Licht und Power_Game1 – Aufführung des CRM

Und immer lockt das Weib!

Artikel für KULTURA EXTRA

Elektronische Musik trifft auf zeitgenössische Choreografie 

 musikskulptur-crm CRM Musikinstallation

Das Centro Ricerche Musicale (Musikentwicklungszentrum – CRM) ließ das Sommerprogramm am 17.9. (und 18.9.) mit einem sehr außergewöhnlichen und spannenden Musik-Happening ausklingen. Eine ganze frische Kooperation (2014 entstanden) zwischen dem italienischen CRM (Musikentwicklungszentrum) und der Tanzkompanie Excursus unter Leitung von Ricky Bonavita.

Es darf sich einer nur für frei erklären, so fühlt er sich den Augenblick als bedingt. Wagt er es, sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei. Oder:„Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.“ (aus Goethes Wahlverwandtschaften Teil 2, Kap. 5) – das Motto des Abends.

Power_game 1 ist viel mehr als nur ein Dialog zwischen Körper, Körpersprache und Bewegung. Es ist ein akrobatischer und überirdischer Hexentanz, der Himmel und Hölle und Macht und Ohnmacht behandelt. Immer wieder sind Parallelen zu Stockhausens „Licht“ festzustellen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Huldigung der Macht und die dazu gehörenden Kniebeugen, symbolische Kämpfe und Mann-Frau-Mann Konflikte sowie die Auseinandersetzung damit bis hin zu Reue und Versöhnung und zur einsamen Meditation. Ricky Bonavita hat selber die Rolle von Ironie und Dramatik, vielleicht die des Luzifers, getanzt und sich dazu ein bös-zynisches Gesicht gemalt.

Vier Tänzer in zum Teil abgerissenen oder zerrissenen Straßenkleidern stürmen nacheinander auf die Bühne und beschnuppern sich – es ist ein Abtasten der Dominanzmöglichkeiten. In einem Hin- und Her versuchen sie sich kennen zu lernen. Bis plötzlich zwei Frauen auftauchen (vielleicht Charlotte und Ottilie), verführerisch, abweisend, schön, aus einer anderen Welt, stehen sie im krassen Gegensatz zu den herunter gekommenen Männern, die sie verachten und verstoßen und von denen sie sich dann wieder umgarnen lassen, um gleich darauf wieder auseinander zu gehen und sich dem Nächsten anbieten. Zum Schluss ist nicht mehr ganz klar, wer über wen Macht ausübt und wer wen verführen will oder kann. So geht das Spiel ca 40 harte Minuten lang – auch für uns faszinierte Zuschauer war es anstrengend, die Musik fordert viel und lässt einen immer wieder von Neuem die Geschichte erfinden. Irgendwann haucht sie aus bis nur noch das gewollte Knistern der Lautsprecher übrig ist und die Tänzer nacheinander und allein die Bühne verlassen. Eine bemerkenswerte Darbietung. Michelangelo Lupone hat eigenhändig seine Musik von der ersten Reihe aus geregelt und kontrolliert, was der Aufführung eine ganz persönliche Note gab.

crmpercussionVorbereitet darauf wurden wir durch « sound scenes » aus Stockhausens Licht-Zyklus (Freitag).Vibra Elufa, Perkussions-Zyklus und Tierkreis. Jonathan Faralli stand in einem Gefängnis aus Schlagzeugen, Vibraphonen und sonstigen Gegenständen, auf die man schlagen kann. Und über dieses Instrumenten-Lärm-Gefängnis war eine Art dicker Lüftungsschlauch drapiert (vielleicht eine Anspielung an das unendlich-Zeichen von „arte-e-scienca – segnoinfinito“), das auch zum Einsatz kam. Der Florentiner Faralli ist ein Meister, der sonst mit Berio oder Cage arbeitet, er war bis zum Äußersten gespannt, dynamisch, überlegen und ruhig – kurz: großartig. Das Eva-Versuchungs-Epos aus Freitag (wohlweislich an einem Mittwoch aufgeführt, um den Verfechtern des unglückbringenden Freitag gerecht zu werden) war die perfekte Einleitung zu power_game 1. Stefano Pirandello hat das Lichtdesign entworfen und die einzelnen Stücke abwechselnd in grünes, rotes, blaues oder gelbes Licht getaucht. Um etwas Passenderes zu finden, müsste man sicher lange suchen.

Zuerst fanden wir es schade, dass wir nicht mehr von der Freitags-Geschichte hören durften; das Elektromusik-Balletstück hat uns dann aber komplett entschädigt.

Karlheinz Stockhausen (1928-2007) hat fast 30 Jahre an „Licht“ gearbeitet. Die Aufführungspraxis in Deutschland oder in der Welt wird dem nicht gerecht. Es gibt Aufführungen von einzelnen Tagen wie Samstag in München vor nicht all zu langer Zeit oder Freitag in Leipzig 1996 (damals hat die Presse geschrieben, dass sich die Opernhäuser von Licht distanzierten – viel hat sich ja wohl nicht geändert). Köln hat sich vor zwei Jahren an den Sonntag gewagt. Ich weiß nicht, ob es schon mal irgendwo komplett aufgeführt wurde.

Der italienische Komponist Michelangelo Lupone (*1953) entwickelt elektronische Musik, die fast immer mit Kunst-Installationen kombiniert wird, so hat er z.B. mit Pistoletto, Uecker oder Paladino und vor kurzem mit Livia Galizia Projekte entwickelt (letzteres wurde im Frühjahr im MACRO ausgestellt). Außerdem kooperiert er mit verschiedenen Balletgruppen wie mit dem Tanzhaus in Düsseldorf. 1988 hat er mit der Komponistin Laura Bianchini, die auch diese Aufführungen koordinierte, das Musikentwicklungszentrum, CRM gegründet. Er ist z.Zt. der künstlerische Leiter der Abteilung für Musik und neue Technologien der Santa Cecilia.

Die Tänzer Enrica Felici, Francesca Schipani, Valerio De Vita, Yari Molinari, Emiliano Perazzini und wie gesagt der Chef der Gruppe, Ricky Bonavita waren sehr überzeugend, mit Kraft, leidenschaftlichem Können und kalter Anmut sind sie dieser ansprechenden Choreografie gerecht geworden. Ricky Bonavita hat mit den Großen der Balletwelt wie Martha Graham getanzt und gearbeitet und 1988 angefangen, sich auch mit Choreografie zu befassen bis er dann 1994 mit Theodor Rawyler seine eigene Gruppe Excursus gründete.

Wir sind schon sehr auf die heutige Produktion (eine Hommage an Jiri Kylián) gespannt, die ebenfalls wieder aus Tanz und neuen Kompositionen des CRM bestehen soll. Mehr wurde aber nicht verraten. Bedauernswert allerdings, dass nur ca 90 Personen diesen kleinen highlights der zeitgenössischen Musikszene folgen können, aber mehr Zuhörer passen nicht in das Teatro Ruskaja, das seinen Sitz in der Nationalen Tanzakademie auf dem Aventin hat.

Ein bemerkenswerter Abend!

Christa Blenk

http://www.crm-music.it/

 

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Aus der Serie Rom-Spaziergänge: Bernini

Borghese 016

 

Auf den Spuren des Erfinders des barocken Roms: Gianolorenzo Bernini

Giacometti und Bernini Hier Auszug aus dem Raub der Proserpina – Galleria Borghese

 

Gianlorenzo Bernini ist in ein Rom hineingeboren worden, das – vor allem durch die Päpste – wieder die alte Macht, die durch die Reformation gelitten hat, herzustellen versuchte. Er hatte einen nicht geringen Anteil daran …….

mehr: Berninis barocke Rom

 

 

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Marcello Morandini

P1180376 Marcello Morandini

Keine Kompromisse: die schwarz-weiße Welt von Marcello Morandini

Haifischzähne, Kaffeekanne oder Wolkenkratzer! Plastik, Acryl und Holz versus Strenge, Vertrauen, Dynamik und Nachhaltigkeit.

Die GNAM (Galleria Nazionale d’Arte Moderna) füllte das Sommerloch mit einer Ausstellung über Marcello Morandini. Das Leben des 1940 in Mantua geborenen italienischen Designer und Architekten  besteht aus schwarz-weißer Geometrie: Streifen, Kreise, Linien, op-art. Kunst studierte er in Varese und arbeitete anschließend als Designer und Grafiker in einem Werbebüro in Mailand.

P1180370Beeinflusst von der Op-art Ikone Victor Vasarely (1906-1997)  und von den russischen Konstruktivisten, die Anfang des 20. Jahrhunderts alle ursprünglichen und über Jahrhunderte gewachsene Formen und Bilder sowie die geschriebene Kunstgeschichte ablehnten, schloß er sich der neo- konstruktivistischen Stilrichtung an und schaffte ab 1964 die ersten dreidimensionalen Strukturen. Später fand Morandini über das Industrie-Design einen persönlichen fast ausschließlich schwarz-weißen Weg. Diese Mischung zwischen Op-art  und Konstruktivismus – zwischen statisch und in Bewegung sein, ist sehr attraktiv und begeisternd. Alles ist klar und man betrachtet beruhigt die Gegenstände oder Skulpturen, geht um sie herum, bis sie im nuancenreichen Licht und in der Bewegung dann Farbe wechseln und trotzdem schwarz-weiß bleiben. Geometrische Strukturen werden bewegt und miteinander in Verbindung gebracht bis uns unser Gehirn eine andere Form vor spielgelt.

Die einzigen Farbklekse in seinen Kreationen hat er dem Rosenthal Kaffee-Geschirr gegönnt. Seine s/w-Konsequenz ist erstaunlich (und streckt sich auch auf seine Kleidung aus).

1968 nahm er zum ersten Mal an der Biennale in Venedig teil. Eine Ausstellung 1972 in Hannover führte zu einer intensiven Zusammenarbeit mit der Firma Rosenthal in Selb und zur Teilnahme an der Documenta 6. Seit den 80er Jahren arbeitet er mit verschiedenen Architekturbüros zusammen und befasste sich mehr mit Raumplanung und Städtebau. Eine wichtige Retrospektive über Kunst und Design 1993 in München machte ihn dann endgültig auch in Deutschland bekannt. Ende der 90er Jahre unterrichtete er Kunst und Design an der Sommerakademie in Salzburg und in Plauen, später in Lausanne. Seine Arbeiten zieren Plätze in verschiedenen Städten in ganz Europa. Heute lebt und arbeitet er hauptsächlich in Varese.

Morandini gehört zu den wichtigsten Vertretern in Italien der neo-konstruktivistischen Kunst in Verbindung mit Design und Architektur.

Seit Ende der 70er Jahre arbeitet er für Rosenthal und hat für sie einige sehr erfolgreiche limitierte Serien, Skulpturen und Vasen entwickelt, u.a. das Schachspiel „Morandini“, das es 99 mal gibt, aber auch  raumgestaltende Objekte wie  Möbel und den bekannten Paravent. In Deutschland betrachtet man ihn ohne Zweifel als Nachreiter des Bauhaus’, Das ist vielleicht auch der Grund, warum er gerade bei uns so beliebt ist.

P1180375Die Ausstellung in Rom zeigt Exponate aus all seinen Schaffensperioden sowie realisierte und nicht-realisierte Architekturprojekte und Aktionsgeometrie. Darunter ist z.B. ein Projekt, den Petersplatz in schwarz-weiß auszulegen.

Die Ausstellung geht noch bis Ende September.

Christa Blenk

 

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Weißes Gold im Atlantik

P1170951 Saline

Dieser Sommer war und ist für die Salzherstellung sehr schwer, zu viel Regen und zu wenig Sonne. Deshalb vermissen wir auch die kleinen weißen Salzhäufchen neben den Erntebecken, die normalerweise das Landschaftsbild prägen und von weiten wie kleine Schneehaufen aussehen. Dann, in dem kleinen Ort l’Epine, tauchen sie aber doch noch vor uns auf und wir halten an. William, der Besitzer, spricht über die Salzgewinnung und  die Abhängigkeit vom Wetter, wie sich das Wasser immer zwei Wochen vor Vollmond in den Becken sammelt (man muss bedenken, dass das ganze Marais Poldergebiet ist). Die Becken und die Wasserkanäle sind mit dem kargen Lehmboden, der dort überall zu finden ist, hergestellt. Der Wind und die Sonne sorgen normalerweise dafür, dass das  Wasser verdunstet und die Salzkonzentration steigt bis das Salz kristallisiert. Das Fleur de Sel (die Blume) treibt an der Oberfläche und wird mit einem extra Werkzeug abgeschöpft. Die Werkzeuge und Karren werden immer noch aus Holz wie eh und je gefertigt …..

