvenir-Sammlung eine internationale Krippensammlung.  Freunde wussten von diesem Zeitpunkt an auch immer, was sie den Matschkes schenken konnten: einen Engel, eine Krippe oder ein Krippentier.

Aber mindestens genau so spannend wie die unterschiedlichen Krippenfiguren sind die Geschichten dazu, die Angelika Matschke im Begleitkatalog zur Ausstellung erzählt.

Die Edelholzkrippe ihres Vaters kam zu ihr, als sie während ihres Kirchenmusikstudiums in Görlitz über die Weihnachts-Feiertage  nicht nach Hause kommen konnte. Sie ist aus unterschiedlichen Hölzern gearbeitet und eines der schönsten Arrangements in der Sammlung. Von den Großeltern stammen die größeren Holzengel, diejenigen, mit denen sie als Kind spielen durfte.

Beeindruckend ist das Krippenorchester, die „Grünhainichener“ Engel, die ebenfalls alle zusammen in einer anderen Vitrine musizieren. Die koptische Krippe bekam sie von einer Kollegin geschenkt, weil der Umzug von Bonn nach Kairo nicht pünktlich zu Weihnachten ankam. Die Figuren aus Bangkok sind die farbenfrohesten und die Playmobil Figur, die ihre Tochter zum ersten Weihnachten in Lima bekam, legte den Grundstein für eine  Playmobil-Sammlung.  In Peru kam auch eine ganz typische Krippe der Andenbewohner dazu und hier ist der Esel ein Lama geworden. In Venezuela hat sie später auf dem Weihnachtsmarkt der deutschen evangelischen Gemeinde eine  Krippe aus Bronze gekauft. Der dafür eigentlich etwas zu groß geratene Engel war das Abschiedsgeschenk der Kirchgemeinde Lima.

 

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Aber auch ein  Notenschlüssel aus Assisi, den ihr die Tochter von der  Konfirmandenfahrt nach Italien mitbrachte, gehört zur Sammlung sowie unzählige individuelle Engel- und Tierfiguren.

Und wenn Sie dann schon mal in Buch sind, werfen Sie unbedingt einen Blick in die Kirche, denn das lohnt sich auch. Sie zählt zu den schönsten Barock-Sakralbauten in Berlin-Brandenburg und wurde um 1730 nach Plänen des Architekten Friedrich Wilhelm Diterichs im Auftrag von Adam Otto von Viereck erbaut.  Theodor Fontane bewunderte bei seinem Besuch in Buch die Stattlichkeit und den malerischen Reiz dieses ziemlich auffälligen Bauwerks. Historische Fotos erzählen, wie sie vor der Bombardierung 1943 ausgesehen hat. Besonders originell und schön ist das Epitaph für Adam Otto von Viereck in der Rundbogennische an der Ostwand. Der Berliner Bildhauer Johann Georg Glume hat es 1763 geschaffen.  Die spätbarocke oder Rokoko-Skulptur füllt die komplette Nische aus und erzählt in einem  asymmetrischen Aufbau das Leben von Viereck.

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Epitaph in der Bucher Schlosskirche
 

Christa  Blenk

 

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Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Deutsche Oper Lohengrin

LOHENGRIN von Richard Wagner, Deutsche Oper Berlin,
Premiere am 15. April 2012, copyright: Marcus Lieberenz

 

Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat. (Matthias Claudius)

Um Vertrauen und wodurch sich die Liebe definiert geht es auch bei Lohengrin.  Für die US Kolumnistin Joyce Brothers war es ganz klar denn sie meinte einmal „Der beste Beweis der Liebe ist Vertrauen“.  Aber wie wir ja alle wissen, hat Wagner dieses Zitat nicht gekannt und sich gegen das Vertrauen und für die Kenntnis entschieden. Dementsprechend lässt er dann auch Elsa die zerstörerische Frage nach Namen und Art fragen und wischt das „Nie sollst Du mich befragen“  einfach weg und damit auch Glück und Liebe.

Aber nur das reicht natürlich nicht für vier Stunden, da braucht es noch Kriege, Intrigen und Böses. Dieses durchkomponierte, musikalische Drama von Wagner kommt nur ab und zu noch auf die altbewährte Form der Soloarien zurück, wenn Elsa ihren Traum erzählt zum Beispiel oder Lohengrin sich als Gralsritter outet.

Die Geschichte spielt im frühen Mittelalter, genauer gesagt in der Mitte des 10. Jahrhunderts. Wagner hat die Handlung nach Antwerpen verlegt, weil er die Gestalt des Schwanenritter einbauen wollte, der ursprünglich vom Niederrheinischen kommt. Brabant gab es damals natürlich auch noch nicht.  Wagner hat den Streit der ostfränkischen Stämme in seine Zeit der liberal—demokratischen Nationalbewegung gelegt und wenn er Heinrich den deutschen König nennt, dann ist das seiner blühenden Phantasie entsprungen und durch ein Vermischen von Sagen, Mythen und geschichtlichen Ereignissen entstanden.  Das Scheitern der Hauptprotagonisten ist stellvertretend für das Scheitern politischer Utopien in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Ouvertüre bietet ein tristes after-war-Szenario. Die Bühne ist übersäht von leblosen Körpern, Kriegsopfer wohl, und Frauen suchen nach ihren Männern, finden sie tot danieder liegend und brechen zusammen. Dann fällt der Vorhang und der Name LOHENGRIN steht in großen Buchstaben auf dem schwarzen Vorhang.

Sehr martialisch und laut wird herum gedonnert bis das Erscheinen der reinen, zarten Elsa Musik und Bühne erhellt.  Der glänzende Schwanenritter kommt zwar ohne Schwan dafür aber mit Flügel daher, die ihn schon direkt als Beschützer von Brabant definieren, noch bevor er Telramund besiegen wird.  Die Brabanter sind ein opportunistischer Mob, der sofort sein Fähnchen in den Wind hängt und umgehend den geheimnisvollen Lohengrin verehrt. Die Frauen kommen sowieso nicht gut bei ihm weg. Sie sind unschuldig, dumm, neugierig oder  bösartige und heimtückische Personen, die permanent die falschen Entscheidungen treffen. Ortrud, die Hexe, schürt und intrigiert und schon der Hochzeitsmarsch am Anfang des dritten Aktes steht unter einem bösen Stern.

Die Premiere dieser Produktion fand im April 2012 statt. Nur Klaus Florian Vogt in seiner Paraderolle und Petra Lang sind bei der letzten Aufführung in dieser Saison noch mit dabei. Anja Harteros übernahm die Rolle der Elsa und das hat sie großartig gemacht. Textverständlich und sicher waren sie Alle. Am Pult stand nicht Donald Runnicles. Axel Kober dirigiert das gute Orchester der DOB  – übersichtlich und fast minimal lässt er den Sängern viel Raum, sich auszubreiten.

Die Inszenierung von Kasper Holten passt gut zur schnörkellosen Leitung von Kober. Die hochgestreckte Faust in politisch nicht ganz korrekter Manier hat uns kurz schlucken lassen, aber ansonsten eine Inszenierung wie man sie sich wünscht und die die Musik in die erste Reihe stellt. Der kleine Gottfried, den Elsa in ihren Armen hereinbringt und ihn auf das weiße Marmorgrab legt das gerade noch ihr blütenweißes Hochzeitsbett war,  ist nur ein blutiger Fetzen. Ortruds Zauberstab waren grüne LED-Fäden.

Steffen Aerfing hat die Kostüme entworfen. Die Lichteffekte waren von Jesper Kongshaug.

Richard Wagner selber war bei der Premiere im August 1850 in Weimar, die Franz Liszt dirigierte, gar nicht anwesend, da er sich zu dieser Zeit schon im Exil in der Schweiz aufhielt und steckbrieflich gesucht wurde.

Christa Blenk

KULTURA EXTRA hat zweimal darüber berichtet:

Premiere

und drei später später mit Waltraud Maier

 

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Selva espirituale e morale – Les Arts Florissants zu Gast in Berlin

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William Christie in Thiré
 

 

Himmlische Töne

Spiritueller und moralischer Urwald („SELVA MORALE E SPIRITUALE“) hat Claudio, il Divino – wie ihn seine Musikerkollegen zu nennen pflegten – sein 37-teiliges Kompendium bezeichnet, das 1641 erschien. Mit Auszügen aus dieser beeindruckenden Sammlung von geistiger und weltlicher Musik hat William Christie und sein hervorragendes Ensemble Les Art Florissants gestern Abend das Publikum im großen Saal der Philharmonie auf Wolke Sieben im barocken Musikhimmel gebeamt. Die Bäume in Monteverdis Wald sind so verschieden und einzigartig wie seine Rhythmen und Töne,  wie Christies filigrane und blumige Arbeit an Pult, Orgel und Cembalo und wie die unterschiedlichen Gattungen und Epochen es sind, in der die Noten auf Monteverdis Partitur kamen!

Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi (1567–1643) geboren und dieses nun zu Ende gehende Jahr hat ihn überall gebührend gefeiert.  Auch William Christie hat sein immer im August stattfindendes Barockmusikfestival in Thiré (Frankreich) „Dans les Jardin de William Christie“ (KULTURA EXTRA hat regelmäßig darüber berichtet) 2017 dem göttlichen Claudio gewidmet. In der Staatsoper fand gerade letzte Woche  die Premiere von Monteverdis letzter Oper „L’Incoronazione di Poppea“ statt.

Aussagekräftig, abwechslungsreich und  eindrucksvoll war das Programm, das Christie für sein Gastkonzert in der Philharmonie zusammengestellt hatte. Komplett kann dieses wunderbare (Alters)werk – das zwei Jahre vor seinem Tod und ein Jahr vor seiner letzten Oper veröffentlicht wurde und die Musikgeschichte entscheidend beeinflusste, ja veränderte –  an einem Abend gar nicht aufgeführt werden. Sein Umfang  hat dafür gesorgt, dass der venezianische Verleger Bartolomeo Magni ein paar Jahre brauchte, bis er damit den frühbarocken Musikmarkt verschönern konnte.

