Hippolyte et Aricie – in der Staatsoper

Erboste Götter und nachtragende Frauen im Star Wars Himmel

Es funkelt, glitzert und Spiegel vervielfältigen jedes Bild. Während Laserstrahlen das Theater durchqueren, breitet sich Rauch über den Zuschauern aus, der von Groll und Blitzen begleitet wird.  Im Versailles zu Zeiten der Könige Ludwig XIV und XV gehörten Spezialeffekte unbedingt dazu und die verwöhnten französischen Barockkönige hätten die Inszenierung dieser Rameau Aufführung sicher befürwortet, denn extravagant und außergewöhnlich mussten die Unterhaltungen der Herrscher sein.

Die Gefangenen im Hades tragen vergitterte Laserkugeln auf den Häuptern und Diana hat sich einfach eine  Satellistenschüssel auf den Rücken gebunden, um ihre Köcher aufzubewahren während Phädra als Prisma über die Bühne schreitet.

Eine Spätfassung von Jean Philippe Rameaus erster Oper „Hippolite et Aricie“ , die 1757 entstand (Urfassung ist aus dem Jahre 1733) war der Höhepunkt der Barocktage Berlin. Die Oper zählt zu den Klassikern der französischen Barockmusik  und brachte hier hohes musikalisches Niveau auf die Bühne. Am Pult Simon Rattle mit dem Freiburger Barockorchester. Der Konzept-Künstler Olafur Elliasson entwarf die Lichtinstallation; Aletta Collins Regie und Choreographie. Reinoud Van Mechelen (Hippolyte), Anna Prohaska (Aricie), Magdalena Kožená (Phèdre), Elsa Dreisig (Diane), Roman Trekel (Tisiphone) .

Diese Spätfassung ist ein wenig stringenter und  kürzer und verzichtet auf  langweiliges Beiwerk. Die  im französischen Barock sehr wichtigen Tanzeinlagen kamen aber auch hier nicht zu kurz, wobei Collins das Niveau nicht bis zum Schluss durchhalten konnte und es an Ideen mangelte. Die Premiere fand am 25.11.2018 statt.

Magdalena Kožená war eine rachsüchtige und bösartige  Phädra, Anna Prohaska – leicht erkältet am 2.12. – als Aricie stilsicher und kuschelig warm, Reinoud Van Merchelen als Hippolite überzeugend und als einziger textverständlich singend.  Und das Freiburger Barockorchester ist bei der Alten Musik in Deutschland eh nicht zu übertreffen.

Nur ein Teil des Publikums konnte mit der Uraufführung 1733 etwas anfangen. Für die konservativen „Lully-Liebhaber“ war Rameau einfach zu modern. Außerdem war die Oper zu lang  und schwer verständlich für weite Teile der damaligen Gesellschaft. Das  Libretto hat Abbé Simon-Joseph Pellegrin verfasst und sich vor allem auf die Liebesgeschichte von Hippolytos und Arikia aus der griechischen Mythologie konzentriert. Racine hat das Thema nach Euripides später behandelt.

Phädra war die kleine Schwester der Ariadne, jene, die den König von Athen Theseus seinerzeit mit dem berühmten Faden ausstattete, damit er den Weg aus dem Labyrinth heraus wieder finden konnte, in welches er sich begab, um den Minotaurus zu töten.
Bei dieser Gelegenheit hat Theseus wohl Phädra kennen gelernt und sie zu seiner zweiten Frau gemacht. Dieser findet aber eher Gefallen an ihrem Stiefsohn. Als sich nun Theseus wieder auf ein Abendteuer begibt, um seinen Freund Peirithous aus der Unterwelt – dort wird dieser festgehalten, weil er Proserpina, die Frau des Hades, entführen wollte -  zu befreien, beschließt Phädra die Gelegenheit zu nutzen, und Hippolyte zu verführen. Hierbei stand ihr natürlich Aricie, die Tochter des getöteten Königs Pallas, im Wege und musste vom Hof verbannt werden. Aricie, die Hippolite liebt und er sie,  kommt in den Tempel der keuschen Diana-Priesterinnen.
Phädra liegt gerade mit Hippolite im Clinch als Theseus wider Erwarten aus der Hölle zurückkommt – er hat hierfür den zweiten Wunsch eingelöst (Neptun hatte ihm drei Wünsche zugesagt) – und ist entsetzt, versteht nun aber, warum Pluto ihm androhte, zurück aus der Hölle eine andere Hölle zu Hause vorzufinden. Da Theseus aber nicht seinen Sohn töten möchte, bittet er Neptun darum, dies zu übernehmen der prompt ein großes Seemonster schickt. Erschüttert durch das was sie getan hat, gesteht Phädra nun, dass nicht Hippolite sie verführen wollte sondern umgekehrt. Und nun tritt Diana wieder auf das Parkett. Sie, die Jagdgöttin, die Hippolite vor dem Tode bewahrt hatte,  macht ihn zum König der Wälder und gibt ihm seine geliebte Aricie zurück.

Christa Blenk

PS Auch Hans Werner Henze hat sich mit dem Thema beschäftigt. Seine Konzertoper « Phädra » wurde 2007 mit dem Ensemble Modern und einem großen Staraufgebot in der Staatsoper Berlin uraufgeführt. Auch hier übernahm Olafsur Eliason das Bühnenbild und die Spiegelgeschichte hat er 2018 wiederholt.

I Tre Gobbi – Teatro La Fenice

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Acqua Alta in Venedig

 

Der große italienische Komödienschreiber Carlo Goldoni (1707-1793) schrieb das Libretto zu Vincenzo Legrenzio Ciampis Intermezzo musicale „La favola de tre gobbi“ (Die Geschichte der drei Buckeligen). Das Werk entstand 1749 in Venedig.

Michele Modesto Casarin (der auch selber mitspielt) und Alberto Maron haben in einer gemeinsamen Produktion des Teatro La Fenice, der venezianischen Theaterkompagnie Pantakin Commedia und dem Woodstock Teatro eine Bearbeitung in Anlehnung an die Musik von Ciampi ausgearbeitet und diese mit Ilenia Tosatto (Sopran), Andrea Biscontin (Tenor) sowie dem Ensemble Harmonia Prattica im November 2018 in der Sale Apollinee aufgeführt. Kostüme und Masken sind von Licia Lucchese und Roberta Bianchini.

Alessia D’Anna, Claudio Colobmo, Davide Dolores, Michele Modesto Casarin haben hier die  Commedia dell’Arte wieder aufleben lassen und mit viel Witz, Humor, Slapstick, Begeisterung und schöner Musik ein permanentes Lächeln auf die Gesichter der glücklichen Zuschauer gezaubert, das noch ganz lange in den Abend hinein angehalten hat.  

Zur Geschichte: Carlo Goldoni ist nicht gut drauf. Leicht angetrunken torkelt er auf die Bühne, er hat eine Schaffenskrise und vor allem Schulden, die fällig werden. Die Geldeintreiber Beccaferro und Tagliacarne, zwei trottelige Gesellen, stehen vor seiner Tür und drohen damit, seine Fußsohlen abzuschneiden, wenn er nicht endlich die Schulden, die er beim venezianischen Edelmann Grimani hat, zu begleichen. Da er aber nicht bezahlen kann, verspricht er, etwas zu schreiben und schindet so noch drei Tage Aufschub heraus. Seine Dienerin, Catte (großartig Alessia D’Anna), rät ihm, das Theater doch endlich sein zu lassen,  versorgt ihn aber vor dem wichtigen Projekt noch mit Rosolio. Goldoni, voller Schaffenseifer, widmet sich aber mehr dem Alkohol als den Wörtern und schläft die drei Tage durch, spricht: er verschläft seine Chance. Catte weckt ihn, als die Zwei wieder auftauchen. Eine wilde und köstlich gespielte Jagd beginnt und schließlich bekommt er nochmals eine Galgenfrist bis zum Abend. Catte erzählt ihm die Geschichte der drei Buckeligen und er schreibt sie direkt den Darstellern (die beiden Geldeintreiber und er selber) auf den Leib. So wird sein Schreibzimmer zur Bühne und Catte zu der vornehmen Madame Vezzosa, in die sich die drei Buckeligen verlieben. Dichtung, Realität und Komödie vermischen sich und Catte träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Zum Schluss schlägt Goldoni vor, die Musik von Ciampi komponieren zu lassen.

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Mehr kann man von Volkstheater nicht verlangen!
Bravi.

Christa Blenk

 

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Die Sache Makropulos

Alt werden wollen oder jung bleiben müssen oder umgekehrt – das ist hier die Frage.

Die Unsterblichkeit samt ihrer Tücken ist und war für die Bühne immer ein dankbares Motiv. Leo Janácek hat sich mit seinem Spätwerk „Die Sache Makropulos“ auch damit befasst, beeindruckt und inspiriert von einem damals ganz neuen Theaterstück von Karel Capek.

Emilia Marty ist also 337 Jahre alt und macht immer noch alle Männer verrückt. Bei ihr waren es allerdings nicht die Errungenschaften der Medizin, die ihr das immer noch jugendliche Aussehen bescherten, sondern ein Zaubertrunk ihres Vaters Hieronymus Makropulos, seines Zeichens Leibarzt am Hof von Kaiser Rudolf II. Mitte des 16. Jahrhunderts. Für den sollte er nämlich eine Zaubertinktur entwickeln, die ihm ewiges Leben schenken würde. Da Rudolf aber nicht das Risiko einer Testperson eingehen wollte, wurde das Gebräu kurzerhand an des Zauberers 16-jähriger Tochter Elina Makropulos ausprobiert. Diese fiel direkt in eine längere Ohnmacht und der Doktorvater in den Kerker. Elina kommt aber nach einiger Zeit wieder zu sich und lebt seitdem, meist als gefeierte Sängerin und Femme fatale, durch die Jahrhunderte, bis sie 1922 in der Zeit der Neuen Sachlichkeit in Prag ankommt und dort wieder eine gefeierte Sängerin ist. Diese nicht alternde Heldin in Leos Janáceks Oper nimmt allerdings mit den Jahren einen kalten, menschenverachtenden Zynismus an, sie ist allein, denn alle ihre Freunde und Liebhaber sterben ständig weg und kann einfach von nichts mehr überrascht werden. Christof Hetzer hat Emilia Marty gekleidet, als ob sie gerade aus einem Bild von Georg Grosz oder Otto Dix gestiegen wäre. Die E.M.s aus früheren Jahren sind zeitweise auch gleichzeitig auf der Bühne anwesend, immer in ein prächtiges Kostüm der jeweiligen Epoche gewandet.