Zwischen Guérande und Noirmoutier auf der Salzstrasse

 

salz 

Christa Blenk

 

 

Aus der Serie Rom Spaziergänge

Hier ein schöner Rom-Spaziergang – es geht weiter am 2. September 2014

 

Rom und die Renaissance

Juli2013 131palazzo borgiaJuli2013 146 Freske Villa Farnesina, Arco dei Borgia, Villa Farnesina innen

 

mehr auf artmore:

 

Fotos:Christa Blenk

 

 

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Cavalleria Rusticana

cavalleria2 Zum dritten Mal findet zur Zeit in Albano das „Anfiteatro Festival“ statt. Gestern Abend wurde Mascagnis Cavalleria Rusticana aufgeführt. Diese Verismus Oper würde man heute eine „soap opera“ nennen, auch wenn sie nur eine knappe Stunde dauert. Aber man weiß, dass wir nur eine Szene zu sehen bekommen aus dieser leidenschaftlichen Sizilianischen Bauernehre Geschichte. Sie erzählt die nie sterbende Posse von Ehre und Stolz, Vertrauen und Verrat, flammender Liebe und glühendem Hass, bohrendem Neid und galliger Missgunst und zu viel Wein und das alles eingebettet in religiös-rituell-pagane südländische Ostersonntags-Tragik.

Das Libretto erinnert an Garcia Lorca Tragödien und Ford Coppolas Sizilien Epos und stammt vom naturalistischen Dichter Giovanni Vega, basierend auf einer der Sizilianischen Novellen. 1890 wurde das Werk in Rom uraufgeführt.

Abstecher in das Sizilien des 19. Jahrhunderts. Die Frauen sind alle schwarz aber sonntäglich gekleidet und tragen ein Tuch oder einen Umhang mit Spitzen, bis auf Lola, sie darf kokett in Rot singend auf die Bühne kommen, passend zu Turiddus rotem kecken Halstüchlein. Auf der Bühne ist mit Pappe sehr gelungen ein sizilianisches Dorf nachgebaut. Mit Barockkirche und mittelalterlichen Häusern, einem Marktplatz auf dem ein großes Kreuz mit einem weißen Tuch (wie auf einer flämischen Kreuzabnahme) befindet. Links auf der Bühne Mamma Lucias Haus mit einem Tisch davor, auf dem Weinflaschen und Gläser stehen. Santuzza läuft leidend auf die Bühne und fragt sorgenvoll Mamma Lucia nach Turiddu. Sie vermutet, dass ihr Liebster nach seiner Rückkehr vom Militärdienst sich wieder von leichtfertigen Lola, mit der er früher mal zusammen war, hat verführen lassen. Lola allerdings ist nun mit Alfio verheiratet, der als fliegender Händler durch die Gegend zieht. Alfio kommt von seiner Tour zurück und erzählt, wie schön sein Leben auf der Straße und mit seiner treuen Frau ist. Alle, außer Santuzza, die exkommuniziert ist, gehen sie in die Kirche zur Ostermesse. Als letzte tänzelt Lola singend auf den Platz und dann hinein in Allerheiligste. Turiddu hinter hier her aber Santuzza hält ihn auf, um ihn zur Rede zu stellen. Er wirft sie zu Boden und aus Rache über die verschmähte Liebe erzählt sie alles Alfio. Das Drama nimmt seinen Lauf und nach dem lustigen Liedchen von Alfio wird es nun dramatisch, unterbrochen nur noch einmal von einem friedlichen Ostersonntag intermezzo sinfonico und dem sehr gelungen Trinklied, bei dem dann aber alles eskaliert. Turiddo lädt die Kirchgänger nach der Messe zum Umtrunk, aber Alfio lehnt den Becher ab und fordert ihn heraus. Herzzerreißende Abschiedsszene von Turiddu mit seiner Mutter, in der er sie anfleht, Santuzza – sollte er nicht zurückkommen – wie eine Tochter zu behandeln. Und dann hört man nur noch „Sie haben Gevatter Turiddu umgebracht!.

cavalleria1 Musikalisch ging es gerade noch so. Das Orchester hat nicht gemeinsam angefangen und die Lautsprecher waren viel zu stark eingestellt, was einen Eindruck von Harfenplayback vermittelte. Irgendwann ist es dann ein wenig unter Kontrolle geraten und im Lauf der Vorstellung sind sie alle sehr viel besser geworden. Der Chor, der wunderbar, wichtige und schwierige Partien hat, war manchmal ziemlich gut, aber ein oder zwei Proben mehr hätten geholfen. Santuzza, (Paola Di Gregorio) hat sich gut geschlagen. Sie muss den Hauptteil leisten und es war dann ab 22.00 Uhr sehr frisch und sehr feucht. Turiddu war Gianluca Zampieri, Mamma Lucia Stefania Scolastici. Alfio Stefano Meo und Lola Monica Cucca. Korrekt waren sie alle. Mamma Lucia hat mir gefallen, sie hatte etwas herbes, abweisendes in der Stimme – perfekt für die Rolle. Den Chor leitete Renzo Reni, der auch das Festival mitorganisiert. Am Pult vor dem Orchestra Sinfonica Europa Musica stand Stefano Seghedoni.

Maurizio Marchini hat Regie geführt. Das Bühnenbild war genau so, wie es diese Oper braucht und wie es das Publikum mochte!

Pierro Mascagni wurde 1863 in Livorno geboren und starb 1945 in Rom. Er war einer der Hauptvertreter des Verismo. Obwohl er noch mehrere Opern geschrieben hat, wird eigentlich meistens nur die Cavalleria aufgeführt und die auch nicht sehr oft. Sein lebenslanger Neid auf Puccini plagte ihn enorm, obwohl er von der Cavalleria sehr gut leben konnte.

Das Amphitheater Albano stammt aus dem Jahre 202 n.C. – aber abgesehen von ein paar Seitenmauern (allerdings sehr beeindruckende) ist nicht mehr viel davon übrig. Nur die Form erinnert noch an ein Theater.

Ein gelungener Bauernabend – obwohl sich die Zuhörer fast wie bei einem Picknick benahmen, kamen und gingen wann es ihnen passte und ständig sehr laut redeten – allemal.

Wir kommen wieder.

ruinestromboli Sizilianisches Dorf

Christa Blenk

 

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Wie sich von der Kunst befreien – Ausstellung in der Villa Medici

Villa Medici Garten Garten Villa Medici

Wie sich von der Kunst befreien oder Sommer in Rom - Bericht für KULTURA EXTRA

Ausstellung in der Villa Medici – im Sommer

Während sich die Römer den 15. August (Fer agosto) herbeisehnen und ihn erwarten wie die Kinder den Weihnachtsmann, wird die glühende und dampfende Stadt immer leerer. Es bleiben dann nur noch die schwitzenden und apathisch vor sich hin stierenden Touristenströme und die Taschendiebe. Restaurants schließen und sogar einige Eisdielen. Dafür gibt es überall Parkplätze und niemanden der kontrolliert.

Wir machen uns auf zur Villa Medici und erfahren beim Ticket lösen, dass die bequeme und stilvolle Cafetería mit Blick auf die Stadt geschlossen hat, gehen aber trotzdem in die Ausstellung.

Eine Kollektivausstellung riecht ja immer ein wenig nach einem Kompromiss. Wenn man nichts anzubieten hat, dann sucht  man halt ein paar Künstler zusammen und erfindet  einen Titel. « La pittura o come sbarazzarsene » (Die Malerei oder wie sich von ihr befreien bzw. sie auszumisten). Interessante Annäherung. Der Franzose Martin Barré (*1924), die Amerikanerin Marica Hafif (*1929), der Italiener Fabio Mauri (*1926-2009) und der Schweizer Olivier Mosset (*1944) haben gemeinsam einige Werke hier ausgestellt. Ihr Berührungspunkt ist ein längerer Rom-Aufenthalt  (bei diesem Kriterium hätte man natürlich noch viel mehr Künstler ins Boot holen können). Aber die Vier passen dann doch sehr gut zusammen, mehr oder weniger sind sie alle konzeptionell-konstruktivistische Minimal-Künstler.

Olivier Mosset-WingangshalleDer jüngste unter ihnen, Olivier Mosset, gehört auch zu den späteren monochrom-Künstlern wie Gotthard Graubner. 1965 ging er nach Paris und lernte Daniel Buren kennen. Seine Arbeiten in den Jahren von 1966 – 1974 reduzieren sich auf  Kreise – meistens schwarz auf weißem Hintergrund. 1967  sollte er zusammen mit Buren, Parmentier und Toroni, im   »Salon der jungen Malerei » in Paris ausstellen. Um  allerdings den Akt der Kreation zu trivialisieren, entfernten  sie nach dem Aufbau umgehend ihre Exponate wieder und brachten  dafür die  Banderole « Buren, Mosset, Parmentier und Toroni stellen hier nicht aus »  an (die hier ausgestellte Banderole ist eine Replik).

Marcia Hafif hat von 1961 – 1969 in Rom gelebt und hier ihre « Italienischen Bilder » erfunden. Sie schwebt zwischen  Poliakoff und  Louise Bourgeois hin und her, aber weniger originell. Ihre Bilder wirken irgendwie abgemalt oder haben mich wenigstens nicht angesprochen.

Martin Barré ist der Informalist. Ich habe bei seinen Bildern an Lucio Fontana gedacht aber auch an die US Künstler in den 60er Jahren wie Frank Stella. Vielleicht muss man mehr von ihm sehen, um ihn besser beurteilen zu können aber seine Werke sind durchaus ansprechend.

Fabri Mauri war auch  als Schriftsteller und Dramaturg tätig und gehörte vor allem zur italienischen (römischen) Avantgarde der 60er und 70er Jahre. Er ist der Star unter den vier Anwesenden. Fünfmal  Biennale di Venezia -Teilnehmer, das letzte Mal 2003 und international bekannter als die anderen (außer Mosset). Mit Umberto Eco und Edoardo Sanguineti hat er 1967 die Zeitschrift « Quindici » gegründet. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine Installationen und politischen Performance-Akte, einige davon hat er mit  Pasolini realisiert. Emblematisch und seht Zeitgeist sein Happening 1971 « Was ist der Faschismus? ». Es wurde 1979 sogar in New York gezeigt.

Eine Ausstellung,  die man jetzt nicht unbedingt gesehen haben muss, aber sie hat uns vier  Künstler näher gebracht, die nicht jeden Tag in der Zeitung stehen oder in allen Museen zu finden sind und trotzdem ihren Beitrag zur Kunst im 20. Jahrhundert geleistet haben. Aber in den Räumen der Villa Medici ist es sowie fast unmöglich, dass irgendetwas nicht beeindruckt.