Die Sammlung besteht aus einer vierstimmigen Messe, Psalmenvertonungen, Hymnen für den Vespergottesdienst, Madrigalen und Motetten. Gewidmet hat es Monteverdi Herzogin Eleonora Gonzaga, der Witwe von Kaiser Ferdinand II – an dessen Hof in Mantua Monteverdi beschäftigt war bevor der begnadete Musiker nach Venedig ging, wo er 30 Jahre als Kapellmeister am Markusdom wirken und glänzen sollte. Entstanden ist dort aber nicht nur geistlich-spirituelle Musik, ganz im Gegenteil. Monteverdis Musik bewegt sich oft ganz weit weg von der traditionellen Kirchenmusik oder sie verschmilzt mit Vertonungen von Texten großer italienischer Dichte wie Petrarca, die meist moralisierenden Inhalt beherbergen wie beim  Madrigal „O ciechi, il tanto affaticas“ für fünf Stimmen und zwei Geigen. Monteverdis Marienvesper war hier schon 30 Jahre alt.  Confitebor (Nr. 16 aus Selva morale e spirituale) ist ein Rundgesang nach französischer Manier mit Vorsänger und Ensemble. Das Lamento „Pianto della Madonna“ gehört auf jeden Fall  zu einem der Highlights dieser Sammlung und erinnert an „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“. „Beatus vir“ für sechs Stimmen und Streicher ist Swing pur und damit ging das viel zu kurze Konzert zu Ende. Ein Musterbeispiel für den Einsatz des Generalbasses, der einen weiteren musikalischen Meilenstein von Monteverdis Schaffen  darstellt.  Dieser  „walking bass“ führt Monteverdis  Musik direkt zum  Pop und Jazz.

Der Komponist selber bezeichnete seine Kompositionen, die oft einen radikalen Stimmungsumschwung vorstellen und eine extreme Stimmbeherrschung der Sänger fordern als « Geschöpfe », die sich in seinem « moralischen und geistlichen Wald » tummeln. Leicht wird das Gehörte  zum Ohrwurm, man will zu seiner Musik tanzen oder wenigstens den Rhythmus mit dem Fuß mitangeben.

Der gebürtige US-Amerikaner William Christie kam in den 1970er Jahren nach Paris und holte die französische Barockmusik aus der Schublade. Er war es, der Rameau und Lully wieder einen Platz im französischen Musikprogramm verschaffte. 1979 gründete dieser außerordentliche Cembalist und Dirigent das Ensemble Les Arts Florissants, das heute aus der Alten Musik weltweit nicht mehr wegzudenken ist.  Gespielt wird auf historischen Instrumenten und seine Musiker, Sänger und Tänzer haben eines gemein: Sie sind alle perfekt!  Seine eigenen Opern-Produktionen werden an allen französischen Opernhäusern aufgeführt und man muss sich sehr sputen, um einen Platz zu ergattern. William Christie und sein Ensemble gehören zur Weltspitze wenn es um individuelle Barockinterpretation geht.

Anmutig und graziös, affektgeladen und streng, leichtfüßig und tänzerisch kommen sie daher. Der Tutti-Einsatz ist immer astrein, die Klänge sinnlich und glasklar. Mit stilistischem Fingerspitzengefühl,  Orgel und Cembalo gleichzeitig spielend und dabei auch noch dirigierend und selber umblätternd kann man ihn einfach nur als genial bezeichnen. Gespickt mit farbigen Ornamenten und dann wieder cremig-dickflüssig, wie ein schüchternes, durchbrochenes aber prägnantes Leuchten am  öligen Canale Grande bei Abendlicht, wie es Monteverdi über viele Jahre hinweg erlebt haben könnte.

Mehr kann man von einem Konzert nicht erwarten. Das begeisterte Publikum rang dem Ensemble zwei lange und herrliche Zugaben ab.

Hoffentlich dauert es nicht wieder ein paar Jahre bis zum nächsten Gastspiel in Berlin!

Christa Blenk

 

Les Arts Florissants

William Christie Dirigent

Sänger : Emmanuelle de Negri, Sopran ; Lucía Martín-Cartón, Sopran; Carlo Vistoli, Countertenor; Cyril Auvity, Tenor; Reinoud Van Mechelen, Tenor; Cyril Costanzo, Bass ; John Taylor Ward, Bass ; Marc Mauillon, Bass

Musiker: Emmanuel Resche, Geige; Théotine Langlois de Swarte, Geige; Cyril Poulet, Violoncello; Nora Roll, Lyrone; Douglas Breedijk, Viola, Nanja Breedijk, Harfe; Thomas Dunford, Theorbe

 

 

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Trash People – HA Schult

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Anfang Dezember 2017 kommen die Trash People von HA Schult nochmal an den Schinkelplatz zurück. Dort stehen die 1,80 Meter großen Blechmenschen noch bis zum 10. Dezember auf den Balkonen der noch nicht bezugsfertigen Luxuswohnungen.

Der deutsche Aktionskünstler HA Schult (*1939) begann 1996 mit den Trash People, die er sodann auf die Reise um die Welt schickte. Der Weg führte sie u.a. von Xanten nach Paris und Moskau. 2001 erreichten sie die Chinesische Mauer und zogen anschließend nach Kairo zu den Pyramiden weiter. 2004 machten sie in Gorleben hat, anschließend in Brüssel. 2007 besetzten sie die Piazza del Popolo in Rom anlässlich des 50. Jahrestages der Römischen Verträge. Von dort ging es weiter nach Barcelona und nach Spitzbergen. 2014 waren sie in Tel Aviv zu sehen und in Luxemburg. Im August 2016 landeten 300 seiner aus Blech gefertigten Figuren in einer Baugrube in Berlin am Schinkelplatz.  Ausgrenzung und Ausbeutung sollen sie symbolisieren und zugleich dem Architekten Schinkel huldigen.

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Projekt 2016 – Baugrube am Schinkelplatz

 

 

HA Schult war Teilnehmer der Documenta 5 und 6 in Kassel. 1986 gründete er das Museum für Aktionskunst in Essen. Bekannt wurde HA Schult 1991 mit dem Flügelauto, das auf dem Dach des Kölnischen Stadtmuseums steht. 

 

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Berlin – Schinkelplatz DREI   - Trash People

 

Im August / September 2017 war in Köln ein umstrittenes Müll-Haus-Projekt zu sehen, das auf die Vermüllung der Welt aufmerksam machen sollte.  Für den Bau dieses « Save the World Hotels »  waren viele Freiwillige im Einsatz, die für ihn Plastikflaschen, Lumpen und Papier sammelten. 

 

Christa Blenk 

 

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L’Incoronazione di Poppea

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nach der Vorstellung

 

Vernunft und Anstand versus  Macht und Liebe

Eine goldig-schimmernde venezianische Hofgesellschaft bewegt sich auf das Publikum zu. Sie tragen Kleider aus Velázques Medinas, Halskrausen oder fantasievolle Empirekleider. Kurz darauf ziehen sie sich wieder zurück und überlassen die Bühne Tugend, Glück und Liebe (Virtù, Fortuna und Amor), die sich um die Macht der Lüfte zanken. Amor geht als Sieger aus diesem Disput hervor und will beweisen, dass nur die Liebe das Leben und den Verlauf der Geschichte bestimmen kann. Damit ist die Götterpräsenz in Monteverdis letzter Oper „L’incoronazione di Poppea“ auch schon vorbei.

Ottone ist ein Soldat in Neros Rom. Er kehrt 62 n.C. von einem Feldzug nach Hause zurück und muss erfahren, dass seine Poppea (Anna Prohaska) Neros Geliebte geworden ist. Poppea will Kaiserin werden und teilt dies Ottone auch schonungslos mit. Nero (Max Emanuel Cencic) soll auf Poppeas Treiben seine Frau, die Kaiserin Oktavia, verstoßen. Poppeas Amme Arnalta (großartig Mark Milhofer) warnt sie vor der Macht und vor den Herrschern. Oktavia (Katharina Kammerloher) ist tief gekränkt und erniedrigt und wird von ihrer Amme (Jochen Kowalksi) bearbeitet, Nero mit einem Seitensprung zu bestrafen.  Das will Oktavia aber nicht, sie will mehr, nämlich Poppeas Tod. Auch der Philosoph Seneca (Franz-Josef Selig) kann die rasende Kaiserin  nicht besänftigen und rät ihr, auf jeden Fall ihre Tugend zu bewahren.  Der Page Valletto (brillant Lucia Cirillo) beschimpft Seneca und beschuldigt ihn, doch nur Binsenweisheiten von sich zu geben. Poppea traut Seneca nicht und verleumdet ihn bei Nero. Ottone schließlich gibt seiner früheren Geliebten Drusilla (Evelin Novak) nach und denkt sich besser sie als gar nichts. Der Todesbote Liberto unterbricht Senecas Philosophieren und Letzterer öffnet sich nicht die Pulsadern sondern schneidet sich selber die Kehle durch, zuckt noch ein paar Schritte über die Bühne und fällt zu Boden.

Im ersten Akt herrscht noch eine bestimmte Ordnung auf der Bühne. Diese wird nach der Pause von einem dekadenten Chaos abgelöst. Der tote Seneca liegt blutüberströmt auf einer Drehscheibe und fährt – umgeben von Kurtisanen mit ihren Freiern, abgelegten Kleidungsstücken, Halskrausen und sonstigen Zeichen des Verfalls  – im Kreis. Nero feiert mit dem Hofdichter Lucano eine ausschweifende Orgie  und besingt Poppeas Schönheit. Diese begibt sich schüchtern und immer noch in schwarzer Reizwäsche dazu – spätestens jetzt hätte sie merken müssen, dass ihr Nero nicht gut tun wird – jedenfalls kündigt ihr die Regie dies hiermit an. Der Untergang von Rom hat gerade begonnen.

Drusilla ist überglücklich und gibt Ottone ihren Reifrock, damit dieser  endlich – getarnt in Frauenkleider –  Poppea töten kann. Er schleicht sich heran, als Arnalta gerade ein Schlummerlied für die schlafende Poppea singt.  Und nun kommt die große Stunde von Amor, der in ein rotes Herz gebettet über der Bühne schwebt und den Mord verhindert. Arnalta sieht nur Drusillas Rock und alarmiert die Wachen. Poppea überlebt, Drusilla wird verhaftet und nimmt aus Liebe zu Ottone die Fast-Tat auf sich, wofür Nero sie begnadigt. Sie darf Ottone in die Verbannung begleiten. Nun kann endlich die Hochzeit bzw. Krönung stattfinden. Nero überträgt Oktavias rote Handschuhe an Poppea, die mittlerweile mit Senecas roten Umhang ihre Korsage bedeckt und Arnalta nimmt – ein Spottlied auf die Menschen singend – Oktavias Amme die Halskrause ab, um sie sich selber umzulegen. Sie, die geborene Dienerin, wird als Herrin sterben. Nun folgt eines der schönsten Liebesduette der Operngeschichte überhaupt und gleich nach  „Pur ti miro „ verlässt Nerone mit Lucano die Bühne und lässt Poppea alleine zurück! (Die Geschichte weiß, dass Nero nur knapp zwei Jahre mit Poppea verheiratet war, dann soll er sie getötet haben aus Liebe zu einer anderen oder zu einem Kastraten ist nicht ganz klar).

