Kupka im Grand Palais

Kupka – Pionier der Abstraktion   für KULTURA EXTRA

Obwohl das erste, rein abstrakte Gemälde „Amorpha, Fuge in zwei Farben“, das 1912 beim Pariser Herbstsalon ausgestellt wurde, von Kupka ist, denkt  man zuerst an den russischen Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky, wenn es um die Erfindung der abstrakten Kunst geht. Auf Kupkas bedeutende Wegbereiter-Rolle hin zu dieser Stilrichtung, die das 20. Jahrhundert prägen sollte, wurde die Kunstwelt erst durch mehrere große Ausstellungen in den 60er Jahren aufmerksam.

Frantisek Kupka wird 1871 in Prag geboren, zehn Jahre vor Picasso, neun Jahre nach Klimt und fünf Jahre nach Kandinsky. 1891 geht er zum Studium nach Wien, wo er seiner impressionistischen Malerei die Jugendstilsymbolik hinzufügt, bis er als 25-jähriger in der brodelnden Kunstmetropole Paris ankommt, wo es von Tendenzen und neuen Kunstrichtungen nur so wimmelt. Zusammen mit seinem Landsmann Mucha darf er auch gleich an der Weltausstellung 1900 teilnehmen.

Größeren Erfolg als mit seinen Bildern hat er in den Anfangsjahren mit seinen Illustrationen. Freimütig und schonungslos prangert er zwischen 1901 und 1904 religiöse Praktiken oder Geld- und Goldgier vor allem in der Satire-Zeitung „L’assiette au beurre“ (Butterteller) an. Die erfolgreiche, politische und ironische Sondernummer „L’Argent“ (Geld) ist vollständig von ihm und in der Ausstellung zu sehen. Hier stellt er das Froschgesicht Monsieur Capital vor, der im Namen der Republik Zugang zu allen finanziell interessanten Zweigen und Geschäften findet und seinen dicken, durchsichtigen Bauch mit Gold füllt.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt, im Jahre 1905, teilt er brieflich einem Freund sein Bestreben mit,  nur noch Konzepte oder Synthesen malen zu wollen.

Ansonsten hält er sich mit Modezeichnungen, Illustrationen und Religionsunterricht über Wasser.   Kupka, der Eigenbrötler, zieht freiwillig in den Ersten Weltkrieg, wird später Fremdenlegionär und kehrt nach dem Krieg für zwei Jahre als Kunstprofessor nach Prag zurück. 1921 bekommt er in Paris seine erste Ausstellung, findet aber trotzdem den Anschluss an das Kunstleben nicht mehr und widmet sich intensiv seiner kunsttheoretischen Schrift „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“, die 1923 herauskommt aber erst 2001 in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. (Kandinsky‘s Werk „Über das Geistige in der Kunst“ erscheint bereits 1911/1912).

Erst im Jahre 1936 holt ihn Alfred Barr in seine Ausstellung „Kubismus und abstrakte Kunst“, die er  für das New Yorker MoMA organisiert, aber zu diesem Zeitpunkt ist die Kunstgeschichte schon in Stein gemeißelt und die Erfindung der abstrakten Malerei seinen Zeitgenossen  Kandinsky, Delaunay und Mondrian zugeschrieben.  Kupkas Name wird in vielen Artikeln nicht mal genannt. In der Ausstellung (Paris – New York),  die das Pariser Centre Pompidou 1977 organisiert, ist er allerdings mehrfach vertreten. In der Folgeausstellung Paris – Berlin 1978 wieder nicht mehr.

1911 tritt Kupka der Puteaux-Gruppe bei, einem Zusammenschluss von verschiedenen Künstlern aus Europa, die in Paris lebten und deren Hauptthema es war, die Arbeiten von Braques und Picasso zu diskutieren. Aber schon im Kriegsjahr 1914 löst sich die Gruppe wieder auf.

Kupkas permanenter Stilwechsel – vom Impressionismus zum Expressionismus über den Symbolismus zu den Fauvisten, Orphisten und Futuristen bis hin zu Konstruktivismus – ist sicherlich auch mit dafür verantwortlich, dass er sich weniger durchsetzen konnte oder weniger präsent war.

Dass sein wahres Interesse der Theorie, dem Zusammentreffen von Farben und Formen in Verbindung mit der Zeit gehört, wird in der Retrospektive sehr deutlich. Kupka will mobile Enigmen malen, die sich nicht wiederholen, und das Vergehen der Zeit in einem Gemälde zeigen. „L’Eau (La baigneuse)“. Eine Badende ist das  klassische Thema im Modernismus des 19. Jahrhunderts schlechthin. Kupka transformiert seine Badende durch einen Spiegeleffekt zur symbolistischen Skulptur, die von angedeuteter Natur  umgeben eine expressionistische Vorstufe der Abstraktion darstellt. Er malt das Bild um 1907, es ist 63 x 80 cm groß, gehört dem Centre Pompidou und hängt in Nancy.

Eines seiner bedeutenden größeren, figurativen Hauptwerke kommt aus dem Guggenheim Museum New York. „Grand nu. Plans par couleurs“ ( 1909 – 1910).

Bis 1910 zitiert er Van Gogh, Leger oder Matisse und malt krude, expressionistische Gemälde (Le Mec, 1910 oder Le Rouge à lèvres n°II , 1907) mit grünen oder gelben Gesichtern, die an Münter, Kirchner oder Heckel erinnern oder solche, die Otto Dix nach dem Krieg malen sollte. Das Bild „Das Mädchen mit dem Ball“ entsteht 1908 und scheint ganz dem Impressionismus geschuldet zu sein. Hell und unschuldig in bewegter Hodler-Symbolik auf einer Blumenwiese täuscht es darüber hinweg, dass er hier durch den roten Ball schon mit der Bewegung spielt.

Der Paradigmenwechsel um die Jahrhundertwende, die Entdeckung der Teilung des Atoms und das Verlassen der Zentralperspektive machen die Kunst ab 1900 möglich, sei es Kubismus, Dadaismus, Futurismus, Konstruktivismus oder eben die Abstraktion.

1909 wird im „Le Figaro“ Marinettis provozierendes Futuristisches Manifest abgedruckt. Außer kriegsverherrlichenden Phrasen kam der Malerei eine bedeutende Stellung zu, die von den Künstlern Boccioni, Balla und Severini vorgestellt wird. Originell und mutig sollte man sein und sich gegen den „fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit“ auflehnen. Im selben Jahr malt Kupka das großartige Bild  „Pianotasten, See“ (Les Touches de piano. Le Lac). Es ist aus Prag nach Paris gekommen. Die schwarz-weißen Klaviertasten liegen auf dem Wasser und bewegen sich unregelmäßig, das Boot im Hintergrund wirft plastische Wellen. Kupka stellt sich hier die Frage wie man mit „Farben einer der Musik analogen Malerei schaffen kann“. Es wundert, dass er nicht aktiv die Zusammenarbeit mit einem Komponisten gesucht hat, um seine Arbeiten wirklich in Töne zu setzen.

Ein anderer, mit ihm „verwandter“ Künstler ist Delaunay. Wie dieser befasst sich auch Kupka jahrelang mit dem Konzept der Farbsimultaneität, einer Wechselwirkung von Farben und Formen, die der Chemiker Michel-Eugène Chevreul, Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Gobelin-Manufaktur entwickelt hatte. Farbverschiebungen bei der Betrachtung eines Gegenstandes durch ein Prisma, optische Verzerrungen, gebrochenes Licht brachten den  Orphismus hervor, eigentlich nur eine Weiterentwicklung des Kubismus. Delaunay nannte seine Kunst allerdings „inobjectif“. Für Apollinaire ist es « … eine Lichtkunst, die allein durch die Farbe entsteht ».

1912 entsteht es dann – das erste abstrakte Bild „Amorpha, fugue à deux couleurs“.

Rote und blaue ineinander verlaufende, organische Farbflächen ziehen in ornamentalen Kreisen vor einer runden, schwarz umrandeten Fläche durch das große, vollständig abstrakte Bild, das schon farblich die Natur außen vorlässt. Eine Vergrößerung dessen, was man durch ein Mikroskop sehen kann, vielleicht.  Kupka hat beim Malen dieses Werkes an Bach gedacht. Wie Kandinsky oder Delaunay, sucht auch er in der Gegenstandslosigkeit zu malen mit der Musik als Vorbild. Er war auf der Suche nach einem visuellen Äquivalent zu Tönen oder Kompositionsstilen, um Bilder nicht nur optisch zu erleben.

Aber auch Delaunays „Disque simultané, entsteht in dieser Zeit und natürlich Kandinskys Arbeiten, dessen erstes abstraktes Aquarell auch in dieser Zeit entstand: ob 1910 oder 1913 ist ein Streitpunkt der Kunsthistorie.

Immer wieder findet man in der Ausstellung Parallelen zum britischen Pionier-Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904). Dessen Fotokunst schon vor Kupka von Bewegung lebt.  Die „Blumen pflückende Frau“ oder „La Foire (Contredanse)“ sind beeindruckende Beispiele dafür und auch in der Ausstellung zu sehen.

Klimts Jugendstilornamente und ihre Umsetzung in freie Farbrhythmen – der Kritiker Valensi nannte Kupkas Malerei „Musikalismus“ -  sowie Innenansichten von Kirchen, bei denen er sich an Bleimalerei der Gotik hält, bestimmen zwischendurch immer wieder seine Kunst.  Madame Kupka dans les verticales (1910-1911) ist aus dem MoMA New York nach Paris gekommen. Auf den ersten Blick glaubt man einen Vorentwurf für Klimts Der Kuss“ zu sehen, das drei Jahre vorher entstand. Im oberen Drittel des Gemäldes erkennt man Frau Kupka, ihre Augen, ihren Blick, umgeben oder eingewickelt ist ihr Gesicht von vertikalen Farbstreifen, die ineinander laufend das Bild bestimmen. Wenn man die Augen leicht zusammenkneift, vermeint man eine Bewegung wahrzunehmen.

Der Großteil der Ausstellung besteht aus diesen Kreis- und Streifenbildern in unterschiedlichen Farben, wobei jede Bewegung eine andere Farbe bekommt. In den 1930er Jahren wird Kupka dann noch zum Konstruktivisten. Irgendwann bekommt man den Eindruck, dass er irgendwo stecken geblieben ist. Nach dem Krieg, den er in der französischen Provinz verbringt, entstehen Wiederholungen seiner Vorkriegswerke, allerdings ohne wieder zur Figuration zurückzukehren.

Das gelungene Ausstellungsplakat – ganz im Sinne von Kupkas Wunsch, die Figuration an zweite Stelle zu setzen – zeigt im Hintergrund das 1910 entstandene in Ockerfarben gehaltene Gemälde „Plans par couleurs (Femme dans les triangles)“. Eckig und kantig der Frauenkörper in Rückenansicht, der Arm wirft einen mobilen Schatten. Es drängen sich die mechanischen Bilder (und Farben) von Oskar Schlemmer auf, die allerdings erst später entstehen werden.

Die umfassende, sehr gut aufgebaute Werkschau im Pariser Grand Palais folgt dem Künstler chronologisch und erklärt seine theoretische Befassung mit Formen und Farben und Licht, ohne die Frühwerke und Anfänge zu vernachlässigen. Sie zeigt aber auch, dass er nach dem Krieg hoffnungslos war. Wirklich Interessantes ist nicht mehr entstanden. Kupka gerät wieder in Vergessenheit und stirbt 1957 einsam in Puteaux.

Die Retrospektive ist noch bis zum 30. Juli 2018 im Pariser Grand Palais zu sehen. 300 Exponate, darunter Leihgaben aus Privatsammlungen, aus französischen und  europäischen sowie amerikanischen Museen, erklären  uns den Maler Kupka und die spannende Zeit diverser Stilerfindungen vor ca. 100 Jahren.

Christa Blenk

 

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Hallo World – Revision einer Sammlung

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« Agora » – Hamburger Bahnhof

 

Wie sähe eine Kunstsammlung heute aus, hätte ein weltoffeneres Verständnis ihre Entstehung und ihren Kunstbegriff geprägt?“

Diese Frage wird in der Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ gestellt, die seit ein paar Wochen im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Fast auf der kompletten Ausstellungsfläche sind  an die zweihundert Werke aus den Beständen der Nationalgalerie sowie 150 Leihgaben aus weiteren Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sehen. Ergänzt wird diese Mammutschau durch 400 Kunstwerke, Zeitschriften und Dokumente aus nationalen und internationalen Sammlungen. Entstanden sind daraus dreizehn Geschichten, die versuchen, anhand von Kunst die Welt (vor allem die europäische) zu beschreiben.