Christa Blenk

 

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Rom im August

romimaugustIn der Nähe vom Bahnhof Termini

Rom im August

Morgens um 7.00 Uhr weht schon oder besser noch eine frische Brise, der Himmel ist klar und blau, die Vögel singen und man könnte das Auto vor der Haustür parken. Auf dem Weg ins Büro kommen wir an duftenden Jasminblüten vorbeit und es fallen nahezu alle Kämpfe und Diskussionen mit aggressiven Autofahrern oder frechen motorini weg und man sich kann beruhigt (trotzdem immer nach rechts und links schielend) dem Zebrastreifen anvertrauen. Was in den verbleibenden elf Monaten lebensgefährlich ist. Da stört es dann auch nicht, wenn man ab und zu die Straßenseite oder die Straße wechseln muss, da natürlich der August für Straßenarbeiten und Reparaturarbeiten benutzt wird. Bis 15. August (Fer agosto) geht das so, und dann wird es noch ruhiger. Restaurants, die nicht im Aktionsradius der Touristenherden liegen, schließen und so tun es Friseure und Reinigungen, der Copy shop macht auch zu – sogar die Eisdiele in San Lorenzo, das ist nun sehr schade. Der unfreundliche Barbesitzer überlässt sein Reich für ein paar Tage den viel netteren Angestellten und wir trinken wieder unseren Cappuccino bei ihm. Im letzten Jahr habe ich gelernt, dass ich das Auto im August nicht willkürlich aus der Garage abholen kann – denn der Garagenmann, der im August alleine ist, macht eine sehr lange Mittagspause und schließt das Parkhaus schon um 23. 00 Uhr abends, anstatt üblicherweise um 1.00 Uhr früh. Nach einem Konzert in einem der vielen römischen Vororte, die im Sommer stattfinden, bleibt das Auto dann über Nacht draussen – aber es gibt es Platz, wie gesagt. Dafür sind die dumpfen und monotonen, fast einschläferenden Rhythmen der Konzerte in der Bar im Park an der Tibertina oder auf dem Platz davor zu hören. Die Villa Torlonia, San Ivo alla Sapienza, Teatro Marcello, Villa Giulia und die Engelsburg bieten außerdem fast täglich Freilichtkonzerte an, mit sehr unterschiedlichem Programm und die Oper ist in die Caracalla Thermen gezogen.

Nach dem abendlichen Balkonpflanzen gießen (obwohl das bei uns nicht viel zu helfen scheint) wird es dann auch wieder ein wenig frischer und wir können auf dem kleinen Balkon unsere Nudeln essen. Eigentlich ist es schade, in so einem Monat Rom zu verlassen.

kühleinseln eine kühle Insel

Christa Blenk

 

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Anfiteatro Festival di Albano

p1170567 Vom 27.7. bis 16.8.2014 findet zum dritten Mal das Anfiteatro Festival di Albano im Amphitheater von Albano Laziale (Nähe Rom) unter der künstlerischen Leitung von Maestro Renzo Renzi statt. Das Festival ist dieses Jahr sehr vielseitig und hat von Klassik, Jazz, Latino-Musik und Theater alles auf dem Programm.

Die Solisti Veneti eröffneten unter Maestro Claudio Scimone mit einem Programm, das von Vivaldi über Paganini zu Rossini ging. Das meist erwartete Spektakel dürfte allerdings am 14.8. stattfinden. Dann ist die italienische Theater-Ikone und der Shakespeare Start Giorgio Albertazi mit dem Kaufmann von Venedig zu erleben – und er wird Shylock sein.

Wir haben uns auch noch für eine Aufführung der Cavalleria Rusticana zwei Tage vorher, am 12.8., entschieden. Gianluca Zampiere, Paola Di Gregorio, Stefano Meo und Stefania Scolastici werden das einstündige Hauptwerk von Pietro Mascagni aufführen.

Wer aber viel Zeit und Lust hat kann sich auch die Gruppe con Compay Segundo mit einem Programm aus dem Film „Buena Vista Social Club“ anhören oder La Bohème (die in Caracalla musste ja leider ausfallen), den Pianisten Michele Campanella oder das Tanzspektakel Carmen und Carmina Burana bis dann am 16.8. ein Konzert mit den Sorelle Marinetti das Festival beendet.

Über die Aufführungen Cavalleria Rusticana und Den Kaufmann von Venedig wird es dann extra-Berichte geben.

#Mehr über den netten Ort

Christa Blenk

 

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Auf dem Stromboli

Bericht auf artmore über ein umwerfendes Wochenende auf der Insel Stromboli und einer Vulkanbesteigung.

feuerrutsche Feuerrutsche – sciara di fuoco – Stromboli

Feuertheater im Mittelmeer

…Wir hatten uns jedoch für eine Reise zum Stromboli entschieden. Angeregt u.a. durch Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, der ja, wie der geneigte Leser weiß, seine Protagonisten in Island in den Snoeffels (Snæfellsjökulsteigen) steigen lässt, um sie  nach langer Wanderung durch Dantes Höllentrichter und Luzifers Sitz bis zum Erdmittelpunkt über den Krater des Stromboli wieder auf die Erde zurückholte. Allerdings waren der Hamburger Professor und sein Expeditionsteam nicht auf der Suche nach den Poeten der Antike, sondern folgten einer Runen-Geheimschrift aus dem 12. Jahrhundert von Snorri Sturluson, die sie nach viel Mühe entzifferten. Das war 1864 und hat vielleicht auch Mark Twain animiert, auf seiner zweijährigen Europareise 1867-69, die Äolischen Inseln und den Stromboli zu besuchen…..

 

vulkan4

Fotos: Christa Blenk

 

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Buena Vista Social Club – Gastspiel in Rom

auditoriumkleinCavea vor dem Konzert

1999 hat Wim Wenders einen Dokumentarfilm über das Musikprojekt « Buena Vista Social Club » gedreht, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Hierbei konnte das Publikum auf einer Reise durch ein charmantes aber dem Verfall preis gegebenes Havana den kubanischen Musikern folgen, wie sie über ihre Musik und über ihr Leben erzählen. Mit einem Auftritt in der Carnegie Hall in New York endete diese wunderbare Werk.

Ry Cooder, der ursprünglich ein Soloalbum mit Ibrahim Ferrer aufnehmen wollte, reise nach dem Erfolg einer ersten CD mit Wim Windres und dem Doku-Team nach Havana, um diesen Film zu drehen. Allerdings ist die schrecklich penetrante elektrische Gitarre und Omnipräsenz in dem Film von Ry Cooder eher störend. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich ihn mir weggewünscht habe. Aber gut, immerhin hat er die ganze Realisierung in Gang gebracht und wollte dann eben auch im Mittelpunkt stehen.

buenavistaOmara Portuondo, Eliades Ochoa, Guajiro Mirabal, Barbarito Torres und Jesus « Aguaje » Ramos sind praktisch seit 16 Jahren auf Tournee und gaben hier in Rom eine bewegende Abschiedsvorstellung in der Cavea (die Freilichtbühne) von Renzo Pianos Auditorium im Parco della Musica. Omara ist die einzige, die im Film mitgewirkt hat, der auch für den Durchbruch dieses « Orchesters » verantwortlich war. Als sie am Donnerstag abend, 84jährig, einen Cha Cha Cha singend die Bühne trat, gerieten die knapp 3000 Zuhörer fast in Extase und feierten stehend und tanzend die kubanische Sängerin.

buenavista2Ansonsten hätten wir uns gewünscht, einige Klassiker eben aus dieser Zeit zu hören. Das Orchester hat sich aber entschieden, ältere Dauerbrenner wie Quiza Quiza oder Dos Gardenias para ti ins Programm zu nehmen – auch wieder verständlich, denn die großen Stars wie Ibrahim Ferrer, Rubén Gonzalez oder Compay Segundo wären eh nicht zu überrreffen gewesen. Sie durften wie dann in Form von Filmen oder Fotos auf der Leinwand im Hintergrund  der Bühne sehen. Obwohl es ein schönes Konzert war, blieb es doch nur ein Abschlatsch eines fantastischen Momentes der Entdeckung dieser kubanischen Musiker, die alle erst mit ca. 60 Jahren gekannt wurden. Ibrahim Ferrer ist 2005 vertorben, Compay Segundo und Rubén Gonzalez 2003.
Christa Blenk

 

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Nederlands Dans Theater

thermepicknick 
Große Therme in der Villa Adriana, Tivoli (Foto: Christa Blenk)

Gastspiel des NDT 2 beim Festival Villa Adriana(Bericht auf KULTURA EXTRA)

Es ist 20.00 Uhr, die Besucher sitzen auf den Ruinen (was man eigentlich gar nicht darf) und essen ein mitgebrachtes Tramezzino oder sitzen locker und gelöst, trotzdem ab und zu einen Blick gen Himmel werfend,  zwischen den Ruinen an kleinen Tischen beim Spritz. Vor 20 Minuten hat ein blauer Himmel den Wolkenbruch abgelöst, der uns die 30 Minutenfahrt von Rom nach Tivoli erschwert hat und dafür verantwortlich ist, dass wir nun einen riesigen Regenschirm mit uns herumtragen. Der Abend ist gerettet und bis zu Beginn der Vorstellung um 21.00 Uhr laut Programm (21.30 Uhr reell) werden auch die Sitze wieder trocken sein und wir können unbeschwert dem dritten Tanz-Highlight – das auch das heimliche  Highlight des Festivals der Villa Adriana ist – entgegen sehen. Nach Martha Graham am 25.6. und Carolyn Carlson am 3.7. gastierte am 10. und 11. Juli  das Nederlands Dans Theater 2  (NDT 2) in der Großen Therme der Sommerresidenz von Kaiser Hadrian.

Vier unzusammenhängende und ganz unterschiedliche Choreografien hat das niederländische Ensemble nach Rom mitgebracht und damit die unglaubliche Spannweite ihres Repertoires unter Beweis gestellt. Die Bühnenbildutensilien reduzierten sich auf eine größere Anzahl von table-dance Lichtpfosten, einen roten Teppich, auf 16 weiße quadratische Podeste und einen kreativen Einsatz von Licht.

I new then ist der Titel des ersten Stückes, das der Schwede Johan Inger choreografiert hat. Begleitet von Van Morrisons Country-Musik (Madame George, The way young lovers do, I’ll be your lover too und crazy love) sind die Tänzer auf der Suche nach ihrer Identität und ihrem Weg, der irgendwo im Wilden Westen beginnt. Prüde, gewagt und sich vortastend finden sich Paare, um aus der vorherrschenden Langeweile auszubrechen ohne sich zu verraten. Manchmal wird auch gesprochen und das, was sich hinter den Lichtpfosten abspielt, kritisiert. Die Tänzer tragen alle Straßenkleidung und sind keiner gewissen Schicht zuzuordnen.

NDT2Kurzer Umbau bis zum Vier-Minuten-Stück  Shutters Shut (2003), auf das wir schon sehr gespannt waren. Die Kunst- und Literaturikone Gertrude Stein hat dieses surrealistisch-kubistische Gedicht If I told him: a completed portrait of Picasso 1923 geschrieben und damit die Poesie neu erfunden. Sol León und Paul Lightfoot haben die Choreografie hierzu entworfen. Ein Pas de deux im Dominoanzug (ein Tänzer in weiß/schwarz, der andere in schwarz/weiß). Der Originalton von Gertrude Stein begleitet die Bewegungen oder umgekehrt? Und wer dem englischen Text nicht folgen konnte, hat ihn von der Gestik der beiden fantastischen Solisten ablesen können. Mit elf Jahren ist das Stück fast schon ein Klassiker, der immer aktuell bleiben wird – so wie #Gertrude Steins Gedicht.