Der italienische Komponist, Musiker und Priester Claudio Monteverdi lebte von 1567 bis 1643,  er war der erste Musikpionier und brachte die Renaissance-Musik in den Barock. Seine Affinität zu hohen Stimmen kommt auch bei der Krönung der Poppea wieder zum Vorschein. Hier treffen strenge Renaissance-Rhythmen auf sinnlich-greifbaren Frühbarock.

Uraufgeführt wurde diese Oper von Monteverdi 1642, da war er 72 Jahre alt, und zwar in Venedig in der Karnevalszeit. Das Werk gilt als Baustein für die zukünftige Operngeschichte und machte spätere Cherubinos oder Octavians erst möglich. Da die Oper im Karneval spielt, hat sie auch komische Einlagen, wie z.B. Vallettos Auftritt oder die Arien der beiden Ammen.

Ganz schön viel Leidenschaft für einen katholischen Priester, die Monteverdi hier auf die Bühne bringt.  Gefühle werden zu Noten. Unterhaltsam und kurzweilig geht es hier um Liebe (echte und käufliche), Eifersucht, Mord und Macht aber auch um Humor.

Die durchkomponierten Rezitative sind genauso unterhaltsam und schön wie die Arien. Hosenrollen, Rockrollen, Contertenöre und eine Bassrolle (Seneca) . Poppea ist Monteverdis  radikalste und letzte Oper, in der Rom nicht sehr gut weg kommt. Harnoncourt hat einmal gesagt, dass es in dieser Geschichte keine sympathischen Personen gibt, dass Alle amoralisch wären. Abgesehen von Drusilla, die immerhin aus Liebe den Tod hingenommen hätte, stimmt das auch. Das Libretto stammt vom italienischen Anwalt Giovanni Francesco Busenello. Eva- Maria Höckmayer (Inszenierung) und Julia Rösler (Kostüme) haben sich amüsiert und die Protagonisten ganz unterschiedliche Stile – wie beim Karneval üblich – verpasst. Licht und Bühnenbild sind von Olaf Fresse, Irene Selka und Jens Kilian. Die vier mussten zum Schluss auch ein wenig Kritik einstecken!

Der italienische Monteverdi-Kenner Diego Fasolis dirigierte die Akademie für Alte Musik Berlin an dem gestrigen Premierenabend und erntete viel Applaus.

Cencic und Prohaska sind ein perfektes Paar, sängerisch, tänzerisch und schauspielerisch.  Und wie oft im Barock, sind die schönen Arien ganz demokratisch auf alle verteilt, deshalb sind auch die Nebenrollen von Bedeutung. So ist Mark Milhofer in der  Rockrolle von Arnalta, Poppeas Amme grandios und Lucia Cirillo als Valletto bringt das Publikum zum Schmunzeln mit ihrem verbalen und körperlichen Angriff auf Seneca, der ebenfalls mit Franz-Josef Selig großartig besetzt ist. Anna Prohaska strahlt und spielt die ehrgeizige und zum Schluss ein wenig unsichere Poppea hervorragend. Max Emanuel Cencic steht ihr aber in nichts hinterher. Mühelos und scheinbar spielerisch nimmt er die sehr hohen Töne. Monteverdi hatte seine Rolle für einen  Soprankastraten geschrieben.  Seneca hat nicht Monteverdis Respekt, sondern kommt unsympathisch herüber, Oktavia ist rachsüchtig-grausam, die Ammen opportunistisch, Ottone verletzt und beleidigt, Nero zeitgenössisch, animalisch- größenwahnsinnig und sich über Alles stellend und Poppea eine ehrgeizige Arrivistin.

Das Bühnenbild tragen die Sänger am Körper. Die Lichteffekte auf der Bühne erinnern manchmal an das Licht in Venedig, wenn sich die Abendsonne im Canale Grande wiederspiegelt und die maskierten Venezianer ihre Samt und Seidenroben durch die Stadt tragen und wenn man bei den Liebesspielen mal etwas diskreter sein will, dann wird einfach ein großes Tuch vor das Paar gespannt und die Träger halten sich verschämt die Hand vor die Augen. Ansonsten befindet sich am Ende der Bühne eine große Wand, die Ottone (Xavier Sabata) vor Wut immer wieder hochrennen will (was ihm schon erstaunlich gut gelingt).

 

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Große Textverständlichkeit bei fast allen Sängern!

Eine sehr gelungene, kurzweilige Aufführung dieser menschlichen Oper bei der die Prophezeiung im Prolog bestätigt wird: Vernunft und Moral haben keine Chance gegen Macht und Liebe.

Christa Blenk

 

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Le Prophèthe – Giacomo Meyerbeer

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« Le Prophète » von Giacomo Meyerbeer, Premiere am 26. November 2017
in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Bettina Stöß
 

Im Jahre 1849, in den Nachwehen der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution in Frankreich, brachte Giacomo Meyerbeer (1791-1865)  seine Oper Le Prophète in Paris zur Uraufführung. Bei dieser Gelegenheit wurde übrigens zum ersten Mal elektrisches Licht für die Inszenierung eingesetzt. Frankreich pendelte zwischen Industrialisierung, Tradition und Historienmalerei und war bereit zum Sprung in die Moderne, für Debussy, Ravel oder Cezanne und Monet.  Die Aufführung wurde ein Riesenerfolg und zog unzählige Aufführungen in ganz Europa nach sich.

Meyerbeer zählte 1849  zu den bedeutendsten Opernkomponisten. Als gut 30-Jähriger ging er auf Anraten von Rossini nach einem produktiven Italienaufenthalt nach Paris. Le Prophète ist eine Revolutionsoper ohne happy-end. Sie spielt im 16. Jahrhundert und der Held oder Antiheld ist kein französischer Demokrat sondern ein holländischer Religionsfanatiker. Diese Blockbuster-Oper greift die Frage auf, wie sich jemand radikalisiert. Es geht um Gewalt, Macht und dessen Missbrauch.

Berthe kann ihrem Peiniger Oberthal, der sie nicht freigeben will um Johann zu heiraten, entfliehen und such Schutz bei ihrem zukünftigen Mann, dem braven und langweilige Wirt Johann von Leyden. Letzterer allerdings  liefert sie – um seine Mutter zu retten -  wieder dem brutalen Grafen aus. Der Stress um diesen Gewissenskonflikt und der Verrat an seiner Liebsten wirft den Labilen so aus der Bahn, dass er sich von den radikalen und opportunistischen Wiedertäufern zum Propheten küren lässt, das Unheil nimmt seinen Lauf und lässt  Massenaufstände und Großbrände zurück.

Die lautmalerischen Ohrwurmmelodien um Exotisches, Religiöses, Politisches, Fremdes und trotzdem Greifbares, waren die Zutaten für diesen Erfolg. Wirklich gut und gläubig ist eigentlich nur Fidés (das ist sie ja schon ihrem Namen schuldig). Alle anderen sind nicht mal ansatzweise religiös oder verfügen über eine gewisse Moral. Die drei Wiedertäufer sind  zwielichtige Gestalten und drehen sich nach dem Wind. Johann interessiert sich eigentlich für gar nichts außer für seine Eitelkeit und der Graf Oberthal ist sowieso ein grausamer Schurke.

Für die Sänger ist diese Oper, die heutzutage aus gutem Grund eher selten aufgeführt wird, eine langatmige Herausforderung und wird im Verlauf von vier langen Stunden eher schwieriger.

Unglücklich und unerträglich die 15 Ballettminuten zu Beginn des 3. Aktes. Aber Olivier Py hat auch sonst alles getan, dass man froh ist, wenn man endlich gehen darf. Zwischen halbnackter Soldatenerotik rennen die Protagonisten konzeptionslos und unordentlich herum und die Szenen wiederholen sich sowie der Eimer Wasser für das Waterboarding  immer bereit steht. Und täglich grüßt das Murmeltier! Ständig wird jemand misshandelt oder missbraucht und dazu weht dann im Andenken an Jeanne d’Arc die französische Fahne im Takt. Und natürlich war auch wieder der obligatorische Hund auf der Bühne, aber wenigstens hat er uns dieses Mal vor den Panzern verschont. Auf der grauen Plattenbauten-Drehbühne wird die Intimissimi-Werbung im Verlauf der Freiheitsreduzierung von Postern des Felsendoms und Fotos der Milchstraße abgelöst. Dann hüpft ab und zu ein Engel mit Pappflügel über die Bühne und verkündet die Wahrheit. Viel déjà-vu!

Der Italiener und belcanto-Experte Enrique Mazzola hat das Orchester der Deutschen Oper Berlin dirigiert. Farbenfroh und laut ging es zu und die Solisten kamen permanent an ihre Grenzen und waren zum Schreien verurteilt. Der Chor der Deutschen Oper Berlin war ausgezeichnet. Gregory Kunde sang und schrie leidenschaftslos den beeinflussbaren Jean de Leyde, Clémentine Margaine war Fidés. Sie hat schwierige Arien aber sogar als Französin sang sie total textunverständlich – wie alle anderen übrigens.  Elena Tsallagova war Berthe, Seth Carico war Graf Oberthal. Die drei Wiedertäufer Derek Welton, Andrew Dickinson, Noel Bouley waren recht gut.

Enttäuschende Produktion.

Christa Blenk

 

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Hauskonzert in Zehlendorf

 
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 Man-Yi Guo, Daniel Pacitti, Shih-Cheng Liu

 

Das kleine Sternbild Kreuz des Südens (Cruz del Sur) war schon in der Antike von großer Bedeutung  und wohl im Alten Griechenland noch vom Mittelmeer aus zu sehen. Die europäischen Seefahrer und Eroberer nannten es das Kreuz des christlichen Glaubens, und weil man in der südlichen Hemisphäre den Polarstern nicht sehen kann war das Cruz del Sur ein unverzichtbares Instrument, um sich am Südhimmel zu orientieren.  