Aber eigentlich geht es mit einem fast 100-jährigen Prozess los, der in einem Büro stattfindet, das eher an eine Anstalt erinnert. Die Familien Prus und Gregor liegen in einem Rechtsstreit. Die Lebensgeschichte von E.M. (denn all ihre Pseudonyme über die Jahre hinweg hatten diese Initialen) kommt dabei so peu à peu ans Tageslicht. Es geht um einen Erbprozess, zu dem sie wichtige Insider-Informationen beitragen kann. E.M hat aber ein anderes Problem,  ihre Zeit läuft ab und sie braucht unbedingt die Notizen Ihres Vaters, um jung und fit weiter leben zu können. Dieses Geheimrepezt befindet sich aber in einer Kommode im Haus von Prus. Als sie es schließlich in den Händen hält, ist aber die Luft raus und sie will es nicht mehr und versucht, es – erfolglos – an die Nachwuchssängerin Krista weiter zu reichen. Die fünf anderen E.M.s verschlingen gierig das Papier mit der Formel und aus.

Umgeben ist Emilia – außer von Krista – die ganze Zeit nur von Männern, die alle etwas von ihr wollen:

Die großartige Evelyn Herlitzius singt die Emilia Marty der 1920er Jahre, glaubwürdig und überzeugend und ständig auf der Bühne. Die Kritiken nach der Premiere 2016 waren sich allesamt einig, dass ihr dieser Part auf den Leib geschneidert ist. In Sekundenschnelle schlüpft sie von der Rolle eines gefühllosen Ungeheuers zu einer gerissenen oder sentimentalen Lebedame. Wie in einer Kriminalgeschichte wird so ganz nebenbei ihr Inkognito gelüftet. Wichtigstes Beweisstück ist ein Autogramms, das sie der jungen Krista gibt. Und geistig springen und schnell lesen muss man auch, um nicht den Faden zu verlieren, wenn dann wieder von Elian MacGregor oder der Zigeunerin Eugenia die Rede ist. Die Oper hat sehr viel Text und gesungen wird in tschechischer Sprache

David Hermann und Christof Hetzer haben schlichte, kalte Bilder entworfen, die meist im Gegensatz zu den opulenten Kostümen der Renaissance und Barockzeit stehen. Ein wenig dekadenter Stuck, abblätternde Farbe an den Wänden oder kalte Bauhaus-Liegen bilden die Kulisse. Die Wände flimmern und signalisieren, dass die Zeit vergeht..

Am Pult vor dem Orchester der Deutschen Oper Berlin stand am 22.11.2018 Marko Letonja.

Uraufführung fand 1926 in Brünn statt.

cmb

 

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Pergamon virtuell

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Seit dem 17. November 2018 ist die  Ausstellung « Pergamon. Meisterwerke der antiken Metropole und 360° Panorama » gegenüber vom Bode-Museum zu sehen. Der Künstler Yadegar Asisi hat sie konzipiert und sein bereits 2011 präsentiertes Projekt  mit dem aktuellen Stand der Forschungen ergänzt.

Ausgestellt sind 80 Objekte aus den Beständen der Antikensammlung. Vor allem Frauen-Statuen, unterschiedlich angeleuchtet,  oder hochwertige Portraitköpfe. Die  Prometheus-Gruppe aus dem Athena-Heiligtum hat er auf eine abstrakte Gold-Landschaft montiert. Ausgestellt ist auch das Papageienmosaik aus dem Palast und das Telephos-Fries des Pergamonaltars. Der Fries der Giganten ist als grandiose Multimedia-Installation in diesen Bau gekommen,  denn es durfte das Museum aus konservatorischen Gründen nicht verlassen.  Entwickelt wurde dieses nüchtern wirkende, faszinierende  Modell des Pergamon-Alters von an der BTU Cottbus unter Dominik Lengyel.

Das 360° Grad Panorama ist in einem Gasometer, der von außen eher wie ein Industrie-Silo aussieht, untergebracht und erinnert  an die Centrale Montemartini in Rom, dort sind in diesem ehemaligen Elektrowerk seit ein paar Jahren Skulpturen aus den Kapitolinischen Museen untergebracht.

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30 Meter ist die Rotunde hoch und der Besucher kann sich auf einem 15 Meter Aussichtsturm in der Mitte der Anlage auf vier Etagen  und  3100 gigantischen Quadratmetern aus der Vogelperspektive ein lebendiges Bild von Pergamon, seinen Theatern, Häusern, Märkten und der Gegend machen. Zu Ehren des Gottes Dionysos richtete man hier im Jahre 129 n.C. ein großes Fest aus, zu dem der römische Kaiser  Hadrian sein Kommen angekündigt  hatte. 40 000 Menschen sollen in Pergamon gelebt haben. Wie in einem Gemälde von Bosch, werden hier unzählige Geschichten erzählt. Es herrscht überwiegend Festtagsstimmung und gute Laune, Opfer werden gebracht, Feuer, Blut und Versammlungen. Asisi hat die einzelnen Situationen auf Zeichnungen vervollständigt und das 3D-Modell entwickelt.

Die Installation ist ein Son et Lumière-Spiel, die Beleuchtung manchmal übertrieben und gibt dem Ganzen eine kleine Kitsch-Note. Die Nachtansicht ist von Tierlauten und Wassergeräuschen begleitet, auf die Musik, die den Tag begleitet, könnte man verzichten.

Pergamon, das achte Weltwunder für viele,  war eine Stadt in der griechischen Antike (Bergama) und liegt in der heutigen Türkei, nicht weit weg von Izmir. Ca 200 Jahre v.C. war die auf einem Berg gelegene Stadt Pergamon die Hauptstadt des Pergamenischen Reichs, das sich über das westliche Kleinasien ausbreitete. Die Attaliden-Dynastie strebte ein neues Athen an. Angeblich wurde auch das Pergament dort erfunden. Die Gründung Pergamons geht auf Telephos zurück. Er war ein Sohn des Herakles. In den griechischen Mythen wird diese Geschichte so nicht erwähnt und angeblich soll sein Sohn im Trojanischen Krieg auf der Seite der Trojaner gekämpft haben. Die Attaliden machten ihn zum Gründer der Stadt – dies wird auf dem kleinen Fries des Pergamonaltars erzählt.

Entdeckt wurde Pergamon 1864 von dem deutschen Ingenieur Carl Humann. 1871 kam Ernst Curtius mit einer Expedition bei ihm vorbei und anschließend wurden die ersten Friese zur Begutachtung nach Berlin geschickt. Alexander Conze übernahm 1877 die Abteilung für antike Skulpturen der königlichen Museen zu Berlin und von da an wurden die Ausgrabenden intensiviert. Ab 1907 konnten die Reliefs in Berlin – mit Genehmigung des osmanischen Reichs – im neu eröffneten Pergamon Museum gezeigt werden.  Dann kam der erste Weltkrieg und die Grabungen mussten eingestellt werden, weiter ging es erst wieder 1927 bis der Zweite Weltkrieg eine zweite Unterbrechung forderte. Erst 1957 wurde wurden die Grabungsarbeiten wieder aufgenommen – bis jetzt.

Der österreichische Künstler und Architekt Yadegar Asisi lebt zurzeit in Berlin und baut die größten 360° Panoramen der Welt.

Bis das Pergamon-Museum wieder eröffnet werden kann, wird noch ein paar Jahre dauern.

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cmb

 

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Der Diktator von Ernst Krenek

Ernst Krenek’s Einakter-Oper „Der Diktator“ dauert nur ca 30 Minuten. Die Neuköllner Oper hat daraus  eine 60-Minuten-Produktion gemacht, die sich sehen und hören lassen kann.

Beim Betreten der Studio-Bühne sind alle Protagonisten bereits auf der Bühne und singen oder reden sich an. Das Geschehen findet auf  zwei Ebenen statt: Da ist im Vordergrund ein großes Schaukelbrett, auf dem die Personen hin- und herwippen. Diese unkontrollierten Bewegungsabläufe assoziieren Unsicherheit und Unentschiedenheit, Schwäche und Dominanz. In einer Ecke im hinteren Teil der Bühne steht ein weißer Wachturm. Dieser mag einem Gefängniswärter dienen, einen Todesstreifen bewachen oder der Schiedsrichterplatz bei einem Tennismatch  sein – und sehr sportlich sieht auch Maria aus. Dort oben halten sich meist der Diktator und Charlotte auf, seine geltungssüchtige und zickige Frau. Beide befinden sich gerade in der Schweiz in Erholungsurlaub.

Maria und ihr blinder Offiziersmann, die gekommen sind, um den Diktator zu töten, sind entweder unter der Bühne fast unsichtbar oder huschen auf der Wippe hin- und her; unsicher und wackelig. Maria hat eine Waffe. Ab und zu begibt sich auch Charlotte  auf die große Schaukel und einmal fällt sie sogar von ihr, kriecht aber ansonsten mit schönen, spinnenhaften Metamorphosen-Gebärden darüber oder gibt sich ein Augenduell mit der rot gekleideten Maria. Charlotte ist in kaltes Blau gekleidet und könnte genauso aus dem Raumschiff Enterprise herunter gebeamt worden sein, während der Diktator aufgebrezelt in weiß, blond und blau leidenschaftliche Reden in Deutsch, Englisch und Italienisch hält oder ist er vielleicht gerade aus dem Kinderzimmer einer Horde arischer Barbi-Puppen entkommen?

Es geht um Macht, Leidenschaft, Eifersucht, Manipulation und verräterische Liebe.  Zum Schluss tötet nicht Maria den Diktator, dem sie ganz schnell verfällt sondern die berechnende Charlotte schnappt sich die Waffe und erschießt Maria und deklariert die Tat ganz schnell als Selbstmord. Der blinde Offizier ruft suchend nach Maria.

Charlotte manipuliert, bestimmt was passiert und sie trägt zum Schluss den weiten, langen Diktatorenmantel und das letzte Wort hat sich auch. Dies ist allerdings nicht Kreneks Entscheidung gewesen, sondern gehört zu den Zusätzen, die der Komponist Jörg Gollasch und die Regisseurin  Ariane Kareev dem Werk hinzugefügt haben.

Kreneks Musik überspannt viele Bögen und nimmt unzählige  Musikstile auf. Verismus-Arien und elektronische Musik, Jazz-Rhythmen und Zwölfton-Elemente, ja sogar Romantik wechseln sich ab. Geschrieben hat er die Oper 1926 als eine Art Warnung vor dem aufkommenden Faschismus.

Die Vier Solisten Sotiris Charalampous, Lawrence Halksworth, Eva Maria Nikolaus und Isabel Reinhard haben mir ihren Stimmen (und ihrer Schauspielerei) beeindruckt.