Anschließend wird ein quadratischer, ca. 50 qm großer roter Teppich, hereingerollt. Er ist die wichtigste Requisite für  Subject to change. Wieder eine Choreografie von Sol León und Paul Lightfoot (was für ein perfekter Name für einen Choreografen!).  Zu Schuberts  Der Tod und das Mädchen in der Orchesterversion von Gustav Mahler (1894), rollen vier schwarz gekleidete geschlechterlose Personen vor einem fünften Tänzer den roten Teppich aus, springen drüber und lassen ihn liegen. Ein Mädchen, das ein weißes Toten-Spitzenhemd trägt, tanzt sich über den Teppich, wird mit ihm gedreht, der Mann kommt dazu, sie tanzen gemeinsam, sie flieht, sie kommt wieder. Voller Emotionen und Eleganz diese beiden, immer eingerahmt von den vier schwarzen Personen. Es ist ein geniales Werk und besser könnten Musik, Choreografie und Optik nicht zusammen arbeiten. 2003 hat dieses Stück den Zwaan Award für die beste Produktion gewonnen.

monduebervillaadriana Während der kurzen Pause können wir einem zweiten Spektakel folgen. Als  Effekt des Fast-Vollmondes und der Beleuchtung rund um die Bühne beobachten wir auf der Mauer hinter der offenen Bühne wie riesige gespensterhafte Schatten tragen etwas von links nach rechts oder umgekehrt tragen. Später lernen wird, dass es Kakteen in unterschiedlichen Größen und Formen waren, die zum Einsatz kamen.   Alexander Ekman hat hier die Choreografie, das Bühnenbild und die Kostüme für Cacti entwickelt. Hier kommen die vorher erwähnten weißen ca. 2 qm großen Podeste und alle 16 Tänzer zum Einsatz. Jeder steht in einer anderen Pose auf seinem Podest. Der erste Eindruck versetzt uns direkt in die Centrale Montemartini, ein Skulpturenmuseum in einem alten E-Werk in Rom. Cacti ist viel mehr als nur Tanz. Es ist auch Theater, Slapstick und Kino (die letzte Sequenz hat mich an die fotografischen Bewegungsabläufe von  Eadweard Muybridge erinnert). Irgendwann werden die Legobausteine zu einer Art Bauhaus- oder Stummfilm-Konstruktion zusammengestellt.  Vor diesem Bau nun fängt ein Pärchen an, die schwierigen Bewegungen und Posen für Cacti nochmals zu proben. Sie animieren sich gegenseitig und analysieren  Schwachstellen, machen sich aber auch ein wenig lustig über sich selber und das Stück.  Ein geniales Zwischenspiel, bis dann wieder alle tanzen und die Kakteen auf die Bühne bringen, die in der Folge in den Ablauf mit einbezogen werden. Ekman will uns wohl davon überzeugen, dass Tanz auf keinen Fall trocken und stachelig sein muss. 2010 wurde er für den Zwaan Award nominiert. Die Musik zu dieser Kreation ist von Haydn, Beethoven und wieder Schubert. Mit ihrer hautfarbenen Oberkörperbekleidung wirken sie auf den ersten Blick nackt und wie kleine flinke Aliens – befremdend und faszinierend-betörend. Vollkommen sind sie, unverwechselbar-anmutig und natürlich-perfekt.

taenzerndt1 Ob die Tänzer absichtlich anonym blieben oder das Programm nur schlampig gemacht war, habe ich nicht herausgefunden. Den Solisten wurde jedenfalls kein Name zugeordnet; nicht mal beim Pas de Deux von Shutters Shut. Ist auch nicht unbedingt tragisch, weil sie alle genial waren und eine große Tanzzukunft vor sich haben werden. Zur Zeit besteht aus Ensemble jedenfalls  aus :  David Ledger, Dévi Selly, Clara Villalba, Olivier Coeffard,  Chuck Jones, Fernando Troya, Spencer Dickhaus, Clement Haenen, Imre van Opstal, Casia Vengoechea, Richel Wieles, Xanthe van Opstal, Violet Broersma, Daan van der Laar, Luke Cinque-White, Gregory Lau, Luna Mertens, Yukino Takaura, Katarina van den Wouwer.

Standig ovations und nicht enden wollender rasender Applaus für diese einzigartigen und außergewöhnlichen Tänzer, die federleicht, elegant und mit spielerischer, stressfreier und hochkonzentrierter Perfektion über die Bühne huschten. Permanent und immer wieder aufs Neue überrascht folgten wir ihnen, wie sie sich faltend, rollend, auf das Podest trommelnd, von einer Ecke in die andere schmissen.

Das Nederlands Dans Theater wurde schon 1959 gegründet, u.a. von Hans van Manen, der lange Jahre dessen Leiter war bis 1975 Jiri Kilián für 20 Jahre die Regie übernahm. Das NDT 2 entstand 1978 als Sprungbrett auf das Welt-Tanzparkett für besonders junge und begabte Tänzer und Hochschulabsolventen (die jüngsten sind 17 Jahre, die ältesten 22).  John Lightfoot und Sol Léon haben 2001 die künstlerische Leitung des NDT 2 übernommen.

Das Nederlands Dans Theater wird übrigens die Internationalen Tanzwochen in Neuss 2014/15 eröffnen.

Christa Blenk

 

 

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Albicocche rosse – versione italiana

 Prima rappresentazione a San Gusmè il 4 luglio 2014

 San Gusmè eli 1 copia 

San Gusmè – Foto: ©Lorenzo Vanni

 

Si dice che le grandi cose hanno bisogno di tempo per crescere. Ciò è dimostrato dal progetto teatrale del regista tedesco, Ulrich Waller, direttore del Teatro St. Pauli a Amburgo, che, insieme a Matteo Marsan e Dania Hohmann ha realizzato un impressionante spettacolo in occasione del 70° anniversario dell’eccidio di „Palazzaccio“, un piccolo podere ubicato in provincia di Siena.

„BlutigeAprikosen“ – „Albicocche rosse“ è una pièce teatrale, documentario, italo-tedesca, la cui prima si è tenuta il 4 luglio a San Gusmè, fraz. di Castelnuovo Berardenga (SI), un piccolo Borgo vicino al luogo dell’eccidio, in presenza di circa 200 spettatori.

Si tratta della trasposizione teatrale di un’azione di ritorsione posta in essere dai soldati tedeschi della divisione „Hermann Göring“, nella mattinata del 4 luglio 1944, in conseguenza di un attacco da parte di partigiani, che costò la vita di nove civili nel podere Palazzaccio.

Il linguaggio narrativo usato dai registi, con il quale lo spettacolo si avvicina alla trasposizione della storia comune, è quello di un collage-teatrale, basato su documenti originali, messo in scena con attori, musica dal vivo, canzoni di un cantastorie, filmati e proiezioni di testi. L’opera si compone di 16 atti che si svolgono tra giugno 1940 e il 4 luglio 1944, giorno dell’eccidio: vengono presentati gli antefatti della guerra; il fascismo; la collaborazione italo-tedesca durante la guerra; l’occupazione dell’Italia da parte dei Tedeschi; le sofferenze causate dal conflitto; l’antisemitismo; la lotta partigiana, e, infine, la strage del Palazzaccio del 1944.

Il metodo stilistico teatrale è basato sui ricordi di Osvaldo, all’epoca ragazzo di 10 anni, testimone oculare di quel periodo, che rivive l’esperienza della guerra. E’ Osvaldo che, dopo l’eccidio, trovò i cadaveri delle vittime di Palazzaccio. Tutto ciò viene appreso dallo spettatore, nel corso del prologo, in maniera commovente direttamente dalle parole del sopravvissuto.

La rappresentazione inizia in maniera spettacolare con i rumori ed i bagliori provocati dai colpi dell’artiglieria; la popolazione impaurita si riunisce nella piazza e manifesta la propria paura circa il futuro che li attende.

Nella scena successiva, lo spettatore è testimone di una lezione di storia tenuta in una scuola elementare, dove gli alunni vengono indottrinati sul potere del fascismo e sul sogno dell’Italia di diventare un grande impero e di entrare in guerra a fianco dei Tedeschi. Si tratta di una delle scene più riuscite dello spettacolo.

Nel frattempo, l’Italia entra in guerra ed i primi abitanti del paese vengono reclutati per il conflitto: le scene dolorose di addio vengono recitate dagli attori in maniera sincera.

Albicocche rosse 1 Foto: Lorenzo Vanni

La guerra al fronte è in pieno svolgimento, le relazioni tra gli Italiani e i Tedeschi peggiorano. Questo particolare momento storico viene illustrato, in maniera emozionante, attraverso la lettura di una lettera che un padre, impegnato nella campagna di Russia, invia alla propria famiglia. La descrizione della situazione al fronte causa in alcuni bambini del paese sinceri dubbi sul Duce e provoca un litigio tra questi. Solamente la maestra, una fascista dal volto umano, riesce a pacificare il litigio tra i bambini.

L’atto seguente descrive il nascere di una relazione amorosa tra un tenente tedesco e una giovane ragazza italiana del paese. Il Tenente ha l’aria piuttosto mite e amabile: la bella ragazza ammalia completamente il Tenente. Nonostante i Tedeschi e gli Italiani, in quella fase della guerra, siano ancora alleati, la madre della giovane non tollera il nascere di questo sentimento e la coppia è costretta ad incontrarsi sempre di nascosto.

Quotidianità nei tempi di guerra: arrivano in paese notizie circa le dimissioni presentate da Mussolini al Re; la guerra continua; si hanno i primi problemi di approvvigionamento; il Re fugge da Roma; cominciano le deportazioni; soldati sbandati; viene costituita la Repubblica di Salò. L’appello del potestà al dovere dei cittadini di difendere la patria sotto i colori della neonata Repubblica fascista è il tema delle prossime scene.

Seguono descrizioni delle prime iniziative dei partigiani, la diserzione di un soldato tedesco e un’esibizione molto convincente di un’ebrea precedentemente internata in un campo di concentramento, salvata da Paolo, un sorvegliante del campo. La profuga viene nascosta in un solaio dagli abitanti del paese perché come ebrea è in pericolo nel piccolo borgo che è occupato dai Tedeschi. (Come racconta uno degli attori tedeschi si tratta di una scena autentica che era capitata proprio alla nonna dell’attrice).

La scena successiva, nella quale un capitano tedesco, – ostinato, troglodita e senza pietà con gli abitanti del paese – seleziona dei lavoratori forzati, inizia ad avvicinare gli spettatori al clima di dramma finale. Il Capitano ha un alterco con il Tenente tedesco che, a suo parere, si è rammollito ed italianizzato. Entrambi gli attori dimostrano in quella scena grande perizia tecnica nella recitazione. Nel quadro narrativo che segue, il Tenente chiede alla ragazza di scappare con lui, mentre lei lo prega di restare. Nessuno dei due è pronto a fare questo passo e, quindi, gli stessi saranno protagonisti di una scena di addio struggente, che viene recitata dai due attori in maniera molto convincente.

Le scene successive hanno ad oggetto l’estate del 1944, nel corso della quale si verificano nella zona degli scontri tra partigiani e i Tedeschi. Un abitante del paese racconta di un bagno di sangue subito dai Tedeschi e avverte i compaesani del pericolo di potenziali rappresaglie.

La rappresentazione giunge al momento culminante e tragico. Questa parte della narrazione viene messa in scena in maniera originale tramite un mutamento del mezzo stilistico: attori e cantatori Bruscellanti raccontano la storia dall’eccidio di Palazzaccio. Contemporaneamente vengono proiettati sui muri di pietra del borgo di S. Gusmè, che si trovano dietro il proscenio, una serie di immagini inframezzati a testi. Il contenuto di questa parte della rappresentazione è basata su interviste fatte con i testimoni oculari del massacro.

Si racconta di uno scontro a fuoco avvenuto tra partigiani e due soldati tedeschi, sorpresi mentre raccolgono e mangiano delle albicocche vicino al podere di Palazzaccio. Nonostante i due soldati tedeschi riportino solo delle lievi ferite, l’agguato viene vendicato poco dopo dall’esercito occupante con un eccidio nel podere di Palazzaccio, dove si nascondono gli abitanti della zona. Nove civili vengono uccisi, in gran parte donne e bambini: „BlutigeAprikosen“ / „Albicocche rosse“!

Albicocche rosse 5 Foto: Lorenzo Vanni

L’esibizione si conclude sulle note di una canzone che narra di un futuro senza guerra e odio: „la terra ci regala un fiore, senza una domanda, senza fare caso alle bandiere. Solo la guerra ci ha resi nemici, benché fossimo amici e fratelli. Ciao bella, ciao.“

Grandi applausi e standing ovation per un’eccezionale prestazione artistica degli attori, musicisti, registi, tecnici e per il paese San Gusmè! E’ stata in tutti sensi una collaborazione interculturale artistica di successo tra il Teatro di St. Pauli di Amburgo e il Teatro Comunale Alfieri a Castelnuovo  Berardenga e l’Associazione teatrale „Lo Stanzone delle Apparizioni“, che gestisce il teatro comunale.

Oltre a tanti attori amatoriali (inclusi gli abitanti del paese e dintorni) i registi hanno scritturato, per questo progetto, anche musicisti e attori di fama, dalla Germania e dall’Italia: Adriana Altaras, Cristiano Burgio, Gualtiero Burzi, Mauro Chechi, Peter Jordan, Jörg Kleemann, George Meyer-Goll, Daniela Morozzi, Luk Pfaff, Massimo Poggio, David Riondino, Angelo Romagnoli, HartmutSaam, Bebo Storti, Massimo Tarducci, Elisa Vitiello e il Cantiere del Bruscello di Castelnuovo Berardenga.