Am Rio de la Plata, wo die Flüsse Rio Paraná und Rio Uruguay in den Atlantik fließen gibt es sehr heiße Sommer und wenn man es drinnen gar nicht mehr aushalten kann, verbringt man die Nacht einfach im Freien – unter den Sternen. Und dort hat Daniel Pacitti als Fünfjähriger zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Kreuz des Südens gemacht. Seitdem begleitet ihn dieses Sternbild des Südhimmels und hat jetzt mit der originellen Komposition La Cruz del Sur auch Einzug in seine Musik gefunden. Gestern Abend wurde es zum zweiten Mal aufgeführt.

Das Stück La Cruz del Sur entstand 2016 und ist eine Suite für Flöte und Klavier, eine Bearbeitung wiederum von Pacittis Werk gleichen Namens für Stimme, Chor und Ensemble. Die Suite besteht aus sechs Sätzen: Copla-Baguala beginnt mit viel temperamentvoller Landschaft und unterschiedlichen Rhythmen, ein Dialog, der immer wieder auf einen Punkt zurückkommt. Er wird abgelöst von dem leicht jazzigen Saya. Der dritte Satz ist ein verführerischer Tanz auf einer Kirmes und heißt Bailecito y Rito. Er beginnt mit Walzertakten und geht dann über zu Tangorhythmen. Die Querflöte von Shih-Cheng Liu bringt plötzlich Trompetentöne hervor und man wartet gespannt bis die Karusselmusik einsetzt oder Jemand auf den  „Hau den Lukas“ hinweist. Aber es endet wohl mit einer Hochzeit!

Nach der Pause geht es weiter mit Malambo, hier tanzt die Querflöte mit den Händen der Pianistin um die Wette. Vidalista wird sentimental und ein wenig melancholisch und mit Zamba und Culto geht die Reise temperamentvoll und delikat zu Ende. Die Rhythmen verändern sich wie sich der Sternenhimmel im Verlauf der Nacht verschiebt und immer ein anderer Stern oder Rhythmus die erste Geie spielen darf. Manchmal meinen wir sogar Töne der Peking-Oper heraus zu hören.

Pacitti ist ein Gratwanderer und hat mit La Cruz del Sur den kompletten südamerikanischen Kontinent eingefangen. Ein fröhlich-melancholisches Leben, Tanzen, Träumen, Spielen und Verführen. Die Musik erzählt von der Begegnung mit den Sternen, kommt aber immer wieder zurück zu der Erdverbundenheit der südamerikanischen Rhythmen, von denen es so unglaublich viele gibt. Plötzlich donnert der Iguazú herunter, es rauscht und poltert bis es leise in das Flötenspiel des Schäfers Pan mündet. Dann und wann deutet Pacitti die Musik des 20. Jahrhunderts an, kommt aber gleich wieder zurück zu den traditionellen argentinischen und südamerikanischen Tönen.

Eingeleitet wurden die beiden Konzertteile jeweils mit den bezaubernden Querflötenstücken Andinas para Flauta Nr. 1 und Nr. 2. Shih-Cheng Liu begibt sich hier direkt unter das Firmament!

Der Komponist und Dirigent Daniel Pacitti ist in Argentinien von italienischen Eltern geboren. Studierte in Buenos Aires, Mailand und Paris. Er verehrt Ravel und Bach und baut ständig Brücken zur Musik seiner Heimat. Pacitti  spielt selber ganz wunderbar eigene und traditionelle Tangos am Bandoneon. Vor ein paar Monaten wurde hier in Berlin sein Luther-Oratorium „Wie sind Bettler“ in der Philharmonie uraufgeführt.

Die beeindruckenden und virtuosen Interpreten Shih-Cheng Liu (Querflöte) und Man-Yi Guo (Piano) kommen beide aus Taiwan, leben und arbeiten aber zurzeit in Berlin und Chemnitz.  Shih-Cheng-Liu verwächst mit seiner werbenden Querflöte, wird zum betörenden Ton und verzaubert das Publikum mit seiner Interpretation der argentinischen Musik. Vielleicht spielt hier Jungs kollektives Unbewusste eine Rolle, schließlich kamen Shih-Cheng Lius Cousins vor vielen Jahren über die Beringstraße an den Rio de la Plata und haben vielleicht – wie Daniel Pacitti – das Kreuz des Südens in heißen Sommernächten gesehen.

Ein wunderbares Geschenk dieser Konzertabend im kleinen Kreis. 

 Daniel Pacitti
Daniel Pacitti und sein Bandoneon

Mehr: Kreolischer Tangoabend

Mehr: Wir sind Bettler

Christa Blenk

 

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Nederlands Dans Theater

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Installation Guillermo Lledó (Plaza para un hombre solo)

 

Vor zwei Jahren triumphierte das Nederlands Dans Theater (NDT) im Haus der Berliner Festspiele. Jetzt sind sie zurückgekommen mit einem ausgewählten, klassisch-zeitgenössischen und sehr unterschiedlichen Programm, darunter zwei Werke aus 2016.

Woke Up Blind (Marco Goecke, 2016) setzt sich mit Gefühlen und Verlust auseinander, mit der Liebe. Begleitet werden die Tänzer bei ihren schleppend und brennenden Marionetten-Roboter-Bewegungen von zwei Liedern des schon verstorbenen Rockmusikers Jeff Buckley („You and I“ und „The way young lovers do“). Sieben Tänzer (zwei Tänzerinnen und fünf Tänzer)  kriechen mit roten Samthosen in die sentimentale Musik und versuchen mit ihr Schritt zu halten. Goecke setzt hier auf kontrollierte und sehr anspruchsvolle  Bewegungsabläufe – nur ein Stern steht am Bühnenhimmel unter dem die Tänzer wie Fotomodelle daher staksen.

Nach einer kurzen Umbaupause geht es weiter mit The Statement (Crystal Pite, 2016). Hier hat sich Pite ganz klar an Kurt Jooss „Grünem Tisch“ orientiert. Das Stück hat der Ballettdirektor des Essener Opernhauses 1932 kurz nach seiner Flucht vor den Nazis in Paris uraufgeführt und es geht darin um Verhandlungen zwischen Krieg, Tod und Vertreibung bzw. Aufteilung – und darum geht es auch in dieser Choreografie: Vier Tänzer in Business-Kleidung aus der Leitungsetage müssen ein Statement produzieren, das moralisch Verantwortung übernimmt und eine Krise bewältigen kann. So wie es aussieht, ein Ding der Unmöglichkeit und dementsprechend geht es sehr hektisch und theatralisch-aggressiv zu. Jeder versucht zuerst seinen eigenen Kragen zu retten und die Angelegenheit schön zu reden bzw. sie zu minimisieren. Zu den großartig getakteten Bewegungen unter manieristischem Licht um und auf dem Konferenztisch, läuft ein sehr realistischer und politischer Dialog (Skript von Jonathon Young). Die Kostüme hier hat ebenfalls Crystal Pite mit Joke Visser entworfen, das Bühnenbild stammt von Jay Gower Taylor. Das beste der vier Stücke an diesem Abend und man will ein da capo!

Nach der Pause geht es weiter mit dem 25 Minuten Stück The missing door  (Gabriela Carrizo, 2013). Sind die sieben Türen Eingang oder Ausgang? Wollen die Protagonisten hinein oder ausbrechen? Es klopft, also will Jemand herein, aber die Tür geht nicht auf. Ein Tauziehen zwischen Realität und Fiktion. Wird hier der Traum Wirklichkeit oder die Wirklichkeit zum Traum – das bleibt dem Betrachter überlassen. 

Ein Kameramann geht mit seinem Theater- Scheinwerfer auf die Darsteller zu, die alle ihre Arbeit verrichten. Der eine putzt, der andere ist betrunken, eine Frau zieht sich hochhackige Schuhe an und ein Dienstmädchen bringt Gegenstände und Getränke. Irgendwie gehören sie zusammen und doch nicht. Es klopft, also will Jemand herein. Sie bewegen sich Richtung Tür, diese will aber nicht aufgehen. Andere Türen öffnen sich daher quietschend und rostig von selber. Wahrscheinlich sind wir in einer Kneipe, in der es blutigen Streit gab, der gefilmt wird – vielleicht wird ja gerade ein Hitchkock-Film gedreht oder eine neue Blaubart-Inszenierung erfunden. Theater, Tanz und Kunst verschmelzen hier. Mit einer Portion slapstick wird die aufkommende Dramatik immer wieder durch Lacher unterbrochen und gibt der Sequenz eine symbolistisch-gruselige Kurzweiligkeit. The Missing Door war die erste Arbeit von Gabriela Carrizo für das NDT

Die letzte Performance dauert 33 Minuten und ist die klassischste – eine Schwarz-weiß-Welt . Die weiße Mauer auf der Bühne dreht sich ohne Unterbrechung. Sie trennt Tod und Leben. Safe as Houses haben die Haus- Choreografen des NDT Sol León & Paul Lightfoot entwickelt und sich  vom Buch der Wandlungen (I-Ging) dazu inspirieren lassen. Es ist sehr ästhetisch und passiert zu Bach-Musik. Ohne Bach könnte wahrscheinlich das zeitgenössische Ballet gar nicht stattfinden und alle haben das erkannt..  Es gibt vier weiße Tänzerpaare, die sich nacheinander mit eleganten und schönen Bildern in die Geschichte tanzen und drei schwarze Tänzer, die den Tod herbeitanzen oder ihn wegtanzen möchten. Safe as Houses feierte 2001 in Den Haag Premiere.

Eine durch und durch ausgezeichnete Performance. Mit physischer Aussagekraft und großartiger Sensibilität tanzt sich das NDT an die Weltspitze.  Mitreißend, spannend, fabelhaft und surreal-manieristisch die Geschichten, die mit allergrößer Perfektion erzählt und getanzt werden. 

Mehr kann man von einem Balletabend nicht erwarten. 

Christa Blenk

 

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Mord im Orient Express

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Schnee, Dampflock und ein Mord

Kenneth Branagh hat Agatha Christies Klassiker « Mord im Orient-Express » neu verfilmt und spielt selber die Rolle des belgischen Meisterdetektivs  Hercule Poirot. 

Mittlerweile schon die vierte oder fünfte Version der Romanverfilmung und keine ist wirklich überzeugend! 1934 hat Agatha Christie den Krimi geschrieben und Sidney Lumet hat ihn 1974 verfilmt. Branagh hat sich auch hier – wie schon damals – eine Starbesetzung an Bord geholt. Albert Finney, Richard Widmark, Lauren Bacall, Jacqueline Bisset, Sean Connery stehen Judi Dench, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer und Penelope Cruz gegenüber.