Die Agora war in der Antike der Ort für Märkte, Feste, Versammlungen oder Gerichtsverhandlungen. Der weitläufige und so großzügige Eingangsbereich des Museums übernimmt hier diese Rolle. Rechts vor der Treppe lässt der Franzose Pierre Bismuth das Dschungelbuch neu aufleben. Auf dem Klein-blauen Teppich liegen die Besucher und versuchen das Sprachengewirr von Balu dem Bär oder von Ka der Schlagen zu enträtseln. In der Mitte der Halle hat der US Künstler Bruce Naumann ein antikes Theater nachgebaut; philosophische Zitate von Wittgenstein oder Benjamin an den Wänden unterstreichen diese Theaterlandschaft. Vor der Holz-Tribüne eine Installation von Goshka Macuga. Sie hat die Köpfe von Albert Einstein, Giordano Bruno oder Karl Marx in einen Betonrahmen platziert. Auf der anderen Seite die bunte Häuserwand « Growing Houses » von Antonio Ole. Im hinteren Teil  Nam June Paiks Installation « I Never Read Witthenstein » (1997) vor der lebensgroßen und bedrohlichen Mißhandlungsszene « Policement and Rioter » der US Künstlers Duane Hansen. Sie entstand schon 1967!

Die zweite Geschichte spielt im Paradies und erzählt von Sehnsuchtsorten. Paul Gauguins Gemälde „Tahitianische Fischerinnen“ von 1891 hängt hier neben der Standlandschaft  « Nidden » von Max Pechstein und einem Bild von Emil Nolde, das 1914 in Papua entstand. Beeindruckend und großartig gelungen der  Raum mit dem Film von Tita Salina „1001st Island“. Das plastikverseuchte Wasser und der Kampf der Fischer stehen im krassen Gegensatz zu zwei anderen Filmen aus den 1930er Jahren von Fritz Murnau „Tabu 1931“  und „Die Insel der Dämonen » (19133) von Friedrich Dalsheim. Hier scheinen Welt, Wasser und Mensch noch ganz unverbraucht und sauber zu sein und es wird höchstens mal eine leere Kokusnuss im sonst plastikfreien Wasser entsorgt.

 
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Anish Kapoor, I Made, Budi,, Duane Hanson, Nam June Paik, , Bruce Naumann Goshka Macuga, Antonio Olé

 

Ankunft, Einschnitt: Die indische Moderne als gewundener Pfad ist die nächste Geschichte. Werke aus dem Museum für Asiatische Kunst stehen  im Mittelpunkt. Umgeben von zeitgenössischer indischer Malerei und Verweise auf Rabindranath Tagore. Hier kann natürlich Anish Kapoor  nicht fehlen. Seine rote Installation heisst „1000 Names“.

1982 kamen viele bedeutende Werke aus der Sammlung von Erich Marx in die Neue Nationalgalerie, die zu einem Mittel- und Drehpunkt des Hamburger Bahnhofs wurden.  Joseph Beuys hat einen Dauerraum dort, so wie u.a.  Keith Haring, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol.

Hinter Colomental: Die Gewalt der miteinander verbundenen Geschichten verbergen sich die spärlichen Arbeiten von afrikanischen Künstlern.  Der deutsche und europäische Kolonialismus steht hier im Visier und wird mit Arbeiten von On Kawara, Joseph Kosuth, Guillermo Deisler, Wolf Vostell oder Marta Minujin dokumentiert.

Kommunikation als globales Happening, Aktionskunst, Konzeptkunst, Medienkunst. Ausgangspunkt ist bei dieser Story die Idee eines „Globalen Happenings“, das 1966 zeitgleich in Buenos Aires, New York und Berlin stattfand.

Was Magdalena Abakanowicz, Max Ernst, Alexander Achipenko, Alberto Giacometti, Hans Arp, Rudolf Belling, Henri Matisse, Jannis Kounellis, Asger Horn oder Renée Sintenis miteinander zu tun haben begreift man vielleicht im Kapitel „Woher kommen wir? Skulpturale Formen der Aneignung“. Figurative Plastiken aus der Sammlung der Nationalgalerie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart wurden hier zusammengebracht.

Verwobene Bestände: Arte Popular, Surrealismus und emotionelle Architektur befasst sich vor allem mit Mexiko und der Neuen Welt.  Josef Albers, Hans Arp, André Masson, Carlos Mérida, Meret Oppenheim, Diego Rivera und Dr. Atl vertreten dieses Kapitel. Ein wenig Fantasie braucht man schon, um die Fäden nicht zu verlieren oder sie überhaupt zu sehen.

Weiter mit Vorfahren und Nachfahren: Bildkulturen Nordamerikas. David Bradley, Barnett Newman, Ad Reinhardt, Mark Rothko werden analysiert. Werke von indigenen Künstlern, die das Ethnologische Museum Berlin in den letzten Jahren erwerben konnte stehen im Dialog mit der New Yorker Avantgarde.

Orte der Nachhaltigkeit: Pavillons, Manifeste und Krypten. Die Moderna galerija in Ljubljana tritt sehr prominent auf, zusammen mit anderen Werken aus osteuropäischen Sammlungen, die   als Leihgaben nach Berlin gekommen sind; darunter Kazimir Malevich oder Walter De Maria.

Die tragbare Heimat : Vom Feld zur Fabrik. Fokus liegt hier auf Reisen von und nach Armenien. Der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler, der mehrere Reisen auch dorthin unternommen hat und darüber malte und berichtete. 1931 hat er sich permanent in Moskau nieder gelassen und 1942 ist er  in Kasachstan verstorben.

Die Kunst des Expressionismus wird bei der Geschichte über „Plattformen der Avantgarde: Der Sturm in Berlin und Mavo in Tokyo“ ins Visier geholt. Lyonel Feininger, Hannah Höch, Kandinsky, El Lissitzky oder Kurt Schwitters sind bei der Eröffnung der „Neuen Abteilung“ der Nationalgalerie im Berliner Kronprinzenpalais 1919 mit dabei gewesen.

„Rot, Geld und Blau gehen um die Welt“. 1982 erwarben die Freunde der Nationalgalerie unter großer Polemik der Öffentlichkeit das großformatige abstrakte Gemälde von Barnett Newman „Who is Afraid of Red, Yellow and Blue IV « (1969).  Monochrome Farbflächen in Primärfarben als Paradebeispiel des abstrakten Expressionismus. Noch im selben Jahr erfuhr das Bild schwere Beschädigungen (es wird auch in der Ausstellung besonders gut bewacht).  Vier Variationen gibt es davon und die Serie verweist auf Piet Mondrian, der hier in den Raum passen würde. Der Titel lehnt sich an « Who is afraid of Virginia Woolf » an.

Bei den Zwischenräumen handelt es sich um die Präsentation eines Werkes oder Werkkomplexes aus den Sammlungen der Nationalgalerie, die die 13 Themen flankieren. Joseph Beuys, Quin Yufen, Keichi Tanaami, Ilya Kabakov, On Kawara und Bruce Naumann füllen sie.

Entwickelt wurde die Ausstellung von Udo Kittelmann mit Sven Beckstette, Daniela Bystron, Jenny Dirksen, Anna-Catharina Gebbers, Gabriele Knapstein, Melanie Roumiguière und Nina Schallenberg für die Nationalgalerie, sowie den Gastkuratorinnen und -kuratoren Zdenka Badovinac, Eugen Blume, Clémentine Deliss, Natasha Ginwala und Azu Nwagbogu.

Nicht jedes Kapitel ist gelungen und manchmal muss man um viele Ecken denken, um den Zusammenhang zu erkennen oder eine Gemeinsamkeit nachzuvollziehen; dies macht den Besuch ein wenig schwerfällig. Viele große Namen und viel Unbekanntes oder wenig Bekanntes. Besuchenswert ist diese Schau, die noch bis zum 26. August zu sehen ist und von einem umfangreichen Programm begleitet wird, auf jeden Fall!

Christa Blenk

 

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3 Tage in Quiberon

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Der Film von Emily Atef ist in schwarz-weiß gedreht, einer der vielen Manipulationstricks. Marie Bäumer (ausgezeichnet) spielt Romy Schneider während eines Aufenthalts in der Bretagne/Quiberon. Sie will sich entgiften, fasten, zu sich kommen. Ihre Sandkasten-Freundin Hilde soll sie dabei unterstützen. Was aber dann passiert ist eine Orgie aus Wein, Champagner, Zigaretten und viel Manipulation und Respektverlust. Romys Fotografen-Freund Robert hat den Stern Journalisten Michael Jürgs mitgebracht, um ein Interview für die deutsche Presse aufzuzeichnen. Romy legt ihr gesamtes Innenleben frei und alle profitieren.

Es ist eher ein Vier-Personen-Theaterstück, das sehr gut besetzt ist. Aber zum Schluss will man nur noch weggehen und ist peinlich berührt von dieser schwachen, unsicheren, kindlichen und lebensuntüchtigen Person, die es nicht mal schafft mit ihrem Sohn zu telefonieren, dabei macht sie das alles ja nur, um den 14 jährigen David nicht zu verlieren. Der Journalist erniedrigt sie, alle sehen zu und werden in dem morbiden Strudel von frechen und anmaßenden Fragen mitgerissen. Irgendwann wird es der Freundin Hilde zu viel und sie will gehen, versucht Romy dazu zu bewegen, dieses schreckliche Interview zu beenden, aber sie gefällt sich in der Rolle, posiert permanent für den Fotografen. Die Szene in der Hafenkneipe ist gelungen, aber setzt die Manipulation fort. Der Robert fotografiert die geschlossene Gesellschaft, und immer wieder Romy, die ein Kopftuch trägt, die singt und Akkordeon spielt, mit einem Poeten tanzt, trinkt und mit den Gästen der geschlossenen Gesellschaft um die Wette raucht und  Autogramme gibt. „Sind Sie Mme Sissi?“.

Mit der Zeit berührt sogar den jungen und karrieresüchtigen Journalisten Romys pathetisches Verhalten. Aber macht ihn das besser? Er wird das Interview bringen, schickt es ihr aber zur vorherigen Durchsicht. Romy ändert nichts!

Nicht alles ist so wie es damals war – hoffentlich nicht! Atef hat ihre eigene Geschichte oder Interpretation daraus gemacht. Vielleicht noch dramatischer als es war oder vielleicht weniger? Marie Bäumer ist überzeugend in dieser Rolle, wie sie raucht, trinkt, sich kindlich am Boden wälzt vor Lachen oder über die Felsen hüpft, um sich endlich den Fuß zu verstauchen, damit sie sich mal ausruhen kann. Sie spricht sehr gut französisch und sogar ein wenig wienerisch, wenn sie sich mit Hilde unterhält  und fällt von einem Extrem ins andere, und das permanent. J’ai faim (ich habe Hunger) sagt sie zum behandelnden Arzt, der davon ausgeht, dass sie schon seit Tagen nüchtern ist, obwohl sie die ganze Nacht Champagner getrunken hat.

Kurz nach der Erscheinung des Interviews kam ihr Sohn bei einem Unfall ums Leben und sie selber ein Jahr später – mit 43 Jahren

cmb

Infos zum Film:  « 3 Tage in Quiberon »

Deutschland, Österreich, Frankreich 2018
Drehbuch und Regie: Emily Atef
Darsteller: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Yann Grouhel, Denis Lavant
Produktion: Rohfilm Factory, Dor Film, Sophie Dulac Productions et al.

 

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Louise Bourgeois – The Empty House

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 „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“  (Installation Louis Bourgeois im Schinkel Pavillon)

 

Nicht weit weg von der Museumsinsel – auf der anderen Seite von  « unter den Linden » – steht der Schinkel Pavillon. Dort zeigen seit einigen Jahren regelmäßig hochkarätige Künstler ihre Installationen. Damit wird die sonst eher von der Kunst der Vergangenheit geprägte Ecke um die zeitgenössische Kunst erweitert. Seit dem 21. April 2018 sind dort Zeichnungen und Installationen von Louise Bourgeois (1911-2010) zu sehen.

Zellen“ (cells) sind Fragmente einer Werkserie, an der Bourgeois seit Ende der 1980er Jahre arbeitet. Der Ostberliner Architekt Richard Paulick hat 1969 den oktogonalen Pavillon aus Glas gebaut, in dem jetzt Bourgeois‘ 2005 entstandene Installation „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“ gezeigt wird.  „Sack forms“ hängen  zum Teil an Ketten von der Decke des transparenten Stahlkäfigs nach unten. Leere, leblose, helle Hüllen sprechen von Fruchtbarkeit, Vergänglichkeit, Schmerz! Auf den ersten Blick denkt man an einen sterilen Schlachthof. Nur ein kleiner Turm aus weißen Steinen im inneren des Käfigs wächst vom Boden in die Höhe, aber auch er kommt nicht heraus, aus diesem durchsichtigen, voyeuristischen Gefängnis. Die halbgeöffnete Tür ist mit einer Eisenstange versperrt, so kann man den Käfig trotzdem weder betreten noch verlassen. Die Kunstgeschichte sagt uns, dass Bourgeois‘ unfröhliche, schwere und depressive Kunst mit ihrer Kindheit, vor allem mit dem schlechten Verhältnis zu ihrem tyrannischen Vater zu tun hat.

