Golem

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Golem

Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet.

Der Golem lebt. Übermenschen, Comic-Figuren, Androiden und Roboter sind die Golems unserer Zeit. Kleine Souvenir-Golems aus Prag oder chinesische Grusel-Monster werfen riesige Schatten an die Wand und werden zu angsteinflößenden Riesen. Direkt daneben – aktueller geht es kaum noch – Donald Trumps Wahlkampagne-Baseball-Kappe „Make America great again“. Der kanadische CBC Journalist Neil Macdonald vergleicht hier Donald Trump mit dem Golem, der – ähnlich dem immer mehr Macht bekommenden Golem aus der jüdischen Legende – seinem Erschaffer (den Republikanern) entgleitet und sich selbständig macht. Hier geht es um den akuten Kontrollverlust über die Geister die man rief!

 

Jorge Gil Crisálidas - 2009, Mischtechnik, Kunstharz, Nylon, PlüschAnselm Kiefer P1000757
Jorge Gil, Anselm Kiefer und Eingang des Jüdischen Museums (Foto: Christa Blenk)

 

 

Für den Berliner Arzt Fritz Kahn war der Mensch vor allem eine leistungsfähige Maschine. Das zeigt seine Informationsgrafik Der Mensch als Industriepalast; hier geht er konform mit dem Freigeist und Bretonen Julien Offrey de la Mettrie, der im 17. Jahrhundert am Hof vom alten Fritz im toleranten Preußen sein Werk   L’homme Machine (1748 – Die Maschine Mensch), veröffentlichen durfte.

Die Schatten der modernen Golems an der Wand

Die Schatten der modernen Golems an der Wand

Im nächsten Raum liegt Joshua Abarbanels Golem-Figur wehrlos und verletzlich mit ausgebreiteten Armen und Beinen am Boden. Sie befindet sich in einer Art Übergangszustand und man kann nicht wissen, ob die Buchstabenfigur gerade das Leben verloren hat oder kurz vor dem Belebt werden steht. Abardanel hat die Skulptur aus Holzbuchstaben extra für die Ausstellung konstruiert.

Crisálidas ist eine Installation des spanischen Künstlers Jorge Gils. Der Besucher begleitet den Moment des Ausschlüpfens der im Netz hängenden gelben Plüschlarven. Die Raupe befreit sich von der hässlichen Larve, wie dies der Golem tat, nachdem der Rabbi ihm den Lebensodem einhauchte. Golem bedeutet im Hebräischen auch Puppe oder Larve.

Das Video Birth, Body und die Serie Earth, Landscape-body dwelling des Der US-Amerikaners Charles Simonds gehören für mich zu den Geschenken in der Ausstellung. Simonds Werk ist keinem Stil zuzuordnen, bei ihm geht es um persönliche Rituale und intime Mythologie. Bekannt wurde er vor allem mit seinen little people Miniaturlandschaften aus Ton und Sand in einem Niemandsland.

Auch Anselm Kiefer liebt die Alchemie und hat sich viel mit der Kabbala beschäftigt. Seine Hommage an den Golem im Kapitel Mythos Prag ist die Skulptur Rabi Löw: der Golem (1988-2012) aus verschiedenen Materialien. Kiefers Arbeit nimmt die Legende aus dem 16. Jahrhundert um den Rabbi Judah Lowe auf, der, inspiriert von okkulter Magie und Alchemie einen Lehm-Golem formte und zum Leben erweckte, um das jüdische Ghetto zu beschützen. Wie wir aber wissen, hat sich dieser Golem abgenabelt und Prag terrorisiert.

Die Angst der Wissenschaftler und Forscher einer Kommandoübernahme durch Maschinen hat im 20. Jahrhundert das Kino enorm beschäftigt. Denken wir an Stanley Kubrick, der schon 1968 in seinem philosophischen opus 2001 Space Odysse die Computer oder Übermaschinen dem Menschen bedrohlich gleichstellte oder an Dr. Strangelove der selber zur Maschine wurde. Gleiches gilt für die Blockbuster-Produktionen Terminator oder Blade Runner.

Die alchemistische Tischglocke war das Kuriositätenkabinett von Kaiser Rudolph II und wird hier mit einer 3D-Brille zum Rummelplatzerlebnis. Der Kaiser liebte schwarze Magie, umgab sich mit Gelehrten und Künstlern und hatte im 16. Jahrhundert auf dem Hradschin sogar ein eigenes Labor, das jeden Alchemisten beglückt hätte. Ob er allerdings auch einen Menschen erschaffen wollte ist nicht dokumentiert; mit Gold hat er es jedenfalls – vergeblich – versucht.

Der Regisseur Paul Wegener hat den grau-plump-quadratischen Golem nach dem 1915 erschienen Roman von Gustav Meyrink erschaffen. Das Buch wurde schnell zum Bestseller und hat unser Bild vom Golem geprägt. Die beunruhigenden Radierungen, mit denen Hugo Steiner-Prag Meyrinks Meisterwerk illustrierte, sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Den unruhigen Schlaf, der den Gemmenschneider Athanasius Pernath in diese fantastische Geschichte stürzte, haben die Besucher vielleicht nach dem Buch der Ausstellung.

Wie auch immer, der 1920 entstandene Film Der Golem zählt zu den Meisterwerken des expressionistischen Stummfilms und hat später andere Klassiker wie Frankenstein beeinflusst das grüne Hulk-Monster geschaffen oder so Ekelkreaturen wie die Simpsons „you gotta know when to Golem“ (2006) beschäftigt. Die 3-Kanal-Filminstallation AE/MAETH von Stefan Hurtig und Detlev Weitz muss man sitzend – am besten zweimal hintereinander – ansehen. Die beiden haben hier in einer acht Minuten Sequenz an die 60 Filme aus der Filmgeschichtet zitiert.

Aber der Golem kann außer Zerstörer und Gegner durchaus auch Beschützer und Gefährte sein. In diesem Raum wird die Verantwortung der Schöpfer hinterfragt. Wo hört die Rettung auf und wann fängt die Macht an? Eine zentrale Frage an Wissenschaft und Politik. Die Multimedia-Spiegel-Rauminstallation von Daniel Laufer Redux (2014) erforscht Plätze, an denen der Golem eine (Beschützer-)Rolle spielte. Die Nationalsozialisten gingen davon aus, dass der jüdische Friedhof in Berlin Weißensee von einem Golem beschützt wurde, was ihn vor der kompletten Zerstörung bewahrte und für viele Verfolgte zum Zufluchtsort wurde. Jede Generation schafft sich den Golem, den sie braucht! (so der Künstler)

Im letzten Saal kann der Besucher mit Hilfe einer Gesichtsmorphing-software dem Golem seine eigene Mimik aufzwingen. Verabschiedet wird man von Kristof Kinteras menschlicher Lichtskulptur My light ist your life.

Die Ausstellung Golem ist noch bis zum 29. Januar 2017 im Jüdischen Museum zu sehen. Sie ist mit 120 Exponaten keine Großausstellung, aber sie ist ausführlich, umfangreich, sehr gut aufgebaut, spannend und unbedingt sehenswert!

Auch auf KULTURA EXTRA

Christa Blenk

 Cesar Borja
Cesar Borja  (entstanden nach der Lektüre von Der Golem

 

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Jüdischer Friedrich Weissensee

Büro für postidentisches Leben

postidentischesleben
das Ensemble nach der Vorstellung

 

Büro für Postidentisches Leben – EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT.

Welcome to the office for postidentical living

 Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

 Das Büro für postidentisches Leben hat die Antworten und Lösungen.

Im think tank dieses Gemeinschaftsbüros mit billigen Tischlampen, Plastikpflanzen und Sofas (für die spanische Siesta) das keine Öffnungszeiten kennt, werden Probleme analysiert und Lösungen gefunden. Alle Mitarbeiter haben graue, fast identische Haare und die Frauen tauschen ab und zu ihre Kleider aus. Warum aber die Anrufer selbst bei rund-um-die-Uhr-Öffnungszeiten immer beim Cyber-Anrufbeantworter landen liegt daran, dass die Mitarbeiter eben gerade etwas anderes (nicht etwas besseres) zu tun haben, wie z.B. die Notensprache Solresol-Sprache zu erfinden oder zu philosophieren – und das können sie am allerbesten. „Ihr Anruf ist wichtig für uns, doch sind alle Linien weiterhin busy, bleiben Sie bitte in der Leitung. Drücken Sie die Taste 1 wenn Sie mit Jemanden sprechen möchten, wenn nicht, drücken Sie ebenfalls die Taste 1, Sie können aber auch die Taste 3 oder 4 drücken, 5 geht auch, aber auf keinen Fall die 8, denn dort hebt nie jemand ab und wenn Sie Fragen haben sagen sie einfach „help“. „Sie könnten aber auch auflegen“.“Greek is no longer available! Wählen Sie eine andere Sprache aus“.

 Brillant die Solresol-Schimpf-Arie und hinreißend der deutsch-spanische Ping-Pong-Dialog, bei dem eine aufmüpfige Mitarbeiterin, die nicht mehr post sondern avant la lettre sein will, in ihre Schranken gebracht werden soll, die beiden aber nur aneinander vorbeireden. Und nur im Fotoautomaten-Beichtstuhl darf man sich outen und mitteilen, dass man sich ganz nah am Burn-out bewegt.