Am Klavier spielte Walewein Witten; Maria Franz (Cello) und Jan-Einar Groh (Perkussion).

Ernst Krenek (1900 – 1991) ist in Österreich geboren und in USA verstorben. Er war 1924 ein paar Monate mit Gustav Mahlers Tochter Anna verheiratet und eine zeitlang von Strawinskys Musik beeinflusst, ging aber dann in alle Richtungen. Seine Oper « Jonny spielt auf » war einer der großen Hits der 1920er Jahre obwohl es Hanns Eisler 1927 als « langweiliges und geistloses » Stück eines doch sehr begabten Komponisten bezeichnet hatte. Ab 1933 galt Krenek als entarteter Künstler. 1937 reist er in die USA und wurde bereits 1945 Amerikaner.

cmb

 

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Blaubart in der Komischen Oper

Den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach (1819 – 1880) feierte die Komische Oper mit einer neuen Produktion seiner Oper „Blaubart“ . Stefan Herheim wurde mit der Regie betraut. Weil es aber immer schwer ist, einer Kult-Inszenierung, und das ist Felsensteins Erfolgsproduktion Blaubart, die zwischen 1963 und 1992 knapp 400 Mal zur Aufführung kam, zu folgen, hat er sich einfach an sie gehalten, wenigstens was Blaubarts Fantasiekostüm angeht. Für Herheim nach Xerxes seine zweite Arbeit für die Komische Oper.

Der Vorhang hebt sich:  Das Bühnenbild scheint nicht fertig geworden zu sein.  Dann betritt Cupido (großartig Rüdiger Frank) schleppend und ausgelaugt, einen schweren Theaterwagen hinter sich herziehend, die Bühne. Dieser Planwagen wird gelenkt vom Tod, der den Liebesgott mit der Peitsche anfeuert (beeindruckend und überzeugend Wolfgang Häntsch).

Amor und Tod eröffnen also diesen Blaubart,  sehr trefflich, wissen wir doch Alle,  dass Blaubart seine Frauen zuerst liebt und sie dann dem Tod übergibt. Dieser Pandora-Wunderkammer-Wagen ist die Bühne und aus ihm kommen die Teilnehmer und in ihm verschwinden sie auch wieder. Zwischendurch – als kleine Anspielung an Berliner Bausünden – dominiert das Schloss in Form von Bildern auf der Bühne.

Dann erscheinen sie alle nacheinander, Fleurette, die bezaubernde Tochter (wahrscheinlich) von König Bobèche (Bobèche kommt von Bobo, das heißt im Französischen so etwas wie verblödet) der  sie als Kleinkind in einen Korb auf dem Wasser ausgesetzt hat, ihr Geliebter,  der schöne Schäfer Daphnis, der wiederum Prinz Saphir ist. Danach rauscht Boulotte, die unzüchtige, schöne Bäuerin, auf die Bühne. Sie will Daphnis, bekommt aber Blaubart, nachdem der Alchimnist von Blaubart, Popolani, eine Verlosung organisiert bei der Bobèches Scherge, der Minister Graf Oscar, die Glücksfee spielt. Die Geschichte spielt sich weiterhin auf dieser „Bühne auf der Bühne“ ab.

Cupido und Tod streiten sich ständig, um das Leben, den Tod, aber vor allem um den Sinn und Zweck des Theaters überhaupt und Cupido zitiert aus dem Faust.  „Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen/ Und jedermann erwartet sich ein Fest.“

Die Geschichte nimmt ihren Lauf und in den ersten zwei Stunden, spricht nach zwei Akten, ist  immer noch nicht das Geheimnis um die plötzlich und unerwartet verstorbenen Gattinnen von Blaubart gelüftet worden. Auch die verheerende Neugierde der Frauen, bei der es um Blaubart sonst geht, kam auch noch nicht zur Sprache.

Im dritten Akt schließlich führt uns die Geschichte endlich in Blaubarts dunkles Verlies, wo Popolari nun Blaubarts sechste Frau, Boulotte, vergiften soll, um das halbe Dutzend endlich voll zu machen. Denn Blaubart hat schon Nummer Sieben auserkoren, nämlich des Königs schöne Tochter, die aber ihn nicht will, weil sie ja ihren Schäfer/Prinzen ehelichen möchte. Es stellt sich aber nun heraus, dass all die anderen Verflossenen gar nicht tot sind, Popolani hat es nämlich nicht übers Herz gebracht, sie ins Jenseits zu befördern (wie auch Graf Oscar die Geliebten von Bobèches Frau Clémentine von verschont hat). Das große Happy-End (oder auch nicht) findet in Form einer Massenhochzeit statt, die der Tod dirigiert und sie paarweise –  denn er will nur noch Paare nehmen in Zukunft – dort wieder hineinschickt. Als letztes Paar verschwinden Blaubart und Boulotte im Wagen, das tun sie mit den mechanischen Bewegungen von Hoffmanns Puppe Olympia und zur Leierkasten Musik vom Gevatter Tod. Klappe zu, Affe tot und aus die Maus. Mit einer Verfolgungsjagd von Gevatter Tod und Cupido fällt der Vorhang.

Das Hinzufügen der Rollen von Cupido und dem Tod, hat der Geschichte gut getan, musikalisch waren Aufführung und Sänger ausgezeichnet. Kurzerhand (zwei Tage vorher) musste die Rolle des Daphnis umbesetzt werden, David Zimmer (singend) und Esteban Muñoz (spielend) teilten sich den Part und bekamen zu recht viel Applaus dafür.

Der Kuriositäten-Wagen gleicht manchmal einem Bild von Georg Grosz oder Hieronymus Bosch oder Brechts Mutter Courage Gefährt, manchmal erinnert er aber auch an die vorgedruckten Blumenbilder, die man früher ins Poesiealbum klebte.

Ritter Blaubart ist Wolfgang Alblinger- Sperrhacke, der den Bösewicht mit viel Leichtigkeit singt. Sarah Ferede ist umwerfend mit ihren roten langen Haaren und erinnert eher an Carmen als an das, was man sich unter Boulotte vorstellt (Boulotte bedeutet nämlich „Pummelchen“). Popolari ist Tom Eri Lie, den dämlichen und gemeinen König Bobèche singt und spielt Peter Renz und Fleurette/Hermia ist die eine temperamentvolle Vera-Lotte Böcker. Christiane Oertel ist Königin Clémentine. Die vielen Sprachpartien hat man nicht immer gut verstanden. Am Pult bei der letzten Aufführung 2018 Ivo Hentschel.

Esther Bialas hat die Kostüme entworfen und das Bühnenbild ist von Christoph Hetzer.

Offenbachs schwungvolles Werk ist voller Witz und Einfälle und die knapp 3 ½ Stunden verfliegen im Nu. Herheim hat das Stück als eine Art Massenorgie inszeniert und ihm schon ein wenig das elegant-feine von Offenbach genommen. Die satirisch-spöttischen, kritischen Anspielungen auf die Regime-Zeit von Napoleon III wurden hier kurzerhand auf die heutige Zeit übertragen. Zeitlos sind sie allemal.

cmb

 

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Ballon – Film

Die besten Geschichten und Fluchten schreibt das Leben selber.

Der Film Ballon basiert auf einer wahren Begebenheit und kam Ende September 2018 in die deutschen Kinos. Sechs Jahre hat der Regisseur und Produzent Michael Herbig daran gearbeitet und mit einzelnen Familienmitgliedern oder Hauptprotagonisten gesprochen. Der Film beschreibt die Flucht 1979  in einem selbst gebauten Heißluftballon von  der DDR in den Westen: an Bord die Familien Strelzyk und Wetzel.

Es geht weniger um Politik als um action. Der Thriller erzählt die Vorbereitung  und die Durchführung einer dramatischen, atemberaubenden und spektakulären Flucht in einem selbstgenähten Ballon, für den 2000 Meter wasserdichter Stoff besorgt werden mussten.

Zur Handlung:

Es ist Sommer 1979 in Pößneck, einem Ort in Thüringen. Die beiden befreundeten Familien Strelyzk und Wetzel beschließen, mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR in den Westen zu fliehen. Wichtig dafür ist der perfekte Nordwind. Familie Wetzel macht kurz vor dem ersten Versuch einen Rückzieher, die Strelyzks fahren alleine und der Ballon fällt kurz vor der Grenze auf den Boden. In einer abenteuerlichen Nachtwanderung gehen sie zu ihrem Auto zurück und beschließen, einen größeren Ballon zu nähen und die Flucht erneut zu wagen.

Die Stasi entdeckt den kaputten Ballon und bemerkt den Fluchtversuch. Anhand von Medikamenten, die Frau Strelyzk im Ballon gelassen hat, werden die Flüchtigen identifiziert und es beginnt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Oberstleutnant Seidel, der allerdings immer ein paar Meter hinterher hinkt. Die Familien kaufen abwechselnd immer nur kleine Mengen Stoff im Umkreis ihres Wohnortes und Günther Wetzel näht Tag und Nacht. Der zweite Versucht gelingt – sehr knapp und dann kommt der historische Satz: „Ist das hier der Westen“?,“Nein, das ist Oberfranken“.

Der Film endet 10 Jahre später. Die beiden Familien sitzen vorm Fernseher und erleben,  wie die Grenze sich öffnet.

Karoline Schuch, Friedrich Mücke, Alicia von Rittberg, David Kross und Jonas Holdenrieder  spielen die Hauptrollen. Das Drehbuch haben Kit Hopkins und Thilo Röscheisen geschrieben.

 

cmb

 

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Georg Grosz

Georg Grosz – Bröhan Museum

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Kunst der Apokalypse

Nach der gelungenen Ausstellung „Berliner Realismus“ hat das Bröhan Museum nun dem bedeutendsten und provokativsten Satiriker der 1920er Jahre, dem Maler Georg Grosz (1893-1959), eine umfassende Retrospektive gewidmet.

Mehr als 200 Exponate aus dem Berliner Nachlass, aus Berliner Museen sowie aus Privatsammlungen beschreiben diese belebte, wahnsinnige, dunkle, von Krieg und Ungerechtigkeit, Angst und wüsten Vorahnungen belastete Zeit, die in einen neuen Krieg münden sollte. Nichts war ihm heilig und seine Aufgabe sah Grosz darin, die Missstände in seinem Land anzuprangern und aufzudecken. So einige Anzeigen und Anklagen hat ihm das eingebracht. Weder Reichswehr noch Kirche waren vor seiner Kunst sicher. Grosz malte das Hässliche, so wie er es sah und voraussah und oft noch schrecklicher als die Realität. Er war so etwas wie eine Kassandra. Seine Bilder sprechen von einer prophezeienden, brutalen Sensibilität, wie zum Beispiel die Zeichnung „Siegfried Hitler“  von 1923. Eckig und zackig, hart sind seine Protagonisten. Dicke Männer mit gemeinen Gesichtern trinken und essen, während im Hintergrund rohe Gewalt regiert. Das Titelbild zeigt zwei undurchsichtige Gestalten, die sicher ein krummes Geschäft vorhaben. „Brillantenschieber“ entstand 1920.