Vor einer mit viel Kinotricks gezeigten Schnee- und Berglandschaft spielt Branagh wieder mal Theater. Aber das hilft ihm nicht viel. Trotz 21. Jahrhundert Kino-Technik wünschen wir uns den ganz einfach inszenierte Lument-Film zurück und Albert Finney (obwohl natürlich der umschlagbarste Poirot Peter Ustinov war!).  

Vor Beginn der Reise hat der Regisseur noch eine Jersualem-Szene eingebaut, die viel Kino Know-how zeigt, romantische Landschaften oder Sonnenuntergänge – dabei hat er aber nicht bedacht, dass die Kuppel des Felsendoms 1934 – in diesem Jahr spielt der Film – ein Bleidach hatte. Vergoldet wurde sie erste Jahrzehnte später.

Hercule Poirot bekommt durch seine Beziehung zum Eisenbahndirektor doch noch einen Platz in dem ausgebuchten Orient-Express von Istanbul nach Calais. Nach und nach macht er Bekanntschaft mit  den anderen Reisenden der Ersten Klasse, darunter der zwielichtiger Geschäftsmann Ratchett (Johnny Depp). Dieser liegt am nächsten Tag – neben Hercule Poirots Kabine – tot in seinem Bett. Ermordet durch mehrere, ganz unterschiedliche  Messerstiche. Und obwohl Poirot sich eigentlich erholen wollte, macht er sich gleich daran, seine grauen Zellen zu aktivieren. Während er alle anderen einzeln verhört, bleibt der Zug in einer grandiosen Kino-Zug-Szene im Schnee stecken.

Branagh/Poirot ist nervig, das fängt schon beim morgendlichen Eieressen an (die er nämlich nur dann verzehren kann, wenn sie gleich groß sind – dazu wird exakt gemessen). Man glaubt ihm das alles einfach nicht und er manipuliert den Zuschauer mit schnulzigen Sentimentalismen und moralischen Bekundungen.  »Wir müssen besser sein als Ungeheuer! Wir dürfen Mord nicht akzeptieren! » sagt er mit Krokodils Tränen in den Augen. Gleichzeitig hat er immer wieder gezielte Lacher eingebaut. Er leidet sichtlich, dass er am Ende die Justiz um 12 Mörder betrügen muss, aber auch diese musste hier mit einem anderen Maßstab gemessen werden.

Zwischendurch wird die Armstrong-Geschichte in schwarz-weiß eingeblendet. Lumet hat das sie seiner Version mit Zeitungsausschnitten am Anfang des Films erzählt. Langsam lernt man, dass die Fahrgäste alles etwas mit der Entführung von Daisy Armstrong zu tun hatten. Mutter, Schwester, Fahrer, Dienstmädchen, Armeekollege oder Polizeibeamter. Christie hat sich auf eine wahre Begebenheit in den 1930er Jahren gestützt.

Kenneth Branagh tritt leider in Albert Finneys Fußstapfen und nicht in die von dem späteren, großartigen Peter Ustinov in der Rolle des Superdetektivs. Den zurückhaltenden Humor, die seine feine Ironie ersetzt er durch Wehleidigkeit. Mitten im großen Leinwandkino spielt Branagh Theater –  referiert und schaut gewinnend in die Kamera, spricht ins Publikum, als ob er alleine auf der Bühne stehen würde. 

Michelle Pfeifer ist eine überzeugende Mrs Hubbard (alias Großmutter von Daisy). William Dafoe spielt den österreichischen Professor mit klaren rassistischen Ideen (er war der Verlobte des beschuldigten Dienstmädchens der Armstromgs, die sich umbrachte) und Judi Dench ist Prinzessin Dragomiroff. Das Kindermädchen Mary Debenham wird von Daisy Ridley gespielt und die mystische Missionarin von einer recht mittelmäßige Penélope Cruz. 

Lauwarm.!

 

Christa Blenk

 

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Emil Cimiotti – „Denn was innen, das ist außen“

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Im August 2017 feierte der Göttinger Künstler Emil Cimiotti seinen 90. Geburtstag. Das Kolbe Museum hat ihm aus diesem Anlass eine wunderbare Ausstellung organisiert.

Cimiotti ist 1927 geboren, war kurz im Krieg,  in Kriegsgefangenschaft und ist nach seiner Rückkehr Künstler geworden, zuerst als Autodidakt. Gleichzeitig macht er eine Ausbildung zum Steinmetz, lernt Willi Baumeister kennen und ein paar Jahre später in Berlin Karl Hartung. Dann zieht es ihn aber nach Paris wo er bei Ossip Zadkine lernt und wo er Brancusi, Leger, Giacometti und Le Corbusier kennenlernt.

 

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Baum, 1991 -Bronze bemalt – Kunstsammlung Talanx AG; Monte Circeo, 1959 – Kunstmuseum Bochum; Figurengruppe II, 1957 – Privatsammlung Niedersachsen

 

In den  1950er Jahre entstehen seine ersten kleinformatigen Bronzen. Die Kritik reagiert nicht gut darauf. Cimiotti bekommt 1957 aber trotzdem einen Kunstpreis verliehen und darf ein Jahr später zur Biennale nach Venedig reisen. Im selben Jahr erhält er ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Anschließend stellt er auf der documenta aus. Dreimal hintereinander.

Seit Ende der 1950er Jahren gehört Cimiotti zu den Pionieren der abstrakten Skulptur und er ist aus der Kunstwelt nicht mehr wegzudenken und über den Umweg der Abstraktion findet er Mitte der 1960er Jahre den Weg zur Figuration. Es steckt viel Poesie in seinen Arbeiten, manchmal kritische und nachdenkliche und dann wieder grotesk-surreale.  Cimiotti referiert permanent mit der Natur, so heißen seine  Arbeiten Wald, Baum oder Fische.

An der Eröffnung am 19. November nimmt der 90jährige Künstler persönlich teil. Er  wirkt gar nicht zerbrechlich,  begrüßt das Publikum im Stehen und diskutiert mit den Besuchern.

 

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 Die Fische, 1978-80 – Landratsamt Alb-Donau-Kreis

 

Vor ein paar Jahren hingegen, hat Cimiotti beschlossen, nicht mehr mit Bronze zu arbeiten. Er ist umgestiegen auf leichter zu handhabende Materialien wie Papier. Es entsteht ein positives und methodisches Alterswerk, das ihn wieder ganz jung macht und an den Anfang einer Karriere bringt und  das viel kreative Freiheit in sich birgt. Papier kann er alleine bewegen  – ohne Kran und Mitarbeiter. Die farbigen Papierfaltarbeiten stehen im Dialog mit den Skulpturen und es ist sehr interessant zu beobachten,  dass auch seine Bronzen manchmal an zerknülltes oder gefaltetes Papier erinnern. Sie wirken beweglich, filigran, verletzlich manchmal, nicht statisch und leicht eigentlich. Einige seiner Skulpturen hat Cimiotti  früher auch bemalt. 

 

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Saalansicht

 

Das Kolbe Museum ist wie geschaffen für seine Arbeiten, die auch gut zu Kolbes Skulpturen passen. Im ersten, sehr lichten Saal hat die Kuratorin die Arbeiten aus den 1950er – 1970er Jahren platziert, dies sind auch z.T. die größeren Arbeiten, obwohl Cimiottis Skulpturen meist eine menschliche Dimension haben, tragbar und überschaubar sind. Die neueren Arbeiten und delikaten Papierreliefs sind im Nebensaal und im Untergeschoss ausgestellt. 

Einen direkten Einfluss von Zadkine kann man nicht wirklich feststellen. Zadkines Skulpturen sind härter, größer und kubistischer. Da findet man eher bei Giacomettis Arbeiten Parallelen oder mit Wilhelm Lehmbruck, sogar Kolbe selber. Hieran denkt man vor allem bei der Figur (für Meister Gislebertus, 1984), die gleich im ersten Saal steht. Sie steht da, in Kolbe Position, durchsichtig, voll im Licht, hat weder Kopf noch Arme und streckt  sich doch gen Himmel. Man spürt ein Ziehen in den Unterschenkeln beim Betrachten.

Den Titel seiner Ausstellung Denn was Innen, das ist außen hat er sich bei Goethe ausgeliehen.

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis!
Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles!
Kein Lebend’ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vieles. (Epirrhema, J.W. von Goethe)

Die Ausstellung zeigt über 30 Plastiken und zahlreiche Zeichnungen sowie die zarten Papierreliefs, die vor kurzem erst in seinem Atelier in Hedwigsburg entstanden sind und sie beschreibt 60 Jahre Künstlerleben.

Kuratiert wurde die Schau von Prof. Christa Lichtenstern, die Cimiottis Arbeiten wie Niemand sonst kennt und viel über ihn geschrieben hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Januar 2018 zu sehen und lohnt einen Besuch.

 
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 am Eröffnungstag im Kolbe Museum
 
 

 Christa Blenk

 