 Geistreich der philosophische Monolog eines Mitarbeiters (außer Petra hat niemand einen Namen, denn Namen sind in den post-identischen Zeiten nicht mehr wichtig)  über seine Person. „Ich bin nicht jemand, der gleich verurteilt“ und „ich suche nicht immer nach einer Ausreise“, „Ich weiß also wer ich nicht bin, d.h. ich bin all das, was übrigbleibt“.

 Aber vor allem geht es um die Freiheit. Dafür würde die aufmüpfige Mitarbeiterin, die nebenbei auch die Regierungen abschaffen will und sehr gut Gitarre spielen kann, einfach alles geben, ja sie würde sich dafür sogar in ein kleines (allerdings nicht sehr kleines) Zimmer einsperren lassen. 

 Freiheit ist also das ersehnte Ziel und hier kommt die völkerverbindend-europäische Musik von Beethoven ins Spiel. Kompositionen der Spanierin Raquel Garcia Tomás werden immer wieder von Beethovens Neunter sowie seiner letzten Klaviersonate op 111 unterbrochen und als wunderbare Chor-Einlage der ausgezeichneten Darsteller gibt es noch das Freiheitslied schlechthin aus Fidelio „O welche Lust, in freier Luft“.

Spielerisch-philosophisch-politisch und soviel intelligenter Klamauk aufs Perfekteste dargeboten. Dazu Slapstick auf hohem Niveau. „Gibt es es spanisches Wort für Perfektion“? „Oder ein deutschen für Flexibilität“? „Ob dieser Marienkäfer ein Asiate ist“? Während das Sofa von einer Seite auf die andere kippt und der Büroleiter versucht, das Gleichgewicht herzustellen.

 Im Aufwasch der Abschaffung, wird dann auch gleich noch die Post (Post)-Welt abgeschafft. Wussten Sie, wie viele Post-irgendwas–Begriffe es gibt?  

 Aber wie vorherzusehen: Das Projekt inklusive das Hoch auf die Toleranz scheint zu scheitern, als Petra beschließt, sich nun wieder zu Siezen und versuchen will, mit ihr alt zu werden. Ein Selfie-Gruppenfoto wird gemacht. Man ist wieder identisch, wenn man mit den anderen nicht mehr identisch ist! Widersprüche und Gemeinplätze geben sich die Hand, vermischen sich hemmungslos und es passt alles perfekt! Die Dadaisten (oder heißt es Data-isten?) wären seinerzeit sehr erfreut über diese sich über jede Logik hinwegsetzende und erfrischend-komische Aufführung gewesen.

 Wie identisch oder post-un-identisch macht zum Schluss keinen Unterschied. Es ist einfach eine unglaublich gute und makellose Aufführung, die u.a. auch für identische Lachgymnastik sorgt.

 Dieses deutsch-spanisch-englisch gesprochene Bühnenwerk sollte eigentlich Pflicht werden für Alle, die dem Wahn der Selbstfindung, Selbstoptimierung, Selbstdarstellung unterworfen sind und nicht mehr unterscheiden können zwischen dem reellen und virtuellen Leben und heimlich Angst haben, dem von ihnen erstellten eigenen FB-Niveau nicht gerecht werden zu können.  

 Matthias Rebstock hat das Stück konzipiert und inszeniert; der Test stammt von Tilman Rammstedt und Marc Rosisch. Schauspielerisch, musikalisch und choreografisch-sportlich ausgezeichnet das nicht-identifizierte Ensemble, bestehend aus Florian Bergmann, Panagiotis Iliopoulos, David Luque, Lucia Martínez, Bärbel Schwarz, Mariel Supka und Marta Valero. Das Stück wurde bereits im Sommer 2016 beim bekannten und renommierten Festival GREC 2016 in Barcelona aufgeführt.

 Bis zum 16. Oktober ist es noch zu sehen und nicht zu verpassen!

auch auf KULTURA EXTRA

 Christa Blenk

 

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Der Rhein – eine europäische Flussbiografie

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 Der Rhein in Bonn (nicht in der Ausstellung)

 

Der Rhein – Eine europäische Flussbiografie

Der Rhein entspringt im Schweizer Kanton Graubünden und ist 1235 km lang, davon sind knapp 900 km für die Großschifffahrt nutzbar, was ihn zu einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt macht bis er mächtig und stolz in Rotterdam in der Nordsee verschwindet. Der Rhein ist aber längst nicht der längste Fluss Europas. Die Donau zum Beispiel fließt knappe 3000 km durch Europa.

In der Ausstellung herrscht die Farbe Blau vor; dabei wird blau ja eher mit der langen Donau, siehe Donauwalzer, in Verbindung gebracht. Die letzten Jahrzehnte hat er sich von einer gift-gelblichen Kloake in den 70er Jahren wieder auf grün-graues Trinkwasserniveau hochgearbeitet. Hieran erinnert ein Werk von Joseph Beuys aus 1981 Rhein Water Polluted aus dem Kölner Stadtmuseum. Eine durchsichtige Flasche mit braun-gelblicher Flüssigkeit, ähnlich den heute so begehrten power drinks.

Aber außer einem Foto von Andreas Gursky (Der Rhein I) das gleich als Ouvertüre neben Moriz von Schwinds Vater Rhein Schinken aus 1848 hängt und einem Monumentalgemälde von Anselm Kiefer Vater, Heiliger Geist und Sohn, welches unter der Kategorie Europa am Rhein auftritt und aus einer Privatsammlung kommt sowie eine kurze Erinnerung an den 1. Weltkrieg in Form eines Fotos von Willy Römer (Französische Soldaten am Deutschen Eck in Koblenz, 1918/19) das an Caspar David Friedrichs Einsamkeit erinnert, stehen doch die drei Soldaten am Deutschen Eck mit dem Rücken zu uns und blicken auf den stolzen Rhein, ist das 20. Jahrhundert eher vernachlässigt in dieser Rheinbiografie.

Viel Schönes und Edles gibt es zu sehen und Victor Hugos Briefzitate begleiten die Ausstellung, Heinrich Heine kommt natürlich zu Wort aber ansonsten hängen einige mittelmäßige Landschaften und Portraits zwischen den Inselvitrinen, gefüllt mit Preziosen und Skulpturen aus allen Zeiten wie edle Manuskripte oder die Aeneide von Heinrich von Veldecke und allerlei Religiöses. Nicht umsonst hat Maximilian Maximilian I den Rhein als Pfaffengasse bezeichnet. Die Besucher schlängeln sich zwischen Flussgöttern und Allegorien vom Rheinfall von Schaffhausen durch das Siebengebirge vorbei an echten Golddukaten aus dem Rheinschatz und natürlich den Nibelungen. Marianne und Germania, Industrie, Achse der Kirche sind weitere Kategorien, in die diese Ausstellung unterteilt ist.

Wo bleibt die Reise ins Meer von Hannsjörg Voth (hier fuhr eine 20 Meter lange gefesselte Mumie auf einem Floß von Speyer bis in die Nordsee und stürzt sich dort brennend ins Meer. Die Fotografin Ingrid Amslinger hat tagelang die Reise auf dem Land begleitet und alles fotografisch dokumentiert?) und wo bleiben die rheinischen Dichter und Schriftsteller der Nachkriegsjahre wie Heinrich Böll? Da tröstet dann die Rheinische, die musikalisch begleitet, auch nicht mehr.

Die Kuratorin und Kulturhistorikerin Marie-Louise Gräfin von Plessen hat über 300 Exponate für die Ausstellung nach Bonn geholt und es ist nicht das erste Mal, dass sie sich einem Fluss widmet. In den 90er Jahren hat sie schon einmal eine Flußbiografie über die Elbe für die Deichtorhallen in Hamburg organisiert.

Die Ausstellung ist sehenswert aber nicht umwerfend und geht noch bis zum 22. Januar 2016.

Christa Blenk

arpund blick vom Museum auf den Rhein
Blick vom Arp Museum auf dem Rhein

 

 

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H-Moll-Messe von Bach

bach hmoll
nach der Aufführung

 

Eine eher schwache und enttäuschende Aufführung dieser grandiosen und vielseitigen Missa solemnis am 18. September abends im Berliner Konzerthaus.

Irgendwie war nichts perfekt und man hatte den Eindruck, dass Solisten, Sänger und Chor nicht aufeinander eingingen und gegeneinander arbeiteten. Die unheimlich schönen Arien kamen oft wackelig und unsicher rüber. Aber vielleicht lag es ja auch daran, dass wir diese Messe einfach schon so oft gehört haben.

Viel Applaus bekamen sie trotzdem!

Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten geistlichen Kompositionen und gilt als sein letztes großes Vokalwerk. Ihr liegt das vollständige Ordinarium des lateinischen Messetextes zugrunde. 18 Chorsätze und 9 Arien; Bach komponierte den ersten Teil 1733 und vervollständigte sie gegen Ende seines Lebens mit Fragmenten aus anderen Werken wie Kantaten.  Behindert durch eine Augenkrankheit und Problemen mit seinem rechten Arm, komponierte er die letzten Jahre immer weniger.