Ein Nervenzusammenbruch 1917 war die Ursache, dass er aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Schonungslos und gnadenlos sezierte er in der Folge mit sarkastischem Spott Militär, Kirche, Justiz, Wohlstand, Bürgertum, Industrie oder Politiker. Seine Mittel waren Stift und beißender Hohn, Krimis und Western haben ihn zu allererst inspiriert und zu dieser Verrohung seiner Kunst beigetragen. Grosz war kurze Zeit Kommunist, trat aber nach einem Russland-Aufenthalt wieder aus der Partei aus und reagierte sich mit satirischem Sarkasmus an der Welt und am Establishment ab.

Seine produktivste Zeit war die Mappen-Zeit in den 1920er Jahren, während ihn Alfred Flechtheim in seine Galerie holte; der Publizist Wieland Herzfelde, Gründer des Malik-Verlages – brachte sämtliche Mappen von Grosz heraus. Einige, darunter „Die Räuber“, sind in der Ausstellung zu betrachten. Hier kritisiert er die Ausbeutung der Kapitalisten. Die Titel der Blätter sind Zitate aus Schillers „Räuber“. Für die Radierung Jesus am Kreuz mit Gasmaske und Militärstiefel wurde er angezeigt und musste eine Geldstrafe zahlen. Das war auch die Zeit, in der er für das Theater Bühnenbilder entwarf, die  Bühnenskizzen und Kostüme zu Erwin Piscators „Soldaten Schweijk“ sind ebenfalls in der Schau zu sehen.

1930 nahm Georg Grosz an der Biennale von Venedig teil und seine Präsenz dort brachte ihm direkt eine Einladung als Dozent nach New York ein. Ausgereist ist er 1932; gerade noch rechtzeitig, denn er stand schon seit längerer Zeit unter Beachtung der SA, die kurz nach seiner Abreise seine Wilmersdorfer Wohnung stürmte.

Trotz großem Bekanntheitsgrad konnte er in den USA nicht von seiner Kunst leben. Grosz konnte allerdings weiterhin als Dozent an der renommierten Art Students Leage of New York unterrichten. James Rosenquist und Jackson Pollock zählten übrigens zu seinen Schülern. Weitere bekannte Maler dieser Schule waren Robert Rauschenberg, Jasper Johns oder Robert Indiana.

1936 fand in Berlin die Olympiade statt. Grosz war zu dieser Zeit schon im amerikanischen Exil. Es entstanden apokalyptische Bilder wie  « The Last Bataillon » : ausgemergelte Soldaten in zerfetzten Uniformen versuchen sich mit seltsamen Waffen durchzuschlagen. Aber an ihren Beinen hängen schon die Ratten. Eines der letzten Bilder in der Schau ein weiteres Amerika-Zeit-Bild  « Kain oder Hitler in der Hölle« . Blutrot der Himmel, blutrot Dantes Höllenfeuer. Kain-Hitler in Übergröße wischt sich über die müde, heiße Stirn vor einem erschreckend großen Skeletthaufen, von denen einige an seinen Beinen hochklettern wollen. Während Abel auf dem Bauch im Maul eines Drachens liegt. Nun war die Gefahr für Grosz eine andere geworden: nämlich die nukleare Bedrohung.

Irgendwann kam er dann wieder darauf zurück, was er ganz früher sein wollte, nämlich Landschaftsmaler. Die Dünen von Cape Cod zeigen aber auch diesen beunruhigenden Grosz-Stil und beruhigen  nicht wirklich.

Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten aus den Museen entfernt oder vernichtet. Kurz vor seinem Tod 1959 ist Grosz nach Berlin zurückgekehrt.

Dr. Tobias Hoffmann, Ralph Jentsch, Inga Remmers haben die sehr interessante Ausstellung kuratiert, die noch bis zum 6. Januar 2019 ist diese sehenswerte Ausstellung noch  im Museum Bröhan zu sehen ist.

Christa Blenk

 

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Der Trafikant – Film

Der Trafikant

Robert Seethaler hat seinen gleichnamigen Roman 2012 veröffentlicht. Nun wurde Der Trafikant von Nikolaus Leytner verfilmt mit Simon Morzé als Franz Huchel, Bruno Ganz als Sigmund Freud und Johannes Krisch als Otto Trsnjek.

Der 17-jährige Franz Huchel wird vor Beginn des Zweiten Weltkriegs von seiner Mutter nach Wien geschickt. Sie kann ihn nicht mehr alleine durchbringen, nachdem Ihr Gönner Alois beim Baden vom Blitz erschlagen wurde. „Es stinkt hier, wahrscheinlich die Kanalisation“ sagt er zu einer Lotterieverkäuferin gleich nach Ankunft am Bahnhof in der österreichischen Hauptstadt. „Das ist nicht die Kanalisation, das ist die Zeit, die stinkt“, antwortet sie ihm.  Franz ist naiv aber lernfähig und kommt zu Otto Trsnjek. Dieser, ein Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg, besitzt einen Trafik in Wien, bei dem Sigmund Freud seine Zeitungen und seine Zigarren kauft. Franz verliebt sich auf einem Rummel in die Tänzerin Aniezka und kommentiert mit Freud seinen Liebeskummer. Buch und Film spielen vor dem Hintergrund von Österreichs Anschluss an Deutschland im Nazionalsozialismus. Hauptthema ist die enge Freundschaft zwischen dem 82jährigen Freud und Franz, kurz bevor Freud im Juni 1938 nach London emigriert.

Der Film ist sensibel und traurig, theaterhaft bewegt er sich langsam durch ein fast idyllisches Wien und am Ende werden sowohl Otto als auch Franz von den Schergen abgeholt. Man mag es nicht glauben – aber eine Rettung ist nicht möglich.
cmb

 

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Otto Müller – Hamburger Bahnhof

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Als Sohn eines preußischen Leutnants wurde Otto Müller 1874 im schlesischen Liebau geboren. 1890 begann er eine Lehre in Lithografie und ab 1896 studierte er mit einer Sondergenehmigung an der Kunstakademie in Dresden. Kurz vor der Jahrhundertwende ging er nach München, wo ihm Franz von Stuck allerdings die Fortsetzung der Studien verweigerte. 1905 hat er sein Modell Maschka Mayerhofer geheiratet, mit der ihn sein Leben lang – auch nach der Trennung – großes Vertrauen verband.

1908 kam Otto Müller nach Berlin. Sein großes Vorbild war der Bildhauer Lehmbruch. Von ihm hat er die großen, schlanken Figuren – meist grün/braun und meist ohne Kleider –  die er sein Leben lang in eine meist grün-braune Natur stellte.  Erfolglos blieben seine Bemühungen, in der Berliner Secession aufgenommen zu werden, deshalb gründete er die Gruppe Neue Secession. So kam er zur Künstlergemeinschaft Brücke, der er von 1910 bis 1913 angehörte. 1915 musste er als Soldat nach Frankreich und Russland, wo ihn eine Lungenentzündung fast darnieder gerafft hätte. Diese Zeit ist durch Bilder in der Ausstellung dokumentiert.

Nach dem Krieg, 1919, wurde Müller  als Professor an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe nach Breslau gerufen, wo er sich schnell dem Kreis der Breslauer Bohème anschloss. Seine Frau Maschka kam mit diesem ausufernden Leben nicht zurecht und ging Anfang der 1920 Jahre nach Berlin zurück.

Und um die Breslauer Zeit geht es in der Ausstellung Maler Mentor Magier: Otto Müller und sein Netzwerk in Breslau. Sie beschreibt sein Leben dort, sein Lieben und seine Zusammenarbeit mit den Studenten, die ihn allesamt verehrten.  Man trifft auf eher unbekannte polnische Künstler. Von Müller sind  nur eine handvoll seiner Hauptwerke zusehen, darunter das  großartige Eigenportrait von 1924. Müller mit Pfeife und Pentagram-Umhänger.  Verschmitzt und provozierend zeigt er sich selber vor einem grün-orangen Hintergrund, rauchend und mit einem umgekehrten Pentagramm blickt er auf den Betrachter. Ob das ausreicht, um ihn als Magier zu bezeichnen, bleibt dahingestellt.

Warum jetzt das Wort Magier im Ausstellungstitel steht, ist nicht ganz nachzuvollziehen wie überhaupt ein wenig der rote Faden fehlt. Viele Themen werden kurz angerissen und dann nicht weiterverfolgt. Ein wenig hilflos fühlt man sich dann und wann. Aber die Bedeutung von Müller, die vorherrschende Stilvielfalt vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit überhaupt und das weltoffene und liberale Breslau kommen gut hervor. Der damalige Direktor der Breslauer Akademie, Oskar Moll, hat durch interessante Neuberufungen die Akademie zu einem zentralen Ort von Freiheit und Aufgeschlossenheit gemacht, wo sämtliche Strömungen aufgesaugt , verarbeitet  und weiterentwickelt werden konnten. So kam Oskar Schlemmer vom Dessauer Bauhaus 1929 als Professor nach Breslau,  wo er zusammen mit Georg Muche und Johannes Molzahn unterrichtete. Von ihnen sind sehr interessante Werke zu sehen. Viele Müller- Schüler haben anschließend in Berlin eine Künstlerkarriere gemacht.

Während Maler wie Kirchner das Berliner Leben dokumentierten, geht Müller immer wieder in die Natur und beschreibt  eine lehmige Verbindung Mensch und Natur. Flach und nahezu perspektivlos sind seine Bilder

Alexander Camaro war ein Schüler von ihm und auf  Anregung der Camaro Stiftung kam die von Dagmar Schmengler kuratierte Ausstellung zustande; sie ist eine Fortsetzung der Serie von kleineren Sonderausstellungen mit Bildern aus der Neuen Nationalgalerie, die ja immer noch nicht fertig ist.

Bis zum 3. März 2019 wird die Ausstellung noch in Berlin zu sehen sein, dann geht wie weiter nach Breslau/Wroclav.