Für diese Ausstellung wurden dieses Mal auch die „unfertigen“ Kellerräume aktiviert. Dort wird der Schlachthofeindruck zum negativen déjà vu. Flackernde Funzeln, abgefallene, zum Teil schmutzige Fließen, niedrige Raumdecken vermittelt eher den Eindruck großer Vergessenheit. Die blutroten Papierarbeiten zieren schwangere Bäuche, saugende Babys oder schwere Brüste. Ansonsten bestehen die rosa Installationen oder Figuren aus groben und feinen Stoffen, aus blauen Fäden und weißen Steinen. Man denkt an die Venus von Willendorf, an Voodoo. Runde, unschöne Körperteile, die Leid transportieren müssen und Hoffnung suggerieren möchten. Mitten drin in diesem Kellergeschoss thront eine ihrer Spinnen in einer Vitrine. Für Bourgeois wat die Spinne ein Sinnbild mütterlicher Geborgenheit. Wird dieser Raum gerade hergerichtet oder ist er vom Abriss bedroht? Die Installationen und Zeichnungen im Kellerbereich beziehen das Umfeld direkt in ihre Kunst mit ein; sie wirkt so noch deprimierender. Ihr Vater war ein Textilhändler, unter dem ihre Mutter sehr gelitten hat. Hier rächt sie sich an Beiden!

Die französische-amerikanische Bilderhauerin und Künstlerin Louise Bourgeois zählt zu den Pionieren der Installationskunst. Die hat die „feministische“ Kunst erfunden, obwohl sie selber das so nie gesagt hat. Im kleinen Faltkatalog sind werksbegleitende Zitate aus ihren Tagebüchern abgeduckt. Louise Bourgeois wurde erst sehr spät von der Kunstwelt entdeckt. Angefangen hat die in Paris geborene US-Französin ihr Künstlerdasein nach dem sie sich mit Ehemann und Kindern Ende der 1930er Jahre in New York niedergelassen hatte. 

Bis zum 29. Juli 2018 ist diese Einzelausstellung noch im Schinkel Pavillon zu sehen. Die Leiterin dieses Kunstvereins, Nina Pohl, hat diese Einzelausstellung kuratiert. Die Eastern Foundation hat die Arbeiten zur Verfügung gestellt.

Christa Blenk

 

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Staatskapelle spielt Debussy

Zwischen  Präraffaelismus und Impressionismus

Claude Debussy (1862-1918) wird immer mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht und man will sich rote Mohnblumenwiesen oder gemalten zarten Wind vorstellen. Dabei war es vielmehr die Literatur der letzten 400 Jahre, die für den französischen Komponisten die Inspirationsquelle war. Debussy beschrieb die Naturereignisse in Tönen wie bei „Dialogue du vent et de la Mer“ . Seine Naturmusik kann man nicht nur hören, man kann sie auch riechen und sehen oder man geht mir ihr auf Reisen, obwohl Debussy selber eher wenig herumgekommen ist.

Daniel Barenboim befasst sich schon seit 1975 mit Debussy; in diesem Jahr wurde er Chefdirigent des Orchestre de Paris – mit 32 Jahren! Nun hat er zum 100. Todestag ein edles und anspruchsvolles Programm zu Debussys Ehren zusammengestellt und das Berliner Publikum Anfang Mai mit einem großartigen Fest seines Lebenswerkes verzaubert. Er hat dazu Kompositionen, die nicht so bekannt wie Pélleas et Melisande, Le Martyr de Saint Sébastien oder Prelude a l’apres midi d’un faune sind aus der französischen Musik-Schatzkiste geholt. Unterstützt dabei haben ihn die Staatskapelle und die zwei ausgezeichneten Solistinnen Anna Prohaska und Marianne Crebassa.
Immateriell, luftig und ätherisch französisch ist sie, diese Musik, bei der sogar der Bogen der Geige anders gehalten wird. Kräftig und fern-transparent-kommt sie daher. Durchaus gewöhnungsbedürftig, immer leicht unordentlich und voller lichter Farbenpracht.

Auf dem Programm stand die weltliche Cantate „La Damoiselle élue“ (Die Erwählte), die 1887 nach einem symbolischen Gedicht des Malers und Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti entstand. Geschrieben für zwei Solistinnen, Frauenschor und Orchester. Crebassa sang von hinten neben den Harfen ganz in Rot und Prohaska stand neben dem Maestro in Weiß.

„Trois Nocturnes“ ist das erste impressionistische Werk von Debussy. Die Staatskapelle hat es perfekt präsentiert, nicht ganz sauber im Einsatz der Damenchor der Staatsoper. Uraufgeführt 1900 mit großem Erfolg bei der Kritik. Hier springt die Romantik in die Moderne, Gemälde des Malers Whistler haben Debussy dazu inspiriert.

„Trois Ballades de Francois Villon“- ein Glanzstück für die charmante Mezzo Marianne Crebasse. Diese Liedkomposition entstand 1910, acht Jahre von seinem Tod. Der Dichter Villon hat im 15. Jahrhundert gelebt. Ursprünglich für Bariton geschrieben pendeln die Lieder zwischen profanen und paganen Betrachtungen eines Bürgers, der die Damenwelt kommentiert.

Und zum Schluss « La Mer“. Wohl  Debussys bekanntestes Werk. Düster-drohend, wallend und aufwühlend gewittrig. Die große Welle von Hokusai zierte das Titelbild der ersten Ausgabe. Aufgeführt wurde diese 23 Minuten dauernde sinfonische Dichtung 1905 in Paris. Sie gilt als Musterbeispiel des Impressionismus.

cmb

 

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Welcome to Hell in der Neuköllner Oper

Was bleibt ist Hilflosigkeit

Am 7. und 8. Juli 2017 fand der zwölfte G20-Gipfel statt. In Hamburg trafen  hierzu Vertreter der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer aus Politik und Wirtschaft zusammen. Um Störungen entgegenzutreten und die Anreisenden zu beschützen kamen  31.000 Polizisten zum Einsatz. Groß-Demonstrationen, Protestveranstaltungen, Massenkundgebungen, Blockaden und massive Unruhen  begleiteten den Gipfel; Sachbeschädigungen, Plünderungen, Angriffe auf beiden Seiten standen auf der Tagesordnung und sorgten für unzählige Verletzte.

Die tagelangen Straßenkämpfe haben  Peter Michael von der Nahmer und Peter Lund im Anschluss zu 100 Minuten Oper verarbeitet; diese kam  15. März 2018 in der Neuköllner Oper mit großem Erfolg zur Uraufführung.

Wut, Ärger, Verzweiflung und Frustration und zwölf Menschen sind die Protagonisten dieses Opern-Musicals. Überfordert wirken sie Alle: Der Polizist, die unterbezahlte Supermarktkassiererin, der französische Delegierte, der spanische Callboy, die taffe aber unsicherer Reporterin, eine Studentin mit Migrationshintergrund, der auf die schiefe Bahn geratene Sohn reicher Eltern, eine idealistische Pazifistin, eine Einzelgängerin, ein religiöser Homosexueller kurz vor dem coming out, ein Zuhälter und eine Studentin aus Husum.

Großartig Alexander Auler, Katia Scheherazade Bischoff, Didier Borel, Nikko Andres Forteza Rumpf, Tae-Eun Hyun, Mira Keller, Pabl, o Martinez, Lucille-Mareen Mayr, Mathias Mihai Reiser, Loïc Damien Schlentz, Anastasia Troska, Andrea Wesenberg als Sänger, Tänzer und Schauspieler!

cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Glasharfe und Gitarre

harpe de verre

 

Kristallenes Frühlingskonzert im Wohnzimmer

Eine zarte Brise trägt das  Piepsen der Turmfalken durch die offene Balkontür ins Wohnzimmer, dort ist im hinteren Teil des zum Konzertsaal umgebauten Raumes ein Plätschern zu hören. Die Glasharfe wird gerade für das Konzert vorbereitet und das braucht seine Zeit. Wasser ist ein wichtiger Faktor, es muss genau die richtige Temperatur haben, um die polierten, mundgeblasenen Stil-Gläser zum Singen zu bringen. Mit einem kleinen Schwamm stimmt Alexander Lemeshev seine beweglichen Hände, bevor er vorsichtig sein Gläser-Instrument aufstellt.  Ein Glas wird keine Töne von sich geben, es hat lediglich die Funktion eines Wasserspenders, denn dort taucht Lemeshev in kurzen Abständen und blitzschnell seine Finger  ins wohl temperierte Nass. Die Finger dürfen nicht trocken werden. Diese kristallklaren Töne entstehen durch kreisende Bewegungen mit den nassen Fingerspitzen oder durch Anschlagen an das Glas. Transparent, hell und glasklar erklingt eine umfangreiche Notenpalette. Unglaublich, mit welch meisterhafter Fingerfertigkeit er diese sauberen Engels-Töne (in England wird die Glasharfe übrigens auch Engelsorgel genannt) erzeugt.

Der in Berlin lebende Gitarrist Vitaliy Shal begleitet den Glasharfen-Solisten Alexander Lemeshev an diesem Musikabend auf einer musikalischen Reise durch die Jahrhunderte, denn schon vor 500 Jahren gab es « Glas »-Musik.

Das Konzert beginnt mit einem Fragment aus Franz Schuberts 1828 erschienenen « moments musicals » , ursprünglich für Klavier geschrieben. Gefolgt von zwei Glasharfen-Stücken von Mozart. Sechs Monate vor seinem Tod, 1791, schrieb dieser zwei bedeutende Kompositionen für die damals bekannteste und blinde Glasharmonika-Spielerin Marianne Kirchgessner. Einmal das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello sowie das Adagio für Glasharmonika solo. Angeblich hat  Mozart bei der Uraufführung zwar nicht die Glasharmonika aber doch die Bratsche persönlich gespielt. Der Gitarrist Vitaliy Shal übernimmt hier den Part eines kompletten Streichquartetts. Die letzten beiden bezaubernden Stücke vor der Pause sind aus Tschaikowskys Nussknacker. Alexander Lemeshevs sichere Finger tanzen mit der Zuckerfee um die Wette und die Glasharfe erzeugt hier einen Pirouetten drehenden Spieldoseneffet.

In der Pause dürfen sich die Fingerkuppen ein wenig erholen, aber auch das Wasser braucht eine Temperaturanpassung, denn diese hat sich in 30 Minuten verändert. Dann werden seine Hände nochmals getrimmt und gestreckt  und es kann weiter gehen.

Dass auch Werke von Johann Sebastian Bach auf der Glasharfe faszinieren können, beweist uns Lemeshev nach der Pause. Die beiden Musiker spielen zusammen ein Scherzo (Badinerie) aus einer Bach-Suite und Lemeshev Prelude in C Major aus dem wohltemperierten Klavier.

Der Teufelsgeiger Niccolò Paganini hat mit 38 Jahren einen kompletten Zyklus von Capricen für Geige komponiert, die so gut wie alle seine für ihn typischen musikalischen Anforderungen beinhalten. Die Nummer 24 ist die letzte und wird gerne als Zugabe gespielt. Technisch für jeden noch so brillanten Geiger eine Herausforderung. Alexander Lemeshevs Präsentation lässt ahnen, dass das Stück auch auf der Glasharfe so einiges vom Interpreten fordert. Er fliegt nur so über die Gläser. Das in kurzen Abständen flinke und durchgetaktete Eintauchen seiner Fingerkuppen ist Teil der Performance geworden und beeindruckt ungemein.

Mit dem dritten Satz aus Mozarts Sonate Nr. 11 A-Dur, besser bekannt als Türkischer Marsch, klingt das Konzert aus. Allerdings kann das begeisterte Publikum den beiden Musiker noch zwei Zugaben abringen. Der Bossa-Nova lässt die Glasharfen-Töne gleich in einem ganz anderen und sehr flotten Licht erscheinen und Brahms 5. Ungarischer Tanz beweist, dass man auch komplizierte Rhythmusänderungen auf ihr interpretieren kann.

Die Glasharfe oder Gläserspiel ist ein Idiophon. Das Instrument besteht aus mehreren Reihen sauber angeordneter, befestigter Trinkgläser. Jedes Glas hat einen eigenen Ton, eine eigene Note und eine Geschichte und wird speziell ausgesucht.  Der Tonumfang kann bis zu drei Oktaven umfassen, auch die Raumakustik spielt eine wichtige Rolle. Die großen Gläser geben dunklere Töne ab als die zierlicheren. Die Anordnung der Gläser bestimmt jeder Musiker selber.

Schon um das Jahr 1500 hat man mit Glas Musik gemacht. Im Barock und in der Romantik gab es nicht wenige Komponisten, die für Glasharfe oder Glasharmonika komponierten. Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Stuttgarter Musiker Bruno Hoffmann Kompositionen für Glasharmonika auf der Glasharfe wieder auf die Programmzettel der Konzertsäle gebracht und auch selber Stücke für Glasharfe komponiert. Carl Orff oder Richard Strauß befassten sich ebenfalls mit diesem chromatischen Instrument. Dass dieses zarte und doch sehr selbstbewusste Musikinstrument auch hypnotisieren kann, würde uns jetzt gar nicht wundern. Jedenfalls hat der österreichische Arzt Franz Anton Mesmer im 18. Jahrhundert Glasmusik für seine Hypnose benutzt.