Das Manuskript gehört zum UNESCO Weltdokumentenarbe.

Chor und Orchester der Berliner Bach Akademie
Heribert Breuer, Dirigent und Gründer der Berliner Bach Akademie
Anna Nesyba – Sopran;  Britta Schwarz  Alt;  Stephan Rügamer Tenor;  Klaus Häger Bass
Christa Blenk
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KAP HOORN

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KAP HOORN

Jahrmarkt der Wünsche, Träume und Illusionen

Der Seefahrer Bartolomeu Diaz suchte 1477 einem Seeweg nach Asien und kam an diesen südlichsten Punkt von Afrika, wo zwei Ozeane zusammentreffen. Das stürmische Meer, häufiger Nebel und aus dem Wasser ragende Felsen machen diese Passage um das Kap der guten Hoffnung (Kap Hoorn) zu einem Abendteuer und haben so manches Schiff auf den Meeresboden verfrachtet.

Das Publikum muss hier zwar nicht um das Kap Horn fahren, aber ganz so leicht wird es ihm auch nicht gemacht, einen Platz einzunehmen. Jeder wird einzeln eingelassen und muss sich im Dunkeln durch ein Labyrinth schlängeln und sich einen Platz suchen. Und obwohl auf der Eintrittskarte keine Nummer vermerkt ist, tragen die Stühle solche. Das Wählen des Platzes gehört also schon zum Stück und bestimmt unser Glück bzw. Schicksal. Vom Platz aus wird der transparente Irrgarten zur Filmleinwand und hier reitet u.a. Aschenputtel, die mit den drei Haselnüssen, die jedes Jahr pünktlich zu Weihnachten Kinder und Erwachsene verzückt, vor uns auf dem Weg in ihr Glück.

Napoleon hilft seiner Frau Josephine in den Zug und lässt sich auf der Fahrt vom Publikum bejubeln. Er ist der Zeremonienmeister und sie die Zirkusmanagerin. „Wer wollte immer schon stinkreich sein“,“Wer wollte gerne eine Ballerina werden? Oder Astronaut? Die Zuschauer sind da eher zurückhaltend, nur zwei träumten davon stinkreich zu sein, drei wollten eine Ballerina werden und einer Astronaut. Die anderen lügen, meint Josephine!

Dann gibt es noch das sprechende Pferd Antoine, das eigentlich aus Plastik und wie eine Kuh bemalt ist und viele originelle Ideen, Pop, Kitsch und schräge Auftritte, wie der vom Fantastischen Akkordeonorchester oder Outer Space. Der englisch-sprechende Napoleon ist auch für die Lotterie zuständig und die sorgt dafür, dass nach jeder Musikeinlage 2-3 Zuschauer in das Überraschungszimmer geschickt werden (was dort geschieht wird nicht verraten, denn sonst ist es ja keine Überraschung mehr). Nach ein paar Minuten kommen die meisten dann schmunzelnd wieder zurück.

Auf einem Rummelplatz passieren viele Dinge gleichzeitig, es wird immer lauter und greller und an jeder Ecke versucht jemand unsere Aufmerksamkeit auch sich zu ziehen. Eine Akkordeonakrobatin spielt mit den Zehen, Napoleon arbeitet am Boden wohl neue Angriffsstrategien aus, ein TEchniker versucht wohl erfolglos ständig etwas zu reparieren, Josephine bekommt nach dem Tod des sprechenden Pferdes Antoine kurz einen Pferdekopf verpasst und versucht sich zu der Saxophon spielenden Ballerina ebenfalls als solche, was aber kläglich endet. Dafür kann sie aber zaubern und vor allem singen. Mit rauchiger Stimme singt sie im fahrenden und von Napoleon angeschobenen Zug das Seemannslied La Paloma mindestens so gut wie das Hans Albers getan hat. „Cap Horn liegt auf Lee, jetzt heißt es auf Gott vertrau’n“. Später folgt dann die Hälfte der Zuschauer dem Posaunisten ins Labyrinth, während sich die anderen in den Zug setzen.

Zum Schluss wird es etwas ruhiger und die Solisten des Ensemble LUX:NM interpretieren gemeinsam zeitgenössische Musik bis die gefühlte Achterbahn zum Stehen kommt. „Auf, Matrosen, ohe! Einmal muß es vorbei sein. Einmal holt uns die See Und das Meer gibt keinen von uns zurück. ..Dann winkt mir der Großen Freiheit Glück.“

Sinn darf man keinen darin suchen, alles ist Traum und Schein.

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LUX:NM mit KOIKATE nach der Vorstellung

Diese Szenenische Konzert-Installation hat KOIKATE (ausgezeichnet Lea Waloschke und Sebastian K. König) zur Musik von Gordon Kampe arrangiert. Beeindruckend die Interpreten Florian Juncker (Posaune), Silke Lange (Akkordeon), Ruth Velten (Saxophon), Malgorzata Walentynowicz (Klavier), Wolfgang Zamstil (Cello) des Ensemble LUX: NM.

Kap HOORN ist noch am 22., 23. und 24. September im TD zu erleben.

Christa Blenk

 

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Berliner Liste 2016 im Kraftwerk Berlin

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Zeitgenössische Kunstmesse Berlin vom 15 bis 18. September 2016

Auf der 13. Berliner Liste präsentieren dieses Jahr 112 Aussteller aus 25 Nationen auf ca. 8000 qm ihre aktuellsten Arbeiten. 50% der Galeristen kommen aus Deutschland, die andere Hälfte aus Australien, Japan, Südafrika, Dänemark etc.

Kraftwerk ist ein ehemaliges Heizkraftwerk in Mitte Berlin, in der Köpenicker Strasse, das ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mauer gebaut wurde um Berlins Mitte mit Wärme zu versorgen. Später stand das Gebäude lange Zeit leer,bis es für die Kunst entdeckt wurde.

 

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Nach dem Besuch der Messe Messe, bleibt dann aber doch der Eindruck zurück, dass der Ort das Interessanteste an der Schau ist.

Erwähnenswert waren die Stereoskopischen Landschaften von Robert Laatz, Fotomontagen von Peter Kagerer oder Kang MU-Xiang Path of Life Installationen. Ansonsten viel déjà vu und viele hommagen an den Kitsch!.

 

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Fotos: Christa Blenk

 

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Theaterscoutings Berlin

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In Berlin gibt es unzählige freie Theater und Spielorte (was früher etwa ein off-off Theater war). Ein unübersichtliches und geniales Theaterchaos, das neu Hierhergezogene erst einmal aufnehmen und verstehen müssen. Hier hilft Theaterscoutings. Von Theaterleuten organisierte Touren zu Theater hot spots und Spielstätten im Zentrum Berlins. Gestern Nachmittag fand so eine Tour statt.

Die Theaterregisseurin und Künsterlische Leiterin der Spreeagenten Berlin, Susanne Chrudina, führt unsere kleine Gruppe zu drei freien Berliner Theatern in Kreuzberg/Mitte und spricht über Theaterangelegenheiten, Bedürfnisse, Freuden und Sorgen der Freien Theater, Künstler und Regisseure überhaupt:

Auf dem Programm steht ein Besuch des TAK Theater im Aufbau Haus; des Theaterhaus Berlin Mitte und des Theaterdiscounters in der Klosterstraße. Treffpunkt ist vor dem Modulor in der Prinzenstr. 85, ein wichtiger Ort für alle Regisseure und Bühnenbildner, wie uns Susanne Chrudina versicherte.

Erste Station das TAK im Aufbauhaus, gleich um die Ecke. Wir werden von der Direktorin Nicole Otte begrüßt, die uns in den abgedunkelten Theatersaal führt und mit den Worten « Theaterleute mögen ja kein Tageslicht » die schwarzen licht-undurchlässigen Vorhänge zurückzieht. Das TAK ist ein Ort der Begegnung, offen für Initiativen, für neue Projekte, für Ideen und Visionen. Der Zuschauerraum fasst an die 110 Personen und die Bandbreite geht von Lesungen über Theater, Tanz und Konzertevents bis zur Vermietung des Theaters für Konferenzen oder andere Veranstaltungen. Brisantes und großes Thema ist Migration und Interkulturalität mit geografischem Schwerpunkt auf den Nahen Osten. Sie erzählt über das Theater, die Finanzierungsprobleme und die Freude, zu den Unabhängigen zu gehören.