Il progetto teatrale è un esperimento unico, interattivo, interculturale fondato sulla trasposizione storica: alla realizzazione dello stesso hanno partecipato quattro generazioni di attori. E‘ un tentativo vissuto di analizzare, collocare storicamente e non dimenticare l’eccidio di Palazzaccio. E soprattutto è un contributo inconsueto e sicuramente molto efficace alla cultura della riconciliazione.

Anche il “party“ che si è tenuto alla fine della rappresentazione è stato un esempio di riconciliazione: fino a tarda notte gli attori tedeschi ed italiani unitamente agli abitanti del paese hanno mangiato dolci e bevuto vino, cantato e ballato insieme sulla piazza del paese di San Gusmè – allegri, amichevoli, riconciliati.

Standing ovation allora anche per il regista Ulrich Waller, iniziatore di questo progetto straordinario.

Grandi cose hanno bisogno di tempo per crescere. Come viene riferito all’“after-party” da uno degli attori tedeschi, l’idea di Waller era nata già 10 anni orsono. Il regista amburghese ha una casa vicino a San Gusmè e sembra che si senta legato a questo luogo in maniera particolare. La sua prima moglie, la defunta attrice e regista Elke Lang, è sepolta nel piccolo cimitero di San Gusmè.

Waller finalmente avrebbe colto l’occasione del 70° anniversario dell’eccidio di Palazzaccio per realizzare il suo sogno teatrale a San Gusmè. Il progetto è stato preceduto da ricerche storiche, un interminabile lavoro per convincere le pubbliche amministrazioni dell’idea e anche l’individuazione di sponsor senza i quali un tale progetto impegnativo non avrebbe potuto essere realizzato.

San Gusmè con le sue case antiche poste sotto la tutela dei Beni Culturali ha fatto da quinta impressionante per questa esibizione teatrale. Si tratta di un piccolo Borgo con una piazza adorabile sulla quale è stato messo in scena il teatro all’aperto. Il Borgo è circondato da mura medioevali ed è situato in mezzo al tipico dolce paesaggio toscano. Circondato da uliveti e vigne, questo luogo offre delle viste spettacolari su un tipico paesaggio di cultura toscana, contornato da lunghe vie delimitate dai cipressi e antichi poderi – con una vista che si estende fino a Siena.

Con questo spettacolo teatrale, Waller è riuscito a ricostruire la trasposizione storica di un intero paese, che al contempo fungeva anche da palcoscenico reale. Il suo impegno è un omaggio molto particolare a questo paese toscano, San Gusmè, nel quale il regista tedesco sembra essersi radicato.

E da supporre che grazie a questo progetto innovativo si parlerà ancora per molto tempo di questo fine settimana teatrale di San Gusmè e che ciò farà da cassa di risonanza anche in futuro a questo Borgo incantevole.

Da menzionare sono anche le discussioni sull’eccidio, sul fascismo in entrambi i paesi e sulla seconda guerra mondiale, che si potevano ascoltare tra alcuni abitanti del paese e spettatori italiani e tedeschi dopo l’esibizione. I registi hanno, quindi, ottenuto un obiettivo: finché ci si confronta con la storia, essa rimane indimenticata. Durante questo fine settimana di teatro a San Gusmè la storia è stata trasmessa in maniera prossima ed è stata una commemorazione di tutti coloro che hanno perso la vita nell’eccidio, dei loro familiari, dei sopravvissuti e di Osvaldo, il bambino di 10 anni di Palazzaccio che ha portato, come lo spettatore apprende durante il prologo, questa storia come un peso pesante sulle proprie spalle per tutta la vita.

Birgit Käppeler

image Foto: Birgit Käppeler

L’artista Lorenzo Vanni ha creato in San Gusmè un giardino artistico con le proprie sculture ed installazioni. Finestra sulla Toscana è una delle sue opere.

 

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Blutige Aprikosen

Deutsch-Italienisches Theaterprojekt in Zusammenarbeit mit dem St. Pauli Theater

Bericht über die Premiere einer außergewöhnlichen und ganz speziellen Theateraufführung in der Toscana (San Gusmè) am 4. Juli 2014

San Gusmè eli 1 copia San Gusmè (Foto: ©Lorenzo Vanni )

Große Dinge brauchen Zeit zum Wachsen.

Und so war es auch mit diesem Theaterprojekt des deutschen Theater-Regisseurs Ulrich Waller, Leiter des St. Pauli Theaters in Hamburg, der zusammen mit Matteo Marsan und Dania Hohmann ein beeindruckendes Theater-Spektakel aus Anlass des 70. Jahrestages des Massakers von „Palazzaccio“, einem kleinen Gehöft in der Provinz Siena, auf die Beine gestellt hat.

Blutige Aprikosen“ – (Albicocche rosse“) ist ein deutsch-italienisches Dokumentar-Theater,  in San Gusmè, einem kleinen Borgo unweit vom Ort des Massakers, vor ca. 200 Zuschauern uraufgeführt wurde.

Hierbei geht es um die theatralische Aufarbeitung einer von Soldaten der Division „Hermann Goering“ am Tag ihres Abzugs verübten Vergeltungsmaßnahme, bei der nach einem Partisanenangriff gegen zwei deutsche Soldaten am Morgen des 4. Juli 1944 neun Zivilisten im Gehöft Palazzaccio erschossen wurden.

In Form einer Theater-Collage, basierend auf vielen Originaldokumenten und ausgestaltet durch gespielte Szenen, Musikeinlagen, Lieder eines Cantastorie (Bänkelsänger), Filmausschnitten und Textzügen stellt sich das Theaterstück der gemeinsamen Geschichtsaufarbeitung. In 16 Szenen, die in den Jahren zwischen Juni 1940 und 4. Juli 1944, dem Tag des Massakers, spielen, werden Vorgeschichte des Krieges, Faschismus, deutsch-italienische Kriegs-Kollaboration, Besetzung durch die Deutschen, Kriegsmüdigkeit, Antisemitismus, Partisanenkämpfe und schließlich das Massaker von Palazzaccio im Jahre 1944 dargestellt.

Theatralisches Stilmittel ist die Erinnerung von Osvaldo, einem Zeitzeugen, der als 10-Jähriger Junge Kriegserfahrungen macht und nach dem Massaker die Leichname von Palazzaccio entdeckt. Dies erfährt der Zuschauer auf bewegende Weise im Prolog.

Das Theater beginnt spektakulär inszeniert, im Geschützdonner der Artillerie und der Reaktion der verängstigten Dorfgemeinschaft über ihre Zukunft.

In der nächsten Szene, eine der gelungensten Szenen des Stücks, werden anhand des Geschichtsunterrichts in einer Elementarschule recht eindringlich der italienische Großmachttraum, die Macht des Faschismus und der Kriegseintritt Italiens an der Seite der Deutschen dargestellt.

Albicocche rosse 1  Foto: ©Lorenzo Vanni

Die ersten Dorfbewohner werden unter schmerzvollen sehr überzeugend gespielten Abschiedsszenen  in den Krieg  eingezogen.

Albicocche rosse 5Foto: ©Lorenzo Vanni

Der Krieg an der Front ist in vollem Gange, die Beziehungen zwischen Deutschen und Italienern verschlechtern sich, eindrucksvoll dargestellt anhand des Briefes eines Vaters, der in Russland kämpft und dessen Bericht bei einigen Dorfkindern Zweifel am Duce aufkommen lässt und einen heftigen Streit auslöst, der schließlich durch die sanftmütige, faschistische Lehrerin geschlichtet wird.

In weiteren Szenen wird der Beginn einer Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Leutnant und einer jungen, italienischen Dorfbewohnerin thematisiert. Der deutsche Leutnant wirkt milde und liebenswert, das schöne italienische Mädchen hat den Leutnant in ihren Bann gezogen. Zu diesem Zeitpunkt sind Deutsche und Italiener noch Verbündete, aber dennoch missfällt der Mutter des jungen Mädchens die Flirterei und das Paar trifft sich fortan heimlich.

Kriegsalltag, geprägt von Unsicherheit über die Absetzung Mussolinis, den Fortgang des Krieges, Versorgungsproblemen, der Flucht des Königs aus Rom, Deportationen, flüchtigen Soldaten, der Gründung einer neuen faschistischen Republik und des Appells zur Verteidigung des Vaterlandes, zu der der faschistische Bürgermeister alle verpflichtet sieht, wird in den darauf folgenden Szenen thematisiert.

Es folgen Schilderungen der ersten Partisaneninitiativen, dem Überlaufen eines deutschen Soldaten und eine sehr überzeugende Darbietung einer ehemals im KZ inhaftierten Jüdin, die von Paolo, einem italienischen Bewacher des KZ gerettet wird und nun von den Dorfbewohnern auf einem Dachboden versteckt werden soll, da sie in dem von Deutschen besetzten Dorf in Gefahr ist. (Bei dieser Szene handele es sich nach Aussage eines der deutschen Schauspieler um eine authentische Geschichte, die der Großmutter der jüdischen Schauspielerin widerfahren sei.)

Die Situation spitzt sich zu in der nächsten Szene, in der ein deutscher Hauptmann – stur, grob und ohne Mitleid mit den Dorfbewohnern – italienische Zwangsarbeiter selektiert. Dabei gerät er in einen Disput mit dem deutschen Leutnant, der dem Hauptmann offenbar zu verweichlicht und italienisiert ist.

Die kommenden Szenen verdeutlichen, dass im Sommer 1944 Partisanenkämpfe gegen die Deutschen in der Gegend in Gange sind. Eine Dorfbewohnerin berichtet von einem Blutbad an deutschen Soldaten und warnt die Dorfbewohner vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen.

Überzeugende Schauspielkunst erlebt der Zuschauer in der herzzerreißenden Abschiedsszene zwischen dem deutschen Leutnant, der das italienische Mädchen bittet, ihm zu folgen, und der italienischen Dorfschönheit, die ihn anfleht, zu bleiben. Beide sind jedoch zu diesen Schritten nicht bereit. Nun erreicht das Stück seinen tragischen Höhepunkt. Gut inszeniert durch das gewählte Stilmittel: Schauspieler und Bruscellanti-Sänger (traditioneller Volksgesang in Reimen) erzählen im Wechsel die Geschichte des Massakers von Palazzaccio während im Hintergrund Filmausschnitte gezeigt und Schriftzüge an die Steinhäuserwände des Dorfplatzes von San Gusmè projiziert werden. Der Text dieser Szene basiert auf Interviews, die mit den Zeitzeugen geführt wurden.

Dabei hat sich Folgendes zugetragen: zwei deutsche Soldaten werden, während sie in der Nähe des Gehöfts Palazzaccio Aprikosen pflücken, von Partisanen angeschossen, jedoch nicht getötet. Diese Tat wird kurz darauf von Deutschen Soldaten mit einem Massaker im Gehöft Palazzaccio, wo sich die umliegenden Bewohner vor dem deutschen Feind versteckt halten, gerächt. Neun Menschen kommen ums Leben, darunter überwiegend Frauen und Kinder: „Blutige Aprikosen“ / „Albicocche rosse“!

Die Darbietung lässt den Zuschauer mit einem Lied über eine Zukunft ohne Armee und Hass zurück: „Die Erde schenkt uns eine Blume, ohne auf die Frage, ohne auf die Fahne zu schauen. Nur der Krieg hat uns zu Feinden gemacht, obwohl wir eigentlich Freunde und Brüder waren. « Ciao bella ciao.“

Viel Beifall und Standing Ovation für die hervorragende künstlerische Leistung der Schauspieler, Musiker, Regie, Technik und das Dorf San Gusmè für diese durch und durch gelungene Premiere dieser interkulturellen, künstlerischen Zusammenarbeit des St. Pauli Theater Hamburg mit dem Teatro Comunale Alfieri in Castelnuovo Berardenga und dem Theaterverein „Lo Stanzone delle Apparizioni“, der das kommunale Theater betreibt.

Neben zahlreichen Laien-Darstellern (einschließlich Bewohnern des Dorfes und der Umgebung) haben die Regisseure auch Musiker und namhafte Schauspieler aus Deutschland und Italien für dieses historische Projekt engagiert: Adriana Altaras, Cristiano Burgio, Gualtiero Burzi, Mauro Chechi, Peter Jordan, Jörg Kleemann, George Meyer-Goll, Daniela Morozzi, Luk Pfaff, Massimo Poggio, David Riondino, Angelo Romagnoli, Hartmut Saam, Bebo Storti, Massimo Tarducci, Elisa Vitiello e il Cantiere del Bruscello di Castelnuovo Berardenga.