Großartige und spannende Performance!

Christa Blenk

 

 

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Transit – Filmbesprechung

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„Ich darf nur bleiben, wenn ich nachweisen kann, dass ich nicht bleiben will.“

 Ist die Hauptaussage in diesem großartigen Film von Christian Petzold; es ist auch vollkommen gleichgültig, ob die Polizeisirenen, die Razzien, die Autos, die Überwachungskamera oder die Kleidung, Fußball und  aktuelles Umfeld modern sind oder vor über 70 Jahren existiert haben. Nach ein paar Minuten hat man sich schon daran gewöhnt, überspringt problemlos die Zeit und hat verstanden, dass der Inhalt der Handlung in die Vergangenheit gehört, die Aktualität aber bereits die Zukunft eingeholt hat. So viel hat sich auch gar nicht verändert!

 Vier Tage reist Georg, der einem Konzentrationslager entkommen konnte, versteckt in einem Zugwaggon mit einem Freund von Paris nach Marseille. Als sie endlich dort ankommen, ist sein verletzter Begleiter tot. Georg kann gerade noch den Spürhunden und der Polizei entkommen. Er hat es geschafft und Marseille erreicht. Für viele NS-Flüchtlinge war die südfranzösische Stadt die letzte Hoffnung, denn von Marseille aus fuhren die großen Schiffe in die Neue Welt. Dann dreht sich alles in akuter Aktualität und in einer existentiellen Ruhe  um Einsamkeit, Angst, Geld, Visa, Transitbestimmungen und Beamten-Willkür. Als Georg merkt, dass der Konsularbeamte ihn für Weidel hält, übernimmt er einfach diese Rolle, ohne groß darüber nachzudenken. Weidel hat in Paris Selbstmord begangen und Georg ist im Besitz seines letzten Manuskriptes, das er im Zug gelesen hat. Immer wieder treffen sich die Flüchtlinge in den unterschiedlichen Konsulaten und versuchen verzweifelt, alles zusammen zu bekommen, zeigen voller angsterfülltem Stolz Passfotos, Stempel, Pässe. Durch den Arzt Richard, der den kranken Sohn seines verstorbenen Freundes behandelt, lernt er Marie Weidel kennen, eigentlich nun ja auf dem Papier seine Frau. Sie hatte ihren Mann verlassen, um mit Richard nach Mexiko zu gehen, sucht aber seit dem verzweifelt nach ihm, denn er hat auch ihre Papiere. Über den Konsul erfahren beide, dass der andere ebenfalls auf dem nächsten Schiff nach Mexiko sein wird. Marie, die zuerst nicht weiß, dass Georg alle Papiere hat, kann Marseille nicht verlassen, vielleicht will sie es aber auch gar nicht. Die wartenden Protagonisten sind unsicher, zerrissen und treffen immer wieder in Restaurant Mont Ventoux aufeinander. Dort steht der Erzähler der Geschichte hinter der Bar und kommentiert die unterschiedlichen Schicksale.

Marie könnte auch eine Person aus einem Kieslowski-Film sein; während Georg direkt aus einer Camus-Erzählung kommt.

Zum Schluss bleiben Angst und Verzweiflung.

 Mit grandioser und sensibler Langsamkeit und unbeugsamem Phlegma beschreibt Christian Petzold ein paar Wochen in Marseille von Leuten in der Warteschlange während des Zweiten Weltkriegs. Der Film hält sich sehr eng an Anna Seghers Roman « Transit ».  Sie hat ihn in den Jahren 1941/1942, bereits im Exil in Mexiko, geschrieben und war selber kurz vorher in der Situation der großen Unsicherheit des Flüchtlings.

 Petzolds Film springt immer hin und her zwischen heute und den Kriegsjahren. Einen perfekteren « Georg » als Franz Rogowski hätte er nicht finden können. Er verliert trotz permanenten Rückschlägen nie die Ruhe,  entscheidet sich allerdings immer zu spät für etwas und nimmt alles einfach so hin. Paula Beer ist Marie Weidel und Godehard Giese spielt den Arzt Richard. Matthias Brandt ist der Erzähler im Mont Ventoux und Barbara Auer die Frau mit den Hunden.

 Christian Petzold schrieb auch das Drehbuch; in einem Interview erzählte er, dass Seghers Buch jahrelang eines seiner Lieblingsbücher gewesen sei.  Er widmete  Transit dem befreundeten Filmemacher Harun Farocki (1944-2014). Der Film wurde im Februar 2018 auf der 68.  Biennale uraufgeführt; einen verdienten Preis bekam er leider nicht.

cmb

 

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Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix

Schornsteine, Rinnsteine und Schlafburschen

Industrielle Revolution und Industrialisierung, Landflucht und ansteigende Geburtenraten, ein reichhaltiges Arbeitsangebot sowie vielfältige Freizeitmöglichkeiten machten Berlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem verlockenden Ort und  – nach London, Paris und Wien – zur viertgrößten Stadt  Europas. Schon 1816 wurde auf der Spree das erste Dampfschiff eingesetzt, das Eisenbahnnetz breitete sich aus, es gab die Ringbahn und Pferdeomnibusse. Schon in den 1820er Jahren sorgte die städtische Gasanstalt für mehr Licht „Unter den Linden“.

Nach der Reichsgründung,  Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Berlin Hauptstadt von Preußen und die Einwohnerzahl erreichte die Millionengrenze. Große Kaufhäuser, Luxushotels, schicke Bars und ein reges Straßenbild prägten ab 1900 das Stadtbild genauso wie in die Höhe schießende Schornsteine, Schmutz und Rauch. Im Wedding entstand die erste Chemiefabrik, in den Hackeschen Höfen wurde damals schon gewohnt und gearbeitet. Um die Jahrhundertwende führte Otto Lilienthal seine Versuchsflüge durch und der Teltowkanal wurde für den Schiffsverkehr freigegeben. Der Lunapark zählte zu den größten Vergnügungsparks in Europa. Berlin war « in ».

Dem Großteil der Zuwanderer gelang es allerdings nicht, sich in die privilegierte Schicht einzugliedern, sie glitt recht schnell in Armut ab. Die sozialen Probleme wuchsen auf der einen Seite genauso schnell wie der Wohlstand auf der anderen. Eine dramatische Wohnungsnot vertrieb die Arbeiter, Tagelöhner, Kutscher oder Knechte in Mietskasernen oder in Arbeitersiedlungen am Stadtrand. Der „Schlafbursche“ wurde erfunden. Die arbeitende Bevölkerung organisierte sich in Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften und Streiks und Proteste waren genauso an der Tagesordnung wie Hunger und Misere.

 

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Heinrich Zille – VOR DER SCHAUBUDE – 1904 Schwarze Kreide, Kohle auf Papier
Stiftung Stadtmuseum Berlin

 

Und hier setzt die Ausstellung im Bröhan-Museum „Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ ein. Sie baut eine Brücke vom Ende der Belle Epoque bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten. 1898 wurde die Berliner Secession gegründet, eine Künstlergruppe, die den vorherrschenden und dominierenden Akademismus ablösen bzw. ihm entgegensteuern wollte. Mitglieder in dieser Vereinigung waren unter vielen anderen auch die Künstler Heinrich Zille, Hans Baluschek oder Käthe Kollwitz. Während sich Liebermann oder Slevogt aber dem deutschen Impressionismus widmeten brachten Zille, Kollwitz oder Baluscheck einen kritischen Realismus aufs Papier und in die Welt. Sie brachten mit sozialkritischen Themen die, die im Dunkeln stehen, ans Licht. In der zweiten Generation setzen dies Otto Dix, George Grosz oder Otto Nagel fort, die ihre Werke mit Schreckenserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg anreicherten.

Baluscheck war der typische Rinnsteinkünstler. Geboren und aufgewachsen zwischen Fabrikschloten und dem Schöneberger Gasometer. Von ihm hat das Bröhan-Museum eine stattliche Sammlung, vieles ist zur Zeit in der Ausstellung zu sehen.  Auch der weniger bekannte Bruno Böttcher wohnte und wirkte in der Proletariatsatmosphäre auf der Roten Insel, wie das Viertel um den Schöneberger Gasometer hieß. Sie traten dem Expressionismus mit krudem Realismus entgegen. Von Bruno Böttcher ist eine Federzeichnung AUFRUHR zu sehen. Sie entstand 1924 und zeigt einen Mann, der in Ketten gefangen zwischen Schornsteinen und Rauch den kompletten Himmel einnimmt und die Mietskasernen zu beschützen scheint.

 

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Käthe Kollwitz  ARBEITER VOM BAHNHOF KOMMEND (PRENZLAUER ALLEE)
um 1899 Gouache auf Papier Käthe Kollwitz Museum Köln

 

Käthe Kollwitz hat nach einer Theateraufführung von Hauptmanns „Die Weber“ um 1896 mit einen sechsteiligen Grafikzyklus Ausbruch, Höhepunkt und Zusammenbruch des „Weberaufstandes“ angeprangert. Die Serie ist in der Ausstellung zu sehen und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Kollwitz präsentierte den Zyklus 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury wollte ihr dafür eine Goldmedaille überreichen, was der Kaiser allerdings ablehnte. Für sie war es aber trotzdem ein Durchbruch. Obwohl die Bilder von Armut und Misere erzählen, lassen die Künstler den „Modellen“ ihre Würde; kritisiert wird das Umfeld und die Verhältnisse, nicht die Personen.

Ein anderer bedeutender Maler dieser Zeit war der Grafiker, Maler und Fotograf Heinrich Zille.  Seine Arbeiten waren sozialkritisch aber auch sehr lokalpatriotisch. Er war ein echter Milieu-Maler, was ihm den Namen Pinselheinrich einbrachte. Sein « Milljöh » fand Heinrich Zille in zwielichten Bars oder in den schmutzigen Hinterhöfen der Mietskasernen in den Arbeitervierteln. Seine kritischen Bilder und Fotos waren der Grund, warum er 1907 aus der Photografischen Gesellschaft entlassen wurde. Zille arbeitete auch für den Simplicissimus und kam 1903 als ein Protegé von Liebermann zur Berliner Secession. Liebermann malte in den 1880er Jahren ebenfalls naturalistische Bilder wie « Flachsscheuer in Laren » (1887) oder « Schusterwerkstatt « (1881), bei ihm waren es aber eher Fallstudien nach einem Aufenthalt in Holland als eine solidarische oder sozialkritische ja politische Handlung. Er, der Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, spezialisierte sich vor und nach dem Krieg auf Biergartenszenen oder Politiker-Portraits. Ab den 1933er Jahren hat ihm dies allerdings auch nicht helfen können.

Für den Kaiser war die Kunst von Kollwitz, Baluschek oder Zille eher Kunst zum Wegsehen. Die Rinnsteinkünstler waren unbequem und Bilder, die nur Armut und Misere zeigten, passten nicht zu Pickelhauben-Parademärschen oder später zu Champagner trinkenden Amüsiersüchtigen in den Cabarets der Goldenen Zwanziger Jahre.

Dass Deutschland 1914 das weltweit höchste BIP pro Kopf hatte und nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt war, war vor allem dem Maschinenbau zu verdanken. Diese Tatsache sorgte aber nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern eher für das Gegenteil. Missernten um 1912-1913 führten zu Lebensmittelknappheit und Hungerkrisen, Frauen  bekamen Hungerlöhne für Heimarbeit und mussten oft den ganze Familie durchbringen.

Kurz nach Kriegsbeginn entstand der Zyklus Memento 1914/1915“  von Willy Jaeckel. Auf zehn Blättern kündigte er die Gräuel des ersten Weltkrieges an. Diese Preziose gehört dem Bröhan-Museum.

Die junge Weimarer Republik musste sich mit Straßenkämpfen aller Couleurs auseinandersetzen und  wurde von Links und Rechts angegriffen. Reparationszahlungen und Weltwirtschaftskrise verstärkten die Arbeitslosigkeit und saugten das Geldvermögen des Mittelstandes und der Rentner auf.