 

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Wir ziehen über eine Art Niemandsland und bei großer Hitze weiter zum Theaterhaus Berlin Mitte. Ein Produktionszentrum für Freies Theater. Der Probenort und die Plattform für Schauspieler und Gruppen schlechthin sagt uns Susanne Chrudina auf dem Weg dort hin. Hier gibt es 23 bezahlbare und vielseitige Probenräume. Schon für drei Euro/Stunde kann man hier einen Raum mieten und bei offenen Proben Meinungen und Kritiken einsammeln. Über 2000 Künstler und ca. 300 verschiedene Theaterprojekte entstehen dort oder werden dort premierenreif geprobt. Susanne Chrudina bringt uns direkt in das kleine Café und es begrüßt uns der Direktor Christoff Bleidt, der über die Geschichte des Hauses und über die gegenwärtige Situation erzählt. 1992 vom Bezirksamt Berlin Mitte als Theaterprobenraum gegründet, damals noch in der Rosenthaler Straße, musste das Theater einige Male umziehen. Zuerst in ein Elektrowerk später in eine ehemalige Grundschule am Koppelplatz. Seit 2009 sind sie jetzt hoffentlich für länger in dieser ehemaligen DDR Schule an der Wallstraße untergebracht. Hier dürfen wir kurz bei zwei Proben anwesend sein. Barbara Stevenson gibt uns einen Vorgeschmack ihrer 20-Minuten- one-womon-show „Happiness“ das sie auf eine Stunde ausbauen will, wie sie später sagt. Anschließend machen wir noch einen kurzen Abstecher in einen anderen Raum zu den Proben von DIE TAUBE ZEITMASCHINE, eine Deaf-History, gespielt von Gehörlosen und Hörenden für Gehörlose und Hörende, in Gebärdensprache, Lautsprachbegleitenden Gebärden und Lautsprache. Das Stück kommt am 13. September in Hamburg zur Aufführung. Hier herrscht Anspannung und höchste Konzentration und wahrscheinlich stören wir.

Die letzte Station an diesem Samstag Nachmittag ist der Theaterdiscounter. Auch hier empfängt uns der Leiter der Einrichtung, Georg Scharegg. Im TD werden eigene Stücke produziert, er ist aber auch offen für andere Produktionen, deutsche und internationale, klassische und zeitgenössische oder Performances. Gegründet 2003 in der Oranienburger Straße, hat der TD seit 2009 seinen Sitz jetzt in den Räumen des ehemaligen Fernmeldeamtes, ganz in der Näher vom Alexanderplatz. Wir gehen in den vierten Stock, vorbei an Werkstätten und Bühnenbildnern, denn dort läuft gerade die Probe für die nächste Premiere am 16. September von KAP HOORN, eine szenische Konzertinstallation von KOIKATE. Das sah sehr vielversprechend und spannend aus. Aber leider ist uns an diesem Nachmittag die Zeit davon gelaufen und wir müssen auf die Probenteilnahme verzichten. Ein Grund mehr, bei der Premiere am 16.9. oder einer der darauf folgenden Veranstaltungen (17. 22., 23. und 24. September – jeweils um 20.00 Uhr) dabei zu sein.

 

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KAP HOORN – Premiere am 16.9.

Diese Theatertouren sind eine win-win situation. Die Teilnehmer lernen das Theaterleben hinter den Kulissen kennen und werden hoffentlich zukünftige Zuschauer und Besucher in den freien Theatern von Berlin und überall!

Wir wissen jetzt auf jeden Fall, was wir nächstes Wochenende machen werden!

Christa Blenk

 

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Film: El Olivo

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 Olivenhain in Südeuropa (Foto: cmb)

Iciar Bollain hat in ihrem Film alle deutsch-spanischen Gemeinplätze abgedeckt, die Macht der großen Konzerne angesprochen, die Umweltpolitik, die spanische Wirtschaftskrise, die sozialen Medien ins  Boot geholt, viel mit unseren Emotionen gespielt und daraus einen zauberhaften road movie gedreht.

Alma arbeitet auf einer Geflügelfarm und sortiert emotionslos jeden Tag die totgetretenen Hühner aus. Eine enge Bindung hat sie eigentlich nur zu ihrem Großvater, um den sie sich Sorgen macht. Vor Jahren wurde « ihr » 2000 Jahre alte Olivenbaum  – der noch durch die Römer gepflanzt worden war -  durch seine Söhne an einen großen Konzern in Düsseldorf (um das Schmiergeld an den Bürgermeister zu bezahlen, damit dieser einen Platz am Strand für das geplante Restaurant genehmigt) verkauft, ausgehoben und abtransportiert. Sie beschließt, den Baum zurückzuholen um ihren Großvater zu retten und macht sich mit Onkel und Freund  und « ausgeborgtem » LKW auf den Weg in dieses Abendteuer an den Rhein. Auf dem Weg dorthin stehlen sie eine Freiheitsstatue, um sie im Land der Gartenzwerge zu verkaufen. Unterstützt werden sie in ihrem Vorhaben durch eine Facebookgruppe.Die Aussichten stehen allerdings nicht gut.

Witzige Dialoge und komisch-traurige Situationen wechseln sich ab. Der Film ist zum Lachen und zum Weinen und zum Nachdenken über das, was jeden Tag sowieso passiert.

Anna Castillo ist eine wunderbare Alma, Pep Ambrós ist der stille, mutige und in sie verliebte Arbeitskollege und Freund Rafa und Javier Gutiérrez ist der permanent von der Menschheit enttäuschte Onkel Alca.

Mit « El Sur » hat die 1967 in Madrid geborene Spanierin Icíar Bollaín 1983 ihr Schauspieldebüt egeben. Im Jahre 1995 hat sie ihren ersten Film « Hola, estás Sola » gedreht.

Christa Blenk

 

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Rihms Tutuguri eröffnet das Berliner Musikfest

 

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Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947)

Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klingt gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröffnete in der Philharmonie am 3.9. mit einer konzertanten Aufführung von Wolfgang Rihms Poème dansé nach dem Gedicht „Tutuguri“ von Antonin Artaud das Musikfest Berlin. Am Pult Daniel Harding. Rihm hat Tutuguri für großes Orchester, Schlagzeuger, Chor vom Tonband und Sprecher von 1980-1982 als Auftragswerk der Deutschen Oper Berlin komponiert, da war er gerade mal 30 Jahre alt.

Der Sprecher Graham Forbes Valentine bringt sich mit einem schreienden Hustenanfall ins Spiel, kurz nachdem die Ansage darum bat, doch das Handy auszuschalten und wenn möglich auf Husten zu verzichten. Er trägt Artauds Poème Tutuguri: Der Ritus der schwarzen Sonne in französischer Sprache vor. Forbes kommt aus der Marthaler-Schule und ist kein Franzose, das hört man, aber beunruhigender und gruseliger als er hätte es wohl nicht sein können. Er hat sich in die Person der schizophrenen Antonin Artaud versetzt, und das ziemlich heftig. Seine Todesschreie und -Gesten im IV Bild gehen durch Mark und Bein.

Von der Piccoloflöte zum Holzhammer

Obsessiv, ekstatisch, insistent und wuchtig-grandios mit permanente Rhythmuswechseln die Musik. Die ersten drei Bilder „Anrufung …. Das schwarze Loch“;  „schwarze und rote Tänze … das Pferd …“;…“der Peyotl-Tanz … die letzte Sonne … der schreiende Mann“….; dauern ca. 90 Minuten; der Perkussionsmarathon aus dem Bild IV „Kreuze .. das Hufeisen … die sechs Männer … der Siebte …“ ca. 30 Minuten. Anders geht es nicht, da für Bild IV nur noch ca 12 Schlagzeuger gefordert sind, die sich schon im Verlauf des Stückes immer mehr mit Metallplatten, Pauken, Trommeln, Becken, Woodblocks etc in den Mittelpunkt hauen.

 

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Harding rückt nach der Pause näher an sie heran. Es beginnt mit einem sehr schwachen Herzschlag, der in spanische Armeetrommeln übergeht und das gewaltsame Eindringen mit Kriegsgeschrei der iberischen Eroberer in die indianisch-mexikanische grausam-blutrünstige aber auf ihre Art heile Welt vorträgt, die mit Pauken und Trompeten zum Untergang verurteilt war. Vier große TamTams im Zuschauerraum verstärken den Donner, der die Zuhörer knapp an das akustisch Erträgliche bringt und die Instrumentalisten sowie den Dirigenten sicher an ihre physischen. Bild IV ist eine Art Perkussions-Marathon von einem knappen Dutzend Schlagzeugern im Raum verteilt aufgeführt, der ekstasenhaft immer schneller und lauter wird.

Vor drei Jahren wurde Wolfgang Rihms archaisches Werk Tutuguri in München aufgeführt und damals beschloss die Truppe, damit auf Tournee zu gehen. Es ist geprägt von wilder Kraft und ungezähmter psychedelischer Farben und Töne die neue, unbekannte Gefühle evozieren. Es ist eine zerrissene Klang-Gebirgslandschaft, gespickt mit unergründlichen Geheimnissen und tiefen Schluchten, Wege die ins Nichts führen oder in den Himmel, aber immer zuerst durch die Hölle. Begleitet ab dem zweiten Bild von einem mystischen aber kontrollierten Chor, eine Hommage an Orff. Rihm stützt sich hier auf einen Zauberspruch, der aus dem Hörspiel von Artaud stammt. Ansonsten schreit diese rituelle, gewaltige Musik geradezu nach Tänzern, ähnlich Strawinskys Frühlingsopfer.

Mexiko und der Kolonialismus bewegten schon in den 30er Jahren den französischen Surrealisten und Theateravantgardisten Artaud; 1936 reiste er schließlich nach Mexiko und lebte eine Zeit lang bei den Tarahumara Indianern. Später suchte er in Irland die keltischen Druiden auf. Wieder zurück in Frankreich wurde er 1937 mit einer Schizophrenie-Diagnose in eine geschlossene Anstalt eingewiesen und bekam das volle Programm von Elektroschocks bis Quecksilber bis ihn Freunde Jahre später herausholen konnten. Um eine Schmerzen zu besiegen, nahm er jahrelang Drogen, auch harte. 1948 fand man ihn sitzend mit einem Schuh in der Hand tot im Bett.