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Ferdinand Hodler

für KULTURA EXTRA

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Mit aufgerissenen Augen, streng, fragend, fordernd, die Stirn in Falten gelegt, selbstsicher, schaut er uns an. Das Portrait entstand 1912, da war Ferdinand Hodler (1853-1918) 59 Jahre alt. Das Bild ist aus Winterthur nach Bonn gekommen, und Hodler hat es auf dem Höhepunkt seiner Malerkarriere gemalt. Eines seiner besten Selbstporträts, sicherlich. Auf jeden Fall ein Ergebnis seines Lernprozesses, seines Aufenthalts in Spanien 1879 und der intensiven Befassung mit dem Maler Diego de Velazquez.
Der Veduten-, Postkarten – und Ornamentemaler Ferdinand Hodler, der schon als 12-jähriger die Dekorationswerkstatt seines Stiefvaters leiten muss und der sieben seiner Geschwister an die Tuberkulose verliert, gehört spätestens seit der Jahrhundertwende zu den gefragten, europäischen Dekorations- und Historienmalern, und seine Motive werden es später sogar auf den Schweizer Frankenschein schaffen. Obwohl die neutralen Bergbewohner einige seiner Werke als sittenwidrig bezeichnen, darf er die Schweizer Gründergeschichte dokumentieren. Mit dem Wandbild Rückzug aus Marignano, das er für das Landesmuseum Zürich malt, wird er auch in Deutschland als größter Monumentalmaler gefeiert.
1889 entsteht das Gemälde Die Nacht. Es zeigt sieben schlafende Menschen, Hodler selber liegt zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin. Die Genfer Behörden haben Probleme damit, finden es zu gewagt, zu anrüchig und lassen es aus dem Genfer Musée Rath entfernen. Max Liebermann hingegen war begeistert und holt es nach München. Damit ebnet er auch Hodlers Weg in die Münchner Sezession. In Paris bekommt der Maler dafür eine Silbermedaille, und Bertha Stucki lässt sich später von ihm scheiden. Das Bild Die Nacht ist leider nicht in die Bundeskunsthalle nach Bonn [zur Ausstellung FERDINAND HODLER - Maler der frühen Moderne] gekommen. Allerdings gibt es ein Tag-Bild. Hier hat sich Hodler samt Frauen zwar nicht verewigt, stattdessen tummeln sich drei androgyne Grazien – wie er sie ja so gerne malt – auf einem hellblauen Tuch, das auf einer verzierten Wiese liegt. Ursprünglich waren es fünf Musen, zwei davon hat er aber später aus dem Bild entfernt.
Aus Anlass des 350. Geburtstages der Universität Jena erhält er 1908/1909 einen Auftrag der Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar, ein Wandbild für die Universität zu malen. Thema sollte der Aufruf Preußens zum Widerstand gegen Napoleon sein, und gerichtet hat sich das Petitum an die Jenaer Studenten. Diese hatten 1813 allerdings die Uni Jena verlassen, um sich verschiedenen preußischen Truppen wie z.B. dem Lützowschen Freikorps in Breslau anzuschließen. Patriotismus und Zusammenhalt, Mut und Aufbruchsstimmung sollte das Bild vermitteln, was es im oberen Teil auch tut. Dort marschieren die Vierergruppen zackig mit geschultertem Gewehr im Gleichschritt. Hodler hat das Bild in zwei Hälften geteilt. Unter der Linie allerdings herrscht alles andere als Bereitschaft oder Ordnung. Sein heroisches Monumentalgemälde vermittelt Zögern und Unlust auf den Krieg. Hier helfen auch die güldenen Messingknöpfe nicht. Diese Soldaten muss man zum Jagen tragen! Einer steigt umständlich auf ein Pferd, ein anderer überprüft die Hufe, und der dritte schnallt sich lustlos den Kanister auf den Rücken. In der Mitte des Gemäldes zieht sich ein Landser gerade die schwarz-eingefärbte Jacke an. Auf der rechten Seite hebt ein gut gekleideter Schütze den rechten Arm und marschiert fast tanzend aus dem Bild, hinter ihm ein gesatteltes Pferd ohne Reiter.
Der Jenaer Philosoph Rudolf Eucken hatte ihm seinerzeit den Auftrag erteilt; 5.000 Reichsmark haben die Kunstfreunde dafür bezahlt. Euckens Frau soll ihm sogar eine echte Uniform aus Lützow besorgt haben, und der 17-jährige Eucken-Sohn Rudolf stand angeblich Modell. Natürlich sorgt dieser Auftrag für Kritik. Seit wann darf ein Schweizer Symbolist ein Sinnbild des deutschen Nationalstolzes malen? Die Leipziger Abendzeitung am 5. Oktober 1907 berichtet dementsprechend: „Auf den Einfall, die Großtat eines Volkes durch einen Ausländer verherrlichen zu lassen, ist wohl bisher noch keine andere Nation gekommen.“
Auch dieser Umstand mag der Grund gewesen sein für die heftige Reaktion, als Hodler 1914 ein Genfer Protestschreiben gegen einen Akt der Barbarei der deutschen Artillerie unterschreibt. Diese steckte kurz nach Kriegsbeginn die Universitätsbibliothek von Löwen in Brand und beschoss die Kathedrale von Reims. Hodlers Jena- Epos, das immerhin ca 600 x 442 cm misst, wird umgehend aus dem Saal verbannt und verschwindet hinter Bretterverschlägen. Man spielt sogar mit dem Gedanken das Bild zu verkaufen.
Hodler schreibt an seinen ehemaligen Freund Eucken und will klarstellen, dass sich sein Protest vor allem gegen die « Zerstörung eines Kunstwerkes“ gerichtet hätte und nicht gegen Deutschland. Aber ohne Erfolg, seine Bilder werden aus den deutschen Museen entfernt und der Maler Hodler aus allen Künstlervereinigungen ausgeschlossen.
Gerollt kam das monumentale Werk zur Ausstellung nach Bonn, nachdem es lange Jahre weder abgenommen noch transportiert worden war. Ein Film in der Ausstellung erzählt die Geschichte.
Bevor Hodler aber 1914 in Ungnade fällt, bekommt er 1911 – auf Anregung von Liebermann übrigens – noch einen zweiten Großauftrag aus Deutschland. Wieder ein historisches Gemälde, diesmal für das Rathaus von Hannover. Es entsteht Einmütigkeit . Es zeigt den protestantischen Schwur der Bürger von Hannover im Juni 1533 auf dem Marktplatz. Zur Einweihung 1913 kommt sogar der Preußenkaiser ins Hannoveraner Rathaus. Pompöse Männer, den rechten Arm hochgesteckt, verherrlichen den Populismus. Die Szene wirkt aber eher wie aus einem schlechten Peplum-Film, die Schwörenden greifen chaotisch und tänzerisch eher nach den Sternen. Der Redner, den Hodler viele Male vorbereitend malte, ist als Einziger von vorne zu sehen, macht ein wütendes Gesicht und stampft gefühlt mit dem Fuß auf. Ob es dem Kaiser gefallen hat, ist nicht dokumentiert – er soll geschwiegen haben!
Hodler hat nicht nur die Schweizer Berge neu erfunden, er hat auch die Historienmalerei ins 20. Jahrhundert geholt und ihr eine neue Dynamik verliehen. Die vereinfachte Reduzierung der Figuren passt gut in die neue Zeit, auch wenn die Figuren klobig und aggressiv wirken.
Aber dann gibt es auch die kleinen Bilder, fast lieblich wollen sie sein, weich und kantig zugleich. Und zwischen tanzenden Frauengruppen und hellblauen Landschaften liegt sie da, seine Geliebte Valentine Godé-Darel. Er hat sie ab 1913 lebend, sterbend und tot gemalt. Verhärmt und scharf geschnitten das weiße Gesicht, wie die Umrisse seiner Berge. Die dicken roten Blutstropfen könnten auch Blumen sein.
Bei den Landschaften fällt es vor allem auf: Blau ist seine Lieblingsfarbe. Dicke Pinselstriche lassen an Van Gogh oder Kokoschka denken. Trotz überwiegender Frühlingsstimmung kommt eine echte, überzeugende Fröhlichkeit nicht auf. Es liegt eine unausgesprochene Dramatik auf seinen Bildern, so als ob gleich etwas passieren würde oder das Passierte noch nicht richtig verarbeitet werden konnte.
Immer wieder nimmt er ein schon behandeltes Thema auf und bereitet seine großen Werke mit vielen Studien vor. Man bekommt den Eindruck, dass Hodler zuerst seine Protagonisten nackt malt und sie dann anzieht. Die Kleider kleben am Körper, aber sind doch eher eine Skulptur. Holprig die Linien der pompösen Spröden oder der Axt schwingenden Waldarbeiter.
Die Heilige Stunde (1911) zeigt vier Frauen auf einer Pompeij-roten Bank sitzend. Die beiden Frauen in der Mitte sind blau gekleidet und wirken stolz, autoritär, frei, mit großen Füßen, gar nicht wie Frauen, die kein Wahlrecht haben. Die Frauen links und rechts tragen helle Kleider und sind zierlicher. Sie neigen ihren Kopf nach innen. Alle vier blicken sich nicht an, und die Hände sind keine betenden. Das Bild ist mit einer Blumengirlande umrandet. Hodler hat sich hier an einer römischen Wandmalerei orientiert, scheint es.
Seine Personen schauen uns nicht an, und diese von ihm so geforderte Fusion des Körperlichen und des Übersinnlichen sowie der Zwang Jugendstil-Ornamente hinzuzufügen lassen ihn schon mal kurz abrutschen in einen verdrehten, sentimentalen, manieristischen Symbolismus. Seine Landschaften nähern sich im Laufe der Zeit immer mehr Farbflächen, Geschichten – wie auf den Landschaften von früher – erzählt er auf ihnen nicht mehr.
Ferdinand Hodler war ein geschickter Künstler, ein wichtiger Maler zu Beginn der Moderne und hat es oberdrein verstanden sich selbst zu vermarkten, er war auch ein Geschäftsmann, der gute Kontakte zu Sammlern und Museen pflegte. Er stirbt, sehr wohlhabend, am 19. Mai 1918 in seinem Haus am Genfer See und hinterlässt an die 2.000 Gemälde und unzählige Zeichnungen.
Fast 20 Jahre war Hodler nicht mehr in Deutschland in einer umfassenden Ausstellung zu sehen. Die Kuratorinnen Monika Brunner und Angelica Francke haben anhand von rund 100 Gemälden und 40 Zeichnungen – die meisten davon kommen aus der Schweiz – Hodlers künstlerischen Weg nachgezeichnet. Man lernt ihn gut kennen auf den abwechslungsreichen Etappen, zwischen Moderne, Jugendstil und Symbolismus und die Geschichte um den „Fall Hodler“ macht ihn sogar zu einer politischen Figur.
Die Schau FERDINAND HODLER – Maler der frühen Moderne in der Bonner Bundeskunsthalle, die in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern entstanden ist, geht noch bis zum 28. Januar 2018 und ist auf jeden Fall sehenswert.
Christa Blenk – 16. November 2017

Humbug – OPERALAB Berlin

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„Wer will nochmal, wer hat noch nicht“

Humbug

Der US Zirkuspionier, Kulturmanager und Marketing-Genie  P.T. Barnum alias Prince of Humbugs (wie er sich selber nannte) kaufte 1841 das Amerikanische Museum in New York. Dort präsentierte er seine Wunderkammer und allerlei seltsame Lebewesen – wobei es nicht immer ohne Tricks zuging. Im Laufe seines Direktorendaseins füllte er jedenfalls die Kassen und lockte 38 Millionen Besucher mit seiner Mischung aus Völkerkunde, seltsamen Lebewesen, kleinen Schwindeleien und exotischen Gegenständen in das Museum.