 

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Conrad Felixmüller ZEITUNGSJU NGE 1928 Lindenau-Museum Altenburg
Foto: Bernd Sinterhauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Auf der anderen Seite entwickelte sich Berlin in der Weimarer Republik zu einem kulturellen Zentrum, auf das die Welt blickte. Gropius baute, Einstein forschte, Grosz malte, Zweig, Brecht und Tucholsky schrieben. In der Film- und Theaterwelt tummelten sich Marlene Dietrich, Friedrich Murnau, Fritz Lang und Max Reinhardt.  Reinhardt war einer der Tonangeber im Regietheater. Er übernahm 1905 die Leitung des Deutschen Theaters in Berlin. Statist wurde ein neuer Beruf und technische Bühnenmaschinerie zum Zeitgeist. Erwin Piscator wirkte an der Volksbühne mit dem Motto « Die Kunst dem Volke » und macht politisches Theater. Bertholdt  Brecht brachte im August 1928 am Schifferbauerdamm seine Dreigroschenoper zur Uraufführung. Bauvorhaben brachten immer wieder kurzzeitig Arbeit für Einige. Um die Stadt entstand ein grüner Ring und die Armen wurden noch ärmer. Das Avantgarde-Theaterstück von Ernst Toller « Hoppla wir leben » wurde zum spektakulären Bühnenereignis. Tradition und Moderne knallten ständig aufeinander und  bevor der Aufschwung auch bei den Armen ankommen konnte war er auch schon wieder vorbei. Otto Dix und George Grosz dokumentierten mit Ironie und Hohn das Leben in den Cabarets und Cafés.

 

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George Grosz -IM CAFÉ -1922
Aquarell, Feder, Tusche/Papier
Galerie Brockstedt, Berlin - © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Otto Nagel war der Sohn eines sozialdemokratischen Tischlers und arbeitete selber als Transportarbeiter.  Nagel selbst kam aus einer Weddinger Arbeiterfamilie und wurde erst nach dem Krieg, der ihn als Verweigerer ins Gefängnis gebrachte hatte, als Autodidakt zum Künstler. Er gehörte zur zweiten Generation dieser Malergruppe,  spielte 1920 eine bedeutende Rolle und initiierte 1921 mit anderen Künstlern die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die von Willi Münzenberg geleitet wurde. Letzterer gab auch die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung heraus. Es entstanden Filme für die arbeitende, arme Bevölkerung wie « Kuhle Wampe » oder « Mutter Krausens Fahrt ins Glück », die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Nagel war eng mit Kollwitz und Zille befreundet und war Redaktionsleiter der Satirezeitschrift Eulenspiegel. Von ihm sind einige sehr gute Werke ausgestellt, darunter „Weddinger Jungen“ (1928). Es gehört den Staatlichen Museen zu Berlin. Nagels Licht- und Farbregie hier erinnert an die „Chiaroscuro“ Technik von Caravaggio. Die blau-schwarz gekleideten Kleider vor dem dunkelblauen Hintergrund bilden einen hoffnungslos- dramatischen Kontrast zu den blassen, rachitischen und hoffnungslos ins Leere blickenden Gesichtern der Jungen. Blickfang ist ein weinroter Schal, den ein Kind um den Hals geschlungen hat.

Alle Künstler hatten eines gemeinsam:  entartet – Malverbot – scheidet aus allen Ämtern aus  hieß es für sie im Jahre 1933 !   

 

Die Kuratoren Dr. Tobias Hoffmann und Dr. Anna Grosskopf haben für diese ausgezeichnete Schau  fast 200 Gemälde, Grafiken und Fotografien, zusammen gebracht, darunter zahlreiche nationale und internationale Leihgaben von bedeutenden Institutionen, Museen und aus privaten Sammlungen.

Diese sehenswerte Schau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Not und Leid in der Zeit um die Jahrhundertwende bis zur Machtübergreifung der Nazis zu zeigen, wird noch bis zum 17. Juni 2018 im Bröhan-Museum zu sehen sein. Anschießend soll sie im Käthe Kollwitz Museum in Köln gezeigt werden. Die Ausstellung ist sehr gut aufgebaut und stellt viele Künstler vor, die man sonst nicht zu sehen bekommt oder nicht einmal kennt. 

Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm, u.a. um den Milljöh-Maler Zille,  umrandet die Ausstellung. So gab es am 5. April ein wunderbares Konzert mit Fabia Mantwill (Stimme und Saxophon) und Thomas Kolarczyk (Bass). Sie spielten u.a. Jazz-Klassiker aus den 1930er Jahren, eigene Kompositionen und improvisierte Collagen, mit denen sie eine Verbindung zu den ebenfalls ausgestellten und großartigen Arbeiten des Berliner Grafik-Pioniers John Heartfield herstellten. 

Christa Blenk

 

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THE TURN OF THE SCREW

Premiere feierte diese Produktion der Staatsoper bereits 2014 und seitdem wird sie regelmäßig vor fast vollem Haus aufgeführt. Benjamin Britten hat « The turn of the screw » 1954 komponiert nach einer Erzählung von Henry James. Das Libretto hat Myfanwy Piper geschrieben.

Diese Kammeroper beginnt mit einem Prolog, in dem die Anreise der Gouvernante auf dem Landsitz Bly erzählt wird. Sie trifft den Vormund von Flora und Miles und soll für die Waisen sorgen, ohne den Vormund jemals zu kontaktieren. Außerdem wird sie zu absolutem Stillschweigen über das was auf dem Landgut passiert verpflichtet. Außer der Haushälterin Mrs Grose gibt es sonst keine Personen. Gleich zu Anfang wird Miles von der Schule verwiesen, weil er angeblich einen schlechten Einfluss auf seine Schulkameraden ausüben würde. Mrs Grose und die Governess versichern sich gegenseitig, was brav doch die Kinder seien. Sie entdeckt, dass der früherer Butler Peter Quint und die Erzieherin Mrs. Jessel ein Liebespaar waren und beide auf seltsame Weise ums Leben gekommen sind. Die Kinder und Mrs Grose versuchen allerdings, ihr Informationen zukommen zu lassen. Die Geister der ehemaligen Liebenden schwirren ständig durch das unwirtliche Haus und die Gouvernante kommt nicht gegen sie an, die Kinder – vor allem Miles – auch nicht. Mrs Grose reist mit Flora nach London und lässt Miles mit der Gouvernante allein zurück, die sich ebenfalls zu ihm hingezogen fühlt. Peter Quint versucht Miles von der Ferne vor ihr zu warnen, dann stirbt Miles unter den Händen der Gouvernante, jedenfalls will Claus Guth  das so.Britten, der sich sonst eher von der zeitgenössischen Musik fernhielt, versuchte sich hier in der Zwölftontechnik. Dieses Werk ist mathematisch kalkuliert und gehört zu den spannendsten Werken von Britten, vor allem wohl auch, weil alles offen bleibt und sie genauso rätselhaft endet wie sie beginnt.  Wir kennen nicht mal den Namen der Gouvernante. Ist sie vielleicht die Wiederauferstehung von Miss Jessel oder ein Ebenbild. Alles bleibt offen, auch die seltsame Beziehung von Miles zu Peter Quint.  Die Bühne dreht sich praktisch permanent und lässt die Zuschauer durch das Gut wandern, obwohl gleichzeitig alles stehen bleibt. Guth hilft uns nicht, die Geschichte zu verstehen, er verwirrt sie eher noch mehr. Miss Jessel und Peter Quint singen sich aus einer anderen Welt auf die Bühne.

Premiere war in der Fenice in Venedig und erst danach wurde sie in London aufgeführt. 

Daniel Cohen dirigiert die Staatskapelle aufs Feinste. Maria Bengtsson ist die Governess. Man leidet mit ihr, wenn sie immer nervöser und unsicherer wird, Thomas Lichtenecker sehr gut als Miles und Flora ist Sónia Grané, die es wirklich schafft, wie ein Teenanger auszusehen. Die beiden Geschwister verbindet ebenfalls eine seltsame Beziehung, die sie an einem weißen Kaninchen ausleben.  Mrs. Grose ist Marie McLaughlin. Alle singen sie sehr textverständlich und sicher in ihren Rollen.

cmb

 

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Das Wunder der Heliane

Dionysisch-erotisch versus  apollinisch-heilig

 Am 19. März fand  in der Deutschen Oper Berlin die Premiere von Korngolds „ Das Wunder der Heliane“ statt und konnte seitdem fünf fast ausverkaufte und umjubelte Aufführungen feiern.

 Bei dieser Produktion der DOB stimmt alles. Orchester, Chor, Inszenierung und Solisten und die haben es nicht leicht, vor allem Heliane, denn sie steht einem großen, gewaltig spätromantischem Orchester gegenüber. Sara Jakubiak meistert diese Herausforderung bravourös wie sie auch im schauspielerischen überzeugt und  von einem Kammermusik-Stil  im ersten Akt ohne Chor zu einem Fis-Dur-Wahnsinn und betend-erregtem Chorgebrüll im 3. Akt mitgeht; ansingend gegen den  Mob, der von Anbetung zu Verachtung wechselt und  auf jeden Vorschlag reagiert, solange er nur laut genug gebrüllt wird.

Heliane, die Frau des Königs im Land ohne Lachen und Liebe besucht den dionysischen Fremden, der diesen apollinischen Zustand  beenden wollte, im Kerker. Dort hat ihm kurz vorher der König selber das Todesurteil überbracht. Trost will sie ihm spenden, er aber will nur ihre Haare und Füße und später den ganzen Körper sehen. Sie gewährt ihm diese drei Wünsche und verschwindet – immer noch nackt, wie Gott sie geschaffen hat und von Leidenschaft geplagt – um für sie Beide zu beten. Der König sucht den Fremden später nochmals auf und bittet ihn um Rat, wie er seiner eigenen Frau, der Königin, näher kommen könnte, da er, der Häftling, der sich mit Lachen und Liebe auskenne, sicher helfen könne. Heliane hört dies und kommt – immer noch entkleidet, denn ihre weiße Robe liegt ja auf der Bühne, dazu. Der entsetzte König versteht und interpretiert – falsch natürlich –  denn es ist ja nichts passiert, und will sie nun töten. Um Heliane zu schützen, entleibt sich der Fremde vor aller Augen. Und nun geschieht etwas seltsames, denn die vermeintliche Ehebrecherin soll zur Heiligen mutieren. Sie kann dem Scheiterhaufen entkommen, wenn sie den toten Fremdling wieder zum Leben verwecken vermag. Heliane stimmt dem Verdikt des Richters zu, schafft es dann aber nicht, die richtigen Worte zu sagen und gesteht, was sie nicht getan hat. Der König überlässt sie daraufhin der rasenden Meute, die auch sofort über sie herfällt, bevor sie dem Feuer übergeben wird. Wenn dann schon keiner mehr daran glaubt, dass sie den Toten wieder ins Reich der Lebenden bringen wird, erhebt dieser sich plötzlich. Da ist er nun, der Beweis der Reinheit und Unschuld und einer vereinten Liebe im Paradies steht nichts mehr im Wege.

Sara Jakubiak ist großartig, singt sauber und prägnant mit einer chromatischen Transparenz dem großen Orchester entgegen. Sie nimmt den kompletten Raum ein, auch wenn sie ganz leise singt. Aber auch Josef Wagner als König, Brian Jagde als der Fremde und die neidische, aufstachelnde Botin (Okka von der Damerau) sind bestechend. Ein besseres Team hätten Marc Albrecht und Christoph Loy nicht finden können.

Loy hat alles herrlich bescheiden gelassen. Das Bühnenbild besteht nur aus einem großen, holzgetäfelten Raum, der eher wie ein edler Büro aussieht. Bescheiden ist auch die Namensgebung, denn nur Heliane hat einen. Alle anderen heißen König, Fremder, Botin, Blinder. Auch die Kleider passen sich hier an. Chor und Solisten sind in schwarzen Business-look gekleidet, nur Heliane kommt zu Beginn als weiße Braut in den Kerker;  zum Prozess und zur Auferstehung trägt auch sie das kleine Schwarze.

Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ ist eine Oper, die eigentlich aus ihrer Zeit gefallen und wo Musik und Thema viel besser ins 19. Jahrhundert passen, die aber heute wieder großartig dasteht. Absurd-symbolistisch ist das Werk, religiös-erotisch die Person der Heliane, der Hellen, Reinen, Schönen. Der österreichische Expressionist Hans Kaltenecker hat 1919 das Stück „Die Heilige“ geschrieben.  Hans Müller verfasste daraus das Libretto. Vielleicht hat er dabei auch an Herodots Geschichte von Kandaules und Gyges gedacht, auch hier steht eine nackte Frau zwischen zwei Männern, obwohl die Geschichte anders ausgeht.

Korngold hatte ein paar Jahre vorher, als knapp zwanzig Jähriger,  mit seiner Oper „Die Tote Stadt“ nach Rodenbach Novelle „Bruges la Morte“ in Hamburg und Köln einen riesigen Erfolg erfahren an den er mit  „Das Wunder der Heliane“ nicht anknüpfen konnte und so wurde sie – bis auf wenige Aufführungen in den letzten  Jahren – aus der Mottenkisten nicht mehr herausgeholt. Sentimental, schnulzig, triefend, anmutig, altmodisch empfand man sie damals und stellte sich  Kreneks im selben Jahr uraufgeführte Zeitoper „Jonny spielt auf“ entgegen,  die den technischen und kulturellen Fortschritt der neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre hervorhob,  ganz schnell ein Welterfolg wurde und im selben Jahr Premiere feierte. Da konnte der spätromantische Expressionismus von Korngold nicht mithalten. Die Oper kam ranzig herüber und erinnerte an das 19. Jahrhundert, das in der Weimarer Republik ganz weit weg war.