Das begeisterte und enthusiastische Publikum holte den persönlich anwesenden Rihm ebenso oft auf die Bühne wie Harding und die außergewöhnlichen Bayern. Großartiger Festivalbeginn!

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Rihm und die Schlagzeuger

Christa Blenk

 

 

 

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Musikfest Berlin: Isabelle Faust: Nono

kammermusiksaal mit Notenständern
Kammermusiksaal mit Notenständern

Der Weg ist das Ziel

Luigi Nono – La lontananza nostalgica utopica futura für Solovioline und Tonbänder
André Richard (Klangregie);  Isabelle Faust (Violine)

„Caminante, son tus huellas el camino, y nada más”! Diesen Satz entdeckte Luigi Nono auf einer Mauer in Toledo. Damals wusste er wohl noch nicht, dass er von Antonio Machado stammt. Auf jeden Fall hat er ihn zu seinem Werk „La lontananza nostalgica utopica futura“ inspiriert.

Gestern Abend hat Isabelle Faust sich ihren Weg durch die Gänge und über Treppen von einem Block zum anderen der kleinen Philharmonie gesucht. Tastend, leise, manchmal unsicher, erreicht sie einen der neun im Saal verteilten Notenständer, stellt fest, dass es doch noch nicht der richtige ist, sucht weiter bis ihr das Ziel zusagt. Während dieser stillen Ermittlung der Station hört das Publikum Töne aus der Konserve. Diese sind das Ergebnis der Verschmelzung einer mehrtägigen Geigen-Improvisation von Gideon Kremer mit Nonos Klangexperimenten, Worten, Baulärm, Alltagsgeräuschen, Lachen, Zoogeräuschen, Schritten oder sogar kleineren Unterhaltungen. Eine konzeptionelle Komposition, die Nono 1988 im Freiburger Experimentalstudio des SWR auf acht Tonbandspuren aufgezeichnet hatte. Nono lebte in dieser Zeit fast ausschließlich in Berlin.

Im Mittelpunkt steht eine Raum-, Lärm- oder publikumsbedingte Präsentation und die Freiheit der Violinistin. Weder bewegliche Einschränkungen noch Tempi. Einzig das mühevolle Suchen nach dem Ziel ist vorgegeben. Der zweite Protagonist ist die Elektronik, d.h. der Bediener der Tonbandspuren; gestern Abend war das der Dirigent und Komponist André Richard. Hier braucht es einen Könner wie ihn, der das Mischpult bedient, denn er muss seine Arbeit dem Spiel der Geigerin anpassen und reaktiv tätig werden. Das heißt, er muss mit sehr viel Autonomie fertig werden und das Ergebnis ist meist oder immer unvorhersehbar. Nono musste davon ausgehen, gute, einfühlsame und reaktive Partner zu haben. Gestern Abend ist das hervorragend gelungen. Faust und Richard werden zu einer undurchdringlichen Symbiose, die viel Spannung erzeugt. Teilweise vergisst man als Zuhörer, wo die Töne gerade herkommen. Faust, auf flachen leisen Ballerinas, zelebriert ihren stillen Weg und Richard leitet sie, wie ein unsichtbares GPS, ein poetischer aber beunruhigender Dialog ohne Worte. Nach dem letzten Geigenton hält sie ihren Bogen noch solange in erhoben, bis sie hinter dem Eingang fast schwebend verschwindet, während die Bänder noch laufen. Dann fallen auch diese in totale und ewige Stille! Sogar das Publikum hält die Luft an.

 

faust und richard
Richard und Faust nach der Vorstellung

Einen geeigneteren Aufführungsort als den Kammermusiksaal der Philharmonie kann man wohl schwerlich finden.

Luigi Nono (1924-1990) hinterließ ein reiches Erbe an Werken, das die Siemens Musikstiftung zusammen mit seiner Frau Nuria Schönberg gerade dieses Jahr digitalisierte. Seine provokante Musik sollte für das Volk sein, das er aber vor große Herausforderungen stellte. Er war ein Grenzgänger ohne Berührungsängste. Sein Vater war Ingenieur, sein Großvater Maler und ein Onkel war Bildhauer. Farbe – Raum – Technik, er hat alles mitbekommen. Nono hat einmal gesagt, die Farbe des Wassers und der Steine in den Venezianischen Kanälen zwar nicht zu sehen, dafür aber hören zu können.

Gemeinsam mit Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio gehört er zu den bedeutenden Vertretern der Nachkriegs-Avantgarde. Nono war regelmäßiger Teilnehmer an den Kranichsteiner/Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und seine Werke sind politisch oder klassenkämpferisch und prangern Intoleranz und Gewalt sowie soziale Ungerechtigkeiten an.

Großartiger Einstieg in das Berliner Musikfest, das noch bis zum 20. September andauert.

Christa Blenk

 

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Young Euro Classic Festival – Ensemble Olivinn und Nils Landgren

Konzerthaus Berlin

 

Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat.

Mit viel Charme und fabelhaften Arrangements nehmen sie das Publikum auf eine anregende und spannende Reise von Anatolien bis an die finnische Grenze mit. Hier vermischen sich anatolische Liebeslieder mit schwedischen nostalgischen Wintersongs, denen das Licht fehlt, Klassik und zeitgenössische Musik.

Der aus Ostanatolien stammenden Multiinstrumentalisten Özgür Ersoy, die Sopranistin aus Istanbul Begüm Tüzemen mit ihrer unglaublichen und belastbar-variablen Stimme und ausgezeichnete Instrumentalisten wie Susanna Risberg, Lisa Wulff, Axel Meier oder Robert Ikiz bilden dieses Ensemble. Klassik, Jazz und Volksmusik tun sich hier zu einem crossover zusammen, bei dem die Grenzen nicht immer gleich zu erkennen sind, aber dann hört man hört Franz Lehars Leiermann oder Schuberttöne heraus. Sinem Altan hat schon viele Preise gewonnen. Von ihr selber präsentiert sie uns ihr erstes Klaviertrio, das sie als 13-jährige komponierte. „Bosporus Brahms“ nennt Altan ihr witziges und unterhaltsames Arrangement von Brahms‘ Ungarischem Tanz Nr. 5.  Zum Schluss verabschiedet sich  Begüm Tüzemen mit rhythmischen Farben und mit Summertime.

Vielfältig und ohne Berührungsängste dieses Ensemble, dessen Name man sich merken sollte! Das Publikum war begeistert.

Der Musikproduzent Siggi Loch stand als Pate für diesen Abend.

Das Festival Young Euro Classic findet noch bis zum 3. September 2016 in Berlin statt.

Christa Blenk

 

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Ausstellung: Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopie

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Josef Beuys Installation

 

Die Fußfessel und ein altbabylonischer Kaufvertrag einer Sklavin, eine Karettschildkröte, Andy Warhol, Pasolini, Bob Dylan, Martin Luther oder Goldman Sax? Was diese Konzepte oder Künstler verbindet, kann man zur Zeit in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin erleben.

„Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter. Wenn aber ein Blinder den anderen leitet, so fallen sie beide in die Grube“. (biblisches Gleichnis)

Das Kapital Raum 1970-1977 ist ein Schlüsselwerk von Josef Beuys. Er hat es 1980 für die Biennale von Venedig geschaffen. Der Sammler Erich Marx hat es 2014 erworben.

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopie hat diese Beuys-Installation als Ausgangs- und Mittelpunkt für dieses kuriose, Jahrhunderte übergreifende Sammelsurium erkoren und stellt den Besucher manchmal vor große Rätsel.

Kunst = Kapital

Joseph Beuys hat in den 70er Jahren den Begriff Kapital neu definiert. Er hatte den Anspruch, den Begriff Kapital wegzubringen von Finanztransaktionen und von allem was mit Geld zusammen hängt.

 

the blind leading the blind Buggenhout
Peter Buggenhout – The blind leading the blind

Die Finanzkrise von 2007 haben ihrerseits die Kuratoren Eugen Blume und Catherine Nichols als Anhaltspunkt definiert, um dieses Ansinnen von Joseph Beuys zu erweitern und zu untersuchen. Kunst, Poesie und Literatur in unterschiedlichen Darstellungsweisen aus allen Epochen sollten helfen. Blume und Nichols haben also ganz unterschiedliche Kunstannäherungen aufeinander prallen lassen und sie denen zum Teil in den Staatlichen Museen zu Berlin vorhandenen Kunstwerken aus unterschiedlichen Epochen und Kategorien unter den Schlagwörtern Schuld, Territorium und Utopie gegenüber zu stellen. Was bedeutet Kapital heute im Vergleich zu früher, oder was könnte es alles bedeuten?

Eine Heidenarbeit und ein nicht immer nachzuvollziehendes weites Feld. Wo ist der Grenze, was geht und was geht nicht? Wieso gerade diese Zeichnung oder dieses Video? Die Erforschungs- und Entdeckungsreise mit vielen Fallen aber auch Hilfestellungen beginnt.