Das Theater-Projekt ist ein einzigartiges, interaktives, interkulturelles Experiment der deutsch-italienischen Geschichtsaufarbeitung, an welchem 4 Generationen bei der Umsetzung mitwirken. Ein gelebter Versuch, die Hintergründe und Vorgeschichte des Massakers von Palazzaccio zu analysieren, einzuordnen und nicht zu vergessen. Vor allem aber ein ganz ungewöhnlicher und sicherlich sehr wirksamer Beitrag der Versöhnungskultur.

Auch die „After-Party“ der Premiere war ein einzig gelebter Versöhnungsgedanke: bis spät in die Nacht aßen deutsche und italienische Akteure und Dorfbewohner zusammen Kuchen, tranken Wein, sangen und tanzten auf der Dorf-Piazza von San Gusmè – vergnügt, freundschaftlich, versöhnt.

Viel Beifall auch für den deutschen Regisseur Ulrich Waller, dem Initiator dieses außergewöhnlichen Projekts.

Große Dinge brauchen Zeit zum Wachsen. Bereits vor 10 Jahren sei die Idee von Waller entstanden, so erfährt man von einem deutschen Schauspieler auf der „After-Party“. Der Hamburger Regisseur selbst hat ein Haus in der Nähe von San Gusmè und es scheint, als fühle er sich diesem Ort auf besondere Weise verbunden. Seine in erster Ehe verstorbene Frau, die Schauspielerin und Regisseurin Elke Lang, liegt auf dem kleinen Friedhof in San Gusmè begraben.

Waller habe schließlich den 70. Jahrestag des Massakers von Palazzaccio zum Anlass genommen, seinen Theatertraum in San Gusmè zu realisieren. Voraus gingen historische Recherchen, viel Überzeugungsarbeit bei öffentlichen Entscheidungsträgern und nicht zuletzt das Eintreiben von Sponsorengeldern, ohne die so ein großes Projekt nicht hätte realisiert werden können.

San Gusmè mit seinen Denkmal-geschützten Steinhäusern lieferte eine eindrucksvolle Kulisse für dieses Schauspiel. Es ist ein kleiner Borgo mit einem bezaubernden Dorfplatz, auf dem die Theateraufführung inszeniert wurde. Der Borgo ist von einer mittelalterlichen Mauer eingeschlossen und liegt inmitten einer sanften, toskanischen Hügellandschaft. Umgeben von Olivenhainen und Weinbergen bietet dieser Ort einzigartige Ausblicke auf eine von Zypressenalleen und antiken Gehöften geprägte, toskanische Kulturlandschaft – mit Blick bis hin nach Siena.

Waller hat es geschafft, durch dieses Theater-Spektakel ein ganzes Dorf nicht nur zum Schauplatz der Geschichtsaufarbeitung zu machen, sondern zur Bühne selbst. Sein engagierter Beitrag ist eine ganz besondere Hommage an das toskanische Dorf San Gusmè, in dem er als Deutscher bereits verwurzelt zu sein scheint.

Es ist anzunehmen, dass durch dieses innovative Projekt noch weit über dieses Theater-Wochenende hinaus von San Gusmè geredet wird und es diesem faszinierenden Dorf auch künftig zugute kommen wird.

Erwähnenswert sind die Diskussionen über das Massaker, den Faschismus in beiden Ländern und den Zweiten Weltkrieg, die man unter einigen italienischen und deutschen Zuschauern und Dorfbewohnern im Anschluss an die Theateraufführung vernehmen konnte. Damit haben die Theaterregisseure ein Ziel erreicht: die Geschichte bleibt, solange man sich mit ihr auseinandersetzt, unvergessen. An diesem Theaterwochenende in San Gusmè wurde die Geschichte auf eindringliche Weise nähergebracht und auf theatralische Weise all derer gedacht, die dabei umgekommen sind, deren Angehörigen, Überlebenden und Osvaldo, dem 10-jährigen Jungen aus Palazzaccio, der diese Geschichte, wie die Zuschauer im Prolog erfahren mussten, sein ganzes Leben wie eine schwere Last auf seinen Schultern trägt.

Birgit Käppeler

image Kunstwerk von Lorenzo Vanni (Foto: ©Birgit Käppeler)

Der Künstler Lorenzo Vanni hat sich in San Gusmè einen Skulpturengarten errichtet. Das Fenster in die Toskana ist eines seiner Werke.

 

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Javier Moreno – Aire

P1170074Der  Tempietto di Bramante ist einer der schönsten und interessantesten Zeugen der Renaissance in Rom. Fast keinen Platz hat er zwischen der Kirche San Pietro in Montorio und der Spanischen Akademie auf dem Gianicolo und das Tor ist fast immer verschlossen.

Um den Tempel herum konnten wir letzten Samstag auf Einladung der Spanischen Akademie Javier Moreno und seine Gruppe mit dem neuen Projekt « Aire » hören und sehen. Ein happening zwischen Musik, Video und Poesie. Es kamen viel mehr Besucher als geplant und da die Dunkelheit abgewartet werden musste, wurden die Musik- und Kunstfreunde auf eine Sangria auf die  wunderbare Terrasse der Akademie eingeladen. Das war genial!

Javier Moreno kommt aus Madrid, pendelt aber seit Jahren zwischen Paris, Buenos Aires und New York, dort hat er auch sein Ensemble gegründet. Er ist Komponist und Kontrabassist. In Rom hat er sein neuestes Projekt « Aire » aufgeführt, eine Fusion von zeitgenössischer Musik,  improvisiertem Jazz, Tanz, Posie und Visueller Kunst.

Die Musiker kommen langsam auf die Bühne, das Leitmotiv summend, nehmen ihren Platz ein, während auf den Bramante-Tempel Bilder, Fotos und Geschichten projiziiert werden, konform (manchmal) mit den Geschichten der Vorleserin. Eine Reise durch die Welt und das Universum auf der Suche nach dem Leben und der Liebe. Interessant, ein wenig zu lang und ein wenig zu mysthisch die Präsentation, erstklassig die Musiker, vor allem der Saxophonist Marcello Allulli. Isabel Cadenas hat vorgetragen, in sehr verständlichem Spanisch aber auch mit diesem alles verzeihenden Honigkuchenpferdlächeln, das uns zum Schluss ein wenig ermüdete. Der Tempel allerdings, ist schöner ohne bunte Bilder und Phantom-Schneeflocken.

P1170067

Christa Blenk

 

 

 

Martha Graham Dance Company in Kaiser Hadrians Sommerresidenz

Villa Adriana Villa Adriana

Bericht für KULTURA EXTRA

2011 stand das damals gerade mal fünf Jahre junge Festival Internazionale di Villa Adriana schon wieder vor dem Aus – zum großen Bedauern Aller. Dann taten sich aber die Fondazione Musica per Roma und die Regione Lazio zusammen und eröffneten am 18. Juni 2014 die 6. Ausgabe dieses Festivals. Und: Das auf zeitgenössischen Tanz ausgerichtete Programm kann sich wirklich sehen lassen.

Den gestrigen, vierten Abend also gestaltete die Martha Graham Dance Company, die mit drei Klassikern und einem Stück von Nacho Duato das Publikum in den Ruinen der großen Therme der Hadrian Villa bei Tivoli begeisterte.

Diversion of Angels“ ist eine Choreografie von Martha Graham aus dem Jahre 1948 und es geht hier um Liebe: um romantische, jugendliche und reife Liebe. Ein fast schwereloses malerisch-pittoreskes Stück zu einer Musik von Norman Dello Joio. Drei Paare stellen verschieden Epochen im Leben einer Frau dar (das rote Paar steht für Ekstase, das Weiße für reife, gewachsene Liebe und das gelbe Paar für Flirt und Teenager-Verliebtheit). Ein Bild von Wassily Kandinsky hat sie dazu inspiriert und die rote Frau (Mariya Dashina Maddux) die knisternd über die Bühne wirbelt und ihr kurzes Stolpern so elegant meisterte, dass man es fast nicht bemerkte, tanzt direkt aus dem Gemälde heraus!

Kurzer Umbau für „Errand into the Maze“. Graham hat diesen Pas de Deux 1947 zu einer Musik von Gian Carlo Menotti entwickelt. Hier – wie auch beim ersten Stück – zeichnete Isamu Noguchi für die Originalfassung in der Martha Graham mit Mark Ryder tanzte. Ihr Interesse für griechische Mythologie hat sie hier wieder mal ausgelebt. Es ist die Geschichte von Theseus und dem Minotaurus. Theseus und Ariadne sind eine (weibliche) Person. Sie tanzt sich leicht, hänselnd und sich vortastend in das Labyrinth, und gewinnt nach langem Hin und Her den Kampf gegen das böse Mensch-Stier-Geschöpf, der auf geniale Weise mit nur einem Stock zwischen den über dem Kopf gekreuzten Armen an Picassos Minotauren erinnert. Geniale Choreografie und Blakeley White-McGuire und Ben Schultz waren fantastisch und unschlagbar.

 Als letztes Stück vor der Pause präsentierte die Company eine ganz frische Choreografie vom derzeitigen Leiter des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato. Er hat es für die Graham Company entwickelt und vor drei Monaten wurde es in New Tork uraufgeführt. Wir sind erst das dritte Publikum, das dieses Werk zu Sehen bekommt, sagt uns die künstlerische Leiterin ganz zu Anfang der Vorstellung. Sie verrät auch, dass Duato für „Depak Ine“ von Darwins Evolutionstheorie angeregt wurde. Die Musik, genauso mystheriös und gespensterhaft wie die Choreografie, ist von Arenije Jovanovic und John Talabot. Ein rituelles, primordiales Erlebnis, furchterregendes und Funken sprühendes schnelles Stück, das unsere ganze Aufmerksamkeit erforderte, um nichts zu verpassen. Halbunkel, ein wahrscheinlich totes, sehr junges Mädchen liegt dekorativ am Rande der Bühne, bekleidet nur mit einem fleischfarbenen Body. Nacheinander kommen die Mitglieder diverser Stämme oder Gemeinschaften auf die Bühne und versuchen miteinander zurecht zu kommen. Irgendwann sieht man dann wie sich diese Arme, Beine, Rücken zu einem Knäuel fusionieren und die tot Geglaubte langsam ins Leben zurückholen. Stille, die Musik verändert sich, Vögel singen. Sie wird von drei Männern hin- und hergeschoben oder geworfen bis sie böse und agressiv. Zum Schluss nimmt sie wieder ihren Platz als Tote am Boden ein. Die erste Szene wird dann wiederholt, aber diesmal zieht sich der Guru eine Mütze über den Kopf und verschwindet in der Dunkelheit.

 Beeindruckend, kraftvoll, schön und eine perfekte Vorbereitung für das „Frühlingsopfer“, bei dem sich ein Mädchen zu Tode tanzen soll, um den Frühling hervorzulocken. PeiJu Chien-Pott ist sagenhaft; aber auch die anderen Tänzer dieser bunten Truppe wie Tadej Brdnik, Natasha Diamond-Walker, Abdiel Jacobson, Lorenzo Pagano, Ben Schultz, Ying Xin und Blakeley White McGuire – ich konnte sie leider nicht identifizieren – waren umwerfend, wie sie sich knochenlos und kraftvoll miteinander verbanden.

Nach der Pause also dann Igor Strawinskys Skandalwerk „Le Sacre du Printemps“. Martha Graham hat es 1984 aus einem Frühwerk von 1930 entwickelt, als sie sicherlich schon die Skandalaufführung aus Paris kannte. Hier hat natürlich Pina Bausch die Latte sehr hoch gehängt mit ihrer in den 70er Jahren entstandenen und eigentlich nicht zu übertreffenden Choreografie. Diese hier, ein wenig schwerfälligere, hat zeitweise eher an die Diaghilev Inszenierung erinnert. Der Einzug der Mädchen und der Jünglinge ist überrumpelnd, hämmernd und genial, die Auswahl des Opfers trifft bei Graham nur ein Hohepriester (Ben Schultz) und sie geht schnell von statten (bei Pina Bausch ist das eine der wichtigsten Szenen, da man bis zum Schluss in Atem gehalten wird, wer wohl das Opfer werden wird). Nach ein paar kleinen Längen und ein wenig hoffnungsloser Unsicherheit, wohin denn das Opfer nun tanzen soll, kam aber das Rituelle und das Pagane mit voller Kraft wieder zurück. PeiJu Chien-Pott, die auch schon das tote Mädchen beim Nacho Duato Stück tanzte, hat uns sehr beeindruckt.