Ulrich Schreiber erzählt, dass die Österreichische Tabakindustrie 1928 zwei neue Zigarettenmarken auf den Markt brachte. Eine preiswerte, Jonny und eine Luxusmarke Heliane, mit einem goldfarbenen Mundstück. Das zeigt, wie sehr die beiden Werke miteinander konfrontiert wurdenn. Aber das nützte nichts. Weder Lotte Lehmann in Wien drei Wochen nach der Hamburger Uraufführung noch die Berliner Version konnten Jonnys Siegeszug durch die Welt erreichen, ja nicht mal hinterher hecheln.

Korngolds Heliane-Musik ist ein sehr gelungenes pasticcio ohne Schwächen oder Längen zwischen Wagner, Strauss und Puccini bei dem dann und wann ganz kurz Passagen durchklingen, die seine Filmmusik, mit der er ab 1930 in Hollywood viele Preise gewinnen wird, ankündigen.

Christa Blenk

 

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Schirin Fatemi – Portrait

Schirin-Fatemi,-Selbstbildnis
Selbstportrait

 

Südlicht – Nordlicht – Waldlicht

Im Atelier herrscht lichte Harmonie und penible Ordnung. Rechts neben der Künstlerin ein Blick auf ihre aktuellen Arbeiten. Direkt hinter ihr das Fenster in die Natur. In der Renaissance sprach man zum ersten Mal vom Fenster als Bild, vom Blick nach draußen und dann dauerte es nicht mehr lange, bis auch der Künstler zum Malen ins Freie ging, und aus idealisierten Landschaften reelle wurden.

Vor dem Fenster grundiert Schirin Fatemi gerade eine weiße Leinwand mit einem dunklen Ockerton. Die Künstlerin hat diese Technik von den Renaissancemalern übernommen, auch sie bereiteten so die Basis für ihre Landschaften vor. Dieser primordiale  Erdton ist oft Bestandteil ihrer Arbeiten und verrät, wo sie ihre Motive sucht, wo ihre Leidenschaft liegt, was sie auch außerhalb der Kunst bewegt und wo sie Ruhe und Glück findet: es geht um die Natur, wie die Zivilisation damit umgeht und die Konsequenzen daraus, sei es Klimawandel, Zerstörung oder Mutation von Feld und Wald oder das Thema Nachhaltigkeit. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum in den letzten Jahren immer mehr Menschen ihre mosaikartigen, expressionistisch-kubistischen Landschaften betreten haben.

  »Am Weinberg“ entstand 2017. Auf 50 x 100 cm drückt Schirin hier ein Natur- und Umweltbewusstsein aus. Das Bild ist dimensionslos und könnte genauso gut eine ganze Wand füllen. Wie eine Mahnung steht die Person im Bild. Der Mann selber ist eine symbolische Landschaft und wirkt irgendwie verzweifelt, fast ein wenig linkisch steht er in dieser herbstlichen Farbenpracht, unter ihm eine moorige braun-beige, von Sonne ausgebleichte Flusslandschaft. Entweder er hat seinen Platz noch nicht gefunden, oder er will schon wieder weg, zufrieden ist er jedenfalls nicht. Die satten, blau-grünen Weinreben spiegeln eine falsche Idylle vor und scheinen ihn gar nicht zu interessieren. Sein nach oben gerichteter Blick sucht sorgenvoll die Ferne. Seine Kleidung ist Teil der Landschaft. Die Künstlerin lässt hier einen Dialog zwischen Mensch und seinem natürlichen Raum entstehen. Ein Thema, mit dem sie sich gerade in ihren letzten Arbeiten viel auseinander setzt. Die Motive sind ihre eigenen, Selbsterlebtes oder Gesehenes. Dieses hier entstand nicht in ihrer Wahlheimat Rom sondern beschreibt einen Flecken an der Mainschleife bei Volkach, in der Nähe von Würzburg, wo Schirin geboren wurde. Für sie steht die Person im Bild stellvertretend für die Menschheit. „ Am Weinberg“ wurde 2017  für den Andreas Kunstpreis Natur-Mensch nominiert.

In der bedeutenden Ausstellung „Horizonte“ vor sechs Jahren hat Schirin Fatemi die Weichen für ihre zukünftigen Arbeiten gestellt. „Horizonte“ ist eine Ankündigung auf das, was alles noch kommen wird, ein Versprechen auf die Befassung mit ganz unterschiedlichen Stilen und Perspektivänderungen, ein virtuoser Spaziergang zwischen zarten Aquarellen, licht-durchfluteten Landschaften, brennenden römischen Kuppeln, Portraits, metaphysischen Stillleben mit einem Hauch Surrealismus, eine Konfrontation von unterschiedlichen Lichterfahrungen und Farbexperimenten. Wegweiser zu ihrem ganz persönlichen Expressionismus. Eine Mutation der Kleeschen Farbparzellen zu verbalen Mahnungen. Klee suchte sich seinerzeit seine Lichterfahrungen in Tunesien, Schirin fand und findet sie meist in Italien und nimmt sie mit auf den Weg von der Moderne zu einem spannenden Neo-Expressionismus.

 

Schirin-Fatemi,-Lichtung,-RadierungSchirin-Fatemi,-Wasserwege-IIISchirin-Fatemi,-Am-Weinberg
Radierug « Lichtung » aus der Serie « Wasserwege » und « Am Weinberg » 

 

„Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln können“. (Pablo Picasso)

Eines meiner Lieblingsbilder ist ein Selbstportrait (s.o.). Es entstand 2016 und die Künstlerin nimmt fast die komplette Leinwand in Beschlag. Sie sieht in die Ferne, vielleicht nach Italien, in ihre Wahlheimat, vielleicht aber auch in den Iran, wo ihr Vater geboren wurde. Drei Farben stechen hervor: ein erdig brauner Hintergrund, der sich nach unten in blau-orangen Tönen verliert, eine blaue Tunicabluse und eine rostbraune Hose, die mit der Farbe der Haare spielt. Auch hier spürt man es wieder, das große Farbgefühl der Künstlerin und die eminente Bedeutung des Lichtes.

Gegenwärtig befasst sich Schirin Fatemi mit dem Wandel, interpretiert Veränderungen, die der Erde und ihre eigenen. „Wasserwege“ ist ein work in progress. Frühere Werke holt sie dazu wieder auf die Leinwand wie das Gemälde „Am Fluss“, das nun mit Bildern aus der Serie Wasserwege I und III zu einem Triptychon vereinigt wird.

Mit der Arbeit an der aktuellen Serie „Wasserwege“ bewegt sie sich weit weg von einer anderen bedeutenden Serie, die 2015 in den italienischen Marken entstand. Dort wo der Künstler Gentile da Fabriano wirkte, brachte Schirin Fatemi Kulturlandschaften auf die Leinwand. Schön ordentlich angeordnet sind sie, die Felder, Weinberge, Wälder oder Wiesen einer zeitlosen Landschaft, die von antiken Wegen durchzogen und geprägt ist. Die Welt scheint hier im Einklang mit der Natur zu liegen und es gibt nichts, was uns beunruhigen könnte.

Anders heute! Die Gemälde Wasserwege I, II oder III beschäftigen sich auf den ersten Blick mit dem gleichen Stück Landschaft zu unterschiedlichen Tageszeiten, vielleicht. Wasserwege II ist hell, sommerlich, braun, das schwarze Rinnsal schält sich aus der grünen hügeligen Sumpflandschaft, kommt auf uns zu und mündet vielleicht gerade in einen Teich. Wasserwege II kommt der „Terre gentili“- Serie am nächsten. Wasserwege III hingegen zeigt Sonnenuntergangsstimmung. Der schwarz-goldene Fluss sucht sich seinen Weg von links nach rechts durch orange-lila Weiden. Im Hintergrund kündigen Häuser die Zivilisation an. Wasserwege I hingegen kommt wuchtig, drohend daher. Es ist Nacht und es scheint windig zu sein. Mutig, selbstbewusst, drohend, dominieren hier die Farben Grün und Blau. Häuser gibt es nicht auf diesem Bild, dafür sind Waldgeister unterwegs. Bei dieser Serie ist die Künstlerin ihren bevorzugten Farbtönen  Rot, Blau, Grün, Braun, erstmals treu geblieben, setzt sie aber ganz anders ein. Das Auge des Betrachters füllt sich mit dicken Farbschichten, einzelne Bestandteile des Gemäldes werden isoliert und zur Skulptur.

 „Terra incognita“ nennt sie ihre Ausstellung, die vom 9. bis 17. Juni 2018 im Ringelheimer Mausoleum zu sehen sein wird. Der Titel ist eine Fortsetzung von Werkserien wie „Seewärts“, „Landeinwärts“ oder „Horizonte“.

Dann gibt es aber noch die andere Künstlerin, diejenige, die sich mit Radierungen beschäftigt und intime, sehr arbeitsintensive Kupferstiche hervorbringt, die viel Zeit und Muse brauchen.  Schirin Fatemi würdigt bei diesen Arbeiten die bedeutenden Kupferstecher wie Piranesi oder Dürer. Großartig kommt sie daher mit wunderbaren Radierungen von römischen Motiven, die in den letzten Jahren entstanden sind, oder neueren, symbolistischen Arbeiten.

John Miltons gefallener Engel findet sich im Wasser wieder oder versucht sich verschämt hinter den Blättern eines Baumes zu verstecken. Aber das Licht lässt dies nicht zu.

Die Aquatinta-Radierungen „Lost Paradise“ oder „Lichtung“ entstanden 2017 und hier beweist die Künstlerin wieder einmal, dass sie Berührungsängste nicht kennt. Mit „Lost Paradise“ kokettiert sie mit dem englischen Symbolisten William Blake oder mit dem orientalischen Holzschnitt. Eine Streuobstwiese im Naturpark Schorfheide-Chorin hat Schirin Fatemi zu diesen Arbeiten inspiriert. Die Radierungen sind aber oft Wegbereiter für spätere Bilder wie das bei “Lost paradise“ der Fall ist.

Geboren ist die Künstlerin in Würzburg. Sie lebte in Osterode und Göttingen bevor sie in Italien (Bologna und Rom) ein Kunststudium begann. Direkt nach ihrem Studium arbeitete Schirin Fatemi im Bereich Szenografie für Theater und Fernsehen. Die Künstlerin geht ihren ganz eigenen Weg und folgt nicht immer allen angesagten aktuellen Tendenzen. Sie ist eine zeitlose und begeisterte Landschaftsmalerin und eine ausgezeichnete und leidenschaftliche Beobachterin, die sich anhand von Fotos und Zeichnungen sehr gründliche auf ihre Arbeiten vorbereitet.

Anlässlich eines gemeinsamen Projektes zum Thema Globalisierung und Kommunikation hat sie 2014 kurz die Natur verlassen, um sich mit der digitalen Welt auseinander zu setzen. Die Austauschausstellung „HelloWorld“ fand zeitgleich in San Francisco und Hannover statt.

Schirin Fatemi ist außerdem Gründungsmitglied im Kunsthof Mehrum e.V. – Raum für Kunst und Natur.

Christa Blenk

 

Portrait Schirin Fatemi für KULTURA EXTRA

 

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Gabriele Münter – noch bis zum 8. April in München

Hinweis:

Am 8. April geht sie zu Ende, die große gemeinsame Ausstellung im Münchner Lenbachhau, die die Städtische Galerie mit dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlekaek und dem Museum Ludwig Köln organisierte. 

Im Jahre 1877 ist Gabriele Münter geboren und mit knapp über zwanzig Jahren unternahm sie ihre erste Reise durch die USA, als Fotografin zuerst. Sie entdeckte die Welt und die Welt der Kunst durch den Sucher ihrer Fotokamera.1901 ging sie nach München, durfte jedoch noch nicht an der Kunstakadamie, die nur Männern vorbehalten war, studieren.  So nahm sie Privatunterricht und wurde Freilichtmalerin in Kochel am See wo sie Kandinsky kennen lernte. Mit ihm unternahm sie viele Reisen nach Tunesien und Italien oder Frankreich. Viele Jahre war sie Kandinskys inoffizielle  Gefährtin (denn dieser war verheiratet)  und es war sie, die viele seiner Werke  während und nach dem Krieg rettete, als Kandindsky das Land verlassen musste. Münter zog nach Köln und lebte 1920 wieder in München, geplagt von Depressionen. 1925 kam sie nach Berlin und entdeckte das Bleistift-Portrait. In Berlin lernte sie auch den Kunsthistoriker Johannes Eichner kennen. Nach einem weiteren längeren Parisaufenthalt zog sie schließlich 1931 zu Eichner nach Murnau und wie fast alle anderen Maler dieser Zeit musste sie sich als Entartete 1937 von der Malerei zurückziehen. Nach dem Krieg wurde sie 1955zur documenta 1 in Kassel eingeladen.