Schon bevor man die lange Halle betritt muss man an Peter Buggenhouts Installation „The Blind Leading the Blind“ (2015) vorbei. 250 x 240 x 335 cm ist sie groß und besteht aus Holz, Eisen, Pappe, Schaumstoff, Aluminium, Kunststoff und Hausstaub. Alltagsmüll und Bauschutt für die Ewigkeit. Basis dieser Arbeit ist das Gemälde von Pieter Bruegel d.Ä. aus 1568. Wäre Kapital hier das Augenlicht oder die gegenseitige Hilfestellung?

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Direkt danach kommt man zur Karettschildkröte, die aus dem Naturkundemuseum ausgeliehen wurde, ein Trockenpräparat in den Maßen 28x69x94 cm. So hantelt wir uns dann von einem Gegenstand oder Video zum anderen. Vorbei an Andy Warhol Lithografien, mittelalterlichen Holzskulpturen, immer wieder die niederländische Malerei, auf der man sich viel und sichtbar mit Geld und Wohlstand befasst, ganz im Gegensatz zur katholischen Malerei, bei der über Geld nicht geredet wird. Ein paar Meter weiter ein Ausschnitt aus Pasolinis „Il Vangelo secondo Matteo“ und Charly Chaplin „Dogs Life“ von 1918. Marcel Broodthaers Schreibheft und Briefumschlag mit 100-DM-Banknote und daneben ein Video „Working at Goldman Sachs“. Der geniale und sehr kritische Goya darf natürlich nicht fehlen. Seine Radierung „Asta su abuelo“ (1797) verurteilt Aberglauben und Gewalt und kritisiert die Doppelzüngigkeit der katholischen Kirche, ihrer Pädophilie-  und Prostitutionsansätze. Gleich nach der Veröffentlichung bekam er aber doch kalte Füße und vor allem Angst vor der Inquisition und zog diesen Zyklus wieder aus dem Verkehr. Die Entstehung einer Shopping Mall von Harun Farocki,  das Video mit Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus und mit einem Ohr hört man schon Carmen Miranda die „The Lady in the Tutti Frutti Hat“ singen. Hier geht es indirekt der Chiquita Banane und der United Fruit Company und ihrer Monopolstellung an den Kragen. Immer das Konzept Kunst = Kapital vor Augen und Ohren, ist das eine leichte Übung. Objekt Nummer 127 ist schließlich Beuys Rauminstallation von Venedig Das Kapital Raum 1970-1977, abgelöst von Anselm Kiefers Großarbeit Lilith am roten Meer. Bob Dylan schließt die Ausstellung mit dem 37. Studienalbum „Fallen Angels“, erschienen im Mai 2016.

 

Urs Fischer (2000) readymade
Urs Fischer – readymade (2000)

 

Oft fühlt man sich verloren in der Schau und die Aufsichtspersonen haben jede Menge Arbeit die müden Besucher immer wieder von Jason Rhoades „Marble Box“ aufzuscheuchen, die diesen weißen übergroßen Schuhkarten versehentlich als Sitzgelegenheit ansehen.

Interessant ist die Ausstellung allemal und man stellt bewusst viele Verbindungen her und lernt eine Menge dazu. Aber bitte immer schön den Titel im Auge behalten sonst wird es schnell langweilig!

Nach 130 so unterschiedlichen Annäherungen an Kunst oder Kapital oder Schuld und Anklage schwirrt dann doch der Kopf und mit Carmen Miranda Tutti Frutti Hat-Ohrwurm verlassen wir das Museum.

Bis zum 6. November ist die Schau noch zu erleben.

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

 

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11. Internationaler Orgelsommer im Berliner Dom

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Es ist schon Tradition, dass im Juli und August die große Sauer-Orgel im Berliner Dom regelmäßig von bekannten und talentierten Organisten gespielt wird. Tradition ist auch die Kooperation mit dem Orgelwettbewerb Chartres. Dieses Jahr war das Festival dem 100. Todestag von Max Reger gewidmet.

Der Gewinner des diesjährigen Chartres-Wettbewerbes, Dexter Kennedy, kam zum Eröffnungskonzert am 1. Juli nach Berlin. Desweiteren traten der Starorganist aus den USA, Nathan Laube, auf sowie Daniel Zaretsky, Ute Gremmel-Geuchen und der Italiener Eugenio Maria Fagiano. Der junge Franzose Jean-Baptiste Monnot (*1984) spielte am 19. August ein rein französisches Programm mit dem Titel „Tour de France“. Er interpretierte Sagas I und VI von von Jean Guillou (*1944). Die Six Sagas sind 1971 entstanden und eine Hommage an die altisländische Sagenwelt. Eine Flucht, ein sich Überschlagen; es geht wild her in diesen Legenden und Guillou hat immer wieder Strawinsky zitiert. Giullou kennen wir aus der Pariser Zeit, genauer gesagt, aus den sonntäglichen Abendkonzerten in der wunderbaren Saint Eustache Kirche. Dort hat er immer um 18.00 Uhr für 30 Minuten Orgelwerke gespielt, manchmal auch seine eigenen, spannenden Kompositionen.

Weiterhin standen Werke von César Franck (1922-1890) auf dem Programm. Der französische Organist und Komponist Franck hat als erster sinfonische Werke für Orgel geschrieben; übrigens für den Orgelbauer Cavaillé-Coll, von dem u.a. auch der Berliner Domorgelbauer Wilhelm Sauer lernte. Monnet interpretierte den Choral in E-Dur, einen der drei Choräle, die Franck kurz vor seinem Tod 1890 komponierte.

Nicolas De Grigny (1672-1703) trug den Barockteil zum Konzert bei. Hier ließen sich Bach-Referenzen nicht vermeiden.

Weiterhin auf dem Programm stand das Prélude aus der Suite op. 5 von Maurice Duruflé (1902-1986). Hier hat Duruflé die ganze Dramatik des beginnenden 20. Jahrhunderts und der Zwei Weltkriege verarbeitet.

Die zweite Symphonie von Marcel Dupré (1886-1971) bringt die Orgelmusik an ihre Grenzen und in den Konzertsaal. Klangfarben, spielerische Passagen sowie Rhythmus stehen im Vordergrund; die Symphonie, aus der Monnot das Preludio, Intermezzo und die Toccata vortrug, entstand 1929 und gehört zu den mutigsten und innovativsten Werken Duprés.

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Jean-Baptiste Monnot begann mit 12 Jahren das Orgelstudium. Er lernte u.a. bei Bernhard Haas in Stuttgart und nahm an Meisterkursen von Jean Guillou teil. Von 2004-2014 war er Assistent von Jean Guillou in der Kirche St. Eustache. Zurzeit arbeitet er als Professor für Orgel am Konservatorium von Mantes-en-Yvelines (Paris)

Schöner und reicher Konzertabend!

Das letzte Konzert dieses Orgelsommers findet am 26. August um 20.00 Uhr statt; mit Musik u.a.  von Muffat, Bach, Reger; Interpret wird Andreas Sieling sein.

Christa Blenk

 

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Die Liebermann Villa am Wannsee

blick in den Garten
Foto vom Garten am Wannsee

 

Ausflug an den Wannsee

Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem gerade eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen ist) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften. Einmal Krankenhaus dann Tauchclub, erfuhr das Haus viele Veränderungen und der Garten wurde zerstört.

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Marta Liebermann (1922)  und Enkelin, Selbstportrait (1923), Raum in der Villa

Erst 1995 wurde die Max-Liebermann-Gesellschaft gegründet und die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Spenden und Privatinitiativen brachten den Garten wieder in seinen ursprünglichen Zustand und das Gebäude konnte renoviert werden. Heute ist es ein Museum, in dem eine beeindruckende beeindruckenden Dauerausstellung, in der vor allem seine Wannsee- und Biergartenbildern zu sehen sind. Seit 1870, der Münchner Zeit, bis zu seinem Lebensende, waren das ohnehin seine Lieblingsmotive, die er immer wieder aufnahm. Sonnendurchflutete Baumlandschaften oder Ausflugslokale, die von leicht platzierten Personen besetzt sind. Winter oder graue Tage scheint es in seinem Wannsee-Leben nicht gegeben zu haben.

kartederBiergärten

Der Blick von der Terrasse auf den See ist traumhaft.

Christa Blenk

 

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BALD GEHT ES WEITER

Liebe Leserinnen und Leser

umzugs- und technikbedingt ist eine längere Publikationspause entstanden!

Aber bald geht es wieder weiter – mit Berichterstattung vor allem aus Berlin!

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41. Cantiere Montepulciano – Dido und Aeneas

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Schicksalhaftes Mittelmeer

Ursprünglich hatte Hans-Werner Henze es 1975 abgelehnt,  Präsident des sich in Planung befindlichen Festivals in Montepulciano zu werden. Hingefahren ist er im Frühsommer dann doch und hat sich gleich von der Architektur, den Menschen und dem Vino Nobile verzaubern lassen. Offener dafür, kehrte er Ende August zu einem ersten Treffen mit dem Bürgermeister und den Stadträten zurück. Der ganze Ort sollte kreativ-aktiv in dieses Festival eingebunden werden. Damals konnte Hans-Werner Henze noch nicht ahnen, wie prominent und wichtig für die italienische und europäische Musikszene dieses Festival werden sollte.