Auf der documenta 1 1955 wurden einige seiner Werke von Müller in Kassel gezeigt. 1930 starb er und hat nicht mehr erlebt, wie 1937 die Nazis fast 400 seiner Werke beschlagnahmten

Zu sehen sind Arbeiten auf Papier und Lithografien, Zeitungsausschnitte und Werke von ihm und anderen Künstlern. Die Texte sind in deutscher und polnischer Sprache; es gibt aber ein sehr ausführliches Begleithaft in Englisch.

Christa Blenk

 

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Viaggio in Argentina

Heimweh – Fernweh

Der Komponist und Bandoneonist Daniel Pacitti hat italienische und argentinische Wurzeln. Zurzeit lebt, unterrichtet und komponiert er in Berlin, wo er nach einem Umweg über Italien, Rumänien und Frankreich schließlich gelandet ist. Und in Berlin hat er auch sein Projekt “Das deutsche Bandoneón“ angefangen.  Pacitti weiß, was Heimweh bedeutet, aber sein Fernweh und die Suche nach Neuem, hindern ihn immer wieder daran, sich ihm hinzugeben.

Am 1. November hat er im Kammermusiksaal der Philharmonie mit gleich zwei Uraufführungen das Thema Fernweh und Heimweh behandelt: Daniel Pacitti und die Camerata dei Castelli haben im Rahmen dieser Gastveranstaltung allerdings an die 41 Millionen Europäer gedacht, die zwischen 1851 und 1915 von der alten Welt in die neue Welt auswanderten – über sechs Millionen von ihnen erreichten Argentinien.

Dem italienischen Bratschisten Dino Asciolla hat er  sein vor Kurzem entstandenes „Concierto criollo für Viola und Orchester“ gewidmet. Muriel Weißmann  interpretiert es meisterhaft auf der Bratsche. Culto y Zamba nennt er den ersten Satz und die Musik der Inkas  nahe der bolivianischen Grenze haben ihn hier inspiriert. Nach Paraguay und ans Meer reist er im zweiten Satz, Plegaria. Der letzte Satz, Malambo, vereint schließlich die argentinische Pampa mit der kubanischen Habanera. Eine ewige Suche, Ordnung in ein Länder- Landschafts- und Notenchaos zu bringen mit mitteleuropäischen Zitaten von Richard Strauß und Bernstein – auch Ravel.

Dann tritt der Maestro selber auf. Den Tango „Bandoneón alemán – alma del Tango“ hat er Deutschland gewidmet, dem Land, in dem Heinrich Band in der Mitte des 19. Jahrhundert das erste Handzuginstrument, das Bandoneón, entwickelt hatte und wo es immer noch hergestellt wird.  Milongueros, Tangoschulen und Tangoverbände beleben hier in Berlin die emsige Tango-Kultur.

Als Zugabe darf natürlich Carlos Gardel nicht fehlen. Pacitti spielt Por una cabeza mit der ersten Geigerin und irgendwie bekommen wir den Eindruck, dass die meisten Besucher wegen ihm und dem Tango an diesem Abend in die Philharmonie gekommen sind.  Der Franzose Charles Romuald Gardès (Gardel) kam wahrscheinlich 1900 mit seiner Mutter nach Buenos Aires und wurde dort zum größten Tango-Star, Sänger und Komponist. In den 1920er und 1930er Jahren feierte er einen Welterfolg nach dem anderen. Por una cabeza ist einer der populärsten Tangos des Musikerpaares Gardel und Le Pera. Im Jahre 1935 wurde das Stück für einen Musical-Film im Spieler-Milieu komponiert. Die Uraufführung haben beide nicht mehr erlebt, da sie im Juni 1935 bei einem Flugzeugabsturz in Medellín ums Leben kamen.

Nach der Pause geht es weiter mit einem wunderbaren Konzert für Violoncello und Orchester. Auch dieses Werk eine Welturaufführung.  Arrabal ist Melancholie pur, Musik für einen Woody Allen Film, Pacitti hat diesen Satz dem argentinischen Fußballer Lionel Messi gewidmet. Der zweite Satz Remembranzas gräbt in einer sehnsuchtsvollen Vergangenheit, eine Mariachi-Trompete mündet plötzlich  in einen wunderbaren Dialog zwischen Cello (Alessandra Doninelli) und der Harfe  (Beatrice Melis).  Dem dritten Satz hat er den Namen Tangool gegeben; hier zitiert Pacitti sein Vorbild Astor Piazzolla und wer möchte, hört den Rhythmus und die Dynamik von Libertango.  Piazzola leitete 1974 in Mailand mit der Fusion zwischen Libertad (Freiheit) und Tango eine Transition vom klassischen zum Neuen Tango ein.

Ein überraschendes Konzert – ein Babel und cross-over zwischen traditionellen Melodien vom alten Kontinent Europa,  prä-kolumbianischen Stilelementen, afrikanischen Rhythmen, die ihren Ursprung in Kuba haben und Free-Jazz. Der permanente Rhythmuswechsel und die Virtuosität dieser neuen Werke haben dem Dirigenten, den Solisten und der Camerata dei Castelli viel abverlangt, was diese aber mit Bravour gemeistert haben.

Mit den beiden mehrfach preisgekrönten Solistinnen und dem Dirigenten hat Pacitti eine gute Wahl getroffen. Sie haben sich mit großer Natürlichkeit und Enthusiasmus auf die komplizierten Rhythmen dieser neuen Werke von ihm eingelassen.

Muriel Weißmann war  Bundespreisträgerin bei den Wettbewerben Jugend musiziert, sie nahm an zahlreichen Meisterkursen teil und studiert seit ein paar Wochen bei Prof. Wolfram Christ in Freiburg. Seit 2017 ist sie Mitglied im European Union Youth Orchestra und spielt regelmäßig im Staatsorchester Stuttgart.

Alessandra Doninelli  studierte am Konservatorium Lugano bevor sie zu Ivan Monighetti und Sol Gabetta nach Basel ging. U.a. im war sie Gast am Mozarteum in Salzburg und tritt regelmäßig als Solistin mit dem Young Eurasian Soloist Chamber Orchestra auf.

Am Pult der Schweizer Dirigent Andreas Laake. Die junge Camerata dei Castelli hat er 2013 gegründet, Laake leitet außerdem das Kammerorchester von Locarnese.

Vor einem Jahr hat Daniel Pacitti sein Luther-Oratorium « Wir sind Bettler » in der Berliner Philharmonie uraufgeführt.

Christa Blenk

 

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Messa da Requiem in der Deutschen Oper

Der Tod auf dem catwalk

Die Uraufführung dieser Inszenierung von Verdis Messa da Requiem hat bereits 2001 stattgefunden; seitdem ist das Werk 34 Mal aufgeführt worden und schafft es fast immer, die Deutsche Oper zu füllen.

Achim Freyer hat den Chor in die Unterwelt gesteckt, über ihr  zieht während der kompletten Vorstellung die gequälte Menschheit ohne Beine, Arme, Köpfe von links nach rechts und die Zeit läuft und vergeht. Man denkt an Kriegsbilder von Otto Dix. Die Menschenopfer, jedenfalls wirken sie so, schlurfen, blicken ängstlich immer wieder nach oben und fallen auf die Erde. Über allem glänzt der weiße Engel.

Epik pur! Musik und Bilder gehen in die Knochen während Leben, Tod, Schrecken und Angst 90 Minuten lang über die Bühne ziehen. Freyer zitiert aus Kunst und Tanz und arbeitet mit Symbolen. Trost gibt es nicht, Hoffnung schon, denn einmal wird der Weg von links nach rechts unterbrochen und die Protagonisten gehen für ein paar Minuten in die Richtung, aus der sie gekommen sind. Der Schmetterlings-Totentanz in Rot lässt an die Tänzerin Loi Fuller denken, sie sich von Marie Curie Radium hat geben lassen, um heller zu strahlen. Das permanente Vorbeiziehen erinnert an William Kentridges Fries „Thick Time“ und plötzlich wird die schwarz-weiße Ästhetik von einem Oskar Schlemmer Kostüm aus dem Tridadischen Ballett unterbrochen.  

Giuseppe Verdi soll den Tod einmal als „die größte Katastrophe des menschlichen Lebens“ bezeichnet haben. Mit der Messa da Requiem hat er eine weitere Oper komponiert, seine beste! Deshalb kann man dieses Werk sehr gut inszenieren. Diese Totenmesse ist nicht auf einen Kirche beschränkt.

Großartig und in Höchstform der Chor der Deutschen Oper Berlin; umwerfend und überzeugend  die Solisten. Am Pult Benjamin Reiners. Michelle Bradley singt den Weißen Engel. Die Mezzosopranistin Annika Schlicht (die auch in Wozzek als Marie glänzte) ist Der Tod-ist-die Frau; der « einsame » Tenor ist Robert Watson und « Der Beladene » wird von  Derek Welton gesungen und gespielt.

 cmb

 

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Wozzek

Alban Bergs Oper Wozzek wurde 1925 in Berlin uraufgeführt. Die Idee, Büchners Drama zu vertonen, entstand fast 10 Jahre früher, als Alban Berg 1914 Büchners Drama an den Wiener Kammerspielen sah. Die Arbeit war eine lange, auch aufgrund von unterschiedlichen, zur Verfügung stehenden, Ausgaben des Werkes. 1921 war er mit der Kompositionsarbeit fertig, es dauerte aber dann nochmals ein paar Jahre, bis das Werk mit Erich Kleiber am Pult dem Konzertpublikum vorgestellt werden konnte.

Die Geschichte spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts, irgendwo in einer kleinen Garnisonsstadt. Woyzeck, ein von Verfolgungswahn und Depressionen geplagter Soldat, wurde zum Tode verurteilt, nachdem er als erster Täter auf Unzurechnungsfähigkeit getestet wurde.

Ole Anders Tandberg hat in diesem Herbst Wozzek für die Deutsche Oper Berlin inszeniert. Er hat die Handlung in seine Heimat Norwegen verlegt und das auch noch auf den Nationalfeiertag. Die vielen Trachten und Farben haben aber nicht geschadet; musikalisch war die Aufführung einwandfrei.

Donald Runnicles mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin hat bella figura gemacht. Johan Reuter, in ziviler Kleidung, ist ein überzeugender und unglücklicher Wozzek, immer zwischen dem drängelnden Hauptmann, dem experimentierenden Doktor,  dem flotten Tambourmajor und seinen kleinen Familie hin- und hergerissen, bringt er seine Arien sauber und textverständlich, sich immer mehr wachsender Verzweiflung hingebend. „Er denkt zuviel“ sagt ihm der Hauptmann. Wozzek wird von allen benutzt und von niemandem respektiert. Irgendwann kann er nicht mehr und tötet Marie und sich selber.