Lange Zeit hat man Münter nicht mehr so massiv ausgestellt. 200 Exponate aus allen Schaffensphasen stehen ihren Fotografien gegenüber, die in den USA entstanden sind. Die Schau in zehn Abschnitten folgt ihr und bringt ihre Freude am Neuen und ihr Talent ans Tageslicht. Man lernt sie gut kennen oder besser gesagt endlich kennen und begreift ihre Rolle beim Blauen Reiter und für die Kunst der frühen 1920er Jahre. Mehr als die Hälfte der gezeigten Gemälde sind seit ihrem Tod nicht mehr gezeigt worden, einige sogar noch nie. Unzählige Leihgaben aus Paris oder Washington aber auch aus Privatbesitz ergänzen die Ausstellung. 

Gabriele Münter ist 1962 in Murnau verstorben.

cmb

 

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Ein Deutsches Requiem

SanLorenzo Street Art
Street Art Rom

Konzert am Karsamstag

Das Konzerthausorchester Berlin und der Philharmonische Chor Berlin unter Leitung von Michael Sanderling führten gestern abends im Konzerthaus das Deutsche Requiem op. 45 von Brahms auf.  Ein „gewaltiges und ergreifendes Stück“ nannte es Clara Schumann. Ihr hatte Johannes Brahms vorab, wohl 1865, die Noten eines Teils zukommen lassen. Brahms, der sich in der Bibel gut zurechtfand,  hatte dafür Textstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament, Psalmen sowie Teile aus dem Buch Jesaia  in Ton gesetzt und Hoffnung, Trauer, Freude, Leid und Glück  zum Ausdruck gebracht. Es ist eine Komposition für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orchester  und entstand um 1866. Angefangen mit der Zusammenstellung der Texte hat Brahms allerdings  schon knapp 10 Jahre früher.  1867 wurden durch den Wiener Singverein erstmals nur die ersten drei Sätze aufgeführt, mehr Durchhaltekraft traute man dem Publikum wohl nicht zu. Eduard Hanslick hat es allerdings durchaus positiv bewertet.

Das Werk dauert gute 60 Minuten (wobei es Versionen gibt, die 10 Minuten länger dauern), es besteht aus sieben Sätzen die von den beiden verwandten Teilen I und VII eingerahmt sind.  Teil III, V und VI sind mit Singstimme, der Chor spielt die Hauptrolle und ist immer dran.

Chor und Bariton Michael Nagy haben sehr textverständlich gesungen; die Sopranistin Christina Landshamer war leider nur ansatzweise zu verstehen.  Sanderling hat das Orchester sehr lyrisch geführt und hat manchmal an Haydns Schöpfung denken lassen.

Neben Bachs h-Moll-Messe,  der Matthäus-Passion oder dem Weihnachtsoratorium gehört Brahms‘ Requiem zu den großen geistlichen deutschen Kompositionen und Chorwerken.  

Vor der Pause spielte Martin Schmeding an der Orgel Franz Liszt Variationen der Bachkantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ . Diese Bachkantate entstand in seiner Weimarer Zeit und Bach hat sie 1714 für den dritten Sonntag nach Ostern komponiert. Liszt hat sich vor allem auf den Eingangschor der Kantate konzentriert.  Die Bassmelodie drückte im Barock Schmerz und Trauer aus. Den ostinaten Bass hält auch Liszt die ganze Zeit bei und springt von leiser Verzweiflung zu rasender Wut um kurz vor Ende den Schlusschoral der Bach Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ anklingen zu lassen. Liszt hat es 1859 geschrieben, nach dem Tod seiner Tochter Blandine.

cmb

 

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Karfreitagskonzert in der « Kirche zur Frohen Botschaft »

 
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 © Rebecca Ewald

 

Öffentliche Generalprobe in Karlshorst

Ostern ohne das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)  ist eigentlich gar nicht denkbar. Es nutzt sich nie ab, dieses wunderbare Werk und bringt immer wieder neue Interpretationen hervor. Von den zwölf Sätzen insgesamt hat Cornelia Ewald, die Leiterin des Studiochors Karlshorst, der Kantorei Karlshorst und dem Jungen Bach Ensemble die ersten sechs, die Schönsten, ausgesucht und es mit den wunderbaren Solistinnen Alessia Schumacher (Sopran) und Christina Hiemsch (Alt) einstudiert.

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 © Rebecca Ewald

Mit vielfältig-trauriger Chromatik, cremiger Weichheit, trillernder Energie, zitternder Erschütterung, rhythmischem Continuo und gedämpfter Stimmung kommt es daher dieses überwältigend schöne Werk, welches Pergolesi kurz vor seinem viel zu frühen Tod 1736 komponierte. Töne, Stimmen und Instrumente fusionieren zu einer perfekten Melodik. Im 18. Jahrhundert gehörte es zu den beliebtesten Werken; Salieri schrieb eine eigene Version davon und der große Bach arbeitete das Stabat Mater zu einer Kantate um. Im 20. Jahrhundert verarbeitete Strawinsky Teile von Pergolesis Werk für sein Ballet « La Pulcinella ». 

Das Junge Bach Ensemble hat auf energische Langsamkeit gesetzt und wir lernen es durch die Wiederholungen und Erklärungen der Leiterin aber auch durch die Anmerkungen der Musiker noch besser kennen und freuen uns über jede nicht sitzende Note, um eine Arie nochmals hören zu können. Cornelia Ewald hört genau hin, was die Solisten oder Musiker einbringen und man spürt den gegenseitigen Respekt.   

Des Weiteren stand die Motette von Heinrich Schütz aus der Geistlichen Chormusik (1648) auf dem Programm und  « Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig » aus Felix Mendelsohn-Bartholdys (1809-1847) Oratorim « Elias » auf dem Programm. Das zweite highlight des Konzertes war die Bach Kantate BWV 12 « Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen » (1714). Die Kantate ist in Bachs Weimarer Konzertmeister-Zeit entstanden und er hat sie für die dortige Schlosskapelle im April 1714 für den dritten Sonntag nach Ostern (Jubilate) komponiert. Die Solisten hier waren Berk Altan (Tenor) und Pierre Chastel (Bass). 

Bewundernswerte Aufführung mit sehr guten Sängern und Musikern und einer enthusiastischen Leiterin. 

 

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  © Rebecca Ewald

 

Christa Blenk

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Stabat Mater auf Usedom

Stabat Mater durch Concerto Romano

 

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Adam’s Passion

P1060834

 

Stille, Licht und Langsamkeit.

Im Jahre 2009 sind sich Robert Wilson und Arvo Pärt im päpstlichen Wartesaal in Rom begegnet. Papst Benedikt XVI gab eine Audienz für 250 Künstler und Wissenschaftler. Aus diesem Anlass sang ein Kinderchor Werke von Arvo Pärt. Aufführung und Werk begeisterten Robert Wilson und die Beiden beschlossen, gemeinsam ein Projekt zu realisieren. Natürlich konnte nach dem Aufeinandertreffen von zwei Minimalisten in päpstlicher Gesellschaft nur etwas Biblisches entstehen und das war dann auch der Beginn von Adams’s Passion, ein Zusammenschnitt von den schon existieren Kompositionen « Adam’s Lament » (2010), « Miserere » (1989-1992), dem Doppelkonzert für zwei Violinen « Tabula Rasa » (1977) sowie dem Orchesterwerk « Sequentia“ (2014), in Szene gesetzt von Robert Wilson.

Zuerst war nur Licht. Adam steht wie eine bewegungslose, aus einer Nebelwolke kommende, Schaufensterpuppe  in romantischer Position mit dem Rücken zum Publikum – so wie in Gott geschaffen hat. Die Musik dazu, Sequentia“  hat Arvo Pärt  2014 Robert Wilson gewidmet und trägt uns ganz weit weg. Nun ist Geduld befragt, denn  Adam (Michalis Theophanous) braucht gefühlte 30 Minuten bis er sich auf dem schwarzen catwalk, der ins Publikum führt, vorwärts bewegt, sich einen Zweig auf dem Kopf drapiert und wieder auf die Bühne zurück schreitet. Der Anzug, den er dann trägt zeigt uns, dass er mittlerweile aus dem Paradies vertrieben wurde und schon mitten in den Übeln der Welt und unterschiedlichen Menschen steht. Spirituell, religiös und meditativ und mit viel Symbolik werden  Erschaffung und Zerstörung der Welt dargestellt:  eine Leiter, Ziegelsteine, ein fliegendes Haus, der Baum der Erkenntnis und noch mehr lächerliche Zweige sowie Kinder, die MPs aus Holz über die Bühne tragen.  

Die Tanzikone Lucinda Childs im Raumschiff-look tut es Adam nach und bewegt sich ihrerseits mit großartiger Langsamkeit von einer Seite der Bühne zur anderen was manchmal etwas pathetisch wirkt. Man fragt sich zum Schluss, ob es nicht ohne das prätentiöse Geschehen für die Musik besser gewesen wäre.

Arvo Pärt ist 1935 in Tallinn geboren und zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Komponisten. Pärt hat eine Vorliebe für religiöse Motive und kommt mit seinem Musikstil bei den anderen Avantgarde Komponisten nicht immer gut an. Wörter und Texte gehören zu seiner Musik wie das Licht zu Wilson gehört.

Robert Wilson ist zehn Jahre nach Pärt in Texas geboren, studierte zuerst Betriebswirtschaft und ging 1963 nach Brooklyn wo er Architektur, Fotografie und (Licht)Kunst studierte und mit Choreografen wie George Balanchine und Merce Cunningham arbeitete. Schon 1976 gelang ihm in Avignon der Durchbruch mit der Oper „Einstein on the Beach“, eine Produktion mit Philipp Glass und Lucinda Childs. In den 1980er Jahren realisierte er Projekte mit Heiner Müller. Wilson arbeitet weltweit mit den großen und bedeutenden Theatern sei es Hamburg, Paris, Zürich, Mailand, Salzburg oder Berlin. 

Tönu Kaljuste stand gestern am Pult vor dem Konzerthausorchester Berlin mit dem ausgezeichneten estnischen philharmonischen Kammerchor und ausgezeichneten Solisten.  

Christa Blenk

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Franz Trio und mehr

CELLO
Zeichnung: Emanuel Borja

 

Gestern Abend haben die ausgezeichneten Streicher Avigail Bushakevitz (Violine), Melanie Richter (Violine), Ernst-Martin Schmidt (Viola), Taneli Turunen (Violoncello) und Alexander Kahl (Violoncello) bei einem kurzfristig organisierten Hauskonzert ein geradezu brillant zusammen gestelltes Programm  im  gerammelt vollen Wohnzimmer in Zehlendorf vorgetragen und damit an die 50 Musikliebhaber an einer großartigen Vorpremiere teilhaben lassen. Avigail Bushakevitz ist – zusammen mit ihrem Ehemann, dem Bratschisten Ernst-Martin Schmidt und  der Cellistin Constance Ricard – Mitbegründerin des Franz-Trios.

Das Konzert eröffnet mit einem Werk des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály (1882-1967).  Kodály hat die Serenade für zwei Violinen und Viola 1920 komponiert – in  einer für ihn persönlich und politisch schwierigen Zeit. Bekannt geworden ist diese Preziose dann 1922 anlässlich einer Aufführung in Salzburg im Rahmen eines Kammermusikfestivals durch das Amar-Hindemith Quartett mit Paul Hindemith persönlich an der Viola. Ungarische Musikelemente, Pustawind und verrückte Rhythmen zeichnen es aus und dauert 25 spannende Minuten.

Weiter geht es mit dem Trio à Cordes (Streichtrio) von Jean Françaix  (1912-1997). Hier kommt ein bezauberndes Jugendwerk pour faire plaisir, wie Jean Françaix seine Musik definierte. Filigran und zart hüpft die Komposition von tänzerischen Walzer- zu Tangorhythmen, weiter  zu einem neoklassischen und spätromantischen Expressionismus bis plötzlich barocke Lully-Tambourine anklopfen, Elemente, die puren Bonheur in die Gesichter der glücklichen Zuhörer (und der Musiker) zaubern. Denen sieht man es an, wie sehr es sie amüsiert, dies zu spielen. Wahrscheinlich hat Françaix  es auch mit einem Lächeln im Gesicht komponiert. 

Jean Françaix entstammte einer Musikerfamilie und hat bei Nadia Boulanger in Paris studiert. Damals kannte man das Wort  crossover in der Musik noch nicht, er hat es aber praktiziert,  sich ohne Berührungsängste mit allen Musikstilen und Gattungen befasst und eine Brücke vom Oratorium zur Filmmusik gebaut.  Den größten Ruhm hat er dann aber doch mit der Kammermusik erreicht.  Seine Werke verbinden Scherz und Humor mit schlagfertiger Freude.  Françaix hat das Stück 1933 für das Brüder-Trio Pasquier komponiert. Die Interpreten haben ihn sehr gut verstanden!