Faszinierend und aufregend, eine so ganz andere Version vom Frühlingsopfer zu erleben.

 Viele Déjà-vu-Erlebnisse gab es an diesem Abend und man erkannte immer wieder die Bewegungsabläufe und Körperformationen, die Martha Graham ihren unzähligen Schülern, die auch fast alle Weltrang erlangten, wie Merce Cunningham,z.B., mitgegeben hat. Alles, was der moderne und zeitgenössische Tanz heutzutage noch zu bieten hat, hat Graham irgendwann schon mal gebracht oder wenigstens angeregt. Interessant auch die Programmauswahl, zwischen diesen doch zum Teil älteren Choreografien (immerhin sind zwei davon fast 70 Jahre alt) eine so Aktuelle zu sehen. Sie bewegten sich manchmal weit voneinander weg, gehörten aber trotzdem zusammen – und die Frische in den Graham-Stücken hat durch die Konfrontation mit der aktuellen genialen Choreografie von Nacho Duato nicht gelitten, im Gegenteil!

 Dance is the hidden language of the Soul (Tanz ist die verborgene Sprache der Seele) – das sagte Martha Graham 1985; da war sie 90 Jahre alt und leitete immer noch die von ihr Ende der 20er Jahre gegründete Martha Graham Dance Company. Fünf Jahre später, im Alter von 96, ist sie an einer Lungenentzündung verstorben als sie gerade über ein Projekt für die Barcelona-Olympiade reflexierte.

 Spät für eine Tänzerin, erst mit 18 Jahren, hat die 1894 in Pennsylvania geborene Tochter eines Psychiaters zu Tanzen angefangen. Mit 75 Jahren gab sie ihre letzte Vorstellung. Vom Time Magazine wurde sie zur Künstlerin des Jahrhunderts erkoren. Martha Graham spielte in der gleichen Liga wie die anderen Pioniere des 20. Jahrhundert: Picasso, Strawinski oder James Joyce.

 Die Ikone, Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin Graham ging 1926 von Los Angelos, wo sie ihre Ausbildung absolvierte, nach Manhattan zurück und gründete die Martha Graham School of Contemporary Dance. Sie hat das Ballet vom Krinolinen-Korsett befreit und in den trotz „Prohibition“ vergnügungssüchtigen und vom Charleston und Foxtrott tanzenden „Roaring Twenties“ den Modern Dance erfunden. Mit ihren revolutionären und innovativen Choreografien hat sie ihr Publikum ziemlich oft überfordert. Die künstlerische Leiterin Janet Eilber sagte einmal, dass es Martha Graham genügte, wenn nur eine Person im Publik ihre Choreografie verstand. Bei Martha Graham flossen Malerei und Literatur genauso in ihre Arbeit ein wie monotheistische und pagane Kulte, indianische Erzählungen und griechische Mythologie. Die Bewegungsabläufe wecheln von kernig-bodenständigen zu dyamisch-rythmischen Bewegungen. Ihre Kreationen sind kraftvoll, einfühlsam oder gefühlsbetont, ruckartig, unerwartet, aufgebracht und rasend, angriffslustig und manchmal auch unschön, wie griechisches Theater. Graham war fasziniert von der griechischen Tragödie und der Mythologie. Immer wieder griff sie auf die alten Griechen zurück: Wie Errand of the Maze, Klytemnestra 1958, was für sie den endgültigen Durchbruch brachte oder Phaedra 1962, ihr Beitrag zur sexuellen Revolution (es wurde sogar vom Kongress beinahe verboten). Eine Landschaft des Herzens (ihre Worte) wollte sie zeichnen. Die Musik zu ihren Stücken hat sie sich m meisten von ihren Zeitgenossen geholt, aber zuweilen auch von Händel oder Bartok.

Als sie Ende der 20er Jahre dann ihre Dance Campany gründete, waren erstmals nur Frauen dabei. Erst 1938 kam ein Mann, Erick Hawkins, in ihre Company. Ihn hat sie später auch geheiratet aber nach ein paar Jahren haben sich die beiden wieder getrennt. Knapp 200 Stücke hat diese politische Tanzpädagogin ausgearbeitet und aufgeführt und wurde dafür mit vielen Preisen ausgezeichnet. Aber nicht nur Balletttänzer zog es zu ihr: Madonna, Woody Allen und Gregory Peck z.B. liessen sich ebenfalls in ihren Schule ausbilden und lernten, wie man sich zu bewegen hat.

Die künstlerische Leiterin Janet Eilber hat die Regie über die Kompanie nach Grahams Tod übernommen und auch mit Vorsicht das Repertoire erneuert ohne Verrat an Martha Graham Geist und Philosophie zu begehen. Sie trainiert die Fortgeschrittenen und hält Sommerkurse über die Graham Technik, kurz: Die Verbindung von Körperlichkeit und Emotionalität, von Spannung und Entspannung. Sie war ein vollkommenes Theatergeschöpf. Es war ihr völlig bewusst, welchen Einfluss und welche Auswirkungen sie auf andere hatte. Das Einzigartige an ihr war, dass sie an der Körpersprache Gefühle und Gedanken ablesen konnte. Deshalb konnte sie jeden sehr leicht manipulieren. Martha Graham begriff den Tanz als pulsierenden Rhythmus des Lebens. Den natürlichen Atemfluss nutzte sie als Energie für ihre Choreografien (Eibars Worte).

Die Sommerresidenz von Kaiser Hadrian liegt kurz vor Tivoli, ca. 30 km von Rom entfernt. Er hat sie vor ca. 2000 Jahren erbauen lassen. Eine beeindruckende Anlage mit Bibliotheken, Thermen, Theatern und kleinen Seen, die auch einen Besuch lohnt, wenn es kein Festival gibt. An der Organisation krankt es wie immer ein wenig. Die Aufführung fing erst 45 Minuten später als geplant an, also kurz vor 22.00 Uhr, das hatte zur Folge, dass man den ca. 15 minütigen etwas matschigen Rückweg durch die Ruinen und alten Olivenhaine gegen Mitternacht nur unter den Sternen zurücklegen musste, weil die Kerzen durch die enorme Verspätung schon abgebrannt waren. Aber immerhin kam nach einem regnerischen Tag zwei Stunden vor Beginn der Aufführung die Sonne raus und wir saßen im Trockenen. Schade für alle Tanzfreunde, die das verpasst haben.

Als nächstes Highlight gibt es dann das Nederlands Dans Theater und Carolyn Carlson.

 Christa Blenk

VillaAdriana - klaus und Luis 010

 

Swing Symphony

Auditorium 001 Auditorium Parco della Musica

Das letzte Konzert der Saison im Auditorium Parco della Musica fand gestern Abend (17.6.2014) im großen Saal Santa Cecilia statt. Wayne Marshall dirigierte die Swing Symphomie von Wyton Marsalis. Was für ein Erlebnis!

Der geniale Trompeter Wyton Marsalis, er gilt als einer der besten der Welt, hat diese Jazz-Swing-Blue-Classic-Kreation 2010 geschaffen. 1961 ist er in eine New Orleaner Jazz-Familie hineingeboren worden. Mit 12 Jahren begann er das Trompetenspiel und studierte später an der Juillirad School of Musik in New York. Ab 1980 gehörte er zu den Art Blakey’s Jazz Messengers. Seit 1982 tritt Marsalis als Solist auf und unterrichtet am New Yorker Lincoln Center, dort ist er auch der Muscal Director der Jazz-Abteilung.

Als Musiker und Komponist steht der Jazz-Pulitzerpreis Preisträger eher auf der konservativen Seite und lehnt ziemlich kategorisch stilistische Jazz Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, darunter auch Free Jazz ab. Seine Vorbilder sind Bernstein, Gershwin und Ellington und genauso hört sich die Symphonie auch an.

Zwei Orchester spielen auf der Bühne – insgesamt sicher an die 90 Musiker – die Jazzer sind ganz in Schwarz gekleidet während die Symphoniker mit weißem Hemd und Fliege da sitzen. 5 fantastische Perkussionisten sind über 50 Minuten lang stark gefragt. Links und rechts Geiger und in der Mitte viel Blech.

Mit dem anderen Experten für Gershwin,Bernstein und Ellington war die Wahl des englischen Dirigenten und Komponisten Wayne Marshal eine gute. Er wird übrigens ab Herbst 2014 der neue Chefdirigent des Kölner WDR Rundfunkorchesters. Sichtlich zufrieden mit den Römern stand er gestern Abend am Pult und legte sogar seine vornehme britischen Steife ein wenig ab.

Kentridge 015Marsalis Symphonie ist ein Jazz-Blues-Klassik–Rausch und eine Hommage an alle Jazzkompositionen des 20. Jahrhunderts. Hier hat er die Musikenzyklopädie abgearbeitet und von allem ein wenig in den Topf geworfen. Von „An American in Paris“ über einen kurz angedeuteten Wiener Walzer zu Pink Panther direkt ins Kino zu Annie Hall und Woody Allen. Die Buschtrommel wird dann gleich abgelöst durch einen New Orleans Trauermarsch, die dann direkt Einzug in ein amerikanisches Ballhaus der 40er Jahre halten, wo die Militär-Sonntagskapelle aufspielt und Frauen mit langen Kleidern und Glitter zu Slow und Swing über das Parkett schweben, abgelöst von Charleston Elementen und ganz kurzen melancholischen Blue Notes bis dann Fred Astaire und Ginger Rogers über die Bühne steppen und von I am in the army now abgelöst werden. Klarinette, Flöte, Trompete und Percussion übertrumpfen sich gegenseitig und die Geigen versuchen, Ihren Platz zu behalten. Als einzige Konzession an die Musik des 21. Jahrhunderts hat er hauchzart und fast schüchtern ein paar Klarinetten und Kontrabasseinlagen – leicht orientalisiert – zugelassen. Mehr Potpourri geht nicht.

Die Symphonie ist nicht wirklich genial und einfach doch eher 60 als 4 Jahre alt aber höchst amüsant und unterhaltsam. Das Publikum hat ziemlich begeistert applaudiert.

Der Chor von Santa Cecilia war wie immer ziemlich gut, so war das Orchester. Fabrizio Bosso an der Trompete bekam sehr viel Beifall.

Vor der Pause wurden die nicht so bekannten „Sacred Concerts“ von Duke Ellington aufgeführt. Hier hat man leider mit der Sängerin einen Fehlgriff getan. Petra Magoni hat sich zwar ganz gut durchgemogelt, aber halt gemogelt! Die hohen Töne hat sie nur falsch erwischt, was durch die starke Mikro-Verstärkung erst recht zur Geltung kam. Aber wir sind ja schließlich wegen der Swing Symphonie gekommen.

Christa Blenk

PS die RAI hat das Konzert übrigens aufgezeichnet!

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Warhol in Rom

Ausstellungsbericht auf KULTURA EXTRA

 

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Fotos: Christa Blenk

noch bis zum 28. September Andy Warhol im Palazzo Cipolla Rom

Don’t worry, there is nothing about art you can’t understand“!

Als Andy Warhol auf die Frage eines Atelier-Besuchers „May I shoot your painting“? mit „Sure“ antwortete, dachte er sicher nicht an eine Schusswaffe sondern an einen Fotoapparat. Der Besucher zielte daraufhin genau in die Mitte von Light Blue Marilyn. Warhol besserte kurzerhand Marilyn’s Stirn aus und setzte ein Shot vor den Titel. So entstand Shot Light Blue Marilyn. Das war 1964 und Warhol war am Beginn einer wunderbaren und außergewöhnlichen Karriere. Der junge Kunstsammler Peter Brant kaufte es 1967 für (nur!) 5000 US Dollar. Ein kleiner weißer Fleck auf der Stirn zeugt noch von diesem kleinen Unfall und die blaue angeschossene Marilyn wurde eines der Schlüsselwerke in der Peter Brant Sammlung, die seit Mitte April hier in Rom zu sehen ist.