Die Mezzosopranistin Elena Zhidkovas vereint Vulnerabilität mit sinnlich Religiösem und Frechheit aufs Feinste. Seth Carico wirkt zwar als Arzt nicht gerade vertrauenserweckend aber stimmlich auf jeden Fall. Annika Schlicht, Thomas Blondelle und Matthew Newlin stehen in nichts hinterher. Sehr souverän und sicher der Chor.

Unterschiedliche Musikelemente, wie Passacaglia, Rondo, Suiten, Ländler oder Walzer verbinden das Stück und bringen es immer wieder in eine andere Musikrichtung. Sprechgesang, Zwölftontechnik und fast Belcanto-Arien wechseln sich ab.

Die Premiere war am 5. Oktober 2018.

cmb

 

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Die Schöpfung

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Am 14. Oktober fand in der Kirche Zur Frohen Botschaft in Karlshorst eine großartige Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ statt.

Cornelia Ewald mit der Kantorei Karlshorst, begleitet vom jungen Bach Ensemble und drei ausgezeichneten Solisten (Alessia Schumacher, Volker Arndt und Jonathan de la Paz Zaens) übertrafen sich selber und setzten den großen Triumpf, den Joseph Haydn mit seinem Spätwerk seinerzeit erntete, fort. Selten wird die Umwandlung von Chaos zu Harmonie vielfältiger, dramatischer und glänzender beschrieben als bei Haydns Schöpfung. Gurrende Tauben, brüllende Löwen oder springende Hirsche rauschen durch den Innenraum der Kirche und jubeln mit dem Chor um die Wette. Die Anschaulichkeit von Haydns Hauptwerkt kann man nicht besser herüberbringen, auch nicht mit einem Weltklasse-Ensemble. Eine große Herausforderung meisterhaft durchgeführt.

Angeregt zu seinem großen Oratorium wurde Haydn während eines Aufenthaltes in England zu Ende des 18. Jahrhunderts, als er Händels Werke hörte. Nur zwei Jahre hat er an der Schöpfung gearbeitet und es selber als grundlegende religiöse Erfahrung betrachtet. Haydn selber dirigierte 1798, 66 Jahre alt, die Schöpfung im ehemaligen Stadtpalais Schwarzenberg in Wien. Dieser Uraufführung gingen einige Voraufführungen in geschlossener Gesellschaft voraus.
„Wir wollen Papa Haydn!‘Es lebe Papa Haydn! Es lebe die Musik! ‘ war die Resonanz in Wien und es folgten schnell hintereinander mehrere Aufführungen.

Ausgangspunkt und Grundlage der Schöpfung sind unterschiedliche Quellen: das Buch der Genesis, das Buch der Psalmen und John Milton Gedicht Paradise Lost. Ein unbekannter Librettist hatte es schon für Händel aufbereitet, dieser hat sich aber schließlich nicht damit befasst. Bereits im Jahre 1800 wurde es zweisprachig veröffentlicht und wird auch heute noch in beiden Sprachen aufgeführt.

Drei Gesangsolisten (Sopran, Tenor und Bass) ein vierstimmiger Chor (Sopran, Alt, Tenor und Bass) und ein großes, spätklassisches Orchester kommen zum Einsatz. Das Cembalo übernimmt den Basso continuo, begleitet aber auch die Arien und Chorpassagen. Haydn hat den absoluten Klang gesucht und setzte bei der Uraufführung 120 Instrumentalisten und 60 Sänger ein. Die Rollen der Solisten sind aufgeteilt: Der Erzengel erzählt die sechs Tage der Schöpfung. Gabriel hat den Sopran-Part, Uriel ist ein Tenor und Raphael eine Bassstimme.
cmb

 

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Villa Schöningen

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Ein Blick hinter die Bayreuther Kulissen

Die Farbe Blau muss für sehr viel herhalten: Das Eis ist blau, kalt, still, ruhig und hart. To feel blue bedeutet sich schlecht zu fühlen und blau sein ist eine Umschreibung für zuviel getrunken zu haben. Es gibt Blaulicht und Blauhelme und wer nicht zur Arbeit geht ohne krank zu sein, macht blau. Blau ist die Farbe des Himmels und des Meeres. Das Kleid der Muttergottes ist blau und die Romantik ebenso.

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Blau ist auch die Farbe, die das  Künstlerpaar Rosa Loy & Neo Rauch  für den Bayreuther Lohengrin 2018 ausgesucht haben und so wird dieser zu einer Rhapsody in Blue.

Bayreuth ist schon wieder vorbei, aber die Vorbereitungen, Konzepte und Ideen dieser Inszenierung, für die es nicht nur Lob gegeben hat, sind seit dem 3. Oktober 2018 in der Villa Schöningen, gleich hinter der Glienitzer Brücke,  zu sehen.  Eine Traum- und Märchenwelt im ersten Stock der Villa. Im Erdgeschoss wird die Bedeutung der Brücke von Berlin nach Potsdam beim Austausch von Agenten während des Kalten Krieges beschrieben. Auf dem Todesstreifen stand sie damals, die schöne Villa mit dem traumhaften Garten.

An die 100 Exponate sind hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, darunter Kostüme, Zeichnungen, Maschinen, Lichtprojekte und viel Pappe. Ergänzend kann man Wagners Musik lauschen und einer Diskussionsrunde des Künstlerteams und dem Dirigenten Thielemann zuhören,   Neo Rauch, der Expressionist, der Surrealist, der Symbolist, der Hauptvertreter der Leipziger Schule, dessen Bilder von Horror vacui geprägt sind, hat sich einen Traum erfüllt, laut einem Zeitungsinterview arbeitet er angeblich an „der Wiederverzauberung der Welt“.

Und wenn man vom Fenster der Villa auf den Wannsee blickt, würde es gar nicht verwundern, wenn da plötzlich ein blauer Schwan auf dem blauen See unter blauen Wolken herangesegelt käme.

 

cmb

 

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El Cimarrón

Artikel für KULTURA EXTRA

Im Rahmen der Konzertreihe „Musik erzählt von Freiheit“ wurde am vergangenen Sonntag im Kulturraum Die Flora in Gelsenkirchen Hans Werner Henzes Recital „El Cimarrón“ aufgeführt.

Cimarrón war ursprünglich die Bezeichnung für ein entlaufenes und verwildertes Haus- oder Nutztier in Lateinamerika, etwa ein Rind oder ein Schaf. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Begriff auf entlaufene Sklaven übertragen, die hierarchisch und rechtlich den Haustieren gleichgestellt waren.

„La libertad, Sancho, es uno de los más preciosos dones que a los hombres dieron los cielos“ (Die Freiheit, Sancho, ist eine der köstlichsten Gaben, die der Himmel dem Menschen verliehen hat) lässt Cervantes Don Quijote zu Sancho im zweiten Teil sagen.

Hans Werner Henzes El Cimarrón basiert auf einer wahren Begebenheit und beschreibt in 15 Bildern das Leben des im Jahre 1860 geborenen Sklaven Esteban Montejo. In knapp 80 Minuten ziehen Unterdrückung, Flucht, Befreiung, Hoffnung, Aufbegehren, Wut, Resignation, Liebe und die Sehnsucht nach Freiheit am Zuschauer vorbei. Vier Solisten, d.h. ein Gitarrist, ein Flötist, der auch die Maultrommel spielt, diverse Perkussionsinstrumente sowie ein Bariton bewältigen diese faszinierende Musiktheater-Komposition.

Der Bassbariton Robert Koller spricht, singt, zetert und tanzt. Tiefe Wörter werden zu hohen Tönen und mit Händen und Gesten erklärt er die unterschiedlichsten Zustände. Am Tisch sitzt er nur kurze Zeit, dann springt er auf ihn, erhebt seine Hände in Priestermanier, will er beten? Nein, er prangert die Kirche an. In der Zeit hin- und herspringend wirft er sich stolz eine rasselnde Eisenkette um den Hals und dann diese in eine Ecke, erschlägt einen Aufseher mit einem Stein, schimpft zu einer Habanera auf die Kolonialmacht, rennt durch die Musikinstrumenten-Stadt verfolgt von Christina Schorn und Ivan Mancinelli, während der Flötist auf der Maultrommel dazu spielt. Am Ende bleibt Montejo wieder nur das Plantagenfeld, weil die Freiheit eine falsche war und er trotz technischer Errungenschaften wieder bei großer Hitze Zuckerrohr schneiden muss, um überleben zu können. Koller leistet Großartiges zwischen anklagenden, groben und minimalen Gebärden und stolzer, expressiver Mimik.

Christina Schorn spielt, hämmert, schreit, knurrt und streicht. Henze hat zwar klare Vorgaben über die Höhe von Tönen und Klängen gemacht, aber die Interpretation, die Lautstärke oder den Rhythmus der Improvisation der Solisten überlassen. Dazu stehen die Musiker permanent mit Blicken und Gesten in Kontakt. Filigrane Passagen und zauberhafte Duette gehen über zu Flöten- oder Gitarrensoli, minimalistische Passagen werden zu kubanischen Rumba-Rhythmen oder zu einer Habanera. Jedes Bild bekommt ein Instrument zugeordnet. Ganz unglaublich, dass nur drei Musiker all dies bewerkstelligen können.

Auf der Suche nach seiner persönlichen musikalischer Freiheit und dem schönen Klang hat Hans-Werner Henze, die Doktrin der 12-Ton-Musik verlassen und viel faszinierende und neue Musik komponiert, die immer wieder überrascht und begeistert. Beim Cimarrón verweist er auf kubanische Volksmusik, zitiert afrikanische Perkussionspassagen, gibt sich romantischen, bekannten Klängen hin und zögert nicht, sich gleichzeitig bei der Musiksprache der Moderne zu bedienen. Der Einsatz der Instrumente geht auf die Sprechweise von Esteban Montejo ein.

Aber wie kam es zu diesem Stück? Hans Werner Henze nimmt 1969 in Havanna einen Lehrauftrag an, auch aus Protest nach dem Skandal und den Tumulten bei der nicht stattgefundenen Premiere von „Das Floß der Medusa“ in Hamburg. In Havanna entdeckt er die Geschichte des Sklaven Montejo (1860-1973), die der Schriftsteller und Ethnologe Miguel Barnet 1966 life auf Band aufzeichnete. Henze erkennt hier sofort einen großartigen Stoff für eine politische Komposition zu der Hans-Magnus Enzensberger auf der Basis von Barnets Buch „Biografia de un cimarrón“ das Libretto schreibt. Henze hatte 1969 Montejo auch persönlich getroffen und war beeindruckt, dass dieser mit 109 Jahren „immer noch aufrecht“ ging.