Mittlerweile klingt und singt es in diesem kleinen Ort in der südlichen Toskana über zwei Wochen im Juli praktisch Tag und Nacht aus allen Palästen, Museen, Plätzen oder Loggias. 3-4 Konzerte täglich sind es mindestens, die die jungen und engagierten Musiker und Solisten dem Besucher bieten. Es ist wie ein Rausch, der die Hitze durchbricht und nicht mal vor der Siestazeit Respekt hat. Still ist es nur morgens um 8.00 Uhr.

Eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr war Purcells Dido und Aeneas unter der Regie von Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Das Gefolge von Dido (ausgezeichnet Sabrina Cortese) und Belinda (wunderbar Giulia Manzini), ganz in keusches und unschuldiges Weiß gewandet, ist mit Kreuzen bewaffnet und zieht,  das spätere Drama prophezeiend,  in den Kirchenmittelpunkt unter die herrliche Kuppel. Die Matrosen in blau-gestreiften Seemannshemden kommen von der anderen Seite und ziehen die Papierschiffe von Aeneas (Antonio Orsini)  ans Land. Diese Schiffe brachten beim Publikum ein déjà-vu hervor, hat doch jeder von uns schon mal in Gedanken versunken so ein Schiff aus einem Stück alten Papier gefaltet. Die Segel sollten später noch zum Schutz vor den Hexen und zum Winken benutzt werden; die Kreuze verwandelten sich in Leid bringende Dolche und brachten starke und beeindruckende Bilder hervor. Mehr Requisiten brauchte diese Produktion gar.  Den Rest taten Enthusiasmus, Ideenreichtum, Mimik, Gesten und gute neue Stimmen. Die Truppe hatte mindestens so viel Spass wie die Zuschauer Glück hatten, dabei gewesen zu sein.

 

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Dido – Aeneas – Belinda

 

Königin Dido zögert und kann sich nur schwer durchringen, ihren Gefühlen für den aus Troya kommenden und in Karthago gestrandeten Aeneas freien Lauf zu lassen. Auf Belindas Drängen gibt sie nach, als es eigentlich schon zu spät ist. Denn die durchtriebene und eifersüchtige Hexe (sehr gut und witzig der Countertenor Stefano Guadagnini, der mit seinen zwei Nebenhexen Lucia Filaci, Caterina Meldolesi, alle in schwarz gekleidet und grell geschminkt  den fröhlich-schelmischen Teil übernahm)  hat schon ihr Intrigennetz gesponnen und damit Didos Glück zum Scheitern verurteilt.  Aeneas wurde überredet abzureisen und Rom wartete darauf, gegründet zu werden. Kerstan lässt Dido blutlos und makellos mit dem wohl schönsten Lamento der Musikgeschichte « When I am laid in earth » dahin sterben. Die Dolchkreuze landeten dafür in den Papierschiffen und versanken im Licht eines Zurbarán-Gemäldes im Mittelmeer.  Spätestens hier brachte Kerstan das Publikum unweigerlich zu den aktuellen Nachrichten der täglichen Schiffs-Katastrophen im Mittelmeer.

 

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 Aeneas Papierschiffe

 

Kerstan hat die Rolle der Hexe mit einem Countertenor besetzt, was nicht üblich aber durchaus originell ist. Purcell komponierte dieses geniale 60-Minuten-Opus wahrscheinlich für ein Mädchenpensionat, wo es in Chelsea 1689 – nur von Mädchen gesungen – uraufgeführt wurde. Es könnte aber auch sein, dass er es für den englischen Hof komponierte.  Nahum Tate hat das Libretto geschrieben.

Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit der Accademia Europa di Musica e Arte Palazzo Ricci, machte bella figura und erntete – zurecht – viel Applaus!

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nach der Vorstellung

 

Mehr:

Christa Blenk

 

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41. Cantiere Montepulciano – Ensemble 3X3

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Am 15. Juli begann der diesjährige 41. Cantiere Internazionale d’Arte a Montepulciano und seit diesem Tag passieren – noch bis 31. Juli – jeden Tag unzählige Konzerte, Ausstellungseröffnungen, Balletabende oder Opernaufführungen, wie am Eröffnungsabend Icarus, eine Oper von David Blade und Keith Warner.

Das Ensemble 3X3, das wir am 22. Juli im Museo Civico Pinacoteca Crociani hörten, ist auch schon am 19.7. mit dem gleichen Programm in den Chianciano Thermen, ein paar km von Montepulciano entfernt, aufgetreten.

Sie interpretierten die Pastorale op 147 von Darius Milhaud (1892-1974)  für Oboe, Klarinette und Fagott. Ausgezeichnet die Holzbläser, die auch 5 Pièce en trio (1935) von Jacques Ibert (1890-1962) spielten und die Sonata FP 33a in Sol maggiore (1922) von Francis Poulenc (1899-1963) für Horn, Posaune und Trompete. Aufgelockert wurde das Programm durch ein wenig Mozart und Vivaldi von Streichern.

 

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Ensemble 3X3 im Museo Civico am 22.7.2016

 

Der Regisseur und ehemalige Henze-Assistent Michael Kerstan, der am 22.7. eine sehr originelle und unvergessliche Dido und Aeneas-Aufführung in der Kirche San Biagio (dazu kommt ein gesonderter Bericht) inszenierte, hat außerdem am 23.7. im Teatro Poliziano die Ausstellung von Theater-Projekten aus der Hans-Werner-Henze Sammlung « Scenografie » eröffnet. Hier werden Bilder und Zeichnungen gezeigt, die dem Publikum Henzes umfangreiches Werk künstlerisch ein wenig näher bringen.

 

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Michael Kerstan und der künstlerische Leiter des Festivals Roland Boer während der Eröffnung

Christa Blenk

 

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Summertime – Casa del Jazz

summertime

Direkt an der Aurelianischen Mauer in Rom findet zur Zeit – noch bis zum 15. August – ein Jazz-Festival mit täglichen Konzerten statt.

Gestern abend spielten John Dejohnnette (Schlagzeug und Klavier), Ravi Coltrane (Saxophon) und Matt Garrison (Bassguitarre), vor allem Freejazz im gut besuchten Garten der Casa de Jazz. Heute abend treten Antonio Sanchez und Migration auf und hervorzuheben vielleicht noch das Konzert am 3. August, wenn das Kurt Rosenwinkel Standards Trio die heissen römischen Sommerabende musikalisch begleiten.

Am letzten Abend ist Swing Night!  Musik zum Tanzen und Zuhören mit der Swing Valley Band. Der Eintritt kostet an diesem Abend 10 Euro; die anderen zwischen 15 und 20 Euro.

Christa Blenk

 

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My virtual gallery – blog collection N° 19

Guille Caivano – junger spanischer Künstler, lebt und arbeitet zur Zeit in Barcelona.

 

Etoso, mixed media on canvas, 65x100cm, 2013 copia 6
Etoso, mixed media on canvas, 65x100cm, 2013

 

Caivanos neueste Arbeiten befassen sich mit der Gegenwart, mit Europa, mit undefinierten Grenzen und mit Sprachen.

Etoso ist das Wort für Europa in Esperanto. Das Bild könnte auch eine Landkarte aus dem 15. Jahrhundert repräsentieren. Die Grenzen und Formen stimmen nicht ganz, die Erde ist zu nah an der Küste, die Karte wirkt irgendwie verzogen (bewusst) und doch erkennt man es sofort. Der Seefahrer und Navigator Amerigo Vespucci und präzise Kartografen wie Fra Mauro hätten unseren Kontinent vor über 500 Jahren vielleicht so aufgezeichnet, mit ungenauen Geräten aber viel Wissen. Die Karte hätte vielleicht in Venedig oder Genua hergestellt werden können, in der der Renaissance.

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Christa Blenk

 

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El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez

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El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez: Katalog-Cover

 

El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez

Hochmut kommt vor dem Fall

Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

Sevilla, Valencia, Toledo und Madrid bildeten ein produktives Kunstdreieck, während das Land (und die Monarchie) politisch und wirtschaftlich langsam aber unaufhaltbar in den Untergang rutschte.

1492 schickten die Katholischen Könige Christoph Kolumbus in die Neue Welt, China sollte er erforschen, landete aber auf einer Bahamas-Insel. Diese Entdeckung Amerikas (den Namen gab letztendlich der Seefahrer und Kaufmann Amerigo Vespucci) katapultierte Spanien an die politische und wirtschaftliche Spitze Europas. Mit dem Gold aus der neuen Welt konnten Kriege und Eroberungen finanziert werden und eine geschickte Heiratspolitik tat den Rest. Die schönen Künste, Malerei und Literatur, florierten und der offene und optimistische Weltmann Karl V vergrößerte sein Reich vom Pferd aus, auf dem er sein Leben verbrachte. Ganz im Gegensatz zu seinem Sohn. Philipp II war er ein unfreundlicher, religiöser Mystiker, der sein Schloss, El Escorial, so gut wie nie verließ, ein sehr strenges Hofprotokoll verordnete und viel betete! Sein Tod leitete den Barock und das sog. Goldene Zeitalter ein.