 

QNG

 

Jetzt hängt die Latte hoch! Kurze Pause zum Lüften und konzentrierte Vorfreude auf eines seiner Großwerke: Das  Streichquintett C-Dur op. post 163 D 965 von Franz Schubert (1797-1828). Obwohl Schubert er nur zwei Monate vor seinem Tod komponiert hat, tut man sich schwer es Spät- oder Alterswerk zu nennen, denn er war ja nur 30 Jahre alt!  Das haben die Musiker auch so gesehen und es sehr temperamentvoll-innig vorgetragen. Schubert griff hier auf eine eher ungewöhnliche Kombination von zwei Geigen, zwei Celli und einer Bratsche zurück. Fast 50 Minuten dauert es, ein Drittel davon gehört dem ersten Satz. Tragisch-schön, pendelt es sich zwischen verlorener Zuversicht und unerfüllter Hoffnungen. Es beginnt mit einer nostalgisch-tragischen Endlosschleife, wütet durch finstere Gewitterwolken und aufreißende Himmel und plötzlich verstehen wir, warum Kodálys Serenade dieses Konzert eröffnet hat: hier sind sie, die ungarischen Tanzrhythmen in Schuberts Rondo

Die Uraufführung dieses kammermusikalischen Schwanengesangs hat der Komponist allerdings nicht mehr erlebt, denn dazu hätte er noch 22 Jahre leben müssen. So lange hat es nämlich gedauert, bis es im Jahre 1850 endlich in Wien aufgeführt wurde. Das lag zu allererst an der Resistenz dem Stück gegenüber von Musikwelt und Verleger.

Am 25. März findet dieses schöne Konzert im Berliner Konzerthaus (Matinee) statt, allerdings ist es schon lange ausverkauft. Glücklich diejenigen, die eine Karte haben!

 

Christa Blenk

 

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Stabat Mater – Dvorak

La Pietà Rondanini - Michelangelo
Pietà Rondanini (Michelangelos letztes Werk / Mailand)

 

1875 begann Antonin Dvorak mit der Arbeit an seinem Stabat Mater. In dieser Zeit verstarb seine Tochter Josefa gleich nach der Geburt.  Damit war aber die Familientragödie noch nicht beendet, denn bis zur Fertigstellung zwei Jahre später hat verlor die Familie Dvorak noch weitere zwei Kinder. Seinem Stabat Mater merkt man das nicht wirklich an. Es kommt ganz positiv und symphonisch daher und lässt hin und wieder ganz kurz an Verdi oder an Belcanto denken. Mehr noch, die  ersten Minuten würde man nicht mal an ein religiös geprägten Werk denken.  Es ist ser gesanglich, samtig, harmonisch und rund!  

Die Aufführung gestern Abend in der Philharmonie – es sang der Philharmonische Chor Berlin begleitet von der Staatskapelle Halle unter Leitung von Jörg-Peter Weigle – war korrekt und würdig, die Solisten gut.  Nicht ganz sauber gleich zu Beginn, haben sie alle im Verlauf der knapp 90 Minuten immer mehr zusammen gefunden. Hervorzuheben vor allem die Altistin Ingeborg Danz und Andreas Bauer (Bass).  Simone Schneider (Sopran) und Tomasz Zagorski brachten ihre Arien sehr lyrisch und das Orchester brachte einen satten Klang hervor.

Heute hat das Stabat Mater große und majestätische Chorwerk einen festen Platz in der Passionszeit und unzählige Komponisten von Pergolesi, über Rossini bis Rihm haben sich damit befasst. Während bei Pergolesi alle schöne Arien den Solisten gehören, sind es hier vor allem die Chorpartien und eine ausgewogene Instrumentalisierung des großen Orchesters, die die erste Geige spielen. Die Solisten ergänzen hier eher den Chor! Weigle hat aber durchaus eine Ausgewogenheit herstellen können.

1880 wurde das Werk in Prag uraufgeführt und kam zwei Jahre später in Brünn und Budapest zur Aufführung. Den internationalen Durchbruch erfuhr es allerdings nochmals zwei Jahre später in London als ein Chor bestehend aus 800 Sängerinnen und Sänger mit einem Riesenorchester es in der Royal Albert Hall vor 8000 Zuhörern aufführte.

 

cmb

 

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Die Hauptstadt – Robert Menasse

Schweinelobbyisten, ein Autounfall  und ein runder Geburtstag

Der Roman reißt viele Gedanken an, die nicht alle zu Ende gedacht oder gebracht werden. Vieles versandet im Verlauf der Geschichte, das macht ihn aber wahrscheinlich nur realistischer. Feiner Humor und gut gespinnte Fäden vereinen auf der letzten Seite einige seiner Hauptprotagonisten an der Metro Station Maelbeek, gerade in dem Moment, wo das Attentat passiert, dem  im März 2016 über 30 Personen zum Opfer gefallen sind. Aber bis es soweit ist, muss noch viel passieren. Menasse lässt den Leser – auf sehr feinfühlige Art -  in das Leben eines KZ-Überlebenden eintreten und organisiert parallel dazu eine pragmatische EU-Recherche nach KZ-Überlebenden laufen.

Dann läuft ein Schwein durch Brüssel und die Presse ruft zur Namenssuche auf. Komischerweise fragt sich niemand, wie das Schwein dort hinkommt. Schweine haben aber sowie eine (Klischee)Hauptrolle in dem Werk, vor allem die, die entsorgt werden, denn dafür bekommt der Bauer Geld und dann geht es natürlich um den internationalen Schweinemarkt, um den sehr national gekämpft wird. Menasse prangert die Unsinnigkeit und Lächerlichkeit von Vorzeige- oder Prestigeprojekten an, die entstehen, hochgespielt werden, eine Menge Arbeit verursachen, um dann sang- und klanglos wieder in der Versenkung zu verschwinden. Einen seltsamen Mord dessen Aufklärung  ebenfalls unter den Tisch gekehrt wird, gibt es auch noch. Hierzu hat Menasse den übergewichtigen und nicht sehr gesunden Kommissar Brunfaut erfunden, dessen ehrgeiziger Chef doch tatsächlich Maigret heißt, und der ihn daran hindert, den Mord aufzuklären.

Ein Hauptereignis ist der 50. Geburtstag der EU Kommission, das muss natürlich groß und öffentlichkeitswirksam in allen EU Mitgliedstaaten gefeiert werden. Martin Susman ist Österreicher und hat auf einer Polen-Reise die Idee,  Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen – ein Einfall, die natürlich nur fehlschlagen kann.

Sollte daraus mal ein Film werden, dann wäre es ein Thema für die Coen Brüder. Menasse zeigt uns sehr klar, wie er zur EU steht und haut uns die Geschichte und Entstehung von Europa nur so um die Ohren. Die EU-Beamten sind  aufgeklärte, internationale Beamte, die dann aber doch wieder auf Ländertickets Karriere machen, die nicht immer nach Können oder Talent eingesetzt eingesetzt werden. Das beschreibt er zur Genüge am Beispiel der Zypriotin Fenia Xenopoulou, die eines der unwichtigsten Ressorts, nämlich Kultur, inne hat und Geltung und Ansehen sucht. Da nützt es ihr auch nichts, dass sie des Präsidenten Lieblingsbuch gelesen hat und daraus zitiert, denn vor dem Präsidenten steht sein (adeliger) italienischer Büroleiter! Dass es in Brüssel allerdings so viele EU Beamte gibt, die mit dem Fahrrad ins Hauptstadtbüro kommen, ist neu und dann wieder sehr komödiantisch beschrieben.

Gelungen die anachronistische Person des Prof. Erhart, der mit seiner gut gepflegten Schultasche nicht gegen Rollenkoffer und i-pads ankommen will und es schaffen wird, für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit der arroganten und blasierten „think tank“-Mitglieder zu erlangen, um dann endgültig in der Versenkung zu verschwinden. Pathos ganz zum Schluss und richtig überzeugend dann aber doch nicht!

Ende gut – alles gut, geht auch nicht. Denn wie es nach der Explosion weiter geht, steht vielleicht in der Fortsetzung, denn danach schreit das Buch.

Vielleicht hat sich Menasse mit « Die Hauptstadt » auch ein wenig an Albert Cohens „Belle du Seigneur“ inspiriert. Der Roman kam 1968 auf den Markt und beschreibt  u.a. auf über 1000 Seiten das extravagante, maßlose, rücksichtslose und oberflächliche das Leben eines belgischen Völkerbunddiplomaten, der in die protestantische Genfer Oberschicht einheiratet.

Robert Menasse bekam für seine Hauptstadt-Farce im Oktober 2017 den Deutschen Buchpreis überreicht.
cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Noga Quartett im Quintett

Entdeckung

Zerrissene Töne im Winter

Der gestrige Abend war dem polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) gewidmet. Hierzu kam das großartige Noga-Quartett ins Wohnzimmer nach Zehlendorf mit Weinbergs Klavierquintett f-Moll op. 18 im Gepäck. Am Klavier die wunderbare Pianistin und Weinberg-Expertin Katarzyna Wasiak. Im Entstehungsjahr 1944 lebte Mieczyslaw Weinberg schon in der Sowjetunion.

Das Klavierquintett besteht aus fünf Sätzen, die permanent auf der Suche sind, Chaos in Ordnung zu verwandeln, ein brillanter Schlagabtausch zwischen Klavier und Streicher.  Einmal spielt das Klavier die erste Geige, gibt aber gleich wieder den Stab ab und lässt die Streicher wüten. 

Eine Reise im Trauerflor in der kalten Jahreszeit.

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Die erklärenden Worte der Musiker zu Beginn des Konzertes – für die die gestrige Aufführung eine Premiere war und die selber noch dabei sind, zu Stück zu entdecken bzw zu verstehen  – haben dazu beigetragen, dem Stück ein wenig mehr als sonst näher zu kommen. Eine Flucht, ein unfreiwilliger Aufbruch ins Ungewisse. Dramatisch-wütende Verfolgungsszenen gleiten in melancholisch, samtige Tristesse ab, um dann gleich wieder zu  Donner- und Kanonenhall des Pianos und krampfhaftem Weinen der Geigen über zu gehen, bereit, die Zuhörer in große Emotionen zu stürzen. Immer wieder rappelt es sich auf und kommt dann plötzlich ganz tänzerisch daher, von (Trauer)Marschtakten, pastoralen Walzertönen über dumpfen Rock n’Roll des Klaviers zu einem  « irischen » Squaredance der Streicher. Im Laufschritt von hoffnungslosen Monologen hin zu  hoffnungsvollen Fragezeichen, von wolkenaufreißender, hektischer Helligkeit bis es langsam im Dunkeln aushaucht. 

Stille!

Einfach umwerfend, die Musik und die Interpretation. Jetzt bitte ein da capo, um all das zu hören, was aufgrund der großen Klangfarben- und Fülle unterging oder zu schnell verflog.

Weinberg war Sohn eines jüdischen Musikers und studierte Klavier am Warschauer Konservatorium, floh 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen über Minsk und Taschkent, wo er seine Studien fortsetzte. Er verlor seine komplette Familie im KZ, richtig bewusst wurde ihm das allerdings erst 30 Jahre nach dem Krieg.  Schon 1943 nahm er Kontakt zu Schostakowitsch auf, der ihn nach Moskau einlud, wo er bis zu seinem Tod bleiben sollte. Die beiden standen in permanentem Austausch über die jeweilige Musik.

In der Oper „Die Passagierin“, die als sein Hauptwerk gilt, arbeitet Weinberg das Thema Auschwitz auf. Sie wurde vor ein paar Jahren – viel zu spät – als Weltpremiere bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt.

Weinberg hinterließ ein umfassendes Werk, das einen Bogen von Filmmusik zu Symphonien spannt und man kann schon sagen, von Bela Bartok und Schostakowitsch beeinflusst ist.

Das Noga Quartett gründete sich  2008: Simon Roturier, Lauriane Vernhes (Violine), Avishai Chameides (Viola) und Joan Bachs (Cello) gehören ihm an.  Die Musiker sind in verschiedenen großen Berliner Orchestern tätig. 2015 hat dieses ausgezeichnete Berliner Quartett übrigens die 7. Melbourne Chamber Music Competition gewonnen.

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Die polnische Pianistin Katarzyna Wasiak stammt aus einer Musikerfamilie und begann schon mit sieben Jahre ihre musikalische Ausbildung in Breslau. In Wien hat sie Musik und Darstellende Kunst studiert und setzte ihre Studium 2006 in Berlin fort (Hochschule für Musik Hans Eisler).  Sie scheint verwachsen mit ihrem Klavier zu sein und zeigt durch ihre Körpersprache eine große gleichberechtigte Auseinandersetzung mit jedem Anschlag oder Ton.

Eine Sternstunde am Berliner Konzerthimmel war dieser Abend! Bis Juli soll das Quintett noch weitere Male aufgeführt werden – und wir werden uns das nicht entgehen lassen; eine CD-Einspielung wird es auch geben.

Christa Blenk

Fotos: Am Schlachtensee (März 2018)

 

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