Fertiggestellt hat er El Cimarron erst ein Jahr später, 1970, schon wieder zurück in Italien/Marino. Auf Einladung von Benjamin Britten, konnte das Werk noch im selben Jahr beim Aldeburgh Festival uraufgeführt werden. Solisten waren der US-amerikanischen Sänger William Pearson, der kubanische Gitarrist Leo Brouwer, der Flötist Karlheinz Zöller und der Schlagzeuger Tsutomu Yamash’ta. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg und das Stück ging direkt im Anschluss auf Tournee nach Spoleto, München, Edinburgh, Avignon und kam schließlich auch nach Berlin.

El Cimarrón ist viel mehr als die Lebensgeschichte des entlaufenen Sklaven Montejo. Es ist die Geschichte von Kuba, von der Welt. Es ist zeitlos.

Das El Cimarrón Ensemble entstand 1999 mit dem Ziel, das Recital El Cimarron in Österreich aufzuführen. Michael Kerstan war zu dieser Zeit in Hallein und hat mit den Musikern Christina Schorn und Ivan Manchinelli das Ensemble gegründet. Michael Kerstan, der über 30 Jahre eng mit dem 2012 verstorbenen Maestro zusammen gearbeitet hatte, hat auch die Aufführung in Gelsenkirchen mit Robert Koller (Bassbariton), David Gruber (Flöte), Christina Schorn (Gitarre), Ivan Mancinelli (Schlagwerk) inszeniert. Zusammen mit einem anderen Henze-Experten, Michael Walter, der sich im Rahmen der Ruhr-Triennale 2010 viel mit Henze und seinem Werk beschäftigte und unzählige Werke von ihm dort an unterschiedlichen Spielstätten zur Aufführung brachte, hat er vor der Veranstaltung das Publikum auf die Aufführung vorbereitet.

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El Cimarron Ensemble mit Hans Werner Henze - Foto (c)  C. Ludovisi 

 

Die Konzertreihe im „Flora“ Musik erzählt … von Freiheit geht am 4.11. mit dem Ensemble Unterwegs  und Schuberts Winterreise weiter.

Christa Blenk

 

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Theater: Willkommen bei den Hartmanns

Angelika und Richard Hartmann leben in einem großen Haus in einer guten Gegend (Zehlendorf, Dahlem oder Grünewald) und sind so um die 60. Gut situiert, keine sichtbaren Sorgen, Wohlstandslangeweile bei Angelika und verspätete Midlife-crises Botox inklusive bei Richard. Die ehemalige Deutschlehrerin Angelika hält sich immer an einem Weinglas fest und sucht eine sinnvolle Aufgabe, nachdem ihre erwachsenen Kinder, Sophie, die ewige Studentin,  und der vom burn-out bedrohte Philipp, aus dem Haus sind. Ihr Mann Richard, erfolgreicher Chirurg seines Zeichens, lebt immer noch für die Arbeit und hat ein Problem mit den Wörtern alt und Rente. Schließlich beschließt Angelika über den Kopf der skeptischen Familie hinweg, einen Flüchtling aufzunehmen. Unterstützt dabei wird sie von ihrer früheren, durchgeknallten, sozial und grün eingestellten Freundin Heike auf dem Öko-Hilfe-Flüchtlings-Trip.

So kommt Diallo ins Haus und konfrontiert sie alle nacheinander mit ihrem Leben (Die Deutschen sind alle so verwirrt, zitiert Diallo des öfteren). Jedes einzelne Familienmitglied wird sich plötzlich der vorherrschenden Einsamkeit und Oberflächlichkeit bewusst. Diallo bringt sie wieder zusammen, findet einen Mann für Sophie und verhindert die Trennung von Richard und Angelika. Sogar Philipps aufsässiger, versetzungsgefährdeter und rappender Sohn Sebastian schreibt mit Diallos Hilfe endlich mal eine Eins.

Zum Schluss mögen sich  Alle und fahren gemeinsam in Diallos Heimat, um seinen kleinen Bruder zu holen, denn Richard kann endlich in Würde alt werden und in Rente gehen.

Amüsant-manipulierende Gemeinplätze in rasanter Folge mit dem Fazit: Kennen heißt verstehen bzw. tolerieren!

Die Komödie nach dem gleichnamigen Film von Simon Verhoeven basiert auf einem Text von John von Düffel. Regie Martin Woelffer, Bühne und Kostüme Stephan Fernau. Es spielen  Rufus Beck, Gesine Cukrowski, Marion Kracht, Mike Adler, Quatis Tarkington, Jonathan Beck und Pia-Micaela Barucki.

cmb

 

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Zarte Männer – Ausstellung im Kolbe Museum

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 Raumansicht

 

Aufmarsch der Anti-Helden

Die diesjährige Herbstausstellung im Kolbe Museum ist « zarten Männern » gewidmet: Skulpturen der Moderne aus drei Generationen.

80 Plastiken von weniger bekannten Bildhauern sind zu entdecken aber auch bedeutende Künstler wie Wilhelm Lehmbruck, Hermann Blumenthal, George Minne oder Georg Kolbe selber sind ausgestellt und sie haben Eines gemeinsam: Die Männer entsprechen allesamt nicht dem damals (und vielleicht noch heute) erwarteten Männerbild. Die Skulpturen zeigen zarte, empfindsame und schüchtern-vergeistigte Jünglinge. In einer von Unruhen und Kriegen geprägten Zeit schauen diese wehrlos wirkenden Anti-Helden gen Boden, wollen sich nicht mit Schwertern oder Waffen belasten oder kämpfen. Sie sehnen sich nach schönen Gedanken, wollen Poesie zitieren und den Duft einer Rose in Arkadien schnuppern.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Italien der Futurismus erfunden. Seine martialischen Parolen verherrlichten den Krieg. Die Welt musste laut und schnell und aggressiv werden. Diese dunkle, schwere Bewegung verlangte eine lichte Gegenbewegung, die wiederum eine Fortsetzung der Antikenverherrlichung bedeutete, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Das gebildete Bürgertum konnte sich die antiken Helden Merkur, Amor oder Ganymed in Kleinformat in die Vitrine stellen oder ihre Wunderkammer damit bereichern. Hier stehen Jünglinge oder Schönlinge, wie Thomas Mann sie in Tod in Venedig beschreibt. Was Letzterer oder Rainer Maria Rilke aufs Papier brachte, wurde von diesen Bildhauern in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen.

Der Ganymed von Artur Volkmann von 1890 hat mit der Knieenden (Spinne) von Blumenthal von 1930 nur die weltfremde Vulnerabilität gemein. 

Wilhelm Lehmbrucks  (1881-1919) Gestürzter entstand 1915 und wird als Markstein in der Körperempfindung moderner Skulptur gesehen. Überhaupt schuf Lehmbruck seine interessantesten Werke während des Krieges, den er in Zürich verbrachte. Wie fast all diese Künstler hat sich Lehmbruck hauptsächlich dem menschlichen Körper zwischen manieristischem Naturalismus und Expressionismus gewidmet. Anonymisiertes Elend, Leid und Armut drücken seine Arbeiten oft aus, dargestellt durch überlange, überdünne Körper. Einige seiner Werke wurden nach seinem Tod in München zuerst gezeigt und dann zerstört; die Knieende schaffte es 1955 auf die documenta 1. Lehmbruch, immer mehr gequält von Depressionen, wählte 1919 den Freitod. Er zählt neben Kollwitz, Kolbe und Barlach zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit.

 

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Artur Volkmann (Ganymed, um 1890), Georg Kolbe (Stürzender Flieger, Iakrus, um 1917); Hermann Blumentahl (Sterngucker, 1936)
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Josef Enseling (Adam, 1914/ Karl Albiker (Knabe mit Hut, 1918), Wilhelm Wandschneider (Hermes, 1908), ) Hermann Blumenthal (Knieender, Spinne, 1930)

 

Georg Kolbe (1877-1947), beeinflusst von Max Klinger, kommt erst einmal vom Symbolismus. Als Autodidakt begann er 1900 mit ausdrucksvollen oder dramatischen Köpfen. Seine Arbeiten wurden über einen expressionistischen Impressionismus immer minimaler, reduzierter; er ist der untypischste in der Ausstellung. Sein Ikarus wirkt gar nicht so rachitisch und kommt mit intakten Flügeln auf dem Boden an. Die Skulptur entstand in Kolbes Istambuler Zeit, wo der Krieg ihn hingebracht hatte. Durch die Fürsprache seines Botschafter-Freundes wurde er allerdings vom aktiven Kriegsdienst verschont. Kolbe sollte indessen auf dem Friedhof von Tarabya ein Gefallenendenkmal errichten. Dies verschaffte ihm u.a. nach seiner Rückkehr nach Berlin 1919 die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste.

Hermann Blumenthal (1905-1942) gehört zur dritten Generation dieser Bildhauer. Er lernte die Antike Anfang der 1930er Jahre in Rom kennen und kam später von einem elegantem Kubismus zum Konstruktivismus. 1936 hatte er in Berlin seine erste Einzelausstellung, die aber – außer bei der liberalen Presse – nicht sehr gut ankam. Er selber zerstörte viele seiner Frühwerke, durfte aber 1936 als Stipendiat an die Villa Massimo  nach Rom und später nach Florenz. In Italien entstanden seine Hauptwerke. Blumenthal wurde 1940 eingezogen und viel 1942 in Russland.

Die Ausstellung im Kolbe-Museum, ist wieder einmal ein Schmankerl und  findet zum Gedenken an die Errungenschaften der ersten deutschen Republik vor 100 Jahren anlässlich des Themenwinters 2018 statt. Ein umfangreiches Begleitprogramm rundet diese Schau ab. 

Der Ausflug ins Westend lohnt auf jeden Fall und der anschließende Besuch im originellen Café K nebenan ohnehin.

Christa Blenk

 

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Beelitzer Heilstätten

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Um 1900 profitierten nur wenige Berliner Einwohner von den ersten Kraftdroschken, vom elektrischen Licht oder der Errungenschaft einer Kanalisation. Fortschritt bedeutete für viele Landflucht, Armut, stinkende Rinnsteine, Wohnungsknappheit, Krankheit und Misere oder mangelnde Hygiene (Haushalte vermieteten z.B. ihr Bett tagsüber an Schlafburschen, während sie bei der Arbeit waren, um die Miete leichter bezahlen zu können). In Berlin gab es  unzählige Lungenkranke, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Erst der Arzt Robert Koch (1843-1911) entdeckte 1892 den Erreger der Tuberkulose, wofür er 1905 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In Verbindung mit Medikamenten und gutem Essen konnte viel frische Luft  wahre Wunder wirken und zur Heilung beitragen.