Bei dem Stück Humbug geht es um den Mythos der Meerjungfrau und Barnums größten Coup. Wir zahlen unseren Obolus und treten ein in die Freak-Show. In der Mitte auf einer Bühne liegt das Fabelwesen und redet auf eine Büste ein, sie wartet auf ihre Erlösung. Die drei Frauenstimmen sind dreimal die Person von Barnum (Gina May Walter und  Nina Guo, Sopran) und Luise Lein, Mezzo – manchmal übernimmt eine der Protagonisten in eine andere Rolle, so wird z.B. Luise Lein kurzfristig zum Seefahrer Odysseus, der sich von Barnum Nr. 1 fesseln lässt, um den Verlockungen der Sirene zu entkommen. Singen kann diese Fischfrau allerdings nicht, denn man hat ihr vorher die Stimmbänder aus dem Mund gezogen.  Ab und an wird sie mit Plastik gefüttert.

Aber zu diesem Kuriositätenkabinett gehören auch auf die Musiker, die sich vor ihrem Einsatz dem Publikum präsentieren. Da ist die bärtige Frau (Evdoxia Fillipou, Schlagzeug), der Mann mit Brüsten (Pedro Pablo Camara Toldos, Saxophon) und Mia Bodet am Keyboard, die eine Art rosaroter Menschenaffe sein könnte. Die drei Zirkusdirektoren tragen bunte Jacken mit Kordeln und Zylinderhut. Irgendwann wird unsere Meerjungfrau sehr gekonnt aus der schwarzen Plastikmülltütenhülle geschält und scheint erlöst. Unsicher und mühsam versucht sie immer wieder auf die Beine zu kommen bzw. zu flüchten, was die Direktoren natürlich nicht zulassen wollen, denn sie sorgt ja schon für gute Einnahmen.

Zum Schluss sitzt das Fabelwesen, eine Mischung aus Sirene, Udine und Andersens kleiner Meerjungfrau, auf einem Hocker. Sie hat nun Beine, aber immer noch keine Stimmbänder und zerlegt ganz kunstvoll eine Dorade, während die drei Sängerinnen im minimalen Loop-Stil und beeindruckenden Stimmen ihre Verse singen.  Dann hält sie uns die Fischgräte hin, die wie eine Meerjungfrau  aussieht.

Großartige Leistung der Meerjungfrau (Margaux Marielle-Tréhouart). Sie entwarf auch die Choreografie.

Opera Lab Berlin im Ackerstadtpalast hat aus einem fünfteiligen Liedzyklus des österreichischen Komponisten Bernhard Lang (*1957) eine Musiktheater-Kurzoper für Frauenstimme und drei Instrumente arrangiert. „Songbook I“ für Frauenstimme, Saxophon, Keyboards und Schlagzeug entstand schon im Jahre 2004. 2017 hat er sie überarbeitet und diese Version im Ackerstadtpalast nun zur Uraufführung gebracht. Die Lieder „Watchtower“, „Ophelia“, „Count 2 4“, „Burning Sister“ und „Another Door … for Jenny“ sind der Sängerin Jenny Renate Wicke gewidmet, die 2007 verstarb.

Regie führte Michael Höppner, die fantasievollen Kostüme entwarf Aurel Lenfert. Musikalische Leitung hatte David Eggert.

Auf jeden Fall haben wir uns köstlich amüsiert, obwohl die Musik durch das aufregende Geschehen in der Zirkus-Freak-Show zu kurz kam. 

Das Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater, Opera Lab Berlin, gibt es seit 2013.  Humbug ist die neunte Produktion (IM FELD#9).

Nicht ganz zu verstehen war, warum die Hocker an das Publikum erst dann verteilt wurden, als es sich alle schon auf dem Boden bequem gemachten hatten. Aber das gehörte sicher auch zur Inszenierung …..  ….

Christa Blenk

 

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In den Rheinauen – während COP23

Während der COP23 waren in den Bonner Rheinauen Installationen und Skulpturen des dänischen Künstlers Jens Galschiot (*1954) zu sehen.  Seine Arbeiten befassen sich generell mit dem Thema Humanismus, Menschenrechte und mit der Verteidigung von ethischen Werten der Gesellschaft – weg von politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Interessen. Meist stellt er seine Arbeiten an öffentlichen Plätzen aus, die dann gerne in eine Performance übergehen.

Die schwimmende Installation The Refugee Ship zeigt Klimaflüchtlinge in Kupfer und wurde bis jetzt in 30 deutschen Städten gezeigt sowie in weiten Teilen in Skandinavien

Anläßlich des Mauerfalls im Herbst 1989 entstand eine Skulptur mit Mauerfragmenten, dazu erhielt er von der Stadt Berlin zwei Mauerstücke, aufgestellt wurde die Skulptur in Berlin jedoch nicht (allerdings wurde das Modell am Checkpoint Charlie gezeigt). Das Original steht in seinem Skulpturengarten in Odense.  

 

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In den Rheinauen während der COP23 – u.a. mit Skulpturen von Jens Galschiot

cmb

 

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Michelangelo Pistoletto zu Gast bei Palladio

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 Installationen von Michelangelo Pistoletto auf der Biennale di Venezia – Basicila di San Giorgio

 

Spiegel überall!

Die Biennale von Venedig stützt sich in den vergangenen Jahren immer mehr auf die sogenannten »Collaterali« – das sind side events und Parallelausstellungen weit weg von den Giardini und dem Arsenale. In Kirchen und Palazzi findet man oft die interessantesten Installationen oder Künstler. 

Dem italienischen Installationskünstler Michelangelo Pistoletto (*1933) stand die komplette Basilica di San Giorgio auf der Isola di San Giorgio Maggiore  zur Verfügung. Der große Renaissancearchitekt Andrea Palladio hat sie erbaut. Von Arsenale fährt man also mit dem Vaporetto auf die Insel San Giorgo und das Boot hält direkt vor der Kirche.

Im Innenraum trifft man gleich auf   »Love Difference – Artistic Movement for an InterMediterranean Politic ». Die Installation entstand im Jahre 2002 in Cittadellarte (Biella). Diese Stiftung hatte der Weltverbesserer Pistoletto Ende der 1990er Jahre gründet  mit dem Ziel den sozialen Wandel durch künstlerische Interaktion zu verbessern, ein Schmelztiegel-Effekt und ein Versuch,  Mensch und Natur in Harmonie zu vereinen und  beständigere Werte wieder auszugraben. Sehr prominent vertreten eine Spiegelbild-Serie, die während seines Kuba-Aufenthaltes 2015 entstand. Il Tempo del Giudizio (2009-2017) ist eine Tempel-Installation aus Spiegel, Teppich und zwei Buddha-Figuren. Dann, die neueste Arbeit „Colour and Light“  bestehend aus acht Elemente von je 180 x 120 cm, sie entstand 2017.

Terzo Paradiso ( das dritte Paradies) ist ein vielfältiges, welt-übergreifendes und welt-beteiligendes Manifest. Es ruft auf, mit  Verantwortung und Solidarität an einer Veränderung der Welt mitzuarbeiten und sie für die kommenden Generationen zu bewahren, wie immer, ist für ihn die Kunst ein Werkzeug, die  ökonomischen, sozialen und politischen Zustände zu verbessern.

Pistoletto kommt aus der Arte Povera und ist vor allem bekannt für seine blank polierten Spiegelinstallationen. Unterschiedliche Spiegelmontagen und andere Werke aus seinem 50jährigen Künstlerleben sind dort zu sehen und natürlich darf die „Lumpenvenus“ (1968) nicht fehlen. Sie ist ein Paradebeispiel der Arte Povera: Ganz in weißem Marmor, beugt sich die Schöne über einen bunten Lumpenberg.

Der Zuschauer ist das Kunstwerk, Pistolettos Spiegelflächen haben manchmal sogar einen barocken Goldrahmen aber das Gemälde existiert nur so lange wie der Betrachter in die Spiegel schaut. Sobald man weg sieht, ist das Kunstwerk verschwunden oder hat sich verändert. Es lebt sozusagen, es entsteht und es zerfällt mit unseren Bewegungen.  Manchmal zerschlägt Pistoletto seine Spiegel, dann gibt es uns nur noch zerrüttet, defragmentiert. 

Pistoletto selber entstammt einer Restauratorenfamilie und hat eine Werbe-Designschule besucht, aber abgesehen davon ist er Autodidakt. Im Kunstgewitter der Nachkriegszeit, in den 1950er Jahren, fängt seine Künstlerkarriere an. Selbstportraits, Objekte, Figuratives und Konzeptuelles. Schon 1960 hat er die erste Einzelausstellung in Turin. 1962 entsteht sein erstes Spiegelbild „Il Presente“ (die Gegenwart) und Pistoletto wird zum bedeutendsten Vertreter der Pop Art in Italien. Dimension, Raum und Zeit sind seine Hauptanliegen. Pistoletto stellt in Europa und in den USA aus und seine Arbeiten werden immer konzeptioneller. Anschließend kommt die Phase der Minusobjekte. Hier stehen Vielschichtigkeit und Zeitumfang im Mittelpunkt. Er ist Mitbegründer der Arte Povera- Bewegung und stellt seine Arbeiten außerhalb der kommerziellen Galerien aus. In diesem Jahr wurde er zum ersten Mal auf die Biennale eingeladen. In den 1970er Jahren kommt die Raumphase ( Le stanze) für die Galerie Stein in Turin. Es folgt die Serie continenti di Tempo (Zeitkontinenten). 2007 bekam er in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Immer wieder steigt er aus dem kommerziellen Kunstgeschäft aus und lehnt sogar ein Angebot des New Yorker Kunsthändlers Leo Castelli ab.

Ohne Pistoletto wäre die zeitgenössische Kunstszene ohne Zweifel sehr viel langweiliger!

Die Ausstellung in der  San Giorgio  Basilica präsentiert 50 Jahre seines Lebenswerkes (1960-2017) und ist interessanter als das meiste, was diese Biennale zu bieten hatte.

11 Mal insgesamt war er auf der Biennale di Venezia; das letzte Mal 2009 und viermal war Michelangelo Pistoletto auf der documenta in Kassel vertreten.

 

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Auf dem Weg zu Pistoletto

Christa Blenk

 

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Ferdinand Hodler

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 Ferdinand Hodler - Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813
1908/1909 – Öl auf Leinwand

 

FERDINAND HODLER – MALER DER FRÜHEN MODERNE

Mit aufgerissenen Augen, streng, fragend, fordernd, die Stirn in Falten gelegt, selbstsicher, schaut er uns an. Das Portrait entstand 1912, da war Ferdinand Hodler 59 Jahre alt. Das Bild ist aus Winterthur nach Bonn gekommen und Hodler hat es auf dem Höhepunkt seiner Malerkarriere gemalt. Eines seiner besten Selbstportrait  sicherlich. Auf jeden Fall ein Ergebnis seines Lernprozesses, seines Aufenthalts in Spanien 1879 und der intensiven Befassung mit dem Maler Diego de Velazquez.