Philipp III war ein Dummkopf und Philipp IV ein Verschwender, beide wollten oder konnten nicht sehen, wo es auf der Iberischen Halbinsel krankte. Schon 1601 gab es eine Inflation und mehr Münzen wurden geprägt. Das Land war praktisch bankrott, die Monarchie ignorierte dies und stürzte sich in weitere Kriege. Die Pest wütete und schlechte Ernten ließen das Volk leiden, die Einnahmen aus der neuen Welt wurden weniger und der immer stärker werdende Protestantismus machte dem erzkatholischen Land ebenfalls zu schaffen. 150 Jahre nach dem Fall von Granada wurden immer noch zwangskonvertierte Muslime vertrieben und know how ging verloren. Es ist kein fröhlicher Spaziergang durch dieses schwarz-goldene, stolze Spanien des 17. Jahrhunderts.

Velazquez, Zurbarán und Ribera sind alle drei um die Jahrhundertwende geboren, El Greco 50 Jahre früher und gehörte so eigentlich nicht recht in dieses Zeitalter.

Bartolomé Esteban Murillo (1618-1682) war der letzte dieser Malergenies. Er gründete die Schule von Sevilla. Murillo portraitierte das Leben, volkstümliche Genreszenen wie wir sie aus der flämischen Malerei kennen. Sie verwischen sich schon auch mal mit seinen Heiligengeschichten.Pastetenesser ist ein Spätwerk; er hat es um 1670 gemalt. Hier vereinigt er die Kunst des Stilllebens mit einer volkstümlichen Szene. Es zeigt zwei armselig gekleidete Kinder mit einem Hund, welcher sehnsüchtig auf einen Jungen blickt der sich gerade etwas in den Mund stopft. Im Vordergrund ein reich bestückter Picknickkorb, der irgendwie gar nicht zur Aufmachung der Kinder passt. Das Gemälde ist sonst in München in der Alten Pinakothek zu hause.

Fast 100 Jahre früher hat der aus Kreta stammende El Greco (1541-1614) das hier ausgestellte Bild Christus am Kreuz mit zwei Stiftern gemalt. Dunkelgrau und bedrohlich, spielt der Gründer der Schule von Toledo mit den Farben Schwarz und Weiß. Der weltliche Stifter betend mit weißer Halskrause auf schwarzem Umhang rechts stellt das Gleichgewicht zum kirchlichen Stifter mit schwarzem Priesterkragen auf weißem Gewand links her; gleiches passiert mit den Wolken, die sich auf beiden Seiten des Gekreuzigten bauschen und El Grecos spitze, schmal-leidende Gesichter einrahmen.

In Valencia arbeitete der ursprünglich aus Italien stammende José (Jusepe) de Ribera (1591-1652). Ribera war neben Caravaggio der bedeutendste Naturalist der Schule von Neapel. Sein chiaro-scuro ging tiefer als das von Caravaggio und seine knochigen, alten und ausgemergelten Modelle, die meist aus den Armenvierteln kamen, sind mitleidserregend und noch dramatischer. „Lo Spagnoletto“ (der kleine Spanier) nannte man ihn. Meisterhaft und bestechend und sehr modern ist seine hier gezeigte Zeichnung Kopf mit Verband, die um 1630 entstand. Sie lässt an die Nachkriegsszenen von Otto Dix denken. De Ribera war außerdem einer der ganz großen Druckgraphiker, der später nur noch von Goya übertroffen wurde. Viele Radierungen von ihm sind allerdings nicht erhalten. Man nimmt an, dass er sie vorallem fertige, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als er noch in Italien lebte. Einige davon sind permanent im Berliner Kupferkabinett.

In Madrid brillierte der Hofmaler von Philipp IV, Diego Velázquez (1599-1660). Olivares, von dem auch ein Portrait zu sehen ist, holte ihn im Auftrag des König Philipp IV aus Sevilla nach Madrid, weil es Velázquez u.a. auch verstand, die Anzeichen der Dekadenz der spanischen Monarchie auf den königlichen Gemälden zu vertuschen. Philipp IV wusste das zu schätzen und machte Velazquez zu einem hochbezahlten Kultur-Beamten. Pinselstrich, Farbpalette, Motiv, Licht und Luft auf Velázquez‘ Werk sind nicht zu übertreffen. Leider sind von ihm nicht viele Meisterwerke gekommen. Die Dame mit der Hand am Stuhl, die uns recht kalt, aber unsicher-arrogant direkt ansieht, ist sonst auch in der Berlin zu sehen. Makellos vollendet ihr Kleid mit Goldbordüren, der Hintergrund wie von Turner gemalt. An Turner denkt man bei Veláquez‘ Bildern sowie immer wieder. Auch das Portrait aus dem Prado von Francisco Pacheco, Velázquez‘ Schwiegervater, hat es in sich. Hier entblößt der Meisterschüler die Seele seines strengen Lehrers. Die Halskrause ist ein vollkommenes Kunstwerk an sich. Weiß-grau-bläulich unterbricht sie die schwarzen Haare, das braune Bauerngesicht und das schwarze Kleid. Es entstand um 1620.

Veláquez‘ müder und in Philosophenpose sitzender Mars entstand 1641 und kam aus dem Madrider Prado nach Berlin. Das Bild ist so unvelazquisch und zeigt durchaus Rubens-Charakter. 1628 kam Rubens nach Madrid und war für ein paar Monate Gast am spanischen Hof. Rubens hat Veláquez zwar nicht unbedingt beeindruckt, aber seinen Wunsch, die großen Italiener kennen zu lernen, bestärkt. Ein Jahr später, 1629, gewährte ihm der König dann bezahlten Urlaub und Velázquez machte sich mit großem Gefolge auf nach Italien und lernte die Bilder von Raffael, Michelangelo, Tizian und Tintoretto kennen.

Von Francisco de Zurbarán (1598-1664) hängt das Schweißtuch der Veronica in der Ausstellung, es ist ein minimales Meisterwerk. Zurbaráns Motive waren meist Mystiker oder Heilige mit verklärtem Blick, die Hintergründe oft düster und verschwommen und Details aufs minutiöseste ausgearbeitet. Die Heilige Margarete von Antiochien entstand um 1635 und kam aus der Londoner National Gallery nach Berlin.

Das Bücherstillleben entstand 1635 in der Madrider Schule und gehört zum Bestand der Gemäldegalerie; es ist eines der wenigen Zeugen, die auf die auch so blühende Literatur und Theaterlandschaft zu Beginn des 17. Jahrhunderts hinweisen. Die Bücher sind im Gebrauch, sie wurden oft aufgeschlagen und umgeblättert, gierig, lernfreudig. Fast tut es uns leid, dass sie so zerlesen sind. Ein Federkiel und eine Sanduhr als Symbol der Vergänglichkeitsind ebenfalls zu sehen.

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El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez
Ausstellungsansicht – © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Achim Kleuker

Von Büchern umgeben ist auch Velázquez‘ Hofnarr Diego de Acedo (1635). Aus dem Prado kam es nach Berlin und ist eines der Meisterwerke, von denen man gern noch mehr gesehen hätte. Schwarz-grünlich das Gemälde, Lichtfokus sind die weißen Blätter der Wälzer. Hilflos-traurig schaut er schräg nach unten, in die leere Velázquez-Luft.

Es geht hier schließlich um das Zeitalter von Miguel de Cervantes, Francisco de Quevedo, Lope de Vega oder Luis Gongora.1605 erschien der erste Teil von Cervantes‘ Don Quijote, nur 10 Jahre später der Zweite. Schon 1621 begann man mit einer deutschen Übersetzung, die ersten 23 Kapitel sind schließlich 1648 erschienen. Die Tieck-Übersetzung gab es dann erst 150 Jahre später.

Auch die Skulptur des 17. Jahrhunderts ist mit beeindruckenden Werken vertreten, darunter eine schmerzensreiche Mutter von Pedro Roldán. Die Madonna weint Glasperlentränen, die aus von Trauer verschleierten Augen fließen. Die Skulptur entstand 1670 und beschloss das Ende dieser segensreichen Periode, dem Siglo de Oro!

Nach dem Tod 1665 von Philipp IV kam sein Sohn Karl II an die Macht. Inzuchtgeschädigt und gesundheitlich sowie geistig schwer angegriffen starb dieser im Jahre 1700 ohne Nachfolger; die Person Karl II hat Dichter und Komponisten immer wieder inspiriert und bewegt. Mit ihm erstarb auch das Habsburgergeschlecht in Spanien und die französischen Borbonen übernahmen das Zepter.

An die 150 zum Teil bemerkenswerte Exponate aus großen Museen aber auch viel aus dem Berliner Fundus sind in der Ausstellung zu sehen, nicht nur von den fünf Großen. Man lernt auch einige weniger oder unbekannte Maler und Bildhauer kennen. Manche Leihgaben waren zum ersten Mal in Deutschland.

Und trotz Zurückgreifen auf die beachtliche Sammlung spanischer Kunst in der Gemäldegalerie hat die Spanierin Maria Lopez-Fanjulvier Jahre für diese Ausstellung gearbeitet.

Bis zum 30. Oktober ist sie noch zu sehen.

Christa Blenk

 

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