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Ende des 19. Jahrhunderts entschied die Landesversicherungsanstalt Berlin, sich nachhaltig um die vielen schwindsüchtigen Arbeiter zu kümmern und ließ einen der größten und beeindruckendsten Krankenhauskomplex in Brandenburg und Deutschland – knapp 40 km von Berlin entfernt – bauen. 60 Gebäude wurden auf knapp 200 Hektar mitten im Wald errichtet, um die Kranken in gesunder und sauberer Waldluft genesen zu lassen.  Aber um einen Platz in dieser Einrichtung zu bekommen, durfte man nicht älter als 40 Jahre alt sein und als heilbar eingestuft werden. War die Krankheit schon zu weit fortgeschritten, hatte man keine Chance, auf einen der sonnigen und geschützten Liegeplätze im Grünen. Die LVA übernahm die teure Behandlung, wollte aber die Arbeiter später wieder ins Berufsleben zurückholen.

Auf der einen Seite der Bahnlinie waren die Frauen untergebracht, auf der anderen die Männer. Treffen waren strikt verboten. Am Sonntag durfte die Familie aus Berlin zu Besuch kommen.

1898 begannen also die Architekten Heiner Schmieden und Julius Boethke mit der ersten Bauphase, die 600 Betten vorsah. 1908 wurde erstmals weiter ausgebaut und um 1910 gab es dort 1200 Betten. Ein riesiger Hotelbetrieb, der sich fast als Selbstversorger tragen konnte. Der Architekt Fritz Schulz übernahm ab 1925 die dritte Bauphase. Der Berliner Paul Stanke baute ein sensationelles Heizkraftwerk, das mit Kraft-Wärme Kopplung betrieben wurde

Der Besuch in den Beelitzer Heilstätten kommt einer Reise in die Vergangenheit gleich.  Thomas Mann hat sein Lungensanatorium in die Schweizer Berger verlegt, aber diese Frischluftkur war auch hier im Flachland von Berlin möglich und erfolgreich. Gebaut wurde im Ziegellandhausstil in Grün und Braun, sympathische Erker oder Jugendstilelemente schafften Gemütlichkeit und positives Wohlfühlambiente. Das Essen war umfangreich und gut, sicher besser als es die Kranken von zuhause gewohnt waren. Eine Truppe von Gemüseputzfrauen schälte den ganzen Tag Kartoffel oder Steckrüben, die zu Fleisch und Wurst serviert wurden, damit die Kranken schnell an Gewicht zunahmen, denn Gewichtszunahme war die erste Voraussetzung, um bleiben zu können. Trotzdem versuchten vor allem die kranken Frauen immer wieder, etwas von dem Essen abzuzweigen, um es der Familie am Sonntag mit nach Hause zu geben. Damit dies nicht überhand nahm, gab es die Aufpasserinnen, die von Balkonen während der Mahlzeiten die Frauen überwachten.

Während der beiden Weltkriege dienten die Beelitzer-Heilstätten als Lazarett für verwundete Soldaten. 17500 Kranke wurden während des 1. Weltkrieges dort gesund gepflegt.

Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Heilstätten wurden 1945 von der Roten Armee übernommen und dienten bis in die 1990er Jahre als Militärhospital der sowjetisch-russischen Armee im Ausland. Aus dieser Zeit stammt die riesige Dunstabzugshaube in der Küche, einer der wenigen Gegenstände, die noch erhalten sind.

Aber die wirklich bedeutenden Schäden und Plünderungen fanden erst ab dem Jahre 2001 statt. Durch die Insolvenz der Eigentümergesellschaft blieb das Gelände verlassen und schutzlos zurück, dem Verfall und Vandalismus  frei gegeben.

Seit ein paar Jahren geht es aber aufwärts und das Gelände ist wieder für Besucher geöffnet. Besichtigungen sind allerdings nur mit Führung und Helm möglich.

In den letzten Jahren fanden komplexe Umbau- und Sanierungsarbeiten statt und es entstand eine neurologische Rehabilitationsklinik, ein Parkinson-Fachkrankenhaus sowie eine Rehabilitationsklinik für Kinder. Einige Gebäude in der Nähe des Bahnhofs wurden und werden zu Wohnraum umfunktioniert.

Dann und wann stößt man noch auf einen verrotteten Liegestuhl, kaputte Reagenzgläser, alte Stiefel oder verrostete Badewannen. Das ursprüngliche Waschhaus wurde in den 1920 Jahren in einen Hörsaal  mit Labor umfunktioniert. Auch dort sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, aber ein paar kaputte Hörsaalbänke katapultieren den Besucher zurück in eine andere Zeit, die von Staub und Schmutz überzogen ist. Graffitis an fast allen Wänden sprechen von Vandalismus und Zerstörungswut.

Die Geschichte ist sehr interessant und man wundert sich, wie durchdacht und modern das Konzept war. In den 1920er Jahren wurden die Essen-Transportbehälter sogar mit Elektroautos transportiert, um die Luft sauber zu halten.

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2015 wurde über dem Alpenhaus, der ehemaligen Frauen-Lungenheilstätte, ein Baumkronenpfad errichtet. Über 300 Meter geht man an den Gipfeln entlang und kann beobachten, wie die Natur wieder um sich greift und Bäume und Gestrüpp aus Häuserdächern wachsen.

Die interessante Architektur, die etwas spukhaft in diesem verwunschenen Wald steht und mit der Natur um die Vorherrschaft kämpft, ruft immer wieder großes Interesse bei Filmemachern hervor, so wurden z.B. Filme wie « Der Pianist » oder « Operation Walküre » dort gedreht.

Die Ausstellung « Berliner Realismus », die im Frühjahr im Bröhan Museum zu sehen war, beschrieb die Zustände im Berlin um das 1900 Jahrhundert anhand von Gemälden und Fotos  ausgezeichnet.

Christa Blenk

 

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Von Feen und Zauberern

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Die Bretagne ist die größte Halbinsel Frankreichs und der westlichste Ausläufer des europäischen Festlands, nördlich der Iberischen Halbinsel. Armorica haben die Gallier dieses Land genannt, was so viel wie Land am Meer bedeutet. Vor allem wegen ihrer faszinierenden und wunderschönen Küsten ist die Bretagne beliebt und bekannt, sei es die Côte de Granit Rose im Norden der Bretagne, seien es die Glenan Inseln oder die wilde Pointe du Raz im Südwesten oder sei es das milde, fast tropische Klima am Golf von Morbihan. Traumhafte Sandstrände die eher an die Karibik als an den Atlantik erinnern zwischen steilen Kliffen.

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Quelle von Barenton, Hotie de Viviane

 Nicht weit weg von Rennes, im Innern der Bretagne, im Wald von Brocéliande, hat angeblich  der Zauberer Merlin sein Unwesen getrieben. Sein Grab jedenfalls kann man dort besuchen und überall wo man hinkommt, trifft man auf ihn. Sein Konterfei ziert Kaffeetassen oder T-Shirts und manche Besucher verkleiden sich sogar als Merlin und spazieren mit Bart und Spitzhut durch den Wald. An der Quelle von Barenton, die man sehr gut zu Fuß erreichen kann, hat er sich in die schillernde Fee Viviane verliebt und ihr gleich ein Glasschloss am See von Comper errichtet. Nur geladene Besucher von Viviane sollen es sehen können. Die Quelle hat aber noch viele andere Qualitäten, sie heilt Krankheiten, kann sogar Regen hervorrufen und jungen Mädchen zu einem Ehemann verhelfen, man muss nur die richtige Formel kennen.

Der Wanderweg durch den Laubwald, vorbei an plätschernden Quellen und Rinnsalen, über Stock und Stein, begleitet vom singenden Wind, ist wirklich zauberhaft. Hier soll der sagenumwobene König Artus mit seinen Rittern zahlreiche Abenteuer geplant haben und natürlich wurde auch hier nach dem Heiligen Gral gesucht, der sich wohl immer noch in den Wäldern der Bretagne versteckt hält. Dieses Zaubergefäß soll die Form einer Schale oder eines Kelches, vielleicht aus Stein, haben und wird in einer unwirtlichen und unzugänglichen Burg von Gralsrittern bewacht. Ewige Jugend und Wohlstand soll er bringen, aber das haben wir ja alles schon bei Indiana Jones gelernt.

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Ein weiterer, nicht zu missender Ausflug, führt in das Tal ohne Wiederkehr (Val sans Retour). Hier wütete eine andere Fee, Morgane. Ihren untreuen Liebhaber entkamen dem Tal nicht, davor sorge ein Drache. Erst der Tafelritter Sir Lancelot besiegte den Drachen und verhalf so unzähligen eingeschlossenen Männern zur Freiheit. Über diesen berühmtesten Ritter der Tafelrunde, der als Kind schon von der Fee Viviane im Schloss am See behütet wurde, gibt es auch ganz unterschiedliche Geschichten. Vor allem bekannt ist uns seine Liebe zu Guinevere oder Gwenhwyfer, Königs Artus Gattin. Diese Liebe macht ihn dann aber unwürdig, weiter nach dem Gral zu suchen.

Auch Parzival, der reine Tor, der sein Zuhause verlässt um Ritter am Hof von König Artus zu werden, gehört zu den Gral-Suchern. Über ihn und sein Umfeld gibt es so viele Varianten wie es Kelche gibt und die Literatur und Musik greift immer wieder auf dieses Thema zurück. Am bekanntesten ist hier Wagners Bühnenweihfestspiel von 1882  oder die Rolle des Grals im Lohengrin.

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Der französische Dichter Chrétien de Troyes hat schon im 12. Jahrhundert darüber berichtet. Bei uns war es Wolfram von Eschenbach, der um 1200 Chrétens Roman übersetzte und mit anderen Quellen ausgeweitet hat.

Am besten schlägt man sein Quartier in Paimpol auf, dieser Ort liegt mitten im Wald, dort befindet sich auch die Pforte der Geheimnisse (La Porte des Secrets) in der man sich über alles bestens informieren  und den Wald schon mal virtuell erforschen kann. Es ist ein wenig kitschig, aber durchaus unterhaltsam. Später kann man dann mit organisierten Touren auf einer vierstündigen Wanderung alle bedeutenden Plätze besuchen. Wenn man einen guten Conteur (Erzähler) erwischt, erfährt man auch unzählige Bretagne-Mythen und Legenden.

Feste Schuhe und eine Flasche Wasser sind unbedingte Voraussetzung.

PS die US-Schweizerische Künstlerin June Papineau würde sich hier in ihrem Element finden.

Christa Blenk

Fotos: (c) Christa Blenk

 

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