Der Veduten-, Postkarten – und Ornamentemaler Ferdinand Hodler, der schon als 12-jähriger die Dekorationswerkstatt seines Stiefvaters leiten muss und der sieben seiner Geschwister an die Tuberkulose verliert, gehört spätestens seit der Jahrhundertwende zu den gefragten, europäischen Dekorations- und Historienmalern und seine Motive werden es später sogar auf den Schweizer Frankenschein schaffen. Obwohl die neutralen Bergbewohner einige seiner Werke als sittenwidrig bezeichnen, darf er  die Schweizer Gründergeschichte dokumentieren. Mit dem Wandbild „Rückzug aus Marignano“, das er für das Landesmuseum Zürich malt, wird er auch in Deutschland als größter Monumentalmaler gefeiert.

1889 entsteht das Gemälde „Die Nacht“. Es zeigt sieben schlafende Menschen, Hodler selber liegt zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin. Die Genfer Behörden haben Probleme damit, finden es zu gewagt, an anrüchig und lassen es aus dem Genfer Musée Rath entfernen. Max Liebermann hingegen war begeistert und holt es nach München.  Damit ebnet er auch Hodlers Weg in die Münchner Sezession. In Paris bekommt der Maler dafür eine Silbermedaille und Bertha Stucki lässt sich später von ihm scheiden. Das Bild „Die Nacht“ ist leider nicht nach Bonn gekommen.  Allerdings gibt es ein „Tag“-Bild. Hier hat sich Hodler samt Frauen zwar nicht verewigt, stattdessen tummeln sich drei androgyne Grazien – wie er sie ja so gerne malt – auf einem hellblauen Tuch, das auf einer verzierten Wiese liegt. Ursprünglich waren es fünf Musen, zwei davon hat er aber später aus dem Bild entfernt.

Aus Anlass des 350. Geburtstages der Universität Jena erhält er  1908/1909 einen  Auftrag der Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar, ein Wandbild für die Universität zu malen. Thema sollte der Aufruf Preußens zum Widerstand gegen Napoleon sein und gerichtet hat sich das Petitum an die Jenaer Studenten. Diese hatten 1813 allerdings die Uni Jena verlassen, um sich verschiedenen preußischen Truppen, wie z. B. dem Lützowschen Freikorps in Breslau anzuschließen. Patriotismus und Zusammenhalt, Mut und Aufbruchsstimmung sollte das Bild vermitteln, was es im oberen Teil auch tut. Dort marschieren die Vierergruppen zackig mit geschultertem Gewehr im Gleichschritt. Hodler hat das Bild in zwei Hälften geteilt. Unter der Linie allerdings herrscht alles andere als Bereitschaft oder Ordnung. Sein heroisches Monumentalgemälde vermittelt Zögern und Unlust auf den Krieg.  Hier helfen auch die güldenen Messingknöpfe nicht. Diese Soldaten muss man zum Jagen tragen! Einer steigt umständlich auf ein Pferd, ein anderer überprüft die Hufe und der dritte schnallt sich lustlos den Kanister auf den Rücken. In der Mitte des Gemäldes zieht sich ein Landser gerade die schwarz-eingefärbte Jacke an. Auf der rechten Seite hebt ein gut gekleideter Schütze den rechten Arm und marschiert fast tanzend aus dem Bild, hinter ihm ein gesatteltes Pferd ohne Reiter.

Der Jenaer Philosoph Rudolf Eucken hatte ihm seinerzeit den Auftrag erteilt; 5000 Reichsmark haben die Kunstfreunde dafür bezahlt. Euckens Frau soll ihm sogar eine echte Uniform aus Lützow besorgt haben und der 17-jährige Eucken-Sohn Rudolf stand angeblich Modell. Natürlich sorgt dieser Auftrag für Kritik. Seit wann darf ein Schweizer Symbolist ein Sinnbild des deutschen Nationalstolzes malen?  Die Leipziger Abendzeitung am 5. Oktober 1907 berichtet dementsprechend:  „Auf den Einfall, die Großtat eines Volkes durch einen Ausländer verherrlichen zu lassen, ist wohl bisher noch keine andere Nation gekommen.“

Auch dieser Umstand mag der Grund gewesen sein für die heftige Reaktion, als Hodler 1914 ein Genfer Protestschreiben gegen einen Akt der Barbarei der deutschen Artillerie unterschreibt. Diese steckte kurz nach Kriegsbeginn die Universitätsbibliothek von Löwen in Brand und beschoss die Kathedrale von Reims. Hodlers Jena- Epos, das immerhin ca 600 x 442 cm misst, wird umgehend aus dem Saal verbannt und verschwindet hinter Bretterverschlägen. Man spielt sogar mit dem Gedanken, das Bild zu verkaufen.

Hodler schreibt an seinen ehemaligen Freund Eucken und will klarstellen, dass sich sein Protest vor allem gegen die « Zerstörung eines Kunstwerkes“ gerichtet hätte und nicht gegen Deutschland. Aber ohne Erfolg, seine Bilder werden aus den deutschen Museen entfernt und der Maler Hodler aus allen Künstlervereinigungen ausgeschlossen.

Gerollt kam das monumentale Werk zur Ausstellung nach Bonn, nachdem es lange Jahre weder abgenommen noch transportiert worden war. Ein Film in der Ausstellung erzählt die Geschichte.

Bevor Hodler aber 1914 in Ungnade fällt, bekommt er 1911 –  auf Anregung von Liebermann übrigens – noch einen zweiten Großauftrag aus Deutschland. Wieder ein historisches Gemälde, diesmal für das Rathaus von Hannover. Es entsteht „Einmütigkeit“ . Es  zeigt den protestantischen Schwur der Bürger von Hannover im Juni 1533 auf dem Marktplatz. Zur Einweihung 1913 kommt sogar der Preußenkaiser ins Hannoveraner Rathaus. Pompöse Männer, den rechten Arm hochgesteckt, verherrlichen den Populismus. Die Szene wirkt aber eher wie aus einem schlechten Peplum-Film, die Schwörenden greifen  chaotisch und tänzerisch eher nach den Sternen.  Der Redner, den Hodler viele Male vorbereitend malte,  ist als Einziger von vorne zu sehen, macht ein wütendes Gesicht und stampft gefühlt mit dem Fuß auf. Ob es dem Kaiser gefallen hat ist nicht dokumentiert – er soll geschwiegen haben!

Hodler hat nicht nur die Schweizer Berge neu erfunden, er hat auch die Historienmalerei ins 20. Jahrhundert geholt und ihr eine neue Dynamik verliehen. Die vereinfachte Reduzierung der Figuren passt gut in die neue Zeit, auch wenn die Figuren klobig und aggressiv wirken.

Aber dann gibt es auch die kleinen Bilder, fast lieblich wollen sie sein, weich und kantig zugleich. Und zwischen tanzenden Frauengruppen und hellblauen Landschaften liegt sie da, seine Geliebte Valentine Godé-Darel. Er hat sie ab 1913 lebend, sterbend und tot gemalt. Verhärmt und scharf geschnitten das  weiße Gesicht, wie die Umrisse seiner Berge.  Die dicken roten Blutstropfen könnten auch Blumen sein.

Bei den Landschaften fällt es vor allem auf: Blau ist seine Lieblingsfarbe. Dicke Pinselstriche lassen an  Van Gogh oder Kokoschka denken. Trotz meist Frühlingsstimmung kommt eine echte, überzeugende Fröhlichkeit nicht auf. Es liegt eine unausgesprochene Dramatik auf seinen Bildern, so als ob gleich etwas passieren würde oder das passierte noch nicht richtig verarbeitet werden konnte.

Immer wieder nimmt er ein schon behandeltes Thema auf und bereitet seine großen Werke mit vielen Studien vor. Man bekommt den Eindruck, dass Hodler zuerst seine Protagonisten nackt malt und sie dann anzieht. Die Kleider kleben am Körper, aber sind doch eher eine Skulptur. Holprig die Linien der pompösen Spröden oder der Axt schwingenden Waldarbeiter.

„Die Heilige Stunde“ (1911) zeigt vier Frauen auf einer Pompeij-roten Bank sitzend. Die beiden Frauen in der Mitte sind blau gekleidet und wirken stolz, autoritär, frei, mit großen Füßen, gar nicht wie Frauen, die kein Wahlrecht haben. Die Frauen links und rechts tragen helle Kleider und sind zierlicher. Sie neigen  ihren Kopf nach innen. Alle vier blicken sich nicht an und die Hände sind keine betenden. Das Bild ist mit einer Blumengirlande umrandet. Hodler hat sich hier an einer römischen Wandmalerei orientiert, scheint es.

Seine Personen schauen uns nicht an und diese von ihm so geforderte Fusion des Körperlichen und des Übersinnlichen sowie der Zwang  Jugendstil-Ornamente hinzuzufügen, lassen ihn schon mal kurz abrutschen in einen  verdrehten, sentimentalen, manieristischen Symbolismus. Seine Landschaften nähern sich im Laufe der Zeit immer mehr Farbflächen, Geschichten – wie auf den Landschaften von früher – erzählt er auf ihnen nicht mehr.

Ferdinand Hodler war ein geschickter Künstler, ein wichtiger Maler zu Beginn der Moderne und hat es oberdrein verstanden, sich selbst zu vermarkten, er war auch ein Geschäftsmann, der gute Kontakte zu  Sammlern und Museen pflegte. Er  stirbt, sehr wohlhabend, am 19. Mai 1918 in seinem Haus am Genfer See und hinterlässt an die 2000 Gemälde und unzählige Zeichnungen.

Fast 20 Jahre war Hodler nicht mehr in Deutschland in einer umfassenden Ausstellung zu sehen. Die Kuratorinnen  Monika Brunner und Angelica Francke  haben anhand von rund 100 Gemälden und 40 Zeichnungen – die meisten davon kommen aus der Schweiz – Hodlers künstlerischen Weg nachgezeichnet. Man lernt ihn gut kennen auf den abwechslungsreichen Etappen, zwischen Moderne, Jugendstil und Symbolismus und die Geschichte um den „Fall Hodler“ macht ihn sogar zu einer politischen Figur.

Die Schau in der Bonner Bundeskunsthalle, die in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern entstanden ist, geht noch bis zum 28. Januar 2018 und ist auf jeden Fall  sehenswert.

Christa Blenk

 

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