Ende der 40er Jahre, knapp 21jährig, beschloss der kränkelnde und verzärtelte, unsichere und menschenscheue Sohn tschechischer Auswanderer Andy Warhol (1928?- 1978) von seiner Geburtsstadt Pittsburgh nach New York zu gehen. Anfangs verdiente er sich seinen Unterhalt als Schaufensterdekorateur und Grafiker, ging dann zu einer Werbeagentur und arbeitete anschließend als Journalist bei diversen Zeitungen (u.a. Vogue, Harper’s Bazar). Er suhlte sich geradezu in den Schlagzeilen der Yellow Press über die beautiful people. Über zehn Jahre sammelte er Zeitungsausschnitte und schlich sich schließlich ins Herz der Amerikaner mit Arbeiten über deren Lieblingsfigur: dem unbestechlichen, mutigen, sauberen und engagierten Polizisten Dick Tracy.

Warhol lernte die Arbeiten von Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Marcel Duchamps kennen und ließ sich vom Neo Dadaismus inspirieren. Er sprach von sich selber als Artist Machine, die nicht erfinde sondern reproduziere. Als ihm ein Freund 1960 riet, das zu malen war er am liebsten möge, entstanden Campbell Soup, Brillo, Corn Flakes, Coca Cola und der US Dollar. Er vermarktete individuell bekannte Stars oder Politiker wie Monroe, Mao, Nixon. Seine Auseinandersetzung mit dem American Way of Life hieß: Geld und Ruhm. Geld war sein Deus ex macchina auf den man aufpassen musste – Warhol war geizig und notierte jeden Cent den er ausgab. Es entstanden seine ersten Siebdrucke oder ready mades.

« Pop art is a way of loving things », sagte Andy Warhol. Er machte Amerika amerikanischer und kritisierte es indirekt. War er Kommunist oder war er eher unpolitisch? Er hat sich die Frage sicher selber nie gestellt. Seine Themenserien stellen eine Konsumgesellschaft dar, aus der er sich nicht ausschloss. Ein obsessiver Workaholic, der zwischen Panik vor Schmerzen, Krankheit und Tod hin- und hergerissen wurde. Das Attentat 1968, ausgeführt von der Feministin Valeria Solanas, verstärkte seine Paranoia nur noch mehr. Man sagt, dass er an einer Überdosis Schmerzmittel gestorben sei, nachdem er im Anschluss an eine Operation – wieder aus Angst vor Schmerzen – eigenständig die Dosis erhöhte. Da war er gerade mal 60 Jahre alt. Kohärent, denn jemand wie er konnte nicht einfach an Altersschwäche im Bett sterben.

 

Außer der Factory Arbeit betätigte er sich auch als Filmemacher, gründete die Velvet Underground und schrieb Theaterstücke. Und ob man ihn nun mag oder nicht, beim Coca Cola trinken denken wir an ihn und wenn wir im Supermarkt an den Campbell Suppendosen vorbeigehen wird uns klar, wie sehr seine Kunst in unserem Leben verinnerlicht ist.

In der Ausstellung hängen Mao, Nixon, Elvis, Marylin Monroe, Liz Taylor, Dracula ganz demokratisch nebeneinander. Beeindruckend auch seine sehr interessanten Frühwerke: Eistüten und Ballschuhe direkt aus der Werbung, von zögerndem Talent zeugende Zeichnungen, unzählige Autoportraits, die large flowers im Gedenken an seine Mutter. Warhol machte das Alltägliche zum Außergewöhnlichen und gestand jedem Ding seine Schönheit zu. Die Factory lief auf Hochtouren und fertigte Siebdrucke für den Konsum. „Be a somebody with a body“. Er kokettierte mit seiner Hässlichkeit, das kommt vor allem an den ganz privaten Polaroids zur Geltung, die bis jetzt in Europa noch nie gezeigt wurden. Auf einigen dieser “selfies” zeigt er sich als Travestie.

Der Eigentümer dieser außergewöhnlichen Sammlung, Peter Brant, und der italienische Kunstkritiker Francesco Bonani, haben diese außergewöhnliche Ausstellung, die noch bis 28. September 2014 im Palazzo Cipolla zu sehen sein wird, kuratiert.

Christa Blenk

 

http://www.romeguide.it/mostre/warholpalazzocipolla/warhol.html

 

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Paola Romoli Venturi – Portrait

visioni isola a metropoliz#2 2013 Fotomontage von Paola Romoli Venturi

Portrait auf KULTURA EXTRA #Paola Romoli Venturi – Pacific Trash Vortex

Im Frühjahr 2013 wurde vor einer südspanischen Küste ein toter Pottwal aufgefunden. In seinem Magen hat man 59 verschiedene Plastikarten, Blumentöpfe, Kleiderbügel, eine 30 Quadratmeter große Plastikfolie etc. gefunden. Insgesamt betrug sein Mageninhalt 17 Kilo Kunststoff und Müll. Zuerst erlitt der Wal einen Magenriss und dann ist er verhungert.

Mittel im Pazifik entsteht seit ein paar Jahrzehnten ein weiterer „Kontinent“ aus Plastik. Er ist ungefähr so groß wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien zusammen. 2009 wurde er von einem französischen Forscher eher durch Zufall entdeckt. Meeresströmungen bilden einen gigantischen Wirben und halten den Müllplaneten fest. Millionen Tonnen zum Teil sogar verseuchter Müll treiben in den großen Strudeln der Weltmeere und schädigen vor allem die Säugetiere wie Wale und Delphine, denn diese nehmen die Zivilisationsgaben anstatt Futter auf und verenden meist elendig. An manchen Stellen beträgt die Müllschicht bis zu 30 m Müll übereinander. Kleinere Versionen von Müllbergen gibt es auch im Atlantik. So kommt einiges von dem Plastik wieder in Form von Nahrung zu uns zurück!

Great Pacific Garbage Patch (Großer Pazifikmüllfleck) heißt dieses Phänomen im Nordpazifik und der Chemiker Tony Andrady vom US Research Triangel Institute bemerkte schon vor Jahren dass jedes Stück Plastik, was in den letzten 50 Jahren in den Ozeanen verschwand dort immer noch irgendwo rumschwimmt: “Every little piece of plastic manufactured in the past 50 years that made it into the ocean is still out there somewhere. »

Paola Romoli Venturi hat diese angsteinflössenden Plastikplanetenmonster zu einem zentralen Thema ihres neuesten künstlerischen Ausdruckes gemacht. Pacific Trash Vortex heißt ihr Projekt, an dem sie seit über einem Jahr arbeitet. Romoli klagt an und drückt damit ihre eigene Instabilität und Angst über das Fortbestehen der Welt und der Meere aus.

Die ehemalige Kostümbildnerin, die Stoffe und Garne liebt und die früher Fernsehstars in Kleider nähte, verstaut seit über einem Jahr das sich bei ihr zuhause angesammelte Plastik und steckt es in die von ihr geschneiderten Walmägen aus tüllartigem Tarlatan. Die letzte Präsentation fand im Biopark in Rom statt. Übergroße Walmägen installiert sie virtuell an wichtigen Plätzen auf der ganzen Welt.

Ihre anklagenden Arbeiten laden zum Leiden ein und rufen Alpträume hervor. Sie sind delikat und vulnerabel wie eine Haut und dabei widerstandsfähig und transparent, wirken fast schwerelos und trotzdem dynamisch. Der dünne, durchsichtige, sehr feste und saugfähige Tarlatan-Stoff (eine Mischung aus Seide, Mohair und Baumwolle) eignet sich dafür bestens. Der Betrachter kann die Labels auf den Flaschen lesen und nichts bleibt verborgen. Ihre ihre plastik-gefüllten Walfischmägen sind weiß und makellos, wie durch salziges Meerwasser reingewaschen liegen sie auf den ersten Blick fast freundlich unterm Eiffelturm oder am Canale Grande. Erst beim näheren Hinsehen verstehen wir den Inhalt (und die Botschaft). Ihre ausstellungsbegleitenden Vorträge tun dann den Rest.

Paola Romoli Venturi ist in den letzten Jahren immer mehr zur Aktivistin geworden. 2010 präsentierte sie in der Pasinger Fabrik in München ihr Projekt Das Urteil. Mit Installationen, Bildern und Videos thematisierte sie einen spektakulären Mafia-Prozess, der durch das 2009 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit dem Geschwister-Scholl Preis ausgezeichnete Buch „Gomorra“ von Roberto Saviano ausgelöst wurde.

Ein anderes immer wiederkehrendes Projekt sind ihre ebenfalls aus Tarlatan gefertigten « Instant Art » Installationen in Suspension. In Amelia hat sie dem Germanicus (das ist eine wichtige und bekannte römische Skulptur) eine hoffnungslose junge schwarze Witwe zur Seite gehängt. Inspiriert zu dieser Arbeit wurde sie 2008 durch die Lektüre eines Artikels über eine junge Frau, die im Krieg weit weg von Italien ihren Mann verloren hat. Der Germaninus, sagt sie, war einer der « Witwenmacher » in der italienischen Geschichte.

Sie hat uns zu einem ausgiebigen Aperitif in ihr Atelier eingeladen – ein Abendessen kann sie nicht organisieren, da sich auf dem großen Tisch ehemalige und zukünftige Projekte tummeln. Aus allen Ecken kommen die Kunstwerke auf einen zu: ein mit Stoff überzogener Stuhl der wie ein McIntosh aus einer anderen Zeit aussieht, ein blauer durchsichtiger Globus (die anderen aus der Serie sind schön in Kartons verpackt in einem Depot), Teil einer Theaterdekoration bei der noch ein aufgeklebter Stöckelschuh zu sehen ist, Zeichnungen und Projekte überall. Nur die schönen Fotos an den Wänden sind von ihrem Mann Marco.

Ich musste bei Betrachtung dieser Arbeiten an eine Theateraufführung von 2012 hier in Rom denken. Lemi Ponifasio nannte seine Performance „Bird with skymirrors“ . Ponifasio kam auf die Idee, als er im Jahre 2010 auf dem Tarawa Atoll eine besonders seltene Vogelart beobachtete, die so etwas ähnliches wir flüssige Spiegel in ihren Schnäbeln transportierten. In Wirklichkeit handelte es sich aber um Abfälle von Videokassetten, die die Vögel aus der größten Abfallstraße der Welt, dem Pazifischen Ozean gefischt haben. Die Bänder wickelten sich zum Teil um ihren Hals und die Vögel verendeten.

Der Mensch ist noch nie behutsam mit der Natur und mit seinem Umfeld umgegangen, er betrachtet sie als etwas Gegebenes. Sie ist einfach für uns da – ohne Gegenpreis. Paul Claudel, der französische Diplomat und Schriftsteller und Bruder von Camille Claudel hat schon vor über 100 Jahren gesagt, dass wir unsere Welt, bevor wir sie verändern wollen, erstmals nicht zugrunde richten sollen.

Wie also dieser 7. (Plastikabfall)Kontinent weggeschaft oder verschwinden soll, weiß im Moment niemand. Es wäre schon ein Erfolg, wenn er wenigstens nicht größer werden würde.

Christa Blenk

 

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Vernetzung

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Wo ist mein NetzanschlussUrgestein und Technik VernetzungDie neuesten Arbeiten von Christa Linossi drehen sich um das Thema « Vernetzung ». Die für sie so typische Hin- und Hergerissenheit zwischen Gestern und Morgen, zwischen Technik und Natur, drängt sich uns auch hier wieder auf.

Christa Linossi nimmt ihr Umfeld des  21. Jahrhundert in den Berg mit, dort lässt sie den frischen Wind ihre Gedanken klären und mit diesen originellen und interessanten Arbeiten, die dann Namen wie « Urgestein und Technik », « Stein – Augen » oder « Wo ist mein Netzanschluss » haben in der Tasche oder im Kopf, kommt sie wieder runter.

Stein - AugenStein Augen Landschaft

Die Fotoarbeiten stammen sind im Juni 2014 entstanden.

Christa 3 Christa Linossi zwischen Gestern und Morgen

#Mehr über diese österreische Künsterlin

Christa Blenk

 

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